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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 28
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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14. Dies waren die Thaten dieses Jahrs. Schon nahete der Tag der Kriegstribunenwahl heran, die den Vätern beinahe mehr Sorge machte, als der Krieg: denn sie sahen ja, daß sie die höchste Gewalt nicht bloß mit dem Bürgerstande getheilt, sondern beinahe verloren hatten. Ob sie also gleich die angesehensten Männer, welche man zu übergehen sich schämen müßte, durch Verabredung aufgeboten hatten, sich um das Amt zu bewerben; so zogen sie gleichwohl, um auch für ihre Person nichts unversucht zu lassen, als bewürben sie sich sämtlich, nicht Menschen allein, sondern auch die Götter in ihren Bund, indem sie die Wahlen der beiden letzten Jahre zu einer Sache des Himmels machten. «Im ersten Jahre sei ein unerträglicher Winter eingetreten, den man nur mit der Andeutung göttlicher Strafgerichte vergleichen könne. Im letzten sei nicht als bloße Andeutung, sondern schon als Erfolg, eine Seuche über Stadt und Land ausgebrochen, unläugbar durch den Zorn der Götter, da man selbst in den Büchern der Schicksale gefunden habe, daß man sie, wenn sie die Pest abwenden sollten, versöhnen müsse. Die Götter hätten mit Misfallen bemerkt, daß auf den Wahlen, über welche man doch die Vögel befrage, die Ämter an Jedermann gegeben und die Abgränzungen der Familien zerrüttet würden.» Das Volk, außer dem Eindrucke, den die Würde der Bewerber machte, von frommer Angst erschüttert, wählte zu Kriegstribunen mit Consulgewalt lauter Patricier, großentheils solche, die schon mehrmals die höchsten Stellen bekleidet hatten, den Lucius Valerius Potitus zum fünftenmale, den Marcus Valerius Maximus, den Marcus Furius Camillus zum dritten-, Lucius Furius Medullinus zum dritten-, Quintus Servilius Fidenas zum zweiten-, Quintus Sulpicius Camerinus zum zweitenmale. Unter diesen Tribunen fiel bei Veji nichts besonders Merkwürdiges vor. Die ganze Thätigkeit zeigte sich in Plünderungen. Die beiden höchsten Feldherren, Potitus und Camillus, trieben große Beute zusammen, 426 jener im Gebiete von Falerii, dieser von Capena, und ließen nichts verschont, was nur vom Feuer oder Schwerte leiden konnte.

15. Unterdeß wurden viele Schreckzeichen gemeldet, von denen man die meisten nicht sonderlich glaubte oder achtete, theils weil sie von Einzelnen berichtet wurden, theils weil man bei dem Kriege mit den Hetruskern keine Opferschauer hatte, durch welche man sie hätte abwenden lassen können. Eins aber erregte allgemeine Besorgniß, daß nämlich der See im Albanerwalde ohne alle Regengüsse, oder sonst einen Grund, der der Sache das Wunderbare genommen hätte, zu einer ungewöhnlichen Höhe stieg. Was die Götter durch dieses Zeichen andeuten möchten, dies zu erfragen, schickte man Gesandte an das Delphische Orakel: allein durch die Fügung des Schicksals mußte sich ein näherer Ausleger finden, ein betagter Vejenter, der gegen die auf den Posten und Wachen sich neckenden Römischen und Hetruskischen Soldaten im Tone eines Propheten verkündigte: «Ehe nicht aus dem Albanischen See das Wasser abgelassen sei, werde der Römer Veji nie gewinnen.»

Anfangs achtete man dies, als nur so hingeworfen, gar nicht: dann wurde darüber herumgesprochen; bis endlich einer vom Römischen Vorposten bei dem nächsten von den Belagerten sich erkundigte, – denn die Langwierigkeit des Krieges gestattete gegenseitige Unterredungen; – wer denn der sei, der sich so räthselhaft über den Albaner See äußere; und auf die Nachricht, er sei ein Opferschauer, da er selbst gegen göttliche Dinge nicht gleichgültig war, den Propheten unter dem Vorwande, er werde ihn, falls er sich darauf einlassen wollte, über ein ihm selbst gewordenes Wunderzeichen zu Rathe ziehen, zu einer Zusammenkunft herauslockte. Als sich nun beide wehrlos und ohne alles Mistrauen etwas weiter von den Ihrigen entfernt hatten, faßte der kraftvolle junge Römer den schwachen Greis vor aller Augen auf, und trug ihn unter vergeblichem Lärmen der Hetrusker zu den Seinigen hinüber. Vor den Feldherrn geführt, und dann nach Rom an 427 den Senat geschickt, gab dieser auf die Frage, wie das zu verstehen sei, was er vom Albanersee geweissagt habe, zur Antwort:

«Ganz gewiß müßten die Götter an jenem Tage auf das Vejentische Volk ungnädig gewesen sein, an dem sie ihm die Stimmung gegeben hätten, die beschlossene Zerstörung seiner Vaterstadt kund zu thun. Was er also damals, von göttlicher Begeisterung getrieben, geweissagt habe, das könne er theils durch keinen Widerruf ungesagt machen, theils würde er vielleicht durch Verschweigung dessen, was die unsterblichen Götter kundgethan wissen wollten, eine nicht geringere Sünde auf sich laden, als wenn er das zu Verschweigende aussagte. So also laute die Überlieferung in den Büchern der Schicksale und in der Hetruskischen Lehre: Wann einst das Albanische Wasser zu hoch würde, und der Römer es gehörig ableitete, dann sei ihm der Sieg über die Vejenter beschieden: bevor dies nicht geschehe, würden die Götter die Mauern der Vejenter nicht verlassen.» Und nun setzte er aus einander, wie die Ableitung gehörig anzustellen sei. Da aber die Väter sein Wort für zu unwichtig und in einer so bedeutenden Angelegenheit für zu unsicher hielten, so beschlossen sie, die Gesandten und den Ausspruch des Pythischen Orakels abzuwarten.

16. Ehe aber die Statsboten von Delphi zurückkamen und man die Sühnmittel zur Berichtigung des Albanischen Wunderzeichens kennen lernte, kamen neue Kriegstribunen mit Consulgewalt ins Amt, Lucius Julius Iulus (2), Lucius Furius Medullinus zum viertenmale, Lucius Sergius Fidenas, Aulus Postumius Regillensis, Publius Cornelius Maluginensis (2), Aulus Manlius (3)Weil Livius hier bei dem Einen hinzusetzt, zum viertenmale; so habe ich durch die im Texte eingeschlossenen Zahlen, die entweder von Livius selbst, oder von seinen Abschreibern ausgelassene Angabe, wie oft jeder dieser Männer das Amt schon bekleidet hatte, bemerkt..

