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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 169
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
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490 25. Nach ihrer Rede von solchem Inhalte warfen sie sich abermals sämtlich zu Boden; und da sie in dieser flehenden Stellung die Ölzweige emporstreckten, hieß man sie endlich aufstehen und sie verließen das Rathhaus. Nun ging die Stimmensammlung an. Hauptsächlich waren diejenigen gegen die Rhodier aufgebracht, welche als Consuln, Prätoren oder Unterfeldherren in Macedonien Krieg geführt hatten. Am meisten nahm sich ihrer Sache Marcus Porcius Cato an, der, bei aller ihm sonst eigenen Härte, diesmal als Stimmgeber im Senate der Schonende und Verzeihende war. Ich will aber nicht durch Anführung dessen, was er sagte, die Fülle des Redners in einem eingereiheten Nachbilde darstellen: seine eigne Rede, die noch schriftlich vorhanden ist, befindet sich im fünften Buche seiner Urgeschichten. Die Rhodier bekamen eine solche Antwort, welche sie zwar nicht als Feinde erklärte, aber auch nicht länger für Bundsgenossen gelten ließ. Philocrates und Astymedes waren die Häupter der Gesandschaft. Sie ließ einige ihrer Mitglieder mit dem Philocrates den Bescheid nach Rhodus überbringen, und andre mit dem Astymedes in Rom bleiben, um zu erfahren, was vorginge, und die Ihrigen zu benachrichtigen. Für jetzt befahlen ihnen die Väter, ihre Statthalter aus Lycien und Carien zurückzuziehen. Als dieser Bericht, der an sich niederschlagend genug gewesen sein würde, nach Rhodus kam, so stimmte erin gaudium renunciata verterunt]. – Ich vermuthe, dies renunciata sei ein Einschiebsel, welches aus dem voraufgegangenen nunciata von Einem gemacht wurde, der unter verterunt nicht se verterunt verstand. die Rhodier, weil sie jetzt die Furcht vor dem größeren Übel gehoben sahen – hatten sie doch schon Krieg gefürchtet – zur Freude. Sie beschlossen sogleich, einen Kranz, zwanzigtausend125,000 Gulden Conv. M. Goldstücke am Werthe, nach Rom zu senden, und ließen zu dieser Gesandschaft den Befehlshaber der Flotte TheätetusTheodotum]. – Da Polyb. an sieben Stellen diesen den Römern sehr ergebenen Mann Θεαίτητος nennt, Livius aber seiner nur hier erwähnt, so folge ich dem Ursinus u. Drakenb., und ändere den vermuthlichen Schreibfehler der Einen Stelle nach jenen ab. abgehen. Sie wünschten nämlich um 491 das Bündniß mit Rom auf die Art nachzusuchen, daß darüber von ihren Bürgern kein Volksschluß abgefasset und nichts schriftlich aufgezeichnet würde, weil sie, falls sie es nicht erlangten, als die Abgewiesenen so viel größeren Schimpf gehabt hätten. Und der Befehlshaber der Flotte ganz allein hatte das Recht, hierüber ohne allen genehmigten Antrag zu unterhandeln. Sie waren aber seit so vielen Jahren der Römer Freunde gewesen, ohne sich durch einen Bundesvertrag zu binden, aus keinem andern Grunde, als weil sie keinem Könige, der etwa ihrer Hülfe bedürfte, alle Hoffnung, und sich selbst die Vortheile nicht unmöglich machen wollten, die sie von seinem Wohlwollen oder von seinem Glücke ernten mußten. Jetzt hielten sie es allerdings für nothwendig, um ein Bündniß anzuhalten, nicht um sich dadurch mehr Sicherheit gegen Andre zu geben; denn sie fürchteten außer den Römern niemand: sondern um bei den Römern selbst aus dem Verdachte zu kommen. Ungefähr um diese Zeit fielen die Bürger von Caunus von ihnen ab, und die von Mylasa besetzten die zu Euromum gehörigen Städte. Noch war den Rhodiern der Muth so tief nicht gesunken, daß sie es nicht beherzigt hätten, wenn ihnen die Römer Lycien und Carien nahmen, und das Übrige entweder durch Abfall sich befreiete, oder von Nachbaren besetzt wurde, sich dann auf die Küsten ihrer kleinen und unfruchtbaren Insel beschränkt zu sehen, welche durchaus die Volksmenge einer so großen Stadt nicht ernähren konnte. Also schickten sie eilig Truppen ab, und zwangen nicht nur die Caunier, ob diese gleich Hülfe von Cibyra an sich gezogen hatten, zum Gehorsame, sondern besiegten auch die Truppen von Mylasa und Alabanda, die nach Eroberung des Bezirks von Euromum mit vereinigtem Heere gegen sie selbst heranzogen, bei Orthosia in einem Treffen.

