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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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3 Sechstes Buch.

1. Was die Römer von Erbauung der Stadt bis zur Eroberung dieser Stadt zuerst unter Königen, dann unter Consuln und Dictatoren, ferner unter Decemvirn und consularischen Tribunen verrichtet haben, ihre auswärtigen Kriege, ihre Unruhen im Innern, habe ich in fünf Büchern dargelegt; lauter Thaten, welche theils wegen ihres zu hohen Alterthums in Dunkel gehüllt sind, gleich Gegenständen, die man in großer örtlicher Entfernung kaum sehen kann; theils weil die schriftlichen Nachrichten, dies dem Andenken des Geschehenen einzig treue Erhaltungsmittel, in eben diesem Zeitraume so kurz und so selten waren; und die, die sich etwa in den Verzeichnissen der Oberpriester und andern öffentlichen und Privatdenkmalen fanden, durch die Einäscherung der Stadt größtenteils verloren gegangen sind. Von nun an habe ich die, seit dem zweiten Ursprunge des gleichsam aus seinen Wurzeln erfreulicher und fruchtbarer wieder erwachsenen States, lichtvolleren und gewisseren Begebenheiten des Friedens und Krieges darzulegen. Hatte er sich übrigens am Marcus Furius, als seiner ersten Stütze, wieder aufgerichtet, so stand er auch jetzt, auf ihn, als seinen vorzüglichsten Mann, gelehnt; den man seine Dictatur nicht vor Ablauf des Jahres niederlegen ließ. Daß aber die Tribunen, in deren Amte die Stadt erobert war, den Wahltag für das folgende Jahr halten sollten, fand man anstößig; und so kam es zu einer Zwischenregierung.

Während die Bürgerschaft mit dem Werke und der anhaltenden Arbeit der wieder aufzustellenden Stadt beschäftigt war, wurde vom Bürgertribun Cajus Marcius dem Quintus Fabius, sobald dieser von seinem Amte abging, ein Klagetag angesetzt, weil er als Gesandter gegen 4 die Gallier, an die man ihn als Sprecher geschickt hatte, dem Völkerrechte zuwider gefochten habe: und dieser Untersuchung entzog ihn der Tod, der so gelegen kam, daß ihn viele für freiwillig hielten. Die Zwischenregierung trat damals Publius Cornelius Scipio als Zwischenkönig an, und nach ihm Marcus Furius Camillus. Dieser ließ,Dies bezieht sich, wie Stroth richtig bemerkt (dessen Interpunction ich hier folge) auf B. V. Cap. 17. Stroth lieset: Camillus. Iterum is tribunos etc. wie schon einmal, Kriegstribunen mit consularischer Macht wählen, den Lucius Valerius Publicola zum zweitenmale, den Publius Virginius, Publius Cornelius, Aulus Manlius, Lucius Ämilius, Lucius Postumius.

Als diese unmittelbar nach der Zwischenregierung ihr Amt angetreten hatten, war die erste Angelegenheit, über die sie beim Senate anfragten, die Verehrung der Götter. Vor allen ließen sie, was sich an Bündnissen und Gesetzen fand (diese waren aber die zwölf Tafeln und einige königliche Gesetze), wieder aufsuchen: manche wurden dem Volke bekannt gemacht; was aber den Gottesdienst betraf, wurde hauptsächlich von den Priestern unterdrückt, damit sie den großen Haufen durch die Götterfurcht von sich abhängig erhalten möchten. Alsdann kam die Reihe an die Festsetzung der bedenklichen Tage, und sie nannten den durch eine zwiefache Niederlage bezeichneten achtzehnten Quintilis (Julius), auf den bei Cremera die Fabier gefallen, auf den nachher an der Allia zum Untergange der Stadt die schimpfliche Schlacht geliefert war, von der letztern Niederlage den Alliensischen Tag, und bezeichneten ihn als untauglich zu jedem öffentlichen und Privatgeschäfte. Einige glauben, weil der Kriegstribun Sulpicius an dem auf die Quintilischen Idus folgenden Tage nur ungünstige Opferzeichen wahrgenommen, und sein Heer am dritten Tage nachher, ohne sich der göttlichen Gnade versichert zu haben, dem Feinde preisgegeben habe, so sei die Besorgung jedes gottesdienstlichen Geschäfts auch auf den Tag nach den IdusDies gilt nicht bloß für den Quintilis oder Julius, sondern für alle Monate des Römischen Calenders. untersagt, und daher schreibe sich es, 5 daß auch auf dem Tage nach den Calenden und nach den Nonen dieselbe Bedenklichkeit hafte.

2. Allein eine ruhige Überlegung der Entwürfe, wie der Stat nach seinem schweren Falle wieder zu heben sei, ward ihnen nicht lange gegönnt. Auf der einen Seite hatten die Volsker, diese alten Feinde, zur Vertilgung des Römischen Namens die Waffen ergriffen; auf der andern war, laut den Aussagen der Kaufleute, bei dem Heiligthume der Voltumna zwischen den Häuptern der sämtlichen Völkerschaften Hetruriens eine eidliche Verbindung zum Kriege zu Stande gekommen. Und eine neue beunruhigende Zugabe war der Abfall der Latiner und Herniker, die nach der Schlacht am See Regillus beinahe seit hundert Jahren gegen Roms Freundschaft nie eine zweideutige Treue gezeigt hatten. Von so vielen Besorgnissen auf allen Seiten bedroht und in der allgemeinen Überzeugung, daß der Römische Name nicht allein bei seinen Feinden dem Hasse, sondern auch bei seinen Freunden der Verachtung ausgesetzt sei, beschloß man, den Stat unter der Obwaltung eben dessen zu vertheidigen, der ihn wieder hergestellt hatte, und den Marcus Furius Camillus zum Dictator zu ernennen.

