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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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15. Die Consuln Cajus Claudius, des Appius Sohn, und Publius Valerius Publicola übernahmen den Stat in friedlicherer Lage. Auch hatte das neue Jahr nichts Neues gebracht: nur die Sorge, den Vorschlag durchzusetzen, oder ihn annehmen zu müssen, beschäftigte Alle. Je mehr sich die jüngeren Väter an die Bürgerlichen anschmiegten, desto eifriger bemühten sich dagegen die Tribunen, sie durch Anschuldigungen den Bürgern verdächtig zu machen. «Man 222 habe eine Verschwörung zu Stande gebracht; Cäso sei in Rom. Es sei der Plan, die Tribunen zu ermorden, die Bürger niederzuhauen. Die älteren Väter hätten es den Jüngern zum Geschäfte gemacht, die tribunicische Gewalt aus dem State zu vertilgen, und ihm dieselbe Verfassung wieder zu geben, die er vor Besetzung des Heiligen Berges gehabt habe.» Man fürchtete von den Volskern und Äquern den festgesetzten und beinahe zur jährlichen Gewohnheit gewordenen Krieg: und ein näheres neues Übel brach unvermuthet ein.

Vertriebene und Sklaven, an viertausend fünfhundert Menschen, hatten unter Anführung eines Sabiners, Appius Herdonius, sich bei Nacht des Capitols und der Burg bemächtigt. Gleich zuerst hieben sie auf der Burg diejenigen nieder, die der Verschwörung nicht hatten beitreten, nicht hatten zu den Waffen greifen wollen. Von diesen rannten während des Auflaufs einige von Schrecken gejagt auf den Markt herab, und man hörte wechselsweise rufen: «Zu den Waffen!» und: «Die Feinde sind in der Stadt!»

Die Consuln scheuten sich eben so sehr, die Bürger zu bewaffnen, als, sie unbewaffnet zu lassen. Ungewiß, was für ein plötzliches Unglück, ob von außen, oder von innen, von erbitterten Bürgern, oder auf Anstiften der Sklaven, über die Stadt hereingebrochen sei, stillten sie den Auflauf; hin und wieder erregten sie ihn, indem sie ihn stillten: denn die bestürzte, durch einander gescheuchte Menge ließ sich durch Befehle nicht lenken. Doch theilten sie Waffen aus, nicht an Alle; nur so viel, daß man, bei der Ungewißheit über den Feind, auf jeden Fall, eine zuverlässige Mannschaft bereit habe. Den Überrest der Nacht brachten sie in Unruhe und Ungewißheit, wer und wie stark die Feinde sein möchten, damit hin, die zu besetzenden Plätze in der ganzen Stadt mit Posten zu belegen.

Endlich gab der Tag über den Krieg und dessen Anführer Auskunft. Appius Herdonius rief vom Capitole die Sklaven zur Freiheit. «Er habe die Sache jedes noch so Unglücklichen auf sich genommen, um alle widerrechtlich ausgestoßenen Verbanneten in ihr Vaterland 223 zurückzuführen, und den Sklaven ihr hartes Joch abzunehmen. Es sei ihm lieber, wenn es auf Verfügung des Römischen Volks geschehe. Wenn hier keine Hoffnung sei, so werde er die Hülfe der Volsker und Äquer und alles Äußerste versuchen und aufbieten.»

16. Nun ging den Vätern und den Consuln mehr Licht auf. Gleichwohl fürchteten sie außer dem, was er ihnen laut drohete, es möchte dies ein Werk der Vejenter, oder Sabiner sein; ferner, es möchten noch, da schon der Feinde so viele in der Stadt wären, in Kurzem Sabiner- und Hetruskerheere nach einer Verabredung erscheinen; endlich, die ewigen Feinde, die Volsker und Äquer, möchten nicht, wie sonst, zur Plünderung des Landes, sondern gegen die Stadt selbst herankommen, die zum Theile schon erobert sei. So vielfach und mancherlei waren ihre Besorgnisse. Diese alle überwog die Gefahr von Seiten der Sklaven, in denen jeder seinen Feind im Hause gehabt hatte. Ihm Zutrauen zu schenken, oder ihn durch Mistrauen für treulos zu erklären, was ihn noch eher erbittern konnte, war beides gefährlich.

Kaum hielten sie es für möglich, den Stat zu halten, selbst bei der jetzigen Eintracht; so wenig dachte Einer von ihnen daran, da die vielfache anderweitige Noth schon überwiegend und zu Boden drückend war, daß man von den Tribunen oder den Bürgern das Mindeste zu fürchten habe. Dies Übel schien von milderer Art, immer nur während der Ruhe von andern Übeln sich einzustellen, und jetzt durch den Schrecken von außen übertäubt zu sein. Und gerade dies warf sich jetzt auf den zum Sturze sich neigenden Stat mit der lastendsten Schwere.

Die Tribunen gingen in ihrer Wuth so weit, daß sie behaupteten, «die Besetzung des Capitols sei nicht das Werk eines wahren, sondern eines vorgespiegelten Krieges; bloß dazu veranstaltet, den Eifer der Bürger von der Betreibung des Vorschlages abzulenken. Wenn die Gastfreunde und Schützlinge der Adlichen sähen, daß man den Vorschlag, ohne sich an ihren Lärmen zu kehren, durchgesetzt habe, würden sie noch stiller, als sie 224 gekommen wären, abziehen.» Darauf stellten sie zur Behauptung des Vorschlages eine Versammlung an, zu welcher sie das Volk von den Waffen abriefen. Unterdessen hielten, weil die neue Gefahr von Seiten der Tribunen sich drohender ankündigte, als die vom nächtlichen Überfalle des Feindes, die Consuln eine Sitzung des Senats.

17. Als diesem gemeldet wurde, die Bürger legten die Waffen nieder und gingen von ihren Posten, rannte Publius Valerius, indeß sein Amtsgenoß den Senat beisammen behielt, aus dem Rathhause, gerade auf den Versammlungsplatz zu den Tribunen.

