Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Livius >

Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 167
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

449 Fünf und vierzigstes Buch.

1. Kamen gleich die Siegesboten Quintus Fabius, Lucius Lentulus, Quintus Metellus, mit möglichst schneller Eile nach Rom, so fanden sie doch; daß man schon einen Vorgenuß dieser Freude gehabt hatte. Am vierten Tage nach der Schlacht mit dem Könige verbreitete sich bei den auf der Rennbahn gegebenen Spielen auf einmal im Volke durch alle Zuschauer das Gerede, in Macedonien sei eine Schlacht vorgefallen und der König völlig besiegt. Darauf wurde dies Gerufe stärker und ging zuletzt in Geschrei und frohes Händeklatschen über, nicht anders als wäre eine zuverlässige Siegesnachricht eingelaufen. Die Obrigkeiten voll Verwunderung fragten nach dem Aussager einer so unerwarteten Freudenpost, und als sich keiner anfand, so verschwand zwar die Freude, wie über eine noch unzuverlässige Sache, allein eine erfreuliche Vorbedeutung senkte sich tief in die Gemüther. Als sich nun die Sache bei der Ankunft des Fabius, Lentulus und Metellus durch die wirkliche Anzeige bestätigte, so freuete man sich nicht des Sieges allein, sondern auch des eignen inneren Vorgefühls. Diese Freude der Versammlung auf der Rennbahn wird mit gleicher Wahrscheinlichkeit auch noch anders erzählt. Am sechzehntena. d. X. cal. oct.]. – Crev. u. Drak. lesen mit Recht a. d. XV. cal. oct. Denn dies ist der dreizehnte Tag nach dem Schlachttage, oder nach dem vierten September. (S. im vorigen B. Cap. 37.) A. d. XV. cal. oct. ist nach dem Julianischen Kalender der 17te September, war aber damals der 16te, weil noch Numa's Kalender galt, in welchem der Monat nur 29 Tage hatte. Livius rechnet also in die 13 Tage nach der Schlacht den Schlachttag selbst, den 4ten Sept., mit ein. September, dem zweiten Tage der Römischen Spiele, habe dem Consul Cajus Licinius, 450 als er eben auf den Wagen stieg, um den Rennwagen das Zeichen zum Auslaufen zu geben, ein Briefträger mit der Angabe, er komme aus Macedonien, einen mit einem Lorbeer umwundenen Brief [überreicht.] Als der Consul die Rennwagen hatte ausfahren lassen, setzte er sich wieder auf seinen Wagen, und als er über die Rennbahn nach den öffentlichen Schausitzen zurückfuhr, zeigte er dem Volke den belorbeerten Brief. So wie das Volk diesen erblickte, lief es gleich, des Schauspiels uneingedenk, mitten in den Platz herab. Hieher rief der Consul den Senat, und als er das Blattdas Blatt]. – Ich glaubte, tabellae, wenn sie auch von Holz wären, so übersetzen zu dürfen, weil es ja auch Tischblätter giebt. vorgelesen hatte, zeigte er mit Genehmigung der Väter vor den öffentlichen Schausitzen dem Volke an: «Sein Amtsgenoß Lucius Ämilius habe dem Könige Perseus eine förmliche Schlacht geliefert. Das Macedonische Heer sei besiegt und in die Flucht geschlagen; der König mit einem kleinen Gefolge entflohen. Die sämtlichen Städte Macedoniens seien in Römischer Gewalt.» Mit Jubelgeschrei und gewaltigem Händeklatschen vernahm das Volk diese Anzeige: Viele verließen die Spiele, um zu Hause Gattinnen und Kindern die frohe Nachricht zu bringen. Es war dies der dreizehnte Tag nach dem, an welchem in Macedonien die Schlacht vor sich ging.

2. Am folgenden Tage war auf dem Rathhause Senatssitzung: es wurden Dankfeste verordnet und der Senatsschluß abgefaßt, daß der Consul alle Truppen, die er in Eid genommen habe; die Schiffsoldatennavales]. – Ich ziehe mit Hrn. Ruperti dieses navales zugleich auf milites und socios. und Seeleute ausgenommen, entlassen solle. Die Entlassung der Schiffsoldaten und Seeleute solle dann erst zum Vortrage kommen, wenn die Abgeordneten des Consuls Lucius Ämilius, die den Briefträger vorausgeschickt hatten, [angekommen wären.] Den fünfundzwanzigsten September, ungefähr um die zweite Tagesstunde, trafen die Gesandten in Rom ein. Mit einem großen Schwarme, der sich von Begegnenden 451 und Begleitenden, wohin sie gingen, an sie hing, kamen sie auf den Markt zur Bühne. Gerade war der Senat auf dem Rathhause; und der Consul führte die Abgeordneten zu ihm hinein. Man behielt sie hier nur so lange, daß sie berichten konnten, wie stark die königlichen Truppen an Fußvolk und Reuterei gewesen; wie viele Tausende davon niedergehauen, wie viele gefangen genommen seien; mit wie geringem Verluste an Leuten man dem Feinde eine so große Niederlage beigebracht habe; mit wie Wenigen der König entflohen sei; daß er vermuthlich nach Samothracien gehen werde, daß aber die Flotte zu seiner Verfolgung schon in Bereitschaft sei, und daß er weder zu Lande noch zur See entkommen könne: und gleich nachher ließ man sie in die Volksversammlung übergehen, wo sie eben dasselbe erzählten. Mit erneuerter Freude gingen die Bürger, als der Consul bekannt machte, es sollten alle Tempel geöffnet werden, aus der Versammlung jeder für sich selbst hin, den Göttern zu danken; und von großen Schwärmen nicht bloß von Männern, sondern auch von Weibern, waren die Tempel der unsterblichen Götter in der ganzen Stadt gedrängt voll. Der Senat, der wieder ins Rathhaus gerufen wurde, verordnete, wegen der herrlichen Thaten des Consuls Lucius Ämilius solle ein fünftägiges Dankfest an allen Altären begangen werden und die Opferung mit großen Thieren geschehen. Die Schiffe, welche auf den Fall, daß der König zum Widerstande stark genug sei, segelfertig und bemannet in der Tiber standen, um nach Macedonien abzugehen, sollten ans Land und auf den Holm gebracht, die Seeleute mit Auszahlung eines jährigen Soldes, und zugleich Alle entlassen werden, die dem Consul den Diensteid geleistet hätten: auch die zu Corcyra, zu Brundusium, am Obermeere und im Larinatischen stehenden Soldaten – denn an allen diesen Orten waren Truppen aufgestellt, mit denen Cajus Licinius nöthigenfalls seinem Amtsgenossen zu Hülfe ziehen konnte – sollten sämtlich aus einander gehen. Die Feier des Dankfestes wurde dem Volke vor der Versammlung auf den elften October, und, diesen mitgerechnet, auf fünf Tage angekündigt.

