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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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49. Das Gerücht durchlief die ganze Stadt. Lobsprüche erhoben die Fabier zum Himmel. «Ein Geschlecht,« hieß es, «habe die Last des States auf sich genommen: der Vejentische Krieg sei zu einem Privatgeschäfte, zu einem Privatkriege geworden. Wären in der Stadt noch zwei Familien von eben der Stärke, und die eine erbäte sich die Äquer, die andre die Volsker, so könnten die benachbarten Völker sämtlich unterjocht werden, während das Römische Volk in tiefem Frieden feiere.»

177 Den Tag darauf griffen die Fabier zu den Waffen und versammelten sich auf dem bestimmten Platze. Als der Consul im Feldherrnpurpur zu ihnen hinaustrat, erblickte er auf seinem Vorhofe seinen ganzen Stamm gerüstet und gestellt. Sie nahmen ihn in die Mitte und er gab den Befehl zum Aufbruche. Nie zog ein Heer durch die Stadt, kleiner an Zahl und durch den Ruf und die allgemeine Bewunderung gepriesener. Dreihundert und sechs Krieger, alle von Adel, alle aus Einem Stamme, deren Jeden der musterhafteste Senat – man denke ihn sich, in welche Zeiten man will – gern als sein Oberhaupt angenommen haben würde, schritten einher und droheten von der Kraft Eines Geschlechts dem Vejentischen Volke Verderben. Hinter ihnen her zog ein Schwarm, theils eigenes Gefolges von Verwandten und Freunden, die über jede mittelmäßige Hoffnung oder Sorge hinaus, lauter Großthaten im Sinne hatten; theils aus dem Volke, durch Theilnahme herbeigezogen, und vor Liebe und Bewunderung außer sich. «Gehet die Bahn der Helden!» riefen sie ihnen zu: «gehet sie glücklich! Krönet eure Unternehmung mit entsprechendem Erfolge! Von uns habt ihr einst Consulate, Triumphe, alle möglichen Belohnungen und Ehrenstellen zu erwarten.» So wie der Zug am Capitole und der Burg und andern Tempeln vorüberging, fleheten die Leute zu den Göttern, wie sie ihren Augen oder Gedanken begegneten, sie möchten doch diese Schar mit Segen und Gedeihen begleiten, und sie bald wohlbehalten ins Vaterland zu den Ihrigen zurückführen.

Alle diese Gebete blieben unerhört. Die Fabier zogen den Weg des Unglücks durch den rechten Schwibbogen des Carmentalischen Thors, und kamen an den Fluß Cremera. Hier wählten sie einen schicklichen Platz, ihr Kohr zu verschanzen.

Darauf wurden Lucius Ämilius und Cajus Servilius Consuln. So lange es bloß bei Verheerungen blieb, waren die Fabier nicht allein stark genug, ihren Posten zu behaupten, sondern in der ganzen Gegend, wo das Tuskerland an das Römische gränzt, gewährten sie, durch ihre 178 Streifereien auf beiderlei Gebiete, dem ihrigen völlige Sicherheit und machten das feindliche unsicher. Dann wurden die Verheerungen auf kurze Zeit unterbrochen, in welcher theils die Vejenter mit einem in Hetrurien aufgebotenen Heere den Posten am Cremera bestürmten; theils die Römischen Legionen, vom Consul Lucius Ämilius herbeigeführt, mit den Hetruskern in einem Treffen zusammengeriethen. Wiewohl man den Vejentern kaum die Zeit ließ, ihre Schlachtordnung zu richten. So völlig benahm ihnen noch während der ersten Verwirrung, indem sie den Fahnen folgend sich in Glieder stellten und die Hintertreffen aufpflanzten, der plötzliche Einbruch der Römischen Reuterei in ihre Flanke, nicht allein die Möglichkeit, das Treffen anzufangen, sondern selbst, Stand zu fassen. Bis Saxa Rubra (an die rothen Felsen), wo sie ihr Lager hatten, zurückgeschlagen, baten sie demüthig um Frieden. Sie erhielten ihn, brachen ihn aber mit dem ihnen eignen Wankelmuthe, ehe noch der Römische Posten vom Cremera abgeführt war.

