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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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24. Von hier zog man wieder vor Sora; und die neuen Consuln, Marcus Pötelius und Cajus Sulpicius, übernahmen vom Dictator Fabius das Heer, dem sie zum Ersatze für die große Menge entlassener alter Soldaten neue Cohorten zuführten. Da sich indeß wegen der unzugänglichen Lage der Stadt kein sichres Mittel ausfindig machen ließ, sie mit Sturm anzugreifen, und der Sieg entweder viele Zeit kosten mußte, oder als Wagstück mißlich war, so schlich sich ein Soraner als Überläufer heimlich aus der Stadt an die Römischen Wachen, verlangte, sogleich vor die Consuln gebracht zu werden, und als er vorgeführt war, versprach er, ihnen die Stadt zu überliefern. Als er ihnen auf die Frage, wie er dies leisten wolle, Auskunft gab, und seine Angaben Grund zu haben schienen, so vermochte er sie, das Römische Lager, welches beinahe an die Mauern stieß, sechstausend Schritte von der Stadt zurückzuziehen, weil dann die Posten bei Tage sowohl, als die Nachtwachen in ihrem Eifer, die Stadt zu hüten, nachlassen würden. Er selbst nahm in der folgenden Nacht, nachdem sich auf sein Verlangen einige Cohorten nahe vor der Stadt in einer Waldung versteckt hatten, zehn auserlesene Soldaten mit und führte sie über steile und fast unersteigliche Stellen in die Burg, wo er einen größeren Vorrath von Geschossen, als für diese Anzahl erforderlich war, zusammengeschaffet hatte. Außerdem gab es hier Steine, die theils ohne Zuthun, wie gewöhnlich auf rauhem Boden, dalagen, theils von den Einwohnern zur Verteidigung des Orts absichtlich zusammengetragen waren. Als er den Römern diesen Stand gegeben hatte, zeigte er ihnen den schmalen und steilen Pfad, der von der Stadt zur Burg herauf sich erhob, und sprach: «Hier heranzusteigen, würde einer noch so großen Menge gegen nur drei Bewaffnete zur Unmöglichkeit. Eurer sind zehn an der 273 Zahl, und was noch mehr sagen will, ihr seid Römer, und gerade unter den Römern die tapfersten, und der Ort ist auf eurer Seite; und die Nacht wird es sein, weil sie Erschrockenen in ihrer Ungewißheit Alles noch größer darstellt. Jetzt will ich die Stadt mit Schrecken erfüllen; seid ihr nur in Behauptung der Burg auf eurer Hut.» Er lief von dort hinab, und schrie, so lärmend er konnte, einmal über das andre: «Zu den Waffen! Hülfe, Hülfe, Bürger! die Feinde haben die Burg erobert! lauft! rettet!» Mit diesem Rufe stürzte er in die Hausthüren der Vornehmen; ihn wiederholte er allen ihm Begegnenden, auch denen, die voll Angst auf die Straße herausliefen. Den von dem Einen ihnen mitgetheilten Schrecken verbreiteten mehrere durch die Stadt. Voll Bestürzung schickten die Obrigkeiten Späher zur Burg hinauf, und auf den Bericht, daß die Burg mit Wehr und Waffen besetzt sei, deren Anzahl vervielfältigt wurde, gaben sie die Hoffnung, sie wieder zu erobern, auf. Alles war mit Flüchtenden erfüllt, und von Halbschlafenden und größtentheils Unbewaffneten wurden die Thore erbrochen, durch deren eines der auf ihr Geschrei herangeeilte Römische Posten eindrang, und die in Angst auf der Gasse sich Sammelnden niederhieb. Schon war Sora erobert, als die Consuln mit Tagesanbruch dazukamen, und die übrigen Einwohner, die dem nächtlichen Gemetzel entronnen oder nicht geflüchtet waren, sich ihnen ergaben. Von diesen ließen sie zweihundert und fünfundzwanzig, denen nach einstimmiger Aussage die Schuld des schändlich an den Pflanzern verübten Mordes und des Abfalls beigemessen wurde, gebunden nach Rom führen. Die übrige Menge ließen sie, ohne ihr Leides zu thun, nach eingelegter Besatzung, in Sora zurück. Alle nach Rom Abgeführten wurden auf dem Markte mit Ruthen gepeitscht und mit dem Beile enthauptet, zur großen Freude des Volks, weil ihm am meisten daran gelegen sein mußte, daß seine hier- und dorthin zahlreich auf Pflanzungen Ausgesandten allenthalben sicher wären.

25. Die Consuln, die von Sora aufbrachen, wandten 274 den Krieg nun gegen das Land der Ausonen und deren Städte. Denn die Ankunft der Samniten hatte damals, als das Treffen bei Lautulä vorfiel, alles in Bewegung gesetzt; es waren hie und da in Campanien Verschwörungen gemacht, und selbst Capua blieb nicht ohne Beschuldigung; ja man kam bei der Untersuchung sogar bis nach Bora und an einige der Vornehmsten. Übrigens wurde das Volk der Ausonen durch seine, wie Sora, verrathenen Städte bezwungen. Es kamen nämlich aus den Städten Ausona, Minturnä und Vescia, die vornehmsten jungen Männer, zwölf an der Zahl, die sich zum Verrathe ihrer Städte verschworen hatten, zu den Consuln, und zeigten an: «Ihre Mitbürger, die schon längst die Ankunft der Samniten gewünscht hätten, hätten auf die Nachricht von dem Gefechte bei Lautulä die Römer für besiegt gehalten und den Samniten Truppen und Waffen geliefert. Nach Vertreibung der Samniten von dort, lebten sie in einem ungewissen Frieden, und verschlössen zwar den Römern ihre Thore nicht, um den Krieg nicht herbeizuziehen, waren aber des festen Vorsatzes, sie ihnen zu verschließen, falls sie mit einem Heere anrücken sollten. Bei diesen schwankenden Maßregeln könne man, ehe sie sich dessen versähen, sich ihrer bemächtigen.» Auf ihre Vorstellungen rückte man mit dem Lager näher, und schickte nach allen drei Städten zu gleicher Zeit Soldaten, theils mit Waffen, um in der Nähe der Mauern sich heimlich in einen Hinterhalt zu legen, theils in Bürgerkleidern, mit Schwertern unter den Röcken, um sich mit Tagesanbruch in die geöffneten Thore zu schleichen. Diese fingen damit an, die Wachen niederzuhauen, und gaben zugleich den Bewaffneten ein Zeichen, aus dem Hinterhalte hervorzubrechen. So wurden die Thore besetzt und die drei Städte zu gleicher Zeit und nach Einem Plane gewonnen. Weil aber bei dem Angriffe die Feldherren nicht zugegen waren, so war des Mordens kein Ende; und das Volk der Ausonen, des Abfalls kaum völlig überwiesen, wurde nicht anders vertilgt, als hätte es in diesem Kriege Leben oder Tod gegolten.

