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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 165
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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36. Die Zeit] im Jahre war die nach Verlauf des längsten Tages. Der Tageszeit nach ging es schon gegen Mittag; und der Marsch war unter vielem Staube und steigender Sonnenhitze zurückgelegt. Ermattung und Durst wurden fühlbar, und offenbar mußte gegen den nahen Mittag beides noch stärker werden. Er beschloß, die Truppen in dieser Ermüdung einem rüstigen ungeschwächten Feinde nicht auszusetzen. Allein bei beiden Theilen war die Begierde zur Schlacht so brennend, daß der Consul bei den Seinigen eben so viele Kunst anwenden mußte, sie zu täuschen, als bei den Feinden. Da sie noch nicht alle aufgestellt waren, so drang er in die Obersten, die Aufstellung zu beschleunigen. Er selbst ging von einer Abtheilung zur andern, und seine Aufmunterungen befeuerten den Muth der Soldaten zur Schlacht. Hier waren sie anfangs flink genug, das Zeichen zu fordern. So wie aber die Hitze zunahm, verloren die Mienen ihr Feuer, das Rufen legte sich und Manche standen da, an ihren Schild gelehnt, auf ihre Pike gestützt. Nun befahl er den Hauptleuten des ersten Gliedes geradezu, die Lagerstirn abzustecken und dem Gepäcke seinen Stand zu geben. Als die Soldaten diese Anstalten sahen, äußerten die Übrigen ihre Freude laut, daß er sie von dem beschwerlichen Marsche und der brennendsten Hitze ermüdet nicht genöthigt habe zu fechten. Allein um den Heerführer her waren die Unterfeldherren, die Obersten der fremden Truppen, unter diesen auch Attalus; welche sämtlich, als sie noch glaubten, der Consul wolle schlagen, ihm beigefallen waren; denn selbst ihnenneque enim ne his]. – Ich folge hier Crev. u. Drak., und lese: neque enim ne his quidem cunctationem etc., und bald nachher halte ich mich allein an Crevier, welcher Gronovs Vorschläge so verbessert: Ne hostem, ludificatum priores imperatores fugiendo certamen, manibus emitteret. Das von Doujat vorgeschlagene quondam und Gronovs pridem stecken schon in priores. hatte er seine Unlust nicht 428 entdeckt: und als bei der plötzlichen Abänderung des Plans die Übrigen schwiegen, wagte es von Allen der einzige Nasica, dem Consul die Erinnerung zu machen: «Er möge den Feind, der die vorigen Feldherren durch Verweigerung einer Schlacht gehöhnet habe, nicht aus den Händen lassen. Er fürchte, daß dieser in der Nacht davongehe, daß man ihm dann mit der größten Mühe und Gefahr in das innerste Macedonien nachgehen müsse, und das Heer, so wie unter den vorigen Anführern, über die Pfade und Pässe der Macedonischen Gebürge in der Irre umhergezogen werde. Er rathe ernstlich zum Angriffe, so lange man noch den Feind in offenem Felde habe, und die gebotene Gelegenheit zum Siege nicht fahren zu lassen.» Der Consul, durch die freimüthige Erinnerung eines so angesehenen jungen Mannes im mindesten nicht beleidigt, sprach: «Auch ich habe einst so gedacht, Nasica, wie du jetzt denkst: und wie ich jetzt denke, wirst du dereinst denken. Viele Erfahrungen im Kriege haben mich belehrt, wann man schlagen, und wann man sich der Schlacht entziehen müsse. Jetzt möchte mirs, in der Linie gegen den Feind, zu unwichtig sein, dich zu belehren, aus welchen Ursachen für heute die Ruhe besser sei. Frage mich darum ein andermal: jetzt genüge dir der Ausspruch eines alten Feldherrn.» Der Jüngling schwieg: «Denn gewiß sehe der Consul Hindernisse der Schlacht, die ihm nicht einleuchteten.»