50. Der Kampf der Fabier mit dem Vejentischen Volke begann, ohne weitere größere Zurüstung zum Kriege, von neuem; und es gab nicht bloß Streifzüge in das feindliche Gebiet, oder unvorbereitete Angriffe von Seiten der Streifpartei, sondern es kam mehrmals in freiem Felde, Linie gegen Linie, zur Schlacht; und dies einzige Geschlecht des Römischen Volks trug oft über den, den damaligen Zeiten nach, so mächtigen Hetruskischen Stat den Sieg davon.

Anfangs sahen die Vejenter hierin nur die Kränkung und den Schimpf. Dann aber leitete sie die Sache selbst auf den Entwurf, dem übermüthigen Feinde einen Hinterhalt zu legen; ja sie freuten sich, daß die Fabier durch ihr vieles Glück immer kühner wurden. Theils also wurden den Plündernden mehrmals Viehheerden entgegengetrieben, als stießen ihnen diese zufällig auf; theils ließen die flüchtenden Landleute weit und breit die Dörfer leer; theils nahmen die bewaffneten Bedeckungen, die der Verheerung zu steuern abgeschickt waren, öfter aus 179 verstellter, als aus wahrer Furcht, die Flucht. Und schon verachteten die Fabier ihren Feind so sehr, daß sie glaubten, er könne ihren unbesiegbaren Waffen an keinem Orte, unter keinerlei Umständen, widerstehen.

Diese Zuversicht verleitete sie, auf eine weit vom Cremera erblickte Heerde, von der sie durch eine große Ebene geschieden waren, hinabzustürzen, ob sich gleich hie und da einige bewaffnete Feinde sehen ließen. Als sie ohne Vorsicht in vollem Laufe über den zu beiden Seiten ihres Weges gelegten Hinterhalt hinausgeeilt waren, und nach allen Seiten auf den Raub des Viehes aus einander sprengten, das von Schrecken gescheucht gewöhnlich sich zerstreut; so erfolgte plötzlich aus dem Hinterhalte ein allgemeiner Aufbruch, und vor sich, und auf allen Seiten hatten sie Feinde.

Zuerst schreckte sie das rundum ertönende Geschrei; dann kamen Pfeile aus allen Gegenden geflogen: und wie sie, als die Hetrusker sich schlossen, schon von einem zusammenhängenden Heerhaufen umringt waren, sahen sie, je stärker der Feind eindrang, sich ebenfalls gezwungen, einen so viel engeren Kreis zu schließen. Dadurch wurde zugleich ihre geringe Anzahl und die Menge der Hetrusker so viel sichtbarer, bei denen sich auf dem engen Raume die Zahl der Glieder vervielfachte. Folglich wandten sich die Fabier, mit Aufgebung des Gefechts, das sie gegen alle Seiten zugleich angefangen hatten, zusammen auf Einen Punkt. Gegen diesen mit Körper und Waffen andrängend, erbrachen sie sich im Keile einen Ausweg. Er führte sie auf einen mäßig erhabenen Hügel. Hier hielten sie zuerst wieder Stand, und kaum, daß ihnen der höhere Ort von neuem zu athmen verstattete und von einer so großen Bestürzung sich zu erholen, so schlugen sie auch die Heraufrückenden ab; und von ihrem Standorte begünstigt würden die Wenigen gesiegt haben, hätten nicht die Vejenter durch Umgehung des Hügels den Gipfel erstiegen. So bekam der Feind von neuem die Oberhand.

Die Fabier wurden alle bis auf den letzten Mann niedergemacht und ihre Verschanzung genommen. Man 180 stimmt darin überein, daß ihrer dreihundert und sechs gefallen sind, und nur ein Einziger, noch unerwachsen, übrig blieb, der Stammhalter des dazu bestimmten Fabischen Geschlechts, in mißlichen Umständen des Römischen Volks, mehr als einmal im Frieden und Kriege dessen größte Stütze zu werden.

