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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 46
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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251 13. Der Consul Publilius, im Begriffe, sich darauf einzulassen, glaubte, seine Soldaten vorher anreden zu müssen, und berief eine Versammlung. War aber der Eifer groß, mit dem sie alle dem Feldherrnplatze zueilten, so konnte man auch vor dem Geschreie der Schlachtfordernden von den Ermunterungen des Feldherrn nichts verstehen. Jeder hatte an dem der Beschimpfung sich erinnernden Muthe den Ermunterer in sich. Also drängten sie beim Ausrücken in die Schlacht die Fahnenträger vor sich her, und um sich nicht beim Angriffe mit dem Abschießen der Wurfpfeile und dann mit dem Ziehen der Schwerter zu verweilen, warfen sie die Wurfpfeile als auf ein gegebenes Zeichen von sich und stürzten mit gezücktem Schwerte im Laufe auf den Feind. An Kunst des Feldherrn in Anordnung der Linien oder des Hintertreffens war hier nicht zu denken: der Grimm der Soldaten that in einem beinahe wüthenden Angriffe Alles. So wurden die Feinde nicht bloß geschlagen, sondern sie wagten es nicht einmal, auf der Flucht sich durch ihr Lager aufhalten zu lassen und eilten in zerstreuten Haufen nach Apulien; doch kamen sie, als sie sich wieder in Einen Zug vereinigt hatten, nach Luceria. Die Römer führte derselbe Grimm, der sie mitten durch die Linie der Feinde geführt hatte, auch in das feindliche Lager. Hier gab es des Bluts und der Leichen noch mehr, als in der Schlacht, und in der Hitze wurde der größte Theil der Beute verderbt.

Das andre Heer mit dem Consul Papirius war an der Seeküste bis Arpi durch lauter Völker gezogen, welche sich, mehr aus Erbitterung über die von den Samniten erlittenen Beleidigungen, als aus Verbindlichkeit gegen das Römische Volk, friedfertig bezeigten. Denn die Samniten, die damals auf Gebirgen in Dörfern wohnten, verheerten die flachen und an der Rüste gelegenen Gegenden, da sie selbst, als ein rohes Bergvolk, die Bewohner, als eine mildere und, wie man es so oft findet, ihrem Boden ähnliche Menschenart verachteten. Wäre diese Gegend den Samniten treu gewesen, so würde entweder das Römische Heer nicht nach Arpi haben vordringen können, oder, da 252 sie zwischen Rom und Arpi lag, hätte sie die Römer, denen sie die Zufuhr abschneiden konnte, durch Mangel an Allem aufreiben lassen. Auch jetzt sogar, als die Römer schon von dort vor Luceria angekommen waren, wurde die Noth für die Belagerer so drückend, als für die Belagerten. Von Arpi wurde zwar den Römern Alles zugeführt, aber so nothdürftig, daß die Reuterei dem mit Postenstehen, Wachen und Schanzarbeit beschäftigten Soldaten das Getreide in Beuteln von Arpi auf ihren Pferden ins Lager brachte, und nicht selten, wenn sie auf Feinde stieß, sich genöthigt sah, das Getreide abzuwerfen und zu fechten. Auch hatten die Samniten, ehe der andre Consul mit seinem siegreichen Heere dazukam, vom Gebirge Vorräthe in die belagerte Stadt geschaffet und Hülfstruppen hineingeschickt. Seit der Ankunft des Publilius aber war sie in weit bedrängterer Lage: denn da er die Einschließung der Sorge seines Amtsgenossen überließ, so hatte er nichts weiter zu thun gehabt, als überall auf dem Lande den Feinden die Zufuhr unsicher zu machen. Weil also keine Hoffnung war, daß die Belagerten den Mangel länger ertragen würden, so sahen sich die Samniten, die bei Luceria ein Lager hatten, gezwungen, von allen Orten ihre Macht zusammenzuziehen und mit dem Papirius zu schlagen.

14. Gerade als sich beide zum Treffen anschickten, kamen Tarentinische Gesandte dazu, und deuteten Samniten und Römern an, den Krieg einzustellen. Wer von beiden Schuld daran sein würde, daß man nicht von den Waffen abträte, gegen den würden sie für den Andern fechten. Als Papirius die Gesandschaft gehört hatte, gab er, als hätte ihre Erklärung Eindruck auf ihn gemacht, zur Antwort, er werde die Sache seinem Amtsgenossen mittheilen; ließ ihn kommen, brachte aber die ganze Zeit mit Zurüstungen zur Schlacht hin, über die er sich mit ihm einverständig besprach, und steckte das Schlachtzeichen auf. Unter diesen Beschäftigungen der Consuln mit dem, was gewöhnlich bei einer bevorstehenden Schlacht in Rücksicht auf Götter und Menschen besorgt wird, liefen 253 die Tarentinischen Gesandten bei ihnen in Erwartung einer Antwort auf und ab. Da sprach Papirius: «Der Hühnerschauer, ihr Tarentiner, meldet uns günstige Anzeichen. Außerdem ist das Opfer gar herrlich ausgefallen. Auf den Ruf der Götter, wie ihr sehet, gehen wir ans Werk.» Er gab Befehl, mit den Fahnen aufzubrechen und rückte mit den Truppen aus, nicht ohne lauten Eifer gegen die Albernheit eines Volks, das, vor innerem Aufruhre und Gezänke seiner selbst nicht mächtig, sich dennoch berufen fühle, bei Andern Krieg und Frieden anzuordnen. Die Samniten, die auf ihrer Seite alle Vorkehrungen zum Gefechte eingestellt hatten, entweder weil sie ernstlich Frieden wünschten, oder weil es ihr Vortheil war, um die Tarentiner zu gewinnen, sich so zu stellen, riefen, als sie auf einmal die Römer zur Schlacht gerüstet erscheinen sahen: «Sie würden sich an den Vorschlag der Tarentiner halten, würden zu keiner Schlacht auftreten und nicht einmal unter den Waffen ausrücken. Als die Betrogenen wollten sie lieber Alles leiden, was das Schicksal über sie verhängen werde, als sich den Schein zuziehen, die Friedensvermittlung der Tarentiner verworfen zu haben.» Die Consuln erwiederten, sie nähmen dies als eine Vorbedeutung an, und wünschten den Feinden den Entschluß, auch ihren Wall nicht zu vertheidigen.»

