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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 143
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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44. Bei der Musterung der Ritter wurde dem Lucius Scipio Asiagenes das Pferd genommen. Auch bei der Annahme der Vermögensangaben war diese Censur strenge und hart gegen alle Stände. Was an weiblichen Putzsachen, Kleidungsstücken und FuhrwerkenDaß diese von den Censorn gemachte Auflage das Werk des Cato war, glaubt man so viel eher, wenn man sich aus B. XXXIV. 1. 2. 3. erinnert, daß Cato schon als Consul gegen die Damen das Oppische Gesetz beibehalten wissen wollte, worin es hieß: Ne qua mulier plus semunciam auri haberet, neu vestimento versicolori uteretur, neu iuncto vehiculo in urbe u. s. w. mehr als funfzehntausend Ass kostete, das mußten die Listenführerin censum referre viatores iussit]. – Die viatores, deren Geschäft zu niedrig war, als daß sie bei der Schatzung aller, selbst der vornehmsten Römer, die Registratoren hätten vorstellen können, sind hier wahrscheinlich mit Recht Allen anstößig, da sie, als servi publici, nicht einmal cives Romani, sondern nur liberti waren, vielleicht meistens nicht schreiben konnten, und hauptsächlich dazu gebraucht wurden, botenweise zu gehen und die Vornehmen von ihren Villen in den Senat zu laden. Gronovs Vorschlag: in censum deferre iuratos iussit, hat beim ersten Anscheine viel Empfehlendes. Allein seine Vermuthung steht und fällt mit der Lesart iussit; und diese kann doch wohl nicht die richtige sein. Worauf soll iussit sich beziehen? Auf das vorhergegangene Wort censura? Livius konnte sehr richtig sagen: tristis et aspera censura fuit; wie man sagen kann: Scipionis consulatus insignis fuit. Allein Valerii et Catonis censura iussit würde in dem hier erforderlichen Sinne eben so unlateinisch sein, wie Scipionis consulatus iussit. – So ist vielleicht zu iussit das Wort Cato zu suppliren? Auch dies kann nicht sein; denn Livius spricht hier noch von beiden Censoren. Im vorigen Cap. hieß es: senatum legerunt: septem moverunt senatu; dann kam er auf Cato's Rede gegen den L. Quinctius. Nun leitet er wieder auf beide ein: Scipioni ademtus equus; (nicht: Cato ademit equum) und: censura (scil. amborum) tristis et aspera fuit. Eben so fährt er nachher fort: ademerunt; demoliti sunt. Und was jeder Censor allein gethan habe, bemerkt er ausdrücklich erst nachher: Et separatim Flaccus molem (locavit), Cato atria duo. Also auch aus diesem Grunde kann zwischen die Verrichtungen beider Censoren nicht im Singular iussit, ohne den Cato ausdrücklich zu nennen, eingeschaltet und auf den Cato allein gedeutet werden. Bemerkt man ferner, daß auf das Wort iussi (denn dies ist die seit 1535 aufgenommene Lesart) it in item unmittelbar folgt, so wird es um so viel wahrscheinlicher, daß die Abschreiber das zusammengelesene iussi it in iussit verwandelten, und daß die ehemalige Lesart iussi nicht verdrängt werden mußte. Ist aber iussi richtig, so fällt Gronovs deferre iurat os, das außerdem an zwei Worten Änderungen vornimmt, von selbst weg. Ich denke, jeder, dem die Sorge für ein gewisses Geschäft übertragen wird (cui muneris, cui negotii cura committitur), sei es eine Registratur oder eine Bienenwartung, heißt im Lateinischen curator. So finden sich nicht nur curatores ludorum, viae, reficiendi Capitolii, sondern auch apum, gregis, gallinarii etc. Wie, wenn Livius hier diejenigen, quorum curae commissae erant tabulae, censoribus exscribendae, digerendae et exhibendae (die Registratoren und Verfertiger der Verzeichnisse) curatores genannt hätte? Und wirklich lesen hier sechs Handschriften iuratores, wo nur aus dem c ein i gemacht ist. Und für diejenigen Abschreiber, welche das c in curatores, wegen seiner Ähnlichkeit mit dem letzten e in referre, übersahen, blieb fast kein anderes Mittel, eine erträgliche Lesart zu schaffen, als aus uratores ihr uiatores zu bilden. Dann bliebe übrigens die alte Lesart stehen: Ornamenta et vestem – – in censum referre curatores iussi. Wenn ich mir auch selbst den Einwurf mache, daß Popina unter den servis publicis eine Classe aus dem Corpore Iuris nachweiset, welche curatores hießen, und daß eben so die Curatores gallinarii oder gregis nichts anders waren, als Sklaven, daß wir also doch vielleicht wieder auf Freigelassene od. Sklaven zurückkämen; so gab es doch auch curatores genug, die keine Sklaven waren, z. B. Capitolii reficiendi; und waren auch die an unsrer Stelle gemeinten wirklich servi publici, wie 43, 16. 13., so passet doch – (außerdem, daß die Msc. meinem Vorschlage so nahe kommen) – auch dann die allgemeinere und ehrenvollere Benennung curatores besser, als die schlechtere Classe der bloß zu Umläufern gebrauchten Viatoren, welche Liv. immer den scribis nachstehen lässet. 30, 39. 38, 51. als zur Vermögensteuer gehörig in Rechnung 65 bringen. Ferner alle Leibeigenen unter zwanzig Jahren, welche seit der letzten Schatzung mit zehntausend312 Gulden. Ass oder 66 noch höher bezahlt waren, mußten zu dem zehnfach erhöheten Einkaufspreise angerechnet, und alle diese Dinge mit einer Steuer zu drei18 Pfennige. Ass vom Tausend belegt werden. Die Censoren nahmen den Privatleuten alles Wasser, was diese aus öffentlichen Leitungen in ihre Häuser oder auf ihre Ländereien geführt hatten; und wo ein Privatmann mit seinem Hause oder aufgeführten Werke in den Gemeinboden hineingerückt war, da mußte er es in dreißig Tagen wegnehmen lassen. Die Werke, die sie dann von einer ihnen hierzu ausgesetzten Summe in Verding gaben, waren die Pflasterung der Wasserbehälter, die Reinigung der Abführungscanäle, wo sie nöthig war, und die Anlegung neuer auf dem Aventinus und in andren Theilen der Stadt, welche bisher noch keine hatten. Ein besonderes Werk des Flaccus war ein Damm nach Aquä Neptuniä, als künftiger Weg für jedermann, und eine Heerstraße über den Formianischen Berg. Cato hingegen kaufte dem State zwei Hallen, die Mänische und die Tizische, bei den Steinbrüchen, nebst vier Krambuden, und führte hier das nachher so genannte Porcische Statsgebäude auf. Die Zollpachten brachten sie gegen die höchsten Gebote unter, die Zahlungenultro tributa]. – Dies sind die Zahlungen, welche die Statscasse nicht empfängt, sondern welche sie von ihrer Seite (ultro) zu machen hat. So erklären dies Turnebus, Lipsius, Gruter, Duker u. A. sehr richtig. Aus den früheren Ausgaben des Glossar. Liv. Ern. ist eine unrichtige Erklärung dieses ultro auch in neuere Commentare übergegangen. Dort wird nämlich ultro durch freiwillig erklärt, und hinzugesetzt: Dicuntur ultro tributa, quia sunt arbitrii liberi, quum liberum sit, velis aedificare, nec ne. Ernesti zog dies ultro unrichtig auf die Pächter. Dann mußte es aber ultro in se recepta heißen; denn die Pächter sind hierbei nicht dantes oder tribuentes, sondern accipientes. Wenn aber diese Gelder aus der Kammer dantur, erogantur oder tribuentur, wenn die Casse diesmal von ihrer Seite die Zahlende ist, so geht dies ultro auf sie, nicht auf die Pächter. Auch heißt es in Dukers Note bei Drakenborch: Eadem, quae Turnebus, dicit Lipsius, et caussam nominis explicat, quia non capiebantur, sed res p. ipsa ea mancipibus ultro dabat. Dies ultro, welches oft durch vielmehr, sogar, zuvorkommend, übersetzt werden kann, heißt auch oft so viel, als von dieser Seite, von unserer Seite, wie z. B. XXIII. 38. Die Römer, die einen Krieg mit Macedoniens Philipp fürchten, denken darauf, quemadmodum ultro inferendo bello averterent ab Italia hostem, wie sie durch einen Angriff von ihrer Seite diesen Feind von Italien abwenden wollen. In der Schäferschen Ausgabe des Glossariums ist schon die unrichtige Erklärung weggelassen. aus der 67 Statscasse gegen die niedrigste Forderung. Als der Senat, gerührt durch die Bitten und Thränen der Pächter, die Pachtverträge aufzuheben und eine neue Verpachtung vorzunehmen befahl, schlossen die Censoren durch eine Bekanntmachung diejenigen, welche die erste Verpachtung rückgängig gemacht hatten, von den Bietenden aus, und verpachteten Alles wieder zu einem etwas herabgesetzten Preise. Diese Censur zeichnete sich aus, und sie veranlaßte viele Feindschaften, die dem Marcus Porcius, dem man ihre Härte zuschrieb, sein ganzes Leben hindurch zu schaffen machten. In diesem Jahre wurden auch zwei Pflanzungen, die eine in das Picenische, nach Potentia, die andre in das Gallische Gebiet, nach Pisaurum, abgeführt. Jedem Pflanzbürger wurden sechs Morgen Landes angewiesen. Die Landvertheilung, so wie die Abführung der Pflanzer hatten in beiden dieselben Dreiherren, Quintus Fabius Labeo und die beiden Fulvius, Marcus und Quintus, jener mit Zunamen Flaccus, dieser Nobilior. Die Consuln dieses Jahres verrichteten nichts Denkwürdiges, weder zu Hause, noch im Felde. Für das folgende Jahr wählten sie den Marcus Claudius Marcellus und den Quintus Fabius Labeo zu Consuln.