37. Als Paullus wahrnahm, daß das Lager abgesteckt und das Gepäck zur Stelle sei, führte er zuerst die Triarier aus dem Hintertreffen ab; dann das zweite Treffen, während das erste vorn in der Linie stehen blieb; zuletzt auch das erste Treffen, so daß er, zuerst vom rechten Flügel, nach und nach jede einzelne Abtheilung wegnahm. So wurden die Truppen zu Fuß, indeß die Reuterei mit den Leichtbewaffneten vor der Linie dem Feinde entgegengesetzt blieb, ohne Unruhe abgeführt, und nur 429 erst, als die Vorderstirn des Walles und der Graben fertig waren, wurde die Reuterei von ihrem Posten abgerufen. Auch der König, der heute ohne Weigerung sich zu einer Schlacht bereit gezeigt hatte, zog seine Truppen ebenfalls in sein Lager zurück, zufrieden, daß sie wußten, die Verzögerung der Schlacht habe am Feinde gelegen. Nach beendigter Verschanzung des Lagers, zeigte Cajus Sulpicius Gallus, ein Oberster von der zweiten Legion, der im vorigen Jahre Prätor gewesen war, den mit des Consuls Erlaubniß zu einer Versammlung berufenen Soldaten an: «Damit es niemand für ein Schreckzeichen ansehe, so sage er ihnen, in der nächsten Nacht werde der Mond von der zweiten Nachtstundenocte proxima – ad quartam horam noctis]. – Das Wort Nachtstunde habe ich absichtlich gewählt, um auf die Kürze der Stunden in dieser Nacht aufmerksam zu machen. Wäre hier von einer Zeit um die Nachtgleichen die Rede, wenn der Römische Tag von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends dauerte, so würde diese Finsterniß nach unsrer Uhr von 7 bis 10 (wie Große in der Anmerkung sagt) gewährt haben. Allein um die Zeit des Solstitii (Cap. 36. im Anf.) dauerte die Römische Nacht etwa nur von 9 Uhr Abends bis 3 Uhr Morgens: ihre Nachtstunden waren dann nicht viel länger als unsre halben Stunden, um so viel länger aber die Stunden ihres Tages. Nach dieser Bemerkung dauerte diese Mondfinsterniß nach unsrer Uhr etwa von halb 10 bis um 11. – Nach der Berechnung neuerer Astronomen fiel sie auf den 21sten Junius. Dies trifft, wie Crev. bemerkt, mit der vom Livius Cap. 36. angegebenen Zeit des Solstitii zusammen. Daß aber die Römischen Pontifices in ihrem Kalender um die Zeit des längsten Tages schon den vierten September hatten, darüber wundern wir uns nicht, wenn wir mit dieser Stelle Cap. 30. und B. 43. Cap. 11. vergleichen. an bis zur vierten verfinstert werden. Weil dies der Ordnung der Natur gemäß zu festgesetzten Zeiten erfolge, so könne man es vorherwissen und vorhersagen. So wie sie sich also nicht darüber wunderten, daß der Mond, weil Sonne und Mond ihren bestimmten Aufgang und Untergang hätten, bald in voller Scheibe strahle, bald mit abnehmenden schmalen Hörnern; so müßten sie auch dies nicht auf ein Unglückszeichen deuten, daß er, wenn ihn der Erdschatten bedecke, verdunkelt werde.» Als nun in der Nacht, auf welche der vierte September folgte, die Mondfinsterniß in der angegebenen Stunde eintrat, da hielten die Römischen Soldaten die Weisheit des Gallus beinahe für göttlich; die Macedonier 430 hingegen erschütterte sie als ein trauriges Vorzeichen, das den Untergang des Reichs und des Volks Verderben bedeute. Und so sprachen auch ihre Wahrsager. Geschrei und Geheul ertönte im Macedonischen Lager, bis der Mond wieder in seinem Lichte hervortrat. Tags darauf – so erpicht waren beide Heere auf ein Treffen gewesen, daß sowohl dem Könige als dem Consul Einige von den Ihrigen Vorwürfe darüber machten, daß man ohne Schlacht aus einander gegangen sei –Postero die (tantus – – accusarent) regi promta etc.]. – Ich folge dieser von Drak. vorgeschlagenen Interpunction. konnte sich der König leicht entschuldigen, nicht allein damit, daß die Feinde zuerst, mit offenbarer Verweigerung einer Schlacht, ihre Truppen in das Lager zurückgezogen hätten, sondern auch, weil er selbst seine Stellung da genommen hatte, wo der Phalanx, den jede noch so mittelmäßige Ungleichheit des Bodens unnütz macht, nicht vorrücken konnte. Der Consul war außerdem, daß er gestern die Gelegenheit zur Schlacht verabsäumt und es dem Feinde freigestellt zu haben schien, ob er in der Nacht abziehen wolle, auch jetzt noch in dem Verdachte, daß er unter dem Vorwande des Opfers die Zeit hinbringe, ob er gleich mit Tagesanbruch das Zeichen, zum Ausrücken in die Schlachtordnung, aufgesteckt habe. Als endlich um die dritte Tagesstunde das Opfer gehörig vollzogen war, berief er einen Kriegsrath. Und auch hier kam es Einigen so vor, als bringe er die Zeit zum Handeln mit Sprechen und unzeitigen Berathschlagungen hin. Nach geendeter Absprachepost sermones tamen]. – Ich übersetze Drakenborchs tandem. hielt endlich der Consul folgende Rede.

38. «Publius Nasica, dieser ausgezeichnete junge Mann, hat sich mir unter Allen, welche gestern eine Schlacht gewünscht haben, ganz allein mit seiner Meinung bloßgegeben. Nachher hat er geschwiegen, so daß ich annehmen kann, er sei zu meiner Meinung übergegangen. Einige Andre haben es für besser befunden, den Feldherrn hinter seinem Rücken zu tadeln, als ihn 431 persönlich zu erinnern. Ich nehme keinen Anstand, sowohl dir, Nasica, als allen denen, welche mit dir denselben Wunsch, nur versteckter, hegten, über den Aufschub des Treffens Rechenschaft abzulegen. Denn ich bin so weit entfernt, das gestrige Stillsitzen zu bereuen, daß ich vielmehr glaube, durch diese Maßregel das Heer gerettet zu haben. Und damit niemand unter euch glauben möge, daß ich für diese Meinung keine Gründe habe, wohlan, so zähle er mit mir, wenns ihm gefällig ist, das Alles wieder auf, wodurch der Feind im Vortheile, und wir im Nachtheile waren. Gleich zuerst dieses: ich bin überzeugt, daß Jeder von euch schon früher gewußt habe, wie sehr uns die Macedonier an Zahl überlegen sind, und daß ihr dies gestern bei dem Anblicke ihrer ausgebreiteten Linie selbst gesehen habt. Von dieser unsrer kleineren Anzahl war der vierte Theil der Truppen bei dem Gepäcke zur Bedeckung geblieben, und ihr wisset, daß man zum Schutze der Päckereien nicht gerade die Schlechtesten zurückläßt. Aber gesetzt, wir waren AlleSed fuerimus omnes]. – Duker sagt: Non capio sensum horum verborum. Er glaubt sie dann zu verstehen, wenn es hieße: Sed fuerimus una omnes. Entweder heißt hier esse so viel als adesse, oder in adfuerimus ging ad über das vorhergehende ed verloren. zur Stelle: halten wir denn das für eine Kleinigkeit, daß wir aus diesem Lager, worin wir jetzt übernachtet haben, wenn wir es für gut finden, erst heute oder spätestens morgen unter dem Beistande der Götter zur Schlacht ausrücken werden? Macht das keinen Unterschied, ob man den Soldaten, den heute kein Marsch, keine Arbeit erschöpft hat, nach der Ruhe neugestärkt in seinem Zelte zu den Waffen greifen heißt, und ihn in voller Kraft, an Leib und Seele munter, in die Linie treten läßt; oder ob man ihn, vom langen Marsche ermattet, unter seiner Last erliegend, von Schweiß triefend, lechzend vor Durst, Mund und Augen voll Staub, von der Mittagssonne glühend, einem Feinde preisgiebt, der frisch und ausgeruhet, seine zu nichts vorher verbrauchten Kräfte mit ins Treffen bringt. Wer, bei Gott! sei er noch so sehr 432 Weichling und Schwächling, wird nicht, wenn er so dem tapfersten Manne gegenüber gestellt wird, ihn besiegen? Noch mehr! hatten nicht die Feinde in aller Ruhe ihre Linie geordnet? sich neu ermuthigt? standen sie nicht Jeder auf seinem Platze in ihren Gliedern da? und mußten wir nicht dann den Augenblick zur Aufstellung der Linie uns durch einander tummeln und noch ohne Gliederschluß angreifen?»

