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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 39
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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31. Als der Senat, sobald die Gesandten abgetreten waren, befragt wurde, so galt ihm die Redlichkeit, obgleich nach der Meinung eines großen Theils die ansehnlichste und wohlhabendste Stadt Italiens, und ihr fruchtbares, dem Meere so nahes Land in theuren Zeiten eine Kornkammer Roms werden konnte, dennoch mehr, als ein 130 so großer Vortheil, und dem Gutachten des Senats gemäß gab der Consul diese Antwort:

«Der Senat, ihr Campaner, erklärt euch des Beistandes würdig: allein es gebührt sich, die Freundschaft mit euch nur dann zu knüpfen, wenn keine ältere Freundschaft und Verbündung dadurch gekränkt wird. Die Samniten sind unsre Bundesverwandten. Also versagen wir euch unsre Waffen gegen die Samniten, weil wir sie sonst eher gegen die Götter, als gegen die Menschen, ergreifen müßten. Allein wir wollen, was uns göttliche und menschliche Rechte erlauben, an unsre Bundsgenossen und Freunde Gesandte mit der Bitte abgehen lassen, daß sie euch kein Leid thun sollen.»

Hierauf erwiederte das Haupt der Gesandschaft, ihren mitgegebenen Verhaltungsbefehlen gemäß: «Wenn ihr denn das Unsrige gegen Gewalt und Unrecht durch gerechte Gewalt nicht schützen wollt, so vertheidigt es wenigstens als das Eurige. Hiermit übergeben wir das Campanische Volk und die Stadt Capua, das Land, die Tempel der Götter, alles göttliche und menschliche Eigenthum, ihr versammelten Väter, in eure und des Römischen Volkes Gewalt; um Alles, was wir noch zu leiden haben sollen, als eure Unterthanen zu leiden.» Mit diesen Worten warfen sie sich Alle, die Hände zu den Consuln emporstreckend und in Thränen schwimmend, im Vorsale des Rathhauses zur Erde. Dieser Wechsel in den menschlichen Schicksalen rührte die Väter; wenn sogar ein Volk mit diesem Übergewichte an Macht, durch seine Üppigkeit und Prachtliebe so berufen, bei dem noch kurz zuvor die Nachbaren Hülfe gesucht hätten, so den Muth sinken lassen müsse, daß es selbst sich und alles das Seine in fremde Hände gäbe. Jetzt schien es Sache der Ehre, sie als neue Unterthanen nicht preiszugeben; und man hielt es für eine Ungerechtigkeit von Seiten der Samniten, wenn sie ein Land und eine Stadt, die durch Übergabe Römisches Statseigenthum geworden waren, bekriegen wollten. Es wurde also beschlossen, sogleich an die Samniten Gesandte zu schicken. Sie hatten den Auftrag, die Bitte der Campaner, 131 die darauf vom Senate ertheilte, den Bund mit den Samniten berücksichtigende, Antwort, und die hinterher erfolgte Übergabe den Samniten aus einander zu setzen. Dann sollten sie vermöge der bestehenden Bundes - und Freundschaftsverhältnisse sie ersuchen, eines in Römischen Schutz übergegangenen Volkes zu schonen, und ein Land, das Römisches Eigenthum geworden sei, nicht feindlich zu behandeln. Sollte es ihnen mit diesen gütlichen Vorstellungen nicht gelingen, so hätten sie den Samniten im Namen des Römischen Volks und Senats anzudeuten, sich an der Stadt Capua und dem Campanischen Lande nicht zu vergreifen.

Die Antwort der Samniten auf diesen in ihrer Versammlung von den Gesandten gemachten Antrag wurde mit so vielem Trotze ertheilt, daß sie nicht allein erklärten, sie würden in der Führung dieses Krieges beharren, sondern daß sogar ihre Obrigkeiten bei ihrem Austritte aus dem Rathhause vor den noch dastehenden Gesandten die Anführer ihrer Cohorten riefen und ihnen mit lauter Stimme den Befehl gaben, sogleich auf Plünderung ins Campanische einzurücken.

32. Als die Gesandschaft mit dieser Antwort nach Rom zurückkam, beschlossen die Väter, welche mit Beiseitsetzung aller übrigen Geschäfte Bundespriester hinschickten, um auf Schadenersatz anzutragen, und als dieser nicht geleistet wurde, die Kriegserklärung mit der gewöhnlichen Feierlichkeit nachfolgen ließen, die Sache je eher je lieber an das Volk gelangen zu lassen: und nach erfolgter Genehmigung vom Gesamtvolke brachen beide Consuln mit zwei Heeren aus der Stadt, Valerius nach Campanien auf, Cornelius nach Samnium, und lagerten sich, jener am Gebirge Gaurus, dieser bei Saticula. Valerius traf zuerst auf die Legionen der Samniten; denn hier war es, wo sie dem Hauptsturme des Krieges entgegensahen: zugleich trieb sie auch die Rache auf die Campaner, die immer gleich schnell gewesen wären, hier, Hülfe gegen sie zu leisten; dort, Hülfe gegen sie herbeizurufen. So wie sie das Römische Lager erblickten, forderten sie, jeder bei 132 seinem Anführer, das Zeichen zur Schlacht, und versicherten, der Römer solle dem Campaner mit nicht besserm Erfolge zu Hülfe gekommen sein, als einst der Campaner dem Sidiciner.

