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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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41. Unterdeß erwarteten zu Rom, wo man schon, so gut es in der Lage sich thun ließ, zur Behauptung der Burg die gehörigen Vorkehrungen getroffen hatte, die sämtlichen Greise, auf ihren Tod gefaßt, die Ankunft der Feinde. Diejenigen, welche höhere Stellen bekleidet hatten, saßen, um in den Ehrenzeichen ihres ehemaligen Glücks, ihrer Ämter und Tapferkeit, zu sterben, so feierlich gekleidet, als ob sie einen Aufzug der Götterwagen oder des Triumphes hielten, mitten im Vorhofe ihrer Häuser auf ihren elfenbeinernen Thronsesseln. Einige melden, sie hätten sich für das Vaterland und Roms Quiriten die Todesweihe geben lassen, wobei ihnen der Hohepriester Marcus Fabius die Formel vorgebetet habe.

Die Gallier, bei denen in der Zwischenzeit der Nacht die Spannung des Kampfes nachließ, die auch weder in der Schlacht irgend eine Gefahr zu bestehen gehabt hatten, noch jetzt die Stadt durch Einbruch oder Sturm eroberten, zogen am folgenden Tage ohne alle Erbitterung und Wuth in das offene Collinische Thor, und rückten bis auf den Markt vor, wo sie ihre Blicke rund umher auf die Tempel der Götter warfen, und auf die Burg, die allein ein 468 kriegerisches Ansehen hatte. Von hier vertheilten sie sich, mit Hinterlassung eines mäßigen Kohrs, um nicht in ihrer Zerstreuung, von der Burg aus, oder vom Capitole, überfallen zu werden, durch die menschenleeren Straßen zum Plündern; stürzten theils scharenweise in jedes nächste Haus, theils rannten sie zu den entfernteren, als ob nur diese noch unbesucht und gestopft voll Beute wären. Von hier kehrten sie wieder, selbst durch die Einöde zurückgeschreckt, um nicht bei ihren Streifereien auf einen feindlichen Hinterhalt zu stoßen, in gedrängten Haufen auf den Markt und in dessen Nähe zurück: und hier, wo sie die Bürgerhauser verriegelt, die Vorhöfe der Großen aber offen sahen, fanden sie es fast bedenklicher, sich in die offenen, als in die verschlossenen zu wagen; ja nicht ohne Ehrfurcht betrachteten sie die in den Vorhäusern sitzenden Männer, denen bei ihrem Schmucke und Anstande, welcher sie über Menschen erhob, selbst die Hoheit, die aus ihren Zügen und dem Ernste des Antlitzes sprach, ein Ansehen von Göttern gab. Indem sie so, zu ihnen, als Standbildern, hinanblickend, dastanden, brachte einer derselben, wie man sagt, Marcus Papirius, einen Gallier, der ihm den Bart strich, – denn damals trugen Alle den Bart lang – dadurch in Zorn, daß er ihn mit seinem elfenbeinernen Stabe auf den Kopf schlug; und da das Gemetzel mit ihm den Anfang gemacht hatte, wurden auch die übrigen auf ihren Stühlen erschlagen. Nach der Ermordung der Großen wurde keines Menschen weiter geschont; die Häuser wurden geplündert und wenn sie geleeret waren, angezündet.

42. Weil indeß entweder nicht alle Gallier an der Zerstörung der Stadt Gefallen fanden, oder ihre Häupter den Plan hatten, nur einige Feuer als Schreckmittel zu zeigen, um die Belagerten vielleicht durch die Liebe zu ihren Wohnplätzen zur Übergabe zu vermögen; aber auch nicht alle Häuser niederzubrennen, um immer noch in dem Reste der Stadt ein Pfand zu behalten, das auf die Herzen der Feinde mit Rührung wirken könnte; so brannte es am ersten Tage – gegen das Schicksal eroberter Städte – weder allenthalben, noch ließen sie das Feuer um sich greifen.

Die Römer, die von der Burg herab die Stadt voll Feinde sahen, die auf allen Straßen zerstreut umherliefen, konnten nicht allein, weil sich bald in dieser, bald in jener Gegend ein neues Unglück erhob, zu keiner Besinnung kommen, sondern sie trauten ihren eignen Augen und Ohren nicht mehr. Wohin das Geschrei der Feinde, das Geheul der Weiber und Kinder, das Prasseln der Flamme, und das Krachen der stürzenden Häuser sie rief, dahin wandten sie, nach jedem hinstarrend, Aufmerksamkeit, Antlitz und Auge, als hätte sie das Schicksal hieher gestellt, bei dem Untergange ihrer Vaterstadt Zuschauer zu sein, und von allem ihrem Eigenthume weiter nichts vertheidigen zu können, als ihre Personen; so viel beklagenswerther, als Alle, die je belagert sind, weil sie als Belagerte, selbst ausgesperrt von ihrer Vaterstadt, alles Ihrige in der Feinde Gewalt sahen. Der so grausenvoll hingebrachte Tag wich einer nicht ruhigeren Nacht, auf die Nacht folgte ein unruhiger TagIch lese mit Gronov und Drakenborch: lux deinde noctem inquieta insecuta est.; und es gab keinen Zeitpunkt mehr, der von dem Anblicke immer eines neuen Unglücks frei gewesen wäre.

Unter der Last so vieler Leiden begraben, gaben sie den Muth nicht auf, – sollten sie auch Alles durch Flammen und Trümmer dem Boden gleich gemacht sehen – dennoch den Hügel, den sie behaupteten, so arm und klein er war, als den einzigen Zufluchtsort der Freiheit, tapfer zu vertheidigen. Auch hatten sie sich, da es täglich dieselben Auftritte gab, – der Übel gleichsam schon gewohnt, – aller Empfindung ihrer Noth entfremdet, und blickten nur auf ihre Waffen und auf das Schwert in ihrer Rechte, als die einzigen Überbleibsel ihrer Hoffnung.

43. Auch die Gallier, die mehrere Tage nach einander nur gegen die Häuser der Stadt einen Krieg ohne Erfolg geführt hatten, und unter den Brandstäten und 470 Trümmern der eroberten Stadt nichts weiter vor sich sahen, als bewaffnete Feinde, die sie vergeblich durch so vielerlei Unglück geschreckt hatten, und die sich auch, ohne Gewalt zu gebrauchen, zur Übergabe nicht verstehen würden, beschlossen jetzt, das Äußerste zu wagen und einen Angriff auf die Burg zu thun. Mit frühem Morgen stellte sich auf ein gegebenes Zeichen ihre ganze Menge auf dem Markte in Schlachtordnung, und nach erhobenem Geschreie rückten sie in geschlossenem Schilddache bergan.