39. «Nun ja, antwortet man mir, wir hätten freilich eine Linie ohne Schluß und Ordnung gehabt. So hatten wir vielleicht ein schon befestigtes Lager? hatten für die Wasserholung gesorgt? den Weg dahin durch aufgestellte Posten in unsrer Gewalt? die ganze Gegend umher ausgesichert? oder hatten wir nichts, das unser war, als das nackte Feld, auf dem wir schlagen sollten? Eure Vorfahren sahen ihr festes Lager bei allem, was ihr Heer treffen konnte, als seinen Hafen an, aus welchem es zur Schlacht auslaufen, in welchen es, vom Sturme der Schlacht umgetrieben, sich bergen könne. Deswegen sicherten sie das Lager, wenn sie es schon mit Verschanzungen umzäunt hatten, noch durch eine starke Besatzung; weil der, der sein Lager verlor, wenn er auch in der Schlachtreihe gesiegt hatte, doch für den Besiegten galt. Dem Sieger ist sein Lager Ruhepunkt, dem Besiegten Rettungsort. Wie manches Heer, dem das Glück in der Schlacht minder hold war, that, in seinen Lagerwall zusammengedrängt, bei einem günstigeren Zeitpunkte, zuweilen gleich den Augenblick nachher, einen Ausfall und schlug den feindlichen Sieger? Dieser Wohnort des Kriegers ist seine zweite Vaterstadt; der Lagerwall vertritt die Stelle der Stadtmauer; sein Zelt ist Jedem Haus und Hausaltar. Wir aber würden als Umherirrende, die nirgends zu Hause sind, geschlagen haben, um uns nach erfochtenem Siege – wohin denn? – zurückzuziehen. Diesen Schwierigkeiten und Verhinderungen einer Schlacht stellt man Folgendes entgegen: Wie, wenn der Feind in dieser ihm gefristeten Nacht davon gegangen wäre, wie viele Beschwerlichkeiten mußten wir dann von neuem ausstehen, ihm 433 bis hinten an das Ende von Macedonien zu folgen? Ich aber bin überzeugt, daß er weder Stand gehalten, noch sein Heer zur Schlacht aufgeführt haben würde, wenn er Willens gewesen wäre, zu weichen. Wie viel leichter konnte er abziehen, da wir noch fern waren, als jetzt, da wir ihm auf dem Nacken sind? Auch könnte er uns bei seinem Abzuge, so wenig bei Tage als bei Nacht, unbemerkt bleiben. Was kann uns aber erwünschter sein, als eben den Feind, dessen Lager wir zu stürmen wagten, ob es gleich durch das so hohe Flußufer gesichert und noch obenein mit einem Walle und Thürmen in Menge umpflanzt war, jetzt auf offenem Felde in seinem Rücken anzugreifen, wenn er mit Hinterlassung seiner Werke in fortstürzendem Zuge davonginge? Dies waren die Gründe für die Aussetzung der Schlacht von gestern auf heute. Denn zu schlagen ist eben so sehr auch mein Wille: und darum habe ich ja, weil uns der Weg zum Feinde durch den Strom Enipeus gesperrt war, durch einen andern Paß, aus welchem ich die feindlichen Posten vertreiben ließ, einen neuen Weg eröffnet: und ich werde nicht eher ablassen, als bis ich den Krieg beendigt habe.»