Valerius, der unter leichten Gefechten nur einige Tage verstreichen ließ, um seinen Feind kennen zu lernen, befahl das Zeichen zur Schlacht aufzustecken, und faßte sich in der Ermunterung der Seinigen kurz: «Der neue Krieg, der neue Feind dürfe sie nicht schrecken. «Je weiter sie, die Waffen in der Hand, von der Stadt vorrückten, je unkriegerischer würden die Völker, zu denen sie fortschritten. Sie möchten nicht aus der Sidiciner und Campaner Niederlagen auf die Tapferkeit der Samniten schließen. Möchten die Kämpfenden noch so feige gewesen sein, so habe doch die eine Partei nothwendig besiegt werden müssen. Und die Campaner nun wären unstreitig mehr von ihrer eignen, durch übertriebene Schwelgerei herbeigeführten, Abspannung und von ihrer Weichlichkeit, als von der Kraft ihrer Feinde besiegt. «Was aber auch zwei in so vielen Jahrhunderten erfochtene Siege der Samniten gegen die vielen ruhmvollen Thaten des Römischen Volks sagen wollten, das beinahe mehr Triumphe zahle, als Jahre seit Erbauung der Stadt? das Alles um sich her, Sabiner, Hetrurier, Latiner, Herniker, Äquer, Volsker, Aurunker, mit seinen Waffen unterjocht? das die in so vielen Treffen niedergehauenen Gallier endlich gezwungen habe, auf das Meer und auf Schiffe zu fliehenCap. 26. in der Mitte hieß es von den geschlagenen Galliern: Apuliam ac mare Superum petierunt.. Freilich müsse Jeder hauptsächlich im Vertrauen auf eignen Kriegsruhm und eigne Tapferkeit ins Treffen gehen; dann aber auch beherzigen, unter wessen Führung und Götterleitung er zur Schlacht auftreten solle; ob er bei seinem bloß in den Worten kraftvollen, der Kriegsgeschäfte unkundigen, Feldherrn nur auf die hochtönenden Ermunterungen zu hören habe; oder ob dieser auch für seine Person sich darauf verstehe, die 133 Waffen zu handhaben, vor die Glieder zu schreiten, und sich im Sturme der Schlacht zu zeigen. Es würde mir lieb sein, Soldaten,» so fuhr er fort, «wenn ihr euch, ohne auf meine Worte zu hören, nach meinen Thaten richtetet; nicht bloß meiner Zucht, sondern auch meinem Muster, folgtet. Nicht durch Parteien, nicht durch die dem Adel gewöhnlichen Verabredungen, sondern mit dieser meiner Rechte habe ich mir seit kurzem drei ConsulateDas modo hinter factionibus läßt sich mit Sigonius, in dem Sinne eines nuper vertheidigen. Nur möchte ich es nicht mit Drakenb. zu usitatas ziehen, sondern, wie ich hier gethan habe, zu peperi. Valerius hatte in sechs Jahren dreimal das Consulat gehabt. Was hier, meiner Meinung nach, in dem modo liegt, läßt Livius seinen Valerius Cap. 40. §. 8. ausführlicher mit den Worten sagen: Ex aetate consulatum adeptus eram, ut potuerim, tres et viginti annos natus, consul etc. und die höchste Ehre errungen. Die Zeiten sind vorbei, in welchen man sagen konnte: ««Ja freilich, du warest ein Patricier, und stammetest von den Befreiern des Vaterlandes; und in eben dem Jahre hatte dein Geschlecht das Consulat, in welchem diese Stadt einen Consul hatte.»» Jetzt haben wir Väter und ihr Bürgerlichen gleiche Ansprüche auf das Consulat; und es ist nicht mehr, wie einst, der Preis der Abkunft, sondern des Verdienstes. Darum, ihr Soldaten, habt immer die höchste Ehre im Auge! Habt ihr gleich als Menschen, die der göttlichen Fügung folgten, mir diesen neuen Zunamen Corvus beigelegt, so ist doch darum jener alte Zuname unsrer Familie, Publicola, noch keinesweges vergessen. Ich blieb immer, im Kriege und Frieden, ich mochte ohne Amt, oder in Ämtern sein, in kleinen und in großen, mochte Tribun oder Consul sein, in gleichem Fortgange durch alle meine Consulate, wie sie auf einander folgten, Verehrer des Bürgerstandes und habe ihn von jeher verehrt. Doch jetzt ans Werk! auf! erringet mit mir einen neuen, noch nie gekosteten, Triumph über die Samniten.»

33. Kein Feldherr stand mit seinen Kriegern auf einen vertraulicheren Fuß, da er ohne alle Weigerung sich mit den gemeinsten Soldaten jeder Ausrichtung unterzog. Ferner in den soldatischen Spielen, wenn die Cameraden 134 sich mit einander in Wettstreite der Schnelligkeit und der Stärke einlassen, benahm er sich mit einer freundlichen Leichtigkeit; behielt als Sieger, als Besiegter, dieselbe Miene; war gegen niemand, der sich ihm zum Gegenmanne bot, zurückstoßend; war in seinen Handlungen nach Maßgabe des Verhaltens der Gütige, im Gespräche der Freiheit Anderer eben so sehr, als seiner Würde eingedenk; und was die Herzen des Volks am sichersten gewinnt, er wurde dem Gange, den er zur Erlangung seiner Ämter einschlug, auch in ihrer Verwaltung nicht untreu. Folglich gränzte die muthvolle Regsamkeit, mit welcher das ganze Heer auf die Ermunterung eines solchen Feldherrn aus dem Lager rückte, ans Unglaubliche.

Begann je ein Treffen unter gleichen Hoffnungen, mit gleichen Kräften beider Theile, mit eignem Zutrauen auf sich selbst, ohne den Feind zu verachten, so war es dieses. Den Muth der Samniten erhöheten ihre neuen Thaten und der vor kurzem erfochtene zwiefache Sieg: den Muth der Römer der Ruhm von vier Jahrhunderten, und ihre Siege, gleichzählig den Jahren ihrer Stadt: und dennoch erregte beiden der neue Feind einige Besorgniß. Die Schlacht bewies die Stimmung beider Heere; denn sie fochten so, daß sich die Linie eine ganze Zeit lang nach keiner von beiden Seiten bog. Darauf versuchte der Consul, weil er auf einen Feind, den keine Tapferkeit vertreiben konnte, Verwirrung wirken lassen wollte, durch das Einhauen der Reuterei das feindliche Vordertreffen in Unordnung zu bringen: als er aber sah, daß diese, in fruchtlosem Getümmel mit ihren Geschwadern auf zu engem Räume kreisend, keine Bahn in die Feinde machen konnte, so rief er, indem er, bei seiner Zurückkunft zu den Vorderreihen der Legionen, vom Pferde sprang: «Soldaten, dies Stück Arbeit war uns Fußgängern aufbehalten! Wohlan! so wie ihr es von mir sehen werdet, wie ich mir allenthalben, wo ich dem Feinde in die Linie breche, mit dem Schwerte Bahn mache, so strecket auch ihr Jeden, der euch vor die Klinge kommt, zu Boden! Dort, wo jetzt die emporstarrenden Lanzen blinken, sollt ihr bald Alles weit hinein über Leichen 135 gebahnt sehen.» So sprach er, da sprengte die Reuterei, auf des Consuls Befehl sich theilend, auf die Flügel, und ließ dem Fußvolke zum Einbruche in das feindliche Mitteltreffen offenen Weg. Der Consul ging von Allen zuerst auf den Feind ein, und der, mit welchem ihn das Schicksal zusammenführte, fiel unter seinen Streichen. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken, durch dieses Schauspiel zum Wetteifer gespornt, arbeitete Jeder im rühmlichsten Kampfe gerade vor sich hin. Entgegengestämmt hielten die Samniten Stand, bekamen sie gleich mehr Wunden, als sie beibrachten. Eine ganze Zeitlang war schon gefochten: schreckliches Gemetzel umgab die Fahnen der Samniten; aber noch regte sich durchaus keiner zur Flucht: so hartnäckig war ihr Entschluß, als Besiegte nur zu fallen. Die Römer, die in ihren sinkenden Kräften die Ermattung spürten und den Tag zu Ende gehen sahen, warfen sich als Wüthende auf den Feind. Und nun erst sah man weichende Schritte und einen Anfang zur Flucht; nun erst wurden hier Samniten gefangen, dort Samniten niedergehauen: und es würden sich wenige gerettet haben, wenn nicht die Nacht die Römer mehr vom Siegen, als vom Fechten, abgerufen hatte. Theils sagten es die Römer gerade heraus, daß sie nie mit einem hartnäckigern Feinde geschlagen hatten; theils legten sie den Samniten die Frage vor, Was ihnen als so standfesten Kämpfern die erste Veranlassung zur Flucht geworden sei. «In den Augen der Römer,» antworteten sie, «hätten sie Flammen gesehen, in ihren Blicken Raserei, und Wuth auf ihrem Antlitze. Dies habe mit größerem Schrecken auf sie gewirkt, als irgend sonst etwas.» Und diesen Schrecken verriethen sie nicht bloß durch den Verlust der Schlacht, sondern auch durch ihren nächtlichen Aufbruch. Am folgenden Tage fiel das geräumte feindliche Lager den Römern in die Hände, in welches, ihnen Glück zu wünschen, ganz Capua in Scharen hinausströmte.