26. Während dieser verschiedenen Ereignisse, zum Theile hier, zum Theile in Macedonien, oder in Rom, gab in Illyricum Lucius Anicius, der sich, wie oben 492 gesagt, des Königs Gentius bemächtigt hatte, der gewesenen Königsstadt Scodra nach eingelegter Besatzung den Gabinius zum Befehlshaber, und Rhizon und Olcinium, zwei Städten von vortheilhafter Lage, den Cajus Licinius. Als er diese über Illyricum gesetzt hatte, ging er mit seinem übrigen Heere nach Epirus. Die erste Stadt, die sich hier ihm ergab; war Phanote, deren sämtliche Bewohner ihm im Aufzuge der Gnadeflehenden entgegen kamen. Er gab ihr eine Besatzung und ging nach Molossis hinüber: und da ihn hier die Städte sämtlich einließen, nur Passaron, Tecmon, Phylace und Horreum nicht, so rückte er zuerst vor Passaron. Antinous und Theodotus waren die Häupter dieser Stadt, ausgezeichnet durch ihre Anhänglichkeit an Perseus und ihren Haß gegen die Römer: auch hatten sie das ganze Volk zum Abfalle von den Römern vermocht. Im Bewußtsein ihrer persönlichen Schuld schlossen sie ihm die Thore, um bei dem Mangel einer für sich zu hoffenden Verzeihung unter den alle Bürger treffenden Trümmern der Vaterstadt begraben zu werden, und ermunterten die Volksmenge, der Sklaverei den Tod vorzuziehen. Gegen die beiden Übermächtigen wagte niemand einen Laut. Endlich rief ein gewisser Theodotus, ebenfalls ein junger Mann von Stande, bei welchem die größere Furcht vor den Römern die Scheu vor seinen Beherrschern besiegte, den Bürgern zu: «Was für eine Wuth spornt euch, eure Stadt dem Verbrechen zweier Einzelnen als Zugabe zu opfern? Ich wenigstens habe oft von Männern erzählen hören, die für ihre Vaterstadt in den Tod gegangen waren: allein von solchen, die um ihrentwillen die Vaterstadt zu Grunde gehen lassen wollen? – – wahrlich, da sind sie die ersten. Warum öffnen wir nicht die Thore und fügen uns einer Oberherrschaft, welcher sich der Erdkreis gefügt hat?» Als ihn auf dies Wort die Menge hinbegleitete, stürzten sich Antinous und Theodotus auf den ersten Posten der Feinde und fielen hier unter den Wunden, denen sie absichtlich sich boten. Die Stadt ergab sich den Römern. Die durch ähnliche Hartnäckigkeit ihres Oberhauptes 493 Cephalus verschlossene Stadt Tecmon gewann Anicius durch Übergabe, nachdem man jenen getödtet hatte. Auch Philace und Horreum ließen es nicht zum Sturme kommen. Als Anicius Epirus beruhigt und seine Truppen für die Winterquartiere in die schicklichen Städte vertheilt hatte, ging er nach Illyricum zurück und hielt zu Scodra, wo die fünf Bevollmächtigten von Rom angekommen waren, eine Zusammenkunft der Großen, die er aus der ganzen Provinz berief. Hier machte er von der Rednerbühne herab der Angabe seiner Beiräthe gemäß bekannt: «Roms Senat und Volk erkläre die Illyrier für frei. Er selbst werde aus allen Städten, Schlössern und Schanzen seine Besatzungen abführen. Nicht bloß bürgerlich frei, sondern auch steuerfrei sollten die Issäer und Taulantier sein, von den Dassaretiern die Pirusten, ferner die Bewohner von Rhizon und Olcinium, weil sie noch vor Besiegung des Gentius den Römern beigetreten wären. Auch den Daorseern bewilligten sie die Steuerfreiheit, weil sie den Caravantius verlassen hätten und in ihren Waffen zu den Römern übergegangen wären. Die Bürger von Scodra, die Dassarenser und Selepitaner sollten halb so viel Steuern geben, als sie dem Könige entrichtet hätten.» Dann machte er aus Illyrien drei Theile. Zu dem ersten nahm er die obenquae supra dicta est]. – Meint er vielleicht die Taulantier und Pirusten? genannten Völker, zu dem zweiten alle Labeaten, zu dem dritten die Agrauoniten, die Bewohner von Rhizon, von Olcinium und ihre Nachbaren. Nach dieser über Illyricum ausgesprochenen Verfügung ging er nach Passaron in Epirus in die Winterquartiere zurück.

27. Während dies in Illyricum vorging, schickte Paullus, noch vor der Ankunft der Zehn Bevollmächtigten, seinen von Rom schon zurückgekehrten Sohn Quintus Maximus hin, Äginium und Agassä zu plündern: Agassä nämlich, weil die Bewohner, die bei einem freiwilligen Gesuche um Roms Freundschaft ihre Stadt dem Consul Marcius übergeben hatten, wieder zum Perseus 494 übergetreten waren. Die Äginier hingegen traf ein Vorwurf aus neuerer Zeit. Sie hatten dem Gerüchte vom Siege der Römer nicht glauben wollen und einige Soldaten, die zu ihnen in die Stadt kamen, mit feindlicher Wuth behandelt. Auch schickte er den Lucius Postumius ab, die Stadt der ÄneatenAeniorum – urbem]. – Die Stadt Änus in Thracien kann hier, wie Drakenb. zeigt, nicht gemeint sein. Er lieset also richtiger: Aeneatum – urbem, und bezieht sich auf 44, 32., wo Perseus die Stadt Aenea oder Aenia (in Macedonien) durch den Antigonus mit 1000 Reutern besetzen lässet. In den bald folgenden Worten Autumni fere tempus erat, möchte ich, weil Livius gleich fortfährt: cuius temporis initio, statt fere lieber ferme lesen. feindlich zu plündern, weil sie mit größerer Hartnäckigkeit, als die benachbarten Städte, in den Waffen geblieben waren. Jetzt war es beinahe Herbst: und da er sich vorgenommen hatte, zu Anfang dieser Jahrszeit Griechenland zu bereisen, und alle die Dinge in Augenschein zu nehmen, von denen man als berühmten Merkwürdigkeiten gewöhnlich mehr höret, als selbst zu sehen bekommt; so gab er dem Cajus Sulpicius Gallus den Oberbefehl im Lager, ging mit einer mäßigen Begleitung ab, von welcher er seinen Sohn Scipio und des Königs Eumenes Bruder Athenäus zunächst um sich hatte, und reisete durch Thessalien nach Delphi, dem berühmten Orakel. Hier brachte er dem Apollo ein Opfer und bestimmte die angefangenen Säulen am Eingange des Tempels, worauf man des Königs Perseus Standbilder hatte setzen wollen, als Sieger für seine eigenen. Auch zu Lebadia besuchte er den Tempel des Jupiter Trophonius. Nachdem er hier die Mündung der Höhle, durch welche diejenigen, die sich des Orakels bedienen wollen, um die Götter zu befragen hinabsteigen, in Augenschein genommen, auch dem Jupiter und der Hercynna, welche hier ihren Tempel haben, ein Opfer gebracht hatte, ging er nach Chalcis hinab, den Euripus und Euböa zu sehen, diese durch eine BrückeEuripi * * aevoque ante insulae, ponte]. – Auf die Verbesserung statt der Sternchen und aevoque mit Florebellus, Sigonius, Gronov und Drakenborch Euboeaeque zu lesen, führt die Sache selbst. Nur hätte man das Wort ante nicht ganz wegwerfen sollen. Livius selbst sagt uns 28, 7. Chalcis, eiusdem insulae urbs, adeo arcto (oder arto) interscinditur freto, ut ponte continenti iungatur. Ich lese also auch hier: ad spectaculum Euripi Euboeaeque, arte (oder arcte) insulae ponte continenti iunctae. Livius setzte das Wort arte vor insulae, um nicht arte ponte beisammen zu haben. so nahe mit dem festen 495 Lande verbundene Insel. Von Chalcis fuhr er nach dem nur dreitausend Schritte entfernten Hafen Aulis hinüber, berühmt als ehemaliger Ankerplatz der Agamemnonischen Flotte von tausend Schiffen; und nach dem Dianentempel, wo jener König der Könige, seinen Schiffen die Fahrt nach Troja zu erflehen, seine Tochter als Schlachtopfer an den Altar führte. Von hier kamen sie nach Oropus in Attica, wo der Wahrsager Amphilochus göttlich verehrt wird, und ein alter Tempel steht, dessen Gegend Quellen und Bäche reizend machen. Dann weiter nach Athen, das freilich ebenfalls der Gegenstände von uraltem Ruhme die Fülle, aber auch so Vieles für das Auge hatte; seine Burg; seine Häfen; seine Mauern, die den Piräeus mit der Stadt verbinden; die Standplätze der Flotten großer Feldherren, und ausgezeichnete Bildnisse der Götter und Menschen von Stoff und Meistern aller Art.