452 3. Aus Illyricum brachten zwei Abgeordnete , Cajus Licinius Nerva und Publius Decius die Nachricht, das Heer der Illyrier sei geschlagen, König Gentius gefangen, und auch Illyricum unter Römischer Landeshoheit. Wegen dieser unter Anführung und Götterleitung des Prätors Lucius Anicius verrichteten Thaten verordnete der Senat ein dreitägiges Dankfest, und der Consul mußte esut Latinae]. – Statt dessen lese ich mit J. Gronov et statim. sogleich auf den zehnten, elften und zwölften November ansetzen. Einige Schriftsteller erzählen, man habe, auf die Nachricht vom Siege, die Rhodischen Gesandten, die damals noch nichtnondum missos]. – Ich folge Drak., welcher nondum dimissos lieset. Gronovs admissos, welches sich auf eine neue Gesandschaft beziehen müßte, wird theils am Schlusse dieses Cap., theils durch Cap. 20. widerlegt. Auch hat Drak. das für sich, daß die Endigung des Worts nondū so leicht di in dimissos verdrängen konnte. – In dem Namen Agepolis folge ich dem Hrn.  Schweighäuser zu Polyb. XXIX. 7, 3. entlassen gewesen, ihrem thörichten Übermuthe gleichsam zum Hohne, in den Senat gerufen. Hier habe Agepolis, der Erste unter ihnen, sich so ausgelassen: «Die Rhodier hätten sie als Gesandte abgeschickt, um zwischen den Römern und dem Perseus Frieden zu stiften, weil dieser Krieg dem gesammten Griechenlande drückend und unwillkommen und selbst für die Römer kostspielig und nachtheilig gewesen sei. Das Schicksal aber habe es so schön gefügt, daß es durch Beendigung des Krieges auf eine andre Art, ihnen Gelegenheit gebe, den Römern zu ihrem herrlichen Siege Glück zu wünschen.» So weit die Rhodier. Der Senat habe geantwortet: «Nicht aus Besorgniß um Griechenlands Vortheile, noch um die Kosten des Römischen Volks, hätten die Rhodier diese Gesandschaft abgehen lassen, sondern zum Besten des Perseus. Denn wenn es ihnen mit der vorgegebenen Besorgniß ein Ernst gewesen wäre, so hätten sie damals Gesandte schicken müssen, als Perseus mit seinem Heere in Thessalien eingerückt war und zwei Jahre lang die Griechischen Städte theils belagerte, theils durch Androhung des Krieges in Schrecken setzte. Damals hätten die Rhodier keines Friedens erwähnt. Als 453 sie aber gehört hätten, die Römer seien durch die Gebirgspässe in Macedonien eingedrungen, und Perseus werde als der Eingeschlossene festgehalten, da hätten die Rhodier die Gesandschaft abgefertigt, zu keinem andern Zwecke, als den Perseus der herannahenden Gefahr zu entreißen.» Mit diesem Bescheide habe man die Gesandten entlassen.

4. In diesen Tagen lieferte auch Marcus Marcellus, der nach Eroberung der berühmten Stadt Marcolica, von Spanien, seinem Standplatze, abging, zehn Pfund Gold undDie erste Summe etwa 3,125 Conv.-Gulden, die zweite 78,124 Guld. gegen eine Million Sestertien in die Schatzkammer.

Als der Consul Ämilius Paullus, der bei Sirä in Odomantica, wie ich oben gesagt, sein Lager hatte, die drei schlechten Leute erblickte, durch die ihm als seine Gesandten König Perseus ein Schreiben zustellen ließ, soll auch er über den Wechsel der menschlichen Dinge geweint haben; insofern eben der Mann, der noch kurz zuvor, mit dem Königreiche Macedonien sich nicht begnügend, Dardanien und Illyrien angriff, und die Bastarnen zu seinen Hülfsvölkern aufbot, jetzt, nach dem Verluste seines Heeres, von Land und Leuten gejagt, auf eine kleine Insel beschränkt, als der Schutzsuchende nur der Unverletzlichkeit des Heiligthums, nicht eigner Macht seine Sicherheit verdankte. Als er aber las: «König Perseus entbeut dem Consul Paullus seinen Gruß;» da verdrängte die Thorheit dessen, der seine Lage nicht begriff, alles Mitleiden. Waren also gleich die Bitten im Verfolge des Briefs nichts weniger als königlich, so wurde dennoch die Gesandschaft ohne mündliche und schriftliche Antwort entlassen. Da merkte Perseus, welches Titels er sich als Besiegter entäußern müsse; und ein zweiter Brief, mit der Überschrift seines Namens als bloßen Privatmannes, enthielt die Bitte, die ihm auch bewilligt wurde, einige Personen zu ihm zu senden, mit denen er über den Zustand und die Bestimmung seines Schicksals absprechen könne. Drei Abgeordnete gingen hin, Publius Lentulus, Aulus 454 Postumius Albinus, Aulus Antonius. Allein durch diese Gesandschaft wurde nichts ausgerichtet, weil Perseus durchaus den Königstitel behalten wollte, Paullus hingegen darauf drang, er müsse sich und alles Seinige dem Schutze und der Gnade des Römischen Volks überlassen.