Nachdem sie die Truppen unter sich getheilt hatten, rückten sie vor die feindlichen Werke, und da in gleichzeitigem Angriffe von allen Seiten ein Theil die Graben verschüttete, ein andrer den Wall niederriß und in die Graben hinabwarf, und nicht bloß alte Tapferkeit, sondern auch Erbitterung den durch die Beschimpfung gekränkten Muth spornte, so brachen die Römer ins Lager hinein, und unter dem Rufe, den Jeder nach seiner Weise äußerte: «Hier ist keine Klause! kein Caudium! kein unwegsamer Wald, wo List der Verirrung übermüthige Siegerinn ward! hier gilt Römische Tapferkeit, die kein Wall, kein Graben aufzuhalten vermag!» hieben sie Alles nieder, die Standhaltenden und die Geschlagenen, Wehrlose und Bewaffnete, Sklaven und Freie, Erwachsene und 254 Unmündige, Menschen und Vieh. Und es würde keine lebende Seele übrig geblieben sein, wenn nicht die Consuln das Zeichen zum Rückzüge gegeben, und die mordgierigen Soldaten durch Befehl und Drohungen aus dem Lager der Feinde hinausgetrieben hätten. Darum wurde auch an die über die Unterbrechung der süßen Rache Unzufriedenen sogleich eine Rede gehalten, worin zu ihrer Belehrung gesagt wurde: «Die Consuln hätten keinem ihrer Krieger an Erbitterung gegen den Feind im mindesten nachgestanden und wollten auch nie einem nachstehen: ja sie würden sich ihnen, wie zur Schlacht, so auch zu unersättlicher Rache, zu Führern gegeben haben, wenn nicht die Rücksicht auf die sechshundert Ritter, die zu Luceria als Geisel festgehalten würden, ihre Wuth bezähmt hätte: damit nicht die Verzweiflung an aller Schonung die Feinde blindlings mit dem Mordstahle über jene herfallen ließe, um wenigstens diese noch, ehe sie selbst bluten müßten, zu erwürgen.» Dies fanden die Soldaten gegründet; sie freuten sich, daß man ihrem Zorne gewehrt habe, und erklärten, man müsse sich Alles gefallen lassen, um nur nicht das Leben so vieler der ersten Römischen Jünglinge aufzuopfern.

15. Nach entlassener Versammlung wurde Kriegsrath darüber gehalten, ob man mit den gesammten Truppen Luceria bedrängen; oder ob der eine Feldherr mit dem zweiten Heere auf die umherwohnenden Apulier, ein Volk von bis dahin sehr zweifelhaften Gesinnungen, einen Versuch machen sollte. Apulien zu durchziehen, brach der Consul Publilius auf, und unterwarf sich in Einem Feldzuge mehrere Völker entweder mit Gewalt, oder nahm sie unter Bedingungen zu Bundesgenossen auf.

Auch den Hoffnungen des Papirius, der als Belagerer Luceria's stehen blieb, entsprach in kurzem der Erfolg. Denn da er alle Wege besetzt hielt, auf welchen die Zufuhr aus Samnium zu kommen pflegte, so ließ die Samnitische Besatzung in Luceria, vom Hunger bezwungen, dem Römischen Consul durch Gesandte antragen, er möchte gegen Zurückgabe der Ritter, um derer willen er vor 255 Luceria stehe, die Belagerung aufheben. Papirius gab ihnen folgende Antwort: «Sie hätten bei dem Pontius, des Herennius Sohne, auf dessen Gutbefinden sie die Römer unter dem Jochgalgen hätten durchgehen lassen, anfragen müssen, was sich Besiegte nach seiner Meinung gefallen lassen müßten. Weil sie indeß ihre billige Strafe lieber von ihren Feinden hatten bestimmen lassen, als sich selbst zuerkennen wollen, so möchten sie nach Luceria hineinsagen: ««Waffen, Gepäck, Lastthiere und Alles, was unbewehrt sei, müßten in den Mauern zurückbleiben; die Soldaten wolle er, jeden nur mit Einem Unterkleide, unter dem Jochgalgen durchziehen lassen, bloß, die angethane Schmach zu rächen; nicht, um sie mit einer neuen zu belegen.»» Nicht Ein Punkt wurde verweigert. Siebentausend Krieger zogen unter dem Jochgalgen durch; man machte in Luceria große Beute, außerdem daß man alle Fahnen und Waffen wiedergewann, die man bei Caudium eingebüßt hatte, und was alle andre Freude überstieg, die Ritter gerettet sah, welche die Samniten als Friedenspfänder nach Luceria in Verwahrung gegeben hatten.

Einen Sieg, den die schnelle Umänderung der Dinge mehr verherrlicht hätte, hat das Römische Volk fast nie erfochten; da auch sogar Pontius, des Herennius Sohn, der Samniten Feldherr, wie ich in einigen Jahrbüchern finde, um für die Schmach der Consuln zu büßen, mit den Übrigen unter dem Jochgalgen durchgehen mußte. Übrigens wundre ich mich nicht so sehr über die hierin obwaltende Ungewißheit, ob sich der feindliche Feldherr habe ergeben und unter dem Jochgalgen durchgehen müssen: weit befremdender ist der Zweifel, ob ein Dictator, Lucius Cornelius, mit seinem Magister Equitum Lucius Papirius Cursor diese Thaten bei Caudium und dann bei Luceria verrichtet, und als der herrliche Rächer eines Römerschimpfs, ich möchte sagen, bis auf diesen Zeitpunkt im gerechtesten Triumphe nach dem Furius Camillus triumphirt habe, oder ob diese Ehre Consuln und insbesondre dem Papirius gebühre. Und hier schließt sich an 256 den einen Zweifel der andre: ob der Papirius, der auf dem nächsten Wahltage mit dem Quintus Aulius Cerretanus gewählt wurde, (dieser erhielt sein zweites Consulat) unser Cursor gewesen sei, so, daß man ihm wegen seines Glücks bei Luceria mit Verlängerung seines Amts das dritte Consulat gegeben; oder ob er Lucius Papirius Mugillanus geheißen habe, und nur in dem Zunamen ein Irrthum liege.