28. Nachdem er der Minerva, der Schutzgöttin der Burg, ein Opfer in der Stadt gebracht hatte, reisete er ab und kam den folgenden Tag nach Corinth. Dies war damals, noch vor der Zerstörung, eine herrliche Stadt. Auch die Burg und die Landenge gewahrten ihm eine Prachtschau: die Burg, die zwischen den Mauern zu einer ungeheuern Höhe hervorragte, und doch von Quellen gewässert; die Landenge, welche zwei von Sonnenuntergang und Aufgang einander nahende Meere durch einen schmalen Zwischenweg trennt. Von hier besuchte er die berühmten Städte Sicyon und Argos; dann Epidaurus, minder wohlhabend, allein durch den berühmten Tempel des Äsculap weitgepriesen, welcher fünftausend Schritte von der Stadt entfernt liegt, jetzt nur noch an Spuren der losgebrochenen Weihgeschenke, damals an Weihgeschenken reich, welche die Kranken als Erkenntlichkeit für seine Heilmittel dem Gotte geheiligt hatten. Von hier besuchte er Lacedämon, merkwürdig, nicht durch Pracht der 496 Gebäude, wohl aber durch seine Zucht und Einrichtungen. Von da ging er über Megalopolis nach Olympia hinauf. Hier fand er zwar auch manches andre Sehenswerthe, doch von dem Anblicke des gleichsam vergegenwärtigten Jupiter fühlte er sich ergriffen. Darum ließ er auch ein ungewöhnlich prächtiges Opfer ausrichten, nicht anders, als hätte er auf dem Capitole opfern sollen.

Nachdem er Griechenland so bereiset hatte, ohne im mindesten Erkundigungen darüber einzuziehen, wie ein Jeder im Kriege mit Perseus für sich, oder als Mitglied des Stats gedacht haben möchte, – denn er wollte ja in den Gemüthern der Bundsgenossen auch nicht die geringste beunruhigende Furcht erregen; – stieß er auf der Rückreise nach Demetrias, noch unterweges, auf eine Schar Ätoler in Trauerkleidern. Als er sich verwunderte und nachfragte, was dies zu bedeuten habe, wurde ihm gemeldet, Lyciscus und Tisippus hätten mit Römischen Soldaten, die ihnen der Statthalter Bäbius geschickt habe, den Senat umringt, fünfhundert und funfzig der Vornehmsten hingerichtet, Andere mit der Landesverweisung belegt, und die Güter der Hingerichteten sowohl als der Verbanneten wären im Besitze dieser Ankläger. Er hieß sie zu Amphipolis sich melden, besprach sich zu Demetrias mit dem Cneus Octavius, und als die Nachricht einlief, die Zehn Bevollmächtigten hätten sich schon übergeschifft, ließ er alles Andre liegen und reisete nach Apollonia zu ihnen. Als ihm von Amphipolis aus Perseus, den man nicht sorgfältig genug bewacht hatte, dorthin entgegenkam; – es ist eine Tagereise: – so empfing er freilich ihn sehr gütig; als er aber in das Lager bei Amphipolis kam, soll er dem Cajus Sulpicius einen nachdrücklichen Verweis gegeben haben; Einmal, weil er zugegeben habe, daß Perseus in einer solchen Entfernung von ihm in der Provinz umherschweife; zum Andern, weil er gegen die Soldaten nachsichtig genug gewesen sei, ihnen zu gestatten, daß sie zur Bedachung ihrer Winterquartiere sogar die Ziegel von den Stadtmauern abgedeckt hätten. Er gab auch Befehl, die Ziegel zurückzuliefern und die 497 gedeckt gewesenen Stellen wieder in den vorigen Stand zu setzen. Den Perseus in Person nebst seinem älteren Sohne Philipp übergab er als Verhaftete dem Aulus Postumius; die Tochter aber und der jüngere Sohn, die er von Samothrace nach Amphipolis holen ließ, fanden bei ihm die anständigste Behandlung.

