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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 148
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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44. In diesem Jahre wurde auf den Antrag des Bürgertribuns Lucius Villius zum ersten Male festgesetzt, wie viel Jahre Jeder haben müsse, um ein obrigkeitliches Amt suchen und übernehmen zu können. Dies gab seiner Familie einen Zunamen, nämlich den: die Annalen 147 (Jahrzähler). Nach vielen Jahren wurden diesmal nur vier Prätoren, dem Bäbischen Gesetze gemäß, ernannt, nach welchem ein Jahr ums andre ihrer vier gewählt werden mußten. Sie waren Cneus Cornelius Scipio, Cajus Valerius Lävinus, die beiden Mucius Quintus und Publius, des Quintus SöhneMucii Q. F.] – Richtiger, Mucii Q. F. F., beide mit Zunamen Scävola.

Den Consuln Quintus Fulvius und Lucius Manlius wurde derselbe Standort, wie den vorigen, bestimmt, mit einer gleichen Truppenzahl an Fußvolk und Reuterei, an Römern und Bundsgenossen. In beiden Spanien wurde dem Tiberius Sempronius und Lucius Postumius bei denselben Heeren, welchen sie jetzt vorstanden, der Oberbefehl verlängert: und die Consuln erhielten den Auftrag, zur Ergänzung an dreitausend Römer zu Fuß nebst dreihundert Rittern, und fünftausend Latinische Bundestruppen nebst vierhundert Rittern auszuheben. Dem Publius Mucius Scävola bestimmte das Los die Gerichtspflege in der Stadt und zugleich die Untersuchung über die Vergiftungen in Rom und diesseit des zehnten Meilensteines; dem Cneus Cornelius Scipio die Rechtspflege über die Fremden, dem Quintus Mucius Scävola Sicilien, dem Cajus Valerius Lävinus Sardinien. Der Consul Quintus Fulvius sagte: «Ehe er irgend ein öffentliches Geschäft unternähme, wünsche er durch Erfüllung seiner Gelübde sich und den Stat der Verantwortung zu entbinden. An dem Tage, da er zum letzten Male gegen die Celtiberer gefochten habe, habe er dem allmächtigen Jupiter Spiele und der Fortuna Equestris einen Tempel verheißen. Hierzu hätten ihm die Spanier eine Geldsumme zusammengebracht.» Die Spiele und die Ernennung der Zweiherren, welche den Tempelbau verdingen sollten, wurden verordnet. Wegen der Geldsumme wurde festgesetzt: «Die auf die Spiele zu verwendende Summe solle die nicht übersteigen, die dem Fulvius Nobilior für die Spiele bestimmt sei, die er nach dem Ätolischen Kriege angestellt habe. Er dürfe also zu diesen Spielen nichts 148 kommen lassen, zusammenbringen, in Empfang nehmen oder veranstalten, was dem im Consulate des Lucius Ämilius und Cneus Bäbius über die Spiele erlassenen Senatsschlusse zuwider sei.» Diese Verordnung hatte der Senat damals wegen des ungeheuren Aufwandes bei den Spielen des Ädils Tiberius Sempronius gemacht, der nicht allein Italien und den verbündeten Latinern, sondern auch den auswärtigen Provinzen lästig geworden war.

45. Der Winter in diesem Jahre wurde durch Schnee und alle möglichen Wetterstürme fürchterlich. Die Bäume, die von der Kälte leiden, tödtete er alle, und er hielt auch weit länger an, als sonst. So wurden die Latinischen Festlichkeiten auf dem Berge Albanus bald von einem plötzlich entstandenen unerträglichen Wetter unterbrochen, und nachher auf Verordnung der Oberpriester wieder angefangen. Eben dieser Sturm warf auch auf dem Capitole mehrere Götterbilder zusammen und verunstaltete durch Wetterschläge verschiedene Gebäude; zu Tarracina den Tempel Jupiters, zu Capua den Weißen Tempel und das Römische Thor: an mehreren Orten waren die Zinnen von den Mauern heruntergeschlagen. Bei diesen Schreckzeichen wurde auch von Reate gemeldet, es sei ein Maulthier mit drei Beinen zur Welt gekommen. Die Zehnmänner, die deshalb die heiligen Bücher nachschlagen mußten, gaben an, welchen Göttern und mit wie vielen Opferthieren man ihnen opfern müsse; und wegen der an mehreren Orten durch den Blitz angerichteten Verwüstungen solle im Tempel Jupiters ein Bettag gehalten werden. Darauf wurden die vom Consul Quintus Fulvius verheißenen Spiele zehn Tage lang mit großem Aufwande gefeiert. Dann folgten die Versammlungen zur Censornwahl. Die gewählten waren Marcus Ämilius Lepidus, der Hohepriester, und Marcus Fulvius Nobilior, der über die Ätoler triumphirt hatte. Die Feindschaft zwischen diesen Männern war stadtkundig und hatte oft, durch ihre vielen und heftigen Streitigkeiten sowohl im Senate als vor dem Volke, Aufsehen erregt. Nach vollzogener Wahl setzten sich die Censorn – so will es die alte Sitte – auf dem Marsfelde neben dem Altare des Mars auf ihre Thronsessel; und hieher kamen auf einmal die Vornehmsten der Senatoren mit einem Zuge von Bürgern. Quintus Cäcilius Metellus aus ihrer Mitte nahm das Wort.