Die Römer, völlig besonnen und kaltblütig, verstärkten an allen Zugängen die Posten, stellten da, wo sie den Feind andringen sahen, den Kern ihrer Männer ihm entgegen und ließen ihn heransteigen, weil sie ihn, je höher er sich den schroffen Felsen hinaufwagen würde, desto leichter am Abhange zurückzuwerfen hofften. Etwa in der Mitte des Hügels hielten sie, und als sie jetzt von ihrer Höhe, die sie beinahe von selbst auf den Feind fallen ließ, den Angriff thaten, häuften sich unter ihrem Schwerte und durch den Herabsturz vom Berge bei den Galliern Leichen auf Leichen, so daß sie nie wieder, so wenig truppweise, als vereint, diese Art des Gefechts versuchten.

Da sie also die Hoffnung, durch Sturm und Waffen hinanzukommen, aufgaben, schickten sie sich zur Belagerung an: theils aber hatten sie selbst, ohne bis dahin hieran zu denken, das Getreide bei den Einäscherungen der Häuser verbrannt; theils hatte man gerade in diesen Tagen alle Vorräthe vom Lande eilends nach Veji geschafft. Sie beschlossen also, mit getheiltem Heere, dort bei den benachbarten Völkern zu rauben, hier die Burg eingeschlossen zu halten, um durch den auf dem Lande plündernden Haufen den Belagerern Getreide zuzuführen.

Die von der Stadt aufbrechenden Gallier leitete das Schicksal selbst, um ihnen von der Römischen Tapferkeit eine Probe zu geben, nach Ardea, wo Camillus als Verbanneter lebte. Als er hier, betrübter über die Lage des Stats, als über seine eigne, unter Klagen über Götter und Menschen sich abhärmte, und es eben so ärgerlich als 471 unbegreiflich fand, daß jene Männer verschwunden sein sollten, die mit ihm Veji und Falerii erobert hätten, für die in andern Kriegen die Tapferkeit immer mehr gethan habe, als das Glück; so hörte er unerwartet, daß ein Heer von Galliern anrücke, und daß die Ardeaten voll Bestürzung hierüber zu Rathe gingen. Nicht anders, als hätte ihn der Odem der Gottheit angeweht, begab er sich mitten in die Versammlung, so sehr er bisher dergleichen Zusammenkünfte gemieden hatte, und sprach:

44. «Ardeaten, ihr alten Freunde, und jetzt auch, weil es eure Güte erlaubte, und mein Schicksal so fügte, meine neuen Mitbürger; glaube niemand unter euch, daß ich meiner Lage uneingedenk hier aufgetreten sei: allein die Umstände und die gemeinschaftliche Gefahr zwingen Jeden, das ihm in diesem Drange mögliche Rettungsmittel mitzutheilen. Und wann könnte ich euch für eure so großen Verdienste um mich dankbar sein, wenn ich jetzt säumte? oder wo würdet ihr von mir Gebrauch machen können, wenn es nicht im Kriege sein sollte? Durch dieses Mittel behauptete ich meinen Posten im Vaterlande, und, unbesiegt im Kriege, ward ich im Frieden von undankbaren Mitbürgern vertrieben. Euch aber, ihr Ardeaten, bietet sich jetzt das Glück, theils dem Römischen Volke seine großen vormaligen Wohlthaten, deren Werth euch nicht entfallen ist, – und dem treuen Gedächtnisse muß man sie nicht vorhalten – zu vergelten, theils eurer Stadt die glänzende Ehre des Sieges über den gemeinschaftlichen Feind zu erwerben. Die in schwärmendem Zuge Herankommenden sind ein Volk, dem die Natur mehr große, als feste, Körper und Muth verlieh: darum treten sie zum Kampfe mehr furchtbar, als kraftvoll auf. Den Beweis mag uns Roms Unglück geben. Die offene Stadt konnten sie erobern: von der Burg und dem Capitole widersteht man ihnen mit einer Handvoll Leute. «Dem Überdrusse der Belagerung erliegend ziehen sie ab, und streifen schwärmend auf dem Lande umher. Mit hastig eingeschlungenen Speisen und Weinen überladen, 472 werfen sie sichIch folge der Walchischen richtigeren Interpunction, die auch Crevier in der kleinen Ausgabe gegeben hat., wenn die Nacht hereinbricht, ohne Verschanzung, ohne Posten und Wachen, wie das Vieh ohne alle Ordnung, an den Wasserbächen nieder, und jetzt im Glücke noch weniger auf ihrer Hut, als gewöhnlich. Ist es euer Wille, eure Mauern zu schützen und nicht Alles hier zu einem Gallien werden zu lassen, so greift zahlreich genug um die erste Nachtwache zu den Waffen; folgt mir zum Niedermetzeln, nicht zum Gefechte. Liefere ich sie euch nicht, vom Schlafe gefesselt, wie das Vieh zur Schlachtbank, so lasse ich mir zu Ardea dieselbe Wendung meines Schicksals gefallen, die es zu Rom nahm.»

45. Freunde und Feinde waren darin eins, daß das gegenwärtige Zeitalter nirgendwo einen so großen Feldherrn aufzuweisen habe. Nach entlassener Versammlung genossen sie der gehörigen Pflege, aufmerksam, wann das Zeichen gegeben werden möchte: es erfolgte, und in der Stille der einbrechenden Nacht stellten sie sich an den Thoren dem Camillus. Sie rückten aus, und nicht weit von der Stadt überfielen sie das Lager der Gallier, das sie, wie er vorhergesagt hatte, ungeschützt und von allen Seiten vernachlässigt fanden, mit Geschrei. Nirgend gab es Kampf; allenthalben Gemetzel: unbewehrt, vom Schlafe abgespannt, wurden die Gallier niedergehauen. Die am äußersten Ende Liegenden trieb der Schrecken, der sie von ihren Lagerstellen aufjagte, ohne zu wissen, von wem und von welcher Seite der Überfall komme, in die Flucht, und einige blindlings mitten in die Feinde. Ein großer Theil, der auf das Gebiet von Antium gerieth, wurde in seiner Zerstreuung durch einen Angriff aus jener Stadt überfallen und niedergemacht.