34. Übrigens wäre diese Freude beinahe durch eine große Niederlage in Samnium verkümmert. Denn der Consul Cornelius war nach seinem Aufbruche von Saticula 136 unvorsichtig genug, mit dem Heere in einen Forst einzurücken, der vermittelst seines tiefen Thals den Durchzug gewährte, allein rundum vom Feinde besetzt war; und er wurde den Feind über seinem Haupte nicht früher gewahr, als bis er sich schon nicht mehr mit Sicherheit zurückziehen konnte. Während nun die Samniten nur noch so lange warteten, bis ihm das ganze Heer in die Tiefe des Thals gefolgt sein würde, bemerkte der Kriegstribun Publius Decius einen ragenden Hügel des Forstes, der das feindliche Lager beherrschte, der zwar einem schwer beladenen Heere zu hoch, für Truppen ohne Gepäck aber nicht schwer zu ersteigen war. Er wandte sich an den bestürzten Consul und sprach: «Siehst du, Aulus Cornelius, jenen Gipfel über dem Feinde? Er ist der Fels unsrer Hoffnung und unsres Heils, wenn wir, da ihn die Samniten in ihrer Blindheit unbenutzt gelassen haben, ihn geschwind genug besetzen. Auch brauchst du mir nicht mehr als das erste und zweite Glied Einer LegionZusammen etwa 2400 Mann. zu überlassen. Komme ich mit diesen auf der Höhe an, so zieh du, aller Furcht entledigt, weiter, und rette dich und das Heer: denn der Feind unter uns, jedem Schusse von und ausgesetzt, wird nicht nachziehen können, wenn er sich nicht vernichten lassen will. Uns wird dann entweder das Glück des Römischen Volks, oder unsre Tapferkeit loshelfen.»

Vom Consul mit Lobsprüchen überhäuft zog er, nach Übernahme des Kohrs, in aller Stille durch den Forst, und wurde nicht eher vom Feinde bemerkt, bis er seinem Ziele schon nahe war. Während nun Alle vor Bewunderung staunten, – denn er hatte Aller Augen auf sich gezogen –; bekam durch ihn nicht nur der Consul Zeit, sich mit dem Heere auf einen freieren Platz hinauszuwinden, sondern auch er gewann den Stand auf der obersten Höhe. Den Samniten, welche darüber, daß sie sich bald gegen den Einen, bald gegen den Andern wandten, den Vortheil auf beiden Punkten versäumten, wurde es gleich 137 unmöglich, sowohl den Consul zu verfolgen, wenn sie nicht durch eben den Hohlweg ziehen wollten, in welchem sie ihn so eben noch ihren Pfeilen ausgesetzt gesehen hatten, als gegen den Hügel, welchen Decius über ihrem Haupte besetzt hatte, bergauf zu rücken. Doch bestimmte sie theils ihr Unwille, sich lieber gegen diese zu wenden, die ihnen den schönen Sieg entrissen hatten, theils die Nähe des Platzes und selbst die Schwäche des Postens; und bald wollten sie den Hügel auf allen Seiten mit Truppen einschließen, um den Decius vom Consul abzuschneiden; bald ließen sie einen Weg offen, um die ins Thal herabgegangenen anzugreifen. In dieser Unschlüssigkeit überfiel sie die Nacht.

Decius hatte anfänglich die Hoffnung gehegt, von seiner Höhe herab mit einem bergansteigenden Feinde zu fechten: jetzt aber staunte er, daß sie weder einen Angriff unternahmen, noch ihn, wenn sie der nachtheilige Kampfboden von diesem Plan zurückschreckte, durch Werke und Schanzpfähle einschlossen. Dann sprach er zu den Hauptleuten, die er herbeirufen ließ: «Hab' ich je eine solche Unwissenheit in der Kriegskunst, eine solche Unthätigkeit gesehen! Und wie war es möglich, daß diese Leute über die Sidiciner und Campaner einen Sieg erlangen konnten? Ihr sehet, wie ihre Fahnen bald hieher, bald dort hinüber wanken; jetzt sich auf Einem Ruhepunkte vereinigen, dann wieder ausrücken. An Eröffnung der Werke denkt niemand, da wir schon umschanzt sein könnten. Dann müßten wir wahrhaftig ihnen ähnlich sein, wenn wir hier länger weilen wollten, als uns gut dünkt. Kommt, begleitet mich; wir müssen, so lange wir noch etwas Tageslicht haben, erspähen, wo sie ihre Posten aufstellen; wo uns ein Ausweg offen bleibt.» Damit die Feinde nicht merken möchten, daß der Anführer selbst die Runde mache, untersuchte er Alles im gewöhnlichen Kriegerrocke, und ließ die Hauptleute, eben so als gemeine Soldaten gekleidet, mitgehen.