«Was ist das für ein Beginnen,» rief er, «ihr Tribunen? Wollt ihr unter Anführung und Obhut eines Appius Herdonius den Stat umstürzen? So ganz gelang es ihm, euch zu verführen, da seine Aufforderung nicht einmal bei euren Sklaven Eingang fand? Während uns die Feinde über dem Haupte stehen, sollen wir von den Waffen abtreten und auf Verordnungen antragen?» Hier wandte er seine Rede an die Menge. «Wenn euch, Quiriten, für eure Stadt, für euer eignes Wohl, kein Gefühl ergreift, so achtet doch eure Götter, die der Feind gefangen hält! Der allmächtige Jupiter; die Königinn Juno, und Minerva, und so viele Götter und Göttinnen sind von Feinden umringt! Ein Sklavenlager umschließt die Schutzgötter eures Stats! – Könnt ihr hierin das Bild eines gesunden States sehen? Nicht bloß innerhalb der Mauern, sogar auf der Burg, über dem Markte und über dem Rathhause sind Scharen von Feinden; und unterdeß wird auf dem Markte Volkstag gehalten; der Senat ist auf dem Rathhause; nicht anders, als in der tiefsten Ruhe, trägt der Rathsherr seine Meinung vor, und die übrigen Quiriten schreiten zur Stimmensammlung. Mußte nicht Alles, was Väter und Bürger heißt, mußten nicht Consuln, Tribunen, Götter und Menschen, alle bewaffnet zur Hülfe aufstehen, auf das Capitol eilen und jenem ehrwürdigen Wohnsitze des allmächtigen Jupiter Freiheit und Ruhe wiedergeben? Vater Romulus, verleihe du deinen Nachkommen deine Fassung. mit der du einst diese Burg, welche eben diese Sabiner durch Gold erobert hatten wieder gewannest! Laß sie denselben Weg hinangehen, auf welchem du Führer warst, und dein Heer dir nachzog! Sieh herab auf mich; ich als Consul gehe voran, dir und deiner Spur, soweit ein Sterblicher einem Gotte nachstreben kann, zu folgen.» Am Schlusse seiner Rede sagte er, «er greife zu den Waffen, und rufe alle Quiriten zu den Waffen. Wer sich dagegen setze, den werde er, ohne auf seine bloß consularischen Rechte, ohne auf tribunicische Macht und beschworne Gesetze Rücksicht zu nehmen, – wer er auch sei und wo er auch sei, auf dem Capitole, auf dem Markte – als Feind ansehen. Die Tribunen möchten es versuchen, weil sie doch gegen den Appius Herdonius die Waffen zu ergreifen verboten, sie gegen den Consul, Publius Valerius, aufzubieten: dann werde er gegen die Tribunen dasselbe wagen, was der Stifter seines Stammes gegen die Könige gewagt habe.»

Man sah offenbar, es werde zum gewaltthätigsten Ausbruche kommen und die Zwietracht der Römer den Feinden ein Schauspiel gewähren: dennoch konnte weder der Vorschlag durchdringen, noch der Consul aufs Capitol ziehen. Die Nacht unterbrach den schon beginnenden Kampf: aus Furcht vor den Waffen der Consuln machten sich die Tribunen gegen die Nacht beiseite.

Als sich die Anführer des Aufruhrs entfernt hatten, gingen die Väter bei den Bürgern herum, mischten sich in ihre Zirkel, sprachen mit ihnen, wie es die Umstände verlangten, und forderten sie auf, zu bedenken, in welche Gefahr sie den Stat stürzten. Dies sei ja kein Streit zwischen Vätern und Bürgern, sondern Väter und Bürger zugleich, die Burg der Stadt, die Tempel der Götter, die Schutzgötter des Stats und jedes Einzelnen würden dem Feinde hingegeben.» Indeß sie so auf dem Markte mit Beseitigung des Zwistes sich beschäftigten, hatten die Consuln an den Thoren und auf den Mauern gegen einen möglichen Angriff von Seiten der Sabiner, oder Vejenter, Vorkehrungen getroffen.

18. In derselben, Nacht hatte man auch zu Tusculum 226 die Eroberung der Burg, die Besetzung des Capitols und die übrigen Umstände der Verwirrung zu Rom erfahren. Lucius Mamilius war Dictator zu Tusculum. Er berief sogleich den Senat, ließ die Boten vor und drang darauf, «Nicht so lange zu warten, bis von Rom Gesandte mit der Bitte um Hülfe ankämen. Schon die Gefahr selbst, die dringenden Umstände, die Götter des Bundes und die Pflicht des Vertrages fordere sie. Eine so gute Gelegenheit, sich einen so mächtigen, so nahen Stat verbindlich zu machen, würden die Götter nie wieder verleihen.» Die Hülfsleistung wurde beschlossen, Mannschaft aufgeboten, Waffen ausgetheilt. Als sie mit dem ersten Tageslichte vor Rom ankamen, hielt man sie in der Ferne für Feinde: man glaubte Äquer oder Volsker im Anzuge zu sehen. Sobald indeß die eingebildete Gefahr vorüber war, ließ man sie in die Stadt und sie zogen auf den Markt hinab. Hier war Publius Valerius, der seinen Amtsgenossen bei den Posten an den Thoren gelassen hatte, schon mit Stellung einer Linie beschäftigt. Der geltende Mann hatte bei den Bürgern mit seinem Versprechen Eingang gefunden: «Wenn sie nach Wiedereroberung des Capitols und nach Beruhigung der Stadt sich belehren lassen wollten, was für geheime Ränke die Tribunen in jenem Vorschlage beabsichtigten, so wolle er, eingedenk seiner Vorältern, eingedenk seines Zunamens, mit welchem ihm die Sorge für das Volk von seinen Vorfahren gleichsam erblich übertragen sei, in der Versammlung der Bürger keine Störungen machen.»

Sie überließen sich seiner Anführung, ohne sich durch das Gegengeschrei der Tribunen umrufen zu lassen, und rückten in Schlachtordnung zum Capitolinischen Hügel hinauf. Die Legion Tusculaner schloß sich an. Bundesgenossen und Bürger wetteiferten um den Besitz der Ehre, die Burg wiedererobert zu haben. Beide Feldherren sprachen den Ihrigen Muth ein. Jetzt traf Verlegenheit die Feinde: nur auf den Ort konnten sie sich verlassen. Auf die Bestürzten thaten Römer und Bundesgenossen den Angriff. Schon waren sie bis auf den Vorplatz des Tempels durchgebrochen, als Publius Valerius, der an der Spitze den 227 Kampf belebte, fiel. Der Consular, Publius Volumnius, sah ihn sinken, befahl seinen Leuten, den Leichnam zu decken und flog voran in die Stelle und in den Posten des Consuls. In der .Hitze des Angriffs blieb ein so wichtiges Ereigniß dem Soldaten unbemerkt: er hatte schon gesiegt, ehe er gewahr wurde, daß er ohne Feldherrn focht.