275 26. Auch bemächtigten sich in diesem Jahre Luceria's, das seine Römische Besatzung dem Feinde verrieth, die Samniten. Doch blieben die Verräther nicht lange ungestraft. Nicht weit davon stand das Römische Heer, welches die in der Ebene gelegene Stadt im ersten Sturme eroberte. Luceriner und Samniten wurden bis zur Vertilgung niedergehauen, und die Erbitterung ging so weit, daß auch in Rom, als beim Senate wegen einer in Luceria anzulegenden Pflanzung angefragt wurde, Viele dafür stimmten, die Stadt zu zerstören. Außer ihrem tödlichen Hasse gegen eine Stadt, die sie zweimal hatten erobern müssen, mußten sie es wegen ihrer Entlegenheit gefährlich finden, ihre Bürger so weit von der Heimat unter so feindselige Völker zu verweisen. Dennoch behielt die Meinung, Anbauer hinzuschicken, die Oberhand. Zweitausend fünfhundert wurden hingeschickt.

Auch entspannen sich, bei der allgemeinen Treulosigkeit gegen die Römer in diesem Jahre, zu Capua geheime Verschwörungen der Großen. Als es hierüber beim Senate zum Antrage kam, ließ er diesen Gegenstand keinesweges außer Acht. Er verordnete Untersuchungen, und beschloß einen Dictator zu ernennen, der den Gang der Untersuchungen leiten sollte. Man ernannte dazu den Cajus Mänius, und dieser den Marcus Foslius zum Magister Equitum. Die Dictatur stand in einem furchtbaren Rufe. War es also Folge der Furcht vor dieser, oder eines bösen Gewissens? genug, die gewesenen Häupter der Verschwörung, die beiden Calavier, mit Vornamen Ovius und Novius, entzog dem Gerichte, ehe sie noch bei dem Dictator namhaft gemacht waren, der Tod, den sie gewiß sich selbst gegeben hatten. Als es darauf der Untersuchung zu Capua an Stoff fehlte, ging sie auf Rom über, weil man der Sache die Auslegung gab, der Senat habe nicht namentlich gegen die zu Capua Untersuchungen befohlen, sondern überhaupt gegen Alle, wo sie sein möchten, die dem State zum Nachtheile sich zusammengethan oder verschworen hätten; und die Vereinigungen, welche die Gelangung zu Ämtern zum Zwecke hätten, seien doch dem 276 State nachtheilig: und so wurde die Untersuchung in Betreff des Vorwurfs sowohl, als der Personen, weit umfassender, da der Dictator selbst nicht in Abrede war, daß er das Recht zu einer unbeschränkten Untersuchung habe. Nun wurden Männer von Range vorgefordert, und wandten sie sich an die Tribunen, so war ihnen von diesen nicht Einer dazu behülflich, die Eintragung ihrer Namen in das Verzeichniß der Angeklagten zu verhindern. Da versicherten die Adlichen, und nicht bloß die, gegen welche die Beschuldigung gerichtet war, sondern alle, «den Adel treffe diese Beschuldigung nicht, da ihm der Weg zu Ehrenstellen, wenn ihm nicht Ränke denselben sperrten, immer offen stehe, sondern die Emporkömmlinge: folglich würden der Dictator und der Magister Equitum selbst mit dieser Beschuldigung eher in Anspruch zu nehmen, als dazu taugliche Richter sein, und diese Wahrheit an sich selbst erfahren, sobald sie ihre Ämter niedergelegt hätten.»

Und da nun trat Mänius, dem sein guter Name wichtiger war, als sein Amt, vor der Versammlung auf und sprach: «Theils ist euch Allen, ihr Quiriten, mein bisheriger Wandel nicht unbekannt, theils ist selbst dies mir angetragene Ehrenamt meiner Unschuld Zeuge. Denn dasmal verlangten die Umstände des States nicht wie so oft, denjenigen zum Dictator, der den größesten Kriegsruhm besaß, sondern, um diese Untersuchung zu leiten, den, der sich in seinem Wandel von diesem Rottengeiste in der weitesten Ferne gehalten hatte. Weil aber einige von Adel – aus Gründen, die ich lieber eurem Ermessen anheimgebe, um nicht hier als Obrigkeit etwas Unerwiesenes zu behaupten – zuerst alle ihre Kräfte aufboten, die ganze Untersuchung umzuwerfen; dann, als sie dazu zu ohnmächtig waren, um sich nur nicht der Verantwortung zu stellen, lieber in die Bollwerke ihrer Gegner, in den erfleheten Schutz und Beistand der Tribunen flüchteten; und endlich, auch hier abgewiesen – so sehr hielten sie jedes andre Mittel für sicherer, als den Erweis ihrer Unschuld – gegen uns herangestürmt sind und sich 277 nicht entblödet haben, als Unbeamtete einen Dictator zu belangen: so entsage ich hiemit, um alle Götter und Menschen zu Zeugen zu haben, daß jene, um nur von ihrem Betragen nicht Rechenschaft zu geben, sich auch an Dinge wagen, die ihnen unerreichbar sind, und daß ich hingegen ihrer Beschuldigung entgegentrete, und mich meinen Feinden als Beklagter stelle, meiner Dictatur. Euch, ihr Consuln, ersuche ich, sobald euch dies Geschäft vom Senate übergeben sein wird, die Untersuchung zuerst mit mir und diesem Marcus Foslius anzustellen, um daraus hervorgehen zu lassen, daß wir durch unsre Unschuld, nicht durch die Hoheit unsres Amts, gegen diese, elenden Verläumdungen gesichert sind.»

Darauf legte er seine Dictatur nieder, und sogleich auch Foslius seine Stelle als Magister Equitum: sie waren die ersten die vor den Consuln – denn diesen wurde die Sache nun vom Senate übertragen – als Beklagte erschienen, und wurden, gegen die Zeugnisse von Adlichen, sehr ehrenvoll freigesprochen. Auch Publilius Philo, der so oft die höchsten Stellen bekleidet, so oft im Frieden und Kriege sich ausgezeichnet hatte, dem aber der Adel nicht wohl wollte, mußte sich verantworten und wurde freigesprochen. Die Untersuchung blieb, wie gewöhnlich, nur so lange sie neu war, gegen die Beklagten von großem Namen in Kraft: dann sank sie zu geringeren Personen herab, bis sie endlich den Übeln, denen sie hatte steuren sollen, Verbindungen und Parteien, erlag.