5. Unterdessen landete die Flotte des Cneus Octavius auf Samothrace. Da auch dieser den Perseus unter Einwirkung der näher gerückten Gefahr bald durch Drohungen, bald durch Hoffnung zu bewegen suchte, sich selbst auszuliefern; so kam ihm hierin ein entweder durch Zufall, oder absichtlich herbeigeführter Umstand zu Hülfe. Ein junger Römer von Stande, Lucius Atilius, der die Samothracier in einer Volksversammlung beisammen sah, bat ihre Obrigkeiten um die Erlaubniß, dem Volke einige Worte vortragen zu dürfen. Als er sie erhielt, sprach er: «Sind wir recht oder unrecht berichtet, ihr Samothracischen Gastfreunde, daß diese Insel und ihr ganzer Boden ehrwürdig und unverletzlich sei?» Als sie sämtlich die anerkannte Heiligkeit ihm bezeugten, fragte er: «Warum hat denn ein Mörder sie dadurch entweihet, daß er sie mit dem Blute des Königs Eumenespollutam homicida]. – Pollutam in pollutus abzuändern, halte ich für unnöthig, und folge Doujats Erklärung, polluendo violavit. Wenn Drakenb. sagt: Pollutam sanguine regis Eumenis violavit würde anzeigen, Perseum in ipsa Samothrace, Eumenem insidiis aggressum esse, und dies sei doch falsch; so dünkt mich, er nimmt die Sache zu genau. Lag die Blutschuld auf dem Evander, so war freilich eigentlich er pollutus, allein durch seine Berührung der Insel polluebat etiam ipse sanguine adspersus. Und der Vortrag eines Klägers pflegt – – wenn Drakenb. in pollutam violavit die Palillogie rügt – – die rednerische oder dichterische Fülle des Ausdrucks nicht zu verschmähen. Selbst Drakenb. giebt von dieser Palillogie zu XXII. 10, 3. aus Cic. die Beispiele perditum perdere, exstinctos exstinguere, impeditum impedire, und aus Livius selbst V, 21, 16, prolapsum cecidisse. befleckt? und da immer durch den Vorspruch beim Opfer Jeder, der keine reine Hände hat, vom Opfer weggewiesen wird, warum wollt ihr euer Allerheiligstes durch einen von Blut triefenden Meuchelmörder verunreinigen lassen?» Die beinahe gelungene Ermordung des Königs Eumenes zu Delphi durch den Evander war durch das Gerücht allen Griechischen Staten bekannt geworden. Da also die 455 Samothracier, außerdem daß sie sich, ihre ganze Insel und ihren Tempel in der Gewalt der Römer sahen, selbst diesen Vorwurf nicht mit Unrecht zu hören glaubten, so schickten sie den Theondas, der bei ihnen die höchste Würde bekleidete – sie selbst nannten ihn König, – an den Perseus, dem er sagen mußte: «Der Cretenser Evander werde eines Mordes beschuldigt. Ihre Vorfahren hätten über diejenigen, welche beschuldigt würden, mit Frevlerhänden sich in die geweiheten Gränzen des Tempels gewagt zu haben, ein Gericht angeordnet. Wenn sich Evander bewußt sei, daß ihm unschuldig ein solches Todesverbrechen nachgesagt werde, so möge er kommen und sich verantworten. Könne er es aber nicht wagen, sich dem Gerichte zu stellen, so möge er in Hinsicht des Tempels das öffentliche Ärgerniß abwenden und für seine eigne Sicherheit sorgen.»Perseus rief den Evander bei SeitePerseus, sevocato Evandro]. – So ruft Drakenb. das wegen des letzten s in Perseus ausgelassene s in evocato wieder zurück, wie schon Andere in der Stelle des Justinus (man s. Drakenb. Anmerk.) aus insidi is evocatum die richtigere Lesart insidi is sevocatum wieder herstellten.und rieth auf keine Weise dazu, sich dem Gerichte zu unterwerfen. «Seine Sache werde so wenig für ihn sprechen, als die Gunst der Richter.»– Auch lag bei ihm die Furcht zum Grunde, der Verurtheilte möchte ihn selbst als den Urheber der schändlichen That öffentlich darstellen. – «Was ihm noch übrig bleibe, als heldenmüthig zu sterben?»Evander weigerte sich dessen geradezu ganz und gar nicht; allein unter dem Vorwande, er wolle lieber durch Gift, als vom Dolche sterben, schickte er sich an, heimlich zu entfliehen. Als dies dem Könige gesteckt wurde, ließ er aus Besorgniß, sich den Unwillen der Samothracier durch den Verdacht zuzuziehen, er selbst habe den Schuldigen der Strafe entzogen, den Evander ermorden. Kaum war der unbesonnene Mord begangen, so fiel es ihm aufs Herz, Evanders Strafbarkeit offenbar auf sich selbst geladen zu haben: Jener habe zu Delphi den Eumenes verwundet; er auf Samothrace den Evander gemordet; und auf sein Haupt allein falle die Schuld, die 456 beiden heiligsten Tempel auf Erden durch Menschenblut entweiht zu haben. Der Vorwurf dieses Verbrechens mußte nun dadurch abgewandt werden, daß Theondas durch Geld gewonnen wurde, dem Volke zu erzählen, Evander habe sich den Tod selbst gegeben.