40. Auf diese Rede erfolgte eine Stille, weil er den einen Theil der Zuhörer für seine Meinung gewonnen hatte, und der andre sich scheute, ihn in einer Sache zu beleidigen, die jetzt – mochte ihre Verabsäumung recht oder unrecht sein – nicht ungeschehen gemacht werden konnte. Und da auch selbst an diesem Tage der Consul so wenig, als der König Lust hatten – der König nicht, weil er jetzt die Feinde nicht so, wie Tages zuvor, vom Marsche ermüdet, zur Aufstellung der Linie durch einander eilend und kaum zum Schlusse fertig, angreifen konnte: der Consul nicht, weil in seinem neuen Lager kein Holz, kein Futter angefahren, und diese Bedürfnisse zu holen, ein großer Theil der Soldaten vom Lager auf die nahen Dörfer abgegangen war – kurz da von beiden Feldherren keiner den Willen hatte, so leitete dennoch das Schicksal, mächtiger als alle menschlichen Maßregeln, eine Schlacht ein. Aus einem Flusse von geringer Größe, dem 434 Macedonischen Lager näher, holten Macedonier und Römer das Wasser; und sie dies mit Sicherheit thun zu lassen, waren am beiderseitigen Ufer Bedeckungen aufgestellt. Auf Römischer Seite standen zwei Cohorten, die Marrucinische und die Pelignische; ferner zwei Geschwader Samnitischer Reuterei, die der Unterfeldherr Marcus Sergius Silus anführte: und vor dem Lager hielt noch ein andrer feststehender Posten mit dem Unterfeldherrn Cajus Cluvius, nämlich drei Cohorten, die Firmanische, die Vestinische, die Cremonensische, und zwei Geschwader Reuterei, das Placentinische und Äserninische. Am Ufer war Alles still, weil keiner von beiden Theilen den andern angriff, als etwa um die neuntehora circiter quarta]. – Ich lese mit Gronov (aus Plutarch und wegen der zwischen IV und IX so leicht möglichen Verwechselung) hora circiter nona. Rechnen wir auf die damals lange Römische Tagestunde, 1½ unsrer Stunden, – der Tag währte etwa von Morgens 3 bis Abends 9 – so fing die Schlacht Nachmittags um vier Uhr an. Vergl. Cap. 37. Tagesstunde ein Packthier seinen Wärtern unter den Händen weglief und an das jenseitige Ufer entkam. Da ihm durch das kaum kniehohe Wasser drei Soldaten nachgingen, zwei Thracier aber das Thier aus der Mitte des Stroms nach ihrem Ufer hinzogen, so tödteten jene den Einen von diesen, nahmen das Thier wieder mit und gingen zu ihrem Posten zurück. Am feindlichen Ufer stand ein Posten von achthundert Thraciern. Von diesen gingen aus Unwillen, einen von ihren Landsleuten vor ihren Augen getödtet zu sehen, zuerst nur Wenige zur Verfolgung seiner Mörder über den Fluß, dann Mehrere, zuletzt Alle und wurden mit dem Posten, [der auf Römischer Seite das Ufer beschützte, handgemein. Es fehlt nicht an Berichten, welche melden, auf Paullus eignen Befehl habe man das Pferd entzügelt dem feindlichen Ufer zugejagt, dann einige Leute abgeschickt, es wiederzuholen, damit die Feinde den Angriff zur Schlacht zuerst thun möchten. Denn da bei zwanzig geschlachteten Thieren das Opfer nicht günstig ausgefallen war, so hatten die Opferschauer endlich beim einundzwanzigsten die Eingeweide für glückverkündend 435 erklärt, doch so, daß sie den Römern nur dann den Sieg versprachen, wenn sie nicht angriffen, sondern bloß sich vertheidigten. Die Schlacht, die auf diese Art wenigstens in Gang gebracht wurden es sei nun durch Zufall, oder nach des Feldherrn Absicht, würde übrigens sehr bald, weil von beiden Seiten Truppen über Truppen zur Hülfe der Ihrigen herbeiflogen, so ernsthaft, daß die Heerführer gezwungen wurden, sich einer gewagten Hauptentscheidung zu unterziehen. Denn als Ämilius, der auf das Getümmel der gegen einander Anstürzenden aus dem Feldherrnzelte trat, jetzt wahrnahm, daß er die zu ihren Waffen Rennenden bei ihrer blinden Hitze eben so wenig ohne Mühe, als ohne Gefahr werde umrufen oder zum Stillstehen bringen können, so glaubte er, den Eifer der Truppen benutzen und dem Zufalle die Wendung geben zu müssen, als ob er ihm geboten sei. Er rückte also mit den Truppen aus dem Lager, durchritt die Glieder und ermahnte sie, die so sehnlich gewünschte Schlacht mit gleichem Eifer anzunehmen. Jetzt brachte ihm Nasica, den er vorausgeschickt hatte, um zu erfahren, wie die vorn schon Fechtenden mit einander ständen, die Nachricht, Perseus sei mit seinem aufgestellten Heere im Anzuge.

Die Thracier schritten voran mit wildem Blicke, von schlankem Körperwuchse, und auf der Linken mit Schilden gedeckt, von denen ein blendendes Weiß zurückstrahlte. Beide Schultern umhüllte ein schwarzer Kriegsrock: ihre Rechte schwang von Zeit zu Zeit die blitzende Lanze von gewaltiger Schwere. Neben den Thraciern stellten sich die besoldeten Hülfsvölker auf; nach Verschiedenheit der Nationen in Rüstung und Aufzuge verschieden; unter ihnen auch die Päonier. Darin folgte ein Heerhaufe geborner Macedonier, nach dortiger Benennung der Phalanx der Weißschildner; an Körperkraft und Tapferkeit Alle die Auserlesensten, strahlend in vergoldeten Waffen und Scharlachrücken. Sie machten das Mitteltreffen aus. Auf sie folgten die von ihren ehernen und glänzenden Schilden sogenannten Erzschildner oder Glanzschildner. Dieser Phalanx stand neben dem andern auf dem rechten 436 Flügel aufgepflanzt. Außer diesen beiden Phalanxen, die den eigentlichen Kern des Macedonischen Heeres ausmachten, waren die Rundschildner, ebenfalls Macedonier, und so wie die andern Phalangiten mit langen Lanzen, übrigens aber leichter bewaffnet, auf die Flügel vertheilt und ragten, weiter vorgeschoben, aus der übrigen Linie hervor. Das Feld blitzte vom Waffenglanze. Vom Zurufe der sich unter einander Ermunternden halleten die nahen Hügel. Diese sämtlichen Truppen rückten zur Schlacht mit solcher Schnelligkeit und Kühnheit an, daß die ersten Getödteten nur zweihundert und funfzig Schritte vom Römischen Lager gefallen waren.