Als Dictator ernannte er den Cajus Semilius Ahala zum Magister Equitum, und nach Ankündigung eines Gerichtsstillstandes hielt er unter den Dienstfähigen eine Werbung, wobei er auch Bejahrtere, wenn sie noch einigermaßen rüstig waren, den Eid leisten und sich einreihen ließ. Das geworbene und bewaffnete Heer vertheilte er dreifach. Den einen Theil stellte er im Vejenterlande gegen Hetrurien auf; den andern hieß er sich vor Rom lagern. Über diese wurde der Kriegstribun Aulus Manlius, über jene, die gegen Hetrurien geschickt wurden, Lucius Ämilius gesetzt. Den dritten Theil führte er selbst auf die Volsker, und nicht weit von Lanuvium (die Gegend heißt: bei Mäcium) begann er die Bestürmung ihres Lagers.

Da sie nämlich in der Meinung, fast alle wehrhaften Römer seien von den Galliern aufgerieben, mit 6 Verachtung dieses Krieges ausgezogen waren, so hatte ihnen der bloße Ruf von der Anstellung des Camillus als Feldherrn einen solchen Schrecken eingeflößt, daß sie sich mit einem Walle, und den Wall mit einem Verhacke von Bäumen umzäunten, um dem Feinde ihre Verschanzungen von allen Seiten unzugänglich zu machen. Als dies Camillus gewahr wurde, ließ er in den ihm entgegen gestellten Verhack Feuer werfen: und gerade wehete ein heftiger Wind gegen den Feind ein. Folglich öffnete er sich nicht allein durch den Brand einen Weg, sondern er nahm auch durch die gegen das Lager einschlagenden Flammen, durch die Dunsthitze, durch den Rauch und das Geprassel des brennenden grünen Holzes den Feinden so sehr alle Fassung, daß es den Römern weniger Mühe kostete, über den Wall ins Volskische Lager zu brechen, als über den niedergebrannten Verhack wegzusteigen. Die Feinde wurden geschlagen und niedergehauen, ihr Lager im Sturme erobert, und die Beute überließ der Dictator den Soldaten, die ihnen um so angenehmer war, je weniger sie solche von ihrem sonst nicht freigebigen Feldherrn erwartet hatten. Als er darauf bei Verfolgung der Flüchtlinge das ganze Volskergebiet verheeret hatte, zwang er endlich die Volsker nach hundert und siebenSchon Glareanus und Sigonius erinnern, daß es hier nicht septuagesimo, sondern septimo ac centesimo demum anno heißen müsse; denn seit dem Jahre Roms 259 war der Volskerkrieg mit Unterbrechungen bis 366, also 107 Jahre geführt. Daß Eutropius und Orosius beide gleichfalls 70 Jahre angehen, beweiset nur, daß die Exemplare des Livius schon früh an unsrer Stelle durch Abschreiber verfälscht waren. Jahren zur Übergabe. Aus dem Volskerlande zog der Sieger gegen die ebenfalls zum Kriege schon thätigen Äquer, überfiel ihr Heer bei Bolä, und eroberte nicht allein ihr Lager, sondern auch die Stadt im ersten Angriffe.

3. Indeß auf dieser Seite, wo Camillus an der Spitze der Römer stand, alles so glücklich ging, hatte sich auf einer andern großer Schrecken verbreitet. Fast das ganze Hetrurien in den Waffen, belagerte Sutrium, die Bundsgenossenstadt des Römischen Volks. Als ihre Gesandten die Bitte um Hülfe in dieser Noth vor den Senat gebracht

7 hatten, erlangten sie zwar den Beschluß, daß der Dictator sobald als möglich den Sutrinern helfen solle. Da aber die Umstände der Belagerten diese sich verzögernde Hoffnung nicht abwarten konnten, und schon die geringe Anzahl der Bürger, die den, beständig dieselben Leute treffenden, Schanzarbeiten, Wachen und Wunden erlag, ihre Stadt auf Bedingungen dem Feinde übergeben hatte, und ohne Waffen entlassen, jeder nur mit einem Rocke bekleidet, in kläglichem Zuge ihre Penaten verließ, so kam gerade jetzt Camillus mit dem Römischen Heere dazu.

Als der betrübte Haufe ihm zu Füßen fiel und sich an den von der höchsten Noth erzwungenen Vortrag ihrer Häupter das Geheul der Weiber und Kinder schloß, welche sie als Begleiter ihrer Auswanderung mit sich schleppten, so sagte Camillus, «die Sutriner möchten ihre Klagen einstellen. Die, denen er Trauer und Thränen brächte, wären die Hetrusker.» Dann ließ er das Gepäck zusammenlegen, befahl den Sutrinern, denen er eine mäßige Bedeckung ließ, hier Halt zu machen, und seinen Soldaten, bloß die Waffen mitzunehmen. Als er mit diesem leichten Heere nach Sutrium kam, fand er Alles, gerade wie er vermuthet hatte, in der beim Glücke so gewöhnlichen Sorglosigkeit; keine Posten vor den Mauern, die Thore offen, die Sieger in der Zerstreuung, wie sie raubend die feindlichen Häuser leer trugen.

So wurde Sutrium an eben dem Tage zum zweitenmale erobert, die Hetrusker in ihrem Siege allenthalben von dem neuen Feinde niedergehauen, und ihnen weder Zeit gelassen, sich zu sammeln und zu vereinigen, noch zu den Waffen zu greifen. Da sie, jeder auf eignen Antrieb, nach den Thoren eilten, um vielleicht durch Eines sich ins Freie zu retten, fanden sie diese, wie der Dictator gleich anfangs befohlen hatte, verschlossen. Nun griffen einige zu den Waffen; andre, die der Überfall gerade in den Waffen getroffen hatte, riefen die Ihrigen zur Eröffnung des Kampfes zusammen: und er würde bei der Verzweiflung der Feinde heftig geworden sein, wenn nicht die in der Stadt umhergeschickten Herolde geboten hätten, die 8 Waffen niederzulegen, jedes Unbewaffneten zu schonen, und sich an niemand, als an Bewaffneten, zu vergreifen. Da warfen auch die, welche sich in der dringenden Noth, bis aufs Äußerste zu kämpfen, entschlossen hatten, sobald sich Hoffnung zum Leben zeigte, allenthalben die Waffen von sich, und gaben sich unbewaffnet, was unter diesen Umständen das Sicherste war, dem Feinde hin. Eine große Menge wurde zur Verhaftung vertheilt. Noch, vor Nacht wurde den Sutrinern ihre Stadt unbeschädigt wieder eingeräumt, und von jedem Unglücke des Krieges unversehrt, weil sie nicht im Sturme erobert, sondern auf Bedingungen übergegangen war.