27. Das Gerücht von diesen Auftritten, noch mehr aber der gehoffte Abfall der Campaner, der das Ziel der Verschwörung war, rief die Samniten, die sich nach Apulien gewandt hatten, wieder nach Caudium zurück, um von hier aus nahe genug zu sein, sobald ihnen ein Aufstand die Gelegenheit eröffnete, den Römern Capua entreißen zu können. Mit einem starken Heere zogen die Consuln hieher. Und anfangs ging man in der Gegend der Forstpässe, weil beide Theile nur mit Gefahr an den Feind gelangen konnten, nur zögernd zu Werke: dann aber zogen die Samniten ihr Heer durch offene Stellen auf einem 278 kurzen Umwege in die Ebene herab, in die Campanischen Gefilde, und hier wurde zuerst ein feindliches Lager dem andern sichtbar: darauf versuchte man sich auf beiden Seiten in leichten Gefechten, mehr mit Reuterei, als Fußvolk, und die Römer hatten keine Ursache, mit dem Erfolge derselben so wenig, als mit dem langsamen Gange des Krieges unzufrieden zu sein. Die Samnitischen Feldherren hingegen waren der Meinung, daß ihre Macht durch die täglichen kleinen Verluste geschmälert werde, und bei dem Aufschube des Treffens erschlaffe. Folglich traten sie zur Schlacht auf, so daß sie die Reuterei auf die Flügel vertheilten und ihr den Befehl gaben, mit größerer Aufmerksamkeit auf das Lager, daß dort kein Einbruch geschehe, als auf die Schlacht, nur dazustehen; dadurch werde auch die Linie des Fußvolks gedeckt sein. Die Consuln nahmen ihren Platz, Sulpicius auf dem rechten, Pötelius auf dem linken Flügel. Der rechte, welchem gegenüber sich auch die Samniten, entweder um den Feind zu umgehen, oder um selbst nicht umgangen zu werden, in dünne Reihen gestellt hatten, stand in einer gedehnten Ausbreitung. Die Stärke des linken gewann, außerdem daß er gedrängter stand, noch durch den schnellen Entschluß des Consuls Pötelius, der die Cohorten des Rückhaltes, deren volle Kraft auf die Ereignisse eines längeren Kampfs gespart bleiben sollte, sogleich in die erste Linie treten ließ und mit seiner ganzen Macht die Feinde beim ersten Angriffe zum Weichen brachte. Als die Linie des Samnitischen Fußvolks zurückgedrängt war, trat ihre Reuterei in den Kampf, Als sie in die Quer zwischen beiden Linien eindrang, jagte die Römische Reuterei auf sie ein, und warf die Reihen und Glieder des Fußvolks und der Reuterei zusammen, bis sie endlich die ganze Linie auf dieser Seite in die Flucht schlug. Auf diesem Flügel war nicht allein Pötelius als Ermunterer zugegen gewesen, sondern auch Sulpicius, der, auf das vom linken Flügel zuerst erhobene Geschrei, von den Seinigen, die noch nicht mit dem Feinde handgemein wurden, hieher geritten war. Als er hier den Sieg entschieden sah und mit zwölfhundert 279 Mann seinem Flügel wieder zueilte, fand er dort Alles ganz anders: die Römer aus ihrem Stande gedrängt, den siegreichen Feind in die Geschlagenen eindringend. Allein die Ankunft des Consuls änderte Alles auf einmal. Denn theils fand sich bei den Soldaten durch den Anblick ihres Feldherrn der Muth wieder ein, theils brachten die ankommenden Tapfern eine stärkere Hülfe mit, als ihre Zahl versprach; theils stellte der Sieg des andern Flügels, von dem sie hörten, und gleich darauf auch Augenzeugen waren, das Treffen wieder her. Nun siegten die Römer auf der ganzen Linie, und die Samniten, die den Kampf aufgaben, wurden niedergehauen und gefangen genommen, außer die sich nach der Stadt Maleventum retteten, welche jetzt den Namen Beneventum führt. Den Meldungen zufolge wurden an dreißigtausend Samniten getödtet oder gefangen.

28. Nach diesem erfochtenen herrlichen Siege führten die Consuln ihre Legionen sogleich von da zur Belagerung von Bovianum, und hatten hier ihr Winterlager, bis der von den neuen Consuln, Lucius Papirius Cursor – er war es zum fünften- – und Cajus Junius Bubulcus – er war es zum zweitenmale – zum Dictator ernannte Cajus Pötelius mit seinem Magister Equitum Marcus Foslius das Heer übernahm. Auf die Nachricht von der Eroberung der Fregellanischen Burg durch die Samniten gab er Bovianum auf und zog nach Fregellä, welches er wegen der nächtlichen Entweichung der Samniten ohne Kampf gewann, eine starke Besatzung hineinlegte und von hier nach Campanien zurückging, hauptsächlich um Nola wieder zu erobern. Hier hatten sich gegen die Ankunft des Dictators theils die sämtlichen Samniten, theils die Nolanischen Landleute in die Mauern geworfen. Nachdem der Dictator die Lage der Stadt in Augenschein genommen hatte, ließ er, um einen offnern Zugang an die Werke zu haben, alle Häuser um die Stadtmauern her – und man hatte sich hier häufig angebaut – in Brand stecken; und bald darauf wurde, entweder vom Dictator Pötelius, oder vom Consul Cajus Junius – denn beide Angaben finden 280 sich – Nola erobert. Die die Ehre der Eroberung Nola's dem Consul zuwenden, fügen hinzu, er habe auch Atina und Calatia erobert, Pötelius aber sei bei ausgebrochener Pest zur Einschlagung eines Nagels zum Dictator ernannt, Auch wurden in diesem Jahre nach Suessa und Pontiä Pflanzungen ausgeführt. Suessa hatte den Aurunkern gehört; Pontiä hatten die Volsker bewohnt, weil diese Insel im Angesichte ihrer Küste lag. Ferner wurde der Senatsschluß ausgefertigt, daß nach Interamna und Casinum Pflanzungen ausgeführt werden sollten: allein erst die folgenden Consuln Marcus Valerius und Publius Decius ernannten dazu die Dreimänner und ließen viertausend Anbauer hingehen,