6. Allein eine so unerhörte Frevelthat, an dem einzigen ihm übrig gebliebenen Freunde ausgeübt, den er in so mancherlei Schicksalen bewährt gefunden hatte, und den er jetzt aufopferte, weil er ihn nicht hatte aufopfern wollen, wandte Aller Herzen von ihm ab. Jeder ging aus Rücksicht auf sich selbst zu den Römern über, und dadurch, daß ihn Alle beinahe allein ließen, zwangen sie ihn, auf Flucht zu denken. Er wandte sich an den Cretenser Oroandes, welchem Thraciens Küste bekannt war, weil er in dieser Gegend Handelsgeschäfte getrieben hatte, mit der Bitte, ihn in seine Barke aufzunehmen und zum Könige Cotys zu bringen. Ein Vorgebirge von Samothrace hat einen Hafen, welcher Demetrium heißt. Hier stand die Barke. Gegen Sonnenuntergang wurden die nothwendigen Bedürfnisse hineingeschafft, auch Geld eingeschifft, so viel sich heimlich fortbringen ließ. Um Mitternacht kam der König selbst, der nebst drei Mitwissern seiner Flucht aus einer Hinterthür seines Hauses in einen an seine Kammer stoßenden Garten ging, und aus diesem mit Mühe über die Gartenmauer stieg, an das Meer. Oroandes war schon, als das Geld abgeliefert war, mit dem ersten Dunkel abgefahren und steuerte jetzt auf dem hohen Meere nach Creta. Da das Schiff im Hafen nicht zu finden war, so irrete Perseus eine Zeitlang an der Küste umher: endlich, als ihm bei dem nahenden Tageslichte bange wurde und er nicht das Herz hatte, in sein Quartier zurückzukehren, versteckte er sich an einer Seitenwand des Tempels in einem finstern Winkel. Die Söhne der Vornehmsten, die zu des Königs Bedienung ausgewählt waren, hießen bei den Macedoniern die königlichen Edelknaben. Dieses Kohr, das dem fliehenden Könige gefolgt war, verließ auch jetzt ihn nicht, bis auf Befehl des Cneus Octavius ein Herold bekannt machte: «Wenn die königlichen 457 Edelknaben und wer sonst noch von Macedoniern auf Samothrace sei, zu den Römern übergingen, so sollten sie nebst persönlicher Sicherheit und Freiheit auch alles Eigenthum behalten, was sie entweder bei sich führten oder in Macedonien zurückgelassen hätten.» Auf diese Erklärung gingen Alle über und gaben bei dem Obersten Cajus Postumius ihre Namen an. Auch die kleineren Prinzen überlieferte dem Octavius Ion von Thessalonich, und niemand blieb bei dem Könige, außer sein ältester Prinz Philipp. Nun ergab er sich dem Octavius ebenfalls mit seinem Sohne, unter Anklagen des Schicksals und der Götter, denen der Tempel gehörtequorum templum erat]. – Dieser Lesart Gronovs tritt auch Drakenb. bei., die dem Schutzflehenden keine Hülfe gewährt hätten. Er wurde auf Befehl auf das Hauptschiff gebracht und dahin auch das noch übrige Geld geliefert. Nun fuhr die Flotte sogleich nach Amphipolis zurück. Von hier sandte Octavius den König ins Lager zum Consul, dem er durch einen voraufgegangenen Brief gemeldet hatte, der König sei gefangen und werde gebracht.

7. Auf diese Nachricht ließ Paullus, der hierin, wie er mit Recht konnte, einen zweiten Sieg sah, Opferthiere schlachten, und als er nach Berufung eines Kriegsraths den Brief des Prätors vorgelesen hatte, schickte er den Quintus Älius Tubero dem Könige entgegen: die Übrigen mußten im Feldherrnzelte versammelt bleiben. Nie war vorher zu irgend einem Schauspiele eine solche Menge Menschen herbeigelaufen. Zu der Väter Zeiten war freilich König Syphax als Gefangener ins Römische Lager gebracht, der aber außerdem, daß er weder durch seinen eignen, noch durch seines Volkes Ruhm mit dem Perseus zusammengestellt werden konnte, selbst damals nur eine Zugabe zum Punischen Kriege gewesen war, wie Gentius jetzt zum Macedonischen. Perseus hingegen war die kriegende Hauptmacht; und nicht bloß sein eigner Name, oder der Name seines Vaters und Großvaters, und der übrigen 458 Könige, mit denenpatris avique]. – Hinter diesen Worten sind eins oder ein par ausgefallen. Crevier, dem ich in der Übersetzung folge, ergänzt die Stelle so: Patris avique, et ceterorum regum, quos. Jak. Perizonius durch ein bloßes et. Sollte vielleicht die Lücke dadurch veranlaßt sein, daß es hier so geheißen hatte: Patris av ique, regum denique, quos etc.? er durch Verwandschaft und Abstammung in naher Berührung stand, gaben ihm Auszeichnung, sondern sie Alle überstrahlte Philipp und Alexander der Große, die dem Macedonischen Reiche die Oberherrschaft des Erdkreises gegeben hatten. Bei seinem Eintritte in das Lager trug PerseusPullo amictus illo]. – Dies illo ist Allen anstößig. Ich finde statt dessen filo; cum filio; solus; ille; von Andern vorgeschlagen. Solus oder sine filio würde ich deswegen vorziehen, weil es Absicht gewesen zu sein scheint, niemand bei ihm zu lassen, der noch größeres Mitleiden hätte wecken können. Darum, glaube ich, wurde Älius Tubero ihm entgegengeschickt, ihn von seinem Prinzen Philipp beim Eintritte ins Lager zu trennen. Aber auch dann kann Perseus, der von Römischen Wachen umringt ist, nicht solus ingredi castra. Ich lasse also das Wort illo so lange ausfallen, bis uns noch zu hoffende Msc. eine bessere Auskunft geben. Oder ist illo ein Überbleibsel von sag ulo? Der Abschreiber verwechselte das s in sagulo mit dem s in amictus, sah in ulo sein illo, und die 2 überbleibenden Buchstaben ag fielen weg. einen Soldatenrock von dunkler Farbe, ohne von den Seinigen irgend jemand zum Begleiter zu haben, der als Gefährte seines Unglücks ihn hätte noch beklagenswerther machen können. Vor dem Gewühle derer, die zu diesem Schauspiele herbeiliefen, konnte er nicht fortschreiten, bis der Consul die Gerichtsdiener hingehen ließ, um Platz zu machen und den Weg zum Feldherrnzelte offen zu halten. Der Consul selbst stand auf, hieß die Andern sitzen bleiben, reichte dem hereintretenden Könige, dem er einige Schritte entgegenging, die Rechte, hob ihn auf, als er sich ihm zu Füßen werfen wollte, und ohne ihm den Kniefall zu gestatten, führte er ihn weiter, in das Zelt und ließ ihn den Mitgliedern des Kriegsraths gegenüber seinen Sitz nehmen.