45. Am funfzehnten März, dem Antrittstage ihres Consulats, brachten Marcus Claudius und Quintus Fabius die Vertheilung der Standplätze unter sie und die Prätoren zum Vortrage. Die gewählten Prätoren waren Cajus Valerius, Jupiters Eigenpriester und schon im vorigen Jahre Bewerber um die Prätur; ferner Spurius Postumius Albinus und Publius Cornelius Sisenna, Lucius Pupius, Lucius Julius, Cneus Sicinius. Den Consuln wurde zu ihrem Standplatze Ligurien bestimmt, mit eben den Heeren, welche Publius Claudius und Lucius Porcius gehabt hatten. Beide Spanien wurden, ohne darum zu losen, den vorjährigen Prätoren nebst ihren Heeren gelassen. Die Prätoren mußten so losen, daß dem Eigenpriester Jupiters durchaus die eine der beiden 68 Rechtspflegen zu Rom vorbehalten blieb. Er zog die über die Fremden. Den Cornelius Sisenna traf die in der Stadt, den Spurius Postumius Sicilien, den Lucius Pupius Apulien, den Lucius Julius Gallien, den Cneus Sicinius Sardinien. Lucius Julius bekam Befehl, zu eilen. Denn die Gallier jenseit der Alpen waren, wie oben gesagt ist, durch die Gebirgspässe eines vorher unbekannten Weges nach Italien herübergegangen und legten auf dem Gebiete, das jetzt zu Aquileja gehört, eine Stadt an. Der Prätor erhielt den Auftrag, so viel ihm ohne Krieg möglich sein würde, sie hieran zu hindern. Müßten sie mit gewaffneter Macht abgehalten werden, so möge er die Consuln benachrichtigen. Dann sollte der Eine von ihnen die Legionen gegen die Gallierducere legiones.] – So gleichgültig in den meisten Fällen die Abtheilung in Capitel sein mag, so spricht doch im Anfange sowohl, als am Schlusse dieses Capitels, der schicklichere Zusammenhang für die von Crevier getroffene Abtheilung, welcher ich gefolgt bin. führen.