16. Darin ist man eins, daß der weitere Verfolg des Krieges bis zu seiner Beendigung durch die Consuln geleistet wurde. Aulus bezwang die Ferentaner durch ein einziges glückliches Treffen, und selbst ihrer Stadt, in die sich das geschlagene Heer geflüchtet hatte, bewilligte er die Unterwerfung nur gegen geforderte Geisel. Gleiches Glück hatte der andre Consul gegen die Einwohner von Satricum, die, selbst geborne Römer, nach dem Unglücke bei Caudium Samnitische Partei ergriffen und eine Besatzung von ihnen in die Stadt genommen hatten. Denn als das Heer vor Satricum's Mauern gerückt war, und der Consul ihren um Friede flehenden Gesandten die traurige Antwort gab, wenn sie nicht die Samnitische Besatzung entweder niedermachten, oder auslieferten, möchten sie nicht wieder vor ihn kommen; so setzten diese Worte die Pflanzstädter in größeren Schrecken, als der feindliche Angriff selbst. Und da er die Gesandten auf die mehrmals erneuerte Frage: «Wie er glauben könne, daß sie bei ihrer geringen Anzahl und Wehrlosigkeit sich an einer so starken und gerüsteten Besatzung vergreifen dürften?» sich bei denen Raths erholen hieß, auf deren Betrieb sie die Besatzung in die Stadt genommen hätten, so gingen sie ab und kamen zu den Ihrigen mit der kaum noch erhaltenen Erlaubniß zurück, ihren Senat deshalb befragen und dessen Antwort ihm wiederbringen zu dürfen. Zwei Parteien waren in diesem Senate einander entgegen: die eine war die, deren Häupter zum Abfalle vom Römischen Volke gerathen hatten; die andre der treu gebliebenen Bürger. Doch wetteiferten beide, zur Wiederherstellung des Friedens dem Consul einen Dienst zu thun. Die Einen 257 glaubten genug zu thun, wenn sie den Consul, da die Besatzung der Samniten, aus Mangel an Vorkehrungen zu einer auszuhaltenden Belagerung, in der nächsten Nacht abziehen wollte, die Stunde der Nacht, das Thor und den Weg erfahren ließen, auf den sich der Feind hinausmachen würde. Die Andern, die den Übertritt zu den Samniten ungern gesehen hatten, öffneten in dieser Nacht dem Consul sogar ein Thor und ließen heimlich bewaffnete Feinde in die Stadt. So wurde durch zwiefachen Verrath, dort die Besatzung der Samniten, weil man auf beiden Seiten ihres Weges die Waldung besetzt hatte, zusammengehauen; hier in der mit Feinden erfüllten Stadt das Geschrei zum Angriffe erhoben, und in Zeit von Einer Stunde waren die Samniten niedergemacht, die Satricaner Gefangene und Alles in des Consuls Händen. Nach angestellter Untersuchung, wessen Werk der Abfall gewesen sei, ließ er die schuldig befundenen mit Ruthen peitschen und enthaupten, legte eine starke Besatzung in die Stadt und nahm den Satricanern alle Waffen. Und hier lassen nun diejenigen den Papirius Cursor zum Triumphe nach Rom abgehen, welche ihn als den Feldherrn angeben, der Luceria erobert und die Samniten unter den Jochgalgen gebracht habe.

Und in der That war er ein jedes Kriegsruhmes würdiger Mann, ausgezeichnet nicht bloß durch Geisteskraft, sondern auch durch Körperstärke. Er war außerordentlich schnell zu Fuß, wodurch auch sein Zuname passend wardDie gewöhnliche Lesart ist: quae cognomen etiam dedit. Allein Livius hat schon im J. R. 368 und 370. (B. VI. C. 5 und 11.) einen Lucius Papirius mit dem Zunamen Cursor, wahrscheinlich den Großvater unsres Dictators; und Almeloveen hat auch außer diesem Lucius in seinen Fastis im J. 375. einen gleichzeitigen Spurius Papirius Cursor angegeben, folglich hat unserm Cursor seine Schnelligkeit den Zunamen nicht erst geben können, den er wenigstens schon von Vater und Großvater geerbt hatte. Man sehe bei Drakenborch den von ihm und Gebhard mit Recht gemisbilligten Vorschlag des Sigonius, der, um den Livius vom Widerspruche zu retten, lesen wollte: quae cognomen avo iam dedit. Denn daraus, daß der Großvater den Zunamen schon hatte, folgt noch nicht, daß er dem zuerst gegeben sei, und dann ist auch das Wort avo gegen alle Handschriften eingeschoben. Drakenborch selbst ist ungewiß. Er sagt: An igitur Livius – aliquid humani passus esse censeri debet? vel an dicendum est, Cursoris cognomen, quod maiores iam obtinuerant, pedum pernicitatem huic L. Papirio confirmasse? Das erste räumt die Critik nur dann ein, wenn keine andre Hülfe möglich ist. Da indeß mehrere Handschriften, quae cognomen via, und ebenfalls mehrere quae cognomini viam dedit lesen, noch eine andre quae cognomen in victori dedit, so glaube ich, Livius habe geschrieben, quae cognomini etiam vim dedit. Daß vis so viel als significatio heiße, habe ich, als bekannt genug, nicht zu beweisen, sonst ließe sichs mit mehrern Stellen aus Cicero belegen. Daß aber die Abschreiber vim öfters in viam abgeändert haben, dazu giebt Drakenborch mit Gronov in den Noten zu 32, 9. 8. und 36, 16. 3. eine Menge Beläge. Der Sinn der Stelle wäre dann etwa der: Welche auch seinen Zunamen mit der Bedeutung zutreffen ließ, oder kürzer: seinen Zunamen passend machte.. Er soll im Laufe alle seine Zeitgenossen besiegt, 258 und eben so, entweder wegen des Übermaßes seiner Kräfte, oder wegen seiner vielen körperlichen Übung mehr Speise und Wein vertragen haben, als jeder Andre: und weil er selbst einen Körper hatte, der keiner Arbeit erlag, so hatte auch Fußvolk, und Reuterei unter keinem Andern einen beschwerlicheren Dienst. Auch sagt man, die Ritter hätten einmal die Bitte an ihn gewagt, er möge ihnen, da sie sich so brav gehalten hätten, ihre Arbeit etwas erleichtern. Die Antwort war: «Damit ihr nicht sagt, es sei euch nichts erlassen, so erlasse ich euch das, daß ihr nicht durchaus gehalten sein sollt, wenn ihr von den Pferden steigt, euch den Rücken zu reiben»Also erließ er ihnen etwas, was sie ohnehin nicht thaten, weil sie sich hätten schämen müssen, es zu thun. Denn wer sich nach einem Ritte den Rücken reiben oder streichen lassen muß, gesteht dadurch, daß ihm der Ritt eine ungewohnte Arbeit war und daß er sich steif geritten hat.. Und sein Feldherrnamt führte der Mann über Bundesgenossen und Mitbürger mit gleich gebietender Kraft. Der Prätor von Präneste hatte aus Feigheit seine Leute aus dem Hintertreffen nicht schnell genug in die Vorderlinie geführt. Vor seinem Zelte wandelnd ließ er ihn fordern, und befahl dem Lictor, das Beil zu ziehen. Als der Pränestiner auf das Wort wie entseelt dastand, sprach Papirius: «Hier, Lictor, haue diese Wurzel weg, an die man beim Auf- und Abgehen sich stößt!» und entließ jenen, nachdem er ihn von der Angst der Todesstrafe hatte durchschauern lassen, mit einer Geldstrafe. Unstreitig zeichnete sich in jenem Zeitalter, das an großen Männern fruchtbarer war, 259 als jedes andre, nicht Einer als Stütze des Römischen States so sehr aus, als er. Ja man bestimmt ihn auf den gedachten Fall, daß Alexander der Große nach Bezwingung Asiens seine Waffen gegen Europa gewandt hätte, als Feldherrn zu dessen Gegner.