51. Als diese Niederlage die Römer traf, waren schon Cajus Horatius und Titus Menenius Consuln. Gegen die auf ihren Sieg stolzen Tusker wurde sogleich Menenius geschickt. Auch dasmal lief die Schlacht unglücklich ab, und die Feinde eroberten das Janiculum: ja die Stadt, die außer dem Kriege noch durch Hungersnoth litt, würde eingeschlossen sein; denn die Hetrusker waren über die Tiber gegangen; hätte man nicht den Consul Horatius aus dem Volskerlande zurückgerufen: und dieser Krieg kam den Mauern selbst so nahe, daß man sich zuerst beim Tempel der Hoffnung schlug, und zwar mit gleichem Glücke; dann am Collinischen Thore. War hier gleich auf Seiten der Römer der Vortheil nur von geringem Ausschlage, so machte doch dies Treffen den Soldaten, dem es seinen alten Muth wieder gab, auf künftige Schlachten besser.

Aulus Virginius und Spurius Servilius wurden Consuln. Nach der Niederlage in der letzten Schlacht vermieden die Vejenter ein Treffen. Doch plünderten sie, und thaten als von einer Burg herab, vom Janiculum nach allen Seiten Ausfälle ins Römische Gebiet: nirgends waren die Heerden, noch die Landleute sicher. Endlich wurden sie durch eben die List gefangen, womit sie die Fabier gefangen hatten. Da sie den Heerden nachsetzten, die ihnen geflissentlich hie und da zur Lockspeise vorgetrieben wurden, so fielen sie in einen Hinterhalt. Je zahlreicher sie waren, desto mehr wurden ihrer zusammengehauen.

Ihre wüthende Erbitterung über diesen Verlust war die Veranlassung und Einleitung zu einer noch größern Niederlage. Sie setzten nämlich bei Nacht über die Tiber, und wagten es, das Lager des Consuls Servilius zu 181 bestürmen. Mit großem Verluste zurückgeschlagen, retteten sie sich mit genauer Noth in das Janiculum.

Sogleich setzte der Consul ebenfalls über die Tiber und schlug unter dem Janiculum ein festes Lager auf. Freilich auch durch sein Glück im gestrigen Treffen dreist gemacht, mehr aber noch, weil ihn der Mangel an Lebensmitteln zu Entwürfen verleitete, – mochten sie gewagt sein, wenn sie nur schneller wirkten, – ließ er sein Heer auf gut Glück, grade zum Janiculum bergauf, vor das feindliche Lager rücken; und schimpflicher zurückgeschlagen, als Tags zuvor die Feinde von ihm, verdankte er seine und seines Heeres Rettung der Dazwischenkunft seines Amtsgenossen. Hier wurden die Hetrusker zwischen zwei Heeren, denen sie wechselsweise den Rücken kehrten, sämtlich niedergehauen. So tilgte eine glückliche Unbesonnenheit den Vejentischen Krieg.

52. Mit dem Frieden bekam die Stadt auch einen erleichterten Kornpreis wieder, theils weil man aus Campanien Zufuhr von Getreide hatte, theils weil jeder, sobald die Furcht vor künftigem eignen Mangel schwand, seine verborgenen Vorräthe aufthat. Nun stellte sich bei Überfluß und Muße der Übermuth wieder ein, und man trieb die alten Übel, weil es von außen daran gebrach, im Innern wieder auf. Durch ihr Zaubermittel, den Vorschlag der Landvertheilung, setzten die Tribunen den Bürgerstand in Bewegung; hetzten ihn dann auf die sich widersetzenden Väter, und nicht bloß gegen diese im Ganzen, sondern auch gegen einzelne. Quintus Considius und Titus Genucius, die Erneurer des Vorschlages, die Äcker zu theilen, setzten dem Titus Menenius einen Gerichtstag. Sie machten ihm einen Vorwurf aus dem Verluste des Kohrs am Cremera, weil er als Consul nicht weit davon sein Lager gehabt habe. Ihn richteten sie zu Grunde. Da sich die Väter für ihn eben so eifrig bemüheten, als für den Coriolanus, auch die Liebe für seinen Vater Agrippa noch nicht erloschen war, so milderten die Tribunen die Strafe. Ob sie ihn gleich auf das Leben angeklagt hatten, setzten sie ihm dennoch, als er verurtheilt 182 wurde, eine Geldstrafe, zu zweitausend KupferassEtwa 60 Gulden Conv.M.. Dies brachte ihm den Tod. Man sagt, er erlag dem Schimpfe und Grame; fiel in eine Krankheit und starb.