Eine ähnliche Niederlage erlitten im Gebiete von Veji die Tusker, welche mit einer Stadt, die an die vierhundert Jahre ihre Nachbarinn, und jetzt von einem nie gesehenen, nie gehörten Feinde überrumpelt war, so wenig Mitleiden 473 hatten, daß sie gerade jetzt in das Römische einbrachen und mit Beute beladen sich zu einem Angriffe auf Veji, und die dortige Besatzung und letzte Hoffnung des Römischen Namens, anschickten. Die Römischen Soldaten hatten gesehen, wie sie auf dem Lande umherstreiften und in Einen Zug gesammelt die Beute vor sich hertrieben, und wurden jetzt ihr Lager in der Nähe von Veji gewahr. Hier regte sich bei ihnen zuerst das Gefühl ihres Elendes, dann der Unmuth und durch diesen der Zorn, «wenn auch sogar Hetrusker, von denen sie den Gallischen Krieg auf sich herübergezogen hätten, ihres Unglücks spotten sollten.» Kaum konnten sie es vor Erbitterung über sich erhalten, nicht sogleich auf sie loszugehen; doch von dem Hauptmanne Cädicius, den sie selbst zu ihrem Oberhaupte gesetzt hatten, zur Ruhe verwiesen, verschoben sie den Angriff auf die Nacht. Bloß der Anführer war hier kein Camillus, übrigens ging Alles denselben Gang und hatte denselben glücklichen Erfolg. Ja sie ließen sich von den Gefangenen, den Überbleibseln des nächtlichen Gemetzels, den Weg zu einer andern Schar von Tuskern zeigen, die an den Salzgruben standen, richteten unter ihnen in der folgenden Nacht durch Überfall ein noch größeres Blutbad an, und kehrten über ihren zwiefachen Sieg frohlockend nach Veji zurück.

46. Unterdeß ging die Belagerung Roms meistens sehr schläfrig, und von beiden Seiten verhielt man sich ruhig, weil die Gallier nur darauf aufmerksam waren, daß von den Feinden keiner zwischen ihren Posten durchschlüpfen möchte; als unerwartet ein junger Römer seiner Mitbürger und der Feinde Bewunderung auf sich zog. Das Fabische Geschlecht hatte auf dem Quirinalischen Hügel ein festgesetztes Opfer zu verrichten. Um dies zu bringen, stieg Cajus Fabius Dorso in Gabinischer UmhüllungDie Gabinische Umhüllung sieht man noch auf vielen Münzen des alten Rom; z. B. auf Kaisermünzen, wo der Kaiser als Pontifex Maximus opfert, und die Toga vom Rücken so über den Kopf zurückgeschlagen hat, daß sie diesen einhüllt, doch das Gesicht frei lässet, und auf beiden Seiten in Falten herabhängt., die Opfergeräthe in seinen Händen, vom Capitole herab, schritt mitten durch die feindlichen Posten, ohne auf Anruf oder Drohung zu achten, langte auf dem Quirinalischen Hügel an, und nachdem er hier Alles vorschriftsmäßig ausgerichtet hatte, ging er auf demselben Rückwege, mit eben dem festen Blicke und Schritte, im Vertrauen auf den vollen Schutz der Götter, deren Verehrung er, selbst von der Furcht des Todes bedroht, nicht unterlassen habe, auf das Capitol zu den Seinigen zurück; es sei nun, daß die Gallier durch dies Wunder der Kühnheit betroffen waren, oder daß die Ehrfurcht für das Heilige auf sie wirkte, für welche dieses Volk durchaus nicht fühllos ist.

Zu Veji vermehrte sich indeß mit jedem Tage nicht bloß der Muth, sondern auch die Macht, weil sich hier nicht bloß Römer aus dem Lande zusammenfanden, die nach der verlornen Schlacht und dem Unglücke der Eroberung Roms umhergeirrt waren, sondern auch aus Latium Freiwillige herbeiströmten, um an der Beute Theil zu nehmen. Die Zeit schien da zu sein, die Vaterstadt wieder zu erobern und sie den Händen der Feinde zu entreißen: aber dem kraftvollen Körper fehlte es noch an einem Haupte. Da erinnerte sie der Ort selbst an den Camillus, auch waren hier unter den Soldaten viele, die unter seiner Anführung und Obwaltung mit Glück gefochten hatten; und Cädicius erklärte, er werde es nicht abwarten, daß ihn irgend ein Andrer, Gott oder Mensch, seiner Befehlshaberstelle entsetze, bevor er sich nicht selbst, wie es sich für seinen Stand schicke, einen Feldherrn erbeten habe.

Allgemein wurde beschlossen, von Ardea den Camillus zu holen, zuvor aber den Senat zu Rom hierüber zu befragen: so waltete damals in allen Dingen eine bescheidene Rücksicht vor, und in dem fast vernichteten State erhielt man doch Jedem sein Recht. Der Weg mußte durch die feindlichen Wachen genommen werden, nicht ohne große Gefahr. Ein unternehmender Jüngling, Pontius Cominius, erbot sich hierzu; legte sich auf Kork und schwamm die Tiber hinab zur Stadt. Von hier stieg er, so nahe es Ihm vom Ufer aus möglich war, an dem steilen und 475 deswegen von der feindlichen Wache nicht beachteten Felsen, zum Capitole hinan, wurde den Obrigkeiten vorgestellt und entledigte sich der Aufträge des Heers. Nachdem er hier den Senatsschluß empfangen hatte, «daß theils Camillus, wenn er auf einer Versammlung nach CurienAuf den Versammlungen nach Centurien (comitia centuriata) in denen die Consuln, consularische Kriegstribunen etc gewählt wurden, stimmten nicht bloß die Einwohner Roms, sondern auch die außerhalb wohnenden Bürger – in den vom Servius Tullius nach dem Unterschiede des Vermögens festgesetzten Centurien und Classen. Auf den Versammlungen nach Bezirken (comitia tributa) stimmten ebenfalls die in und außerhalb Roms wohnenden Bürger, aber nach Köpfen, nicht nach dem Vermögen. Auf den Versammlungen nach Curien (Romulus hatte das Volk in 30 Curien getheilt) stimmten bloß die in Rom Wohnenden. Und wenn gleich der Consul etc. nach Centurien gewählt war, so hatte er doch den Oberbefehl im Heere (imperium) nicht eher, bis ihm diesen die Curien ertheilt hatten. aus der Verbannung zurückberufen wäre, sogleich durch die Stimme des Gesamtvolkes zum Dictator ernannt werden sollte, theils daß die Soldaten den zum Feldherrn haben sollten, den sie wollten;» stieg er auf eben dem Wege wieder herab und ging als Bote nach Veji: und es wurden nach Ardea Gesandte zum Camillus geschickt, die ihn nach Veji herüberführten: oder (weil ich lieber glauben möchte, er sei nicht eher von Ardea abgegangen, bis er erfahren hatte, daß der ihn betreffende Vorschlag durchgegangen sei: denn ohne Genehmigung des Gesamtvolks hätte er weder die Gränze wieder betreten, noch, ohne zum Dictator ernannt zu sein, den Oberbefehl im Heere haben können) die Curien genehmigtenFolglich mußte diesmal der in Veji befindliche Theil des Heers sich dort in Curien ordnen; und so bekam Camillus auch diesmal den Oberbefehl über das Heer durch die Stimmen der Curien, die ihre Versammlung in Veji hielten, weil sie von Rom ausgeschlossen waren. den Vorschlag und Camillus wurde abwesend zum Dictator ernannt.