8. Die erste Frage, die er an ihn that, war diese: «Durch welche Beleidigung er sich gedrungen gefühlt habe, mit einer solchen Erbitterung gegen Rom einen Krieg zu unternehmen, durch den er sich und sein Reich der größten Gefahr aussetzte.» Als er bei der allgemeinen Erwartung einer Antwort, mit auf die Erde geheftetem Blicke, 459 anhaltend ohne zu reden weinte, fing der Consul wieder an: «Wärest du als Jüngling zum Throne gelangt, so würde es mich weniger befremden, wenn du nicht gewußt hättest, wie viel Gewicht das Römische Volk seiner Freundschaft, aber auch seiner Feindschaft zu geben im Stande ist. So aber, da du dem Kriege, welchen dein Vater mit uns führte, beigewohnt hast; da du nachher des Friedens, den wir ihm mit der gewissenhaftesten Treue gehalten haben, dich erinnern mußtest; wie konntest du dich da entschließen, mit denen lieber im Kriege zu leben, deren Übergewicht im Kriege, deren Treue im Frieden du aus Erfahrung kanntest?» Da er, wie vorhin die Frage, so jetzt den Vorwurf unbeantwortet ließ, fuhr der Consul fort: «Mag es gekommen sein, wie es will, durch menschliche Verirrung, durch Zufall, oder weil es so kommen mußte; so laß nur den Muth nicht sinken. Die durch das Misgeschick so vieler Könige und Völker bekannt gewordene Milde des Römischen Volks gewährt dir nicht bloß die Hoffnung, sondern beinahe die feste Gewißheit deinerprope certam fiduciam salutis]. – Ich habe hier immer unter salus bloß das Leben verstanden, und finde dies durch Drakenb. bestätigt, der aus dem Valer. Max. anführt: Paullus Persen dextra manu adlevavit et Graeco sermone ad spem vitae exhortatus est; und hinzusetzt: Quod ibi vita, hic salus vocatur. Um so mehr befremdet mich Creviers Note: Si hanc Paulli orationem Livius finxit, sane desiderare videmur scriptoris iudicium: si Paullus vere habuit, consulis fidem; und vorher: Qualem enim salutem Romani praestiterunt Perseo? quo ultra eorum superbia et crudelitas excedere poterat, quam ut traducerent eum per civium ora ac deinde in custodiam coniicerent? Nach Livius heißt ja Paullus den Perseus bloß sein Leben hoffen. Erhaltung.» Dies sagte er dem Perseus auf Griechisch; und nun seinen Römern auf Latein: «Ihr sehet ein auffallendes Beispiel vom Wechsel der menschlichen Dinge. Vorzüglich euch, ihr Jünglinge, sage ich dies. Darum muß man nie in glücklicher Lage Andre mit Übermuth oder Härte behandeln; nie dem gegenwärtigen Glücke trauen, da es ungewiß bleibt, was der Abend herbeiführen werde. Nur der ist Mann, der seinen Muth weder vom begünstigenden Anhauche des Glückes sich überheben, noch vom Misgeschicke ihn 460 brechen läßt.» Nach Entlassung des Kriegraths wurde die Aufsicht über den König dem Quintus Älius aufgetragen. Für heute wurde Perseus nicht allein vom Consul zur Abendtafel gezogen, sondern ihm auch alle Ehre erwiesen, die ihm in einer solchen Lage erwiesen werden konnte.

9. Nun wurde das Heer in die Winterquartiere entlassen. Den größten Theil der Truppen nahm Amphipolis auf, die übrigen die benachbarten Städte. Dies war nach einer anhaltenden Dauer von vier Jahren das Ende des Kriegs zwischen den Römern und Perseus, und zugleich das Ende eines durch den größten Theil Europens und durch ganz Asien berühmten Reichs. Man zählte vom Caranus, dem ersten Könige, den Perseus als den zwanzigsten. Perseus trat die Regierung an unter dem Consulate des Quintus Fulvius und Lucius Manlius (573): der Senat erkannte ihn als König an unter den Consuln Marcus Junius und Aulus Manlius (574). Er regierte elf Jahre. Der Ruf des Macedonischen Reichs blieb bis auf Philipp, des Amyntas Sohn, sehr im Dunkel. Mit ihm und durch ihn fing es an sich zu heben; doch beschränkte es sich auf Europens Gränzen, insofern es ganz Griechenland und einen Theil von Thracien und Illyricum umfaßte. Dann breitete es sich über Asien aus; und in den dreizehn Jahren, die Alexander regierte, unterwarf er seiner Hoheit zuerst Alles, so weit sich das fast unermeßliche Reich der Perser erstreckt hatte; dann durchzog er Arabien und Indien bis dahin, wo das Ostmeer die äußersten Gränzen der Lande umfasset. Damals hatte Macedonien den größten Stat und den größten Ruhm auf Erden. Dann durch Alexanders Tod, als Jeder die Herrschaft an sich riß, in viele Reiche zerstückelt, hielt es sich mit zersplitterten Kräftenlaceratis viribus]. – Ich folge dieser Verbesserung Gronovs, ziehe aber diese beiden Worte, die mir zu distractum nicht zu passen scheinen, zu stetit. Mich dünkt, zu tum maximum in terris fuit sei der Gegensatz so viel besser: inde, morte Alexandri distractum in multa regna, (dum ad se quisque opes rapiunt) laceratis viribus a summo culmine fortunae ad ultimum finem CL annos stetit. Übrigens ist in Rücksicht auf die angegebene Zahl schon von Andern bemerkt, daß Livius, wenn hier nicht etwa hinter CL die beiden Ziffern VI ausgelassen sind, die 156 Jahre vom Tode Alexanders bis zur Besiegung des Perseus durch die runde Zahl 150 ausdrückt., vom höchsten Gipfel seines Glücks bis zu seinem völligen Ende, hundert und funfzig Jahre.