In diesem Jahre traten die Tarquinienser als neue Feinde auf. Weil sie sahen, daß die Römer mit so vielen gleichzeitigen Kriegen beschäftigt waren; gegen die 428 Volsker bei Anxur, wo diese die Besatzung eingeschlossen hielten; gegen die Äquer bei Lavici, – hier bestürmten diese die Römische Pflanzstadt, und außer dem Vejentischen Kriege mit dem gegen die Falisker und Capenaten; und daß in der Stadt selbst durch die Streitigkeiten der Väter und Bürger die Geschäfte nicht weniger gestört würden: so ließen sie einige leichte Cohorten zum Plündern in das Römische Gebiet einrücken, in der Voraussetzung, daß jetzt der beste Zeitpunkt zum Angriffe sei. Denn entweder würden die Römer dies Unrecht ungeahndet lassen, um sich nicht mit einem neuen Kriege zu belasten, oder es nur mit einem kleinen, mithin zu sclwachen, Heere rächen wollen.

Die Römer erfüllte die Tarquiniensische Plünderung mehr mit Unwillen, als Besorgniß. Darum machten sie weder große Anstalten dagegen, noch verschoben sie die Sache länger. Aulus Postumius und Lucius Julius boten eine Mannschaft auf, nicht durch förmliche Aushebung; denn diese verhinderten die Bürgertribunen; sondern beinahe aus lauter Freiwilligen, denen sie durch ihre Ermunterungen Lust gemacht hatten, zogen auf Querwegen durch das Gebiet von Cäre, überfielen die von ihren Plünderungen zurückkehrenden und mit Beute schwer beladenen Tarquinienser, hieben eine große Menge nieder, nahmen allen ihr Gepäck, und kehrten mit dem wiedergewonnenen Raube ihres eignen Landes nach Rom zurück. Zwei Tage wurden den Eigenthümern bewilligt, das Ihrige herauszufinden: was niemand anerkannte – dies war aber meistens feindliches Eigenthum – wurde am dritten unter einem aufgepflanzten Spieße verkauft, und der Ertrag unter die Soldaten vertheilt.

Der Ausgang der übrigen Kriege, vorzüglich des Vejentischen, blieb noch ungewiß. Ohne von menschlicher Macht etwas weiter zu erwarten, richteten die Römer ihren Blick auf die Schicksale und die Götter: da kamen die Gesandten von Delphi mit dem Ausspruche des Orakels zurück, der mit der Antwort des gefangenen Propheten übereinstimmete:

429 «Römer, das Albanerwasser darf der See nicht länger fassen; es darf auch nicht in seinem Strome in das Meer hinüberrinnen. Laß es die Gefilde netzen, über die du es durch Kunst verleitest: und tilg es, in Bäche zertheilt. Dann steig du kühn die Mauern der Feinde hinan, wohl wissend, daß dir über diese Stadt, die du seit Jahren schon umschließest, laut dieser jetzt enthüllten Sprüche der Sieg beschieden sei. Nach Endigung des Krieges sollst du Sieger ein herrliches Geschenk zu meinen Tempeln bringen; und väterlichen Gottesdienst, den du versäumtest, neu geweiht, nach seiner Weise verrichten.»

17. Nun bekam der gefangene Prophet ein großes Ansehen, und die Kriegstribunen Cornelius und Postumius nahmen ihn zur Besorgung des Albanischen Wunderzeichens und gültigen Aussöhnung der Götter in Rath. Auch fand man endlich, in welchem Stücke die Götter über vernachlässigten Gottesdienst und unterlassene Gebräuche zu klagen hatten: es sei gewiß nichts anders, als daß die fehlerhaft gewählten Obrigkeiten die Latinischen Feiertage und das Opfer auf dem Albanischen Berge nicht gehörig hätten ansetzen können. Das einzige Söhnungsmittel für alles dies bestehe darin, daß die Kriegstribunen ihr Amt niederlegten, das Recht der Vögelbefragung erneuert, und eine Zwischenregierung eingeschaltet würde. Dies Alles wurde nach einem Senatsschlusse vollzogen. Es folgten nach einander drei Zwischenkönige, Lucius Valerius, Quintus Servilius Fidenas, Marcus Furius Camillus. Dabei hörten die Unruhen niemals auf, weil die Bürgertribunen die Wahlen untersagten, bis man darüber eins sei, daß der größere Theil der Kriegstribunen aus dem Bürgerstande gewählt werden solle.

Indessen versammelte sich Hetrurien bei dem Heiligthume der Voltumna; und den Capenaten und Faliskern wurde auf ihren Antrag, daß die sämtlichen Völkerschaften Hetruriens, Eines Sinns und Eines Planes zum Entsatze von Veji wirken möchten, die Antwort gegeben: «Sie hätten das schon früher den Vejentern abgeschlagen, weil diese da, wo sie in einer so wichtigen Sache keinen 430 Rath verlangt hätten, auch keine Hülfe suchen dürften. Und jetzt mache diese Hülfsleistung für ihren Theil ihr Verhältniß gerade auf dieser Seite Hetruriens unmöglich. Ein nie gesehenes Volk, die Gallier, wären ihre neuen Nachbarn, mit denen sie weder sichern Frieden, noch ausgemachten Krieg hätten: so viel aber wollten sie dem gemeinschaftlichen Blute und Namen und der dringenden Gefahr ihrer Verwandten nachgeben, daß sie von ihren jungen Leuten niemand abhalten wollten, als Freiwilliger diesen Krieg mitzumachen.» Und nun sagte das Gerücht in Rom, daß diese sich in großer Anzahl als Feinde gestellt hätten: und, wie gewöhnlich, bekamen bei der allgemeinen Gefahr die innern Unruhen eine mildere Stimmung.

18. Die Väter hörten es nicht ungern, daß die erste Centurie den Publius Licinius Calvus ohne sein Gesuch zum Kriegstribun bestimmt habe, einen Mann, dessen Mäßigung sie bei seiner vorigen Amtsführung kennen gelernt hatten, der aber schon hochbejahrt war: und man sah, es würden alle seine damaligen Amtsgenossen der Reihe nach wieder gewählt werden, Lucius Titinius (2), Publius Mänius (2), Publius Mälius (2), Cneus Genucius (2), Lucius Atilius (2). Ehe aber ihre Namen den in der Reihe stimmenden Bezirken angezeigt wurden, trat Publius Licinius Calvus mit Erlaubniß des Zwischenkönigs auf und sprach: «Ich sehe, ihr Quiriten, ihr sucht in der Erneurung des Andenkens an unser Amt für das folgende Jahr eine Vorbedeutung der Eintracht, dieser vorzüglich zu jetziger Zeit so heilsamen Tugend. Wenn ihr meine Amtsgenossen wieder wählt, so werdet ihr an ihnen Männer haben, die auch an Erfahrung gewannen: in mir aber seht ihr nicht mehr denselben, nur noch den übrig gebliebenen Schatten vom Publius Licinius, nur noch den Namen; denn meine Körperkraft ist geschwächt, die Sinne des Gesichts und Gehörs stumpf, das Gedächtniß untreu, die Munterkeit des Geistes gelähmt. Aber hier– so fuhr er fort und faßte seines Sohnes Hand – hier zeige ich euch einen jungen Mann, das Ebenbild und den Abdruck 431 dessen, den ihr ehemals den ersten Kriegstribun vom Bürgerstande werden ließet. Ihn, in meiner Zucht gebildet, übergebe und weihe ich dem State als meinen Stellvertreter; und bitte euch, Quiriten, die ohne meine Bitte mir angebotene Würde, auf sein Gesuch und meine es begleitende Fürbitte ihm zu übertragen.» Man gewährte dies dem bittenden Vater, und sein Sohn Publius Licinius wurde mit den oben gemeldeten zum Kriegstribun mit consularischer Gewalt erklärt.