Nun floß der Tempel vom Blute der Vertriebenen; viele wurden ergriffen: Herdonius fiel. So war das Capitol wiedergewonnen. Die Hinrichtung der Gefangenen war ihrem Stande gemäß, je nachdem einer Freier oder Sklave warFreigeborene wurden mit dem Beile enthauptet, Sklaven gekreuzigt.. Den Tusculanern dankte der Senat. Das Capitol wurde gereinigt und wieder geweihet. In das Haus des Consuls sollen die Bürger Viertel-AsseDas Viertel eines damaligen Ass beträgt etwa anderthalb Pfennige unsres Geldes. hineingeworfen haben, damit er so viel feierlicher begraben werden möchte.

19. Nach gewonnenem Frieden drangen die Tribunen in die Väter, das Versprechen des Publius Valerius zu erfüllen; und in den Claudius, seinen Amtsgenossen nicht im Grabe zum Lügner zu machen, und die Verhandlungen über den Vorschlag geschehen zu lassen. Der Consul sagte: Bevor er nicht seinen Amtsgenossen durch die Nachwahl ersetzt habe, werde er keine Verhandlungen über den Vorschlag gestatten. Diese Streitigkeiten dauerten bis zu dem Tage, der zur Wahl eines Nachconsuls angesetzt war.

Im December wurde, auf eifrigen Betrieb der Väter, Lucius Quinctius Cincinnatus, der Vater des Cäso, zum Consul ernannt, der das Amt sogleich antreten sollte. Die Bürgerlichen waren betroffen, da sie sich in ihm eines zürnenden Consuls versahen, dem die Gunst der Väter und eigner Werth Gewicht gaben, und drei Söhne, von denen keiner dem Cäso an Geistesgröße nachstand, ja die ihn an Bedachtsamkeit und Mäßigung, wenn diese nöthig waren, übertrafen.

Nachdem er sein Amt angetreten hatte, trieb er in seinen täglichen Reden von der Bühne herab mit gleicher 228 Heftigkeit das Volk zu Paren, und machte dem Senate Vorwürfe.

«Es liege bloß an der Schlaffheit dieses Ordens, daß nunmehr ewigbeamtete Bürgertribunen, nicht wie in einem Volksstate von Römern, sondern wie in einer schlechten Wirthschaft, durch ihre fertige Zunge und Verläumdungen die Allgebietenden waren. Mit seinem Sohne Cäso sei Heldenmuth, Standhaftigkeit und Alles, was jungen Männern im Kriege und Frieden Ehre mache, ausgebannet und vertrieben. Schwätzer, Aufrührer, Stifter des Unfriedens, durch die schlechtesten Mittel schon zwei- bis dreimal Tribunen, lebten in einer königlichen Ungebundenheit. Hat etwa Aulus Virginius dort,» sprach er weiter, «weil er nicht mit auf dem Capitole war, eine gelindere Todesstrafe verdient, als Appius Herdonius? Bei Gott, wenn man die Sache nach der Wahrheit nimmt, eine weit härtere! Herdonius hat doch wenigstens dadurch, daß er sich für einen Feind gab, euch, ich möchte sagen, angedeutet, daß ihr zu den Waffen greifen solltet: dieser Mensch aber nahm euch durch die Behauptung, es sei kein Krieg, die Waffen, und gab euch wehrlos euren Sklaven und Vertriebenen preis. Und dennoch rücktet ihr – mag mir Cajus Claudius den Vorwurf, und Publius Valerius im Grabe, verzeihen – gegen den Capitolinischen Hügel an, ohne vorher diese Feinde vom Markte vertilgt zu haben? – Schämen müssen wir uns vor aller Welt! Als die Feinde auf der Burg, auf dem Capitole standen, ein Führer von Vertriebenen und Sklaven Alles entweihet, und im Allerheiligsten Jupiters, des Allmächtigen, sein Wohnzimmer hatte; griff man in Tusculum eher zu den Waffen, als in Rom! Man konnte fragen, ob Lucius Mamilius, der Tusculanische Feldherr, oder ob die Consuln, Publius Valerius und Cajus Claudius, die Burg zu Rom befreien würden! Und wir, die wir sonst die Latiner, auch nicht einmal zu ihrer eignen Vertheidigung, wenn sie den Feind im Lande hatten, die Waffen anrühren ließen, wir waren erobert und vernichtet, wenn nicht Latiner ungefordert die Waffen 229 nahmen! Nennt ihr das, ihr Tribunen, dem Bürger Hülfe leisten; ihn wehrlos dem Feinde zum Niederhauen preisgeben? Freilich, wenn der niedrigste Mensch aus eurem Bürgerstande, den ihr als einen vom ganzen Gesamtvolke losgerissenen Theil, zu eurem Vaterlande, zu eurem besondern State gemacht habt, – wenn einer von diesen euch meldete, seine Sklaven hätten sich bewaffnet und belagerten ihm das Haus: ihr würdet ihm geholfen wissen wollen. Und Jupiter, der Allmächtige, von den Waffen Vertriebener und Sklaven umringt, war keiner menschlichen Hülfe würdig? Und solche Menschen verlangen, eine heilige Würde zu haben, denen die Götter selbst nicht heilig, nicht ehrwürdig sind? Doch was höre ich? ihr, mit Frevel gegen Götter und Menschen beladen, lasset euch verlauten, ihr würdet in diesem Jahre den Vorschlag gültig machen? Dann müßte, bei Gott! an jenem Tage, an welchem ich zum Consul ernannt bin, der Stat übelberathen gewesen sein; weit übler noch, als an jenem, da Publius Valerius fiel: wenn ihr das durchsetzt. Vor allen Dingen, ihr Quiriten – so fuhr er fort – finden ich und mein Amtsgenoß für gut, die Legionen gegen die Volsker und Äquer auszuführen. Ich weiß nicht, wie es zugehet, daß uns die Götter im Kriege geneigter sind, als im Frieden. Die Größe der Gefahr, die wir von jenen Völkern befürchten mußten, wenn sie gewußt hätten, daß das Capitol von Vertriebenen besetzt sei, wollen wir lieber aus dem Vergangenen abnehmen, als in der That erfahren.»