461 10. Als sich der Ruf vom Siege der Römer nach Asien verbreitete, ging Antenor, der mit seiner Barkenflotte bei Phanä stand, von hier nach Cassandrea hinüber. Cajus Popillius, welcher zur Sicherheit der nach Macedonien segelnden Schiffe bei Delus stand, hatte kaum erfahren, daß der Krieg in Macedonien zu Ende sei und daß die feindlichen Barken ihren Standort hätten verlassen müssen, so setzte auch er, nach Entlassung der Attischen Schiffe, die übernommene Sendung auszurichten, seine Fahrt nach Ägypten fort, um den Antiochus noch zu treffen, ehe er vor die Mauern von Alexandrea rückte. Als die Gesandten an Asiens Küste hinfuhren und nach Loryma kamen, einem Hafen, der etwas über zwanzig tausend Schritte von Rhodus entfernt ist und der Stadt selbst gegenüber liegt, kamen die vornehmsten Rhodier – denn auch hieher war schon der Ruf des Sieges erschollen – ihnen mit der Bitte entgegen, «sie möchten doch bei Rhodus anfahren. Dem guten Rufe und der Wohlfahrt ihres Stats sei daran gelegen, daß sie selbst von Allem Kenntniß bekämen, was zu Rhodus geschehen sei und noch geschehe, und dann darüber, nicht etwa wie das Gerücht es erzählen möchte, sondern wie sie es bei eigner Ansicht gefunden hätten, in Rom berichteten.» Nach langem Weigern brachten diese Rhodier sie endlich dahin, daß sie sich einer Bundesstadt zum Besten eine kurze Verzögerung ihrer Fahrt gefallen ließen. Als sie in Rhodus angekommen waren, zogen ebenfalls jene durch Bitten sie in die Volksversammlung. Die Erscheinung der Gesandten vermehrte aber die Besorgniß der Bürger, statt sie zu mindern: denn Popillius zählte ihnen jede feindselige Äußerung und Handlung auf, die sie während dieses Krieges einzeln oder insgesamt begangen hatten: und als ein Mann von rauhem Sittengepräge stellte er das, was er angab, 462 mit seinem strengen Blicke und dem Tone der gerichtlichen Belangung als noch größere Verbrechen dar, so daß sie, da er selbst zu einer besondern Abneigung gegen ihren Stat keinen Grund hatte, aus der Bitterkeit dieses einzigen Römischen Senators auf die Stimmung des ganzen Senats gegen sie schließen mußten. Die Rede des Cajus Decimius hatte mehr Mäßigung. Er sagte: «In den meisten Stücken, welche Popillius angeführt habe, liege die Schuld nicht sowohl an der Nation, als an einigen Aufhetzern des großen Haufens. Diese Leute hätten mit ihrer feilen Zunge jene Ausfertigungen voll Schmeichelei gegen den König bewirkt, und Gesandschaften abgehen lassen, deren sich die Rhodier auf immer eben so sehr zu schämen, als sie zu bereuen haben würden. Das Alles aber werde, sobald diessi tamen populo]. – Statt tamen lese ich mit Jak. Gronov ea mens. Am Schlusse des Cap. ergänzt Crev. die kleine Lücke durch die zwei Worte: ultro accenderat. des Volkes Wille sei, das Haupt der Schuldigen treffen.» Man hörte ihn mit großem Beifalle, nicht sowohl darum, weil er die Strafwürdigkeit des Volkes milderte, als weil er die Schuld auf die Anstifter fallen ließ. Wie also ihre Großen die Vorträge der Römer beantworteten, so ernteten diejenigen, welche des Popillius Vorwürfe, so gut sie konnten, zu widerlegen suchten, von ihren Reden lange nicht so vielen Dank, als die, welche dem Decimius beistimmeten, die Urheber als Sühnopfer des Verbrechens preiszugeben. Also wurde sogleich der Schluß abgefaßt, alle diejenigen, welche überführt würden, zum Besten des Perseus den Römern zum Nachtheile geredet oder gehandelt zu haben, zum Tode zu verdammen. Einige waren schon bei der Ankunft der Römer aus der Stadt entwichen, Andere gaben sich selbst den Tod. Die Gesandten reiseten nach einem Aufenthalte von nicht länger als fünf Tagen nach Alexandrien. Nichts desto weniger gingen, dem bei ihrem Hiersein abgefaßten Schlusse gemäß, die gerichtlichen Untersuchungen zu Rhodus ihren raschen Gang, und zu dieser Beharrlichkeit in 463 Vollziehung desselben hielten sich die Rhodier durch die Milde des Decimius [sogar für aufgefordert.]

11. Unterdessen war Antiochus von Alexandriens Mauern nach einem vergeblichen Angriffe abgezogen, und da er das übrige Ägypten in seiner Gewalt hatte, ließ er den ältern Ptolemäus, dem er, seinem Vorgeben nach, durch seinen Beistand den Thron wieder verschaffen wollte – um dann den Wiedereingesetzten selbst anzugreifen, – in Memphis zurück und führte sein Heer nach Syrien ab. Ptolemäus, mit jener Absicht nicht unbekannt, und in der Voraussetzung, er selbst könne vielleicht, solange er seinem Bruder noch mit einer Belagerung drohen könne, durch Vorschub seiner Schwester und unter Einwilligung der Freunde seines Bruders, in Alexandrien wieder aufgenommen werden, ließ nicht ab, zuerst seine Schwester, dann seinen Bruder und dessen Freunde zu beschicken, bis er den Frieden mit ihnen zu Stande brachte. Antiochus hatte sich ihm dadurch verdächtig gemacht, daß er ihm zwar das übrige Ägypten übergab, allein in Pelusium eine starke Besatzung zurückließ. Es war einleuchtend, daß er diesen Schlüssel zu Ägypten behalten wollte, um sobald es ihm gefiele, mit seinem Heere wieder einzurücken: und von dem inneren Kriege mit seinem Bruder versprach sich Ptolemäus keinen andern Ausgang, als den, daß er selbst als Sieger, vom Kampfe ermattet, dem Antiochus auf keine Weise gewachsen sein werde. Diese richtigen Bemerkungen des ältern Bruders wurden von dem jüngeren und seinem Anhange mit Beifall aufgenommen: vorzüglich beförderte dies die Schwester nicht bloß durch ihr Zurathen, sondern auch durch ihre Bitten. Da also der von Allen genehmigte Friede zu Stande kam, wurde Ptolemäus wieder in Alexandrien aufgenommen; und selbst das Volk war damit nicht unzufrieden, weil es in dem Kriege, nicht bloß während der Belagerung, sondern auch weil aus Ägypten keine Zufuhr kam, durch Mangel an Allem gelitten hatte. Da sich Antiochus hierüber hätte freuen müssen, wenn er nämlich mit seinem Heere zur Wiedereinsetzung des Ptolemäus nach Ägypten gekommen 464 war – – und dieses ehrenvollen Vorwandes hatte er sich ja gegen alle Asiatischen und Griechischen Staten bei Annahme ihrer Gesandten und in allen abgelassenen Sendschreiben bedienet: – – so fand er sich nun so sehr beleidigt, daß er sich viel eifriger und feindseliger gegen beide Brüder, als zuvor gegen den Einen, zum Kriege anschickte. Nach Cypern sandte er sogleich eine Flotte, und rückte selbst nach Colesyrien vor, um im ersten Lenze mit seinem Heere auf dem Wege nach Ägypten zu sein. Den Gesandten, die ihm in der Gegend von Rhinocolura im Namen des Ptolemäus dafür dankten, daß dieser durch ihn wieder zu seinem väterlichen Reiche gelangt sei, und ihn baten, ihm diese seine Wohlthat zu erhalten und ihnen lieber jetzt seine Wünsche zu eröffnen, als aus seinem Freunde sein Feind zu werden und mit Gewalt der Waffen zu verfahren; antwortete er: «Er werde unter keiner andern Bedingung seine Flotte zurückrufen noch mit seinem Heere umkehren, als wenn ihm Ptolemäus ganz Cypern, Pelusium und die Gegend an der Pelusischen Nilmündung abträte.» Auch bestimmte er einen Tag, vor welchem er über die abgeschlossenen Verhandlungen eine Erklärung haben wollte.