29. Den Samnitischen Krieg hatte man beinahe ausgefochten, da erhob sich, ehe noch die Römischen Väter dieser Sorge sich entledigen konnten, der Ruf von einem Hetruskischen. Und es gab in jenem Zeitalter kein Volk, vor dessen Waffen man sich, nächst den Einbrüchen der Gallier, mehr gefürchtet hätte, außer seiner Nähe auch wegen seines Überflusses an Menschen. Da also der eine Consul die Überbleibsel des Kriegs in Samnium verfolgte, ernannte Publius Decius, der wegen einer schweren Krankheit in Rom geblieben war, auf Befehl des Senats einen Dictator, den Cajus Sulpicius Longus, der den Cajus Junius Bubulcus zu seinem Magister Equitum ernannteSigonius, Pighius, Drakenborch und Crevier lesen den Fastis Capitolinis zufolge: dictatorem C. Sulpicium Longum, qui magistrum equitum C. Iunium Bubulcum dixit. Und so habe ich übersetzt. Der Irrthum der Abschreiber erklärt sich hier leicht. Aus dem einen Namen gingen sie zum andern über.. Er nahm, wie es die Wichtigkeit der Sache verlangte, alle Dienstfähigen in Eid, setzte Waffen und alles übrige Erforderliche mit größter Thätigkeit in Bereitschaft, und ohne sich durch seine großen Vorkehrungen zu einem angreifenden Kriege hinaufstimmen zu lassen, war er fest entschlossen, sich ruhig zu verhalten, wenn nicht die Hetrusker zuerst den Angriff thäten. Eben diesen Plan befolgten aber auch die Hetrusker sowohl in ihrer Rüstung 281 zum Kriege, als in seiner Verzögerung. Beide Theile gingen nicht über ihre Gränze.

In dieses Jahr fällt auch die ausgezeichnete Censur des Appius Claudius und Cajus Plautius: doch hat Appius seinen Namen der Nachwelt mit größerem Glücke dadurch empfohlen, daß er den Weg pflasterte und eine Wasserleitung in die Stadt führte, und diese Werke allein vollendete; denn sein Amtsgenoß hatte vor Beschämung über die verrufene und verhaßte Musterung des SenatsWorin diese bestanden habe, übergeht Livius hier, außerdem, daß es seinen Lesern bekannt war, vermuthlich deswegen, weil er selbst in der letzten Hälfte des 46sten Cap. dieses Buchs davon mehr zu sagen hat. sein Amt niedergelegt. Appius, der die seinem Stamme schon von alten Zeiten her eigene Festigkeit ausübte, behielt die Censur allein. Eben dieser Appius war Schuld daran, daß die Potitier, jenes Geschlecht, in welchem das Priesterthum am Großen Altare des Hercules erblich war, Sklaven, welche der Stat hielt, in den Geschäften dieses Gottesdienstes, um deren Verrichtung ihnen übertragen zu können, unterrichteten. Und hier wird erzählt, was freilich wunderbar klingt, und es zur Gewissenssache machen könnte, die festgesetzte Einrichtung gottesdienstlicher Angelegenheiten zu stören, von zwölf damals lebenden Familien der Potitier, unter denen dreißig Erwachsene waren, wären die sämtlichen Mitglieder innerhalb einem Jahre mit ihren Kindern ausgestorben, und nicht bloß der Name der Potitier sei erloschen, sondern auch der Censor Appius habe, weil ihm dies die Götter gedachten, nach einer Reihe von Jahren das Gesicht verloren.

30. Die Consuln also, die auf dieses Jahr folgten, Cajus Junius Bubulcus zum dritten- und Quintus Ämilius Barbula zum zweitenmale, führten gleich mit dem Anfange des Jahrs bei dem Volke darüber Klage, daß durch die unstatthafte Musterung des Senats dieser Stand entehrt sei, insofern sie Manchen ausgestoßen habe, der ein weit würdigeres Mitglied sei, als die Aufgenommenen; sie erklärten, sie würden sich nach dieser Musterung, die ohne Rücksicht auf Recht und Unrecht nur mit 282 Parteilichkeit und Willkür ausgeübt sei, keinesweges richten, und lasen den Senat sogleich nach jener Reihe ab, die vor der Censur des Appius Claudius und Cajus Plautius gültig gewesen war. In diesem Jahre wurden auch zum erstenmale zwei Oberstellen vom Volke vergeben, welche beide in das Kriegsfach gehörten; nämlich einmal sollten immer sechszehn Stellen der Kriegsobersten für die vier Legionen vom Volke besetzt werden, welche vorher, bis auf wenige der Wahl des Volks überlassene Plätze, meistens von der Begünstigung der Dictatoren oder Consuln abhingen. Diesen Vorschlag brachten die Bürgertribunen Lucius Atilius und Cajus Marcius zur Gültigkeit. Zum Andern, das Volk sollte ebenfalls beim Seewesen Zweiherren zur Ausrüstung und Ausbesserung der Flotte ansetzen. Dieser Volksschluß war das Werk des Bürgertribuns Marcus Decius.

Einen andern geringfügigen Vorfall dieses Jahrs würde ich übergehen, wenn ich nicht glaubte, daß er auf die gottesdienstlichen Angelegenheiten Bezug habe. Weil die vorigen Censorn den Flötenspielern untersagt hatten, ihr Mahl nach altem Herkommen im Tempel Jupiters zu halten, so gingen diese aus Verdruß in einem ganzen Zuge nach Tibur, so daß niemand in der Stadt war, der bei den Opfern blies. Den Senat beschäftigte dies als Gewissenssache, und er schickte Gesandte nach Tibur, mit der Bitte, es so einzuleiten, daß diese Leute wieder nach Rom geliefert würden. Die Tiburtiner sagten dies willig zu, forderten sie zuerst vor den Rath und ermahnten sie, nach Rom zurückzugehen: als die Vorstellungen umsonst waren, brauchten sie eine List, die von der Neigung dieser Leute hergenommen war. An einem Festtage luden sie unter dem Vorwande, das Mahl durch Gesang zu feiern, der eine diesen, der andre den, und ließen sie bei vollem Genusse des Weins, den Leute dieser Art meistens lieben, einschlafen, warfen sie so, vom Schlafe gefesselt, auf Wagen und fuhren sie nach Rom; auch merkten diese nichts, bis ihnen, da man die Wagen auf dem Markte hatte stehen lassen, bei vollem Rausche der Tag in die Augen schien. 283 Nun lief das Volk zusammen, und weil sie einwilligten, hier zu bleiben, wurde ihnen vergönnt, jährlich drei Tage lang in ihrem Schmucke unter Flötenspiel mit der jetzt zur Feier gehörigen Ausgelassenheit durch die Stadt umherzuziehen, und denen, die bei den Opfern vorblasen mußten, wurde das Recht wieder eingeräumt, ihr Mahl im Tempel zu halten. So beschäftigte man sich unter den Zurüstungen zu zwei so wichtigen Kriegen.