Die Kriegstribunen Titinius und Genucius, welche gegen die Falisker und Capenaten auszogen, und den Krieg mit mehr Muth, als Vorsichtigkeit, führten, stürzten in einen Hinterhalt. Genucius fiel unter den Vordersten des Vortrabes und büßte seine Unbesonnenheit durch einen ehrenvollen Tod. Titinius, der seine Soldaten aus der großen Unordnung auf einen ragenden Hügel zusammenzog, stellte die Linie wieder auf, ließ sich aber nie in der Ebene mit dem Feinde ein. Der Verlust war nicht so groß, als der Schimpf, der aber beinahe in eine bedeutende Niederlage übergegangen wäre; so groß war der Schrecken, den er nicht bloß in Rom; wo das Gerücht vielfach vergrößert erscholl, sondern auch im Lager vor Veji erregte. Hier ließen sich die Soldaten kaum von der Flucht zurückhalten, weil sich das Gerücht im Lager verbreitete, die siegreichen Capenaten und Falisker und Hetruriens ganze Kriegsmacht hätten das Heer und die Feldherren niedergehauen und wären schon in der Nähe. Noch beunruhigendere Nachrichten hatte man zu Rom geglaubt: das Lager vor Veji werde schon bestürmt; schon rücke ein Theil der Feinde in einem drohenden Schwarme gegen die Stadt heran; man lief auf die Mauern; und die Frauen, die der allgemeine Schrecken aus den Häusern trieb, stellten in den Tempeln feierliche Gebete an und drangen flehend in die Götter, sie möchten doch nun auch Roms Häuser, Tempel und Mauern vor dem Untergange schützen und dies Unglück auf Veji abwenden, da man die heiligen Gebräuche gehörig erneuert, und die Sühnung der Schreckzeichen besorgt habe.

432 19. Denn schon waren die Spiele der Latinischen Feiertage wieder angestellt, schon aus dem Albanischen See das Wasser auf die Felder geleitet und das Schicksal zog über Veji heran. Und so mußte auch der vom Verhängnisse zur Zerstörung dieser Stadt und zur Rettung seines Vaterlandes bestimmte Feldherr, Marcus Furius Camillus, zum Dictator ernannt werden, der den Publius Cornelius Scipio zu seinem Magister Equitum ernannte.

Mit der Veränderung des Feldherrn änderte sich auf einmal Alles. Es schien eine neue Hoffnung, ein neuer Muth bei den Leuten, und für die Stadt ein neues Glück aufzugehen. Gleich zuerst bestrafte er die, welche in jenem Schrecken von Veji geflohen waren, nach Kriegsrecht, und bewirkte dadurch, daß der Feind dem Soldaten nicht gerade das Furchtbarste war. Nachdem er darauf die Aushebung auf einen bestimmten Tag angesetzt hatte, machte er indeß, um den Soldaten Muth einzuflößen, eine Zwischenreise nach Veji: von hier kam er nach Rom zur Werbung des neuen Heeres zurück; und niemand weigerte sich zu dienen. Auch fanden sich die Jünglinge des Auslandes an, Latiner und Herniker, und versprachen zu diesem Kriege ihre Dienste. Dafür dankte ihnen der Dictator im Senate, und als er mit allen Vorbereitungen zum Feldzuge fertig war, gelobte er auf Befehl des Senats, nach der Eroberung von Veji Große Spiele zu feiern, und den Tempel der Mutter MatutaDes Kadmus Tochter, des Athamas Gemahlinn, Ino, hieß als Meergöttinn bei den Griechen Leukothea, bei den Römern Mutter Matuta., der schon ehemals vom Könige Servius Tullius geweihet war, wieder herzustellen und zu weihen.

Mehr noch mit Erwartungen, als bloßen Hoffnungen der Leute brach er mit seinem Heere aus der Stadt auf, und gleich im Gebiete von Nepete lieferte er den Faliskern und Capenaten eine Schlacht. Hier schloß sich an seine durchaus mit größter Überlegung und planmäßig getroffenen Vorkehrungen das Glück, wie es zu thun pflegt. Er besiegte die Feinde nicht bloß; er nahm ihnen ihr 433 Lager und gewann eine ansehnliche Beute, die aber größtentheils dem Schatzmeister geliefert wurde: der Soldat bekam nur wenig. Von hier führte er das Heer vor Veji, ließ die Schanzen näher zusammentreten und gewöhnte die Soldaten durch das Verbot, daß keiner ohne Erlaubniß fechten solle, statt der planlosen Gefechte, die zwischen der Stadtmauer und seinem Walle so häufig vorfielen, an die Schanzarbeit. Bei weitem das wichtigste und mühvolleste aller dieser Werke war ein Erdgang, den man zur Burg der Feinde hinanführte; und um dies Werk nicht unterbrechen zu lassen, noch auch durch die fortdauernde unterirdische Arbeit dieselben Leute aufzureiben, theilte er die Gräber in sechs Kohre, deren jedes der Reihe nach sechs Stunden zum Werke angewiesen wurde; und sie ließen nicht nach, bei Tage und bei Nacht zu arbeiten, bis sie sich den Weg in die Burg gebahnt hatten.