46. «Wir haben es nicht vergessen, ihr Censorn, daß ihr so eben vom gesammten Römischen Volke zu Aufsehern unsrer Sitten bestellt seid, und daß wir von euch erinnert und geleitet werden müssen, nicht ihr von uns. Gleichwohl müssen wir euch anzeigen, was alle Rechtschaffenen an euch entweder anstößig finden, oder wenigstens abgeändert wissen möchten. Richten wir unsern Blick auf jeden von euch einzeln, Marcus Ämilius, Marcus Fulvius, so haben wir im State niemand, dem wir, wenn wir wieder zur Stimmensammlung gerufen würden, vor euch den Vorzug gegeben wünschten: sehen wir aber auf euch beide zugleich, so müssen wir nothwendig fürchten, daß ihr übel zusammengestellt seid; und daß dem State kein so großer Vortheil daraus erwachse, wenn ihr Unser Aller so vorzüglichen Beifall habt, als Nachtheil daraus, wenn ihr euch selbst unter einander misfallet. Ihr hegt seit vielen Jahren eine Feindschaft, die euch selbst drückend und furchtbar wird; die uns fürchten läßt, daß sie von diesem Tage an uns und dem State drückender sein werde, als euch selbst. Sollen wir angeben, aus was für Gründen wir dieses fürchten, so fällt uns dessen die Menge ein, was wir erzählen müßten, wenn es nicht eure Herzen vielleicht in einen unversöhnlichen Haß verstricken möchte, (da ihr, ohne daran erinnert zu werden, aus eigner Stimmungquae dicerentur; nisi forte implacabiles fueritis implicaverint animos vestros]. – So sind uns diese Worte überliefert. Vestrae irae, statt fueritis, hat Glareanus eingeschoben, ohne Beifall. Sigonius, Crevier, Drakenborch haben die Stelle als unheilbar aufgegeben. So haben wir die Freiheit, uns zu helfen, so gut wir können. Ich folge dem Sinne, den Gronov hier nach meiner Meinung aus dem Zusammenhange richtig vermuthete, und spüre der Veranlassung nach, welche den Abschreiber irre führte. Da Drakenb. die Auslassungen bei wiederkommenden ähnlichen Worten zu wiederholten Malen solitum librariis errorem nennt, so läßt es sich als möglich annehmen, daß auch an unserer Stelle vielleicht geschrieben stand: quae dicerentur; nisi forte implacab – ili odio (quum non admoniti, ipsi certe non implacabiles fueritis) implicaverint animos vestros, und daß der Abschreiber, weil er aus dem ersten implacab – – in das zweite überging, die dazwischen stehende Zeile, die ungefähr den oben angegebenen Inhalt gehabt haben mag, ausfallen ließ. 150 wenigstens nicht die Unversöhnlichen gewesen sein würdet.) Daß ihr diese Misverhältnisse heute, daß ihr sie an dieser heiligen Stätte aufgeben wollet, ist unser Aller Bitte an euch, und daß ihr uns erlauben möget, Männer, welche das Römische Volk durch seine Stimmenwahl verband, auch durch diese Aussöhnung zu verbinden. Eines Muthes, Eines Sinnes leset künftig den Senat ab, mustert so die Ritter, haltet so die Schatzung; schließet so die Schatzungsfeier. Was ihr fast in allen euren Gebeten durch Worte aussprechen werdet: ««Möge dies mir und meinem Amtsgenossen zum Guten und zum Glücke gedeihen!»» dies müßt ihr auch so in der Wahrheit, aus ganzer Seele gewünscht haben; müßt bei uns bewirken, daß in dem, warum ihr die Götter anflehen werdet, auch wir Menschen den Wunsch eures Herzens lesen. Titus Tatius und Romulus herrschten einmüthig in derselben Stadt, in der sie mitten auf dem Marktplatze als Feinde in Linie gefochten hatten. Nicht bloß Feindschaften, Kriege sogar, werden geendigt: aus erbitterten Feinden werden gewöhnlich treue Bundsgenossen, zuweilen selbst Mitbürger. Die Albaner wurden nach der Zerstörung «von Alba nach Rom übergeführt: Latiner, Sabiner wurden in das Bürgerrecht aufgenommen. Und das bekannte: ««Freundschaften müssen unsterblich sein, Feindschaften sterblich!»» wurde, weil es Wahrheit enthielt, zum Sprichworte.» Hier unterbrachen ein laut werdender Beifall und dann die durch einander tönenden Worte der ganzen zu gleicher Bitte einstimmenden Versammlung die Rede. Darauf beklagte sich Ämilius über mehrerlei, hauptsächlich aber, daß ihn Marcus Fulvius zweimal von dem ihm schon gewissen Consulate verdrängt habe. Fulvius dagegen klagte, jener sei immer der angreifende Theil gewesen und habe sich sogar bei seiner Behauptung, Fulvius sei ein schlechter Mensch, zu Bezahlung einer Summe 151 anheischig gemacht, wenn er Unrecht habe: doch gaben Beide zu erkennen, wenn es der Andre wünsche, so wollten sie sich dem Willen der ersten Männer des States fügen. Da nun alle Anwesende in sie drangen, so gaben sie sich die Hand mit dem Versprechen, allem Hasse aufrichtig zu entsagen und ihm ein Ende zu machen. Unter allgemeinem Beifalle wurden sie nun auf das Capitol begleitet. Sowohl die Bemühung der Großen in dieser Angelegenheit, als die Nachgiebigkeit der Censoren fand im Senate eine ausgezeichnete Billigung und ehrenvolle Erwähnung. Dann wurde den Censoren auf ihren Antrag, zu den Kosten öffentlicher Anlagen ihnen eine Geldsumme anzuweisen, eine einjährige Abgabe zur Einnahme bestimmt.

47. In Spanien verglichen sich in diesem Jahre die Proprätoren Lucius Postumius und Tiberius Sempronius dahin, daß Albinus durch Lusitanien gegen die Vaccäer gehen und von dort nach Celtiberien zurückkommen, Gracchus aber in die entfernteren Gegenden Celtiberiens vordringen sollte, falls hier der Krieg von größerer Bedeutung sei. Hier eroberte er gleich zuerst die Stadt Munda durch nächtlichen Überfall. Er ließ sie Geisel geben, legte eine Besatzung hinein, erstürmte kleine Festungen und brannte die Dörfer nieder, bis er an eine andre sehr mächtige Stadt gelangte, die bei den Celtiberern Certima hieß. Als gegen diese schon seine Werke anrückten, kamen aus der Stadt Gesandte, welche ganz im Tone der alten Offenherzigkeit gestanden, daß sie sich zur Wehre setzen würden, wenn sie stark genug wären. Sie baten nämlich, er möge ihnen erlauben, in das Lager der Celtiberer zu gehen, um sich Entsatz zu holen. Wenn ihnen dieser abgeschlagen würde, dann wollten sie ohne weitere Verbindung mit jenen sich mit ihren Bürgernseparatim eos]. – Unter diesem eos verstehe ich oppidanos oder cives suos. Tum se, nulla Celtiberorum ratione habita, oppidanos suos consulturos. So erklärt dies auch Hr.  Walch; doch scheint er se auslassen zu wollen, wodurch freilich das Ganze noch mehr Leichtigkeit bekäme. berathen. Mit des Gracchus Erlaubniß gingen sie hin, und brachten wenig Tage darauf von dort zehn andre Gesandte mit. Es 152 war gerade Mittag. Ihre erste Bitte bei dem Prätor war die, er möge ihnen zu trinken geben lassen. Nach Leerung der ersten Becher erneuerten sie die Forderung, nicht ohne großes Gelächter der Anwesenden über die ungebildeten, aller Sitte so unkundigen Menschen. Dann sprach der Älteste von ihnen: «Wir sind von unsrem Volke hergeschickt, um dich zu befragen, was dir denn eigentlich Muth mache, uns feindlich anzugreifen?» Auf diese Anfrage erwiederte Gracchus, «er komme voll Vertrauen auf ein treffliches Heer. Hätten sie Lust, dies in Augenschein zu nehmen, um den Ihrigen so viel gewisseren Bescheid zu bringen, so wolle er ihnen dazu behülflich sein;» und er befahl seinen Obersten, die sämtlichen Truppen zu Fuß und zu Pferde sich in Stand setzen und unter den Waffen eine Übung machen zu lassen. Die Gesandten, nach diesem Schauspiele entlassen, riethen den Ihrigen, der belagerten Stadt keinen Entsatz zu schicken. Da also die Bürger ihr verabredetes Zeichen, ihre Nachtfeuer auf ihren Thürmen vergeblich ausgesteckt hatten, so schritten sie, von der einzigen zu hoffenden Hülfe verlassen, zur Übergabe. Sie mußten zwei Millionen und viermal hunderttausend SestertienNach Crev. 187,500 Conventionsgulden. und vierzig ihrer Vornehmsten als Reuter liefern; zwar nicht dem Namen nach als Geisel, – denn sie mußten im Heere dienen – in der That aber doch als Unterpfand der Treue.