31. Die Consuln theilten sich in die Kriegsgegenden. Dem Junius beschied das Los die Samniten, dem Ämilius Hetrurien, als neuen Schauplatz. In Samnium hatte sich das von den Römern besetzte Cluvia, dessen Eroberung keinem Sturme gelang, nach erfolgter Einschließung den Samniten aus Hunger ergeben, und sie hatten die Besatzung nach der Übergabe auf eine scheusliche Art unter zerfleischenden Prügeln gemordet. Junius, der, über diese Grausamkeit erbittert, einen Sturm auf Cluvia sein erstes Werk sein ließ, nahm es an eben dem Tage, an welchem er die Mauern stürmend angriff, ein, und machte alle Erwachsenen nieder. Von hier wurde das siegreiche Heer vor Bovianum geführt. Dies war die überaus reiche und mit Waffen und Mannschaft überflüssig versehene Hauptstadt der Pentrischen Samniten. Hier, wo die Erbitterung nicht so groß war, wurden die Soldaten durch die Hoffnung der Beute gereizt, und eroberten die Stadt. Man verfuhr also auch nicht so hart gegen den Feind: an Beute aber führte man beinahe mehr aus, als aus ganz Samnium, und freigebig überließ man sie alle den Soldaten.

Weil nun dem durch seine Waffen übermächtigen Römer keine Heere, kein Lager, keine Festung widerstehen konnten, so legten es die sämtlichen Häupter Samniums recht eigentlich darauf an, einen Hinterhalt auszumitteln, in welchem man das feindliche Heer, wenn es sich eine ausgebreitete Plünderung erlaubte, überfallen und umzingeln könnte. Einige Überläufer vom Lande und Gefangene, welche den Römern theils durch Zufall, theils absichtlich aufstießen, gaben durch ihre übereinstimmende und nicht ungegründete Aussage vor dem Consul, daß eine 284 große Menge Vieh in einen unwegsamen Forst zusammengetrieben sei, die Veranlassung, die Legionen ohne Heergeräth zu dieser Beute hinzuführen. Ein starkes hier verstecktes feindliches Heer hatte die Wege besetzt, und sobald es die Römer in dem Forste einherziehen sah, brach es plötzlich mit Geschrei und Getöse hervor, und griff die Überraschten an. Diese erhielt der neue Auftritt so lange in Bestürzung, als sie sich waffneten und ihr Gepäck in die Mitte zusammenwarfen: dann aber, als sie sich von allen Seiten, so wie sich jeder seiner Last entledigt und zum Gefechte in Stand gesetzt hatte, zu den Fahnen sammelten und die Linie, durch alte Übung im Dienste an Reih und Glied gewöhnt, ohne Feldherrngebot sich von selbst aufpflanzte, sprengte der Consul zur mißlichsten Stelle des Kampfes hin, sprang vom Pferde, und betheuerte unter Anrufung des Jupiter, des Mars und anderer Götter: «Nicht die Aussicht auf eignen Ruhm, sondern auf Beute für die Soldaten, habe ihn hieher gezogen; man könne ihm weiter nichts vorwerfen, als einen zu großen Eifer, seine Soldaten in Feindes Lande reich zu machen: und von dieser Beschämung könne nichts in der Welt, als die Tapferkeit der Soldaten, ihn retten. Sie möchten nur Alle mit Einem Muthe zum Angriffe gegen einen Feind sich erheben, den sie geschlagen, aus seinen Lagern gejagt, von Festungen entblößt hätten; der seine letzte Hoffnung in den Tücken eines Hinterhalts versuche, und auf Ort, nicht auf Waffen, sich verlasse. Welcher Ort aber jetzt der Römischen Tapferkeit unüberwindlich sei?» Dann erinnerte er sie an die Burg zu Fregellä, an die zu Sora, und an alle die Stellen, wo der Kampf, dem Boden zum Trotze, gelungen war.

Der Soldat, hiedurch angefeuert, achtete keiner Schwierigkeit, und ging auf die herabdrohende feindliche Linie ein. So lange der Zug zur Anhöhe gerade hin anstieg, gab es einige Arbeit: allein sobald die ersten Fahnen die obere Fläche gewannen, und es der Linie merklich wurde, daß sie auf ebenem Boden fußte, ging der Schrecken sogleich zu den Auflauerern über; und zerstreut 285 und ohne Waffen suchten sie auf ihrer Flucht dieselben Schlupfwinkel wieder, wo sie sich vorher versteckt hatten: allein die beschwerliche Gegend, die sie für den Feind ausgesucht hatten, verwickelte sie in ihre eigne Falle. Sehr begreiflich fanden nur Wenige einen Ausweg offen; an die zwanzigtausend Menschen wurden niedergehauen, und die siegreichen Römer zerstreuten sich zum Raube der ihnen vom Feinde selbst vorgetriebenen Heerden.

32. Während dieser Vorfälle in Samnium hatten schon die sämtlichen Völkerschaften Hetruriens, die Arretiner ausgenommen, zu den Waffen gegriffen, und mit der Belagerung Sutrium's, einer Römischen Bundesstadt, die gleichsam der Schlüssel zu Hetrurien war, den großen Krieg eröffnet. Hier fand sich der eine Consul Ämilius mit seinem Heere ein, die Einschließung der Bundesgenossen zu hintertreiben. Den ankommenden Römern führten die Sutriner in ihr vor der Stadt aufgeschlagenes Lager reichliche Vorräthe zu. Die Hetrusker ließen den ersten Tag unter Beratschlagungen verstreichen, ob sie sich im Kriege beeilen oder zögern sollten. Und da sich ihre Feldherren lieber für den schleunigen, als für den sichern Gang erklärten, wurde. am folgenden Tage mit Sonnenaufgang das Zeichen zur Schlacht aufgesteckt, und sie traten bewaffnet in Linie. Auf die Anzeige davon ließ der Consul sogleich die Losung umgehen, die Soldaten sollten ihr Mittagsbrot essen und vom Genusse neugestärkt die Waffen ergreifen. Sein Befehl ward befolgt. Als sie der Consul gerüstet und fertig sah, ließ er ausrücken und stellte seine Schlachtordnung nicht weit vom Feinde. Eine ziemliche Zeit standen sie von beiden Seiten gespannt und in der Erwartung, daß das Geschrei und Gefecht von Seiten der Gegner sich erheben würde; und die Sonne neigte sich schon um Mittag, ehe ein Pfeil von hier oder von dort abgeschossen war. Um nicht unverrichteter Sache abzuziehen, erhoben die Hetrusker das Geschrei; die Trompeten ertönten und der Angriff erfolgte. Eben so bereitwillig gingen die Römer in die Schlacht und man traf erbittert auf einander; der Feind überlegen an Zahl, die Römer an 286 Tapferkeit. Ohne Entscheidung raffte das Treffen viele Leute weg, und immer die Tapfersten, und nicht eher neigte sich das Gefecht, bis die zweite Linie der Römer in die Vorderreihen, mit ungeschwächter Kraft ihren Ermüdeten nachrückte. Die Hetrusker, deren erste Linie von keinen frischen Truppen unterstützt war, fielen alle vor und neben ihren Fahnen. Es würde in keiner Schlacht weniger geflohen und mehr gemordet sein, hätte nicht die zum Tode entschlossenen Tusker die Nacht umhüllt, so daß die Sieger eher zu fechten aufhörten, als die Besiegten. Erst nach Sonnenuntergang wurde das Zeichen zum Abzuge gegeben, und in der Nacht kehrten beide Theile in ihr Lager zurück. Auch fiel nachher in diesem Jahre nichts Merkwürdiges bei Sutrium vor: denn theils war im feindlichen Heere die ganze erste Linie in der einzigen Schlacht aufgerieben, und nur das Hintertreffen noch übrig, das kaum zur Deckung des Lagers hinreichte, theils gab es auf der Römer Seite so viele Wunden, daß nach dem Treffen mehr Verwundete starben, als in der Linie gefallen waren.