4. Camill's Triumph bei seiner Rückkehr nach Rom feierte den vereinigten Sieg dreier Kriege. Unter den Gefangenen, die seinem Wagen voraufgingen, waren die Hetrusker bei weitem die meisten. Aus dem öffentlichen Verkaufe derselben wurde so viel Geld gewonnen, daß man den Römerinnen den Werth ihres GoldesS. oben B. V. C. 25. Sie hatten ihr Gold zu dem dem Apollo von der Vejentischen Beute bestimmten Weihkessel eingeliefert. abbezahlen und vom Überschusse drei goldne Opferschalen fertigen lassen konnte, welche, wie bekannt, mit des Camillus Namen bezeichnet, ehe das CapitoliumIm J. R. 670. im Marser- oder Bundsgenossenkriege. abbrannte, in Jupiters Heiligthume der Juno zu Füßen aufgestellt gewesen sind.

In diesem Jahre wurden diejenigen Vejenter, Capenaten und Falisker ins Bürgerrecht aufgenommen, welche während dieser Kriege zu den Römern übergegangen waren, und ihnen als neuen Bürgern Land angewiesen. Auch wurden durch einen Senatsschluß alle von Veji in die Stadt zurückberufen, die, aus Unlust, in Rom zu bauen, die leeren Häuser in Veji bezogen und sich hier niedergelassen hatten. Anfangs zeigten sie gegen den Befehl laute Verachtung: allein die Festsetzung eines Tages und der Todesstrafe für jeden, der dann noch nicht wieder nach Rom gezogen sein würde, machte aus einem widerspenstigen 9 Ganzen, als jeder Einzelne für sich zu fürchten hatte, lauter Gehorsame. Und nun wuchs Rom nicht bloß an Volkszahl, sondern das Ganze erhob sich auch in seinen Gebäuden mit Einemmale, da theils der Stat die Kosten tragen half; theils die Ädilen das Werk, gleich als vom State in Verding gegeben, betrieben; theils die Eigenthümer selbst, die der Wunsch, Gebrauch davon zu machen, spornte, zur Beendigung des Werkes eilten: und unter einem Jahre stand die neue Stadt.

Am Ende des Jahrs wurde ein Wahltag für Kriegstribunen mit consularischer Macht gehalten. Gewählt wurden Titus Quinctius Cincinnatus, Quintus Servilius Fidenas zum fünftenmale, Lucius Julius Iulus, Lucius Aquillius Corvus, Lucius Lucretius Tricipitinus, Servius Sulpicius Rufus. Ein Heer führten sie gegen die Äquer; nicht zum Kriege, denn diese gaben sich ja überwunden, sondern aus Haß, um ihnen das Land zu verwüsten, damit ihnen zu neuen Unternehmungen die Kräfte genommen würden: ein zweites in das Gebiet von Tarquinii. Hier wurden die Hetruskischen Städte Cortuosa und Contenebra mit Sturm erobert und zerstört: und zwar Cortuosa ohne Kampf. Durch einen unvermutheten Überfall eroberten sie die Stadt mit dem ersten Geschreie und Angriffe. Sie wurde geplündert und verbrannt. Contenebra hielt die Bestürmung einige Tage aus; und wurde nur durch die fortgesetzte Anstrengung, die Tag und Nacht nicht nachließ, bezwungen. Denn da das Römische Heer in sechs Abtheilungen nur alle sechs Stunden der Reihe nach wieder zum Kampfe auftrat; die Belagerten hingegen ihre geringe Anzahl immer als dieselben Ermüdeten dem sich beständig erneurenden Gefechte bloßstellte; so wichen sie endlich und gaben den Römern eine Öffnung zum Einbruche in die Stadt. Die Tribunen hatten beschlossen, die Beute in den Schatz zu legen: allein ihr Befehl war säumiger, als ihr Wille. Indeß sie noch zauderten, ward die Beute schon den Soldaten, und konnte ihnen, ohne sich ihre Unzufriedenheit zuzuziehen, nicht wieder genommen werden.

10 In diesem Jahre wurde auch, damit die Stadt sich nicht bloß durch Privatgebäude höbe, das Capitolium mit Quadersteinen untermauert; ein selbst bei der jetzigen Pracht der Stadt noch sehenswürdiger Bau.

5. Noch war die Bürgerschaft mit Bauen beschäftigt, als schon die Bürgertribunen den Versuch machten, ihren Reden zum Volke durch Vorschläge von Landvertheilungen zahlreiche Zuhörer zu verschaffen. Sie körnten die Hoffnungen mit dem Pomptinischen Acker, der jetzt erst, nach Camill's vernichtendem Siege über die Volsker, ein unstreitiges Eigenthum der Römer war. Sie beschuldigten den Adel, «daß jenes Stück Landes von ihm weit mehr zu leiden habe, als ehemals von den Volskern: denn diese hätten es doch nur so lange mit ihren Einfällen überzogen, als sie die Kraft dazu und Waffen gehabt hätten: die Adlichen hingegen wären als Räuber darauf erpicht, alle Statsländereien zu behalten, und kein Bürgerlicher werde dort ein Plätzchen bekommen, wenn man nicht durch eine Vertheilung den das Ganze an sich Reißenden zuvorkomme.» Sie hatten aber wenig Eindruck auf die Bürger gemacht, weil die Besorgung des Baues nur wenige auf dem Markte erscheinen ließ und sie sich eben durch diese Ausgaben erschöpft hatten, folglich nicht auf Ländereien denken konnten, zu deren Einrichtung ihnen die Kräfte fehlten.