48. Von hier zog er nun schon selbst gegen die Stadt Alce, wo jene Celtiberer, von welchen neulich die Gesandten gekommen waren, ihr Lager hatten. Nachdem er sie, mehrere Tage über, durch seine gegen ihre Posten ausgesandten leichten Truppen in kleinen Gefechten geneckt hatte, leitete er täglich ernsthaftere Kämpfe ein, um sie alle zugleich aus ihren Verschanzungen zu locken. Als er seinen Zweck erreicht zu haben glaubte, gab er den Obersten der Hülfsvölker den Befehl, wenn sie sich auf das Gefecht eingelassen hätten, dann auf einmal, als ob sie sich übermannet sähen, dem Feinde den Rücken zu 153 kehren und in voller Flucht ihrem Lager zuzueilen. Er selbst stellte innerhalb des Walles an allen Thoren seine Truppen auf. Es währte nicht lange, so sah er schon den Zug der Seinigen auf der verabredeten Flucht, und in den Barbaren die hitzigsten Verfolger. Gerade für diesen Zeitpunkt hatte er ja die Seinigen innerhalb des Walles gestellt behalten. Er zögerte also nur noch, um seinen Fliehenden den Eintritt in das Lager frei zu lassen, und stürzte dann mit Feldgeschrei zugleich aus allen Thoren. Diesen unerwarteten Angriff hielten die Feinde nicht aus. Sie, die sein Lager zu stürmen gekommen waren, konnten nicht einmal das ihrige behaupten. Denn sogleich waren sie geworfen, in die Flucht gebracht, bald in voller Bestürzung in ihren Wall hineingetrieben und zuletzt ihres Lagers verlustig. Neuntausend Feinde wurden an diesem Tage getödtet, dreihundert und zwanzig fielen den Römern lebendig in die Hände, hundert und zwölf Pferde, siebenunddreißig Fahnen. Der Verlust des Römischen Heeres betrug hundert und neun.

49. Nach diesem Treffen führte Gracchus seine Legionen zur Plünderung Celtiberiens: und da er überall Alles wegnahm und wegtrieb, und einige Völker sich willig, andre aus Furcht das Joch auflegen ließen, so waren der Städte, die sich ihm ergaben, in wenig Tagen hundert und drei; und er machte außerordentliche Beute. Dann wandte er seinen Zug rückwärts, woher er gekommen war, nach Alce, und ließ sich die Belagerung dieser Stadt angelegen sein. Zuerst hielten die Bewohner den Angriff der Feinde aus, als sie aber schon nicht mehr mit bloßen Waffen, sondern auch aus Werken bestürmt wurden, zogen sie sich aus Mistrauen auf den Schutz ihrer Stadt, zusammen auf die Burg. Auch von hier aus gaben sie zuletzt durch voraufgeschickte Gesandte sich und alles Ihrige unter Römische Hoheit. Hier wurde große Beute gemacht, und viele Vornehme kamen als Gefangene in die Gewalt der Römer, unter ihnen auch zwei Söhne und eine Tochter des Thurrus. Er war ein Fürst dieser Völkerschaften und bei weitem unter allen Spaniern der mächtigste. Als er von dem 154 Unglücke der Seinigen hörte, erbat er sich bei dem Gracchus durch Abgeordnete sicheres Geleit zu einem Besuche im Lager, und kam. Seine erste Frage an den Gracchus war diese: «Ob er, wenn er sich ergäbeab eo, ne sibi]. – Daß hier ein Wort ausgefallen sei, haben schon Mehrere vermuthet. Mir scheint dedito das passendste zu sein. Es fiel aus, weil der Abschreiber die ähnlich endenden Wörter eo und dedito verwechselte, oder weil er ddto für dedit las, welches er als unpassend verwarf. Ich sehe aber in den Worten quaesivit ab eo, deditione sibi liceret ac suis vivere nicht eine Bitte um das Leben. Die, glaube ich, würde Livius anders ausgedrückt haben, als durch sibine liceret vivere; ohnehin war die Anfrage und Bitte für ihn selbst sehr unnöthig, da er, wenn er unter sicherem Geleite zurückgegangen war, sich den Römern nicht zu stellen brauchte. Das aber sieht er ein, daß er, wenn er sich ergiebt, nicht mehr als Regent der Unabhängige sein kann. Da also fragt er, ob er, ohne Thron, von Seiten der Römer ungehindert, als Privatmann sich und den Seinigen leben könne. Ich nehme also die Frage nicht so: liceretne sibi ac suis, vivere, sondern so: liceretne (sibi) dedito, sibi ac suis vivere. Als kriegerischem Spanier aber ist ihm die Unthätigkeit unerträglich: darum folgt die zweite Frage: liceretne militare. In den bald folgenden Worten: quoniam illos ad me propiunt suspicere, halfen mir Glareans: Quidam emendandum putant: piguit suspicere, und Gronovs: Forte: piguit respicere, auf den rechten Sinn. Nur ist piguit dem Worte propiunt nicht so ähnlich, als, was ich hier als das richtigere vermuthe. poenituit. Poe und pro waren leicht verwechselt; war vom n in poenituit der erste Fuß zu lang, so gab der ein p, und in ituit sind eben so viele Striche als in iunt. Poenitet ist dann nicht das gereuen, sondern wie es so unzähligemal, selbst oft im Livius, vorkommt, das womit unzufrieden sein, Misfallen finden, sich nicht länger gefallen lassen. In der Übersetzung habe ich, um nicht steif oder umschreibend zu werden, das Wort suspicere durch Rücksicht nehmen übersetzt, wie Gronov es durch respicere richtig erklärte. Allein bei der Erklärung hätte er es bewenden lassen sollen: er mußte nicht suspicere durch respicere verdrängen wollen. Denn da suspicere nach einem Höheren hinsehen, aufblicken heißt, so war im Munde eines Königs, da wo ein Anderer respicere sagen könnte, suspicere gerade der schickliche Ausdruck, weil der König Nachachtung und Ehrfurcht erwartet., sich und den Seinigen leben dürfe.» Als der Prätor dies bejahete, fragte er weiter: «Ob er im Heere der Römer dienen dürfe.» Als ihm Gracchus auch dies freistellte, sprach er: «So folge ich euch gegen meine alten Verbündeten, da es ihnen nicht gefallen hat, auf mich länger Rücksicht zu nehmen.» Er schloß sich nachher an die Römer und leistete der Sache Roms bei vielen Gelegenheiten tapfre und treue Dienste.