17. Es kann wohl nichts weniger vom Anfange dieses Werkes an meine Absicht gewesen sein, als vom Faden der Geschichte zu weit abzulenken, und durch einen dem Werke gegebenen Abstich von Mannigfaltigkeiten dem Leser gleichsam angenehme Seitengänge und mir selbst eine Erholung zu gewähren. Gleichwohl heißt mich der genannte Name eines so großen Königs und Feldherrn die Gedanken, mit denen er so oft meinen Geist in der Stille beschäftigte, meinen Lesern vorführen, und macht mich geneigt, die Frage aufzuwerfen, wie der Erfolg für den Römischen Stat gewesen sein möchte, wenn er mit Alexandern Krieg geführt hätte.

Die Menge und Tapferkeit der Truppen, der Geist der Feldherren, das über alle menschliche Angelegenheiten und hauptsächlich über den Gang der Kriege gebietende Glück, sind doch wohl die Stücke, auf denen im Kriege das Meiste beruhet. Ich mag sie aber einzeln, oder zusammengenommen betrachten, so verbürgen sie dem Römischen Volke die Unbesiegtheit, wie von den andern Königen und Völkern, so auch von diesem.

Um jetzt zuerst mit der Vergleichung der Feldherren anzufangen, so leugne ich keinesweges, daß Alexander ein seltener Feldherr war; allein einen höheren Ruhm gab ihm auch das, daß er allein dastand, daß er als junger Mann im Fortschritte seiner Thaten starb, dem sich das Glück noch nicht von der andern Seite gezeigt hatte. Ohne mich auf andre berühmte Könige und Feldherren, als Beläge menschliches Misgeschicks, einzulassen; was sonst, als ein langes Leben, führte den von den Griechen so hoch gepriesenen Cyrus, so wie neulich Pompejus den Großen, dem sich wendenden Glücke entgegen? Ich will die Römischen Feldherren aufzählen, und zwar nicht alle aus jedem Zeitalter, sondern gerade nur die, mit denen Alexander 260 als Consuln und Dictatoren hätte Krieg führen müssen; einen Marcus Valerius Corvus, einen Cajus Marcius Rutilus, Cajus Sulpicius, Titus Manlius Torquatus, Quintus Publilius Philo, Lucius Papirius Cursor, Quintus Fabius Maximus, die beiden Decius, den Lucius Volumnius, Manius Curius. Und die großen Männer folgen auf einander, als eine ReiheLivius will nicht unter dem deinceps (als wenn es deinde hieße) eine zweite spätere Reihe großer Männer verstanden wissen, wie Stroth meint, der darüber seine Verlegenheit äußert, was das für Männer gewesen sein möchten. Dann würde Livius, wie an andern Stellen (s. Ernesti Glossarium Liviamim) postea deinceps, inde deinceps, oder deinceps inde gesagt haben: sondern er sagt, Die eben vorhin genannten Männer folgen in einer so ununterbrochenen Reihe, daß Alexander auch dann noch, wenn er etwa 10 Jahre später, nämlich nach Carthago's Besiegung gegen Rom gezogen wäre, an mehr als Einem unter ihnen seinen Gegner gefunden haben würde. Es würde also unrichtig sein, wenn man hier übersetzen wollte: Dann, oder darauf, folgte noch eine (zweite) Reihe großer Männer etc. Der Sohn Decius, Lucius Volumnius und Manius Curius lebten für Alexandern schon spät genug.; wenn er etwa den Krieg mit Carthago dem Kriege gegen Rom hätte vorangehen lassen und schon in gesetzteren Jahren nach Italien übergegangen wäre. Bei jedem von diesen fanden sich nicht allein an Muth und Geist dieselben Anlagen, wie bei Alexandern, sondern die Kriegskunst, die beständig seit dem Ursprunge Roms aus Hand in Hand forterbte, war auch in die Form einer nach zusammenhängenden Regeln geordneten Wissenschaft gebracht. So hatten die Könige ihre Kriege geführt, so nachher die Vertreiber der Könige, ein Brutus und Valerius; und so der Reihe nach die Fabier, Quinctier, Cornelier; eben so Furius Camillus, den diejenigen, welche mit Alexandern zu fechten gehabt hätten, in ihren Jünglingsjahren als Greis gekannt hatten. Wenn AlexandernIch lasse nach Stroths Wunsche die Fragezeichen weg, weil schon in videlicet die Ironie liegt. Auch Crevier hat sie nicht., der als Soldat in Gefechten seinen Mann stand, – denn auch das macht ihn ja nicht weniger berühmt – ein Manlius Torquatus in der Schlacht als GegnerDrakenborch giebt nur die wenigen Handschriften an, die hier das Wort par auslassen. In den meisten aber steht es theils ausdrücklich, theils als Vorname P. zu Manlius gezogen, theils als per. Stroth verwarf es mit Unrecht. Er zog es nämlich zu non cessisset, und dann hatte er Recht, zu behaupten, daß im non cedere ein parem esse schon liege. Allein er mußte par zu oblatus ziehen, und ihm aus der Fechtersprache den Sinn des Worts adversarius geben. Man sehe die von Drakenborch angeführte Note Gronovs zu 22, 27. 3. (Ich finde jetzt meine Meinung von Hrn.  Döring bestätigt.) aufgestoßen wäre, oder ein Valerius Corvus, 261 so würden sie – man denke! – ihm gewichen sein, sie, die schon als Soldaten sich ausgezeichnet hatten, ehe sie als Feldherren sich auszeichneten! Eben so wären ihm die Decier gewichen, die sich die Weihe geben ließen, um unter die Feinde zu stürzen! Vermuthlich auch Papirius Cursor mit dieser Kraft des Körpers, wie des Muths! Besiegt hätten die Plane eines einzigen Jünglings, um nicht Einzelne zu nennen, jenen Senat, der nach der Aussage des Einzigen, der sich vom Römischen Senate eine richtige Vorstellung gemacht hat, aus Königen bestand! Und vorzüglich war das zu fürchten, daß er mit größerer Geschicklichkeit, als irgend einer der Genannten, seine Lagerplätze ausgesucht, die Zufuhr offen gehalten, Kriegslisten vorgebaut, den günstigen Zeitpunkt zur Schlacht gewählt, seine Linie gestellt, sie durch das Hintertreffen gedeckt hätte! Er würde gestanden haben, daß er es nicht mit einem Darius zu thun habe, diesem durch einen Zug von Weibern und Verschnittenen Gelähmten, diesem unter Purpur und Gold mit den Waarenlagern seiner königlichen Schätze Belasteten, den er, weil er in ihm mehr eine Beute, als einen Feind sah, nach der richtigen Berechnung, solche Nichtigkeiten verachten zu müssen, ohne Blutverlust besiegte. Eine ganz andre Ansicht würde ihm Italien dargeboten haben, als Indien, das er mit einem berauschten Heere schwärmend durchzog, wenn er Apuliens Forstpässe und Lucaniens Gebirge erblickt hätte, und die noch frischen Spuren seines Familienverlustes, wo neulich seiner Mutter Bruder, Alexander, König von Epirus, seinen Tod gefunden hatte,