35. Als er hierauf die Nachtwachen angeordnet hatte, ließ er allen Übrigen bei der Parole bestellen: Wenn das 138 Horn das Zeichen zur zweiten NachtwacheMit dem Anfange der vierten Nachtstunde. gegeben habe, möchten sie sich in aller Stille mit den Waffen bei ihm einfinden. Als sie sich, dem Befehle gemäß, ohne laut zu werden eingestellt hatten, fing er an: «Eben dieses Schweigen, Soldaten, müßt ihr jetzt als meine Zuhörer, ohne alle soldatische Willenserklärung, beibehalten. Habe ich euch meine Meinung aus einander gesetzt, dann treten die, die mir beipflichten, schweigend auf meine rechte Seite; und was die Mehrzahl will, darnach richten wir uns. Jetzt hört, was meine Gedanken sind. Der Feind hat euch hier umzingelt, nicht als hieher verschlagene Flüchtlinge, nicht als hier sitzen gebliebene Feige. Eure Tapferkeit war es, die euch diesen Posten besetzen ließ; eure Tapferkeit muß euch wieder hinaushelfen. Ihr zoget hieher und rettetet dem Römischen Volke ein herrliches Heer: werdet nun im Ausfalle eure eignen Retter. Ihr verdient die Ehre, als kleiner Haufe Vielen geholfen zu haben, und selbst keiner Hülfe zu bedürfen. Wir haben mit einem Feinde zu thun, der, da er gestern unser ganzes Heer vertilgen konnte, von seinem Glücke Gebrauch zu machen, zu schläfrig war, der diese so vortheilhafte, ihm über dem Haupte ragende Höhe, nicht eher bemerkte, als bis wir sie besetzt hatten; der weder unsrer kleinen Schar mit seinen vielen Tausenden das Hinansteigen wehrte, noch uns im Besitze des Platzes, so viel er auch vom Tage vor sich hatte, mit Werken umschloß. Konntet ihr ihn mit sehenden und wachenden Augen so zum Besten haben, so kann es nicht fehlen, daß ihr ihm im Schlafe nicht entkommen solltet. Und im Ernste, dies ist jetzt ein Muß für euch. Denn unsre Sachen stehen so, daß ich euch jetzt, ich kann nicht sagen, einen Vorschlag thun, sondern euch anzeigen muß, wozu ihr gezwungen seid. Es kann doch wohl nicht die Frage sein, ob ihr bleiben, oder gehen wollet; da euer Geschick euch nichts gelassen hat, als Waffen und diesen der Waffen sich bewußten Muth, und ihr Alle vor 139 Hunger und Durst umkommen müßt, wenn ihr vor dem Schwerte eine größere Scheu haben solltet, als Männer und Römer sie zu haben pflegen. Also giebt es keine andre Rettung, als Durchbrechen und Davongehen. Dies müssen wir entweder bei Tage, oder bei Nacht bewerkstelligen. Da seht ihr gleich ein zweites Muß, noch weniger zweifelhaft, als das Erste. Denn wenn wir den Tag abwarten wollten, was können wir denn anders uns versprechen, als daß uns der Feind mit einem geschlossenen Walle und Graben umzäunen werde, da er jetzt schon, wie ihr seht, mit unten hingebreiteten Körpern den ganzen Hügel umgürtet? Eignet sich aber die Nacht zum Ausfalle, wie sie das wirklich thut, so ist in der That diese Stunde der Nacht die tauglichste. Auf das Zeichen der zweiten Nachtwache seid ihr jetzt zusammengekommen, gerade, wenn die Sterblichen vom tiefsten Schlafe gefesselt liegen. So schreitet denn zwischen den Körpern der Schlafenden hin; denen ihr entweder, ohne daß sie es ahnen, in der Stille entkommt, oder die ihr, falls sie etwas merkten, durch euer plötzliches Geschrei mit Schrecken erfüllet. Folget jetzt mir, wie ihr mir schon gefolgt seid. Ich nehme dasselbe Glück zum Führer, das uns hieher geleitet hat. Nun wohlan, wer dies für unser Rettungsmittel hält, der trete auf meine rechte Seite herüber!»

36. Dorthin traten sie Alle und folgten dem Decius, der durch die von Wachen unbesetzt gebliebenen Stellen fortschritt. Schon waren sie über die Mitte des Lagers hinaus, als der angestoßene Schild eines über die eingeschlafenen Wachen wegschreitenden Soldaten einen Klang gab. Da die Wache, hiedurch geweckt, ihren Nachbar rege machte, und beide, sich erhebend, wieder andre weckten, ohne zu wissen, ob hier Freunde oder Feinde gekommen wären; ob das Kohr vom Berge einen Ausfall thue, oder der Consul ihr Lager erobert habe: so jagte Decius durch das Geschrei, das er seine Soldaten erheben ließ, weil sie doch nun nicht unentdeckt blieben, den vom Schlafe betäubten Feinden eine solche Bestürzung ein, daß 140 sie vom Schrecken gelähmt weder schnell genug zu den Waffen greifen, noch die Wege besetzen, noch die Eilenden verfolgen konnten. Während dieser Verwirrung und bei dem Auflaufe der Samniten gelangte das Römische Kohr, das die ihm aufstoßenden Posten niederhieb, in die Nähe des Römischen Lagers. Die Nacht war noch lange nicht vorbei, als sie sich schon in Sicherheit sahen: da sprach Decius: «So brav zeigt euch immer, ihr Krieger Roms. Euren Zug und Rückzug werden alle Jahrhunderte preisen. Allein eine solche Tapferkeit vor den Anblick zu bringen, dazu bedarf es des Lichts und des Tages. Auch habt ihr es nicht verdient, bei eurer so ruhmvollen Wiederkehr ins Lager euch in Schweigen und Nacht einhüllen zu lassen. Hier wollen wir ruhig den Tag erwarten.» Sie folgten seinen Worten. Als er mit Tagesanbruch einen Boten an den Consul voraufschickte, gerieth das Lager durch die lauteste Freude in Bewegung; und als durch einen Umlauf bekannt gemacht wurde, daß diejenigen wohlbehalten wiederkämen, welche ihr Leben für die Rettung Aller einer so augenscheinlichen Gefahr ausgesetzt hätten, so strömten ihnen Alle entgegen, priesen sie, Jeder auf seine Weise, wünschten ihnen Glück und nannten sie einzeln und insgesamt ihre Retter; sagten den Göttern Lob und Dank und erhoben den Decius zum Himmel. Dies war ein Triumph, den Decius im Lager hielt, durch dessen Mitte er mit seinem Kohre unter den Waffen einherzog, wobei ihn Aller Augen, die auf ihn geheftet waren, als Tribun jeder Art von Ehre eben so würdig fanden, als den Consul.

Wie er in die Nähe des Feldherrnzeltes kam, ließ der Consul durch die Trompete zur Versammlung rufen; und schon begann er das verdiente Lob des Decius, als er, vom Decius selbst unterbrochen, die Versammlung aussetzte. Durch seine Vorstellungen, jetzt Alles der sich darbietenden Gelegenheit unterzuordnen, beredete er den Consul, auf die durch den nächtlichen Schrecken erschütterten Feinde, die auf einzelne Posten vertheilt sich um den Hügel zerstreut hätten, einen Angriff zu thun: er 141 glaube auch, daß mehrere zu seiner Verfolgung Ausgeschickte im Walde umherschwärmten. Die Legionen erhielten Befehl, sich zu waffnen: sie rückten aus und zogen, da man jetzt durch Kundschafter schon mit dem Walde bekannter war, auf einem offenern Wege gegen den Feind. Nach einem plötzlichen Angriffe, dessen er sich so wenig versah, daß die Samnitischen Soldaten, allenthalben zerstreut, größtentheils unbewaffnet, sich weder auf einen Punkt vereinigen, noch zu den Waffen greifen, noch sich in ihre Verschanzungen werfen konnten, trieben ihn die Römer zuerst in voller Bestürzung in sein Lager, dann eroberten sie bei der Verwirrung seiner Vorposten das Lager selbst. Das forthallende Geschrei umzog den Hügel, und scheuchte auch hier Jeden von seinem Posten, so daß ein großer Theil vor abwesenden Feinden lief. Diejenigen, welche der Schrecken ins Lager getrieben hatte, und ihrer waren an dreißig tausend, wurden alle niedergehauen, und das Lager geplündert.