20. Als der Dictator den Sieg bereits in seinen Händen sah; sah, daß die reichste Stadt fallen und so viel Beute geben werde, als man in allen früheren Kriegen zusammengenommen nicht gehabt hatte; so schrieb er, um sich weder durch zu kärgliche Vertheilung der Beute die Unzufriedenheit der Soldaten, noch durch eine zu reiche Spende einen Vorwurf von den Vätern zuzuziehen, an den Senat: «durch die Gnade der unsterblichen Götter, durch seine Leitung und die Beharrlichkeit der Soldaten werde Veji nächstens in des Römischen Volkes Gewalt sein. Was sie nun über die Beute beschlössen?» Den Senat hielten zwei Meinungen getheilt; die Eine des alten Publius Licinius, welcher, von seinem Sohne zuerst befragt, gesagt haben soll: «Seiner Meinung nach müsse man dem Volke öffentlich bekannt machen, daß Jeder, der an der Beute Theil nehmen wolle, ins Lager vor Veji gehen möchte:» Die andre des Appius Claudius, der dies als eine neue, verschwenderische, ungleiche und unüberlegte Schenkung verwarf; und dafür stimmte, «Wenn sie es einmal für unrecht hielten, die den Feinden abgenommenen Summen in die durch Kriege erschöpfte Schatzkammer zu legen, so möchten sie dem Soldaten von diesem Gelde den 434 Sold zahlen, damit der Bürgerstand so viel weniger an Steuer aufzubringen habe. Alsdann würden nämlich den gemeinschaftlichen Genuß des Geschenks alle Häuser in gleichem Grade empfinden, nicht aber die raubgierigen Hände müssiger Städter den tapfern Kriegern ihren Lohn vorwegnehmen, da es gewöhnlich der Fall sei, daß der, der sich der meisten Beschwerde und Gefahr aussetze, gegen die Beute gleichgültiger sei.»Licinius hingegen sagte: «Auf diesem Gelde werde ein ewiger Verdacht und Widerwille ruhen, und es werde Gelegenheit zu Anklagen vor dem Volke geben, dann zu Unruhen und neuen Vorschlägen. Es sei also gerathener, durch dieses Geschenk die Herzen des Bürgerstandes wieder zu gewinnen, den durch die Steuer so vieler Jahre Erschöpften und Verarmten zu Hülfe zu kommen, und ihnen den Gewinn von einem Kriege zu gute kommen zu lassen, in welchem sie beinahe ergreiset wären. Was jeder als eigenhändigen Raub vom Feinde mit zu Haus bringe, das werde ihm lieber und erfreulicher sein, als wenn er nach der Zutheilung eines Dritten vielfach so viel bekäme. Der Dictator selbst suche sich den daraus zu besorgenden Vorwürfen und Beschuldigungen zu entziehen. Darum habe er die Sache dem Senate anheim gestellt. Nun müsse sie der Senat, da sie einmal an ihn gewiesen sei, dem Volke übergeben, und jeden das behalten lassen, .was ihm das Kriegsglück zugeworfen habe.» Diese Meinung hielt man für sicherer, weil sie den Senat als Volksfreund darstellte. Man machte also bekannt: Wer Lust habe, in Veji Beute zu machen, möge sich zum Dictator ins Lager begeben.

21. Es zog eine ansehnliche Menge hin und erfüllte das Lager. Als der Dictator mit Genehmigung der Vögel ans Werk ging, ertheilte er den Befehl, daß die Soldaten zu den Waffen greifen sollten, und sprach: «Unter deiner Führung, Pythischer Apollo, und von deiner Einwirkung getrieben, mache ich mich auf, die Stadt Veji zu zerstören, und gelobe dir den zehnten Theil ihrer Beute. Auch dich, Königinn Juno, die du jetzt Veji bewohnst, bitte ich; uns Siegern, in unsre, bald auch deine, Stadt zu 435 folgen, wo dich ein deiner Hoheit würdiger Tempel aufnehmen soll.»

Nach diesem Gebete griff er bei seinem Überflusse an Leuten die Stadt von allen Seiten an, um die vom Erdgange einbrechende Gefahr weniger bemerkbar zu machen. Die Vejenter, die nicht wußten, daß sie schon von eignen Propheten und fremden Orakeln verrathen waren; daß schon Götter eingeladen waren, an ihrer Beute Theil zu nehmen, und andre, durch Gelübde ihrer Stadt entlockt, sich schon nach Tempeln bei den Feinden und neuen Sitzen sehnten, und daß dieser Tag ihr letzter sei; die nichts weniger fürchteten, als daß ein unter ihren Mauern durchgeführter Erdgang ihre Burg schon mit Feinden erfüllt habe, liefen jeder mit den Waffen auf die Mauern, und konnten sichs nicht erklären, warum die Römer, bei denen sich seit mehrern Tagen keiner von den Posten entfernt habe, jetzt, wie von einer plötzlichen Wuth ergriffen, so unerwartet zu den Mauern heranstürzten. Hier bekommt eine Sage ihren Platz. Als der König der Vejenter geopfert habe, habe die Versicherung des Opferschauers, daß dem der Sieg beschieden sei, der die Eingeweide dieses Opferthiers den Göttern vorlegen werde, die Römischen Soldaten, die dies in dem Erdgange gehört hatten, bewogen den Gang zu öffnen, das Opferfleisch zu rauben und zum Dictator zu bringen. Bei Erzählungen von so hohem Alter will ich zufrieden sein, wenn man das für wahr annimmt, was allenfalls wahrscheinlich ist. Was sich aber, wie diese Angabe, mehr mit der Darstellung auf der Bühne, welche Abenteuer willkommen heißt, als mit der Glaubwürdigkeit verträgt, das zu erhärten oder zuwiderlegen, verlohnt sich nicht der Mühe.

Der Erdgang, der jetzt mit den auserlesensten Kriegern gefüllt war, ließ im Tempel der Juno auf der Vejentanischen Burg die Bewaffneten plötzlich hervortreten. Ein Theil von ihnen griff die Feinde auf den Mauern im Rücken an; ein andrer erbrach die Thore; noch ein andrer steckte die Häuser in Brand, von deren Dächern Weiber und Sklaven Steine und Ziegel herabwarfen. Überall ertönte ein Geschrei von Stimmen der Schreckenden und 436 der Geängsteten, mit dem sich das Geheul der Weiber und Kinder mischte. Da im Augenblicke die Vertheidiger von allen Seiten von der Mauer herabgetrieben und die Thore eröffnet waren, so wurde die Stadt von Feinden erfüllet, die hier scharenweise hereinstürzten, dort über die verlassenen Mauern stiegen, und allenthalben wurde gefochten. Nach langem Gemetzel wurde das Gefecht endlich schwächer, und der Dictator ließ durch Herolde den Befehl bekannt machen, der Unbewaffneten zu schonen. Hier hatte das Blutvergießen ein Ende. Nun ergaben sie sich ohne Waffen; und auf Erlaubniß vom Dictator zerstreuten sich die Soldaten zum Plündern. Da er nun sah, wie sie sich mit einer weit größern Beute und mit Sachen von weit höherem Werthe trugen, als er gehofft und geglaubt hatte, soll er mit gen Himmel erhobenen Händen gebetet haben: «Wenn irgend Einem der Götter und Menschen sein und des Römischen Volkes Glück zu groß schiene, so möchten doch die Römer damit abkommen, daß sie diesen Neid mit seinem und des States möglichst kleinen Nachtheile büßten.» Im Umdrehen bei diesem Gebete soll er gestolpert und gefallen sein; und als man sich nachher diesen Vorfall aus dem Erfolge zu erklären suchte, soll man ihn als eine Vorbedeutung angesehen haben, die sich auf die Verurtheilung des Camillus selbst und weiter noch auf das nach wenig Jahren erfolgte Unglück der Eroberung Roms bezogen habe. – Dieser Tag nun wurde mit Niedermetzlung der Feinde und mit Plünderung einer so reichen Stadt zugebracht.