Bei den mancherlei Rücksichten der Bürgerschaft auf die Götter, in der jetzt seit dem neulichen Unglücke selbst die Vornehmeren nicht ohne fromme Ängstlichkeit waren, ließ man, um sich von neuem der göttlichen Obhut zu versichern, eine Zwischenregierung eintreten. Als Zwischenkönige folgten auf einander Marcus Manlius Capitolinus, Servius Sulpicius Camerinus, Lucius Valerius Potitus. Dieser endlich hielt einen Wahltag, Kriegstribunen mit Consulgewalt zu ernennen. Unter seinem Vorsitze wählte man den Lucius Papirius, Cajus Cornelius, Cajus Sergius. Lucius Ämilius zum zweitenmale, Lucius Menenius, Lucius Valerius Publicola zum drittenmale. Unmittelbar nach der Zwischenregierung traten sie ihr Amt an.

11 In diesem Jahre wurde der Tempel des Mars, den man ihm im Gallischen Kriege verheißen hatte, vom Titus Quinctius als Duumvir der gottesdienstlichen Geschäfte eingeweiht. Aus den hinzugekommenen Bürgern vermehrte man die Zahl der Stadtbezirke mit vier neuen, dem Stellatinischen, Tromentinischen, Sabatinischen, Arniensischen, und dadurch stieg die Zahl der Bezirke auf fünf und zwanzig.

6. Der Bürgertribun Lucius Sicinius brachte den Antrag über den Pomptinischen Acker vor das Volk, das schon zahlreicher erschien, schon für den Wunsch nach Ländereien empfänglicher war, als zuvor. Und die im Senate zur Sprache gebrachte Kriegserklärung gegen die Latiner und Herniker wurde über die Sorge vor einem größeren Kriege, da Hetrurien in den Waffen stand, verschoben. So kam die Führung des Ganzen wieder an den Camillus als Kriegstribun mit consularischer Gewalt. Ihm wurden fünf Amtsgenossen gegeben, Servius Cornelius Maluginensis, Quintus Servilius Fidenas, zum sechsten male Tribun; Lucius Quinctius Cincinnatus, Lucius Horatius Pulvillus, Publius Valerius.

Im Anfange des Jahrs konnte man sich auf den Hetruskischen Krieg nicht einlassen: denn ein aus dem Pomptinischen in die Stadt hereinstürzender Zug von Flüchtlingen brachte die Nachricht, die Antiaten ständen in den Waffen, und die Völkerschaften der Latiner hätten jenen unter der Hand Freiwillige zukommen lassen, ob sie sich gleich von aller Theilnahme von Seiten ihres Stats insofern lossagten, als sie nur Freiwilligen nicht hätten hinderlich sein wollen, zu dienen, wo sie wollten.

Die Stimmung, irgend einen Krieg verächtlich zu finden, war vorüber. Also erklärte man sich im Senate den Göttern dafür verpflichtet, daß jetzt Camillus im Amte sei; denn man habe ihn, wäre er Privatmann gewesen, zum Dictator ernennen müssen. Und seine Amtsgenossen gestanden, «die Leitung des Ganzen beruhe, sobald irgend ein Krieg drohe, auf diesem einzigen Manne, und sie hätten sich vorgenommen, ihren eignen Oberbefehl dem Camillus zu unterwerfen, und würden keine Art von 12 Vergrößerung, die sie seiner Würde einräumten, als Abgang an der ihrigen ansehen.» Der Senat bezeugte den Tribunen seinen Beifall, und Camillus selbst versicherte sie, nicht ohne Verlegenheit, seines Dankes. Dann sagte er: «Durch die Erklärung, daß man ihn schon zum viertenmale zum Dictator ernannt haben würde, sei ihm eine nicht geringe Verpflichtung vom Römischen Volke auferlegt; eine größere vom Senate durch solche Äußerungen über ihn; die größte von seinen Mittribunen, als so hochbeamteten Männern, durch ihre Hingebung. Wenn es ihm also möglich sei, seine Thätigkeit und Wachsamkeit noch zu erhöhen, so werde er, mit sich selbst wetteifernd, dahin streben, dieser so einstimmigen Meinung des States über ihn, so hohe Forderungen sie an ihn mache, auch die Dauer zu geben. Was den Krieg und die Antiaten betreffe, so zeige sich hierin mehr Drohung, als Gefahr. So wie er indeß keinen Grund zur Furcht sehe, so stimme er doch auch nicht für Sorglosigkeit. Die Stadt Rom sei von der Misgunst und dem Hasse der Nachbarn auf allen Seiten umgeben; darum bedürfe die Verwaltung des Stats mehrerer Führer zugleich und mehrerer Heere. Du, Publius Valerius, fuhr er fort, magst, als Theilnehmer meiner Feldherrnstelle und Entwürfe, die Legionen mit mir gegen die feindlichen Antiaten führen: Du, Quintus Servilius, mit einem zweiten gerüsteten und schlachtfertigen Heere die Stadt zu deinem Lager behalten, aufmerksam auf die indeß möglichen Bewegungen, entweder, wie neulich, von Hetrurien aus, oder, was uns die neueste Sorge macht, von den Latinern und Hernikern. Ich bin überzeugt, daß du unsre Sache führen werdest, wie es deines Vaters, deines Großvaters, deiner selbst und der sechs Tribunate würdig ist. Ein drittes Heer zur Besetzung der Mauern und der Stadt müsse uns Lucius Quinctius aus Zurückgesetzten und Überjahrten errichten. Lucius Horatius sorge für Wehr und Waffen, für Getreide und was sonst die Vorfälle des Krieges nöthig machen werden. Und dir, Servius Cornelius, übergeben wir Amtsgenossen den Vorsitz hier in 13 der Rathsversammlung, deiner Obhut den Gottesdienst, die Wahlen, die Gesetze, und alle städtischen Angelegenheiten.»