50. Nun öffnete Ergavica, eine angesehene und mächtige Stadt, durch die Niederlagen der andern 155 umliegenden Völker geschreckt, den Römern die Thore. Diese Übergabe der Städte, sagen einige Berichte, sei nicht aufrichtig gewesen. Wo Gracchus die Legionen abgeführt habe, da sei sogleich der Krieg wieder ausgebrochen, und er habe nachher am Berge Chaunus den Celtiberern in förmlicher Schlachtordnung von Tages Anbruche bis Mittags um zwölf ein schweres Treffen geliefert; auf beiden Seiten habe es viele Todte gegeben; und die Römer hätten, um nicht für die Besiegten zu gelten, nichts weiter für sich gehabt, als daß sie am folgenden Tage die im Lager bleibenden Feinde zum Treffen aufgefordert, den ganzen Tag über die Beute zusammengesucht und am dritten Tage ein noch größeres Treffen geliefert hätten. Da endlich seien die Celtiberer völlig besiegt, und ihr Lager erobert und geplündert. Der Feinde seien an dem Tage zweiundzwanzig tausend gefallen, über dreihundert zu Gefangenen gemacht, ungefähr eine gleiche Anzahl Pferde erbeutet und zweiundsiebzig Fahnen. Hier habe der Krieg sein Ende erreicht, und die Celtiberer hätten im Ernste, ohne, wie vorhin, in der Treue zu wanken, Frieden gemacht. Auch melden sie, in eben diesem Sommer habe Lucius Postumius im jenseitigen Spanien zweimal gegen die Vaccäer mit Auszeichnung gefochten; habe gegen fünfunddreißig tausend Feinde getödtet und ihr Lagercastra oppugnasse]. – Ich lese hier, wie Cap. 33. und 47. mit Gronov, Crev. und Drak. expugnasse. Sollte Livius in dem unmittelbar Folgenden vielleicht geschrieben haben: Propius vero est, quam quod traditum a Valerio est, serius in provinciam cet. Will man ihn sich lieber auf die gröbste Art widersprechen lassen, so folge man der aufgenommenen Lesart. Das doppelte, sich ähnliche vero est und Valerio est verursachte die Lücke, die nun der unschuldige Autor büßen soll. Siehe Duk. und Crev. Fände mein Vorschlag Gehör, so würde die Übersetzung diese sein: Es ist wahrscheinlicher, als daß er, was Valerius berichtet, auf seinem Standorte u. s. w. S. Cap. 39. u.  47. erstürmt. Wahrscheinlicher ist es, daß er auf seinem Standorte zu spät ankam, um noch in diesem Sommer Thaten thun zu können.

51. Die Censorn lasen mit aufrichtiger Eintracht das Senatsverzeichniß ab. Der zuerst Vorgelesene war der Censor selbst, Marcus Ämilius Lepidus der Hohepriester. 156 Drei wurden aus dem Senate gestoßen: einige von seinem Amtsgenossen Übergangene behielt Lepidus bei. Von dem ihnen angewiesenen Gelde machten sie, so weit sie es mit einander theilten, folgende Anlagen. Lepidus einen Damm bei Tarracina, ein Werk, das ihm verdacht wurde, weil er hier Landgüter besaß, und eine Ausgabe, die er hätte für sich machen müssen, auf den Stat brachte. Den Standplatz bei den Schauspielen neben dem Apollotempel nebst dem Vorplatze, den Tempel Jupiters auf dem Capitole und die ihn umgebenden Säulen gab er in Verding, um dem Allen mit weißer Farbe einen frischen Glanz zu geben; ließ die, zu den Säulen unpaßlich in den Weg gestellten, Götterbilder wegbringen, und die aufgehängten Schilde und Fahnen aller Art von diesen Säulen herabnehmen. Marcus Fulvius gab mehr und nützlichere Werke in Verding; einen Hafen und die Pfeiler zu einer Brücke über die Tiber; – die diesen Pfeilern aufzulegenden Schwibbogen besorgten erst nach mehreren Jahren die Censorn Publius Scipio Africanus und Lucius Mummius – den Statspalast, hinter den neuen Wechselbuden und dem Fischermarkte, mit rundum angelegten Kramladen, die er an Privatleute verkaufte; auch einen Markt und Säulengang vor dem Drillingsthore; einen andern hinter dem Holme, auch bei dem Heiligthume des Hercules, und an der Tiber hinter dem Tempel der Hoffnung dem Ärztlichen Apollo einen Tempel. Auch behielten sie eine Summe ungetheilt: aus dieser ließen sie gemeinschaftlich Wasser zur Stadt leiten und dazu die Schwibbogen anlegen. Marcus Licinius Crassus machte ihnen bei diesem Werke eine Hinderung, weil er die Leitung durch sein Grundstück nicht zugab. Auch führten sie mehr Zölle und Abgaben ein. Sie sorgten dafür, daß mehrere öffentliche Kapellen, deren sich Privatleute, als ihresquae fuerant occupata]. – Die alte Lesart ist: que sua occupata. Aus dieser hat man fuerant gemacht. Ich folge Hrn.  Walch, welcher sua mit Recht behält, und (statt que oder quae) quasi lieset, so: quasi sua occupata a privatis. Eigenthums, angemaßt hatten, wieder Statseigenthum und geheiligt werden, und dem 157 Volke offen stehen mußten. In der Stimmensammlung machten sie eine Änderung: sie vertheilten nämlich die Bezirkbewohner, von Gegend zu Gegend, nach ihrem Stande, Vermögen und Gewerbe in Classen.