12. Als der Tag, bis zu welchem er den Waffenstillstand bewilligt hatte, verstrichen warPostquam dies etc.]. – Hier ist Creviers Ergänzung der durch mehrere, vermuthlich nur kleine, Lücken unterbrochenen Stelle: Postquam dies data induciis praeteriit, [praefectis maritimarum virium, quae terrestrem exercitum comitabantur] navigantibus ostio Nili ad Pelusium, [ipse] per deserta Arabiae [ingressus Aegyptum, receptusque ab iis, qui] ad Memphim incolebant, et ab ceteris etc., [ließ er die Anführer seiner Seemacht, welche seinem Landheere das Geleit gab,] durch die Nilmündung nach Pelusium segeln: [er selbst rückte] durch Arabiens Wüste [in Ägypten ein, fand bei den] Nachbarn von Memphis und den übrigen Ägyptern zum Theile eine willige, zum Theile eine erzwungene [Aufnahme] und zog in mäßigen Tagemärschen nach Alexandrien hinunter. Als er beiAd Eleusinem]. – Eleusis, ein Flecken Ägyptens, am Kanal von Canopus. Crev. Auch nachher folge ich der aus Polyb. Val. Max. und Justin. bekräftigten Lesart des Ursinus, der statt scriptum habentes (aus SCtum habentes) Senatus Consultum habentes liest; und dem Perizonius, der das aus vixdum convenerat PAXS entstandene pars wieder in pax verwandelte. Eleusis, welches viertausend Schritte von Alexandrien 465 entfernt ist, über den Fluß gegangen war, trafen ihn die Römischen Gesandten. Er begrüßte die Ankommenden und wollte dem Popillius die Rechte reichen: Popillius aber übergab ihm ein Schreiben, welches den Senatsbeschluß enthielt und hieß ihn vor allen Dingen diesen lesen. Als er nach der Durchlesung erklärte, er wolle mit Zuziehung seiner Räthe überlegen, was er zu thun habe, zog Popillius, ganz in der ihm eignen rauhen Gemüthsart, mit dem Stabe, den er in der Hand trug, einen Kreis um den König und sprach: «Ehe du aus diesem Kreise trittst, mußt du mir die Antwort geben, die ich dem Senate bringen soll.» Betroffen über diese gebietende Zumuthung stockte Antiochus ein Weilchen; dann antwortete er: «Ich will thun, was der Senat verlangt.» Und nun erst reichte Popillius dem Könige als einem Bundesgenossen und Freunde die Hand. Als darauf Antiochus auf einen bestimmten Tag Ägypten geräumt, und die Gesandten die Eintracht der Brüder, zwischen denen der Friede so eben erst zu Stande gekommen war, auch durch ihr Zureden befestigt hatten, segelten sie nach Cypern ab und schickten von dort die Flotte des Antiochus, welche schon über die Ägyptischen Schiffe einen Sieg erfochten hatte, nach Hause. Diese Gesandschaft kam bei den auswärtigen Völkern in großen Ruf: denn offenbar hatte sie dem Antiochus Ägypten, als er es schon in Händen hatte, genommen, und dem Stamme des Ptolemäus das väterliche Reich wiedergegeben.

So berühmt das Consulat des Einen von den diesjährigen Consuln durch seinen ausgezeichneten Sieg wurde, so sehr blieb der Ruf des Andern im Dunkel, weil es ihm an Stoff zu Thaten fehlte. Gleich zuerst, als er den Legionen den Tag bestimmte, auf welchen sie sich zu stellen hätten, betrat er die geweihete Erhöhung gegen die Zustimmung 466 der Vögel; und die Vogelschauer erklärten, als ihnen die Sache vorgelegt wurde, der fehlerhaft bestimmte Tag sei ungültig. Er ging nach Gallien ab und hatte sein Lager in der Gegend der Magern Gefilde bei den Gebirgen Sicimina und Papinus, und nachher in eben dieser Gegend mit den Latinischen Bundestruppen seine Winterquartiere: denn die Römischen Legionen waren, weil ihr Sammeltag nicht seine Richtigkeit hatte, zu Rom geblieben. Auch die Prätoren gingen auf ihre Standplätze ab, den Cajus Papirius Carbo ausgenommen, welchem Sardinien zugefallen war. Er mußte nach dem Gutbefinden der Väter zu Rom bleiben. um zwischen Bürgern und Fremden Recht zu sprechen: denn dieses Amt hatte er ebenfallsnam eam quoque sortem]. – Vermuthlich weil der Prätor Anicius, dem die sors peregrina, etsi quo senatus censuisset, zugefallen war, gegen den Gentius nach Illyricum geschickt wurde. Crev. .