Da sie alle bereitwillig für den einem Jeden zugetheilten Geschäftskreis ihre Dienste versprachen, so fügte Valerius, mit welchem Camillus den Heeresbefehl theilen wollte, die Erklärung hinzu: «Er werde den Marcus Furius als seinen Dictator, und sich als dessen Magister Equitum ansehen. Und so möchten denn die Vater die Erwartungen von diesem Kriege nach dem Vertrauen bestimmen, das sie in diesen vorzüglichen Feldherrn setzten.» – «Allerdings, riefen die Väter laut, indem sie sich vor Freude von ihren Sitzen hoben, zeige sich ihnen für Krieg und Frieden und alle Statsangelegenheiten die schönste Aussicht. Nie werde der Stat eines Dictators bedürfen, wenn er solche Männer in Ämtern habe, die sich mit solcher Eintracht an einander schlössen, zum Gehorchen so bereitwillig wären, als zum Befehlen, und an ihrer eignen Ehre lieber das Ganze theilnehmen ließen, als die Ehre Aller auf sich selbst leiteten.»

7. Nach angekündigtem Gerichtsstillstande und gehaltener Werbung zogen Furius und Valerius gegen Satricum, wo die Antiaten nicht allein die aus dem neuen Zuwachse ausgehobene Mannschaft der Volsker, sondern auch aus den Latinern und Hernikern, diesen in dem langen Frieden unvermindert gebliebenen Völkerschaften, eine ansehnliche Menge versammelt hatten. Diese Vereinigung neuer Feinde mit dem alten setzte die Römischen Soldaten in Furcht. Als dies die Hauptleute dem Camillus, wie er schon die Linie ordnete, meldeten: «die Soldaten seien in Bestürzung; muthlos hätten sie die Waffen genommen; zaudernd und wieder stillstehend seien sie aus dem Lager gerückt: ja man habe rufen hören: Jeder von ihnen werde mit hundert Feinden zu kämpfen haben und man werde kaum einer solchen Menge von Unbewaffneten widerstehen können, geschweige dann, wenn sie bewaffnet sei;» so warf er sich auf sein Pferd, und da er an der Spitze des Heers, das Gesicht der Linie zugekehrt, durch die Glieder 14 ritt, sprach er: «Wozu dieser Mismuth, Soldaten? dies ungewöhnliche Zaudern? Kennt ihr den Feind nicht? oder mich, oder euch? Was ist der Feind anders, als ein fortdaurender Stoff für eure Tapferkeit und euren Ruhm. Ihr hingegen habt unter meiner Führung – eines eroberten Falerii und Veji, und der in unsrer eroberten Vaterstadt niedergehauenen Gallischen Legionen nicht zu erwähnen – noch neulich über eben diese Volsker, überDas folgende et ex Etruria und der Umstand (Cap. 2. am Ende), daß die Äquer damals nicht mit den Volskern zugleich, sondern nach ihnen besiegt wurden, lässet mich vermuthen, daß Livius nicht et Aequis, sondern ex Aequis geschrieben habe. Man vergleiche Drakenb. am Ende seines Note mit 26, 45. 1. die Äquer und über Hetrurien euren dreifachen Sieg in dreifachem Triumphe gefeiert. Oder erkennt ihr in mir euren Feldherrn nicht, weil ich euch nicht als Dictator, sondern als Tribun, das Zeichen gegeben habe? Über euch habe ich für mich die unumschränkte Gewalt nicht nöthig: und auch ihr müsset in mir, auf weiter nichts, als auf mich, sehen: denn nie hat mir die Dictatur Muth eingeflößt, so wie ihn mir selbst die Verbannung nicht raubte. Folglich sind wir alle noch dieselben; und da wir in diese Schlacht alles mitbringen, was wir in die früheren mitbrachten, so laßt uns auch denselben Ausgang der Schlacht erwarten. Sobald ihr handgemein werdet, wird jeder thun, was er gelernt hat und gewohnt ist: ihr werdet siegen; sie werden fliehen.»

8. Nun gab er das Zeichen, sprang vom Pferde und riß den nächsten Fahnenträger, den er bei der Hand ergriff, mit sich in den Feind, wobei er immer rief: «Leute! hinein mit der Fahne!» Kaum sahen sie ihn selbst, den vor Alter zu Thaten des Arms schon unvermögenden Camillus, in die Feinde hineinschreiten, so rannten mit erhobenem Geschreie alle zugleich vorwärts, und jeder einzelne rief: «Dem Feldherrn nach!» Man sagt auch, Camillus habe eine Fahne in die feindliche Linie werfen lassen, und diese wieder zu gewinnen, hätten sich die beiden Vordertreffen herangestürzt. Hier habe die Niederlage der 15 Antiaten begonnen, und der Schrecken sich nicht bloß über ihre erste Linie, sondern auch auf ihr Hintertreffen verbreitet. Und dies Übergewicht der Römischen Soldaten war nicht bloß Folge ihrer eignen, durch die Gegenwart des Fellherrn erhöheten Tapferkeit, sondern auf die Einbildung der Volsker wirkte nichts so furchtbar, als, so oft ihnen Camillus aufstieß, sein Anblick selbst. So trug er allenthalben, wohin er sich wandte, den gewissen Sieg mit sich hinein. Am auffallendsten zeigte sich dies, als er mit dem Schilde eines Fußgängers sich auf sein Pferd warf, auf seinen fast schon geschlagenen linken Flügel hinsprengte und, indem er auf die übrige schon siegende Linie hinzeigte, durch seinen Anblick das Treffen herstellte.