52. Auch hielt der eine von den Censoren Marcus Ämilius bei dem Senate an, ihm zu den Spielen bei der Einweihung der Tempel der Königinn Juno und der Diana, die er vor acht Jahren im Ligurischen Kriege verheißen habe, eine Summe zu bewilligen. Zwanzigtausend625 Gulden Conv. M. Kupferass wurden ihm bestimmt. Er weihete diese Tempel, beide auf der Flaminischen Rennbahn, und gab nach der Weihe des Junotempels drei Tage, nach der des Dianentempels zwei Tage lang Bühnenspiele, und auf der Rennbahn für jede noch einen Tag. Ferner weihte er den Schutzgöttern zur See einen Tempel auf dem Marsfelde. Verheißen hatte diesen elf Jahre früher Lucius Ämilius Regillus in der Seeschlacht mit den Befehlshabern des Königs Antiochus. Über den Thorflügeln des Tempels wurde eine Tafel mit folgender Inschrift aufgehängt: «Duello magno cet.] – Ich gebe diese verstümmelte Inschrift nach den Ergänzungen, welche sie aus Macrobius und Fortunatianus durch Glarean, Sigonius und Ursinus unter Perizons und Drakenborchs Berichtigungen erhalten hat, so: Duello magno dirimendo, regibus subigendis, caussa patrandae pacis hac pugna exeunti L. Aemilio, M. Aemilii Regilli Filio, Praetori, auspicio, imperio, felicitate ductuque eius inter Ephesum, Samum Chiumque, inspectante eos ipso Antiocho, exercitu omni, equitatu elephantisque, classis regis Antiochi a. d. XI. kal. Ian. victa, fusa, contusa fugataque est; ibique eo die naves longae cum omnibus sociis captae XIII. Ea pugna pugnata rex Antiochus regnumque eius [mari debellatum]. Eius rei ergo aedem Laribus Permarinis vovit. Ich bemerke noch 1) der Dativ exeunti praetori classis Antiochi victa est kann vielleicht entweder im feierlichen Stile, wie Horazens Scriberis Vario, so viel heißen sollen, als a praetore exeunte, oder es ist so zu verstehen: in gloriam praetoris a militibus Romanis victa est. 2) Den Namen des Prätors würde ich lieber mit Perizonius so stellen: L. Aemilio, M. F. Regillo, wenn er nicht im Msc. mit F schlösse. 3) Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Zahl der versenkten und verbrannten Schiffe verschwiegen sei; es muß also hier noch eine Lücke sein. 4) Wenn Ursinus nach den Worten Hac pugna pugnata rex Ant. regnumque eius einschieben will: in potestatem populi R. redactum, dies aber nicht einmal von der entscheidenden Schlacht des L. Scipio bei Magnesia gesagt werden kann, so habe ich (wenigstens mehr der Wahrheit gemäß) das kürzere mari debellatum gewählt. 5) Auch bei der Angabe des Schlachttages scheinen die Consuln des Jahres ausgefallen zu sein. 6) Die Worte durch Bezwingung der Könige (im Anfange) führen nicht durchaus auf den Antiochus und den Prinzen Seleucus, oder auf Antiochus und Eumenes: es kann ja hier die Sprache des edii Romani in reges omnes sein.Als 158 behuf des durch Entscheidung des Krieges, durch Bezwingung der Könige zu erwirkenden Friedens Lucius Ämilius, des Marcus Ämilius Regillus Sohn, der Prätor, zur Schlacht auslief, wurde unter Obwaltung, Oberbefehl, Segenseinfluß und Führung desselben, zwischen Ephesus, Samus und Chius, da ihnen Antiochus selbst, sein ganzes Heer, seine Reuterei samt den Elephanten zusahen, die Flotte des Königs Antiochus am zweiundzwanzigsten December besiegt, gejagt, zerschellet und versprengt, und wurden dieses Tages allhier dreizehn Reiheschiffe mit allen Seeleuten genommen. Durch diese gelieferte Schlacht wurde König Antiochus und sein Reich zur See bezwungen. Derowegen hat der Prätor den Schutzgöttern zur See diesen Tempel verheißen.» Eine Tafel mit gleichlautender Inschrift wurde auch über den Thorflügeln am Tempel Jupiters auf dem Capitole aufgehängt.

53. In den zwei Tagen, an welchen die Censorn den Senat ablasen, brach der Consul Quintus Fulvius gegen die Ligurier auf, zog mit seinem Heere durch unwegsame Gebirge und Waldthäler, und lieferte dem Feinde eine förmliche Schlacht; besiegte ihn nicht allein in der Linie, sondern eroberte noch an dem Tage dessen Lager. Dreitausend zweihundert Feinde ergaben sich, und diese ganze Gegend Liguriens. Der Consul führte sie nach der Übergabe auf ebene Ländereien herab und belegte die Berge mit Besatzungen. Schnell gelangte auch von seinem Standposten ein Brief nach Rom. Seiner Thaten wegen wurde ein dreitägiges Dankfest angeordnet. Bei dieser Dankfeier ließen die Prätoren den Gottesdienst mit vierzig großen Opferthieren besorgen. Der andre Consul Lucius Manlius verrichtete in Ligurien nichts Denkwürdiges. Die Gallier jenseit der Alpen, welche dreitausend Mann stark nach Italien herüberkamen, ohne irgend jemand feindlich zu behandeln, baten sich von den Consuln und dem Senate ein Stück Landes aus, um unter Römischer Hoheit in 159 Frieden zu leben. Der Senat befahl ihnen, Italien zu räumen, und dem Consul Quintus Fulvius, Untersuchungen anzustellen, und diejenigen zu bestrafen, welche Führer und Anstifter des Zuges über die Alpen gewesen wären.