37. Nach diesen Thaten vollendete der Consul vor einer berufenen Versammlung nicht nur das vorhin angefangene, sondern auch das durch sein neues Verdienst noch vermehrte Lob des Publius Decius; und außer andern Kriegsgeschenken beschenkte er ihn mit einem goldnen Kranze und hundert Ochsen, nebst einem auserlesenen, weißen, fetten, mit vergoldeten Hörnern. Die Soldaten, die unter ihm jenen Posten ausgemacht hatten, erhielten auf immer die doppelte Maße an Getreide, und für jetzt jeder einen Ochsen, und zwei Unterröcke zu eigenerIch weiß nicht, ob dies der für unsre Stelle schickliche Sinn des Wortes privis (binisque privis tunicis) sei. Ich denke mir, daß sie darum privae heißen können, weil es die Absicht war, daß die damit Belohnten diese Stücke als Ehrenkleidung selbst tragen, nicht an andre verschenken, verkaufen, oder von ihren Sklaven tragen lassen sollten. Wenigstens wäre der Sinn dann analogisch der Bedeutung gleich, welche die besseren Ausleger in dem Horazianischen: Sive aliud privum dabitur tibi zu finden glauben. Tracht. Nach den Schenkungen des Consuls setzten die Legionen dem Decius einen Graskranz auf, den Ehrendank für ihre Rettung aus der Einschließung, den sie jauchzend 142 ihm zuerkannten. Der zweite Kranz, gleichfalls ein Sinnbild dieser Ehre, wurde ihm von seinem Kohre aufgesetzt. Mit diesen Ehrenzeichen geschmückt opferte er den auserlesenen Ochsen dem Mars; die hundert gab er den Soldaten zum Geschenke, die jenen Zug mit ihm gemacht hatten. Für jeden von diesen brachten aber auch die Legionen ein Pfund Getreide und ein Nößel Wein zusammen: und alles dies wurde mit der größten Bereitwilligkeit betrieben, welche das Geschrei der Soldaten, als Beweis der allgemeinen Beistimmung begleitete.

Die dritte Schlacht wurde bei Suessula geliefert, welche jenes erste vom Marcus Valerius geschlagene Heer der Samniten, nachdem es den ganzen Kern der heimischen Jugend an sich gezogen, als den Kampf der Entscheidung, zu wagen beschlossen hatte. Von Suessula waren Eilboten nach Capua, und von hier Schnellreuter zum Consul Valerius gekommen, ihn um Hülfe zu bitten. Sogleich erfolgte der Aufbruch: das Gepäck blieb unter einer starken Bedeckung im Lager zurück; das Heer zog in Eilmärschen und nahm nicht weit vom Feinde auf einem sehr engen Raume – denn es hatte bloß seine Reitpferde bei sich, ohne allen Troß von Packpferden und Knechten – sein Lager. Das Heer der Samniten stellte sich in Linie, als ob die Schlacht sogleich beginnen würde: da ihnen aber niemand entgegentrat, rückten sie als die Angreifenden gegen das feindliche Lager an. Als sie hier die Soldaten auf dem Walle sahen, und ihre nach allen Seiten ausgeschickten Kundschafter meldeten, auf was für einen engen Kreis das Lager zusammengezogen sei und wie schwach also der Feind sein müsse; so rief die ganze Linie laut, man müsse die Graben füllen, das Pfahlwerk niederreißen und in das Lager eindringen: und durch diese Unbesonnenheit würde der Krieg sein Ende erreicht haben, wenn nicht die Anführer den Ungestüm ihrer Soldaten zurückgehalten hätten. Weil aber ihr zahlreiches Heer große Vorräthe verbrauchte, und theils durch sein früheres Stillliegen bei Suessula, theils jetzt durch die Verzögerung der Schlacht einem gänzlichen Mangel sehr nahe war, so hielten sie es 143 für das Beste, während der zaghafte Feind sich einschlösse, die Truppen auf Getreideholungen in die Felder ziehen zu lassen; unterdeß werde sich auch bei dem Römischen Heere, welches leicht beladen nur so viel Getreide mitgebracht habe, als sich neben den Waffen auf den Schultern tragen ließ, ein völliger Mangel einstellen. Kaum erfuhr der Consul, daß der Feind auf den Feldern umherschwärme und nur schwache Posten zurückgelassen habe, so führte er seine Soldaten nach einer kurzen Anrede zum Sturme gegen das Lager. Als er es im ersten Geschreie und Sturme genommen, und mehr Feinde in ihren Zelten, als an den Thoren und auf dem Walle niedergehauen hatte, so hieß er die erbeuteten Fahnen auf Einen Platz zusammenwerfen, ließ zur Wache und Bedeckung zwei CohortenIch folge Jac. Gronovs Vermuthung, welcher statt duabus legionibus (denn so groß war etwa des Consuls ganzes Heer) duabus cohortibus zu lesen vorschlägt. zurück, denen er bei schwerer Strafe alles Plündern bis zu seiner Rückkehr untersagte; und da er sich bei seinem weiteren Vorrücken zum Angriffe fertig hielt, so richtete er unter den zerstreuten Feinden, die ihm wie bei einem Treibjagen von der vorausgeschickten Reuterei vorgetrieben wurden, ein gewaltiges Blutbad an: denn in der Bestürzung hatten sie weder festsetzen können, auf welches Zeichen sie sich sammeln, noch auch, ob sie ihrem Lager zueilen, oder sich in die Ferne retten wollten. Flucht und Schrecken waren so groß, daß dem Consul an vierzigtausend Schilde – so hoch belief sich doch die Zahl der Erschlagenen bei weitem nicht – und mit den im Lager erbeuteten an hundert und siebenzig Fahnen eingeliefert wurden. Nun erfolgte der Rückzug ins Lager der Feinde, wo die sämtliche Beute dem Soldaten überlassen ward.

38. Das Glück dieses Krieges nöthigte theils die Falisker, welche bisher mit Rom nur einen Waffenstillstand gehabt hatten, bei dem Senate auf ein Bündniß anzutragen; theils wandte es den Krieg der Latiner, deren Heere schon bereit standen, von den Römern gegen die Peligner. Ja der Ruf von diesem Erfolge beschränkte sich nicht auf 144 Italiens Gränzen; sondern auch Carthago schickte Gesandte nach Rom, seine Glückwünsche und einen goldenen Kranz als Geschenk zu überbringen, der auf dem Capitole in Jupiters Allerheiligstem niedergelegt werden sollte: er hatte fünfundzwanzig Pfund.