47. Indeß man sich zu Veji hiermit beschäftigte, war die Burg zu Rom und das Capitol in großer Gefahr. Denn die Gallier, die entweder da, wo der Bote von Veji hinaufgekommen war, eine Menschenspur entdeckten, oder auch ohne dies bemerkt hatten, daß bei dem Tempel der Carmentis der Felsen leichter zu ersteigen sei, kamen in einer sternhellen Nacht, so daß sie zuerst einen 476 Unbewaffneten, den Weg zu versuchen, vorangehen ließen, dann ihm ihre Waffen zureichten, ferner bei schwierigen Stellen einer um den andern sich wechselsweise stützten und hoben, auch, je nachdem es der Ort erforderte, einer den andern zogen.; in solcher Stille zum Gipfel hinan, daß sie nicht allein den Wachen unbemerkt blieben, sondern sogar die Hunde nicht weckten, da diese Thiere sonst jedes nächtliche Geräusch erregt. Nur den Gänsen entgingen sie nicht, an denen man sich in der größten Hungersnoth, weil sie der Juno heilig waren, nicht vergriffen hatte. Und dies rettete Rom. Von ihrem Geschreie und Flügelschlagen geweckt ergriff Marcus Manlius – er war vor drei Jahren Consul gewesen, ein im Kriege ausgezeichneter Mann – die Waffen, rief die Übrigen zur Bewaffnung auf, und rannte herbei: und während jene zusammeneilten, warf er den schon oben stehenden Gallier durch einen Stoß mit dem Bauche seines Schildes hinunter. Als der Sturz des Gefallenen die Nächsten umstieß, erlegte Manlius einige Andre in ihrer Bestürzung, die mit Wegwerfung der Waffen die Klippen, an denen sie hingen, mit den Händen umklammerten: nun sammelten sich schon mehrere zu ihm und trieben den Feind mit Pfeilen und Wurfsteinen ab, so daß das ganze Kohr zusammenfallend über Hals über Kopf hinabstürzte.

Als sich der Aufruhr gelegt hatte, überließen sie sich, so weit es der Schrecken gestattete, da auch die überstandene Gefahr sie noch in Spannung erhielt, für den übrigen Theil der Nacht dem Schlafe. Mit Anbruch des Tages berief ein Trompetenstoß die Soldaten zur Versammlung vor den Kriegstribunen, um dem Verdienste sowohl, als der Pflichtvergessenheit ihren Lohn widerfahren zu lassen; und zuerst wurden dem Manlius für seine Tapferkeit Lob und Geschenke, nicht bloß von den Kriegstribunen, sondern auch einmüthig von den Soldaten: denn sie brachten ihm jeder ein halbes Pfund Speltkorn und ein Viertelmaß Wein in sein auf der Burg belegenes Haus; ein kleines Geschenk, das aber der Mangel zu einem auffallenden Beweise der Liebe machte, insofern jeder mit Verkümmerung 477 seiner eignen Lebensmittel den Beitrag zur ehrenvollen Gabe für den Einen Mann seiner Person und seinen nöthigsten Bedürfnissen entzog. Darauf wurden die Wachen des Postens vorgefordert, wo man den heransteigenden Feind unbeachtet gelassen hatte; und obgleich der Kriegstribun Quintus Sulpicius erklärte, er werde die Strafe nach Kriegsrecht an Allen vollziehen, so ließ er sich doch durch das einstimmige Geschrei der Soldaten, womit sie nur Einem Wächter die Schuld beimaßen, von der Bestrafung der übrigen zurückhalten, und zur allgemeinen Zufriedenheit den Einen, dieser Schuld offenbar überwiesenen, vom Felsen hinabstürzen. Seitdem waren die Wachen von beiden Seiten aufmerksamer; bei den Galliern, weil es auskam, daß zwischen Veji und Rom Boten ab- und zugingen; und bei den Römern, weil ihnen die Gefahr jener Nacht im Andenken blieb.

48. Aber mehr, als alle Leiden der Belagerung und des Krieges, drückte beide Heere die Hungersnoth; ja die Gallier auch eine Seuche, weil sie auf einem zwischen Hügeln gelegenen Boden ihr Lager hatten, der noch dazu durch die Feuersbrünste erhitzt und voll Dampf war, und so wie sich ein Wind erhob, nicht allein Staub, sondern auch Asche verbreitete: und da sie, mit dem Allen unverträglich, als ein an Nässe und Kälte gewöhntes Volk, von Hitze und Beklemmung gequält, an der Seuche, wie angesteckte Heerden, hinstarben, so verbrannten sie zuletzt, aus Unlust, jeden Todten zu begraben, ganze Haufen ohne Unterschied zusammengeworfener Leichen, und veranlaßten dadurch die den Platz auszeichnende Benennung der Gallischen Brandstäten.

Darauf schlossen sie mit den Römern Waffenstillstand und mit Bewilligung der Feldherren stellte man Unterredungen an: und da die Gallier in diesen den Römern mehrmal den Hunger vorhielten, der sie zwinge, sich auf die Übergabe einzulassen, so warf man, wie erzählt wird, um diesen Verdacht von sich abzuwenden, an mehrern Orten vom Capitole Brot unter die feindlichen Posten.