54. In diesem Jahre starb auch Philipp, König von Macedonien, nach dem Tode seines Sohns von Altersschwäche und Gram verzehrt. Er verlebte den Winter zu Demetrias unter Qualen der Sehnsucht nach seinem Sohne und der Reue über seine Grausamkeit. Auch machte das ihm Kummer, daß der andre Sohn schon offenbar seiner eignen und Andrer Meinung nach König war, daß Aller Augen auf diesen gerichtet waren, und er selbst im Alter der Verlassene war, weil die Einen seinen Tod erwarteten, die Andern ihn nicht einmal abwarteten. Dies machte ihn noch unruhiger, und mit ihm den Antigonus, den Sohn des Echecrates, der nach seines Vaters Bruder Antigonus hieß, dem gewesenen Vormunde Philipps, einem Manne von königlicher Hoheit, der sich auch durch die berühmte Schlacht mit dem Lacedämonier Cleomenes ausgezeichnet hatte. Die Griechen nannten ihn den Vormund, um ihn durch diesen Zunamen von den übrigen Königen zu unterscheiden. Seines Bruders Sohn Antigonus war unter den höheren Umgebungen Philipps der einzige Unverführte geblieben, und diese Treue hatte den Perseus, der ohnehin sein Freund nicht war, zu seinem Todfeinde gemacht. Im Geiste voraussehend, mit wie großer Gefahr für ihn die Erbschaft des Throns dem Perseus zufallen werde, hatte er dem Könige, sobald er ihn in seinen Gesinnungen wanken und oft aus Sehnsucht nach seinem Sohne seufzen sah, bald als der gefällige Zuhörer, bald durch eingeleitete Erwähnung jener übereilten That, in seinen wiederholten Klagen nicht ohne eigne Klage Recht gegeben: und da uns die Wahrheit gewöhnlich mehrere Spuren ihres Daseins zu bieten pflegt, so war er aus allen Kräften dazu behülflich, Alles so viel schneller an den Tag kommen zu lassen. Ohnehin hatte man die Werkzeuge der That, vorzüglich den Apelles und Philocles, in Verdacht, da sie als Gesandte nach Rom gegangen waren und den für den 160 Demetrius so verderblichen Brief unter des Flamininus Namen mitgebracht hatten.

55. Daß er unächt gewesen, die Hand vom Schreiber Xychusa scriba vitiatas]. – Aus den nachher folgenden Worten: ordinem – – onmem facinoris – ministeriique sui (– ich setze hinzu, auch aus Homo unus omnium, qui nodum u. s. w. –) erhellet nach Crevier und Drakenb., daß dieser scriba kein Anderer gewesen sei, als Xychus. Weil nun nachher der Name Xychus so unerwartet eintritt, und fremde, vollends seltene, Namen so oft von den Abschreibern ganz ausgelassen werden, so glaube ich, er sei hier bloß durch die Schuld der Abschreiber ausgefallen – der eine konnte Xycho nicht lesen, der andere das zusammengelesene Xychoscriba sich nicht erklären – und Livius habe geschrieben a Xycho scriba. Am Hofe wußte freilich Jeder, wer der Gesandschaftssecretär gewesen war. In dieser Rücksicht wäre der Name bei den Worten vulgo in regia fremebant unnöthig; allein seinen Lesern war ihn Livius schuldig, wenn er nachher so fortfahren wollte: forte Xychus obvius fit. erkünstelt und das Siegel nachgemacht sei, sagte man sich am Hofe laut genug. Als aber immer noch die Sache mehr verdächtig, als erwiesen war, begegnete zufällig Antigonus dem Xychus, zog ihn mit sich fort, brachte ihn auf das Schloß, ließ ihn unter Wache und ging zu Philipp hinein. «Aus mehreren Gesprächen, fing er an, glaube ich abgenommen zu haben, daß es dir viel werth sein werde, über deine Söhne die völlige Wahrheit zu erfahren, wer es von beiden war, dem der Andre nachstellte und auflauerte. Der unter allen Menschen am besten den Knoten dieser Verwickelung lösen kann, Xychus, ist in deiner Gewalt.» Er erzählte nun, daß er ihn zufällig getroffen und mit auf das Schloß genommen habe. Der König möge ihn rufen lassen. Der Vorgeführte leugnete anfangs, allein mit so wenig Festigkeit, daß man gleich sah, er werde, nur einigermaßen bedroht, mit der Anzeige nicht säumen. Den Anblick des Peinigers und der Peitsche hielt er nicht aus, und erzählte den ganzen Hergang des Bubenstücks der Gesandten und seiner Handreichung dabei. Die zur Ergreifung der Gesandten sogleich Abgeschickten bemächtigten sich des Philocles, welcher im Orte war: Apelles, der zur Verfolgung eines gewissen Chärea ausgeschickt war, schiffte, als er von der Aussage des Xychus hörte, nach Italien über. Über den Philocles 161 ist nichts Zuverlässiges bekannt geworden. Einige versichern, er habe nach anfänglichem dreisten Leugnen, als ihm Xychus vorgeführt sei, alle weiteren Versuche aufgegeben: Andre, er habe sogar die Folter ausgehalten, ohne zu gestehen. Philipps Trauer erneuerte und verdoppelte sich, und er erklärte sein Unglück an seinen Kindern darum für so viel härter, weil gerade der Sohn noch lebequod alter perisset]. – Das von Muretus so glücklich vorgeschlagene und von Allen gebilligte superesset nehme ich allerdings als richtig auf, nur muß es das frühere perisset nicht verdrängen. Dann gerade erklärt es sich, wie der Abschreiber aus dem einen alter in das andre überging, und darum die Zwischenworte ausließ, wenn man annimmt, daß im Grundtexte geschrieben stand: quod alter superesset, cuius scelere alter perisset; noch um so viel eher, weil sich su pesset und pisset so ähnlich waren., durch dessen Bosheit der Andre seinen Tod gefunden habe.