29. Als der Tag gekommen war, auf welchen er nach Amphipolis aus jeder Stadt zehn der Vornehmsten beschieden, und die sämtlichen Schriften, wo sie auch niedergelegt sein mochten, nebst dem königlichen Schatze hatte zusammenbringen lassen, setzte er sich mit den Zehn Bevollmächtigten, von einer Menge Macedonier aller Art umringt, auf der Richterbühne nieder. Bei aller Gewohnheit an königliche Regierung gab ihnen doch die nie gesehene Richterbühne einen schrecklichen Anblick. Der den Zugang verwehrende Beilträger, der Herold, der Gerichtsdiener, dies Alles war ihren Augen und Ohren etwas Ungewohntes, und hätte selbst Bundesgenossen, geschweige denn besiegte Feinde, schrecken können. Als durch den Herold Stille geboten war, erklärte Paullus auf Latein, was der Senat und er selbst mit Zustimmung seiner Beiräthe beschlossen habe: und der Prätor Cneus Octavius – denn auch dieser war zugegen – sagte es in Griechischer Übersetzung nach. «Gleich zuerst erkläre er die Macedonier für frei, im Besitze ihrer bisherigen Städte und Ländereien, mit Beibehaltung ihrer Gesetze, und einer ihnen überlassenen Wahl jähriger Obrigkeiten. Dem Römischen Volke sollten sie halb so viel an Steuern zahlen, als sie den Königen entrichtet hätten. Ferner: Macedonien werde in vier Kreise getheilt. Der eine und zwar der erste Kreis begreife das Gebiet zwischen den Flüssen Strymon und Nessus: an diesen Kreis schließe sich jenseit des Nessus nach Morgen Alles, so weit Perseus die Dörfer, Bergschlösser und Städte in Besitz gehabt habe, Änus, Maronea und Abdera ausgenommen; und jenseit des Strymon nach Abend zu ganz Bisaltica nebst Heraclea mit dem Zunamen Sintice. Der zweite Kreis bestehe aus der Gegend, welche gegen Morgen der 498 Fluß Strymon einschließe, Heraclea Sintice und die Bisalten ausgenommen; gegen Abend, so weit der Strom Axius sie begränze, mit Einschluß der Päonier, die auf der Morgenseite des Stromes Axius wohnten.» Zum dritten Kreise wurde Alles gerechnet, was gegen Morgen der Axius, gegen Abend der Strom PeneusPeneus amnis ab occasu]. – Der Name des Flusses ist mir verdächtig; wenigstens findet sich, so viel ich weiß, in der Gegend, wo wir diesen Fluß zu suchen hätten, kein Peneus. Der Thessalische Πηνειὸς ist viel zu weit südlich, und kann die hier erforderliche Gränze nicht machen. Sollte der Name Peneus ein Schreibfehler statt Astraeus sein, der seinem Laufe nach hier wohl gemeint sein könnte? begränzt: gegen Mitternacht schließt ihn das vortretende Gebirge Bora. Zu diesem Kreise schlug man auch die Gegend Päoniens, wo es sich gegen Abend am Strome Axius hinunterzieht: auch Edessa und Beröa sollten hieher gehören. Der vierte Kreis, auf der andern Seite des Boragebirges, gränzte auf der einen Seite an Illyricum, auf der andern an Epirus. Zu Hauptstädten, wo die Ständeversammlungen gehalten werden sollten, machte er, für den ersten Kreis Amphipolis, für den zweiten Thessalonich, für den dritten Pella, für den vierten Petagonia. Hieher sollte jeder Kreis seine Landtage berufen, die Gelder einliefern und hier seine Obrigkeiten wählen. Dann erklärte er, es sei beschlossen, daß sich niemand außer dem Bezirke seines Kreises eine Frau nehmen, oder auf Ankauf von Ländereien und Gebäuden einlassen solle. Die Gold- und Silberbergwerke sollten nicht benutzt werden; Eisen und Kupfer aber könnten sie bauen. Die Unternehmer sollten davon die Hälfte der Abgaben entrichten, welche sie dem Könige gezahlt hätten. Auch verbot er ihnen die Einfuhr des Salzes. Den Dardanern, welche Päonien zurückforderten, weil es ihnen gehört habe und mit ihrem Gebiete zusammenhänge, erklärte er: «Er gebe die Freiheit Allen, welche zum Reiche des Perseus gehört hätten.» Weil er ihnen Päonien verweigert hatte, erlaubte er ihnen den Ankauf des Salzes von dort, befahl dem dritten Kreise, Salz nach Stobi in Päonien zu verfahren und bestimmte den Preis. Holz zum Schiffbaue 499 sollten sie weder selbst fällen dürfen, noch Andern dies gestatten. Den an wilde Völker gränzenden Kreisen – und dies war, den dritten ausgenommen, der Fall bei allen – erlaubte er, an den äußersten Gränzen bewaffnete Posten aufzustellen.

30. Durch diese am ersten Versammlungstage gemachten Erklärungen wurden die Gemüther zu verschiedenen Empfindungen gestimmt. Die ihnen wider ihre Erwartung zugestandene Freiheit und die Herabsetzung der jährlichen Abgaben richtete sie auf. Allein dadurch, daß sie nach ihren Kreisen vom gegenseitigen Verkehre ausgeschlossen wurden, hielten sie sich für eben so zerstückeltlacerata].– Ich folge dem vorgeschlagenen lacerati; und lese gleich nachher: et quam se ipsa quaeque contenta pars esset. Contenta statt contemta hat schon Crev. vorgeschlagen und Drakenb. gebilligt. Das a in a se ipsa halte ich für einen Überrest des q mit einem darüber gesetzten Circumflexe, welches quam bedeuten sollte., als wenn man an einem Thiere die Glieder, die eins das andre nöthig haben, von einander reißt. So wenig wußten selbst die Macedonier, wie groß Macedonien war, wie sich seine Eintheilung von selbst ergab, und wie sehr sich jeder Kreis mit sich selbst begnügen konnte. Der erste Kreis hat die Bisalten zu Bewohnern, ein sehr tapfres Volk, – sie wohnen jenseit des Stromes Nessus und auf beiden Seiten des Strymon: – auch hat er manche eigenthümliche Landfrüchte, ferner Bergwerke und die vortheilhafte Lage von Amphipolis, welches als Vormauer jeden Zugang Macedoniens gegen Morgen zu verschließt. Der zweite Kreis hat die weltberühmten Städte Thessalonich und Cassandrea, außerdem die ergiebige und kornreiche Landschaft Pallene: auch gewähren ihm die Häfen um Torone und der sogenannte Äneashafen am Berge Athos, bei ihrer begünstigenden Lage, theils gegen die Insel Euböa, theils gegen den Hellespont, die Vortheile der See. Der dritte Bezirk hat die bekannten Städte Edessa, Beröa, Pella und das kriegerische Volk der Vettier, auch an einer Menge Gallischer und Illyrischer Bewohner sehr fleißige Landbauer. Den 500 vierten Kreis bewohnen die Eordäer, Lyncesten und Pelagonen; mit diesem sind die Landschaften Atintania, Stymphalis und Elimiotis verbunden. Dieser ganze Landstrich ist kalt, schwer zu bauen und wild: und die Gemüthsart der Bewohner hat Ähnlichkeit mit ihrem Boden. Auch machen schon die rohen Nachbaren sie wilder; insofern sie theils durch Krieg sie in Unruhe erhalten, theils im Frieden ihnen ihre Sitten mittheilen.