Beide Consuln triumphirten über die Samniten, und Decius zog, durch Ehre und Geschenke ausgezeichnet, hinterher: denn in den liederartigen Soldatengesängen erscholl sein Name so oft, als der der Consuln. Darauf bekamen die Gesandschaften der Campaner und Suessulaner Gehör und die Gewährung ihrer Bitte, daß man bei ihnen eine Besatzung in die Winterquartiere legen möchte, die den Streifereien der Samniten wehren könne. Capua, schon damals ein der kriegerischen Zucht gar nicht zuträglicher Aufenthalt, tilgte in den Herzen der Soldaten, welche sich durch die Befriedigungsmittel jeder Sinnlichkeit verführen ließen, das Andenken an ihr Vaterland: und sie entwarfen in den Winterquartieren allerlei Plane, den Campanern Capua auf eine eben so frevelhafte Art zu nehmen, als es diese einst seinen alten Bewohnern genommen hatten. «Auch sei es gar nicht unrecht, ihr Beispiel auf sie selbst anzuwenden. Warum denn die fruchtbarste Gegend Italiens und eine Stadt, die einer solchen Gegend Ehre mache, gerade den Campanern gehören solle, die weder sich, noch das Ihrige schützen könnten; und nicht vielmehr dem siegreichen Heere, das mit seinem Schweiße und Blute die Samniten daraus vertrieben habe? Ob es billig sei, daß Leute, die sich ihnen hätten ergeben müssen, in dieser Fruchtbarkeit und Anmuth schwelgten; sie hingegen, von Feldzügen ermüdet, mit einem ungesunden und dürren Boden um Rom her kämpfen, oder an der in der Stadt heimischen Seuche der täglich zunehmenden Schuldenlast dahin schwinden müßten?» Diese, in geheimen Verschwörungen bearbeiteten, noch nicht Allen mitgetheilten, Plane fand der neue Consul, Cajus Marcius Rutilus, welcher Campanien durch das Los erhalten, und seinen Amtsgenossen Quintus Servilius in Rom zurückgelassen hatte, bei seiner Ankunft vor, Da er 145 von dem ganzen Verlaufe der Sache durch die Tribunen Kenntniß bekommen hatte, und als ein Mann von Jahren und Erfahrung – er war jetzt zum viertenmale Consul, und schon Dictator und Censor gewesen – es am gerathensten fand, den Ungestüm der Soldaten auf die Art abzulenken, daß man sie bei dem Gedanken, ihren Plan, sobald sie wollten, auszuführen, nur hinhielte: so breitete er das Gerücht aus, daß die Besatzungen ihre Winterquartiere in eben diesen Städten auch für das folgende Jahr behalten würden. Sie waren nämlich in die Städte Campaniens vertheilt, und von Capua aus hatten sich jene Anschläge über das ganze Heer verbreitet. Durch diesen ihren Entwürfen gegebenen Spielraum kam der Aufstand für jetzt nicht zum Ausbruche.

39. Nachdem der Consul mit den Soldaten in das Sommerlager gerückt war, machte er sich ein Geschäft daraus, so lange ihm die Samniten Ruhe ließen, das Heer durch Entlassungen der Ruhestörer zu reinigen. Bei einigen gab er an, ihre Dienstzeit sei um, bei andern, sie wären zu hoch in die Jahre, oder nicht mehr rüstig genug. Wieder andre wurden als Beurlaubte weggeschickt, anfangs nur einzeln, dann auch einige Cohorten, weil sie den Winter über so weit von Heimat und Eigenthum gedient hätten. Auch wurde unter dem Vorwande kriegerischer Erfordernisse, zu deren Besorgung die einen hier, die andern dorthin geschickt wurden, ein großer Theil entfernt; und alle diese hielten der andre Consul und der Prätor, welche einen Aufhalt nach dem andern auszumitteln wußten, in Rom zurück. Anfangs nahmen sie, ohne die Täuschung zu errathen, die Besuche der Heimat sehr gern vorlieb. Als sie aber bemerkten, daß nicht allein die Ersten nicht zu den Fahnen zurückkamen, sondern auch fast keiner, als wer in Campanien in den Winterquartieren gelegen hatte, und selbst unter diesen gerade die vorzüglichsten Urheber der Verschwörung weggeschickt wurden, so geriethen sie anfangs in Verwunderung, und dann in die nicht ungegründete Furcht, daß ihre Anschläge entdeckt sein möchten. «Nun würden sie gerichtliche Untersuchungen, 146 Angaben, heimliche Hinrichtungen des Einen und des Andern und die grausame Tyrannei der Consuln und Patricier über sich ergehen lassen müssen.» Dies waren die geheimen Unterredungen der im Lager Gebliebenen, als sie sahen, wie geschickt der Consul ihrer Verschwörung die Nerven ausgeschnitten habe. Eine Cohorte aber, die auf dem Wege in der Nähe von Anxur war, lagerte sich in dem engen Passe bei Lautulä zwischen dem Meere und dem Gebirge, um diejenigen aufzufangen, die der Consul, wie ich vorhin gesagt habe, unter mancherlei Vorwand wegschickte. Schon war ihr Haufe beträchtlich angewachsen, und es fehlte, ihnen zum Ansehen eines ordentlichen Heeres nichts als ein Anführer. Ungeordnet kamen sie als Plünderer bis ins Albanische und legten unter der Höhe von Alba ein befestigtes Lager an. Nach Vollendung der Werke brachten sie den übrigen Theil des Tages unter streitigen Meinungen über den zu wählenden Feldherrn hin, weil sie zu Keinem von den Gegenwärtigen Vertrauen genug hatten. «Wen sie aber aus Rom holen lassen könnten? Wer sich von den Vätern oder vom Bürgerstande wissentlich zu einer so großen Gefahr hergeben würde? oder wem sie, wenn er so eben von einem wüthenden Heere gewaltsam behandelt seiEx iniuria ist meiner Meinung nach so viel, als statim post iniuriam (ab insaniente exercitu) passam: so wie ex consulatu, ex dictatura 40, 1. 10, 5., oder wie Quinctil. 6. 2. 35. Vidi ego saepe histriones atque comoedos, quum ex aliquo graviore actu personam deposuissent, flentes adhuc egredi. Cic. ad Attic. 7, 25. Diem ex die exspectabam. Den Genitiv exercitus ziehe ich einmal zu iniuria und noch einmal zu caussa., die Sache desselben mit Sicherheit anvertrauen könnten?» Als sie am folgenden Tage eben diese Überlegung fortsetzten, meldeten einige von den umherstreifenden Plünderern, sie hätten in Erfahrung gebracht, daß Titus Quinctius, der der Stadt und allen Ehrenämtern entsagt habe, im Tusculanischen sein Feld baue. Er war von patricischem Geschlechte, und weil ihm sein durch eine Wunde gelähmter Fuß die Fortsetzung seiner mit großem Ruhme geleisteten Kriegsdienste nicht gestattete, so hatte er beschlossen, fern von Amtswerbungen und Roms Markte, auf dem Lande zu leben. 147 Als sie den Namen des Mannes hörten, erinnerten sie sich seiner sogleich, und hießen ihn in Gottes Namen herholen. Es ließ sich indeß kaum hoffen, daß er sich freiwillig zu irgend etwas verstehen würde: also wollte man Zwang und Drohung gebrauchen. Als die dazu Abgeschickten sich in der Stille der Nacht auf dem Landgute des Quinctius in das Haus geschlichen hatten, schleppten sie den im tiefen Schlafe Überfallenen, dem sie, ohne sich auf einen Mittelweg einzulassen, entweder die Ehre der Feldherrnstelle, oder im Weigerungsfalle als dem Unfolgsamen den Tod ankündigten, ins Lager. Gleich bei seiner Ankunft begrüßte man ihn als Oberbefehlshaber, stattete ihn, von dem überraschenden Auftritte noch vor Schrecken außer sich, mit allen Ehrenzeichen seiner Würde aus, und verlangte nach Rom geführt zu werden. Mehr aus eignem Ungestüme, als nach Gutbefinden ihres Feldherrn rissen sie die Fahnen auf, und kamen als feindliches Heer auf der Straße, welche jetzt die Appische heißt, bis zum achten Meilensteine; ja sie wären gerade auf Rom gegangen, wenn sie nicht gehört hätten, daß ihnen ein Heer entgegenrücke, und daß Marcus Valerius Corvus gegen sie zum Dictator und Lucius Ämilius Mamercinus zum Magister Equitum ernannt sei.