56. Perseus, als er erfuhr, es sei Alles entdeckt, war freilich schon zu mächtig, als daß er die Flucht hätte für nöthig halten sollen. Er sorgte nur dafür, weit genug entfernt zu bleiben, um indeß, so lange Philipp noch lebe, der Flamme seines brennenden Zorns sich zu erwehren. Dieser, ohne Hoffnung, sich seiner Person zu bemächtigen, sann nur darauf, ihn außer der Ungestraftheit nicht noch dazu eine Belohnung seines Frevels genießen zu lassen. Er wandte sich also an den Antigonus, dem er nicht allein für die Entdeckung des Brudermordes verpflichtet war, sondern von dem er auch glaubte, er werde, bei dem noch frischen Andenken an den Ruhm seines Oheims Antigonus, für die Macedonier ein König sein, dessen sie sich zu schämen, oder mit ihm unzufrieden zu sein, keine Ursache hätten. «Antigonus,» sprach er, «weil ich in eine Lage gekommen bin, in der mir die Kinderlosigkeit, die andre Ältern so sehr verabscheuen, wünschenswerth sein muß, so ist mein Vorsatz, mein Reich, das ich von deinem Oheime durch seine kraftvolle, nicht bloß treue, Vormundschaft geschützt und erweitert in Empfang nahm, dir zu hinterlassen. In dir habe ich den Einzigen, den ich des Thrones würdig halten kann. Hätte ich niemand, so wollte 162 ich lieber, daß er unterginge und ausstürbe, als daß Perseus durch ihn für seine verruchten Tücke belohnt würde. Ich werde glauben, Demetrius sei von den Todten erstanden und mir wiedergegeben, wenn ich dich, den Einzigen, der dem Tode des Unschuldigen, der meiner unglücklichen Verblendung eine Thräne weihete, als den in seine Stelle Eingesetzten hinterlassen kann.» Nach dieser Unterredung machte er sichs zum Geschäfte, ihn mit allen Arten der Ehrenbekleidung öffentlich sehen zu lassen. Während Perseus in Thracien abwesend war, besuchte Philipp die Städte Macedoniens, empfahl hier den Antigonus den ersten Männern, und würde ihn, hätte er selbst länger gelebt, unstreitig im Besitze des Throns hinterlassen haben. Nach seiner Abreise von Demetrias hatte er sich meistens zu Thessalonich aufgehalten. Als er von hier nach Amphipolis kam, fiel er in eine schwere Krankheit. Man weiß, daß er mehr am Gemüthe, als am Körper litt, und daß er vor Gram und Schlaflosigkeit. weil ihn immer wieder die Gestalt und der Schatten seines unschuldig hingerichteten Sohns beunruhigten, unter schrecklichen Verwünschungen des andern, erlag. Dennoch hätte Antigonus gewarnt werden können, wenn der Tod des Königshaud statim palam facta]. – Ich habe nach Drakenborchs Gründen dieses haud weggelassen. sogleich bekannt gemacht wäre. Allein der Arzt Calligenes, der die Kur leitete, ließ, ohne den Tod des Königs abzuwarten, gleich bei den ersten die Rettung absprechenden Zeichen, seine nach der Verabredung zum voraus vertheilten Boten an den Perseus abgehen, und hielt bis zu dessen Ankunft den Tod des Königs vor Allen außerhalb des Schlosses geheim.

57. Folglich überraschte sie Perseus insgesamt wider ihr Vermuthen und Wissen, und erbeutete den durch Frevel errungenen Thron. Den Krieg gegen die RömerPeropportune]. – Es ist vom Geschichtschreiber nicht recht, seine Leser errathen zu lassen, daß dies peropportune in Rücksicht auf die Römer gesagt sei. Sollte nicht hinter diesem Worte, wegen der Ähnlichkeit mit dem unmittelbar folgenden mors ein roms (Romanis) ausgefallen sein? Peropportune Romanis mors Philippi etc. noch aufzuschieben und sie Kräfte dazu sammeln zu 163 lassen, erfolgte Philipps Tod zu rechter Zeit. Denn wenig Tage nachher kamen die Bastarnen, dies lange von ihm aufgewiegelte Volk, aus ihrer Heimat mit einem großen Schwarme von Fußvolk und Reutern über die Donau. Dem Antigonus und Cotto – dieser war ein vornehmer Bastarne, und Antigonus hatte sich, wiewohl höchst ungern, mit eben diesem Cotto als Gesandten an die Bastarnen schicken lassen, um sie in Bewegung zu setzen, – als sie von dort vorausgingen, um dem Könige die Nachricht zu bringen, kam man schon nicht weit von Amphipolis mit dem Gerüchte, und weiter hin mit der sichern Anzeige entgegen, der König sei todt. Dies störte den ganzen Gang des Planes. Er war aber so verabredet: Philipp sollte den Bastarnen für den sichern Durchmarsch durch Thracien und für die Zufuhr stehen. Dies zu können, hatte er den Fürsten dieser Gegenden Geschenke gemacht, und sich verbürgt, daß die Bastarnen auf ihrem Durchzuge sich friedlich verhalten würden. Sein Zweck war, das Volk der Dardaner auszurotten, und ihr Land den Bastarnen zu einem festen Sitze einzuräumen. Hieraus sollte ihm ein doppelter Vortheil erwachsen, wenn Einmal die Dardaner, diese immer gegen Macedonien erbitterte und auf die ungünstigen Umstände seiner Könige laurende Nation, vertilgt werden; zum Andern, wenn man die Bastarnen mit Zurücklassung ihrer Weiber und Kinder in Dardanien, zur Verheerung Italiens abschicken könnte. «Der Zug zum Hadriatischen Meere und nach Italien gehe durch das Land der Scordisker. Für ein Heer gebe es keinen andern Weg. Die Scordisker würden den Bastarnen den Durchmarsch leicht gestatten. Denn [an Muth zum Plündern] ihnenaequales abhorrere]. – Wegen der folgenden Worte ipsos adiuncturos se, quum ad praedam, u. s. w. möchte ich dies (auch von Drak. beibehaltene) aequales nicht mit Duker für eine bloße Randglosse halten. Ich denke mir, Livius habe geschrieben: nec enim aut lingua aut moribus, praedandi animo aequales, abhorrere. So sagt Ovid vom Epaphus: fuit huic animis aequalis et annis Sole satus Phaëthon. – Auch Crevier will das Wort aequales nicht geradezu verwerfen. Er sagt: aut tollenda videtur, aut immutanda. gleich, wären sie auch in Sprache und Sitten ihnen nicht unähnlich; ja 164 sie würden von selbst sich anschließen, wenn sie sähen, daß der Zug die Plünderung des reichsten Volks zum Zwecke habe.» Und nun fand man den Plan mit jedem Erfolge verträglich. Würden die Bastarnen von den Römern niedergehauen, so werde man sich mit der Vertilgung der Dardaner, mit der Beute vom Überreste der Bastarnen, mit dem freien Besitze Dardaniens, trösten können; hätten sie aber Glück, so werde der König, während die Römer der Krieg gegen die Bastarnen abriefe, in Griechenland das Verlorne wiedererobern. Dies waren Philipps Entwürfe gewesen. –