478 Nun aber ließ sich die Hungersnoth eben so wenig länger verheimlichen, als ertragen. Während also der Dictator in Ardea die Werbung durch eignen Einfluß leitete, den Magister Equitum Lucius Valerius das Heer von Veji abführen ließ und alle Verfügungen und Vorkehrungen traf, um dem Feinde beim Angriffe gewachsen zu sein; sah das Capitolinische Heer, das von Postenstehen und Wachen erschöpft dennoch allen menschlichen Leiden Trotz bot, dem aber die Natur selbst die Besiegung des Hungers versagte, von einem Tage zum andern darnach aus, ob sich gar keine Hülfe vom Dictator zeigen wolle: und da endlich mit den Lebensmitteln auch die Hoffnung ausging, und bei dem beständigen Fortgange des Postendienstes fast die Waffen allein den entkräfteten Körper zu Boden drückten; so verlangte es Übergabe oder Loskaufung unter jeder Bedingung: denn die Gallier hatten sich nicht undeutlich verlauten lassen, sie würden sich für einen nicht hohen Preis zur Aufhebung der Belagerung geneigt finden lassen. Der Senat wurde berufen und den Kriegstribunen der Auftrag gegeben, einen Vergleich einzugehen. Der Kriegstribun Quintus Sulpicius und der Fürst der Gallier, Brennus, brachten die Sache in einer Unterredung zu Stande, und der Preis des Volkes, welches demnächst die Welt beherrschen sollte, wurde zu tausend Pfund GoldWie hoch der Werth des Goldes zu Rom in den Zeiten des Brennus stand, läßt sich schwerlich ausmitteln. Späterhin, als die Römer Gold prägten, schlugen sie aus einem Römischen Pfunde Gold 40 Goldstücke, deren jedes den Werth von 25 Silberdenaren hatte, also (den Silberdenar zu 4 Ggr. gerechnet) 4 Thlr. 4 Ggr. unsres Geldes betrug. Folglich gäben die 1000 Pfund Gold die Summe von 166,666 Thlr. 16 Ggr. Stroth hat sie (ich weiß aber nicht, nach welcher Annahme) zu 225,000 Thlr. berechnet. Setzen wir das Römische Goldstück unsern Luidoren gleich, so hätten wir die runde Summe von 200,000 Thlr, Crevier giebt 1562 Pariser Marken an. bestimmt. Die darin liegende Schande wurde noch durch eine Unwürdigkeit erhöhet. Die Gallier brachten falsche Gewichtstücke her, und da sie der Tribun nicht gelten lassen wollte, warf der übermüthige Gallier noch sein Schwert zu den Gewichten, und ließ den einem Römischen Ohre unerträglichen Ausruf hören: «Besiegte müssen leiden!»

479 49. Doch Götter und Menschen wandten es ab, daß die Römer nicht als Erkaufte leben sollten. Es mußte sich so fügen, ehe noch der schändliche Kauf beendet werden konnte, weil über den Wortwechsel noch nicht alles Gold dargewogen war, daß der Dictator dazu kam, das Gold auf die Seite zu thun und die Gallier wegzuweisen gebot. Als diese sich sträubend den Vertrag vorschützten, sagte er, der Vergleich sei ungültig, weil er nach seiner Ernennung zum Dictator ohne sein Geheiß von einer untergeordneten Obrigkeit geschlossen sei, und deutete den Galliern an, sich zum Treffen bereit zu halten. Seine Krieger aber hieß er ihr Gepäck auf einen Haufen werfen, die Waffen anlegen, und das Vaterland mit dem Schwerte, nicht mit Golde, wieder erwerben, da sie jetzt die Heiligthümer der Götter, ihre Gattinnen und Kinder, den durch die Leiden des Krieges verunstalteten Boden ihrer Vaterstadt, und lauter Dinge vor Augen hätten, deren Vertheidigung, Wiedereroberung und Rache die Pflicht gebiete. Darauf stellte er sein Heer, so gut es die Beschaffenheit des Platzes gestattete, auf dem Boden einer halbzerstörten Stadt, der an sich selbst schon uneben war; und was durch Kriegskunst den Seinigen zum Vortheile gewählt und vorbereitet werden konnte, das Alles veranstaltete er. Die Gallier, über den unerwarteten Auftritt bestürzt, griffen zu den Waffen, und rannten mehr mit Leidenschaft, als Überlegung auf die Römer ein.

Schon hatte sich das Glück gewandt: schon begünstigte der Beistand der Götter, mit der menschlichen Leitung in Verbindung, die Sache Roms. Also wurden die Gallier im ersten Zusammentreffen eben so leicht geworfen, als sie an der Allia gesiegt hatten. In einer zweiten, mehr förmlichen, Schlacht wurden sie am achten Meilensteine auf dem Wege nach Gabii, wohin sich ihre Flucht gewandt hatte, unter der glücklichen Anführung eben dieses Camillus abermals geschlagen. Hier war das Gemetzel allgemein; ihr Lager wurde erobert und nicht einmal ein Bote ihres Unglücks entrann.

Der Dictator, der sein Vaterland den Feinden abgewonnen hatte, zog triumphirend in die Stadt, und die 480 Soldaten nannten ihn in den Freudenliedern, die sie in rohen Versen ertönen lassen, mit nicht unverdientem Lobe einen Romulus, einen Vater des Vaterlandes und zweiten Stifter der Stadt. Und nachher erhielt er die im Kriege gerettete Vaterstadt unstreitig zum zweitenmale im Frieden dadurch, daß er die Auswanderung nach Veji vereitelte, obgleich die Tribunen nach Einäscherung der Stadt diesen Vorschlag noch eifriger betrieben, und die Bürger von selbst zu dem Entschlusse weit geneigter waren. Dies war auch der Grund, warum er nach dem Triumphe die Dictatur nicht niederlegte; denn der Senat bat ihn, den Stat nicht in dieser ungewissen Lage zu hinterlassen.

50. Vor allen Dingen brachte er, wie er selbst ein sehr gewissenhafter Beobachter der Gottesverehrungen war, die in Hinsicht auf die unsterblichen Götter nöthigen Verfügungen zum Vortrage, und bewirkte den Senatsschluß, «daß alle heilige Stäten, weil sie der Feind besetzt gehabt habe, wieder hergestellt, begränzt und gereinigt, und über die Art ihrer Reinigung die heiligen Bücher von den Duumvirn befragt werden sollten. Mit den Einwohnern von Cäre sollte der Stat den Bund des Gastrechts knüpfen, weil sie die Heiligthümer des Römischen Volks und seine Priester aufgenommen hätten, und man die Nichtunterlassung der den unsterblichen Göttern gebührenden Verehrung der Wohlthat dieses Volks zu verdanken habe. Ferner: es sollten Capitolinische Spiele dem allmächtigen Jupiter zu Ehren angestellt werden, weil er seinen Sitz und die Burg des Römischen Volks in der Noth geschützt habe; und der Dictator Marcus Furius sollte hierzu eine Gesellschaft von Männern ernennen, die auf dem Capitole und der Burg wohnten.» Auch wurde in Erinnerung gebracht, daß man die nächtliche Stimme, die sich vor dem Gallischen Kriege als Verkündigerinn des Unglücks habe hören lassen und nicht beachtet sei, zu versöhnen habe, und der Befehl gegeben, am Neuen Wege dem Ajus LocutiusVon Aio, ich bejahe, sage an, und Loquor, ich spreche, nannte man Gott, der die Stimme hatte hören lassen, und den man nicht errathen konnte, den Aius-Locutius, den anzeigenden Sprecher. einen Tempel zu bauen. Sowohl 481 das den Galliern entrissene, als auch das übrige Gold, das man aus andern Tempeln in der Eile in Jupiters Allerheiligstes zusammengetragen hatte, wurde auf Befehl, weil man sich nicht entsinnen konnte, in welche Tempel es zurückzuliefern sei, zusammen für Kirchengut erklärt und unter Jupiters Thronsessel niedergelegt. Das im State herrschende Religionsgefühl hatte sich schon früher dadurch zu erkennen gegeben, daß man, weil im Schatze nicht Gold genug vorräthig war, um die Summe des, den Galliern versprochenen, Kaufgeldes voll zu machen, bloß in der Absicht, sich an heiligem Golde nicht zu vergreifen, die Frauen höheres Standes das ihrige hergeben ließ. Dafür wurde den Frauen Dank abgestattet, und außerdem die Ehre zugestanden, daß ihnen, wie den Männern, nach dem Tode eine Lobrede gebühren sollte.