Unterdeß schritt auch Ämilius vor, und als er die übrigen Macedonier erblickte, vorzüglich aber die im Phalanx aufgestellten, die theils ihre schweren, theils ihre leichten Schilde von der Schulter genommen hatten und mit ihren auf Ein Zeichen gesenkten Lanzen den Ansturz der Römer auffingen, so durchfuhr ihn voll Verwunderung über den dichten Schluß und die Festigkeit dieser Heerhaufen und über ihre Umzäunung von vorgestreckten Lanzen, zugleich Staunen und Schrecken, als hätte er nie ein ähnliches so furchtbares Schauspiel vor Augen gehabt; und noch nachher erwähnte er dessen öfters und machte aus diesem Geständnisse kein Hehl. Für jetzt aber stellte er, ohne im mindesten die Bestürzung seines Inneren zu verrathen, mit heitrem Blicke und sorgenfreier Stirn, an Haupt und Körper unbedeckt, seine Linie. Schon fochten die Peligner mit den ihnen gegenüber stehenden Leichtschildnern, und als sie nach langer fruchtloser Anstrengung den dichten Zug nicht durchbrechen konnten, ergriff Salius, der die Peligner anführte, eine Fahne und warf sie unter die Feinde. Hier entglühete ein heißer Kampf, weil die Peligner auf ihrer Seite, die Fahne wieder zu erobern, von der andern die Macedonier, sie zu behaupten, alle Kräfte aufboten. Jene hieben die überlangen Macedonischen Lanzen mit dem Schwerte ein, oder schlugen sie mit der Wölbung ihres Schildes zu Boden, oder schoben sie sogar mit bloßen Händen zur Seite. Diese 437 stießen die mit beiden Händen festgefaßte Lanze mit solcher Kraft auf die ohne Umsicht und in blinder Wuth Heranstürzenden, daß sie Schild und Panzer durchbohrten und selbst den Mann auf dem Spieße über ihre Häupter wegschleuderten. Als so die ersten Reihen der Peligner zurückgeschlagen waren, wurden auch die zunächst hinter ihnen Stehenden niedergehauen; und wenn gleich noch nicht auf eingestandener Flucht, schritten doch die Römer rückwärts dem Berge zu, der in der Landessprache Olocros heißt.

Und hier ergriff den Ämilius ein so herber Schmerz, daß er vor Unwillen sogar seinen Purpur zerriß. Denn er sah auch auf den übrigen Stellen die Seinigen zögern und nur furchtsam jener gleichsam eisernen Umzäunung nahen, von welcher rundum die Schlachtordnung der Macedonier starrete. Doch der einsichtsvolle Feldherr bemerkte auch, daß diese gleichsam zusammengezimmerten Feinde nicht allenthalben in so dichtem Schlusse standen, daß sie hin und wieder in Zwischenräume sich öffneten, entweder wegen der Ungleichheit des Bodens, oder selbst wegen der übertriebenen Ausdehnung der Vorderstirn in die Länge; weil nothwendig diejenigen, welche zu einer Erhöhung hinanstiegen von den niedriger Stehenden, die Langsameren von den Geschwinderen, die Fortschreitenden von den Stehenbleibenden, endlich die Verfolger des Feindes von den Zurückgedrängten, selbst wider ihren Willen, getrennet werden mußten. Um also die gesamte feindliche Linie zu sprengen und jene unbesiegbare Gewalt des ganzen Phalanx in viele vereinzelte Gefechte zu zertheilen, befahl er den Seinigen, aufmerksam auf jeden Riß zu sein, den die feindliche Linie bekäme, und wo sie dergleichen gewahr würden, sogleich im Angriffe dort hinzustürzen, in die auch noch so unbedeutend sich öffnenden Zwischenräume keilweise sich einzuschieben und ihre Sache gut zu machen. Er hatte diesen Befehl gegeben und durch das ganze Heer laufen lassen, als er jetzt in Person von den beiden Legionen eine nahm und sie ins] Treffen führte.