22. Den Tag darauf verkaufte der Dictator vom Kreise des Heers umringt die Freigebornen. Dies einzige Geld wurde in den Schatz geliefert, aber nicht ohne Unzufriedenheit der Bürger: ja auch die heimgebrachte Beute wußten sie weder dem Feldherrn Dank, weil er die Sache, die von ihm abhing, an den Senat abgegeben habe, um diesem die zu machenden Abzüge unter den Fuß zu geben, noch auch dem Senate; sondern der Licinischen Familie, aus welcher der Sohn die Sache vor den Senat gebracht, und der Vater zu Gunsten des Volks den Vorschlag gethan habe.

437 Als man schon alle menschlichen Güter aus Veji abgeführt hatte, so fing man nun an, auch die den Göttern geweihten Geschenke und die Götter selbst wegzubringen, aber mehr mit dem Anstande der Verehrung, als des Raubes: und so traten die erlesensten Jünglinge des ganzen Heers, denen die Überbringung der Königinn Juno nach Rom anvertraut war, nachdem sie sich zur Weihe gebadet hatten, in weißen Kleidern ehrfurchtsvoll in den Tempel, und legten voll heiligen Schauers Hand an, weil dies Götterbild nach Hetruskersitte kein andrer, als ein Priester von einem festgesetzten Stamme, anrühren durfte. Auf einen von ihnen wirkte entweder göttlicher Einfluß, oder er that die Frage aus jugendlichem Scherze: «Willst du nach Rom gehen, Juno?» und da schrieen die übrigen alle, die Göttinn habe genickt. Dann bekam die Erzählung den Zusatz, sie habe auch ein Ja von sich hören lassen. Wenigstens finden wir, daß sie sich durch Mittel von unbedeutender Gewalt von ihrer Stelle abheben und als die gern folgende leicht und willig überbringen ließ, daß sie unversehrt auf dem Aventinus, ihrem ewigen Sitze, anlangte, wohin sie der Römische Dictator durch Gelübde eingeladen hatte, und wo ihr nachher von eben diesem Camillus der Tempel, den er ihr gelobt hatte, auch geweihet wurde.

Dies Ende nahm Veji, eine der mächtigsten Städte Hetruriens, die ihre Größe noch bei ihrem Untergange darthat, da sie nach einer zehn Sommer und Winter daurenden Belagerung, nach weit mehr zugefügtem, als erlittenem Schaden, selbst zuletzt, als ihr Schicksal über sie hereinbrach, doch nur durch Werke, nicht durch Sturm erobert wurde.

23. In Rom erregte die Nachricht, Veji sei erobert, ob man gleich die Abwendung aller Unglückszeichen besorgt hatte, die Weissagungen der Propheten und die Antwort des Pythischen Orakels kannte, auch, um Alles zu thun, was sich nach menschlichen Einsichten für die Sache wirken ließ, den größten aller Feldherren, den Marcus Furius, zum Anführer ausgesucht hatte, dessen 438 ungeachtet, weil man dort so viele Jahre lang mit abwechselndem Glücke gefochten und so manchen Verlust erlitten hatte, nicht anders, als käme sie völlig unerwartet, eine unendliche Freude: und ehe noch der Senat den Befehl gab, waren schon alle Tempel voll von Römischen Müttern, die den Göttern ihren Dank brachten. Der Senat ordnete ein Dankfest auf vier Tage an, so lange noch keins in irgend einem Kriege gedauert hatte,

Auch die Ankunft des Dictators war dadurch, daß ihm alle Stände entgegenströmten, feierlicher, als die irgend eines Andern vor ihm, und sein Triumph überstieg die gewöhnliche Weise, einen solchen Tag zu verherrlichen, bei weitem, Ihn selbst trafen die Blicke am meisten, weil er bei seinem Einzuge in die Stadt, auf einem Wagen mit weißen Pferden fuhr, worin man aber nicht bloß eine Erhebung über die Stufe des Bürgers, sondern auch über die eines Menschen, fand. Ja, daß sich ein Dictator mit seinem Gespanne dem Jupiter und dem Sonnengotte gleichstellen dürfe, hielt man sogar für eine Gewissenssache; und des einzigen Umstandes wegen erregte der Triumph mehr Aufsehen, als Zufriedenheit. Darauf bestellte er auf dem Aventinus den Tempel für die Königinn Juno, und den der Mutter Matuta weihete er ein. Und nach Ausrichtung dieser göttlichen und menschlichen Geschäfte legte er seine Dictatur nieder.

Nun dachte man auch auf das Geschenk für den Apollo. Da Camillus sagte, er habe ihm den zehnten Theil der Beute gelobt, und die Oberpriester erklärten, das Volk müsse sich dieser heiligen Schuld entledigen, so fand man es doch so leicht nicht, dem Volke die Rücklieferung der Beute anzubefehlen, um den gebührenden Theil zur heiligen Bestimmung abzusondern. Endlich wählte man das Mittel, welches das leichteste zu sein schien, daß Jeder, der sich und sein Haus der heiligen Verbindlichkeit entladen wolle, nach eigner Schätzung seiner Beute, den Werth des zehnten Theils dem State einliefern solle, wovon man ein goldenes Geschenk verfertigen lassen wollte, wie es, der Würde des Römischen Volks angemessen, in 439 einen so berühmten Tempel und einem Gotte von diesem Range geliefert werden müsse. Auch dieser Beitrag wirkte bei den Bürgern Abneigung gegen den Camillus.

Unterdessen kamen Gesandte von den Volskern und Äquern mit der Bitte um Frieden, und sie erlangten ihn, mehr, weil man der durch einen so langen Krieg ermüdeten Bürgerschaft Ruhe gönnen wollte, als daß sie die Gewährung ihrer Bitte verdient gehabt hätten.

24. Das auf die Eroberung von Veji folgende Jahr hatte sechs Kriegstribunen mit consularischer Gewalt, zwei Cornelier, beide mit Vornamen Publius; mit Zunamen Einer Cossus, der Andre Scipio; den Marcus Valerius Maximus zum zweitenmale, den Cäso Fabius Ambustus zum dritten-, Lucius Furius Medullinus zum fünften-, Quintus Servilius zum drittenmale.

Den Corneliern beschied das Los den Faliskerkrieg, dem Valerius und Servilius den Capenatischen. Die letztern machten keinen Versuch auf die Städte, so wenig durch Sturm, als durch angelegte Werke; sie verheerten das Gebiet und nahmen den Landleuten das Ihrige: kein tragbarer Baum, keine Feldfrucht wurde verschont. Dieser Schade machte die Capenaten muthlos. Auf ihre Bitte wurde ihnen ein Friede bewilligt. Im Faliskerlande dauerte der Krieg fort.