Ein neuer Beklagter, Spurius Servilius, dem die Tribunen Lucius Cäditius und Titus Statius, sobald er vom Consulate abging, unter den Consuln Cajus Nautius und Publius Valerius gleich im Anfange des Jahrs einen Gerichtstag ansetzten, stellte den tribunicischen Angriffen nicht, wie Menenius, seine eignen, oder der Väter Bitten entgegen, sondern ein dreistes Vertrauen auf seine Unschuld und guten Namen. Auch ihm legte man die Schlacht mit den Tuskern, am Janiculum, zur Last. Er aber, eben so, wie vorhin bei der Gefahr des Stats, jetzt in seiner eigenen der Mann von glühendem Muthe, sprengte die Gefahr durch seine Kühnheit, indem er nicht bloß die Tribunen, sondern den ganzen Bürgerstand, in einer Rede voll Feuer zu Paren trieb, und ihnen die Verdammung und den Tod des Titus Menenius vorwarf, da es doch das Werk seines Vaters sei, daß die Bürgerlichen, einst von ihm in die Stadt wieder eingesetzt, grade diese Obrigkeit, durch die sie jetzt so unbändig waren, und diese gesetzlichen Vorrechte bekommen hatten. Zugleich unterstützte ihn sein Mitconsul Virginius, als vorgeführter Zeuge, dadurch, daß er ihn an seinem eignen Ruhme Theil nehmen ließ; noch mehr aber kam ihm die Verurtheilung des Menenius zu statten: so ganz anders dachte man über diesen jetzt.

53. Die innern Streitigkeiten hatten ein Ende: da brach ein Krieg mit den Vejentern aus, mit denen sich die Sabiner vereinigt hatten. Der Consul Valerius, der nach Einberufung der Hülfstruppen aus den Latinern und Hernikern, mit einem Heere nach Veji geschickt wurde, griff das Lager, welches die Sabiner vor den Mauern ihrer Bundsgenossenstadt aufgeschlagen hatten, sogleich an, und machte dadurch ihre Verwirrung so allgemein, daß er, während sie zerstreut in Haufen aus allen Thoren eilten, um den Feind abzutreiben, sich des Thores, auf welches er 183 den ersten Angriff gethan hatte, bemächtigte. Nun erfolgte im Lager selbst mehr ein Gemetzel, als Kampf. Aus dem Lager drang das Getümmel in die Stadt, und mit einer Bestürzung, als wäre Veji schon erobert, liefen die Vejenter zu den Waffen. Ein Theil zog den Sabinern zu Hülfe; ein andrer griff die Römer an, die mit ganzer Macht das Lager stürmten. Jetzt mußten sie dies ein Weilchen aufgeben und kamen aus der Ordnung. Bald aber wandten auch sie sich gegen beide Theile und widerstanden; und die vom Consul auf den Feind gelassene Reuterei schlug die Tusker völlig. So gab ein entscheidender Augenblick den Sieg über zwei Heere und die beiden mächtigsten und größten Nachbarstaten.

Während dieser Vorfälle bei Veji hatten sich die Volsker und Äquer im Latinerlande gelagert und dort geplündert. Die Latiner, ohne einen Feldherrn oder Hülfe von Rom abzuwarten, nahmen ihnen mit Hülfe der Herniker ihr Lager, und fanden hier, außer ihrem wieder gewonnenen Eigenthume, große Beute. Dennoch schickte man von Rom den Consul Cajus Nautius ins Volskerland. Ich glaube, man wollte es nicht zur Sitte werden lassen, daß die Bundesgenossen ohne ein Römisches Haupt und Heer aus eigner Macht und nach ihren Planen Kriege führten. Aller nur mögliche Schaden und Hohn wurde den Volskern angethan, und doch konnte man sie nicht dahin bringen, eine Schlacht zu wagen.

54. Darauf wurden Lucius Furius und Cajus Manlius Consuln. Dem Manlius bestimmte das Los die Vejenter; doch kam es nicht zum Kriege. Auf ihre Bitte wurde ihnen ein Waffenstillstand auf vierzig Jahre bewilligt, und eine Lieferung an Korn und Geld auferlegt.