20. Des Consuls Rede hatte auf die Bürger Eindruck gemacht. Voll Freude hielten die Väter die Statsregierung wieder für ihr Eigenthum: und hatte es gleich der andre Consul, zur Begleitung muthiger, als zum Vorangehen, gern geschehen lassen, daß in Betreibung einer so schwierigen Sache sein Amtsgenoß die Bahn brach, so erklärte er sich doch zur Ausführung alles dessen, was das Consulat für seinen Theil von ihm forderte, sehr bereit. Da setzten ihnen die Tribunen, die dies Alles als leere Worte verspotteten, mit der Frage zu: «Wie denn die Consuln mit 230 einem Heere ausrücken wollten., da ihnen niemand die Werbung gestatten werde.» – «Haben wir doch,» antwortete Quinctius, «gar keine Werbung nöthig; denn damals, als Publius Valerius den Bürgern zur Wiedereroberung des Capitoles die Waffen gab, haben alle auf die Formel geschworen: Sich auf Befehl des Consuls zu stellen und ohne seinen Befehl nicht aus einander zu gehen. Folglich kündigen wir euch, die ihr den Eid geleistet habt, hiemit an, euch morgendes Tages bewaffnet am See Regillus einzufinden.»

Die Tribunen wollten zwar das Volk von seinem Eide durch die Ausflucht entbinden, daß Quinctius, als die Bürger den Eid geleistet hatten, noch Privatmann gewesen sei. Noch aber war diese Geringschätzung der Götter, die über unser Zeitalter sich verbreitet hat, nicht eingetreten; damals machte man sich Eid und Gesetze noch nicht durch eigne Auslegung bequem, sondern richtete lieber seinen Wandel nach ihnen ein. Da also die Tribunen alle Hoffnung, die Sache zu hintertreiben, aufgeben mußten, so trugen sie darauf an, das Heer noch weiter zu entfernen; um so viel mehr, weil ein Gerücht sagte: «Man habe auch Vogelschauer befehligt, am Regillischen See sich einzufinden, und es werde daselbst ein Ort eingeweihet, wo man nach eingeholter Zustimmung der Götter Anträge vor das Volk bringen könne, um Alles, was in Rom durch die tribunicische Gewalt eingeführt sei, durch eine dort zu haltende Versammlung wieder abzuschaffen. Dort würden Alle zu Allem, was den Consuln beliebe, ihre Einwilligung geben; denn über tausend Schritte von der Stadt hinaus sei die Ansprache an das Volk nicht gültig: wollten aber die Tribunen sich dort einfinden, so würden sie mit den übrigen Quiriten zugleich dem consularischen Oberbefehle unterworfen sein.» Dies machte sie besorgt: allein was sie am meisten beunruhigte, war dies, daß sich Quinctius zum öftern verlauten ließ, «er werde gar keinen Versammlungstag zur Consulnwahl ansetzen. Die Krankheit des States sei nicht von der Art, daß er durch gewöhnliche Mittel gerettet werden könne. Das 231 allgemeine Beste erfordere einen Dictator, damit jeder, der es wagen würde, die Statsverfassung anzutasten, die Erfahrung machen könne, daß von der Dictatur keine Ansprache statt finde.»

21. Der Senat war auf dem Capitole. Die Tribunen kamen mit dem bedrängten Bürgerstande hieher. Die Menge wandte sich mit großem Geschreie um Hülfe bald an die Consuln, bald an die Väter, doch brachten sie den Consul nicht eher von seinem Entschlusse zurück, als bis die Tribunen versprachen, sich dem Gutachten der Väter zu fügen. Nun wurden, auf des Consuls Antrag über die Forderungen der Tribunen und des Bürgerstandes, die Senatsschlüsse gemacht: «Die Tribunen sollten in diesem Jahre den Vorschlag nicht weiter rügen; aber auch die Consuln das Heer nicht aus der Stadt abführen. Obrigkeitliche Amtsverwaltungen ferner zu verlängern, und dieselben Tribunen wieder zu wählen, halte der Senat dem gemeinen Besten für nachtheilig.»

Die Consuln befolgten den Willen der Väter; allein die Tribunen ließen sich, des lauten Widerspruchs von den Consuln ungeachtet, abermals wählen. Nun wollten die Väter ebenfalls, um dem Bürgerstande kein Vorrecht zu lassen, den Lucius Quinctius wieder zum Consul machen. Allein er erklärte sich dagegen in einer so heftigen Rede, wie er sie in seinem ganzen Consulate nicht gehalten hatte.

«Soll ich mich darüber wundern,» sprach er, «ihr versammelten Väter, wenn euer Gutachten bei dem Bürgerstande unwirksam ist? Ihr selbst hebt es auf. Weil das Volk den Schluß des Senats über die Verlängerung der Ämter umstößt, so seid ihr eben so darüber aus, ihn umzustoßen, um der Unbesonnenheit des großen Haufens nicht nachzugeben; gerade, als ob das Übergewicht im State darauf beruhe, daß man mehr Leichtsinn und Ungebundenheit zeige; denn es verräth doch unstreitig mehr Leichtsinn und Unzuverlässigkeit, wenn man seine eigenen Ausfertigungen und Beschlüsse, als wenn man die von andern aufhebt. Seid immerhin, ihr versammelten 232 Väter, das Nachbild des unüberlegten Haufens: und ihr, die ihr andern ein Muster sein sollt, mögt lieber nach dem Beispiele anderer sündigen, als daß ihr sie nach eurem recht handeln lasset; wenn ich nur die Tribunen nicht nachahme, und mich nicht gegen den Senatsschluß zum Consul ernennen lasse. Dich aber, Cajus Claudius, fordre ich auf, theils für dich selbst dem Römischen Volke diese Übertretung zu wehren, theils in Rücksicht meiner überzeugt zu sein, daß ich dies nicht so aufnehmen werde, als habest du mich um dies Ehrenamt bringen wollen, sondern vielmehr glaube, daß du meinen Ruhm, diese Ehrenstelle ausgeschlagen zu haben, befördert, und den Vorwurf, der mich über ihre Beibehaltung treffen mußte, von mir abgewandt habest.» Darauf erließen beide die gemeinschaftliche Verordnung: «Es solle niemand dem Lucius Quinctius seine Stimme zum Consulate geben. Wenn es jemand thäte, so würden sie auf diese Stimme keine Rücksicht nehmen.»