Jetzt untersagte auch Paullus dem getheilten MacedonienDivisae itaque Macedoniae cet.]. – In den Worten quae antea universos tene bat Macedonas folge ich Hrn.  Walch, welcher die Gründe für diese von ihm glücklich hergestellte Lesart S. 269. 70. sehr befriedigend aus einander setzt. Doch lasse ich das Ganze ungetrennt, theils weil ich das Punctum hinter separatis nirgends finde, theils weil ich sonst (durch ein ausgelassenes sunt) Macedoniae divisae für den Nominativus pluralis nehmen müßte, welches ich doch hier lieber als Singular nähme, weil die gleich nachher genannten partes zusammen Eine Macedoniam divisam ausmachen, nicht aber partes divisarum Macedoniarum sind. Hrn.  Walchs unbefangenes Geständniß eigener Unzufriedenheit mit dem von Ihm vorgeschlagenen deleta (statt dicta), statt dessen es, wie Er selbst sagt, eigentlich abolita heißen müßte, führte mich auf folgenden Versuch, der schwierigen Stelle zu helfen. Wenn hinter dem Worte formula die Abbreviatur īt' oder int' (inter) dem Abschreiber unleserlich oder unverständlich gewesen wäre, so nähme ich Divisae Macedoniae für den mit formula interdicta zusammenhängenden Dativ, und würde dann in Vereinigung mit den Walchischen Verbesserungen so lesen: Divisae itaque Macedoniae, partium usibus separatis, quae antea universos tenebat Macedonas, formula interdicta [est]; quum leges quoque cet. Ich verstehe dies so: Quum itaque Macedoniam sic divisisset, ut singulis partibus mutuum usum adimeret (od.: ut singulas in suos quamque usus separaret); veterem illam formulam, quae antea universos tenebat Macedonas, ei (i. Macedoniae divisae) interdixit: so wie 34, 7. feminis purpurae usum interdicemus, wo Drakenb. usum beibehalten hat. Wollte man aber durchaus interdicere alicui aliqua re auch an unserer Stelle construirt wissen, so könnte man auch formula als Ablativ ansehen, vorausgesetzt, daß interdicta aus interdictu entstanden sei, und so divisae Macedoniae mit formulâ interdictum [est] verbinden. In dieser Erklärung ist Macedoniae divisae der Dativ, partium usibus separatis der Ablat. absolutus, und unter den usibus habe ich die Verbindung, das gegenseitige Verkehr (connubium, concilia, commercia agrorum aedificiorumque aus cap. 29.) verstanden. Ich sehe freilich, daß die Stelle, falls interdicta oder interdictum richtig sein sollte, vielleicht noch kürzer, so verstanden werden kann: Den usibus separatis (Dativ.) partium divisae Macedoniae (Genitiv.) untersagte er veterem illam formulam cet., oder im Ablativ formulâ. Dann wären die usus separati die Fälle, wo die in Kreise geschiedenen Macedonier von der alten königlichen formula hätten Gebrauch machen können. «Nun untersagte er auch den Kreisen des getheilten Macedoniens, in ihrer Absonderung von der Rechtsform Gebrauch zu machen, an welcher vorher die sämtlichen Macedonier gebunden waren, da er schon» u. s. w. Doch scheint mir dieses letzte Auskunftsmittel zu gesucht., zwischen dessen Kreisen er alle 501 Verbindungen aufgehoben hatte, die Beibehaltung der Rechtsform, an welche vorher die sämtlichen Macedonier gebunden waren; da er schon erklärt hatte, er werde für sie auch Gesetze entwerfen.

31. Nun wurden die Ätoler hereingerufen. Bei dieser Untersuchung sah man mehr darauf, welche Partei die Römer, und welche den König begünstigt hatte, als darauf, wer die Beleidiger oder die Beleidigten waren. Die Mörder wurden von aller Strafe freigesprochen. Die Verbannung der Vertriebenen wurde eben so gebilligt, als die Ermordung der Hingerichteten. Aulus Bäbius allein wurde verurtheilt, weil er zur Ausübung eines Gemetzels Römische Soldaten hergegeben habe. Dadurch, daß die Sache der Ätoler diesen Ausgang nahm, wurden in allen größeren und kleineren Völkern Griechenlands die Anhänger der Römischen Partei zu einem unerträglichen Übermuthe aufgeschwellet und sie traten alle diejenigen als Preisgegebene unter ihre Füße, die nur einigermaßen der Verdacht einer Vorliebe für den König traf. Die Großen in den Staten zerfielen in drei Classen. Zwei davon gründeten, während sie sich als Schmeichler entweder der Römischen Oberherrschaft, oder den zu begünstigenden Königen anschlossen, auf die Unterdrückung des Vaterlandes ihre eigene Macht: die dritte nahm, als die unbefangene den beiden andern entgegenarbeitend, die Freiheit und die Gesetze in Schutz. Je höher ihre Mitbürger diese schätzten, je weniger hatte sie die Gunst der Fremden. Durch das Glück der Römer gehoben, waren die Begünstiger der Römischen Partei die Einzigen, welche jetzt in Ämtern und bei Gesandschaften standen. Da sie sich nun zahlreich genug aus dem Peloponnes, aus Böotien und andern Griechischen Landtagsstädten eingefunden hatten, so sprachen sie den Zehn Bevollmächtigten beständig davon vor: «daß nicht bloß diejenigen, die sich aus Eitelkeit der Gastfreundschaft und Gewogenheit des Perseus öffentlich gerühmt hätten, sondern noch weit mehr andre insgeheim seine Freunde gewesen wären. Die Übrigen hätten, unter dem Scheine die Freiheit zu 502 verfechten, auf den Landtagen Alles gegen die Römer eingeleitet. Auch lasse sich von diesen Völkern keine dauerhafte Treue erwarten, wenn man nicht den Trotz der Parteien breche, und das Ansehen derer hebe und befestige, deren einziges Augenmerk die Oberherrschaft der Römer sei.» Auf ihre Angabe der Namen wurden nun durch schriftlichen Befehl des Feldherrn alle diejenigen aus Ätolien, Acarnanien, Epirus, Böotien berufen, welche ihm nach Rom folgen sollten, sich zu verantworten. Nach Achaja aber gingen Zwei aus der Zahl der Bevollmächtigten ab, Cajus Claudius und Cneus Domitius, um den Befehl der Vorladung in Person zu geben. Hierzu hatte man zwei Gründe. Einmal glaubte man, die Achäer hätten zur Nichtbefolgung noch Selbstvertrauen und Muth genug; auch könnten vielleicht Callicrates und die Übrigen, deren Betrieb, oder deren Werk diese Mittheilungen waren, in Gefahr gerathen. Der andre Grund, die Vorladung in Person zu befehlen, war dieser. Die Briefe der Großen aus andern Völkern waren mit den Heften des Königs den Römern in die Hände gefallen: allein über den Beschuldigungen gegen die Achäer lag ein Dunkel, weil sich von ihnen auch nicht ein einziger Brief gefunden hatte.