Nachdem er so Alles, was die Götter betraf, und durch den Senat betrieben werden konnte, ausgerichtet hatte, so trat er nun auch, weil die Bürgertribunen in ihren fortgesetzten Versammlungen bei dem Volke darauf drangen, daß es mit Hinterlassung der Trümmer in die bereit stehende Stadt Veji hinüberziehen möchte, im Gefolge des ganzen Senats vor der Versammlung auf und hielt folgende Rede:

51. «Die Streitigkeiten mit den Bürgertribunen sind mir so zuwider, ihr Quiriten, daß mir theils meine höchst traurige Verbannung, so lange ich in Ardea lebte, doch wenigstens den Trost gewährte, mich weit genug von diesen Zwistigkeiten entfernt zu wissen; theils daß ich, gerade in Rücksicht auf diese, entschlossen war, wenn ihr mich auch durch Senatsschluß und Volksbefehl zurückrufen lassen solltet, dennoch nie zurückzukommen. Auch jetzt hat mich zur Rückkehr nicht meine Sinnesänderung vermocht, sondern euer Schicksal: denn jetzt kam es darauf an, daß die Vaterstadt auf ihrer Stelle stehen blieb, nicht darauf, daß gerade ich in der Vaterstadt lebte. 482 Und so würde ich mich auch jetzt von Herzen gern ruhig und schweigend verhalten, wenn nicht auch dieser Kampf der Vaterstadt gölte: und ihr sich entziehen, so lange man noch einiges Leben übrig hat, ist für Andre eine Schande, für den Camillus sogar Todsünde. Denn wozu haben wir sie wiedererobert? wozu die Belagerte den Händen der Feinde entrissen, wenn wir die Wiedergewonnene selbst verlassen; wenn jetzt, – obgleich mitten im Siege der Gallier, als sie die ganze Stadt besetzt hatten, dennoch Römische Götter und Römische Männer das Capitol und die Burg behaupteten und bewohnten – jetzt, nach dem Siege der Römer, nach Wiedererwerbung der Stadt, selbst auch die Burg und das Capitol verlassen werden soll? wenn unser Glück eine größere Verwüstung über diese Stadt bringen soll, als unser Unglück ihr brachte? Hätten wir keine Gottesverehrungen, die zugleich mit unsrer Stadt gegründet und uns erblich überliefert wären, so begleitete dennoch die Schicksale Roms eine höhere Einwirkung so augenscheinlich, daß ich wenigstens glauben würde, alle Nachlässigkeit gegen Gottesverehrung sei bei den Leuten vertilgt. Betrachtet nur, entweder die günstigen oder die widrigen Schickungen dieser Jahre nach der Reihe: ihr werdet finden, daß uns Alles gelang, wenn wir den Göttern folgten; Alles mislang, wenn wir sie verachteten. Gleich zuerst der Vejentische Krieg – wie viele Jahre, mit welcher Mühseligkeit führten wir ihn! – fand nicht eher sein Ende, bis wir auf Erinnerung der Götter aus dem Albanersee das Wasser ableiteten. Und nun vollends dies letzte Unglück unserer Stadt? erhob es sich eher, als bis wir jene Stimme, die vom Himmel herab die Ankunft der Gallier verkündete, misachteten? bis unsre Gesandten das Völkerrecht verletzten? bis wir diese Verletzung, die wir bestrafen mußten, aus gleicher Achtlosigkeit gegen die Götter unbemerkt ließen? So haben wir denn als Besiegte, als Eroberte, als Losgekaufte, bei Göttern und Menschen so gebüßt, daß wir der Welt ein Beispiel der Warnung geworden sind. Da erinnerte uns unser 483 Unglück an die Verehrung der Götter. Wir nahmen unsre Zuflucht auf das Capitol zu den Göttern, zum Sitze des allmächtigen Jupiter: wir bargen, obgleich der Stat über uns zusammenstürzte, die Heiligthümer zum Theile in der Erde, zum Theile verwahrten wir sie, in die benachbarten Städte entführt, vor den Blicken der Feinde; und von Göttern und Menschen verlassen, unterließen doch wir den Dienst der Götter nicht. Da gaben sie uns unsre Vaterstadt, den Sieg, und die alte verlorene Kriegsehre wieder und wandten Schrecken, Flucht und Verderben auf den Feind, der, von Geiz geblendet, bei Darwägung des Goldes Vergleich und Treue brach.»

52. «Wenn ihr nun diese über Achtung und Nichtachtung der Gottheit so belehrenden Denkmale in den Begebenheiten der Welt vor Augen sehet, wird es euch dann nicht einleuchtend, ihr Quiriten, zu welchem neuen Frevel wir, die wir so eben dem Schiffbruche unsrer früheren Verschuldung und Niederlage entsteigen, uns fertig machen? Wir haben eine Stadt, die durch göttliche Zustimmung und Weihe gegründet ward; jeder Platz in derselben hat seine Heiligkeiten, seine Götter; zu den eingeführten Opfern sind die Tage nicht eigentlicher, als die Plätze, an denen sie gebracht werden sollen, festgesetzt. Und alle diese Götter, des Stats sowohl, als eurer Häuser, ihr Quiriten, wollt ihr verlassen? Wie wenig stimmet euer Benehmen mit dem überein, das neulich in der Belagerung an dem ausgezeichneten Jünglinge, dem Cajus Fabius, zu nicht geringerer Bewunderung der Feinde, als der eurigen, so sehr in die Augen fiel; als er unter den Pfeilen der Gallier von der Burg herabschritt und das dem Fabischen Geschlechte gewöhnliche Opfer auf dem Quirinalischen Hügel ausrichtete! Oder wollt ihr nur die Familienopfer auch im Kriege nicht unterbrechen lassen, und die Opfer des States und die Götter Roms auch im Frieden aufgeben? und sollen die Oberpriester und Eigenpriester in den öffentlichen Religionsgebräuchen nachlässiger sein dürfen, als es ein Privatmann gegen eine Herkömmlichkeit seines Geschlechtes war?»