46. Am Ende des vorigen Jahrs hatte das Gesamtamt der Augurncomitia habita]. – Mein Vorschlag, dieser schwierigen Stelle zu helfen, ist folgender. Drakenb. sagt: Totum locum ita exhibet editio Moguntina: Extremo prioris anni comitia auguris creandi habita erant. in demortui Cn. Cornelii locum creatus erat Sp. Post. Alb. Editores vero monuerunt, CODICEM SVVM OPTIMVM legere: in demortui C.  Cornelii Lentuli locum. – Den Zunamen Lentulus nimmt auch Drakenb. auf; denn Livius führt bei allen hier erwähnten Wiederbesetzungen der Priesterthümer die Männer mit allen ihren drei Namen auf, und der Zusatz Lentuli sieht keiner Erfindung eines Abschreibers ähnlich. Den Vornamen Cn. aber behält Drakenb. gegen den Mainzer Codex bei, wie ich glaube, auch mit Recht, weil Cn. Cornelius Lentulus, als der weit angesehenere Mann, vermuthlich auch Augur war. Wie nun aber Drak. und Duker mit Gruchius der Hauptschwierigkeit abhelfen wollen, nämlich der, daß hier schon im J. 568 Comitien zu einer Augurwahl vom Volke gehalten wären, da doch erst im J. 650 dem Volke dies gestattet wurde, und beständig bis dahin das collegium augurum selbst per cooptationem seine erledigten Plätze besetzt hatte; dies bitte ich, bei Drakenb. selbst nachzusehen. Ich halte mich mit Drakenb. an den Codex Optimus, so weit ich kann; lese aber statt comitia – – habita erant lieber cooptatio – – habita erat. Das fremdere Wort cooptatio, noch unkenntlicher, wenn es in der Verkürzung cooptio geschrieben, oder auch verblichen war, verwandelte der Abschreiber, weil doch von einer Wahl die Rede war, in das ihm bekanntere comitia. Da cooptatio eine Handlung ist, so denke ich, cooptationem habere sei eben so gut Latein, als orationem, disputationem, quaestionem, conquisitionem, contentionem, comitia habere. Ich lese also: Extremo prioris anni cooptatio auguris creandi habita erat. In demortui Cn. Cornelii Lentuli locum creatus erat Sp. Postum. Albinus. einen erledigten Platz besetzt: an die 69 Stelle des verstorbenen Cneus Cornelius Lentulus war Spurius Postumius Albinus gewählt. Zu Anfange dieses Jahrs starb der Hohepriester Publius Licinius Crassus. An seine Stelle wählte das Gesamtamt den Marcus Sempronius Tuditanus zum Oberpriester; Hoherpriester aber wurde Cajus Servilius Geminus. Bei der Leichenfeier des Publius Licinius war eine Fleischvertheilung; hundert und zwanzig Klopffechter kämpften; drei Tage lang wurden Leichenspiele angestellt und nach den Spielen ein Gastmahl. Als hierzu der ganze Markt schon mit Tafellagern besetzt war, nöthigte ein Ungewitter, das unter großen Stürmen ausbrach, die meisten, auf dem Markte Zelte aufzuschlagen, die aber bald nachher, als es sich von allen Seiten aufklärte, wieder weggenommen wurden. Und nun war man, wie man sich im Volke sagte, darüber hinaus, daß nach der Angabe der Seher zu den Verhängnissen auch dies gehörte: Es müßten einst auf dem Markte Zelte zu stehen kommen. Als sie sich dieser frommen Besorgniß entledigt sahen, waren sie von einer andern befallen, weil es zwei Tage lang auf dem Vulcanusplatze Blut geregnet haben sollte; und die Zehnherren hatten zur Sühne dieses Schreckzeichens einen Bettag angesetzt.

Ehe die Consuln nach ihren Standorten aufbrachen, stellten sie die über das Obermeer gekommenen Gesandschaften dem Senate vor: und nie waren vorher in Rom der Menschen aus jenen Gegenden so viele gewesen. Denn seitdem sich unter den Völkern, welche an Macedonien gränzen, das Gerücht verbreitet hatte, daß man zu Rom die Beschuldigungen und Klagen gegen Philipp nicht gleichgültig anhöre, daß Manche sogar von ihren Klagen Vortheil gehabt hätten, meldeten sich zu Rom Städte und Völkerschaften, jede in ihrer Angelegenheit, ja auch Einzelne in ihrer eigenen Sache – denn er war ihnen Allen ein beschwerlicher Nachbar – entweder in Hoffnung, die Bedrückung gemildert zu sehen, oder doch Tröstung für ihre Thränen zu finden. Auch vom Könige Eumenes kam eine Gesandschaft mit seinem Bruder Athenäus, um Klage 70 zu führen, theils, daß die Besatzungen noch nicht aus Thracien abgeführt würden, theils, daß Philipp dem Prusias zum Kriege gegen den Eumenes Hülfstruppen nach Bithynien geschickt habe.

47. Auf das Alles sollte nun der noch so junge Demetrius antworten, da es gar nicht leicht war, bald die ihm gemachten Vorwürfe, dann wieder, was er darauf zu erwiedern hatte, ins Gedächtniß zu fassen, Denn es waren nicht allein der Punkte viele, sondern die meisten auch sehr unbedeutend; es waren Gränzstreitigkeiten, Klagen über geraubte Menschen und weggetriebene Heerden, über willkürlich gesprochenes oder gar nicht gesprochenes Recht, über Entscheidungen durch Machtsprüche oder nach Gunst. Da der Senat einsah, daß Demetrius über keinen dieser Punkte eine lichtvolle Darstellung geben, und er selbst von ihm die gehörige Aufklärung nicht erwarten könne, zugleich auch den Jüngling bei seiner Probearbeit und Verlegenheit bedauerte, so ließ er bei ihm anfragen, ob er hierüber von seinem Vater nichts Schriftliches erhalten habe. Der Prinz bejahete es; und nun fand man nichts für nöthiger und dienlicher, als sich des Königs eigne Beantwortung der einzelnen Punkte geben zu lassen. Man verlangte den Aufsatz vom Sohne, überließ es ihm aber nachher, selbst ihn vorzulesen. Bei jedem Umstande hatte Philipp die Gründe kurz zusammengestellt, so daß er bei einigen nachwies, er habe so nach den Verfügungen der Abgeordneten gehandelt; bei andern, wenn er nicht so gehandelt habe, so liege dies nicht an ihm, sondern an den Klägern selbst. Hin und wieder hatte er auch Klagen angebracht, über die Unbilligkeit der Verfügungen; wie man sich in der Auseinandersetzung vor dem Cäcilius so wenig unparteiisch gezeigt habe, und wie empörend er und ohne alles sein Verschulden von Allen gehöhnt sei. Diese Beweise von Erbitterung merkte sich der Senat. Da indeß der Prinz einige Punkte entschuldigte, bei andern sich verbürgte, es solle so geschehen, wie es der Senat am liebsten sähe, so beschloß man, die Antwort so zu geben: «Sein Väter habe in keinem 71 Stücke mehr recht gehandelt, und mehr dem Willen des Senats gemäß, als daß er, wie es sich auch um die geschehenen Dinge verhalten möge, durch seinen Sohn Demetrius den Römern habe Genugthuung geben wollen. Die Väter könnten von den Vergangenheiten manche nicht wissen wollen, manche vergessen, manche duldend ertragen, sie glaubten auch, daß Demetrius Glauben verdiene. Denn noch sei ihnen seine Liebe als Geisel geblieben, ob sie gleich die Person dem Vater zurückgegeben hätten; und sie wüßten, daß er der Römer Freund sei, so weit er es ohne Verstoß gegen die kindliche Liebe sein könne. Aus ehrenvoller Rücksicht auf ihn wollten sie Gesandte nach Macedonien schicken, damit dies oder jenes, was nicht so geschehen sei, wie es hätte geschehen sollen, sich auch jetzt noch ohne Straffälligkeit für das Vergangene nachholen lasse. Auch wünschten sie, der König möge darin, daß es mit Roms Freundschaft gegen ihn völlig bei dem Alten bleibe, ein verdienstliches Werk seines Sohns Demetrius erkennen.»