41. Die hohe Würde des Feldherrnamtes, der Ruhm 438 des Mannes selbst und vorzüglich sein Alter machten Eindruck, insofern er, schon über sechzig, da wo Kampf und Gefahr am meisten dringend waren, sich den Pflichten der Jünglinge unterzog. Seine Legion füllte den Zwischenraum aus, der die Leichtschildner von beiden Phalanxen schied und unterbrach die feindliche Linie. Den Leichtschildnern stand sie im Rücken, die Stirn bot sie den sogenannten Glanzschildnern. Die zweite Legion mußte der Consular Lucius Albinus gegen den Phalanx der Weißschildner führen, der das feindliche Mitteltreffen ausmachte. Auf dem Römischen rechten Flügel, da wo am Flusse das Treffen seinen Anfang genommen hatte, wurden die Elephanten aufgeführt und die eine Abtheilung der Bundsgenossen. Und sie war es, die zuerst die Flucht der Macedonier bewirkte. Denn wie so manche neue menschliche Erfindung der Angabe nach ihre Wirkung thut, allein in der Anwendung, – – wenn nicht die Weise, wie man zu handeln habe, dargethan, sondern gehandelt werden soll, – – ohne das Mindeste zu leisten, im Stiche läßt; so standen auch diesmal die Elephanten in der Schlachtordnung dem Namen nach da, allein ohne Nutzen. Den angreifenden Elephanten folgten die Latinischen Bundestruppen, und diese waren es, die den linken feindlichen Flügel warfen. Im Mitteltreffen zerstückelte den Phalanx die eingeschobene zweite Legion. Was als Beförderungsmittel des Sieges sich am auffallendsten bewährte, war dies, daß es allenthalben Treffen im Kleinen gab, die den wogenden Phalanx zuerst in Unordnung brachten und dann aus einander warfen. Denn so lange er im Schlusse steht und von vorgestreckten Lanzen starret, ist seine Kraft unwiderstehlich. Nöthigt man aber durch vortheilhafte Angriffe die Phalangiten, mit der durch Länge und Gewicht schwerfälligen Lanze sich umzudrehen, so verwickeln sie sich in dem Gewirre; und wird ihnen irgendwo in der Flanke oder im Rücken ein angreifender Feind laut, so stürzt Alles über einander. So sahen sie sich auch jetzt gezwungen, den truppweise angreifenden Römern, und zwar mit vielfältiger Unterbrechung ihrer eignen Linie, entgegen zu gehen; und die Römer schoben allenthalben, 439 wo ihnen Zwischenräume geboten wurden, ihre Haufen ein. Hätten sie sich auf der Vorderstirn in ganzer Linie mit dem aufgestellten Phalanx eingelassen, so würden sie, wie es zu Anfange der Schlacht den Pelignern mit ihrem unvorsichtigen Angriffe auf die Leichtschildner ging, sich auf die Lanzen gespießt und der geschlossenen Linie nicht widerstanden haben,

42. So wie indeß die Truppen zu Fuß allenthalben niedergehauen wurden, wenn sie nicht mit Abwerfung ihrer Waffen die Flucht nahmen, so zog die Reuterei fast ohne Verlust aus der Schlacht ab. Der König selbst war auf der Flucht voran. Schon eilte er von Pydna mit den Geschwadern der Heiligen Reuterei nach Pella. Auf diese folgte sogleich CotysCostocus]. – Statt dessen eos Cotys. Jak. Gronov. (Cotys: rex Odrysarum. 42, 29 u. 51. Crev., Drak.) mit der Reuterei der Odrysen. Auch die übrigen Macedonischen Geschwader zogen in geschlossenen Gliedern ab, weil die Linie des Fußvolks, die als Scheidewand vor ihnen stand, die mit Niederhauen beschäftigten Sieger an die Verfolgung der Reuterei nicht denken ließ. Lange dauerte das Gemetzel im Phalanx, sowohl von vorne, als auf den Flanken und im Rücken. Endlich flohen die, welche den Händen der Feinde entkamen, wehrlos dem Meere zu; Einige gingen auch ins Wasser, streckten mit flehentlicher Bitte um ihr Leben denen auf der Flotte die Hände entgegen, und als sie sahen, daß von allen Seiten Kähne von den Schiffen herbeieilten, glaubten sie, man komme, sie einzunehmen, um sie lieber zu Gefangenen zu machen, als zu tödten, und wagten sich noch weiter ins Wasser: Einige schwammen auch. Als man aber von den Kähnen aus feindlich auf sie einhieb, suchten sie, wenn sie konnten, an das Land zurückzuschwimmen und fanden hier einen noch kläglicheren Tod. So wie sie dem Wasser entstiegen, traten die von ihren Lenkern an das Ufer getriebenen Elephanten sie nieder oder erdrückten sie. Nach allgemeinem Eingeständnisse hatten die Römer nie so viele Macedonier in Einer Schlacht 440 erlegt. Gegen zwanzigtausend waren niedergehauen. An sechstausend, die aus der Schlacht nach Pydna hineingeflohen waren, kamen lebendig in die Hände der Feinde: von den durch die Flucht Zerstreueten wurden fünftausend Gefangene. Von den Siegern fielen nicht über hundert Mann, und diese waren größtentheils Peligner. Verwundet aber waren bei weitem mehrere. Wäre die Schlacht früher angegangen, so daß die Sieger zur Verfolgung mehr vom Tage vor sich gehabt hätten, so würde das ganze Heer vertilgt sein: so aber deckte die einbrechende Nacht die Fliehenden und benahm den Römern die Lust, sie in unbekannte Gegenden zu verfolgen.

43. Perseus floh auf der Heerstraße mit einer zahlreichen Reuterei und seinem königlichen Gefolge dem Pierischen Walde zu. Als er in den Wald kam, wo es mehrere Pfade nach verschiedenen Seiten gab, und die Nacht einbrach, bog er mit Wenigen seiner Getreuesten vom Heerwege ab. Die Reuter, von ihrem Führer verlassen, zerstreueten sich, der eine hier- der andre dorthin in ihre Städte. Nur sehr Wenige von ihnen kamen in Pella an, aber schneller als Perseus, weil sie den geraden freien Heerweg gegangen waren. Der König hatte fast bis um Mitternacht mit Besorgnissen und mancherlei Schwierigkeiten des Weges zu kämpfen. Im Pallaste empfingen den Perseus Euctus, Befehlshaber zu Pella, und die königlichen Edelknaben. Allein von den übrigen Freunden, die, der eine so, der andre so, gerettet, aus der Schlacht nach Pella kamen, fand sich keiner bei ihm ein, so oft er sie auch rufen ließ. Nur drei Begleiter seiner Flucht waren bei ihm, Evander der Cretenser, Neo der Böotier und Archidamus der Ätoler. Mit diesen floh er, aus Besorgniß, daß die, welche sich jetzt weigerten, zu ihm zu kommen, bald noch etwas mehr wagen möchten, um die vierte Nachtwache weiter. Ihm folgten höchstens fünfhundert Cretenser. Er wollte nur nach Amphipolis; war aber schon in der Nacht aus Pella gegangen, weil er eilte, noch vor Tage über den Strom Axius zu kommen, in Meinung, die Römer würden wegen der Schwierigkeit, durch 441 den Strom zu setzen, hier mit der Verfolgung inne hören.