18. Und wir reden hier von Alexandern, wie er noch nicht im Glücke, das niemand weniger zu tragen vermochte, versunken war. Betrachtet man ihn, wie er in seinem neuen Glücke, und wenn ich so sagen darf, in 262 seinem neuen Geiste sich giebt, in den er sich als Sieger geworfen hatte, so würde er mehr einem Darius, als Alexander, ähnlich, nach Italien gekommen sein, und ein Heer mitgebracht haben, das Macedoniens vergessen hatte, und schon in die Sitten der Perser ausgeartet war. Ungern erwähnt man bei einem so großen Könige die übermüthige Veränderung seiner Tracht, und die verlangte Anbetung der sich vor ihm zur Erde Werfenden, Dinge, die den Macedoniern als Besiegten unerträglich gewesen sein würden, geschweige denn als Siegern; die scheußlichen Blutgerichte, die Ermordungen seiner Freunde beim Weine und über Tafel, und die Eitelkeit, sich eine Abkunft zu erlügen. Wie, wenn seine Liebe zum Weine, sein furchtbarer und glühender Jachzorn – ich führe nichts an, worüber nicht die Geschichtschreiber einverstanden waren – von Tage zu Tage zunahm? würde dies Alles seinen Vorzügen als Feldherr keinen Eintrag gethan haben? Vor allen Dingen aber war freilich das zu fürchten, was Griechische Schwätzer, die gegen die Ehre Roms sogar den Ruhm der Parther begünstigen, so oft wiederholen, daß dem Römischen Volke schon der hohe Name Alexanders, von dem ihnen, wie ich glaube, nicht einmal das Gerücht etwas gesagt hatte, unwiderstehlich gewesen sein würde; und daß gegen eben den Mann, gegen den man sich zu Athen, in einem durch Macedoniens Waffen geknickten State, der gerade jetzt die rauchenden Trümmer Thebens in seiner Nähe sah, öffentlich freie Vorträge erlaubte, was doch die Reden selbst als Denkmale beurkunden; daß gegen ihn, sage ich, von so vielen Römischen Großen nicht Einer die Stimme der Freiheit erhoben haben sollte. Man denke sich die Größe des einen Menschen noch so hoch, so bleibt sie doch immer die Größe Eines Menschen, die dieser durch ein Glück von etwas mehr als zehn Jahren sich sammelte: und wer diese durch die Anmerkung heben will, daß das Römische Volk, wenn gleich in keinem Kriege, doch in manchem Treffen besiegt sei, Alexander aber jede Schlacht gewonnen habe; der sieht nicht ein, daß er die Thaten Eines Menschen, und noch dazu eines 263 Jünglings, mit den Thaten eines Volkes vergleicht, das nun schon an die achthundert Jahre Krieg führt. Wundern wir uns, wenn das Glück auf dieser Seite, auf welcher sich mehr Menschenalter zählen lassen, als auf jener Jahre, in einem so langen Zeitraume öfter gewechselt hat, als in einem Leben von dreizehn Jahren? Warum vergleicht ihr nicht bei dem Einen Manne mit dem Andern, bei dem Einen Feldherrn mit dem AndernWenn Livius nicht auf Schönheit des Stils sehen wollte, so hätte er eigentlich sagen müssen: Quin tu hominis unius (e. g. Papirii vel Torquati, nec vero populi totius) fortunam eum hominis (Alexandri) fortuna, et ducis fortunam cum ducis fortuna confers, et fortunam parium annorum cum parium annorum fortuna? (nec vero fortunam tredecim annis collectam cum octingentorum annorum fortuna?) Diesen Übelklang zu meiden, stellte er die Verbindung anders auf. Und darin kam ihm die den Lateinern eigne Kürze bei Vergleichungen, zu statten, von der ich oben V. 26. am Ende das Beispiel (aus IV. 52.) anführte: Annum excepit tribunus. Ich glaubt also nicht, daß es der von Hrn.  Döring vorgeschlagenen Lesart homines und duces bedürfe., Glück gegen Glück? Wie viele Römische Heerführer könnte ich nennen, denen nie eine Schlacht mislang. Man darf nur die Seiten in den Jahrbüchern der obrigkeitlichen Personen durchlaufen, und in den Verzeichnissen von Consuln und Dictatoren, mit deren Tapferkeit so wenig, als mit ihrem Glücke, das Römische Volk ein einzigesmal unzufrieden sein durfte. Und was sie so viel bewunderungswürdiger macht, als Alexandern und jeden König, so bekleideten einige die Dictatur nur zehn oder zwanzig Tage, keiner das Consulat länger, als ein Jahr: von den Bürgertribunen wurden die Werbungen verhindert: sie zogen nach dem günstigsten Zeitpunkte in die Kriege: vor der Zeit wurden sie zum Wahltage wieder abgerufen: eben, als sie zu einem Schlage ausholten, war das Jahr abgelaufen: bald war die Unbesonnenheit, bald die Unredlichkeit ihres Amtsgenossen ihnen hinderlich oder schädlich: oft traten sie da ein, wo ein Andrer die Sache schlecht gemacht hatte; übernahmen ein Heer von Neulingen oder an schlechte Zucht gewöhnter Leute. Dagegen sind doch wahrhaftig, die Könige nicht allein frei von allen Behinderungen, sondern als Herren der Ausführung und der Umstände zwingen sie Alles in ihren Plan, 264 ohne sich zwingen zu lassen. Folglich würde der unbesiegte Alexander unbesiegte Feldherren gegen sich und gleiche Begünstigungen vom Glücke auf das Spiel zu setzen gehabt haben. Ja seine Lage würde noch so viel mißlicher gewesen sein, weil die Macedonier nur Einen Alexander gehabt hätten, der so manchen Unfällen nicht bloß unterworfen war, sondern selbst sich aussetzte: die Römer hingegen hatten Mehrere, an Ruhm und Thatengröße Alexandern gleich, von denen Jeder, wie es ihm bestimmt war, ohne Gefahr für den Stat, hätte leben und sterben können.