48. Gerade das, was man gethan hatte, dem jungen Manne einen höheren Werth zu geben, veranlaßte sogleich Haß gegen ihn, und bald sogar seinen Untergang.

Nun wurden die Lacedämonier dem Senate vorgestellt. Hier kamen viele und kleine Streitigkeiten zur Sprache; was aber den Hauptinhalt ausmachte, war, ob die von den Achäern Verurtheilten wieder eingesetzt werden sollten, oder nicht; ob sie die Getödteten unrechtmäßig oder mit Recht getödtet hätten. Auch kam es darüber zur Frage, ob die Lacedämonier im Achäischen Bunde bleiben, oder ob sie, wie vormals, der einzige Stat im Peloponnes sein sollten, der seine besondre Verfassung habe. Es wurde beschlossen, die Verurtheilten sollten wieder eingesetzt und die gegen sie ergangenen Aussprüche widerrufen werden; Lacedämon solle im Achäischen Bunde bleiben, dieser Beschluß aufgesetzt und von den Lacedämoniern und Achäern unterzeichnet werden. Als Gesandter nach Macedonien mußte Quintus Marcius abgehen. Zugleich erhielt er Befehl, sich 72 im Peloponnes über die Lage der Bundsgenossen zu unterrichten: denn auch hier waren noch Unruhen die nachgebliebene Folge der ehemaligen Uneinigkeit; und Messene war vom Achäischen Bunde abgefallen. Wollte ich die Ursachen und den Gang dieses Krieges darlegen, so müßte ich den Vorsatz vergessen, der mich bestimmte, die Angelegenheiten des Auslandes nur in so weit zu berühren, als sie mit der Römischen Geschichte zusammenhängen.

49. Allein sein Ausgang war merkwürdig, weil Philopömen, der Prätor der Achäer, ob sie gleich im Felde |Sieger waren, in Gefangenschaft gerieth, da ihn die Feinde auf seinem WegeCoronen [profectus]. – Die Übersetzung, auf seinem Wege nach Corone, kann ich stehen lassen, wie meine Leser gleich sehen sollen; das eingeschobene Wort profectus mag stehen bleiben oder nicht. Drakenb. sagt, in keiner einzigen seiner Handschriften, auch in keiner alten Ausgabe vor 1553 finde sich dieses profectus. Doch glaubt er, es könne nicht entbehrt werden. Er meint nämlich in Rücksicht auf ad praeoccupandam Coronen. Doch hat er profectus eingeklammert, um es als fremden Zusatz zu bezeichnen. Crevier hat die Klammern weggelassen,, und scheint eben so das Wort nicht entbehren zu wollen. Und doch giebt es im Zusammenhange, weil es ohne Copula mit oppressus verbunden ist, eine wahre Härte. Diese hat auch Hr.  Döring gefühlt, und schlägt deswegen vor, das Wort praeoccupandam wegzustreichen; so kann auch profectus entbehrt werden, und der Zusammenhang ist dieser: capitur, ad – Corone – – oppressus. Allein dies Wort praeoccupandam möchte ich, da ohnehin alle Msc. und alle alten Ausgaben für dasselbe sprechen, auch deswegen nicht entbehren, weil sonst die Worte quam hostes petebant unnöthig sind. Wird Philopömen bei Corone von Feinden gefangen, so versteht es sich ohnehin, daß Feinde dort in der Nähe waren: dann konnte Livius den Zusatz quam hostes petebant, als sehr überflüssig, weglassen. Vielmehr stützen sich die Worte quam hostes petebant und ad praeoccupandam einander wechselseitig. – Mich dünkt, Livius habe geschrieben: capitur, ad praeoccupandam Coronen, quam hostes petebant, in via, in valle cet. Die auf inuia folgenden Buchstaben inua von in valle) waren Schuld daran, daß in via ausfiel. Der Sinn wäre dann dieser: capitur, (quum) in via (esset) ad praeoccupandam Coronen cet. Sollte man dagegen einwenden, die Worte in via ständen nicht gut so nahe bei in valle, und würden, wenn sich Livius ihrer bedient hätte, in folgender Verbindung stehen müssen; capitur, in via ad praeocc. Coronen, – so antworte ich: Zu Philopömens Entschuldigung – und daß Livius Alles zusammenstellt, um den großen Feldherrn zu entschuldigen, sieht man offenbar aus dem Nächstfolgenden – konnte Livius, meiner Meinung nach, die Worte nicht besser stellen, als in der Gradation so nahe beisammen: in via, in valle iniqua, cum equitibus paucis. So nimmt er den Siegern alles Verdienst. Und eben so, wie hier profectus durch in via ausgedrückt wird, sagt Liv. 36,  11., wo es hätte heißen können: praeter Chalcidem et Lysimachiam profectus, ad Stratum suis occurrit, lieber so, wie hier: viâ, quae praeter Ch. et Lys, fert, ad Stratum suis occurrit. nach Corone – welches er, weil sie 73 dagegen anrückten, früher besetzen wollte – in einem beengenden Thale mit seiner kleinen Anzahl Reuter übermanneten. Man sagt, er für seine Person habe unter der Bedeckung von Thraciern und Cretensern entkommen können. Allein das Schamgefühl seine Ritter zu verlassen, die edelsten im Volke, die er selbst erst neulich ausgesucht hatte, hielt ihn zurück. Während er selbst durch Zusammenhalten des Zuges, ihnen den Ausweg aus dem engen Passe möglich machte, und die Angriffe der Feinde aushielt, stürzte ihm das Pferd; und theils von seinem eigenen Falle, theils von der Last des über ihn hingesunkenen Thiers, blieb er beinahe auf der Stelle todt; schon ein siebzigjähriger Mann, dessen Kräfte durch eine lange Krankheit, von der er sich so eben erholte, noch sehr geschwächt waren. In dieser Lage bemächtigten sich seiner die über ihn herstürzenden Feinde; und als sie ihn erkannten, hoben sie ihn gleich zuerst, aus Achtung und Erinnerung an seine Verdienste, von der Erde, nicht anders, als wäre er ihr eigener Feldherr, brachten ihn wieder zu sich, und trugen ihn aus dem abgelegenen Thale auf die Heerstraße, indem sie vor unerwarteter Freude kaum sich selber trauten. Andre schickten Boten nach Messene mit der Nachricht vorauf: Der Krieg sei zu Ende; sie brächten den Philopömen gefangen.