Zu Rom waren unterdeß die Unruhen vielfach. Als ein Linderungsmittel hatte man die Ausführung von Pflanzern in das Volskische befohlen, zu welcher dreitausend Römische Bürger angenommen werden sollten; und die dazu ernannten Dreiherren hatten auf jeden Kopf drei Morgen und sieben Zwölftel angewiesen. Diese Wohlthat nahmen die Leute mit Verachtung auf, weil sie sie als ein Schmerzengeld ansahen, wofür man ihnen eine größere Hoffnung vernichten wolle. Denn warum würden sonst die Bürger ins Volskerland verwiesen, da man Veji, eine der schönsten Städte, und den Vejentaner Acker vor Augen habe, welcher fruchtbarer und größer sei, als der Römische? Selbst der Stadt gaben sie in der Lage, in der Pracht der öffentlichen und Privatgebäude und Plätze den 440 Vorzug vor der Stadt Rom. Ja ein Vorschlag kam in Anregung, der vollends nach der Eroberung Roms von den Galliern noch größeren Beifall fand, nach Veji hinüber zu ziehen. Übrigens bestimmten Einige Veji dem Bürgerstande, Andre dem Senate zum Sitze, so daß das Römische Volk in zwei Städten eines gemeinschaftlichen States wohnen sollte. Da sich nun die Vornehmen hiergegen mit solchem Ernste erklärten, daß sie betheuerten: «Sie würden vor den Augen des Römischen Volks eher sterben, als einen von diesen Vorschlägen durchgehen lassen: denn es gebe ja in der Einen Stadt der Mishelligkeiten genug; wie es vollends in zweien aussehen werde? Ob wohl jemand einer siegreichen Vaterstadt die besiegte vorziehen, und es geschehen lassen möchte, daß Veji nach der Eroberung ein größeres Glück erlange, als es in seinem Wohlstande gehabt habe?» und endlich versicherten: «Sie könnten freilich von ihren Mitbürgern in der Vaterstadt zurückgelassen werden, allein keine Gewalt solle je sie zwingen können, ihre Vaterstadt und Mitbürger hier zu lassen, und einem Titus Sicinius» – der war es von den Bürgertribunen, dem dieser Vorschlag gehörte – «mit Hintansetzung des Gottes Romulus, dieses Gottessohns, dieses Vaters und Stifters der Stadt Rom, als dem neuen Erbauer nach Veji zu folgen.»

25.Gronov und Drakenborch selbst in der Note zu XXXXIV. 40, 2. rechtfertigen es, daß im Anfange dieses Capitels mit den Worten hæc quum fœdis certaminibus zu dem bald folgenden Nachsatze nulla res alia von neuem eingeleitet werde, folglich vor den Worten hæc quum etc. kein Punctum stehen könne. Auch hat Crevier hier keines gesetzt. Man vergleiche unten VII. 8, 2. 3. So gab es bei allen unanständigen Auftritten in diesem Streite, in welchem die Väter auch einen Theil der Bürgertribunen auf ihre Seite gezogen hatten, kein kräftigeres Mittel, die Bürger von Gewaltthätigkeiten gegen die Väter abzuhalten, als dies, daß gerade die Vornehmsten des Senats, sobald sich das Geschrei einer beginnenden Schlägerei erhob, sich selbst voran dem Haufen entgegenwarfen und ihn aufforderten, er möge nur auf sie losschlagen, auf sie einhauen und sie tödten. Weil man 441 sich nun der Entehrung ihres Alters, ihrer Würde und Ämter entsah, und auch bei den übrigen ähnlichen Unternehmungen die Ehrfurcht dem Zorne in den Weg trat; so sagte Camillus auf allen Plätzen zu wiederholten Malen in öffentlichen Reden: «Es sei kein Wunder, daß diese Wuth den Stat treffe, an den die Götter die Erfüllung seines Gelübdes zu fordern hätten und der doch für alles Andre eifriger sorge, als dafür, sich seiner heiligen Zusage zu entledigen. Er wolle nichts von dem Beitrage sagen, der mehr einem Almosen, als dem Zehntel gleich ausfalle, und für den das Gesamtvolk, seitdem diese Verbindlichkeit Jedem einzeln obliege, unverantwortlich seiIch lese QVA.QVANDO.SE.QVISQVE u. s. w. Das Wort ea schoben die Abschreiber ein, weil etwas im Zusammenhange fehlte, nachdem das qua vor dem eben so anfangenden quando weggefallen war. Bei Drakenborch fehlt wirklich das ea in Einem Msc. und in einem andern steht es zum Beweise, daß es ein Einschiebsel sei, hinter quisque. Der Zusammenhang wäre dann so zu erklären: qua, quando (ea) se quisque privatim obligaverit, liberatus sit populus, so daß qua sich auf beides bezöge.. Dazu aber lasse sein Gewissen ihn nicht stillschweigen, daß man das Zehntel nur von derjenigen Beute bestimme, welche in beweglichem Gute bestehe, allein der eroberten Stadt samt ihrem Gebiete, auf welche sich das Gelübde doch ebenfalls erstrecke, gar keine Erwähnung thue.»

Da die Entscheidung dieser Streitfrage, die dem Senate zweiseitig schien, den Oberpriestern aufgetragen wurde, so gab dies Gesamtamt mit Zuziehung des Camillus sein Gutachten dahin, daß von Allem, was vor Ablegung des Gelübdes Vejentisches Eigenthum gewesen und nach dem Gelübde dem Römischen Volke zugefallen sei, der zehnte Theil dem Apollo heilig sein müsse. Und so machte man einen Anschlag vom Werthe der Stadt Veji und ihres Gebiets. Das Geld gab die Schatzkammer her, und die consularischen Kriegstribunen bekamen den Auftrag, Gold dafür zusammen zu kaufen. Weil es aber daran fehlte, nahmen die Frauen von Stande in angestellten Zusammenkünften die Sache in Überlegung, versprachen durch einen gemeinschaftlichen Entschluß ihr Gold und sämtliches Geschmeide den Kriegstribunen, und lieferten es in die Schatzkammer. War dem Senate je etwas erfreulich gewesen, so war es dies; und den Frauen soll für diese Bereitwilligkeit die ehrenvolle Erlaubniß gegeben sein, zu den Feierlichkeiten des Gottesdienstes und der Spiele in vierrädrigen, und sonst an Fest- und Werktagen in zweirädrigen Kutschen zu fahren. Man ließ sich von einer Jeden das Gold zuwägen, setzte es auf den dafür zu zahlenden Geldeswerth, und beschloß, einen goldenen Mischkessel verfertigen zu lassen, der dem Apollo zum Geschenke nach Delphi gebracht werden sollte.