19. Nun habe ich noch Truppen mit Truppen zu vergleichen, sowohl in Absicht der Zahl, als der Art der Soldaten und der Menge von Hülfsvölkern. Gewöhnlich wurden zu jenen Zeiten in den Musterungen zweihundert und funfzigtausend Köpfe geschatzt. Folglich konnte man, selbst bei dem Abfalle des ganzen Latiums vom Bunde, in einer Werbung beinahe aus der Stadt allein, zehn Legionen aufbringen. Oft führte man in jenen Jahren, in Hetrurien, in Umbrien, mit dem sich die Gallier zum Kriege vereinigten, in Samnium, in Lucanien, die Kriege mit vier bis fünf Heeren. Späterhin würde Alexander in den sämtlichen Latinern, nebst den Sabinern, Volskern, Äquern, dem ganzen Campanien, einem Theile Umbriens und Hetruriens, den Picentern, Marsern, Pelignern, Vestinern und Apuliern, auch in den Samniten und der ganzen mit ihnen zusammenhängenden Griechischen Küste des Untermeers von Thurii bis Neapel und Cumä, und von da wieder bis Antium und Ostia entweder mächtige Bundesgenossen der Römer oder schon von ihnen durch Krieg entkräftete Feinde gefunden haben. Er selbst wäre mit seinen Macedonischen Veteranen, die nicht über dreißigtausend zu Fuß, und viertausend Mann größtentheils Thessalischer Reuterei betrugen, über das Meer gesetzt: und hierin bestand seine eigentliche Macht. Hätte er Perser, Indier und andre Völker mitgebracht, so hätte er in ihnen mehr eine Last, als eine Hülfe, hinter sich hergezogen. Dazu kommt, daß den Römern jede Truppenergänzung in ihrer Heimat zur Hand war: Alexanders 265 Heer hingegen würde in dem Kriege auf fremdem Boden, was nachher Hannibal erfuhr, allmälig ausgestorben sein.

Was die Waffen betrifft, so hatten jene den Rundschild und die lange Lanze: für die Römer aber war der Langschild eine weit größere Bedeckung des Körpers, und der Wurfpfeil eine in Stich und Schuß weit wirksamere Waffe, als ein Speer. Auf beiden Seiten hielten schwere Truppen Reihe und Glied: allein dort war die Phalanx zu unbehülflich und zu einförmig; die Römische Linie hingegen hatte Mannigfaltigkeit, bestand aus mehreren Theilen, ließ sich leicht, wo es nöthig war, trennen, leicht vereinigen. Und nun? welcher Soldat käme in den Arbeiten dem Römischen gleich? wäre zur Ausdauer bei Beschwerden fester? Mit Einem verlornen Treffen war für Alexandern der ganze Krieg verloren. Welche Schlacht aber hatte den Römermuth gebrochen, den kein Caudium, kein Cannä brach?

Wahrlich er würde oft, wenn er auch anfangs Glück gehabt hätte, seine Perser und Indier und ein unkriegerisches Asien vermißt, und gestanden haben, daß er bisher mit Weibern Krieg geführt habe; ein Ausdruck, den man Alexandern, dem Könige von Epirus, in den Mund legt, als er, tödlich verwundet, das gerade diesem Jünglinge gewordene Los, in Asien Krieg zu führen, mit dem seinigen verglich. Ich für mein Theil, wenn ich bedenke, daß sich im ersten Punischen Kriege die Flotten vierundzwanzig Jahre lang schlugen, möchte glauben, daß Alexanders Leben kaum zu Einem Kriege hingereicht haben würde. Und vielleicht würde ihn, da theils der Punische Stat mit dem Römischen kraft alter Verträge im Bunde stand, theils die gleiche Furcht diese beiden durch Waffenübung und Mannszahl so mächtigen Städte gegen den gemeinschaftlichen Feind bewaffnen konnte, die gleichzeitige Führung eines Punischen und Römischen Krieges zu Boden gedrückt haben. Die Römer haben zwar nicht unter Alexanders Anführung, nicht bei Macedoniens vollen Kräften, aber doch gegen Antiochus, gegen Philipp und Perses, die 266 Macedonier als Feinde kennen gelernt, und nicht allein ohne alle Niederlage, sondern selbst ohne alle Gefahr auf ihrer Seite. Ohne unser Glück zu berufen und ohne die Bürgerkriege mitstimmen zu lassen, haben wir nie von der Reuterei des Feindes, nie von seinem Fußvolke, nie in offener Schlacht, nie auf gleichem, geschweige denn auf uns günstigem, Kampfboden zu leiden gehabt. Eine Reuterei mit PfeilenIch folge der von Stroth vorgeschlagenen Lesart: Equitum sagittas. Daß die Parther gemeint sind, ist offenbar. Hor. Od. II. 13, 17. Miles sagittas et celerem fugam Parthi., verwachsene Pässe, der Zufuhr unzugängliche Gegenden können allerdings einen so schwer bewaffneten Krieger Unruhe machen: aber tausend Heere, furchtbarer als die der Macedonier und Alexanders, hat er geschlagen und wird sie schlagen; möge nur die Liebe zum Frieden, in dem wir jetzt leben, und die Sorge für bürgerliche Eintracht von Dauer sein!