33. Quintus Fabius, der Consul des folgenden Jahres, überkam die Führung des Krieges bei Sutrium. Der dem Fabius gegebene Amtsgenoß war Cajus Marcius Rutilus. Freilich führte Fabius von Rom Ergänzungstruppen hin, allein auch zu den Hetruskern stieß ein neues aus ihrer Heimat aufgebotenes Heer.

Seit einer Reihe von Jahren hatte es zwischen den patricischen Obrigkeiten und den Tribunen keine Streitigkeiten gegeben, als sich aus der Familie, welche zu Zwisten mit den Tribunen und dem Bürgerstande gleichsam geborenIch folge der von Gronov vorgeschlagenen und von Drakenborch durch weitere Nachweisungen (zu IV. 13, 11.) gebilligten Lesart: quae velut nata litibus cum tribunis ac plebe erat. Stroth will fatalis litibus cum trib. lesen. Dann muß das ganze Wort litibus eingeschaltet werden; da man hingegen bei Gronovs Vorschlage, wie mich dünkt, die Entstehung der Silbe lis (in dem fälschlich statt nata gelesenen fata) aus lib9 sich eher erklären kann. schien, ein Streit erhob. Der Censor Appius Claudius ließ sich, als die achtzehn Monate verflossen 287 waren, auf welche kraft des Ämilischen Gesetzes die Dauer der Censur begränzt war, obgleich sein Amtsgenoß Cajus Plautius, sein Amt niedergelegt hatte, durch kein Mittel dazu vermögen, vom Amte abzugehen. Der Volkstribun Publius Sempronius war es, der die gerichtliche Klage, die Censur in die gesetzmäßigen Zeitgränzen einzuschränken, übernommen hatte, die nicht sowohl auf Volksgunst, als auf Gerechtigkeit abzweckte, und dem großen Haufen nicht angenehmer sein konnte, als jedem besseren Manne. Nach wiederholter Anführung des Ämilischen Gesetzes, und vielen, dem Urheber desselben, dem Dictator Mamercus Ämilius deshalb ertheilten Lobsprüchen, weil er die ehemals fünfjährige und durch diese Dauer zur gebietenden Macht gewordene Censur auf das Maß von anderthalb Jahren eingeschränkt habe, rief er aus: «So sage doch einmal, Appius Claudius, was du gethan haben würdest, wenn du damals Censor gewesen wärest, als Cajus Furius und Marcus Geganius es waren.»Appius antwortete: «Die Frage des Tribuns habe auf seine Sache nur eine entfernte Beziehung. Denn habe gleich das Ämilische Gesetz jene Censoren gebunden, in deren Amte es gegeben sei, weil es vom Gesamtvolke nach der Wahl jener Censoren angenommen sei, und jedesmal das in Rechtskraft trete und gültig werde, was zuletzt die Zustimmung des Volks erhalten habe; so könne doch weder er, noch irgend jemand, den man nach der Annahme dieses Gesetzes zum Censor gewählt habe, an dies Gesetz gebunden sein.»