Kaum erholte man sich von der Gewissenssorge, so erregten die Bürgertribunen neue Unruhen. Sie wiegelten die Menge gegen die sämtlichen Vornehmen auf, vor allen gegen den Camillus. «Er habe die Vejentische Beute dadurch, daß er den Stat und den Gott daran habe Theil nehmen lassen, zum Nichts herabgebracht.» Mit dieser Dreistigkeit schalten sie auf die Abwesenden; waren aber die Väter gegenwärtig und boten sich willig dem zürnenden Volke dar, so bewies man ihnen alle Achtung. Als sie nun sahen, daß man die Sache aus diesem Jahre in das folgende hinüberziehen wollte, wählten sie diejenigen Bürgertribunen, welche den Vorschlag gethan hatten, auf ein Jahr wieder, und die Väter gaben sich dieselbe Mühe für die, welche Einsage gethan hatten. So wurden großentheils dieselben Bürgertribunen wieder erwählt.

26. Am Wahltage der Kriegstribunen bewirkten es die Väter, die alle ihre Kraft aufboten, daß Marcus Furius Camillus gewählt wurde. Der Angabe nach wünschten sie ihn der Kriege wegen zum Feldherrn; eigentlich suchten sie den tribunicischen Schenkungsvorschlägen einen Gegner. Mit dem Camillus wurden zu Kriegstribunen consularisches Amtes gewählt Lucius Furius Medullinus zum sechstenmale, Cajus Ämilius, Lucius Valerius Publicola, Spurius Postumius, Publius Cornelius zum zweitenmale.

Im Anfange des Jahrs unternahmen die Bürgertribunen nichts, bis Marcus Furius Camillus gegen die 443 Falisker in den Krieg zog, den man ihm übertragen hatte. Durch diesen Aufschub verlor ihr Vorschlag seine Kraft; und Camillus, ihr am meisten gefürchteter Gegner, erwarb sich im Faliskerlande noch größern Ruhm. Denn da sich die Feinde anfangs hinter ihren Mauern hielten, weil ihnen dies das sicherste schien, so zwang er sie durch Verheerung ihres Gebiets und Niederbrennung ihrer Landhäuser, aus der Stadt hervorzukommen; allein aus Furcht gingen sie nicht weit. Etwa tausend Schritte von der Stadt schlugen sie ihr Lager auf, welches sie durch weiter nichts gesichert hielten, als durch die Schwierigkeit des Zugangs, weil die Gegend rauh und felsig, die Wege hier enge, dort steil waren. Camillus indeß, der einen gefangenen Landmann zum Wegweiser nahm, brach in tiefer Nacht mit seinem Lager auf und zeigte sich mit dem Tage weit höher über ihnen. Die Römische dritte Linie schanzteTrifariam]. – Da Livius von der dreifachen Abtheilung der Schanzenden keinen Grund angiebt, wie er sonst zu thun pflegt, so kann ich den Verdacht nicht bergen, daß es hier ursprünglich nicht geheißen habe: trifariam Romani muniebant, sondern Triarii Romani muniebant. Dann würde alius exercitus einen leichteren Gegensatz zu Triarii geben; und da die Triarii ohnehin in mancher Schlacht nicht zum Gefechte kamen, so sähe man hier den Grund, warum gerade sie, während die beiden Vordertreffen (hastati nnd principes) den Feind erwarteten, sich mit der Anlegung des Lagers beschäftigten. Eben so heißt es VII. 23: Ab Romanis nec opus intermissum, (triarii erant, qui muniebant) et ab hastatis principibusque, qui pro munitoribus intenti armatique steterant, præliuin initum.: das übrige Heer stand zur Schlacht bereit. Als hier die Feinde die Arbeit hindern wollten, schlug es sie in die Flucht, und die Falisker geriethen so in Schrecken, daß sie im flüchtigen Laufe vor ihrem Lager, ob es gleich näher war, vorbei, der Stadt zueilten. Ehe sie sich in dieser Bestürzung in die Thore werfen konnten, wurden viele getödtet und verwundet. Das Lager wurde erobert; die Beute an die Schatzmeister abgeliefert, zu großer Unzufriedenheit der Soldaten; allein durch die Strenge des Oberbefehls niedergehalten bewunderten sie dieselbe Festigkeit des Mannes, die sie an ihm haßten. Nun folgten die Einschließung der Stadt, die Anlegung von Werken, und zuweilen gelegentliche Ausfälle der Belagerten auf die 444 Römischen Posten, und andere kleine Gefechte: man brachte die Zeit hin, ohne daß sich die Hoffnung auf eine von beiden Seiten neigte, weil die Belagerten mit Getreide und andern früher zusammengefahrnen Vorräthen reichlicher versehen waren, als die Belagerer. Auch schien die Arbeit hier eben so langwierig werden zu wollen, als sie vor Veji gewesen war, hätte nicht das Glück dem Römischen Heerführer Gelegenheit gegeben, sich von einer Seite zu zeigen, die seiner schon durch kriegerische Thaten bewährten Größe entsprachDaß unsre Stelle diesen oder einen ähnlichen Sinn erfordere, lehrt der Zusammenhang dieser so bekannten Geschichte; und alle Ausleger verlangen ihn, gestehen aber auch, daß in den Worten des gewöhnlichen Textes gerade das Gegentheil liege. Daß diese Tugend, die Camillus hier bewies, keine virtus rebus bellicis cognita war, sieht Jedermann. Darum will Stroth die Stelle so erklären: specimen virtutis suæ, alias rebus bellicis iam cognitæ. Dies hebt aber jenen Einwurf nicht. Gronov schlägt vor, et cognitæ re non bellica virtutis zu lesen, und ein Andrer wollte cognitæ gegen incognitæ vertauschen. Der Fehler der Abschreiber liegt hier meiner Meinung nach bloß in den Worten simul et. Statt dieser also lese ich simile, welches mit specimen verbunden, wenn mich nicht Alles triegt, den Sinn giebt, den man hier der Geschichte nach erwarten muß. Daß aber in den Handschriften simile in simul verfälscht werde, zeigt Drakenb. VI. 25, 10., wo gerade, wie in unsrer Stelle, zwei Mss. statt mirantibus quidem simile unrichtig mirantibus quidem simul lesen, und X. 28, 1., wo statt similis pugna fälschlich simul pugna gelesen wird. Daß aber aus dem e in simil e leicht et werden konnte, weiß Jeder, der Handschriften verglichen hat. Nach meiner Vermuthung lautete also die Stelle im Ganzen so: ni fortuna imperatori Romano simile cognitæ rebus bellicis virtutis specimen, et maturam victoriam dedisset. Und der Sinn ist der: ni fortuna imperatori R. specimen (i. e. occasionem speciminis edendi) dedisset, simile speciminis de virtute bellica editi. Statt specimen simile speciminis de virt. bell. editi sagt Livius mit der den Lateinern bei Vergleichungen gewöhnlichen Kürze: Specimen simile virtutis bellicæ; so wie er oben IV. 52, 1. statt zu sagen: Annum, modestia tribunorum quietum, excepit annus, quo L. Icilius tribunus plebis fuit, lieber kürzer sagte: Annum mod. trib. quietum excepit tribunus plebis L. Icilius. Eins der deutlichsten Beispiele ist Horazens Aetas parentum peior avis, statt ætate avorum. Man vergl. meines Vaters Anmerk. zu Cic. de off. I, 22. 7. und 30, 12. und Liv. V. 23. Iovis Solisque equis æquiparari dictatorem. Wenn ferner bei der bekannten Bedeutung der Worte ludum dare alicui doch auch der Sinn: alicui potestatem, licentiam, occasionem ludendi dare stattfinden kann, wie Stroth aus Plautus beweiset, so schwächt dies allerdings den Einwurf Drakenborchs, wenn er gegen Clericus und Duker behauptet, specimen dare könne durchaus nicht so viel heißen, als occasionem speciminis edendi dare. Man sehe Stroths Anmerk. zu dieser Stelle. Wollte man dennoch Drakenborchen beipflichten und mit ihm specimen hier für den Nominativ halten, so würde die Übersetzung unsrer Stelle etwa so lauten: «hätte nicht dem Römischen Feldherrn das Glück und zugleich eine neue Probe seiner schon in Kriegen bekannt gewordenen Seelengröße sogar einen beschleunigten Sieg verliehen.» Und vielleicht führt uns hier bloß der Doppelsinn des Wortes virtus irre. Nehmen wir es für Tapferkeit, so bleibt es wahr, das hier vom Camillus gegebene specimen war kein specimen der Tapferkeit; und nehmen wir es für die Tugend der Redlichkeit, so war das hier gegebene specimen kein specimen virtutis iam bello cognitæ. Allein bei den Römern bedeutete virtutis Beides und noch mehr. Man denke sich also hier statt virtutis einen Ausdruck, der ungefähr beide Begriffe in sich vereinigte, etwa magnitudinis, excelsi animi, oder etwas Ähnliches, so würde wahrscheinlich aller Anstoß gehoben und die Abänderung der Lesart unnöthig sein., und dadurch den Sieg beschleunigte.