58. Sie rückten friedlich ein, dem Versprechen des Cotto und Antigonus gemäß. Aber bald nach dem Rufe von Philipps Tode ließen sich die Thracier nicht mehr so gut handeln, die Bastarnen sich nicht auf bloßen Kauf beschränken, oder im Zuge beisammen halten, ohne vom Wege abzustreifen. Seitdem fielen von beiden Seiten Beleidigungen vor, und da diese täglich zunahmen, brach der Krieg aus. Zuletzt zogen sich die Thracier, da sie der Macht und Menge der Feinde nicht gewachsen waren, mit Hinterlassung ihrer Flecken in der Ebene, auf ein Gebirge von ansehnlicher Höhe: es heißt bei ihnen Donuca. Als die Bastarnen hier hinan wollten, überfiel sie jetzt, so wie der Sage nach ein Wettersturm die Gallier bei der Plünderung von Delphi vertilgte, eben ein solcher Sturm, so daß sie vergeblich sich schon den Rücken der Berge näherten. Denn es überschüttete sie nicht bloß der Erguß eines Platzregens, und der dichteste Hagel unter schrecklichem Krachen des Himmels mit Donnerschlägen und Wetterstrahlen zum Erblinden, sondern die Blitze fuhren auch so von allen Seiten auf die Menschen ein, als zielten sie nach ihnen; und nicht bloß Soldaten, sondern auch Vornehme stürzten erschlagen zu Boden. Als sie so über Hals und Kopf an den hohen Felsenwänden ohne sich vorsehen zu können, hinabgeschmettert wurden und 165 fortstürzten, drängten zwar den Besinnungslosen die Thracier nach, sie selbst aber riefen, ihre Flucht sei der Götter Werk und der Himmel stürze auf sie nieder. Als die vom Sturme Zerstreuten, wie aus einem Schiffbruche, meistens nur halbbewaffnet, in dem Lager, wo sie ausgerückt waren, wieder ankamen, fingen sie an zu berathschlagen, was nun zu thun sei. Und hier wurden sie uneins, weil die Einen zur Umkehr, die Andern zum Vordringen nach Dardanien riethen. Beinahe dreißigtausend Mann, die unter Anführung des Clondicus aufbrachen, kamen an: die übrige Menge ging auf dem Wege, den sie gekommen war, in das Land jenseit der Donau zurück. Als sich Perseus des Throns bemächtigt hatte, ließ er den Antigonus ermorden, und schickte, zur Erneurung der väterlichen Freundschaft, bis er sich festgesetzt hätte, Gesandte nach Rom, mit der Bitte, vom Senate als König anerkannt zu werden. Dies waren die Ereignisse dieses Jahrs in Macedonien.

59. Der eine Consul, Quintus Fulvius, triumphirte über die Ligurier. Man war überzeugt, daß ihm dieser Triumph mehr aus Gefälligkeit, als wegen der Größe seiner Thaten bewilligt sei. Es zog dabei eine große Menge feindlicher Waffen durch die Straßen, aber so gut als gar kein Geld. Dennoch gab er jedem Soldaten zu seinem Antheile dreihundert Kupferasstrecenos aeris]. – So lese ich mit Crev. aus den von Drak. gebilligten Gründen, statt tricenos. Die Summe beträgt etwa 6 Thaler 6 Ggr. Conv. M., jedem Hauptmanne das Doppelte, dem Ritter das Dreifache. Nichts gab seinem Triumphe eine größere Auszeichnung, als der Zufall, daß er gerade an dem Tage triumphirte, an welchem er im vorigen Jahre nach seiner Prätur triumphirt hatte. Nach dem Triumphe setzte er den Tag zu den Wahlversammlungen an, an welchem Marcus Junius Brutus und Aulus Manlius Vulso zu Consuln gewählt wurden. Die darauf folgende Prätorenwahl wurde, als schon drei gewählt waren, nämlichtribus creatis]. – Die von den Abschreibern ausgelassenen drei Namen (s.  B. 41. 2.) standen wahrscheinlich hier. . . . . . . , durch ein Ungewitter 166 gestöret. Den Tag darauf, den zwölften März, wurden die übrigen drei ernannt, Marcus Titinius Curvus, Tiberius Claudius Nero, Titus Fontejus Capito. Von den Curulädilen Cneus Servilius Cäpio und Appius Claudius Centho wurden wegen der Schreckzeichen, die sich ereigneten, die Römischen Spiele angestelltTerra movit.] – Die folgenden Worte glaube ich nach den meistens bei Drak. angegebenen Vorschlägen so lesen zu müssen: In foris publicis, ubi lectisternium erat, deorum capita, quae in lectis erant, averterunt se; lanxque cum intrimentis, quae Iovi apposita fuit, decidit de mensa. Oleas quoque praegustasse mures etc. Dukers Vorschlag, statt in foris publicis lieber in fanis publicis zu lesen, weil es sonderbar sein würde, daß die Erde in solis foris publicis, ubi lectisternium erat, gebebt habe, halte ich darum für unnöthig, weil man eben so fragen könnte: cur igitur in solis fanis publicis? Ging gleich das Erdbeben durch die ganze Stadt, so werden doch seine Wirkungen, wenn das lectisternium auf foris publicis gegeben wird, in Betreff dieses lectisternii vorzüglich auf diesen foris publicis sichtbar.. Es war nämlich ein Erdbeben. Auf den öffentlichen Plätzen, wo eben ein Göttermahl gefeiert wurde, wandten sich die auf die Polster gestellten Götterbilder mit ihren Häuptern ab; die Schüssel mit dem Eingebrockten, das dem Jupiter vorgesetzt war, fiel vom Tische. Daß auch die Mäuse die aufgesetzten Oliven benascht hatten, galt für ein Schreckzeichen. Zur Sühne alles dessen wurden weiter keine Anstalten getroffen, als die Feier der Spiele.

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