Quintus Fabius Vibulanus und Lucius Cornelius Maluginensis wurden zu Consuln gewählt; jener zum drittenmale. In diesem Jahre wurde die Schatzung gehalten: allein das Schatzungsopfer zu vollziehen, trug man Bedenken, weil das Capitol erobert gewesen und ein Consul geblieben war.

22. Unter den Consuln Quintus Fabius und Lucius Cornelius gab es gleich im Anfange des Jahres Unruhen. Die Tribunen verhetzten das Volk. Die Aussagen der Latiner und Herniker droheten einen schweren Krieg mit den Volskern und Äquern. «Die Legionen der Volsker standen schon zu Antium.» Selbst den Abfall dieser Pflanzstadt fürchtete man sehr: und konnte doch nur mit Mühe von den Tribunen erlangen, daß sie den Krieg Allem vorgehen ließen. Nun theilten sich die Consuln in die Geschäfte. Fabius bekam den Auftrag, die Legionen nach Antium zu führen; Cornelius, Rom zu decken, damit nicht ein Theil der Feinde, nach der Äquer Sitte, zum Plündern heranzöge. Die Herniker und Latiner mußten vertragsmäßig Soldaten stellen, und so bestanden zwei 233 Theile im Heere aus Bundesgenossen, der dritte aus Bürgern.

Als die Bundesgenossen sich auf den bestimmten Tag einstellten, bezog der Consul vor dem Capenischen Thore ein Lager. Dann ging er nach Musterung seines Heers nach Antium und setzte sich nicht weit von der Stadt und dem feindlichen Standlager. Da die Volsker, ohne sich in ein Treffen einzulassen, weil das Äquische Heer noch nicht zu ihnen gestoßen war, bloß Vorkehrungen trafen, sich ruhig hinter ihrem Walle zu vertheidigen, so führte Fabius am folgenden Tage sein Heer gegen den feindlichen Wall, aber nicht in Einer aus Bundesgenossen und Bürgern gemischten, sondern in drei nach den drei Völkern abgesonderten Schlachtordnungen. Er selbst mit den Römischen Legionen stand in der Mitte. Von hieraus hieß er alle das Zeichen erwarten, damit die Bundesgenossen zugleich mit ihm angreifen, und, wenn er zum Rückzuge blasen ließe, abziehen könnten. Auch gab er jeder Abtheilung ihre eigne Reuterei zum Hintertreffen. So umringte er das Lager in dreifachem Angriffe, und da er von allen Seiten eindrang, warf er die seinem Einbruche weichenden Volsker vom Walle, überstieg die Verschanzungen und jagte den flüchtigen, nach Einer Seite hinstürzenden Schwarm aus dem Lager. Auf dieser ausgebreiteten Flucht kam die Reuterei, die bis dahin als Zuschauer des Treffens dagestanden hatte, weil sie den Wall nicht so gut erstürmen konnte, in freiem Felde über sie, und erntete durch das Gemetzel unter den Gescheuchten ihren Antheil am Siege. Groß war die Niederlage, sowohl im Lager, als unter den Fliehenden außerhalb der Verschanzungen; noch größer die Beute, weil der Feind kaum seine Waffen mitnehmen konnte; und das Heer würde vertilgt sein, wenn nicht Wälder seine Flucht gedeckt hätten.

23. Wahrend dies bei Antium vorfiel, eroberten die Äquer mit dem vorangeschickten Kerne ihrer Mannschaft, die Burg zu Tusculum durch einen nächtlichen Überfall, und lagerten sich mit dem übrigen Heere, um die Macht des Feindes zu trennen, vor Tusculums Mauern. Diese 234 Nachricht, die schnell nach Rom, von Rom ins Lager nach Antium lief, machte auf die Römer den Eindruck, als würde ihnen die Eroberung des Capitols gemeldet: so neu war theils das Verdienst der Tusculaner; theils schien selbst die Ähnlichkeit ihrer Gefahr eine Erwiederung der geleisteten Hülfe zu fordern. Fabius, der alles Andre aufgab, ließ die Beute aus dem Lager schleunig nach Antium zusammenfahren, stellte hier eine mäßige Besatzung an, und flog in Eilmärschen nach Tusculum. Der Soldat durfte nichts mitnehmen, als die Waffen und was er an Gebackenem vorräthig hatte. Die Zufuhr besorgte Consul Cornelius von Rom aus.

Der Krieg vor Tusculum dauerte mehrere Monate. Mit dem einen Theile seines Heers bestürmte der Consul das Lager der Äquer; den andern hatte er den Tusculanern zur Wiedereroberung ihrer Burg gegeben. Hier im Sturme hinanzukommen, war nicht möglich. Zuletzt nöthigte der Hunger die Feinde, herabzukommen. Und als sie sich in der höchsten Noth hierzu verstehen mußten, ließen die Tusculaner sie sämtlich, entwaffnet und entkleidet, unter einem Jochgalgen abziehen. Als sie auf dieser schimpflichen Flucht ihrer Heimat zuwanderten, erreichte sie auf dem Algidus der Römische Consul und hieb sie zusammen. Bei Columen – so hieß der Ort, wohin der Sieger sein Heer zurückführteWeil die gewöhnliche Lesart (exercitu relicto) keinen Sinn giebt, so habe ich die von Mehrern gebilligte (reducto) übersetzt. – bezog er ein Lager. Nun rückte der andre Consul, da für Roms Mauern, nach Besiegung des Feindes, die Gefahr aufgehört hatte, ebenfalls aus Rom. Und so plünderten die Consuln, die von zwei Seiten den Feinden ins Land fielen, dort die Volsker, hier die Äquer, um die Wette.

Bei den meisten Schriftstellern finde ich, daß die Antiaten in diesem Jahre abgefallen sein sollen. Indeß für gewiß zu behaupten, daß der Consul Lucius Cornelius diesen Krieg geführt und die Stadt erobert habe, möchte ich, da die älteren Geschichtschreiber dessen nicht Erwähnung thun, nicht wagen.

235 24. Nach Endigung dieses Krieges schreckte zu Hause die Väter der Krieg mit den Tribunen. Diese schrieen: «Es geschehe aus böser Absicht, daß man das Heer so lange im Felde lasse, und sei ein Kunstgriff, um den Vorschlag zu unterdrücken: dessen ungeachtet wollten sie die angefangene Sache ausführen.» Dennoch bewirkte Publius Lucretius, der Stadtvorsteher, daß die Verhandlungen der Tribunen hierüber bis zur Ankunft der Consuln ausgesetzt wurden.