Zuerst schien die Sache so unglaublich, daß man den Boten nicht bloß für einen Lügner, sondern kaum für bei Sinnen hielt. Als aber einer über den andern, Alle mit gleicher Aussage, ankamen, fand sie endlich Glauben; und ehe sie noch mit Sicherheit wußten, ob auch der Zug der Stadt schon näher komme, strömten Alle zu diesem Schauspiele hinaus, Freie und Sklaven, Kinder und Weiber. Folglich stopften die Haufen von Menschen das Thor, weil es Jedem für seine Person so vorkam, als könnte er das große Ereigniß kaum fassen, wenn er es nicht seinen eignen Augen glauben müßte. Nur mit Mühe durch die Entgegeneilenden sich durchdrängend kamen die, die den Philopömen brachten, ins Thor. Ein ebenpotuerunt, atque turba conferta]. – Ich folge der glücklichen Vermuthung des Hrn. Walch: potuerunt. Aeque conferta turba, um so viel lieber, weil alle Msc. und die ältesten Ausgaben nicht turba conferta, sondern conferta turba lesen, so daß man sehen kann, die unrichtige Versetzung sei erst der falschen Lesart atque zu Gunsten vorgenommen. so 74 dichter Volksschwarm hatte den übrigen Weg gesperrt: und da der größte Theil vom Anblicke ausgeschlossen war, so besetzten sie geschwind das nahe an der Gasse stehende Schauspielhaus und riefen Alle einstimmig, Philopömen solle dem Volke zur Schau hieher gebracht werden. Die Obrigkeit und die Vornehmeren, aus Besorgniß, das Mitleiden mit einem so großen Manne, wenn er vor den Leuten dastände, könne Bewegungen veranlassen, wenn die Einen durch die Ehrfurcht für seine ehemalige Größe im Vergleiche mit seinem gegenwärtigen Schicksale, die Andern durch die Erinnerung an seine außerordentlichen Verdienste sich rühren ließen, stellten ihn den Zuschauern nur in einiger Ferne auf. Bald wurde er ihren Augen plötzlich wieder entzogen, und der Prätor Dinocrates sagte, die Obrigkeit wolle ihn über einige den Krieg betreffende Hauptpunkte vernehmen. Er wurde von hier auf das Rathhaus abgeführt, der Senat berufen und die Rathschlagung begann.

50. Schon kam der Abend heran, und sie hatten noch nichts von Allem aufs Reine gebracht, nicht einmal das, wo sie ihn auf die nächste Nacht mit völliger Sicherheit verwahren könnten. Vor der Größe seines ehemaligen Glücks und seiner Tapferkeit waren sie in Staunen gerathen; und niemand hatte Muth genug, ihn zur Bewachung selbst zu sich ins Haus zu nehmen, und getrauete sich doch nicht, irgend einem Einzelnen die Bewachung zu übertragen. Da brachten Einige in Erinnerung, man verwahre ja den öffentlichen Schatz unter der Erde in einer Einfassung von Quadersteinen. Hier ließ man ihn gebunden hinab, und der Deckel, ein ungeheurer Stein, wurde vermittelst eines Hebezeuges darüber gelegt. In der Überzeugung, sich bei diesem Gefangenen lieber auf den Ort verlassen zu müssen, als auf irgend einen Menschen, erwarteten sie den folgenden Morgen. Die 75 unbefangene Volksmenge, eingedenk der ehemaligen Verdienste des Mannes, selbst um ihren Stat, stimmte dafür, seiner zu schonen und durch ihn die Abstellung ihrer gegenwärtigen Leiden auszumitteln: allein die Urheber des Abfalls, in deren Hand die Regierung war, waren in ihren geheimen Berathschlagungen Alle über seinen Tod einig, und nur darüber ungewiß, ob sie ihn beschleunigen, oder aufschieben sollten. Die mordgierige Partei behielt die Oberhand, und das Gift wurde ihm durch einen Abgeschickten überbracht. Als er den Becher hingenommen hatte, soll er weiter nichts gesagt, sondern bloß gefragt haben: «Ob Lycortas» – dies war der andre Feldherr der Achäer – «und die Ritter sich glücklich gerettet hätten.» Als man ihm dies versicherte, sagte er: «So steht Alles gut;» trank den Becher unerschrocken aus und verschied bald nachher. Seines Todes freuten sich die, deren Werk diese Grausamkeit war, nicht lange. Das besiegte Messene lieferte den fordernden Achäern die Schuldigen aus und gab Philopömens Gebeine zurück. Bei seinem Begräbnisse folgte der ganze Achäische Landtag, und man überhäufte ihn so mit aller Art menschlicher Ehre, daß man es sogar an göttlicher nicht fehlen ließ. Griechische und Lateinische Geschichtschreiber legen diesem Manne einen so hohen Werth bei, daß es Einige von ihnen, gleichsam zur kenntlichen Bezeichnung dieses Jahrs, der Nachwelt aufbehalten haben, es wären in diesem Jahre drei berühmte Feldherren mit Tode abgegangen, Philopömen, Hannibal, Publius Scipio. So ganz setzten sie ihn den größten Feldherren der beiden mächtigsten Staten gleich.