Schon neigte sich die Schlacht zum Siege: allein theils war den Feinden ihr eignes Gewühl am Fliehen hinderlich, theils hätten die schon ermüdeten Römer eine so große Menge nur durch anhaltendes Gemetzel niederhauen können: da machte plötzlich ein unter heftigem Windsturme herabströmender Regenguß mehr dem offenbaren Siege, als dem Treffen, ein Ende. Nach gegebenem Zeichen zum Rückzuge wurde in der folgenden Nacht der Krieg, ohne Zuthun der Römer, entschieden. Denn da die Latiner und Herniker von ihrer verderblichen Maßregel keinen bessern Erfolg gewannen, so verließen sie die Volsker und zogen nach Hause. Als sich die Volsker von denen verlassen sahen, auf deren Beistand sie bei Erneurung des Krieges gerechnet hatten, so schlossen sie sich, mit Hinterlassung ihres Lagers, in die Mauern von Satricum ein; und diese wollte Camillus anfangs mit einem Walle umgeben und mit einem Sturmdamme und Werken angreifen. Da er aber sah, daß sie dies alles nicht einmal durch einen Ausfall zu verhindern suchten, so forderte er in der Voraussetzung, daß ein so muthloser Feind einen so langsam abzuwartenden Sieg unnöthig mache, seine Soldaten auf, sie möchten sich nicht bei langwierigen Werken zerarbeiten; sie hätten den Sieg in Händen: griff mit der lautesten Zustimmung der Soldaten die Mauer von allen Seiten an und eroberte die Stadt durch 16 Sturmleitern. Die Volsker warfen die Waffen von sich und ergaben sich.

9. Übrigens beschäftigte der Feldherr seine Gedanken schon mit einer größeren Unternehmung, mit der gegen Antium. Dies sei die Hauptstadt der Volsker; sie die Urheberinn des letzten Krieges gewesen. Weil aber eine so starke Festung nicht ohne große Zurüstung, Wurfgeschütz und Werkzeuge erobert werden konnte, so reisete er, mit Hinterlassung seines Amtsgenossen beim Heere, nach Rom ab, um den Senat zur Zerstörung Antiums aufzumuntern. Während seiner Rede – ich glaube, es war der Götter Wille, daß Antium länger stehen sollte – kamen Gesandte von Nepete und Sutrium, welche um Hülfe gegen die Hetrusker baten, mit dem Zusatze, daß die Möglichkeit, ihnen zu helfen, bald nicht mehr sein werde. Dies war der Punkt, auf den das Schicksal das Übergewicht des Camillus von Antium ableitete. Denn da diese Plätze gegen Hetrurien zu gelegen und von dieser Seite gleichsam die Schlüssel und Thore waren, so waren die Hetrusker bei jedem neuen Aufstande darauf bedacht, sie zu besetzen, und die Römer, sie wieder zu erobern und zu behaupten. Deswegen fand es der Senat für gut, dem Camillus den Antrag zu thun, daß er, nach Aufgebung Antiums, den Hetruskischen Krieg übernähme. Es wurden ihm die Stadtlegionen bestimmt, die unter dem ServiliusDaß hier statt quibus Quinctius zu lesen sei, quibus Q. Servilius u. s. w., vermutheten schon Glareanus und J. F. Gronov. Man sehe oben Cap. 6. Gerade von diesen Stadtlegionen, die jetzt Camillus gegen Hetrurien übernehmen soll, wird dort gesagt, daß sie unter dem Q. Servilius auf den Fall eines Hetruskerkrieges in der Stadt bereit stehen sollten. Da es aber Drakenb. nicht wahrscheinlich findet, daß Livius jetzt abermals bei dem Servilius den Vornamen Quintus anführe, weil er bei den andern keinen Vornamen wiederhole, und also nicht durch die Schuld der Abschreiber, wie Glarean und Gronov wollten, die Lesart Quinctius aus Quintus Servilius entstanden sein könne (denn nach seiner Voraussetzung fehlte ja hier der Vorname Quintus), so nehme ich an, daß man mit Weglassung des Vornamens Q. lesen müsse: quibus Servilius, und daß der Name Quinctius aus qb. . . . ius entstanden sei, d. i. aus der Abbreviatur des Wortes quibus und aus den letzten Buchstaben des halb erloschenen Namens Servilius. Und wirklich führt Drakenb. an, daß seine erste Leidener Handschrift, die er selbst optimae notae codicem nennt, die beiden Worte quibus Servilius weglasse. Schon früh also war hier durch das qb. . . . ius eine Lücke entstanden, die die meisten Abschreiber unrichtig durch Quinctius füllen zu müssen glaubten. Ich wenigstens möchte diese lieber die Schuld tragen lassen, als dem Auskunftsmittel derer beitreten, die hier bereit sind, zu gestehen: Memoria lapsum esse Livium. gestanden hatten. Hätte er gleich das ihm bewährte, 17 an seinen Oberbefehl schon gewöhnte Heer, welches im Volskerlande stand, lieber gewählt, so weigerte er sich doch nicht im mindesten: nur erbat er sich den Valerius zum Mitbefehlshaber. Dem Valerius wurden zu Nachfolgern im Volskerlande QuinctiusMan ließ also den bejahrten Quintus Servilius in Rom bei den minder brauchbaren Truppen, welche nach Cap. 6. unter dem Quinctius gestanden hatten, und schickte die jüngeren Tribunen Quinctius und Horatius gegen den Feind. und Horatius gegeben,

Furius und Valerius, welche von Rom nach Sutrium zogen, fanden einen Theil der Stadt schon von den Hetruskern erobert; im andern die Einwohner, die durch Sperrung der Straßen das Eindringen der Feinde kaum noch verhindern konnten; als auf einmal die Ankunft der Römischen Hülfe, noch mehr der bei Feinden und Bundsgenossen hochberühmte Name des Camillus, theils der gesunkenen Sache für jetzt eine Stütze, theils zur Rettung Zeit gab.