34. Als Appius, ohne den geringsten Beifall zu erhalten, diese Spitzfindigkeiten vorbrachte, fuhr jener fort: «Da seht ihr, Quiriten, den ächten Nachkömmling jenes Appius, der, auf Ein Jahr zum Decemvir gewählt, im zweiten Jahre sich selbst wählte, im dritten ohne alle, sowohl eigne, als fremde Wahl, als ein Unbeamteter die Ruthenbündel und die Regierung beibehielt, und die fortgesetzte Führung eines obrigkeitlichen Amtes nicht eher aufgab, bis seine eben so unrechtmäßig beibehaltenen, als schlecht erworbenen und schlecht geübten 288 Machthabereien über ihm zusammenschlugen. Dies ist eben die Familie, ihr Quiriten, durch deren Gewalttätigkeiten und Ungerechtigkeiten ihr gezwungen wurdet, euch als Flüchtlinge eurer Vaterstadt auf den heiligen Berg zu ziehen; dieselbe, gegen die ihr das schützende Tribunat vor euch hinstelltet; dieselbe, um welcher willen ihr in zwei Heeren den Aventinus besetztet: sie bestritt jedesmal die gegen den Wucher, die für die Landvertheilungen gethanen Vorschläge; sie zerriß das Heirathsband zwischen Adlichen und Bürgerlichen; sie sperrte dem Bürgerstande den Weg zu den hohen Stellen: sie macht ein Haus, das eurer Freiheit viel aufsätziger ist, als das Tarquinische. So sollte also nach deiner Meinung, Appius Claudius, da es doch in den hundert Jahren seit der Dictatur des Mamercus Ämilius so viele Censorn gab, die alle angesehene und tüchtige Männer waren, keiner von Allen die zwölf Tafeln gelesen haben? keiner gewußt haben, daß nur das rechtskräftig sei, was zuletzt die Zustimmung des Volkes erhielt? Wahrhaftig sie wußten das Alle, und eben deswegen richteten sie sich vielmehr nach dem Ämilischen Gesetze, als nach jenem älteren, wodurch die Wahl der ersten Censorn geboten war; weil das neue vom Volke zuletzt genehmigt war, und weil jedesmal, wo es zwei einander widersprechende Gesetze giebt, das neue das alte schweigen heißt. Oder willst du so viel sagen, Appius, das Volk sei nicht an das Ämilische Gesetz gebunden? oder, das Volk sei freilich gebunden; nur du seiest gesetzlos? Band doch das Ämilische Gesetz jene gewaltthätigen Censorn, Cajus Furius und Marcus Geganius, die den Beweis gaben, wie viel Unheil dieses Amt im State stiften könne, da sie aus Rache für die Beschränkung ihres Amts den Mamercus Ämilius, den ersten Mann seines Zeitalters im Kriege und Frieden, zum Steuersassen machten. Es band alle folgenden Censoren in dem Zeitraume von hundert Jahren. Noch jetzt bindet es deinen Amtsgenossen, den Cajus Plautius, der doch mit denselben Feierlichkeiten, mit denselben Rechten gewählt ist, als du. Oder hat ihn 289 etwa das Volk nicht zu einem Censor gewählt, der alle zur Censur gehörigen Rechte haben sollte; und findet bei dir allein die Ausnahme statt, daß diese Formel bei dir eine vorzügliche und besondre Bedeutung haben soll? Soll der, den man zum Opferkönige wählt, sich an den königlichen Namen halten, und behaupten, er sei durch diese Wahl zum Könige Roms mit allen dazu gehörigen Rechten gewählt? Was meinst du, würde noch wohl jemand mit einer halbjährigen Dictatur, mit einer Zwischenregierung von fünf Tagen sich begnügen lassen? dürfte man es wagen, jemand zur Einschlagung eines Nagels, zur Eröffnung der Festspiele zum Dictator zu ernennen? Als was für einfältige und schläfrige Köpfe müssen euch nicht jene Männer erscheinen, die nach Aufstellung der größten Thaten innerhalb zwanzig Tagen die Dictatur niederlegten, oder, weil bei ihrer Wahl ein Fehler vorgefallen war, vom Amte abgingen? Wozu soll ich die alten Beispiele wieder hervorrufen? Legte doch neulich erst, vor noch nicht zehn Jahren, der Dictator Cajus Mänius, weil ihm bei den Untersuchungen, die er für die Sicherheit einiger Mächtigen mit zu großer Strenge ausübte, von seinen Feinden die Theilnahme an dem Verbrechen Schuld gegeben wurde, das er gerade selbst zu untersuchen hatte, seine Dictatur nieder, um als der Amtlose der Beschuldigung die Stirn zu bieten. Eine solche Bescheidenheit will ich dir keinesweges zumuthen: arte du ja deiner herrschsüchtigen und übermüthigen Familie nicht aus: du sollst nicht um einen Tag, nicht um eine Stunde früher, als nöthig ist, von deinem Amte abgehen; nur die festgesetzte Zeit sollst du nicht überschreiten. – Genügt es ihm etwa, entweder einen Tag, oder einen Monat zu seiner Censur hinzuzuthun? Nein, spricht er, drei und ein halbes Jahr länger, als ich nach dem Ämilischen Gesetze darf, will ich die Censur verwalten, und zwar allein verwalten. Das sieht ja gerade so aus, wie ein Königthum. Oder willst du dir etwa einen nachgewählten Amtsgenossen geben lassen, da man nicht einmal an die Stelle eines Verstorbenen einen nachwählen darf? Nun ja, du bist 290 noch nicht damit zufrieden, die älteste Opferfeier, die einzige, die selbst von dem Gotte gestiftet ward, dem sie gewidmet ist, den edelsten Vorstehern dieses heiligen Geschäfts abgenommen und zu einem Sklavendienste – du, der gewissenhafte Censor – erniedrigt zu haben; ein Geschlecht, dessen Alter über den Ursprung unsrer Stadt hinaufgeht, das uns durch die bei sich bewirtheten Gottheiten ehrwürdig ist, durch dich und deine Censur binnen Jahresfrist von Grund aus vertilgt zu sehen; wenn du nicht auch den ganzen Stat mit einem Frevel belädst, den ich schon der bösen Vorbedeutung wegen nicht zu nennen wage. In denselben fünf Jahren wurde die Stadt erobert, während welcher Lucius Papirius Cursor, um sein Amt nicht niederzulegen, nach dem Absterben seines Amtsgenossen, des Censors Cajus Julius, sich den Marcus Cornelius Maluginensis zum nachgewählten Amtsgenossen geben ließ. Und wie viel bescheidener war seine Amtssucht, als die deinige, Appius? Weder allein, noch über die durch das Gesetz bestimmte Zeit hinaus führte Lucius Papirius seine Censur: und dennoch hat sich niemand gefunden, der nach ihm seinem Beispiele gefolgt wäre. Alle späteren Censoren legten nach dem Tode ihres Amtsgenossen ihre Stelle nieder. Du aber lässest dich weder durch die abgelaufene Zeit der Censur, noch durch die Abdankung deines Amtsgenossen, von keinem Gesetze, keiner Scham, in deine Schranken weisen: in deinen Übermuth, in deine Frechheit und Verachtung aller Götter und Menschen setzest du dein Verdienst. In Rücksicht auf deine erhabene Würde, Appius Claudius, und auf die ihr gebührende Achtung, möchte ich nicht gern Hand an dich legen lassen, ja nicht einmal ein unsanfteres Wort gegen dich ausgestoßen haben: allein dieser dein Starrsinn und Übermuth war es, der mich zwang, die bis jetzt gerügte Klage gegen dich vorzubringen; und wenn du dem Ämilischen Gesetze nicht Folge leistest, werde ich dich ins Gefängniß bringen lassen; und da unsre Vorfahren die Einrichtung getroffen haben, daß sogar der Wahltag, ohne den 291 Einen Censor anzukündigen, auf den Fall ausgesetzt werden muß, wenn nicht beide die gehörige Stimmenzahl haben, so werde ich für meine Person nicht gestatten, daß du, der du doch zum alleinigen Censor nicht gewählt werden kannst, die Censur allein behaltest.»

Nach diesen und ähnlichen Anführungen hieß er den Censor greifen und ins Gefängniß führen. Allein gegen sechs, dem Verfahren ihres Amtsgenossen beistimmende, Tribunen leisteten drei dem ihren Schutz fordernden Appius Beistand, und zur höchsten Misbilligung aller Stände setzte Appius die Censur allein fort.