44. Den Consul, der sich als Sieger in sein Lager zurückbegeben hatte, ließ die peinigende Besorgniß um seinen jüngeren Sohn die Freude nicht rein genießen. Dieser war Publius Scipio, welcher nachher als Carthago's Zerstörer den Zunamen Africanus auch durch sich selbst bekam, ein leiblicher Sohn des Consuls Paullus, durch Annahme ein Enkel des Africanus. Da er jetzt als siebzehnjähriger Jüngling – gerade dies vermehrte des Vaters Sorge – die Feinde unaufgehalten verfolgte, war er im Gewühle in eine andre Gegend abgekommen; und nur erst bei seiner späten Zurückkunft wurde der Consul, als ihm der Sohn wohlbehalten wiedergegeben war, für die Freude über seinen wichtigen Sieg empfänglich. Schon war das Gerücht von der Schlacht nach Amphipolis gekommen, und die Frauen strömten in den Tempel der Diana mit dem Zunamen Tauropolos zusammen, den Beistand der Göttinn zu erflehen: da ließ sich der Befehlshaber der Stadt, Diodorus, aus Besorgniß, die zweitausend Thracier, welche in der Stadt als Besatzung lagen, möchten im Auflaufe die Stadt plündern, von einem Menschen, dem er zum Scheine den Aufzug eines Eilboten gegeben hatte, mitten auf dem Markte einen Brief einhändigen. In dem Briefe stand: «An Emathien sei eine Römische Flotte gelandet, und die umliegenden Dörfer würden hart mitgenommen. Die Statthalter Emathiens bäten ihn, ihnen gegen diese Plünderer Hülfe zu senden.» Als er den Brief vorgelesen hatte, redete er den Thraciern zu; «Sie möchten ausrücken, die Emathische Küste zu schützen. Sie würden unter den Römern, die sich weit und breit über die Dörfer zerstreut hätten, ein großes Blutbad anrichten und viele Beute machen.» Zugleich machte er das Gerücht von einer verlornen Schlacht verdächtig. «Denn wenn es wahr sei, so würde ja von den Flüchtenden Ein neuer Bote über den andern angekommen sein.» Als er die Thracier unter diesem Vorwande weggeschickt hatte, schloß er, sobald er sah, sie waren über den Strymon gegangen, die Thore.

442 45. Den dritten Tag nach der Schlacht kam Perseus zu Amphipolis an. Von hier schickte er an den Paullus Gesandte mit dem Friedensstabe. Unterdeß begaben sich die Ersten von des Königs Günstlingen, Hippias, Medon, Pantauchus in Person zum Consul und überlieferten ihm die Stadt Beröa, wohin sie aus der Schlacht geflüchtet waren. Und mehrere Städteet aliae deinceps]. – Ich glaube, daß aus dem vorangegangenen Beroeam ein urbes oder civitates hinzuzudenken sei, ohne es doch mit Gronov in den Text aufnehmen zu wollen. Man vergl. die Anmerkung zu Cap. 25. machten sich der Reihe nach, von Schrecken befallen, gefaßt, ein Gleiches zu thun. Nachdem der Consul seinen Sohn Quintus Fabius, ferner den Lucius Lentulus und Quintus Metellus als Siegesboten mit einem Schreiben nach Rom abgefertigt hatte, überließ er die feindliche Beute vom Schlachtfelde dem Fußvolke, der Reuterei die Plünderung der umliegenden Dörfer unter der Bedingung nicht über zwei Nächte im Lager zu fehlen. Er selbst rückte näher an das Meer gegen Pydna. Zuerst ergab sich Beröa, dann Thessalonich, dann Pella, und der Reihe nach fast ganz Macedonien in zwei Tagen. Die Bürger von Pydna hatten, ob sie gleich die nächsten waren, noch keine Gesandten geschickt. Die unbefehligte Menschenmenge, aus mehreren Völkern gemischt, und das Gewühl derer, die nach der Schlacht durch die Flucht zusammen hieher an Einen Ort verschlagen waren, machten der Bürgerschaft jede Berathung und Vereinigung unmöglich: und die Thore waren nicht bloß verschlossen, sondern sogar zugebauet. Medon und Pantauchus mußten zu einer Unterredung mit dem Befehlshaber der Besatzung, dem Solon, an die Mauern gehen: dieser ließ den Schwarm der Soldaten abziehen. Die Stadt ergab sich und wurde den Truppen zu plündern gegeben,