51. Zum Könige Prusias, welchen nicht nur die Aufnahme Hannibals nach Besiegung des Antiochus, sondern auch der gegen den Eumenes unternommene Krieg den Römern verdächtig machte, kam Titus Quinctius Flamininus als Gesandter. Hatte hier entweder Flamininus dem Prusias unter andern Vorwürfen auch den gemacht, daß er den Mann bei sich dulde, der unter allen lebenden Menschen Roms erbittertster Feind sei; der 76 zuerst sein Vaterland, und als dies seine Kräfte aufgeopfert hatte, den König Antiochus gegen Rom zum Kriege vermocht habe; oder hatte Prusias sich aus eigner Bewegung entschlossen, um sich seinem Gaste Flamininus und den Römern gefällig zu machen, den Hannibal hinzurichten oder auszuliefern: genug, gleich nach der ersten Unterredung mit dem Flamininus wurden Soldaten abgeschickt, Hannibals Wohnung zu besetzen. Einem solchen Ausgange seines Lebens hatte Hannibal im Geiste beständig entgegengesehen, weil er den unversöhnlichen Haß der Römer gegen ihn kannte, und auf die Zuverlässigkeit der Großen bauete er so gut als gar nicht. Vom Leichtsinne des Prusias hatte er ohnehin schon Proben, und gleich in der Ankunft des Flamininus hatte er den Vorboten seines Todes geahnet. Um bei allen diesen ihn von allen Seiten umringenden Gefahren immer noch einen Ausweg zur Flucht offen zu behalten, hatte er seiner Wohnung sieben Ausgänge gegeben, und einige versteckt genug, damit keine Wache sie besetzen möchte. Allein die Machtgewalt der Großen laßt nichts unaufgespürt, was sie erforschen wollen. Der ganze Umfang des Hauses wurde so mit Wachen umsetzt, daß hier niemand entkommen konnte. Hannibal, der auf die Anzeige, im Vorhause ständen königliche Soldaten, aus der Hinterthür zu entfliehen suchte, die am meisten abgelegen und der geheimste Ausgang war, als er auch diese von vortretenden Soldaten gesperrt und Alles rundum von Wachen geschlossen sah, forderte das Gift, das er auf solche Fälle längst in Bereitschaft hielt. «So will ich denn die Römer,» sprach er, «von ihrer anhaltenden Besorgniß erlösen; weil es ihnen doch zu lange währt, den Tod eines Greises abzuwarten. Der Sieg, mit welchem Flamininus heimkehrt, über einen Wehrlosen, über einen Verrathenen, ist weder groß noch ehrenvoll. Wie sehr sich aber die Römer in ihrer Art zu handeln geändert haben, davon wird selbst der heutige Tag ein Beweis sein. Ihre Väter warneten den König Pyrrhus, der, als Feind gewaffnet, mit einem Heere in Italien stand, sich vor Gift zu 77 hüten: und diese haben einen Consular als Gesandten hergeschickt, der den Prusias auffordern muß, seinen Gast durch ein Bubenstück zu morden.» Dann rief er Verwünschungen auf das Haupt und auf den Thron des Prusias herab, rief die gastlichen Götter zu Zeugen der von ihm gebrochenen Treue, und trank den Becher leer. so endigte Hannibal.

52. Nach Polybius und Rutilius starb in diesem Jahre Scipio. Ich stimme weder ihnen bei, noch dem Valerius von Antium. Ihnen nicht, weil ich finde, daß in der Censur des Marcus Porcius und Lucius Valerius der Censor Lucius Valerius selbst, als der erste Mann des Senats abgelesen sei, da es doch alle drei Mal in den letzten fünf Jahren Africanus gewesen war, bei dessen Leben, wenn er nicht aus dem Senate gestoßen wurde – und diesen Schimpf sagt ihm doch nicht ein einziger Schriftsteller nach – kein Anderer als erster Mann in seine Stelle eingesetzt sein würde. Und die Angabe des Valerius widerlegt der Umstand, daß die Rede des Publius Africanus in der Aufschrift den Bürgertribun Marcus Nävius als seinen Widersacher nennt. Dieser Nävius ist im Verzeichnisse der Obrigkeiten als Bürgertribun des Jahres angegeben, welches den Publius Claudius und Lucius Porcius [568] zu Consuln hatte: er trat aber sein Tribunat schon unter den Consuln Appius Claudius und Marcus Sempronius den zehnten December [567] an. Von hieran gerechnet bis zum funfzehnten März, an welchem Publius Claudius und Lucius Porcius ihr Consulat anfingen, sind noch drei Monate. Er hat also, wie es scheint, noch unter dem Tribunate des Nävius gelebt, und der Gerichtstag hat ihm von diesem angesetzt werden können, ist aber noch vor der Censur des Lucius Valerius und Marcus Porcius [568] gestorben. Diese drei Männer, jeder einer der berühmtesten seiner Nation, lassen sich in ihrem Tode nicht bloß seiner Gleichzeitigkeit wegen zusammenstellen, sondern auch, weil bei keinem von ihnen der Ausgang ihres Lebens dem Glanze desselben ganz entsprach. Gleich das Erste: keiner von ihnen 78 fand seinen Tod, fand sein Grab in der Vaterstadt. Hannibal und Philopömen kamen durch Gift um; Hannibal als Verbanneter und vom Gastfreunde verrathen; Philopömen endete als Gefangener in Kerker und Banden. Scipio, zwar nicht verbannet, nicht verurtheilt, aber doch, weil er auf den Gerichtstag als Beklagter nicht erschienen war, abwesend vorgeladen, entsagte der Heimat für sich und sein Grab durch freiwillige Verbannung.