35. Während dieser Auftritte in Rom wurde Sutrium schon von den Hetruskern belagert, und der Consul Fabius, der am Fuße des Gebirges heranrückte, um den Bundesgenossen Hülfe zu bringen, und, wenn es sich thun ließe, einen Versuch auf die feindlichen Verschanzungen zu machen, stieß auf die schlachtfertige Linie der Feinde. Und da ihn die weite sich hinabstreckende Fläche ihre ansehnliche Menge übersehen ließ, so zog er sich, um seinen wenigen Truppen durch die Stellung zu helfen, etwas seitwärts auf die Hügel – sie waren aber felsicht und wie mit Steinen besäet – und richtete nun seine Linie dem Feinde entgegen. Die Hetrusker, die an nichts, als an ihre Menge dachten, auf die sie sich allein verließen, stürzten mit solcher Hitze zur Schlacht heran, daß sie, um nur so viel eher handgemein zu werden, mit Wegwerfung ihrer Geschosse, im Andringen auf den Feind die Schwerter zogen. Die Römer hingegen überschütteten sie hier mit Pfeilen, dort mit Steinen, womit der Boden selbst sie reichlich bewaffnete. Getroffen auf Schild und Helm blieben auch die, die keine Wunde bekamen, nicht ohne Bestürzung: zum näheren Kampfe hinaufzudringen, war nicht so leicht, und Geschosse zum Gefechte aus der Ferne hatten sie nicht. Dastehend und jedem Schusse ausgesetzt, durch nichts gehörig gedeckt, zum Theile schon sich zurückziehend, wurden sie in ihrer wankenden, unhaltbaren Linie vom ersten und zweiten Gliede der Römer, mit erneuertem Geschrei und gezücktem Schwerte angegriffen. 292 Diesen Andrang hielten die Hetrusker nicht aus: sie wandten sich und stürzten in völliger Flucht ihrem Lager zu. Da aber die Römische Reuterei, die schräg über das Feld ihnen vorsprengte, sich den Fliehenden in den Weg warf, verließen sie die Richtung gegen das Lager und flohen dem Gebirge zu. Dann ging ihr Zug, beinahe waffenlos und übel von Wunden zugerichtet, tiefer in den Ciminischen Wald. Die Römer, die viele tausend Hetrusker erlegt und achtunddreißig Fahnen erbeutet hatten, bemächtigten sich auch des feindlichen Lagers mit einer ansehnlichen Beute. Und nun dachte man auf die Verfolgung des Feindes.

36. Der Ciminische Wald war damals noch unwegsamer und schauerlicher, als neulich Germaniens Gebirgwälder, und bis dahin hatte ihn auch nicht einmal ein Kaufmann betreten. Sich in diesen hineinzuwagen, hatte fast niemand den Muth, den Feldherrn allein ausgenommen: den übrigen Allen war das Andenken an das Unglück bei Caudium noch zu neu. Da erbot sich von den Mitgliedern des Kriegsraths des Consuls Bruder Marcus Fabius – Andre geben ihm den Vornamen Cäso, Einige machen ihn unter dem Namen Cajus Claudius zu einem Bruder des Consuls von Einer Mutter – als Kundschafter hinzugehen, und nächstens von Allem sichern Bericht zu geben. Zu Cäre bei Gastfreunden erzogen, hatte er in den Hetruskischen Wissenschaften Unterricht bekommen und war mit der Hetruskischen Sprache vertraut. Ich finde angegeben, daß man allgemein die Römischen Knaben, wie jetzt im Griechischen, so damals im Hetruskischen, habe unterrichten lassen. Allein es ist wahrscheinlicher, daß dies bei dem Manne, der in Feindes Lande eine so gewagte Rolle zu spielen übernahm, etwas vorzügliches gewesen sei. Er soll Einen Sklaven mitgenommen haben, der zugleich mit ihm erzogen, und eben darum jener Sprache nicht unkundig war. Auch ließen sie sich auf ihrer Reise keine weitere Auskunft geben, als nur im Allgemeinen über die Beschaffenheit der Gegend, die sie bereisen, sollten, und die Namen der Großen unter den 293 Völkerschaften, um sich nicht in Gesprächen durch ihr Stocken bei irgend einem auffallenden Umstande zu verrathen. Sie gingen als Hirten gekleidet, mit ländlichem Geräthe bewaffnet, jeder mit einer Sichel und zwei Gallischen Wurfspießen. Allein weder die Bekanntschaft mit der Sprache, noch ihr Aufzug in Kleidung und Waffen schützte sie so, als die Unglaublichkeit, daß sich ein Ausländer in die Ciminischen Waldungen wagen werde. Sie sollen sich bis zur Stadt Camers in Umbrien durchgeschlichen haben. Hier soll es der Römer gewagt haben, sich kund zu geben; als er darauf vor ihren Senat geführt wurde, im Namen des Consuls auf Bündniß und Freundschaft angetragen haben; dann sehr gastfreundlich aufgenommen und beauftraget sein, den Römern zu melden, daß ihr Heer, wenn es diese Gegend beträte, auf dreißig Tage Lebensmittel in Bereitschaft und die bewaffnete Mannschaft der Camertischen Umbrier ihnen zu Befehl stehen solle.

Auf diese Nachrichten ließ der Consul um die erste Nachtwache das Gepäcke voraufgehen, die Legionen dem Gepäcke folgen, und blieb selbst mit der Reuterei zurück: am folgenden Tage ritt er bei der ersten Frühe vor den außer dem Walde aufgestellten feindlichen Posten auf und ab, zog sich, nachdem er den Feind lange genug beschäftigt hatte, wieder in sein Lager, rückte zu einem andern Thore aus und holte noch vor Nacht seinen Zug wieder ein. Am folgenden Tage stand er mit aller Frühe auf den Höhen des Ciminischen Gebirges. Nach genommener Übersicht auf die fetten Gefilde Hetruriens, schickte er seine Soldaten von dort in das Land herab. Schon hatten sie die Menge Beute weggetrieben, als einige zusammengeraffte Cohorten von Hetruskischen Landleuten, die von den Häuptern jener Gegend in Eile aufgeboten waren, den Römern entgegentraten, allein in so schlechtem Zustande, daß sie, die Rächer der Beute, fast selbst zur Beute wurden. Die Römer hieben sie nieder und verjagten sie, plünderten das Land weit umher und kehrten als Sieger, mit allen Vorräthen reich beladen, in ihr Lager zurück. Eben waren hier fünf Gesandte mit zwei Bürgertribunen 294 eingetroffen, um im Namen des Senats dem Fabius anzudeuten, daß er nicht über das Ciminische Gebirge gehen solle. Voll Freude, daß sie zur Verhinderung des Feldzuges zu spät gekommen waren, kehrten sie als Siegesboten nach Rom zurück.

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