13. Auch Popillius und die mit ihm an den Antiochus abgegangenen Gesandten kehrten zurück und berichteten die Beilegung der Streitigkeiten zwischen den Königen und den Abzug des Syrischen Heers aus Ägypten. Nachher kamen die Gesandten der Könige selbst. Die vom Antiochus sagten: «Einen Frieden nach des Senates Willen habe ihr König allem Siege vorgezogen; und den Aufforderungen der Römischen Gesandten habe er, gleich einem Göttergebote, Folge geleistet.» Darauf statteten sie seinen Glückwunsch zum Siege ab, mit dem Zusatze, ihr König würde aus allen Kräften dazu mitgewirkt haben, wenn man ihn nur zu irgend einer Leistung aufgefordert hätte. Die Gesandten des Ptolemäus dankten im Namen des Königs und der Cleopatra gemeinschaftlich. «Sie seien Roms Senate und Volke höher verpflichtet, als ihren Ältern, höher, als den unsterblichen Göttern: denn durch sie wären sie aus einer höchst traurigen Belagerung gerettet und hätten ihr beinahe schon verlornes väterliches Reich wieder bekommen.» Der Senat gab folgende Antworten. «Daß Antiochus den Gesandten Folge geleistet habe; darin habe er nach Recht und Gebühr gehandelt, 467 und Roms Senat und Volk wüßten es zu erkennen.» Ferner: «Es gereiche dem Senate zur großen Freude, wenn durch ihn Ägyptens königlichem PareRegibus – – Cleopatraeque: si quid]. – So wie Antiochum im vorigen Satze mit in die Antwort gehört, die der Senat den Gesandten des Antiochus ertheilt, so habe ich auch in diesem (durch Weglassung des Kolons hinter Cleopatraeque:) die Worte Regibus Aegypti, Ptolemaeo Cleopatraeque mit in die Antwort gezogen, welche die Ägyptischen Gesandten bekommen. Denn will man diese Worte nicht als in die Rede gehörig, sondern im erzählenden Tone des Geschichtschreibers so verstehen: Regibus (oder legatis eorum) responsum est, so müßte nachher bei evenisset ein ausgelassenes iis supplirt werden., dem Ptolemäus und der Cleopatra, irgend ein Glück oder Vortheil erwachsen sein sollte, und er werde sich bestreben, sie beständig in der treuen Freundschaft Roms die mächtigste Stütze ihres Thrones finden zu lassen.» Der Prätor Cajus Papirius erhielt den Auftrag, die herkömmlichen Geschenke für die Gesandten zu besorgen. Nun meldete ein Brief aus Macedonien, was die Freude des Sieges noch verdoppelte, König Perseus sei in des Consuls Gewalt. Nach Entlassung dieser Gesandten trugen die Gesandten von Pisä und Luca ihre Streitigkeit vor, da die von Pisä darüber klagten, daß jene Römischen Pflanzbürger sie von ihrem Grundeigenthume verdrängten; die von Luca hingegen behaupteten, der streitige Acker sei von den Dreiherren ihnen angewiesen. Der Senat schickte zur Untersuchung und Bestimmung der Gränzen den Cajus Fabius Buteo, Publius Cornelius Blasio, Titus Sempronius Musca, Lucius Nävius Balbus und Cajus Appulejus Saturninus als Fünfherren hin. Auch von den Gebrüdern Eumenes, Attalus und Athenäus kam eine Gesandschaft, ihren gemeinschaftlichen Glückwunsch zum Siege zu überbringen. Bei dem Masgabas, dem Sohne des Masinissa, meldete sich, als er zu Puteoli ans Land gestiegen war, der mit einer Geldsumme ihm entgegengeschickte Schatzmeister Lucius Manlius, der ihn auf Kosten des Stats nach Rom geleiten sollte. Gleich nach seiner Ankunft ließ der Senat ihn vor. Der junge Mann drückte sich so aus, daß die an sich schon so willkommnen 468 Dienstleistungen durch seine Worte noch gefälliger wurden. Er erwähnte, «wie viel Fußvolk und Reuterei, wie viele Elephanten, wie viel Getreide sein Vater in diesen vier Jahren nach Macedonien geschickt habe. Allein über zweierlei sei ihm eine Schamröthe zu Gesicht gestiegen: Einmal, insofern der Senat ihn durch Gesandte um die Kriegsbedürfnisse habe bitten lassen, da er doch habe befehlen können; zum Andern, daß er ihm für das Getreide die Bezahlung geschickt habe. Masinissa vergesse es nie, daß das Römische Volk ihm sein Reich erworben, erweitert und vervielfältigt habe, und mit dem Nießbrauche seines Königreichs zufrieden wisse er, daß Oberherrlichkeit und Eigenthumsrecht denen zustehe, die es ihm gegeben hätten. Es sei also billig, daß sie auch nähmen, und nicht ihn bäten; nicht vom Ertrage des ihm von ihnen geschenkten Bodens dergleichen kauften, wasea ex fructibus agri ab se dati, quae ibi prov.]. – Ich folge lieber dieser Interpunction; nicht aber deswegen, weil mir sonst das Relativum quae – tot vocibus postpositum – misfiele; sondern weil ich die von Crev. gerügte inficeta verbositas nicht finde, derentwegen er die Worte ea, quae ibi proveniant wegstreichen will. Da Livius gesagt hatte ex fructibus agri, fructus aber nicht bloß die Feld- und Baumfrüchte und den Ertrag der Heerden, sondern auch alle reditus, vectigalia, usuras, selbst von verpachteten Grundstücken, bedeutet, so war, glaube ich, der Zusatz quae ibi proveniant, nicht unnöthig, wenn darunter das selbst auf diesem Boden Wachsende verstanden werden sollte; so viel eher nöthig, weil kurz vorher von einem bloßen Nießbrauche des Reichs (usu regni contentum) die Rede gewesen war. Hätten z. B. die Römer einige 1000 Purpurröcke, falls sie diese vom Masinissa gefordert hätten, bezahlt, so konnte der König, weil er diese selbst von Tyrus oder Carthago erkaufen mußte, sich die Bezahlung eher gefallen lassen. Den Purpur, quae ibi non proveniebat, mußte er selbst ex fructibus regni sui (von seinen Einkünften) bezahlen. Allein er will die Römer nichts ex fructibus regni sui (vom Ertrage seines Königreichs) bezahlen lassen, was ihm der Boden selbst bringt, das Getreide nämlich. dieser Boden selbst liefere. Masinissa habe genug an dem, und werde genug daran haben, was ihm das Römische Volk übrig lasse. Als er mit diesen Aufträgen von seinem Vater abgereiset sei, habe ihm dieser nachher reitende Boten nachgeschickt, ihm die Besiegung Macedoniens zu melden, und ihm zugleich den Auftrag gegeben, nach seinem Glückwunsche dem Senate zu bezeugen, sein Vater sei hierüber so hoch erfreut, daß er selbst nach 469 Rom kommen, dem allmächtigen Jupiter auf dem Capitole ein Opfer und seinen Dank darbringen wolle. Er ersuche den Senat, ihm hierzu unbeschwert die Erlaubniß zu ertheilen.»

 << Kapitel 166  Kapitel 168 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.