An den Frieden von außen reihete sich sogleich der Zwist im Innern. Von den Tribunen durch den Vorschlag der Landvertheilungen gespornt, war der Bürgerstand in Aufruhr. Die Consuln, ohne sich im mindesten durch die Verurtheilung des Menenius, oder die Gefahr des Servilius abschrecken zu lassen, widersetzten sich aus allen Kräften. Sobald sie ihr Amt niederlegten, belangte sie der 184 Bürgertribun Cneus Genucius. Lucius Ämilius und Opiter Virginius traten das Consulat an.

In einigen Jahrbüchern finde ich statt des Virginius einen Julius Vopiscus als Consul aufgeführt. In diesem Jahre – was für Consuln es gehabt haben mag – gingen die vor dem Volke angeklagten Furius und Manlius in kläglichem Aufzuge eben sowohl bei den jüngern Vätern, als bei den Bürgerlichen umher. Jenen riethen sie warnend: «Sie möchten sich der Ehrenämter und der Verwaltung des Stats enthalten: möchten die consularischen Ruthenbündel, den verbrämten Rock und den Thronsessel für nichts anders, als Prunkstücke ihres Leichenzuges ansehen. Mit diesen glänzenden Ehrenzeichen gleich als mit Opferbinden behangen, würden sie zum Tode ausersehen. Wenn etwa das Consulat so große Reize für sie habe, so möchten sie noch jetzt sich davon überzeugen, daß eben dies Consulat von der tribunicischen Gewalt bezwungen und niedergedrückt sei. Ein Consul müsse, gleich dem tribunicischen Gerichtsdiener, in allen Stücken nach dem Winke und Befehle des Tribuns handeln. Wenn er sich rühre, wenn er Rücksicht auf die Väter nehme, wenn er glaube, im State gebe es auch noch Andre, als bloß Bürgerliche, so möge er sich die Verbannung eines Cajus Marcius (Coriolanus), die Verurtheilung und den Tod eines Menenius als sein Ziel vorstellen.»

Entflammt durch diese Ausdrücke hielten die Väter ihre Berathschlagungen nicht öffentlich, sondern in Privathäusern und so, daß nur wenigen Mitwissern der Zutritt gestattet war.

Und da man hier völlig darin überein kam, daß man die Beklagten retten müsse, sei es auf dem Wege Rechtens oder mit Gewalt, so fand auch jedes vorgeschlagene Mittel, je härter es war, desto mehrern Beifall; und selbst der noch so verwegenen That fehlte es nicht am Thäter.

Wie also am Gerichtstage die Bürger, vor Erwartung gespornt, auf dem Platze standen, so nahm es sie anfangs Wunder, daß der Tribun nicht herabkam. Als sein Ausbleiben schon einigermaßen verdächtig wurde, glaubten 185 sie, er habe sich von den Großen schrecken lassen und brachen in Klagen aus, daß er die Sache Aller im Stiche lasse und preisgebe. Endlich brachten Leute, welche näher an die Hausthür des Tribuns gegangen waren, die Nachricht, man habe ihn in seinem Hause todt gefunden. Sobald sich dies Gerücht durch die ganze Versammlung verbreitete, liefen Alle, wie ein Heer sich zerstreut, dem der Feldherr fiel, nach allen Seiten aus einander. Der größte Schrecken aber befiel die Tribunen, die der Tod ihres Amtsgenossen belehrte, wie wenig Schutz ihnen die beschwornen GesetzeSiehe oben Cap. 33. gewährten. Die Väter hingegen mäßigten theils ihre Freude nicht gehörig, theils suchten sie alle sich der That so wenig zu entziehen, daß sogar die Schuldlosen dafür angesehen sein wollten, sie gethan zu haben, und laut gesagt wurde: Die tribunicische Gewalt wolle nun einmal durch schlimme Mittel gebändigt sein.