Noch hatte sich eine neue Veranlassung zu Unruhen gefunden. Die QuästorenDamals etwa: mit peinlichen Untersuchungen beauftragte Fiscale. Aulus Cornelius und Quintus Servilius hatten den Marcus Volscius, weil er gegen den Cäso offenbar als falscher Zeuge aufgetreten sei, vor Gericht geladen. Es ergab sich nämlich durch mehrere Aussagen, einmal, daß des Volscius Bruder, seitdem er befallen gewesen, sich nicht nur niemals wieder habe öffentlich sehen lassen, sondern nicht einmal von seiner Krankheit erstanden und an einer Monate daurenden Auszehrung gestorben sei: zum andern, daß Cäso in jener Zeit, welche der Zeuge seiner Beschuldigung unterlegte, nie in Rom gesehen sei, indem diejenigen, welche zugleich mit ihm im Dienste gewesen waren, versicherten, daß er damals mit ihnen immerfort, ohne Urlaub zu nehmen, unter der Fahne gestanden habe. Daß sich die Sache so verhalte, dies erboten sich viele auf ihre eigne Gefahr dem Volscius vor jedem Richter zu erweisen. Da er es nun nicht wagte, sich einem Richter zu stellen, so ließen alle diese zusammentreffenden Umstände die Verdammung des Volscius eben so sicher erwarten, als vorhin die des Cäso auf das Zeugniß des Volscius. Doch hinderten diese die Tribunen durch die Erklärung, sie würden nicht zugeben, daß die Quästoren des Beklagten wegen einen Volkstag hielten, wenn nicht zuvor einer des Vorschlags wegen gehalten sei. So wurden beide Sachen bis zur Ankunft der Consuln hingehalten.

Als nun diese triumphirend mit dem siegreichen Heere 236 in die Stadt gezogen waren, so glaubten Viele, weil über den Vorschlag Alles still blieb, die Tribunen hätten den Muth verloren. Allein diese, die damit umgingen, zum viertenmale Tribunen zu werden – denn es war schon am Ende des Jahrs – veranlaßten, statt des Streites über den Vorschlag, einen Zank über ihre Wahl. Und ob sich gleich die Consuln der Verlängerung des Tribunats mit nicht geringerem Eifer widersetzten, als geschähe jetzt der Antrag über jenen zur Herabsetzung ihrer Würde ausgehängten Vorschlag, so blieb dennoch der Sieg in diesem Streite den Tribunen.

Auch wurde in diesem Jahre den Äquern der erbetene Friede bewilligt. Die Schatzung, die im vorigen Jahre angefangen war, wurde beendet und mit einem Schatzungsopfer – dem zehnten nach Erbauung der Stadt – geschlossen. Geschatzt wurden hundert und siebzehntausend dreihundert neunzehn Bürgerköpfe.

Die Consuln hatten sich in diesem Jahre zu Hause und im Kriege großen Ruhm erworben. Im Felde hatten sie Frieden erkämpft: im Innern war der Stat, wenn auch nicht einig, doch minder entzweiet, als sonst.

25. Die nun gewählten Consuln, Lucius Minucius und Cajus Nautius, fanden zwei aus vorigem Jahre rückständige Angelegenheiten vor. So wie die Consuln den Vorschlag, so verhinderten die Tribunen das Verhör des Volscius; allein die neuen Quästoren waren Männer von mehr Kraft und Ansehen. Mit dem Marcus Valerius, des ManiusDaß es hier statt Valerius heißen müsse Manius, zeigt Drakenborch. Sohne und des Volesus Enkel, war Titus Quinctius Capitolinus Quästor, der dreimal Consul gewesen war. Dieser verfolgte, weil er die Quinctische Familie ihres Cäso und den Stat seines vorzüglichsten jungen Mannes unwiederbringlich beraubt sah, den falschen Zeugen, der dem Unschuldigen die Selbstvertheidigung vor Gericht unmöglich gemacht hatte, mit einem Kriege, welchen Gerechtigkeit und Vaterpflicht billigten. Virginius hauptsächlich und die Tribunen betrieben die Durchsetzung 237 des Vorschlages; und den Consuln wurden zwei Monate Frist gegeben, den Vorschlag zu untersuchen, dann aber auch das Gesamtvolk, wenn sie es über die darunter beabsichtigten geheimen Ränke belehrt hätten, an der Abstimmung über denselben nicht zu hindern. Diese bewilligte Zwischenzeit bewirkte in der Stadt den Frieden.

Allein eine daurende Ruhe verstatteten die Äquer nicht. Sie brachen den im vorigen Jahre mit den Römern geschlossenen Frieden, und übertrugen den Oberbefehl dem Gracchus Clölius. Er war damals bei weitem der angesehenste Äquer. Unter Anführung des Gracchus fielen sie feindlich plündernd in das Lavicanische Gebiet, von da ins Tusculanische, und lagerten sich mit Beute beladen auf dem Algidus. In dieses Lager kamen als Gesandte von Rom Quintus Fabius, Publius Volumnius, Aulus Postumius, um sich über die Gewaltthätigkeit zu beklagen und dem Friedensschlusse gemäß Genugthuung zu fordern. Der Feldherr der Äquer hieß sie «ihre Aufträge vom Römischen Senate an die Eiche bestellen: er habe indeß andre Dinge zu thun.» Über sein Hauptzelt ragte ein großer Eichbaum her, dessen Schatten den Wohnsitz kühlte. Da sprach einer der Gesandten im Weggehen: «Diese geheiligte Eiche und alle Götter mögen es hören, daß ihr den Frieden gebrochen habt; mögen [sie] jetzt unserer Klagen und bald unsrer Waffen sich annehmen, wann wir für die von euch zugleich verletzten göttlichen und menschlichen Rechte Rache nehmen werden.» Als die Gesandten nach Rom zurückkamen, befahl der Senat dem einen Consul, mit einem Heere gegen den Gracchus auf den Algidus zu gehen; dem andern machte er die Plünderung des Äquischen Gebiets zum Geschäfte. Die Tribunen widersetzten sich nach ihrer Gewohnheit der Werbung, und vielleicht hätten sie es aufs äußerste getrieben: allein plötzlich trat ein neuer Schrecken ein.