20. Darauf wurden Marcus Foslius Flaccinator und Lucius Plautius Venno Consuln. Die Gesandten mehrerer Samnitischen Völkerschaften, welche in diesem Jahre auf die Erneuerung eines Friedenschlusses antrugen, wurden vom Senate, den ihr fußfälliges Flehen rührte, mit ihrer Bitte an das Volk gewiesen, wo sie bei weitem nicht dieselbe Wirkung that. Mit Verweigerung eines Friedenschlusses bewilligte man ihnen, weil sie mehrere Tage lang die Bürger einzeln mit Bitten bedrängten, einen Waffenstillstand auf zwei Jahre. Auch in Apulien ergaben sich, um sich den Verheerungen nicht länger auszusetzen, die Einwohner von Teanum und Canusium dem Consul Lucius Plautius, dem sie Geisel gaben. In diesem Jahre wurden die ersten Gerichtshalter über Capua gesetzt, dessen Einwohnern der Prätor Lucius Furius Gesetze geben mußte, da sie selbst um beides, als Rettungsmittel ihres durch innern Zwiespalt leidenden States, gebeten hatten. Roms Bezirke wurden mit zwei neuen vermehrt, dem Ufentinischen und Falerinischen. Da in Apulien einmal mit der Unterwerfung der Anfang gemacht war, so fanden sich auch die Apulier von Teate mit der Bitte um einen 267 Friedensvertrag bei den neuen Consuln ein, dem Cajus Junius Bubulcus und Quintus Ämilius Barbula, bei denen sie sich anheischig machten, dem Römischen Volke Frieden in ganz Apulien zu bewirken. Durch dies dreiste Versprechen erhielten sie die Bewilligung des Vertrages, doch nicht auf gleiche Bundesrechte, sondern als Römische Unterthanen. Nach Bezwingung Apuliens – denn auch der festen Stadt Forentum hatte sich Junius bemächtigt – zog man weiter gegen die Lucanier. Der Consul Ämilius nahm ihnen die Stadt Nerulum, vor der er unerwartet erschien, durch Sturm. Und da es unter den Bundsgenossen ruchtbar wurde, was für eine feste Verfassung Capua sich durch Römische Rechtspflege gegeben habe, so ernannte der Senat eben so auf die Klage der Antiaten, daß sie ohne feste Gesetze, ohne Obrigkeit lebten, diejenigen Großen Roms zu ihren Gesetzgebern, deren Verwendung die Pflanzstadt selbst sich anzuvertrauen pflegte; und nicht allein die Waffen Roms, sondern auch seine Rechte galten weit und breit.

21. Am Ausgange des Jahrs übergaben die Consuln Cajus Junius Bubulcus und Quintus Ämilius Barbula die Legionen nicht den von ihnen gewählten Consuln Spurius Nautius und Marcus Popillius, sondern einem Dictator, dem Lucius Ämilius. Durch seinen Angriff auf Saticula, den er mit dem Magister Equitum Lucius Fulvius unternahm, gab er den Samniten einen Vorwand zur Erneuerung des Krieges. Hier sahen sich die Römer von einer doppelten Gefahr bedroht. Auf der einen Seite lagerten sich die Samniten, die zum Entsatze ihrer Verbündeten ein großes Heer aufgebracht hatten, nicht weit vom Römischen Lager; auf der andern thaten die Saticulaner, welche unerwartet ihre Thore öffneten, mit großem Ungestüme einen Angriff auf die feindlichen Posten. Bald ließen sich beide Feinde, mehr im Vertrauen auf den Beistand des Andern, als auf eigne Stärke, auf eine förmliche Schlacht ein und bedrängten die Römer. Hatte gleich der Dictator auf zwei Seiten zu fechten, so hatte er doch auf keiner für seine Linie zu fürchten, weil er theils eine 268 Stellung nahm, in der er nicht leicht umzingelt werden konnte, theils seinem Heere zwei Vorderseiten nach entgegengesetzter Richtung gab. Doch rückte er im ernstlicheren Angriffe gegen die Herausgefallenen an und trieb sie ohne großen Kampf in ihre Mauern. Nun wandte er seine ganze Linie gegen die Samniten. Hier gab es härteren Kampf; allein dafür, daß der Sieg später erfolgte, war er gewiß und allgemein. Die in ihr Lager gejagten Samniten löschten in der Nacht ihre Feuer, zogen in aller Stille ab, und da sie die Hoffnung, Saticula zu retten, aufgaben, belagerten sie selbst, dem Feinde durch gleiche Kränkung zu vergelten, die Bundsgenossenstadt der Römer, Plistia.

22. Nach Ablauf des Jahrs führte der Dictator Quintus Fabius den Krieg ohne Unterbrechung fort. Die neuen Consuln, Lucius Papirius zum vierten- und Quintus Publilius zum viertenmaleDrakenborch selbst führt ohne Misbilligung den Vorschlag des Sigonius und Pighius an, daß man die durch Schuld der Abschreiber weggefallenen Namen der Consuln einschalten müsse, weil Livius die Consuln dieser Jahre mit der Zahl ihrer Consulate genau angebe, und selbst zwei Jahre später den Papirius Cursor als Consul zum fünftenmale aufführe. Wo sollen aber die Namen der Consuln im Texte stehen? Vor oder hinter den Worten Consules novi? Ich glaube, vor denselben. Die Harlejanische Handschrift lieset Q. Fabio gestum, ohne est. Wenn dies die richtige Lesart wäre, so ließe sich erklären, wie die Ähnlichkeit der Endigung des Wortes ges tum, die Worte: L. Papirius quartum et Q. Publilius quar tum, vor den Worten consules novi habe ausfallen lassen., blieben, so wie die vorjährigen, zu Rom: Fabius kam, um das Heer vom Ämilius zu übernehmen, mit den Ergänzungstruppen vor Saticula an; denn die Samniten waren nicht vor Plistia geblieben, sondern hatten im Vertrauen auf ihre Menge, weil sie von Haus neue Soldaten hatten kommen lassen, sich wieder auf dem vorigen Platze gelagert, und suchten die Römer durch Angriffe in Gefechten von der Einschließung der Stadt abzuhalten. So viel eifriger richtete der Dictator sein Augenmerk auf die Stadtmauern, überzeugt, daß der ganze Krieg nur auf der Belagerung beruhe: vor den Samniten war er weniger besorgt, und stellte ihnen bloß Posten entgegen, um einen Einbruch in sein Lager zu verhüten. 269 Desto kecker sprengten die Samniten bis zum Walle heran und hielten nicht Ruhe. Und da sie schon fast an den Thoren des Lagers standen, fiel der Magister Equitum, Quintus Aulius Cerretanus, ohne bei dem Dictator anzufragen, mit den sämtlichen Geschwadern der Reuterei mit großem Ungestüme heraus und warf den Feind zurück. Und hier gab das Schicksal in einem Gefechte, das sonst nicht zu den hartnäckigen gehört, seinem Einflusse eine Wendung, daß es auf beiden Seiten einen auffallenden Verlust und den Anführern selbst einen ausgezeichneten Tod bereitete. Zuerst stellte der Samnitische Feldherr, den es verdroß, sich da abgetrieben und zurückgeschlagen zu sehen, wo er so keck herangesprengt war, durch seine Bitten und Vorstellungen bei seiner Reuterei, das Treffen wieder her. Auf ihn nun, als er so, vor allen den Seinigen kenntlich, das Gefecht betrieb, jagte der Römische Magister Equitum mit eingelegter Lanze so ungestüm heran, daß er ihn durch Einen Stoß entseelt vom Pferde stürzte: allein die Menge wurde durch den Fall ihres Führers nicht sowohl betroffen, wie es sonst gewöhnlich ist, als erbittert. Alle rund umher schossen auf den zu unvorsichtig durch die feindlichen Geschwader vorgesprengten Aulius ihre Pfeile: allein den ehrenvollen Vorzug, den Samnitischen Feldherrn gerächt zu haben, gewährten die GötterDederunt.] – Ich übersetze nach Hrn. Walch: dii dederunt. seinem Bruder. Er war es, der von Schmerz und Wuth ergriffen den Magister Equitum mitten in seinem Siege vom Pferde riß und zusammenhieb; und es fehlte nicht viel, so hätten sich die Samniten auch der Leiche des Erschlagenen bemächtigt, weil er zwischen den feindlichen Geschwadern gefallen war. Allein sogleich saßen die Römischen Ritter ab, und die Samniten sahen sich genöthigt, dasselbe zu thun. Eine plötzlich entstandene Linie begann um die Leichen der Führer her den Kampf zu Fuß, in welchem die Römer entschieden die Oberhand behielten; und mit einer Freude, in die sich Trauer mischte, brachten sie als Sieger den wiedererkämpften Körper des Aulius 270 ins Lager zurück. Die Samniten kehrten nach dem Verluste ihres Feldherrn, und da sie in diesem Gefechte der Reuterei ihre Kräfte geprüft hatten, mit Aufgebung Saticula's, dessen Vertheidigung sie für vergeblich hielten, zur Belagerung von Plistia zurück; und in wenig Tagen hatten die Römer Saticula durch Übergabe, die Samniten Plistia durch Sturm in ihrer Gewalt.