Camillus nämlich, der sein Heer theilte, trug seinem Amtsgenossen auf, wenn er seine Truppen auf die von den Feinden besetzte Seite herumgezogen habe, die Mauern anzugreifen, nicht sowohl in der Hoffnung, die Stadt mit Leitern ersteigen zu können, als vielmehr, theils den vom Gefechte ermüdeten Einwohnern eine Erleichterung dadurch zu verschaffen, daß man den Feind nach jener Seite hinzöge; theils weil er selbst Raum gewinnen wollte, ohne Widerstand in die Stadt einrücken zu können. Da dies zugleich auf beiden Punkten bewerkstelligt wurde, und die von zwei Seiten bedrohten Hetrusker hier den hitzigsten Sturm auf die Mauern, dort die Stadt voll Feinde vor sich hatten, so stürzten sie eiligst zu dem einzigen Thore, welches gerade nicht belagert wurde, in Einem Zuge hinaus. In der Stadt sowohl, als auf dem Felde hatten die Fliehenden großen Verlust. Innerhalb der Mauern wurden sie 18 hauptsächlich von den Truppen des Camillus niedergehauen; die des Valerius hatten mehr Raum zum Verfolgen und hörten nicht eher mit dem Gemetzel auf, bis ihnen die Nacht die Aussicht nahm. Nach der Wiedereroberung von Sutrium, das den Bundesgenossen zurückgegeben wurde, zog das Heer vor Nepete, wo die Hetrusker durch Übergabe schon im Besitze des Ganzen waren.

10. Die Wiedereroberung dieser Stadt ließ, wie es schien, mehr Arbeit fürchten; nicht deswegen allein, weil sie den Feinden schon ganz gehörte, sondern weil auch ein Theil der Nepesiner, als Verräther ihrer eignen Stadt, die Übergabe bewirkt hatte. Dennoch fand man für gut, ihre Häupter durch Abgeschickte aufzufordern, sich von den Hetruskern zu trennen, und zu der treuen Hülfe, um welche sie die Römer angeflehet hätten, auch das Ihrige beizutragen. Als sie nun zurücksagen ließen: «Es hinge nichts mehr von ihnen ab; die Hetrusker hielten die Mauern und die Thore besetzt:» so machte man zuerst den Versuch, die Einwohner durch Verheerungen ihres Gebiets zu zwingen. Weil sie aber den Pflichten der eingegangenen Übergabe vor der Bundespflicht den Vorzug gaben, so versah sich das Heer auf dem Lande mit Bündeln Reisholz, rückte an die Mauern, schlug nach Füllung der Gräben die Leitern an, und im ersten Geschreie und Angriffe wurde die Stadt erobert. Dem Aufrufe an die Nepesiner, die Waffen niederzulegen, folgte der Befehl, der Unbewaffneten zu schonen: die Hetrusker aber wurden, bewaffnet und unbewaffnet, niedergehauen. Auch diejenigen Nepesiner, welche die Übergabe betrieben hatten, traf das Richtbeil: dann gab man der unschuldigen Menge das Ihrige wieder, und ließ in der Stadt eine Besatzung zurück.

Als die Tribunen auf diese Art zwei Bundsgenossenstädte dem Feinde wieder abgenommen hatten, führten sie das siegreiche Heer nach Rom zurück.

In eben diesem Jahre forderte man von den Latinern und Hernikern Erstattung des Geraubten, und fragte an, warum sie in diesen Jahren, der Regel zuwider, keine 19 Soldaten gestellt hätten. In einer zahlreichen Versammlung beider Völker wurde hierauf die Antwort ertheilt: «Daß einige von ihren Jünglingen unter den Volskern mitgefochten hätten, sei von Seiten ihres Stats ohne Veranlassung und Absicht geschehen. Auch hätten diese für ihre Person die Strafe ihrer schlechten Gesinnungen schon erlitten, und kein Einziger von ihnen habe sich wieder angefunden. Daß sie aber keine Soldaten gestellt hätten, daran sei ihre beständige Unsicherheit vor den Volskern Schuld, einer Plage, die an ihre Seite gelagert, bei den vielen sich über einander häufenden Kriegen sich noch nicht habe tilgen lassen.» Auf diese Antwort den Krieg zu erklären, hielten die Väter mehr der Zeitumstände wegen, als der Gerechtigkeit der Sache nach, für unthunlich.

11. Im folgenden Jahre, in welchem Aulus Manlius, Publius Cornelius, zwei Quinctius Capitolinus, jener mit Vornamen Titus, dieser Lucius, Lucius Papirius Cursor zum zweitenmale, Cajus Sergius zum zweitenmale Consulartribunen waren, entstand ein fürchterlicher Krieg von außen, und ein noch furchtbarerer Aufruhr im Innern; der Krieg durch die Volsker, weil der Abfall der Latiner und Herniker damit in Verbindung stand: der Aufruhr, von wo man ihn am wenigsten hatte fürchten können, von einem Manne aus patricischem Geschlechte und von ausgezeichnetem Rufe, vom Marcus Manlius Capitolinus.

Da er in seinen zu hohen Gedanken die übrigen Großen verachtete, und den einzigen Marcus Furius, diesen zugleich durch Ehrenstellen und Verdienste ausgezeichneten Mann, beneidete, so überließ er sich den kränkenden Vorstellungen, «daß jener in den Ämtern, bei den Heeren, immer der Eine sei: er stehe schon so hoch, daß er die mit ihm zugleich gewählten nicht als seine Amtsgenossen, sondern als seine Handlanger gebrauche; da doch die Vaterstadt, wenn man der Wahrheit gemäß urtheilen wolle, von der feindlichen Einschließung nicht habe befreiet werden können, wenn nicht zuvor das Capitolium und die Burg durch ihn erhalten sei; da doch jener die Gallier, nur beim Empfange des Goldes und in 20 der Aussicht zum Vergleiche, in ihrer Sorglosigkeit überfallen, er selbst sie hingegen in ihren Waffen und schon im Begriffe, die Burg zu erobern, hinabgestürzt habe; da ferner an dem Ruhme jenes, von den Soldaten, die mit ihm gesiegt hätten, jeder sein Mannesantheil habe, an seinem Siege hingegen keiner von allen Sterblichen Theilnehmer sei.»