26. Feindlich plündernd kam ein großer Schwarm Sabiner nahe an die Stadtmauern. Die Dörfer wurden übel mitgenommen und die Stadt in Schrecken gesetzt. Da griffen die Bürger gutwillig zu den Waffen. Gegen alle 238 Einwendungen der Tribunen wurden zwei große Heere geworben. Das eine führte Nautius gegen die Sabiner, nahm sein Lager bei Eretum, und richtete, auf kleinen Streifzügen, meistens durch nächtliche Einfälle, im Sabinischen eine solche Verwüstung an, daß im Vergleiche mit dieser das Römische Gebiet vom Kriege fast unberührt schien.

Minucius hatte in der Führung seines Geschäfts weder dasselbe Glück, noch dieselbe Geisteskraft. Denn da er in des Feindes Nähe sein Lager genommen hatte, hielt er sich, ohne eine bedeutende Niederlage erlitten zu haben, schüchtern im Lager. Als dies die Feinde merkten, stieg ihnen natürlich bei der Furchtsamkeit ihres Gegners der Muth; und da ihnen in einem nächtlichen Angriffe der dreiste Sturm nicht sonderlich gelang, so umgaben sie das Lager Tags darauf mit Werken. Ehe diese durch den ringsum aufgeworfenen Wall die Ausgänge schlossen, entkamen fünf Ritter durch die feindlichen Posten und meldeten in Rom die Einschließung des Consuls und des Heers. Nichts konnte so unvermuthet, so ganz gegen die Erwartung eintreten. Darum war auch der Schrecken und die Bestürzung so groß, als hätten die Feinde die Stadt, nicht das Lager, eingeschlossen. Der Consul Nautius wurde einberufen. Da man sich aber durch ihn noch nicht geschützt genug hielt, und es nöthig fand, einen Dictator zu wählen, der im Stande sei, die schlimme Sache wieder gut zu machen, so wurde Lucius Quinctius Cincinnatus einstimmig dazu ernannt.

Hier möchte ich denen Aufmerksamkeit empfehlen, in deren Augen Alles im menschlichen Leben dem Reichthume nachsteht; die ein hohes Ehrenamt oder Verdienst immer an seiner unrechten Stelle finden, außer wo Vermögen in vollen Strömen sich sammelt. Der einzige für die Oberherrschaft Roms zu erwartende Retter, Lucius Quinctius, beackerte jenseit der Tiber, gerade dem Platze gegenüber, wo jetzt die Schifflände ist, ein Grundstück von vier Morgen, welches jetzt die Quinctische Wiese heißt. Hier baten ihn die Gesandten, wie er, entweder beim Grabenziehen sich auf den Spaten stämmete, oder pflügte; 239 wenigstens, was man gewiß weiß, mit einer Landarbeit beschäftigt war; nach gegenseitiger Begrüßung, er möge zum Segen für ihn selbst und für den Stat, die Anträge des Senats in der Toga vernehmen. Voll Verwunderung und unter Fragen: «Ob nicht alles gut stehe,» hieß er seine Gattinn Racilia eilends die Toga aus der Hütte herbringen. Als er sich den Staub und Schweiß abgewischt hatte und nun gekleidet auftrat, begrüßten ihn die glückwünschenden Gesandten als Dictator, beriefen ihn zur Stadt und schilderten ihm die Gefahr des Heeres. Das Schiff zur Abholung des Quinctius gab der Stat: nach seiner Überfahrt empfingen ihn drei Söhne, die ihm entgegen gegangen waren; weiterhin die andern Verwandten und Freunde; zuletzt der größere Theil der Väter. Diese zahlreiche Umgebung geleitete ihn unter Vortritt der Beilträger bis an sein Haus. Auch der Zulauf der Bürgerschaft war groß: doch sah diese den Quinctius gar nicht zu ihrer Freude, weil sie theils die Gewalt seines Amts für zu groß, theils ihn selbst für den Mann hielt, der eben in dieser Amtsgewalt noch strenger sein werde.

Indeß that man für die nächste Nacht in der Stadt nichts weiter, als daß man wach blieb.

27. Als der Dictator noch vor Anbruch des folgenden Tages auf den Markt gekommen war, ernannte er zum Magister Equitum den Lucius Tarquitius, aus adlichem Geschlechte, der unter allen jungen Männern Roms, ob er gleich aus Armuth zu Fuße gedient hatte, bei weitem für den ersten Krieger galt. Mit dem Magister Equitum trat er in die Versammlung, verordnete einen Gerichtsstillstand, ließ in der ganzen Stadt die Kaufladen schließen und untersagte die Betreibung jeder Privatsache. Dann hieß er Alle vom dienstfähigen Alter, bewaffnet, mit fertigem Mundvorrathe auf fünf Tage, und zwölf Schanzpfählen, vor Sonnenuntergang auf dem Marsfelde erscheinen: wer zum Dienste zu alt sei, solle dem Dienste thuenden Nachbar, während dieser seine Waffen in Stand setze und Schanzpfähle hole, seine Kost bereiten. Nun liefen die Jünglinge umher, sich Pfähle zu holen; jeder nahm sie, wo er sie 240 zunächst fand, ohne von jemand gehindert zu werden; und alle stellten sich dem Befehle des Dictators ungesäumt. Nach Anordnung des Zuges führte der Dictator selbst das Fußvolk, der Magister Equitum seine Reuterei; zum Treffen erforderlichen Falls in so guter Verfassung, als zum Marsche. In beiden Zügen hörte man Ermunterungen, wie die Lage der Dinge sie forderte. «Sie möchten den Schritt verdoppeln: es sei Eile nöthig, um in der Nacht an den Feind kommen zu können: ein Römischer Consul sei mit seinem Heere eingeschlossen; schon in den dritten Tag umringt: man könne nicht wissen, was jeden Tag, jede Nacht sich ereignen könne: oft beruhe die Entscheidung der wichtigsten Dinge auf einem Augenblicke.» Auch riefen sie selbst, um sich den Heerführern gefällig zu machen, unter einander: «Fähnrich, den Schnellschritt! Ihm nach, Soldat!» Um Mitternacht erreichten sie den Algidus, und als sie merkten, daß sie dem Feinde schon nahe waren, machten sie Halt.

28. Hier befahl der Dictator, der das feindliche Lager umritt, und soviel Übersicht ihm die Nacht gestattete, die Lage und Gestalt desselben in Augenschein nahm, den Obersten, die Soldaten ihr Gepäck zusammenwerfen und sie dann wieder mit ihren Waffen und Schanzpfählen in die Glieder treten zu lassen. Der Befehl wurde vollzogen. Darauf stellte er, in der Ordnung, die sie unterwegs gehabt hatten, das ganze Heer in einem langen Zuge um das feindliche Lager, befahl allen, auf ein gegebenes Zeichen ein Geschrei zu erheben, und nach dem Geschreie sollte jeder sein Loch graben und den Pfahl einsenken.