23. Nun veränderte sich der Schauplatz des Krieges. Die Legionen wurden aus Samnium und Apulien nach Sora hinübergeführt. Die Bürger von Sora hatten nach Ermordung der Römischen Anbauer Samnitische Partei ergriffen. Da das Römische Heer, um den Tod seiner Bürger zu rächen und die Pflanzstadt wieder zu erobern, in starken Märschen hier früher eingetroffen war, und von den auf die Heerwege vertheilten Kundschaftern einer über den andern meldete, daß die Samnitischen Legionen ihnen nachkämen und schon nicht mehr fern wären, so ging man dem Feinde entgegen und lieferte bei Lautulä ein Treffen, ohne Entscheidung. Nicht der Verlust oder die Flucht auf einer Seite, sondern die Nacht trennte die Fechtenden, ungewiß, ob sie Besiegte oder Sieger wären. Bei Einigen finde ich, daß diese Schlacht für die Römer nachtheilig gewesen, und daß der Magister Equitum Quintus Aulius in dieser gefallen sei.

Der in die Stelle des Aulius nachgewählte Magister Equitum Cajus Fabius war mit einem neuen Heere von Rom im Anzuge, und da er durch voraufgeschickte Boten sich bei dem Dictator erkundigt hatte, wo er stehen bleiben, wann und von welcher Seite er den Feind angreifen solle, so nahm er, auf alle Fälle gehörig angewiesen, eine verborgene Stellung. Der Dictator, der nach der Schlacht die Seinigen mehrere Tage lang im Lager gehalten hatte, mehr nach Art eines Belagerten, als eines Belagerers; ließ auf einmal das Zeichen zur Schlacht aufstecken; und weil er glaubte daß es, den Muth tapfrer Männer zu beleben, von stärkerer Wirkung sei, wenn ihnen Allen keine andre Hoffnung, als auf sich selbst, gelassen würde, so ließ er die Soldaten vom Magister Equitum und dem neuen Heere 271 nichts erfahren, und, gleich als gäbe es hier keine weitere Hoffnung, als sich durchzuschlagen, hielt er folgende Rede: «In einer einschließenden Gegend vom Feinde ereilt, bleibt uns kein andrer Weg, ihr Soldaten, als den wir durch Sieg uns öffnen. Unser Standlager ist durch seine Verschanzung sicher genug, aber auch vom Mangel bedroht. Denn rund umher ist Alles, was uns Zufuhr liefern könnte, von uns abgefallen; und wenn auch die Menschen uns helfen wollten, so ist die Gegend zu ungünstig. Ich darf euch also nicht dadurch hinhalten, daß ich ein Lager hier stehen ließe, in welches ihr euch, ohne den Sieg zu erfechten, so wie an dem Tage letzthin, zurückziehen könntet. Die Schanzen müssen durch Waffen, nicht die Waffen durch Schanzen gesichert sein. Mögen die ein Lager haben und es wieder suchen, denen daran gelegen ist, mit dem Kriege zu zögern: wir wollen uns den Rückblick auf Alles, den Sieg ausgenommen, abschneiden. Brechet auf gegen den Feind! Sobald der Zug den Wall hinter sich hat, mögen die, die dazu befehligt sind, das Lager anzünden: euren Verlust, Soldaten, wird euch die Beute, von allen abgefallenen Völkern umher, ersetzen.»

Angefeuert schon durch die Rede des Dictators, welche sie mit der dringenden Noth bekannt machte, gingen die Soldaten auf den Feind, und der Rückblick auf das brennende Lager, obgleich nur die Vorderseite desselben – so hatte es der Dictator befohlen – in Brand gesetzt wurde, war ihnen kein geringer Sporn. Gleich Wüthenden hineinstürzend brachten sie im ersten Angriffe die feindlichen Reihen in Unordnung, und zu rechter Zeit brach auch der Magister Equitum, sobald er von fern das Lager brennen sah – dies war das verabredete Zeichen – in den Rücken des Feindes. So nahmen die umzingelten Samniten, wo sich Jedem ein Ausweg zeigte, nach verschiedenen Richtungen die Flucht. Eine ansehnliche Menge, durch die Furcht zusammengedrängt und in ihr eignes Gewühl verwickelt, wurde in der Mitte niedergehauen. Das feindliche Lager ward erobert und geplündert; und beladen mit 272 der Beute desselben führte der Dictator seine Soldaten ins Römische Lager zurück, die sich lange nicht so sehr des Sieges freuten, als darüber, daß sie außer dem unbedeutenden Theile, der vom Brande gelitten hatte, alles Übrige wider Erwarten unbeschädigt fanden.

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