40. Sobald sie diesen zu Gesichte kamen undIch hatte hier in meinem Exemplare der Strothischen Handausgabe meine Vermuthung beigeschrieben: Legerem: Tibi primum in conspectum ventum, et arma signaque. Ich sehe jetzt, daß Crevier schon 1747 eben so lesen wollte, und lange vor ihm J. Fr. Gronov, dessen Vorschlage auch Duker folgen will, wenn man nicht etwa so zu lesen vorzöge: in conspectum ventum est, et arma u. s. w. Drakenborch tritt nebst Jac. Gronov der ersten Verbesserung bei. Das et vor dem Worte arma ist so unentbehrlich, und der Fehler der Abschreiber in der Verwechselung des et mit est so leicht, und von Drakenb. mit so vielen Beispielen belegt, daß man dies et billig in den Text aufnehmen sollte. die Waffen und Fahnen erkannten, besänftigte sogleich die Erinnerung an das Vaterland den Zorn bei Allen. Die Tapferkeit, Bürgerblut vergießen zu können, besaßen sie noch nicht; kannten noch keine Kriege, als gegen das Ausland, und über die Trennung von den Ihrigen ging ihre Wuth nicht hinaus. Also sehnten sich zugleich Feldherren 148 und Soldaten auf beiden Seiten nach einer Annäherung zu Unterredungen. Und Quinctius, müde, die Waffen für das Vaterland zu führen, geschweige gegen das Vaterland; und Corvus, er, der mit seiner Liebe die Bürger alle, besonders die Soldaten, und vor allen sein Heer, umschloß, traten zu einer Unterredung vor. Sobald er erkannt wurde, gewährten ihm die Gegner, um ihn reden zu hören, mit nicht geringerer Ehrerbietung, als sein eignes Heer, die tiefste Stille.

«Soldaten,» sprach er, «bei meinem Ausmarsche aus der Stadt ging mein Gebet zu den unsterblichen Göttern, zu euren so gut, als zu denen des Stats und den meinigen, nur dahin, und nur die Gnade heischte mein demüthiges Flehen, sie möchten keinen Sieg über euch, nein, mir die Ehre verleihen, die Eintracht wieder hergestellt zu haben. Es gab derer genug, an denen ich mir Kriegerruhm erwerben konnte, und wird ihrer geben: hier ist das Wünschenswerthe – der Friede. Warum ich die unsterblichen Götter bei der Verheißung meiner Gelübde anflehete, diesen Wunsch könnet ihr mir gewähren, wenn ihr euch daran erinnern wollt, daß euer Lager nicht in Samnium, nicht im Volskerlande, sondern auf Römischem Boden steht; daß auf jenen Hügeln, die ihr sehet, eure Vaterstadt liegt; daß dieses Heer aus euren Mitbürgern besteht: wenn ihr euch mich, als euren Consul denkt, unter dessen Führung und Götterleitung ihr im vorigen Jahre zweimal die Legionen der Samniten besiegtet, zweimal ihr Lager erstürmtet. Ich bin es ja, Soldaten, derselbe Marcus Valerius Corvus, dessen höhern Rang euch Verdienste um euch, nicht Beleidigungen, fühlbar machten; der ich nie ein hartes Gesetz gegen euch, nie einen grausamen Senatsschluß angab; der ich in allen meinen Befehlshaberstellen strenger gegen mich selbst war, als gegen euch. Und wenn irgend jemanden seine Abkunft, wenn ihm eine Tapferkeit, ferner seine Würde und Ehrenämter Stolz einflößen konnten; so stammte ich von solchen Ahnen, hatte solche Proben abgelegt, hatte das Consulat in einem solchen Alter erreicht, daß ich als Consul von 149 dreiundzwanzig Jahren, selbst gegen die Väter, nicht bloß gegen Bürgerliche, den Hochgebietenden hätte machen können. Allein wo habt ihr eine That, oder eine Äußerung von Valerius, dem Consul, gehört, welche beleidigender gewesen wäre, als von Valerius, dem Tribun? Eben dieser Haltung waren meine beiden folgenden Consulate gewidmet: und auch diese herrische Dictatur soll ihr gewidmet sein; nichtSchon Crevier hat das Unzusammenhängende dieses ut neque gefühlt, und hält die Stelle nicht für fehlerfrei. Er erklärt sie so: ita, ut ne in hos quidem meos et patriae meae milites mitior futurus sim, vel futura sit haec dictatura, quam in vos hostes. Hiernach würde also ein sim oder sit fehlen. Ich möchte lieber eines solchen Einschiebsels überhoben sein, und vermuthen, das ut sei aus den beiden letzten Buchstaben des vorhergegangenen Wortes geretur entstanden. Drakenborch giebt Beispiele, wie es zu den voraufgegangenen Endsilben unt, it, nt und at entstand; unser ur ist dazu eben so sehr geeignet. Lässet man das ut weg, wie ich in der Übersetzung gethan habe, so dünkt mich, ist der Sinn zusammenhängend und leicht: eodem (tenore) haec imperiosa dictatura geretur, neque (i. e. et non) in hos meos – – mitior, quam hostilis in vos (futura). S. Hrn. Walchs Anmerk. zu dieser Stelle S. 230. nachsichtiger sein gegen diese meine und meines Vaterlandes Krieger, als hart gegen euch – nicht ohne Schauder sag' ich es heraus – als Feinde! Also werdet ihr das Schwert eher gegen mich ziehen müssen, als ich es gegen euch ziehe. Muß gefochten werden; nun, so soll auf jener Seite die Trompete zuerst erschallen, von dort aus Schlachtgeschrei und Angriff beginnen. Lasset euch beigehen, was eure Väter und Großväter sich nicht in den Sinn kommen ließen; weder diese, als sie auf den heiligen Berg auszogen, noch jene, welche späterhin den Aventinus besetzten. Wartet darauf, daß jedem von euch, wie einst dem Coriolanus, Mütter und Gattinnen mit fliegenden Haren aus der Stadt entgegen kommen. Damals verstanden sich die Legionen der Volsker zur Ruhe, weil sie einen Römer zum Anführer hatten: ihr aber, – selbst ein Römisches Heer, – tretet ja nicht von eurem verruchten Kriege zurück! Titus Quinctius! was für einen Posten du dort, freiwillig oder gezwungen, bekleiden magst; wenn es zum Schlagen kommt, so zieh dich unter die Letzten zurück: ja du wirst mit mehr Ehre fliehen und 150 deinen Mitbürgern den Rücken kehren, als gegen dein Vaterland fechten. Jetzt kannst du zum Friedensgeschäfte rechtmäßig und mit Ehre an die Spitze treten, und dieser wohlthätigen Unterredung Sprecher sein. Thut, ihr dort, billige Forderungen, und, ihr hier, lasset sie euch gefallen: wiewohl es uns besser wäre, uns sogar zu unbilligen Bedingungen zu bequemen, als mit Mörderhänden auf einander einzuhauen.»