Der Bekanntmachung des Befehls folgte das Zeichen. Der Soldat vollzog, was ihm befohlen war. Geschrei umtönte die Feinde. Es scholl über das feindliche Lager weg und drang zum Lager des Consuls. Dort erregte es Bestürzung: hier außerordentliche Freude. Die Römer, die sich einander glückwünschend zuriefen: «Das sei ein Geschrei von Landsleuten, und es sei Entsatz gekommen,» setzten nun selbst, von den Posten und Wachen aus, den Feind in Schrecken. Der Consul versicherte, «sie dürften nicht 241 säumen. Jenes Geschrei bedeute nicht bloß die Ankunft der Ihrigen, sondern den schon gethanen Angriff, und es müsse wunderbar zugehen, wenn das feindliche Lager nicht schon von der Außenseite bestürmt werde.» Also hieß er die Seinigen zu den Waffen greifen und ihm folgen. Noch in der Nacht fingen seine Legionen das Treffen an, und gaben dem Dictator durch ein Geschrei zu verstehen, daß auch auf dieser Seite die Sache schon im Werke sei.

Eben schickten die Äquer sich an, ihre Einschließung durch das Pfahlwerk zu verhindern, als sie auf das von dem inneren Feinde eröffnete Gefecht, aus Furcht, er möchte mitten durch ihr Lager hinausbrechen, von den Schanzenden sich gegen den Angriff von innen wandten, und die Fortsetzung der Werke die Nacht über ungestört ließen. So fochten sie mit dem Consul bis zum Tage.

Mit Tagesanbruch waren sie schon vom Dictator umpfählt; und dabei kaum dem Gefechte mit Einem Heere gewachsen. Nun wurde vom Quinctischen Heere, das sogleich nach Vollendung der Werke die Waffen wieder nahm, ihr Wall angegriffen: hier drängte sie ein neues Gefecht, und jenes frühere hatte noch nicht nachgelassen, In dieser Noth von beiden Seiten baten sie, vom Kampfe zum Flehen herabgestimmt, hier den Dictator, dort den Consul, sie möchten den Sieg nicht in ihrer Vertilgung suchen; sie möchten sie entwaffnet abziehen lassen.

Vom Consul wurden sie an den Dictator gewiesen, der sie aus Erbitterung noch mit Schimpf belegte. Er befahl ihnen, ihren Anführer Gracchus Clölius und andre Vornehme gebunden vor ihn zu bringen, und die Stadt Corbio abzutreten. «Nach dem Blute der Äquer verlange ihn nicht: sie könnten abziehen: um ihnen aber endlich einmal das Geständniß abzudringen, daß ihr Volk bezwungen und gebändigt sei, sollten sie unter einem Jochgalgen abziehen.» Von drei Spießen wurde ein Jochgalgen gemacht, so daß zwei in die Erde gesteckt, und eins quer darüber gebunden wurde. Durch diesen Galgen entließ der Dictator die Äquer.

242 29. Nachdem er das Lager der Feinde in Besitz genommen hatte, wo sich Alles im Überflusse fand, – denn er hatte sie nur in Einem Rocke entlassen, – gab er die ganze Beute nur seinen Soldaten. Das consularische Heer und den Consul selbst redete er mit dem Verweise an: «Dir gebührt kein Theil, Soldat, an der Beute von einem Feinde, dem du beinahe zur Beute wurdest. Und du, Lucius Minucius wirst, bis du anfängst, den Muth eines Consuls zu haben, über diese Legionen Unterfeldherr sein.» Also legte Minucius sein Consulat nieder und blieb auf jenen Befehl beim Heere.

So sehr war man damals geneigt, sich dem besseren Oberbefehle willig zu fügen, daß die Soldaten mehr der Wohlthat als der Beschimpfung eingedenk, dem Dictator einen pfündigen goldenen Kranz als Geschenk zuerkannten und ihm bei seinem Abzuge, als ihrem PatronePatronus war der liebevolle Ehrenname, mit dem die gewesenen Sklaven den Herrn benannten, der ihnen die Freiheit geschenkt hatte., Lebewohl sagten.

Zu Rom beschloß der vom Stadtvorsteher Quintus Fabius versammelte Senat, daß Quinctius in der Ordnung seines ankommenden Zuges triumphirend seinen Eintritt in die Stadt halten solle. Vor dem Wagen her gingen die Feldherren der Feinde; die Fahnen wurden ihm vorgetragen; das mit Beute beladene Heer folgte ihm. Vor jedem Hause soll ein Mahl zubereitet gewesen sein, und die Schmausenden schlossen sich unter Triumphliedern und den dabei üblichen Scherzen, nach Art der schwärmenden Zecher, an den Zug. An dem Tage wurde dem Tusculaner, Lucius Mamilius, mit allgemeiner Beistimmung, das Bürgerrecht verliehen.

Der Dictator würde sogleich von seinem Amte abgegangen sein, hätte ihn nicht der dem falschen Zeugen Marcus Volscius angesetzte Gerichtstag darin festgehalten, den die Tribunen aus Furcht vor dem Dictator nicht hinderten. Der verurtheilte Volscius ging nach Lanuvium ins Elend. Quinctius legte die auf sechs Monate übernommene Dictatur am sechzehnten Tage nieder.

243 In diesen Tagen erfocht der Consul Nautius bei Eretum einen ausgezeichneten Sieg über die Sabiner. Außer der Plünderung ihres Gebiets traf die Sabiner nun noch diese Niederlage. Auf den Algidus schickte man den Quintus Fabius in die Stelle des Minucius.

Am Ende des Jahrs brachten die Tribunen den Vorschlag wieder in Anregung: allein die Väter setzten es durch, daß in Abwesenheit beider Heere bei dem Gesamtvolke kein Antrag gethan werden sollte. Den Bürgerlichen gelang es, dieselben Tribunen zum fünftenmale zu wählen.

Auf dem Capitole, heißt es, hätten sich Wölfe sehen lassen, und waren von den Hunden verscheucht. Dieser Erscheinung wegen sei das Capitol durch Reinigungsopfer wieder geweihet. Dies sind die Begebenheiten dieses Jahres.

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