445 27. Bei den Faliskern war es Sitte, ihre Söhne von ihrem Lehrer auch begleiten zu lassen, und mehrere Knaben zugleich wurden, wie es auch jetzt noch in Griechenland üblich ist, der Aufsicht eines Einzigen übergeben. Die Kinder der Vornehmen unterrichtete, wie das gewöhnlich der Fall ist, der, dem man vorzügliche Kenntnisse zutrauete.

Da es sich dieser Mensch in Friedenszeiten zur Gewohnheit gemacht hatte, die Kinder zu Spielen und Übungen vor die Stadt hinauszuführen, so entfernte er sich mit ihnen auch jetzt, ohne diese Sitte im Kriege zu unterlassen, bald auf kürzere, bald auf längere Strecken, vom Thore, und als sich ihm unter abwechselnden Spielen und Gesprächen die Gelegenheit bot, noch weiter als sonst, zu gehen, führte er sie durch die feindlichen Posten und dann durch das Römische Lager in das Feldherrnzelt zum Camillus. Hier begleitete er seine schändliche That mit einem noch schändlicheren Vortrage. «Er habe Falerii in der Römer Hände geliefert, weil er diese Knaben, deren Väter dort die Häupter der Regierung seien, in ihre Gewalt gegeben habe.»

Camillus hörte dies und sprach: «Weder das Volk, noch der Feldherr, zu dem du Bösewicht mit deinem gottlosen Geschenke kamst, sind deines Gelichters. Zwischen uns und den Faliskern waltet kein Bund ob, wie Menschen ihn schließen: aber der von Natur uns angestammte besteht zwischen beiden, und soll bestehen. Auch der Krieg hat seine Rechte, so wie der Friede, und diese verstehen wir eben sowohl mit Gerechtigkeit, als 446 mit Tapferkeit zu üben. Die Waffen führen wir, nicht gegen das Alter, dessen man auch bei Eroberung der Städte schont, sondern gegen ebenfallsDa et ipse im Livius fast immer ebenfalls bedeutet, so habe ich das Komma hinter armatos weggelassen, und das hat auch Crevier gethan. Bewaffnete, die weder von uns gekränkt, noch gereizt, ein Römisches Lager vor Veji bestürmten. An ihnen bist du, so weit es dir möglich war, durch deinen unerhörten Frevel zum Sieger geworden: ich aber will sie durch Römische Mittel, durch Tapferkeit, Schanzen und Waffen, wie Veji, besiegen.»

Darauf lieferte er ihn entkleidet und mit auf den Rücken gebundenen Händen den Knaben aus, ihn nach Falerii zurückzubringen, und ließ ihnen Ruthen geben, den Verräther in die Stadt zu peitschen.

Als zu diesem Schauspiele zuerst das Volk zusammenlief, dann die Obrigkeiten über den nie gesehenen Auftritt den Senat beriefen, so erfolgte in der Stimmung der Gemüther eine solche Umwandlung, daß eben die Bürgerschaft, die kurz vorher noch, vor Haß und Erbitterung außer sich, fast lieber wie Veji endigen, als wie Capena Frieden schließen wollte, jetzt einstimmig Frieden verlangte. Die Redlichkeit der Römer, die Gerechtigkeitsliebe des Feldherrn wurden auf dem Markte, auf dem Rathhause, laut gepriesen und unter allgemeiner Beistimmung gingen Gesandte zum Camillus ins Lager, und von da mit seiner Bewilligung nach Rom an den Senat, die Stadt Falerii zu übergeben.

Bei ihrer Aufstellung im Senate war ihre Rede, wie die Nachrichten sagen, folgende: «Von euch, ihr versammelten Väter und von eurem Feldherrn durch einen Sieg bezwungen, der weder Göttern, noch Menschen misfallen kann, ergeben wir uns euch, in der Überzeugung, die für den Sieger nicht schmeichelhafter sein kann, daß wir unter eurem Oberbefehle glücklicher leben werden, als unter unsern eignen Gesetzen. Durch den Ausgang dieses Krieges sind dem menschlichen Geschlechte zwei 447 heilsame Beispiele aufgestellt. Ihr habt im Kriege Redlichkeit dem unausbleiblichen Siege vorgezogen: wir durch diese Redlichkeit aufgefordert, haben euch den Sieg freiwillig überbracht. Wir sind eure Unterthanen. Sendet, wen ihr wollt, unsre Waffen, Geisel und die Stadt bei offnen Thoren zu übernehmen. Ihr werdet nie, mit unserer Treue, noch wir mit eurer Oberherrschaft unzufrieden sein.»

Von Feinden und Mitbürgern empfing Camillus Danksagungen. Den Faliskern wurde die diesjährige Löhnung der Soldaten auferlegt, um das Römische Volk mit dieser Abgabe zu verschonen. Man gab ihnen Frieden, und das Heer wurde nach Rom zurückgeführt.

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