Perseus trat zu Amphipolis, nach dem einzigen Versuche, sich Hülfe bei den Bisalten zu verschaffen, die er aber umsonst beschickt hatte, mit seinem Sohne Philipp vor der Volksversammlung auf; theils um die Amphipolitaner selbst, theils auch die von der Reuterei und dem 443 Fußvolke, die entweder ihm ununterbrochen gefolgt, oder auf ihrer Flucht hier mit ihm zusammen gerathen waren, zu fernerer Treue zu ermuntern. Allein bei mehrmaligem Versuche zu reden versagte ihm die Stimme vor Thränen, und weil er selbst nicht zu Worte kommen konnte, gab er dem Cretenser Evander die Punkte an, die er dem Volke vorgetragen wissen wollte und trat von der Bühne ab. Hatte die Menge bei dem Anblicke des Königs und seiner jammervollen Thränen selbst mitgeseufzt und mitgeweint, so wollte sie nun vom Evander keinen Vortrag hören: ja Einige unterstanden sich, aus der Mitte der Versammlung zu ihm hinaufzurufen; «Macht euch fort, damit wir noch übrigen Wenigen um eurentwillen nicht auch zu Grunde gehen!» Diese dreiste Sprache schloß dem Evander den Mund. Der König zog sich in ein Haus zurück, und nachdem er sein Geld und Gold und Silber auf die im Strymon stehenden Barken geschafft hatte, ging er selbst an den Strom hinab. Die Thracier, zu einer Seefahrt nicht kühn genug, und der übrige Haufe von allerlei Soldaten, zerstreueten sich in ihre Heimat. Die Cretenser gingen mit dem zu hoffenden Gelde; und weil man bei einer Vertheilung unter sie mehr Anstoß als Dank erwarten mußte, so wurden ihnen funfzig Talente93,748 Gulden Conv. M. zur Plünderung am Ufer des Flusses ausgesetzt. Da sie nach dieser Plünderung im vollen Getümmel zu Schiffe gingen, sank in der Mündung des Stromes eine der Barken, weil sie mit Menschen überladen war. An diesem Tage kamen sie bis Galepsus, am folgenden nach Samothrace, wohin die Fahrt ging. Wie es heißt, waren es an zweitausend3,750,000 Gulden Conv. M. Talente, die hieher gebracht wurden.

46. In alle Städte, welche sich ergaben, schickte Paullus, um die Überwundenen bei dem noch neuen Frieden vor Mishandlungen zu sichern, Befehlshaber; die Friedensboten des Königs behielt er bei sich, und weil er nicht wußte, daß der König schon weiter geflohen war, ließ 444 er den Publius Nasica mit einer mäßigen Mannschaft zu Fuß und zu Pferde nach Amphipolis gehen, zugleich um die Landschaft Sintice zu verheeren und jede Unternehmung des Königs zu hindern. Unterdeß wurde Meliböa vom Cneus Octavius erobert und geplündert. Bei Äginium, zu dessen Belagerung der Unterfeldherr Cneus Anicius abgeschickt war, verloren die Römer durch einen Ausfall der Bürger, die von der Entscheidung des Krieges noch nichts gehört hatten, zweihundert Mann. Der Consul, der von Pydna aufbrach, kam den andern Tag mit seinem ganzen Heere nach Pella, lagerte sich in einer Entfernung von tausend Schritten und hatte hier mehrere Tage sein Standquartier, wo er die Lage der Stadt von allen Seiten in Augenschein nahm und die Bemerkung machte, daß man sie nicht ohne Ursache zum Königssitze gewählt habe. Sie liegt auf einer Anhöhe, welche die Aussicht nach Südwesten hat. Rund umher zieht sich ein Sumpfwasser, von austretenden Seen gebildet und so tief, daß man es im Sommer so wenig, als im Winter durchwaten kann. In diesem Sumpfe, wo er der Stadt am nächsten kommt, ragt wie eine Insel das königliche Schloßvelut insula eminet arx, aggeri]. – Dieser Gronovischen Lesart pflichtet auch Drakenb. bei. auf einem Damme, der von erstaunlicher Anlage und so fest ist, daß er nicht allein die Mauer trägt, sondern auch selbst von dem Wasser des ihn umflutenden Sees nicht leidet. Von weitem scheint er mit der Stadtmauer zusammenzuhängen; ist aber durch den zwischen beiden Mauern fließenden Strom von ihr geschieden und nur durch eine Brücke mit ihr in Verbindung; so daß es einem von außen angreifenden Feinde nirgend einen Zugang, und doch dem, den etwa der König hier einschließt, nur über die leicht zu hütende Brücke einen Ausweg gestattet. Hier war auch der königliche Schatz: jetzt aber fand man weiter nichts, als die dreihundert Talente562,500 Gulden Conv. M., die zwar an den König Gentius abgegangen, nachher aber zurückbehalten waren. Die Tage über, 445 in welchen der Consul bei Pella still lag, ließ er die vielen Gesandschaften vor, welche vorzüglich aus Thessalien sich eingefunden hatten, ihm Glück zu wünschen. Dann brach er auf die erhaltene Nachricht, Perseus sei nach Samothrace übergegangen, von Pella auf, und kam in vier Tagemärschen nach Amphipolis. In der ihm aus allen Classen entgegenströmenden Menge sah man den deutlichen Beweis, daß die Amphipolitaner nicht glaubten, einen guten und gerechten König [verloren zu haben, sondern von einem tyrannischen Sklavengebieter befreit zu sein. Als sich Paullus nach seinem Einzuge in die Stadt mit gottesdienstlichen Angelegenheiten beschäftigte und das gewöhnliche Opfer brachte, wurde plötzlich der Altar durch einen Blitz vom Himmel in Feuer gesetzt, und nach allgemeiner Deutung war die vom Consul dargebrachte Gabe den Göttern höchst wohlgefällig, da selbst ein himmlisches Feuer sie zum Opfer weihete. Nach einem kurzen Aufenthalte zu Amphipolis rückte der Consul zur Verfolgung des Perseus, zugleich, um seine siegreichen Waffen durch alle Völkerschaften umherzutragen, welche jenem unterthan gewesen waren, in die Landschaft Odomantice, jenseit des Flusses Strymon und lagerte sich bei Sirä.]

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