Nach Entlassung der Ätoler wurden die Acarnanen vorgefordert. Bei ihnen kam es zu keiner Abänderung, außer daß Leucas vom Landtage der Acarnanen getrennt wurde. Nun aber verbreitete sich durch die weitergedehnte Nachfrage, wer als Stats- oder als Privatmann auf des Königs Partei gewesen sei, die Untersuchung sogar bis nach Asien; und Labeo wurde hingeschickt, Antissa auf der Insel Lesbus zu zerstören und die Antissäer nach Methymna auswandern zu lassen, weil sie den königlichen Befehlshaber Antenor damals, als er mit seinen Barken bei Lesbus kreuzte, in ihren Hafen aufgenommen und mit Zufuhr unterstützt hatten. Zwei Männer von Auszeichnung mußten unter dem Beile bluten. Von den Ätolern Andronicus, des Andronicus Sohn, weil er auf seines Vaters Partei gegen die Römer gefochten hatte: von den 503 Thebanern Neo, weil er sie zu dem Bündnisse mit Perseus vermocht hatte.

32. Nach diesen eingeschalteten Untersuchungen auswärtiger Angelegenheiten, wurden abermals die Macedonier zum Landtage berufen. Hier wurde ihnen angekündigt: «In Betreff der Macedonischen Statsverfassung hätten sie Räthe – dort heißen sie Beisitzer – zu ernennen, nach deren Einsichten der Stat verwaltet werden solle.» Dann wurden die Namen der Macedonischen Großen abgelesen, die mit ihren Söhnen, wenn sie über funfzehn Jahre alt wären, nach Italien vorausgehen sollten. So hart es dem ersten Anscheine nach war, so erkannte doch bald nachher die Macedonische Volksmenge hierin eine zum Besten ihrer Freiheit getroffene Maßregel. Denn die Genannten sämtlich waren Vertraute des Königs, Hofbeamte, Heerführer, Befehlshaber der Flotten oder Besatzungen; gewohnt vor dem Könige zu kriechen und Andern übermüthig zu befehlen: theils waren sie überreich; theils thaten sie es solchen, denen sie an Vermögen nicht gleich kamen, im Aufwande gleich: Alle lebten und kleideten sich auf königlichen Fuß: Gemeinsinn war Allen fremd; gleiche Gesetze, gleiche Freiheit ihnen unausstehlich. Folglich erhielten Alle, die irgend in königlichen Diensten, oder auch bei den unbedeutendsten Gesandschaften gestanden hatten, den Befehl, Macedonien zu verlassen und nach Italien zu gehen: und auf die Nichtbefolgung des Befehls wurde der Tod gesetzt. Bei Abfassung der Gesetze sorgte Paullus für Macedonien so, daß es schien, nicht als gäbe er sie besiegten Feinden, sondern wohlverdienten Bundsgenossen, und daß selbst eine vieljährige Erfahrung, welche allein Gesetze berichtigt, bei dem Gebrauche nichts an ihnen zu tadeln fand. Nach diesen ernsthaften Geschäften stellte er zu Amphipolis mit vieler Pracht ein feierliches Spiel an, welches er nach längst getroffenen Vorkehrungen den Staten Asiens und den Königen durch Boten hatte ansagen lassen, und als er in Person die Staten Griechenlands bereisete, den Großen angekündigt hatte. Denn es kamen hier aus allen 504 Weltgegenden alle Arten solcher Kunstvertrauten, die mit ihrer Geschicklichkeit bei Feierspielen ein Gewerbe trieben, so wie auch die Wettringer und die herrlichsten Pferde in Menge zusammen; auch Gesandschaften mit Opferthieren und Alles, was man in Griechenland an den größten Volksspielen Göttern und Menschen zu Ehren aufzustellen pflegt. Und so kam es denn, daß man nicht allein die Pracht, sondern auch den Geschmack in der Anordnung der vielfachen Augenweide, worin die Römer damals noch ungeübt waren, bewunderte. Eben so zeichneten Überfluß und Aufmerksamkeit das Gastgebot aus, das er den Gesandschaften gab. Sein Ausspruch ging damals von Mund zu Mund, daß nur der ein Gastmahl ausrichten und Spiele veranstalten könne, der im Kriege zu siegen wisse.