«Vielleicht möchte jemand sagen: Entweder können wir das Alles zu Veji verrichten, oder aber von dort unsre Priester zur Ausrichtung hieher senden. – Keins von beiden kann geschehen, ohne den Gottesdienst aufzuheben. Um nicht jede Art von Opfern und die sämtlichen Götter anzuführen; kann beim Gottesmahle Jupiters die Tafel anderswo bereitet werden, als auf dem Capitole? Soll ich des ewigen Feuers der Vesta und ihres Bildes erwähnen, das als Unterpfand unsrer Oberherrschaft Anspruch auf Verwahrung in diesem Tempel macht? oder eurer heiligen SchildeS. Buch I. Cap. 20. , Schreitender Mars und du, Vater Quirinus? das Alles sollen wir hier auf entweiheter Stäte lassen? Heiligthümer, die so alt sind als die Stadt? zum Theile noch über den Ursprung der Stadt hinausgehen?»

«Und nun beherzigt den Unterschied zwischen uns und unsern Vorfahren. Sie haben uns gewisse Opfer, zur Ausrichtung auf dem Albanerberge und zu Lavinium, hinterlassen. Machten sie sich ein Gewissen daraus, Opfer aus der Feinde Städten hieher nach Rom zu verlegen: und wir sollten ohne Versündigung die unsrigen nach Veji, in eine Stadt der Feinde, verlegen können? Erinnert euch doch, ich bitte euch, wie oft gottesdienstliche Feierlichkeiten von neuem beginnen müssen, weil durch Unachtsamkeit oder Zufall in den väterlichen Gebräuchen etwas verabsäumt war. Was wurde noch neulich, nächst der Hindeutung auf den Albanersee, für unsern am Vejenterkriege leidenden Stat das Heilmittel, als die wiederholte Weihe des Opferdienstes und die Erneuerung des Rechts, die Vögel zu befragen? Sogar haben wir, gleich als hielten wir noch etwas auf unsre alten Gottesverehrungen, theils fremde Götter nach Rom herübergebracht, theils neue aufgestellt. Wie merkwürdig und feierlich wurde nicht neulich durch die rühmliche Bemühung der ersten Römerinnen der Tag, an dem wir der von Veji herübergefahrnen Königinn Juno die ihr geweihete Stelle 485 auf dem Aventinus gaben? Dem Ajus Locutius ließen wir, wegen der vom Himmel erschollenen Stimme, am Neuen Wege einen Tempel bauen: unsre feierlichen Gebräuche vermehrten wir mit Capitolinischen Spielen, und stifteten, auf des Senates Gutachten, hierzu eine neue Gesellschaft. Wozu war eine einzige von diesen Anstalten nöthig, wenn wir, mit den Galliern zugleich, die Stadt der Römer verlassen wollten? wenn wir während der Belagerung von so vielen Monaten auf dem Capitole nicht aus eigner Wahl geblieben sind, sondern uns dort nur die Furcht vor den Feinden festhielt?»

«Wir reden von den Opfern? von den Tempeln? was soll ich aber von den Priestern sagen? Fällt euch nicht ein, welch eine Sünde begangen werden würde? Für die Vestalinnen ist ja nur jener Sitz der einzige, aus welchem nie irgend ein Vorwand sie entfernen konnte, die Eroberung der Stadt ausgenommen. Für den Eigenpriester Jupiters ist es eine Todsünde, eine einzige Nacht aus der Stadt zu bleiben. Wollt ihr diese aus Priestern Roms zu Vejentern machen? Und sollen deine Vestalinnen dich, Vesta, verlassen? und der Eigenpriester durch seine Wohnung außerhalb für jede Nacht sich und den Stat mit einer solchen Todsünde beladen? Sollen wir ferner alles das, was wir unter Beistimmung der Vögel meistentheils innerhalb der Ringmauer besorgen, so der Vergessenheit, so der Verabsäumung preisgeben? An welchem andern Orte können die Vögel zur Wahlversammlung nach Curien, die die Angelegenheiten des Kriegswesens bestimmt, oder zu der nach Centurien, in der ihr eure Consuln und Kriegstribunen wählt, ihre Zustimmung geben, als da, wo sie immer gehalten werden? Wollen wir sie nach Veji verlegen? oder soll das Volk mit so vieler Beschwerlichkeit in dieser von Göttern und Menschen verlassenen Stadt sich zur Wahl einfinden?»

53. «Allein die Sache selbst zwingt uns ja, eine durch Brand und Zertrümmerung verwüstete Stadt zu verlassen, und in ein unversehrtes Ganzes nach Veji zu ziehen, statt hier den unvermögenden Bürgerstand mit dem Bauen zu 486 plagen? Daß diese Angabe mehr Vorwand, als wahrer Grund sei, muß euch, ihr Quiriten, meiner Meinung nach, ohne daß ich es sage, einleuchten, da ihr euch erinnert, daß schon vor der Ankunft der Gallier, als noch alle öffentlichen und Privatgebäude standen und die Stadt noch nichts gelitten hatte, eben dieser Vorschlag, nach Veji hinüberzuziehen, betrieben wurde. Und hier sollt ihr nun sehen, ihr Tribunen, wie sehr meine Meinung von der eurigen verschieden ist. Ihr glaubt, wenn wir es auch damals nicht hätten thun müssen, so müßten wir's doch durchaus jetzo thun: ich hingegen – und darüber wundert euch nicht, so lange ihr das wahre Verhältniß noch nicht gehört habt – ich würde, wenn man auch damals hätte wegziehen müssen, als die ganze Stadt noch unversehrt stand, mich jetzt dafür erklären, diese Trümmer nicht zu verlassen. Denn damals wäre die Veranlassung, in die eroberte Stadt hinüberzugehen, unser Sieg gewesen, ruhmvoll für uns und unsre Nachkommen: jetzt aber ist die Wanderung für uns traurig und schimpflich, und für die Gallier ruhmvoll: denn wir haben dann nicht den Schein, unsre Vaterstadt als Sieger verlassen, sondern als Besiegte verloren zu haben; hierzu durch die Flucht an der Allia, hierzu durch die Eroberung der Stadt, durch die Belagerung des Capitols gezwungen gewesen zu sein, unsre Schutzgötter zu verlassen, und uns selbst Verbannung und Flucht aus einem Orte aufzuerlegen, den wir nicht hätten behaupten können. Und so sollten die Gallier Rom haben zerstören können, welches die Römer, wie der Schein lehren würde, nicht wieder herstellen könnten? Es fehlt weiter nichts, als daß ihr, wenn sie jetzt mit neuen Volkshaufen kommen sollten – man weiß ja, daß ihrer eine kaum glaubliche Menge ist – und in dieser, von ihnen eroberten, von euch verlassenen, Stadt zu wohnen verlangten, dies geschehen ließet. Wie, wenn nicht die Gallier, sondern eure alten Feinde, die Äquer oder Volsker, auf den Einfall kämen, sich nach Rom zu versetzen, wolltet ihr dann, daß sie die Römer waren und ihr die Vejenter? Oder wollt ihr, ehe es eine Stadt der Feinde sein soll, lieber eine euch gehörende Einöde daraus werden lassen? Ich sehe in der That nicht, welches von beiden größerer Frevel sein würde. Und könnt ihr, bloß aus Unlust zum Bauen, Entschlossenheit genug haben, diese Gräuel, diese Schimpflichkeiten, auf euch zu nehmen? Ließe sich in der ganzen Stadt kein besseres oder ansehnlicheres Gebäude aufführen, als jene Hütte unsers Stifters ist, wäre es euch dann nicht gleichwohl wünschenswerther, in der Mitte eurer Heiligthümer und Schutzgötter in Hütten, nach Art der Hirten und Landleute, zu wohnen, als mit dem ganzen State ins Elend zu wandern? Unsre Vorfahren – Ankömmlinge und Hirten – baueten auf dieser Stelle, wo es nichts als Wald und Sümpfe gab, in so kurzer Zeit eine neue Stadt: und 487 wir, die wir das Capitol und die Burg unversehrt, die Tempel der Götter stehen sehen, sind zu verdrossen, das Niedergebrannte wieder aufzubauen? und was wir jeder einzeln thun mußten, wenn einem das Haus abbrannte, dies bei dem Brande, der das Ganze traf, mit vereinter Kraft zu thun, wollten wir uns weigern?»