53. Während dieser Vorgänge im Peloponnes – denn bei ihnen lenkte mein Vortrag ab – hatte die Rückkehr des Demetrius und der Gesandten nach Macedonien den Gemüthern eine sehr verschiedene Stimmung gegeben. Die gemeinen Macedonier, denen vor einem bevorstehenden Kriege mit den Römern grauete, sahen auf den Demetrius, als den Friedensvermittler, mit vieler Liebe, und zugleich bestimmten sie ihm mit fester Zuversicht nach des Vaters Tode den Thron. «Möchte er immerhin jünger sein, als Perseus, so sei er doch von einer rechtmäßigen Gemahlinn, jener aber von einer Lustdirne geboren. Jener, das Kind einer sich Jedem hingebenden Person, habe kein Kennzeichen von einem bestimmten Vater an sich: an diesem sei die auffallendste Ähnlichkeit mit Philipp sichtbar. Außerdem würden die Römer auf den väterlichen Thron gewiß den Demetrius setzen: Perseus habe bei ihnen nicht die mindeste Liebe.» So sprach man allgemein. Folglich ängstigte nicht bloß den Perseus die Besorgniß, das Alter allein möchte für ihn nicht geltend genug sein, da ihm in allen andern Stücken sein Bruder überlegen sei; sondern Philipp selbst sah in der Voraussetzung, daß es kaum von ihm abhängen werde, wen er als Thronerben hinterlassen wolle, seinen jüngern Sohn selbst gegen ihn mehr Gewicht bekommen, als ihm lieb war. Zuweilen fand er sich durch den Zusammenlauf der Macedonier um den Prinzen beleidigt, und äußerte voll Unwillen, es gebe schon bei seinem Leben einen zweiten Hofstat. Unstreitig hatte auch der Jüngling einigen Stolz mit zurückgebracht, weil er es fühlte, daß sich der Senat so begünstigend für ihn 79 erklärt, und ihm zugestanden hatte, was seinem Vater abgeschlagen war: und ein je größeres Ansehen ihm bei den übrigen Macedoniern jede seiner Berufungen auf die Römer lieh, desto größere Abneigung zog sie ihm nicht allein bei seinem Bruder, sondern auch bei dem Vater zu; vollends dann, als eine neue Römische Gesandschaft kam, und Philipp gezwungen wurde, Thracien zu räumen, seine Besatzungen abzuführen, und sich, entweder dem Beschlusse der vorigen Gesandten gemäß, oder nach der neuen Festsetzung des Senats, noch zu manchem Andern zu verstehen. Das Alles that er freilich mit innerem Grame und seufzend – um so mehr, weil er seinen Sohn fast häufiger in der Römer, als in seiner Gesellschaft sah – aber doch mit aller Folgsamkeit gegen diese, um ihnen keine Gelegenheit zum augenblicklichen Kriege zu geben. Um sich auch bei ihnen in Hinsicht ähnlicher Maßregeln außer allen Verdacht zu setzen, rückte er mit seinem Heere in die Mitte von Thracien, gegen die Odrysen, Dentheleter und Besser. Die Stadt Philippopolis, verödet durch die Flucht ihrer Bewohner, die mit ihren Familien auf die nächsten Höhen der Gebirge gezogen waren, besetzte er. Er ließ in Philippopolis eine Besatzung zurück, die aber bald von den Odrysen vertrieben wurde, und beschäftigte sich mit Anlegung einer Stadt im Deuriopus – dies ist eine Gegend Päoniens in der Nähe der alten Stadt Stobi, am Flusse Erigonus, der aus Illyricum durch Päonien fließt, und in den Strom Axius ausläuft. – Die neue StadtNovam urbem]. – Mit diesen Worten fange ich, wie Perizon und Drakenborch es beide wollen, ein neues Punctum an. Doch kann ich dem ersten nicht darin folgen, daß er die Worte in Axium amnem editur haud procul Stobis zusammennimmt. Denn von dem Zusammenflusse dieser Ströme liegt Stobi ungemein weit nördlich. Drakenb. zieht die Worte am Flusse Erigonus auf die neu anzulegende Stadt, worin ich ihm folge. ließ er seinem älteren Sohne zu Ehren Perseis nennen.

54. Während dieser Vorgänge in Macedonien brachen die Consuln nach ihren Standplätzen auf. Marcellus ließ durch einen Voraufgeschickten bei dem Proconsul Lucius Porcius bestellen, er möge sich mit den Legionen 80 gegen die neue Stadt der Gallier ziehen; Bei seiner Ankunft ergaben sich dem Consul die Gallier. Sie waren zwölftausend Mann stark. Ihre Waffen hatten sie meistens in den Dörfern geraubt. Diese wurden ihnen zu ihrem großen Kummer genommen, auch was sie sonst noch entweder auf Plünderungen in den Dörfern geraubt, oder mitgebracht hatten. Hierüber ihre Klage anzubringen, schickten sie Gesandte nach Rom. Der Prätor Cajus Valerius stellte sie vor den Senat und sie erzählten: «Bei der übergroßen Volksmenge in Gallien wären sie aus Mangel an Land und aus Armuth über die Alpen gegangen, sich einen Wohnsitz aufzusuchen. Ohne jemand zu beleidigen, hätten sie auf einem Boden, den sie aus Mangel an Menschen ungebaut gefunden, sich niedergelassen; hätten auch angefangen eine Stadt zu bauen, welches Beweises genug sei, daß sie nicht gekommen wären, sich an fremden Ländereien oder Städten zu vergreifen. Da habe Marcus Claudius ihnen sagen lassen, wenn sie sich nicht an ihn ergäben, werde er sie bekriegen. Sie, aus Vorliebe für einen sichern, wenn auch minder ehrenvollen Frieden, gegen einen ungewissen Krieg, hätten sich mehr in den Schutz, als in die Gewalt der Römer hingegeben. Nach ein par Tagen habe man ihnen angedeutet, sowohl ihr Gebiet als ihre Stadt zu räumen, und sie waren schon entschlossen gewesen, stillduldend hinzuziehen, wo in der Welt es sein möchte. Da habe man ihnen ihre Waffen, und zuletzt auch alles Übrige genommen, was sie getragen oder getrieben hätten. Sie bäten den Senat und das Römische Volk, gegen sie als schuldlose Schützlinge nicht härter zu verfahren, als gegen Feinde.» Auf diese Rede ließ ihnen der Senat zur Antwort geben: «Sie hätten freilich nicht recht daran gethan, daß sie nach Italien gekommen wären und es gewagt hätten, ohne Einwilligung der Römischen Obrigkeit, die dort ihren Standort habe, auf fremdem Boden eine Stadt anzulegen; doch sei es auch nicht der Väter Wille, Schützlinge berauben zu lassen. Sie wollten ihnen also Gesandte an den Consul mitgeben, welche 81 ihnen unter der Bedingung, daß sie zurückgingen, wo sie hergekommen wären, alles Ihrige wiedergeben lassen, und dann geradezu über die Alpen gehen und den Gallischen Völkern andeuten sollten, ihre Menschenmenge in der Heimat festzuhalten. Die Alpen ständen als eine fast unübersteigliche Gränzlinie zwischen ihnen beiden in der Mitte: und sicher solle es ihnen jetzt nicht besser bekommen, als jenen, welche die Alpen zuerst gangbar gemacht hätten.» Als Gesandte wurden ihnen Lucius Furius Purpureo, Quintus Minucius, Lucius Manlius Acidinus mitgegeben. Man lieferte den Galliern Alles wieder aus, was sie nicht mit Gewalt genommen hatten, und sie verließen Italien.