33. Als er die Feier der mannigfaltigen Spiele beendigt und die ehernen Schilde hatte auf die Flotte bringen lassen, ließ er die übrigen Waffen aller Art auf einen großen Haufen zusammenwerfen, betete zum Mars, zur Minerva, zur Mutter Lua und zu den übrigen Gottheiten, denen man nach menschlichen und göttlichen Rechten die feindliche Beute darbringen darf; und nun hielt er, der Feldherr, in eigner Person die Fackel darunter und zündete sie an. Darauf warfen die umherstehenden Obersten jeder nach Gebühr seine Fackel dazu. Es findet sich bemerkt, daß bei dieser Zusammenkunft Europens und Asiens, bei welcher, theils um ihre Glückwünsche zu überbringen, theils als Zuschauer, von allen Orten her eine Menge Menschen zusammengeströmt und so viele See- und Landtruppen zugegen waren, ein so großer Überfluß an Vorräthen war und die Lebensmittel in so niedrigem Preise standen, daß der Feldherr an Privatpersonen, an Städte und Völker meistentheils hiervon Geschenke machte, und nicht bloß für ihren Bedarf während ihres Hierseins, sondern sogar zum Mitnehmen nach Hause. Der Menge, die sich eingefunden hatte, gewährten aber nicht die Spiele auf der Bühne, nicht die kämpfenden Menschen, nicht die wettlaufenden Rosse so viele Augenweide, als die Macedonische Beute, welche insgesamt zur Schau aufgestellt 505 war, an Standbildern, Gemälden, Teppichen und Geräth aus Gold, Silber, Erz und Elfenbein, für deren Anschaffung am Macedonischen Hofe so reichlich gesorgt war, daß sie nicht bloß für den bezaubernden Anblick selbst, wie es deren im Pallaste zu Alexandrien die Menge gab, sondern zum beständigen Gebrauche angeschafft wurden. Als er das Alles hatte einschiffen lassen, übertrug er die Abführung nach Rom dem Cneus Octavius. Nun entließ Paullus die Gesandschaften mit vieler Höflichkeit, ging über den Strymon und lagerte sich tausend Schritte von Amphipolis; zog weiter und kam in fünf Märschen nach Pella. Vor dieser Stadt ging er vorbei, weilte zwei Tage bei der sogenannten Höhle, und schickte, mit dem Befehle, bei Oricum wieder zu ihm zu stoßen, den Publius Nasica und seinen Sohn Quintus Maximus mit einem Theile seiner Truppen ab, die Illyrier zu plündern, welche in diesem Kriege den Perseus unterstützt hatten. Er selbst ging nach Epirus, und mit funfzehn Märschen traf er zu Passaron ein.

34. Nicht weit von hier stand das Lager des Anicius. Damit diesen die folgenden Auftritte nicht in Bewegung setzen möchten, schrieb er ihm, «der Senat habe die Beute in den Städten von Epirus, welche zum Perseus übergetreten wären, den Soldaten bestimmt.» In die einzelnen Städte schickte er in der Stille seine Hauptleute, welche sagen mußten, um den Epiroten und den Macedoniern gleiche Freiheit zu geben, habe man sie hergeschickt, die Besatzungen abzuführen; und forderte aus jeder Stadt zehn der angesehensten Bürger zu sich. Diesen kündigte er an, sie hätten alles Gold und Silber auf öffentliche Plätze zu liefern, und vertheilte dann seine Cohorten auf die sämtlichen Städte. Nach den entfernteren brachen sie früher auf, als nach den näheren, um in allen an demselben Tage anzukommen. Die Obersten und die Hauptleute bekamen über die Leitung des Ganzen ihre Anweisungen. Früh Morgens wurde alles Gold und Silber zusammengeschaffet, um die vierte Tagesstunde den Soldaten das Zeichen zur Plünderung der Städte gegeben, und die Beute war so 506 groß, daß jeder Ritter vierhundert124 Gulden; nachher 62 Gulden., jeder Fußgänger zweihundert Denare zu seinem Antheile erhielt und hundert funfzigtausend Menschen als Sklaven weggeführt wurden. Darauf wurden die Mauern der geplünderten Städte niedergerissen: ihrer waren ungefähr siebzig. Die Beute von allen wurde verkauft, und von der Summe bekam der Soldat bare Zahlung. Paullus rückte nun zum Meere herab nach Oricum, allein ohne die Habsucht der Soldaten, was er doch gehofft hatte, befriedigt zu haben, weil es sie verdroß, bei der königlichen Beute ohne Antheil geblieben zu sein, gleich als hätten sie in Macedonien keinen Krieg geführt. Als er zu Oricum die unter dem Scipio Nasica und seinem Sohne Maximus abgeschickten Truppen vorfand, schiffte er das Heer ein und ging nach Italien über. Einige Tage später setzte auch Anicius, nachdem er eine Zusammenkunft der übrigen Epiroten und Acarnanen gehalten, und den Vornehmen, deren Sache er der Untersuchung vorbehielt, befohlen hatte, ihm nach Italien zu folgen, auf den zurückerwarteten Schiffen, deren sich das Macedonische Heer bedient hatte, nach Italien über. Während dies in Macedonien und Epirus vorging, kamen auch die Gesandten, welche dem Attalus mitgegeben wurden, um dem Kriege zwischen den Galliern und dem Könige Eumenes ein Ende zu machen, in Asien an. Bei dem für den Winter geschlossenen Waffenstillstande waren nicht nur die Gallier in ihre Heimat abgezogen, sondern auch der König in die Winterquartiere nach Pergamus gegangen und hier gefährlich krank gewesen. Der Anfang des Frühjahrs rief die Gallier ins Feld; und als Eumenes sein Heer von allen Seiten bei Sardes zusammengezogen hatte, waren sie schon bis Synnada vorgerückt. Darauf hatten zu Synnada mit dem Gallischen Fürsten Solvettius nicht allein die Römer eine Unterredung, sondern auch Attalus, der sie hieher begleitet hatte; doch fand man nicht für gut, ihn in das Gallische Lager mitgehen zu lassen, um so bei der mündlichen 507 Auseinandersetzung alle Erbitterung zu verhüten. Publius Licinius unterredete sich mit dem Fürsten der Gallier und meldete zurück, jener sei bei seinen vermittelnden Bitten nur noch trotziger geworden. Es mußte auffallend sein, daß die Sprache Römischer Gesandten bei der Vermittelung zwischen den mächtigen Königen Antiochus und Ptolemäus von solcher Wirkung gewesen war, daß sie den Augenblick Frieden machten, und bei den Galliern nicht das mindeste Gewicht hatte.