54. «Und wie dann, wenn durch Bosheit oder Zufall eine Feuersbrunst zu Veji ausbräche, und die Flamme, – was doch möglich ist – vom Winde verbreitet, einen großen Theil der Stadt verzehrte, wollen wir von dort nach Fidenä, oder Gabii, oder einer andern Stadt uns umsehen, in die wir weiter zögen? Fesselt euch denn der vaterländische Boden so wenig? nicht diese Erde, die wir Mutter nennen? und trifft unsre ganze Vaterlandsliebe bloß die Oberfläche und die Balken? Mir wenigstens – ich will es euch gestehen, ob mir gleich die Erinnerung an euer Unrecht noch unwillkommener ist, als die an mein Unglück – mir traten, so oft ich in meiner Entfernung an meine Vaterstadt dachte, alle diese Dinge vor die Seele, die Hügel, die Gefilde, die Tiber, die Gegend, an die sich mein Auge gewöhnt hatte, und dieser Himmel, unter dem ich geboren und erzogen war; lauter Gegenstände, die euch lieber jetzt, ihr Quiriten, durch die auf ihnen haftende Liebe rühren sollten, als daß ihr euch nachher, wenn ihr sie verlassen haben solltet, durch die Sehnsucht nach ihnen martern lasset.»

«Nicht ohne Ursache haben Götter und Menschen für die anzulegende Stadt diesen Platz gewählt; so äußerst gesunde Hügel; einen Strom, so glücklich gebettet, daß er uns aus dem Mittellande die Früchte herabführt, und die Zufuhr von der See in Empfang nimmt; das Meer für unsre Vortheile nahe genug, und doch nicht durch zu große Nähe der Gefahr von fremden Flotten ausgesetzt; einen Platz, der als Mittelpunkt der Landschaften Italiens zum Emporkommen einer Stadt einzig geschaffen ist. Zum Beweise dient selbst die Größe dieser so neuen Stadt. Es ist jezt ihr dreihundert und fünfundsechzigstes Jahr, ihr Quiriten: von so vielen uralten Völkern umgeben führt ihr schon seit so langer Zeit Krieg, und in dieser ganzen Zeit sind euch – ich mag von einzelnen Städten nichts sagen – weder die mit den Äquern verbundenen Volsker, mit ihren vielen und mächtigen Städten, noch das gesamte Hetrurien, das zu Lande und zu Wasser so viel vermag, das die ganze Breite Italiens zwischen zwei Meeren im Besitze hat, im Kriege gleich. Wenn dem also ist, wie zum Henker! geht es zu, daß ihr mit etwas anders, als dem, was euch schon Probe gehalten hat, die Probe machen wollt; da sich doch, wenn auch eure Tapferkeit an einen andern Ort übergehen kann, wenigstens das auf dieser Stäte ruhende Glück nicht verlegen läßt? Hier steht das Capitol, wo man einst einen Menschenkopf fand, und die Erklärung hörte, diese Stäte solle das Haupt der Welt und der Sitz der Oberherrschaft werden. Hier ließen sich, als man mit Genehmigung der Vögel zum Platze für das Capitol die andern Tempel wegräumte, zur höchsten Freude unsrer Vorältern, die Göttinn der Jugend und der Gott der Gränzen ihren Platz nicht nehmen. Hier ist das Feuer der Vesta, hier sind die vom Himmelgesandten heiligen Schilde, hier die Götter alle, die, wenn ihr bleibt, euch segnen.»

55. Die ganze Rede des Camillus soll auf die Bürger Eindruck gemacht haben, hauptsächlich aber der Theil, der auf die Götter Rücksicht nahm. Doch gab ein Ausruf, der hier sehr passend kam, der noch ungewissen Sache den Ausschlag. Denn als kurz nachher über eben diese Angelegenheit im Hostilischen Rathhause Senat gehalten wurde, traf es sich, daß die Cohorten, die von der Wache zurückkamen, über den Markt zogen, und auf dem Versammlungsplatze ein Hauptmann ausrief: «Hier, Fähnrich, pflanze die Fahne! hier ist die beste Stelle zum Bleiben!» Kaum hörten die Senatoren diese Worte, so kamen sie aus dem Rathhause und riefen alle: «Sie nähmen die Vorbedeutung an;» und das herzuströmende Volk gab seine Beistimmung. Als darauf der Vorschlag verworfen war, fing man an vielen Orten an zu bauen. Die Ziegel gab der Stat; und Jedem wurde frei gegeben, Steine und Holz zu hauen, wo er wollte; doch mußte er Bürgen stellen, daß er in diesem Jahre den Bau vollenden wolle. Die Eilfertigkeit ließ es nicht zu, auf die Richtung der Gassen zu achten, da jeder, ohne Rücksicht auf eignen oder fremden Boden, auf dem Platze bauen durfte, den er leer fand. Dies ist der Grund, warum die alten Ableitungsgraben, die ehemals den Straßen folgten, jetzt unter mehreren Privathäusern durchgehen, und die Ansicht der Stadt mehr eilige Besitznahme, als Austheilung des Platzes zu erkennen giebt.

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