Bethränt wandte sich Titus Quinctius zu den Seinigen und sprach: «Auch an mir, Soldaten, falls ich euch noch nützlich sein könnte, habt ihr einen tauglichern Führer zum Frieden, als zum Kriege. Denn er, der hier eben sprach, war ja kein Volsker, kein Samnit, sondern, ein Römer; war euer Consul, euer Befehlshaber, ihr Soldaten: und da ihr den seine Führung begleitenden Göttersegen zu eurem Glücke kennen gelernt habt, so hütet euch doch, eine Probe davon gegen euch machen zu wollen. Es fehlte dem Senate nicht an Feldherren, welche gegen euch mit größerem Feindessinne fechten konnten: allein er wählte den, der eurer, als seiner Soldaten, am meisten schonen würde, dem ihr, als eurem Oberfeldherrn, am meisten trauen würdet. So wollen die sogar den Frieden, welche siegen könnten: was müssen wir denn wollen? Wohlan, sollen wir nicht unserer Erbitterung, unserer Habsucht, diesen gleißenden Verführerinnen, entsagen, und uns mit Allem, was unser ist, einer Redlichkeit in die Arme werfen, die wir erprobt haben?»

41. Da Alle durch Geschrei ihr Ja zu erkennen gaben, trat Titus Quinctius vor die Reihen und sagte, die Soldaten überließen sich dem Dictator: dann bat er ihn, er möge die Sache seiner unglücklichen Mitbürger übernehmen, und wenn er sie übernommen habe, mit jener Rechtschaffenheit führen, mit der er den Stat zu verwalten gewohnt sei. Für sich insbesondre wolle er nichts bevorworten, sondern seine Hoffnung bloß auf eigne Unschuld gründen. Allein den Soldaten müsse dasselbe zugesichert werden; was die Väter schon einmal dem 151 Bürgerstande, und nachher noch einmal den LegionenAls sie im Aufstande gegen die Decemvirn auf den Aventinus zogen. zugesichert hätten, daß diese Absonderung nicht für sie von nachtheiligen Folgen sein solle.» Der Dictator versicherte den Quinctius seines Beifalls, hieß die übrigen gutes Muthes sein, sprengte zu Pferde nach der Stadt zurück, und trug, von den Vätern bevollmächtigt, im Pötelinischen Haine bei dem Gesamtvolke darauf an, daß keinem Soldaten diese Absonderung nachtheilig sein sollte. Dann bat er sichs bei den Quiriten zur Gefälligkeit aus, die Sache weder im Scherze, noch im Ernste, irgend jemanden vorzurücken. Auch wurde in Betreff der Soldaten ein Gesetz in Vorschlag gebracht, auf dessen Übertretung ein Fluch gesetzt sein sollte, daß man den Namen eines eingezeichneten Soldaten ohne seinen Willen nicht ausstreichen dürfe; mit dem Zusatze, daß niemand, der einmal Kriegstribun gewesen sei, nachher wieder als Hauptmann angestellt werden solle. Dies forderten die Verschwornen in Hinsicht auf den Publius Salonius, welcher beinahe ein Jahr um das andre Kriegstribun und erster Hauptmann, oder wie wir jetzt sagen, Hauptmann der ersten Pike, gewesen war. Gegen ihn waren die Soldaten aufgebracht, weil er immer ihrer bezweckten Auflehnung entgegen gewesen, und um keinen Theil daran zu nehmen, von Lautulä geflohen war. Da ihnen also der Senat diesen einzigen Punkt des Salonius wegen nicht zugestehen wollte, so bewirkte Salonius selbst dadurch, daß er in der Versammlung der Väter flehentlich darauf drang, sich seinen Rang im Heere nicht mehr zu Herzen zu nehmen, als die allgemeine Einigkeit, daß auch dieses durchging. Eine andre Forderung war eben so unverschämt; daß die Reuterei an ihrem Solde – sie stand damals auf das Dreifache – einen Abzug leiden sollte, weil sie der Verschwörung entgegen gewesen sei.

42. Bei einigen Schriftstellern finde ich noch, daß der Bürgertribun, Lucius Genucius, bei dem Gesamtvolke das Verbot alles Wuchers in Vorschlag gebracht habe: 152 ingleichen, daß vermittelst anderer Volksschlüsse festgesetzt sei, daß niemand dasselbe obrigkeitliche Amt innerhalb zehn Jahren wieder bekleiden könne; eben so keine zwei Ämter in Einem Jahre; ferner daß es erlaubt sein solle, sogar beide Consuln aus dem Bürgerstande zu wählen. Wenn dem Bürgerstande dies Alles eingeräumt ist, so geht daraus hervor, daß die Stärke der Abgefallenen nicht unbedeutend gewesen sein muß. Andre Jahrbücher wissen nichts davon, daß Valerius zum Dictator ernannt sei, sondern lassen die ganze Sache durch die Consuln beseitigen. Auch soll der Haufe der Verschwornen nicht vor seiner Ankunft in die Stadt, sondern in Rom selbst sich in die Waffen geworfen haben: jener nächtliche Einfall nicht in das Landgut des Titus Quinctius, sondern in das Haus eines Cajus Manlius geschehen sein, und diesen hätten die Verschwornen gegriffen, um ihn zum Anführer zu machen; sie wären ausgerückt und hätten sich bei dem vierten Meilensteine verschanzt; die Stimmung zur Eintracht sei nicht das Werk der Feldherren gewesen, sondern beide Heere hätten sich, als sie bewaffnet in Linie gerückt wären, wider Erwartung begrüßt; dann hätten die Soldaten in bunter Mischung einer dem andern die Hand gereicht, einer den andern mit Thränen umarmt; und da die Consuln gesehen hätten, daß die Soldaten an nichts weniger, als ans Schlagen dächten, wären sie genöthigt gewesen, bei den Vätern auf Wiederherstellung der Einigkeit anzutragen. Also stimmen die Nachrichten aus dem Alterthume nur darin überein, daß ein Aufstand gewesen und beigelegt sei.

Allein der Ruf von diesem Aufstande und der mit den Samniten unternommene schwere Krieg machte mehrere Völker von der Verbindung mit Rom abwendig; und war man wegen der Unsicherheit des Latinischen Bündnisses schon längst nicht ohne Sorgen, so kam noch dies hinzu, daß die Privernaten die benachbarten Römischen Pflanzungen zu Norba und Setia, nach einem plötzlichen Einfalle verheerten.

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