35. Nach Rom wurden zuerst die gefangenen Könige, Perseus und Gentius, mit ihren Kindern zur Verhaftung abgeführt; darauf die übrige Menge von Gefangenen; dann diejenigen Macedonier, welche Befehl bekommen hatten, nach Rom zu gehen, so wie auch die vornehmen Griechen: denn auch von diesen hatte man nicht bloß die im Lande befindlichen nach Rom entboten, sondern auch denen die schriftliche Vorladung nachgeschickt, von denen man hörte, daß sie jetzt in Geschäften an andern Höfen wären. Wenige Tage nachher fuhr Paullus selbst auf dem Königsschiffe von ungeheurer Größe, mit sechzehn Ruderbänken – und man hatte es von der Macedonischen Beute nicht bloß mit prächtigen Waffen, sondern auch mit königlichen Umhängen geschmückt – die Tiber hinauf zur Stadt, und die ihm entgegenströmende Menge hatte die Ufer besetzt. Einige Tage später kamen auch Anicius und Octavius mit ihrer Flotte an. Allen Dreien wurde vom Senate der Triumph zuerkannt, und der Prätor Quintus Cassius erhielt den Auftrag, einem Gutachten der Väter zufolge die Bürgertribunen zu dem Antrage an den Bürgerstand zu vermögen, daß allen Dreien auf den Tag, an welchem sie im Triumphe zur Stadt einzogen, der Heerbefehl zu lassen sei.

An dem Mittelmäßigen vergreift sich der Neid nicht: gewöhnlich streckt er seine Hand nach dem Höchsten aus. Weder gegen den Triumph des Anicius, noch des Octavius hatte man etwas einzuwenden: allein einen Paullus, mit welchem sich zu vergleichen selbst diese Männer erröthet sein würden, benagte der Zahn der Verkleinerung. Er hatte die Soldaten in der alten Zucht gehalten: von der 508 Beute hatte er ihnen weniger gegeben, als sie von so großen Königsschätzen sich versprochen hatten, weil sie ihm, wenn er gegen ihre Habsucht nachsichtiger gewesen wäre, zur Lieferung in die Statscasse nichts übrig gelassen hätten. Von dem ganzen Macedonischen Heere würden sich also an dem zur Abstimmung über jenen Antrag festgesetzten Tage ihrem Feldherrn zu Liebe nur wenige Theilnehmer eingefunden haben. Allein Servius Sulpicius Galba, der in Macedonien bei der zweiten Legion als Oberster gestanden hatte, und ein persönlicher Feind des Feldherrn war, hatte nicht allein dadurch, daß er selbst ihnen die Hände drückte, sondern auch durch Verführer aus seiner Legion sie aufgefordert, bei der Stimmengebung zahlreich zu erscheinen. «Denn nun könnten sie sich an dem gebieterischen und geizigen Feldherrn dadurch rächen, daß sie den Vorschlag, in welchem auf seinen Triumph angetragen werde, verwürfen. Die Stadtbürger würden sich nach dem Urtheile der Soldaten richten. ««Die Bewilligung der Gelder habe nicht von ihm abgehangen?»»pecuniam illum dare non potuisse? – Militem honorem dare posse!]. – Ich folge in dieser Interpunction Hrn.  Walch emendd. Liv. p. 115. Die Bewilligung der Ehre hänge von den Soldaten ab! «Er müsse da keine Gefälligkeit erwarten, wo er sie nicht verdient habe.»

36. Dies brachte die Soldaten in Regung. Als der Bürgertribun Tiberius Sempronius auf dem Capitole den Antrag that, und jedem Einzelnen freistand, über den Vorschlag seine Meinung vorzutragen, niemand aber ihn zu empfehlen auftrat, weil man die Sache schon für ausgemacht nahm; so trat unerwartet Servius Galba auf und verlangte von dem Tribun: «Weil es schon Nachmittags zwei Uhr sei und er nicht mehr Zeit genug habe, den Beweis zu führen, warum sie dem Ämilius den Triumph nicht bewilligen dürften, so möchten sie die Sache bis auf den folgenden Tag verschieben und sie gleich früh vornehmen. Zur Auseinandersetzung des Ganzen müsse er den Tag noch vor sich haben.» Als ihm der Tribun 509 sagte, wenn er etwas vorzutragen habe, möge er es heute thun; so dehnte er seine Rede unter folgenden Angaben und Warnungen bis in die Nacht aus: «Der Soldat sei zum Dienste mit Härte angehalten; man habe ihn größeren Beschwerlichkeiten, größeren Gefahren ausgesetzt, als nöthig gewesen sei. Bei Belohnungen hingegen und Ehrengeschenken habe man Alles ins Kleine gezogen; und wenn das Feldherren von diesem Schlage frei ausgehen sollte, so werde der Dienst für die im Felde Stehenden immer fürchterlicher und härter werden, und für die Sieger eben so erwerblos, als arm an Ehre. Die Macedonier ständen sich besser, als die Römischen Soldaten. Wenn sich diese zur Bestreitung des Vorschlages zahlreich genug am folgenden Tage einfänden, so würden die übermächtigen Herren erfahren, daß nicht Alles vom Feldherrn, daß Manches auch von den Soldaten abhänge.» Durch Reden dieser Art aufgeregt besetzten die Soldaten am folgenden Tage das Capitol in so zahlreicher Menge, daß zur Stimmengebung weiter Niemand herankommen konnte. Da also die ersten in die Schranken gerufenen Bezirke den Vorschlag verwarfen, so liefen die ersten Männer des Stats auf das Capitol zusammen und riefen: «Es sei ein empörender Frevel, einem Lucius Paullus, dem Sieger in einem so wichtigen Kriege, seinen Triumph abzuzwacken. So würden die Feldherren der Ausgelassenheit und Habsucht des Soldaten preisgegeben. Ohnehin fehlten sie nur zu oft aus Gefallsucht. Wie? wenn nun erst die Soldaten den Feldherren zu Herren gesetzt würden?» Den Galba überhäuften sie, Jeder auf seine Art, mit Vorwürfen. Als endlich der Lärm sich legte, bat Marcus Servilius – er war Consul und Befehlshaber der Reuterei gewesen – die Tribunen, die Sache von neuem wieder vorzunehmen, und ihm einen Vortrag an das Volk zu gestatten. Die Tribunen traten, um sich darüber zu berathen, allein zusammen, und aus Achtung für die Vorstellungen der Großen fingen sie die Sache wieder von vorn an, mit der Erklärung, sie wollten dieselben Bezirke abermals zur Stimmengebung aufrufen lassen, wenn 510 Marcus Servilius und andre Privatmänner, falls sie wollten, geredet hätten.

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