55. Die Völker jenseit der Alpen gaben den Römischen Gesandten eine gütige Antwort. Ihre Volksältesten tadelten sogar die zu große Gelindigkeit der Römer, «daß sie solche Menschen, die von der Nation unaufgefordert sich aufgemacht und es gewagt hätten, ein unter Römischer Hoheit stehendes Gebiet zu besetzen und auf fremdem Boden eine Stadt anzulegen, ungestraft hätten ziehen lassen. Für ihre Unbesonnenheit hätten sie sie mit schwerer Strafe belegen sollen. Daß sie ihnen aber sogar das Ihrige wiedergegeben hätten, sei eine so große Nachsicht, daß sie fürchteten, dies möchte noch für Mehrere eine Ermunterung zu ähnlicher Keckheit sein.» Sie behandelten die Gesandten nicht nur als Gäste, sondern entließen sie auch mit Geschenken. Nach Vertreibung der Gallier aus seiner Provinz legte es der Consul Marcus Claudius auf einen Krieg mit den Istriern an, und bat den Senat schriftlich um die Erlaubniß, die Legionen nach Istrien hinüberzuführen. Die Väter bewilligten es. Denn sie gingen damit um, nach Aquileja Pflanzbürger führen zu lassen; es war aber noch nicht entschieden, ob sie Latiner oder Römische Bürger hingehen lassen wollten. Zuletzt bestimmten sie sich für die Absendung Latinischer Pflanzer. Die hierzu erwählten Dreimänner waren Publius Scipio Nasica, Cajus Flaminius, Lucius Manlius Acidinus. In diesem Jahre wurden auch 82 Mutina und Parma Römische Bürgerpflanzungen. Zweitausend Mann für jede Pflanzung bekamen von dem Boden, der zuletzt den Bojern, vorhin den Tuskern gehört hatte, zu Parma jeder acht Morgen, zu Mutina jeder fünf. Die Dreimänner Marcus Ämilius Lepidus, Titus Äbutius Carus, Lucius Quinctius Crispinus führten sie hin. Auch auf das Gebiet von CaletraCaletranum]. – Caletra lag in Hetrurien. Die bekannteren Städte, die es zunächst umgaben, waren Russellae, Clusium, Vulsinii, Tarquinii., nach Saturnia, ging eine Pflanzung Römischer Bürger ab. Die Dreimänner, welche sie abführten, waren Quintus Fabius Labeo, Cajus Afranius Stellio, Tiberius Sempronius Gracchus. Jedem wurden zehn Morgen gegeben.

56. In eben diesem Jahre hatte Aulus Terentius, als consularischer Stellvertreter, in der Nähe des Flusses Ebro im Ausetanischen Gebiete mit den Celtiberern einige glückliche Gefechte, und eroberte mehrere Städte, welche sie hier befestigt hatten. Im jenseitigen Spanien ging für dieses Jahr Alles friedlich ab, weil der consularische Stellvertreter Publius Semproniusproconsul]. – Ich übersetze dies Wort hier und bei dem A. Terentius durch Stellvertreter, weil beide nicht Proconsuln, sondern als gewesene Prätoren jetzt Proprätoren waren; sie handelten aber pro consule. in eine langwierige Krankheit verfiel, und glücklicher Weise die Lusitanier, da sie niemand reizte, sich ruhig verhielten. Auch in Ligurien verrichtete der Consul Quintus Fabius nichts Denkwürdiges. Marcus Marcellus, den man aus Istrien abrief, kehrte nach Entlassung seines Heers, um die Wahlversammlungen zu halten; nach Rom zurück. Unter seinem Vorsitze wurden Cneus Bäbius Tamphilus und Lucius Ämilius Paullus zu Consuln gewählt. Dieserhic aedilis curulis fuerat]. – B. XXXV. Cap. 10. im J. R. 559. – Livius sagte von ihm 39, 32., er sei im J. 567 schon vetus candidatus gewesen et ab repulsis – debitum honorem repetens.. Hier gibt er uns dazu die Nachweisung. war mit dem Marcus Ämilius Lepidus Curulädil gewesen; jetzt war es schon das fünfte Jahr nach dem Consulate des Lepidus, und selbst dieser war erst nach zweimaliger Abweisung Consul geworden. Dann wurden 83 zu Prätoren gewählt Quintus Fulvius Flaccus, Marcus Valerius Lävinus, Publius Manliusiterum]. – Daß dies damals nichts Seltenes gewesen sei, zeigt Duker in mehreren Beispielen. zum zweiten Male, Marcus Ogulnius Gallus, Lucius Cäcilius Denter, Cajus Terentius Istra. Am Ende des Jahrs war auf Veranlassung der Schreckzeichen ein Bettag, weil man allgemein glaubte, es habe zwei Tage nach einander auf dem Concordienplatze Blut geregnet, zugleich weil man erfahren hatte, in der Nähe von Sicilien sei eine Insel, die vorher noch nicht da war, neu aus dem Meere hervorgegangen. Nach der Angabe des Valerius von Antium starb Hannibal zwar in diesem Jahre; doch setzt er hinzu, man habe außer dem Titus Quinctius Flamininus, dessen Name hiebei allgemein genannt wird, auch den Lucius Scipio Asiaticus und den Publius Scipio Nasica als Gesandte zu diesem Zwecke an den Prusias abgehen lassen.

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