Da er nun von diesem Dünkel aufgeblasen und noch dazu bei der seiner fehlerhaften Stimmung eignen Heftigkeit und Unbändigkeit sich gleichwohl nicht im Besitze eines so hervorspringenden Übergewichts über die Väter sah, als es seiner Meinung nach sein sollte; so nahm er jetzt, sobald er von den Vätern zur Volkspartei übergetreten war, Antheil an den Berathschlagungen der bürgerlichen Obrigkeiten, ließ sich in seinem Eifer, die Väter zu beschuldigen und die Bürger an sich zu ziehen, schon von der Volksgunst, nicht von der Vernunft leiten, und fand einen großen Namen Wünschenswerther, als einen guten: und um sich nicht auf die Vorschläge der Landvertheilung zu beschränken, einen Stoff zu Unruhen, den in seinen Augen so viele Bürgertribunen schon benutzt hatten; so suchte er den Credit umzustoßen, «insofern nämlich die Noth der Schuldenlast weit dringender sei, da sie nicht bloß mit Armuth und Schande drohe, sondern auf Freigeborne durch die Schrecken des Spannstocks und der Einsperrung wirke.» Und in der That war die Schuldennoth durch das Bauen, das selbst den Reichen die größten Kosten macht, sehr hoch gestiegen.

Man stellte also zum Scheine den an sich schon schweren, und durch den Abfall der Latiner und Herniker noch lastender werdenden Krieg mit den Volskern als den Bewegungsgrund auf, der ein höheres obrigkeitliches Amt nöthig mache. Noch mehr aber bestimmten den Senat zur Ernennung eines Dictators die neuen Entwürfe des Manlius. Der hierzu gewählte Aulus Cornelius Cossus ernannte den Titus Quinctius Capitolinus zu seinem Magister Equitum.

12. Der Dictator, ob er gleich einen großem Kampf 21 zu Hause, als auswärts, bevorstehen sah, rückte dennoch, entweder weil der Krieg Geschwindigkeit forderte, oder weil er von einem Siege und Triumphe selbst seiner Dictatur größere Wirksamkeit versprach, nach gehaltener Werbung ins Pomptinische, wo sich den Nachrichten zufolge das Volskische Heer hatte sammeln sollen.

Ohne Zweifel wird sich meinen Lesern außer dem Überdrusse, schon in so vielen Büchern beständig Kriege mit den Volskern zu finden, auch die Frage aufdrängen, welche mich, als ich die dem Zeitraume dieser Begebenheiten näheren Erzähler durchmusterte, in Verwunderung setzte: wie die so oft besiegten Volsker und Äquer doch immer Soldaten zur Gnüge hatten. Da aber die Alten hierüber schweigen und es übergehen, wie sollte ich jetzt etwas mehr angeben können, als eine Meinung, wie sie jedem bei seinen Vermuthungen frei steht? Es ist wahrscheinlich, daß sie entweder bei den Unterbrechungen eines Krieges, wie es noch jetzt der Fall mit den Römischen Werbungen ist, zu den wiederholten Erneuerungen der Feldzüge einen Nachwuchs von Jünglingen nach dem andern nahmen; oder daß die Heere nicht immer in denselben Volksstämmen ausgehoben wurden, wenn gleich dasselbe Gesamtvolk den Krieg eröffnete; oder daß es eine unzählbare Menge Freigeborner in jenen Gegenden gegeben habe, wo jetzt, das ärmliche Überbleibsel einer Pflanzschule von Kriegern abgerechnet, ohne die Römischen Leibeigenen eine menschenleere Wüste sein würde. Darin stimmen wenigstens alle Geschichtschreiber überein, daß das Heer der Volsker, so großen Verlust ihnen Camillus durch seine Geschicklichkeit und Glück zugefügt hatte, sehr ansehnlich war: überdies waren Latiner und Herniker zu ihnen gestoßen, auch Hülfe von Circeji, und sogar Römische Pflanzstädter von Veliträ.

Als der Dictator, der noch an diesem Tage ein Lager aufschlug, sich am folgenden in die von den Vögeln bewilligte Versammlung begeben und den Göttern für ihren im dargebrachten Opferthiere angedeuteten Beistand gedankt hatte, so trat er vergnügt vor den Soldaten auf, die seinem Befehle zufolge auf das ausgesteckte Schlachtzeichen schon 22 mit Tages Anbruch zu den Waffen griffen. «Der Sieg ist unser,» sprach er, «ihr Soldaten, wenn irgend noch der Blick der Götter und ihrer Seher in die Zukunft reicht. So lasset uns, wie es Krieger ziemt, die voll sichrer Hoffnung sind und mit Feinden schlagen sollen, die ihnen nicht gewachsen sind, die Wurfspieße vor unsern Füßen niederlegen, und das Schwert die Waffe unsrer Rechten sein. Ja ich wünschte nicht einmal, daß ihr aus der Linie vorliefet, sondern, in festem Schritte den Feinden entgegengestämmt, ihren Ansprang auffinget. Wenn sie dann ihre unnützen Wurfpfeile herübergeschossen haben, und im Laufe heranwankend auf euch Standfesten anprellen; dann lasset die Schwerter blitzen; dann sage Jeglichem sein Bewußtsein, daß es die Götter sind, die dem Römer zur Seite stehen; daß es die Götter sind, die ihn unter glückversprechendem Vogelfluge ins Treffen sandten. – Du, Titus Quinctius, aufmerksam auf den ersten Anfang des beginnenden Kampfs, halt die Reuterei an dich: siehst du dann, daß die Linien Fuß gegen Fuß sich gefaßt haben, dann falle du mit dem Schrecken deiner Reuterei auf die schon von dieser Seite Bedrängten, und hineingesprengt wirf ihre fechtenden Reihen auseinander.» Seiner Anordnung gehorsam focht die Reuterei, focht das Fußvolk: und der Feldherr hielt seinen Legionen, das Glück dem Feldherrn Wort.

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