55. Unmittelbar nach diesem Siege, der ein so verderbliches Beispiel gab, kam der Befehl, eine Werbung zu halten; und weil die Tribunen noch vor Schrecken bebten, unterzogen sich ihr die Consuln ohne alle Einsage. Nun vollends wurden die Bürgerlichen unwillig, mehr über die schweigenden Tribunen, als über die ihre Macht ausübenden Consuln. Sie sagten: «Es sei um ihre Freiheit geschehen; es sei wieder so, wie ehemals; mit dem Genucius sei zugleich die tribunicische Gewalt gestorben und begraben. Man müsse andre Maßregeln ergreifen und darauf denken, wie man den Vätern widerstehen möge. Hier sei kein andrer Rath, als daß der Bürgerstand, weil er nirgend andre Hülfe sähe, sich selbst vertheidige. Nur vier und zwanzig Gerichtsdiener ständen den Consuln zu Gebote, und noch dazu lauter Bürgerliche; ein sehr verächtlicher, ein sehr schwacher Schutz, sobald er seine Verächter finde. Das Große, das Furchtbare hierin schaffe sich ein Jeder selbst.»

Als sie durch Zuruf dieser Art einer dem andern Muth gemacht hatten, befahlen die Consuln einem 186 Gerichtsdiener, sich an den Publius Volero zu machen, einen Bürgerlichen, welcher behauptete, er brauche nicht Soldat zu werden, weil er Hauptmann gewesen sei. Volero nahm die Tribunen in Ansprache. Da ihm aber keiner von ihnen zu Hülfe kam, befahlen die Consuln, dem Menschen die Kleider abzureißen und die Ruthenbündel zu öffnen. «So wende ich meine Ansprache,» rief Volero, «an das Gesamtvolk! weil die Tribunen lieber einen Römischen Bürger vor ihren Augen mit Ruthen hauen lassen, als sich in ihrem Bette von euch ermorden lassen wollen.»

Je trotziger er schrie, je eifriger zerrte und riß der Gerichtsdiener ihm am Rocke. Da erwehrte sich Volero, theils selbst ein starker Mann, theils durch die zu Hülfe gerufenen, des Dieners; warf sich dorthin in das dichteste Gedränge, wo er die, die aus Unwillen sich laut für ihn erklärten, am heftigsten schreien hörte, und wiederholte schreiend: «Ich spreche das Volk an, und flehe zum gantzen Bürgerstande um Schutz. Mitbürger, zu Hülfe! zu Hülfe, ihr Waffenbrüder! Auf die Tribunen dürft ihr nicht warten, die eurer Hülfe selbst nöthig haben.»

Die zusammengeströmte Menge machte sich fertig, gleichsam zur Schlacht; man sah, sie würden Alles aufs Spiel setzen, und keinem weder öffentliche, noch persönliche Rechte heilig sein. Als sich nun die Consuln diesem so großen Sturme aussetzten, so machten sie bald die Erfahrung, daß Hoheit ohne Stärke sich nicht gehörig schützen könne. Man mishandelte ihre Diener, zerbrach die Ruthenbündel: sie selbst wurden vom Markte in das Rathhaus gejagt, ungewiß, wie weit Volero seinen Sieg verfolgen werde. Als endlich der Lärmen schwieg und sie den Senat hatten berufen lassen, beklagten sie sich über ihre erlittenen Kränkungen, über die Gewaltthätigkeiten der Bürgerlichen, über Volero's Frechheit. Viele stimmten für heftige Maßregeln: allein die von reiferem Alter behielten die Oberhand, die ihr Misfallen darüber bezeigten, wenn der Unbesonnenheit des Bürgerhaufens der Senat von seiner Seite mit Heftigkeit begegne.

56. Die Bürgerlichen machten den Volero, dem sie 187 ihre ganze Liebe schenkten, am nächsten Wahltage zum Bürgertribun, auf das Jahr, welches den Lucius Pinarius und Publius Furius zu Consuln hatte. Und gegen die allgemeine Erwartung, da man nicht anders geglaubt hatte, als daß er alle Kräfte seines Tribunats aufbieten werde, die Consuln des vorigen Jahres zu kränken, setzte er seinen Privatverdruß dem allgemeinen Besten nach, und ohne die Consuln mit einem Worte zu beleidigen, that er bloß dem Volke den Vorschlag, daß man sich zur Wahl der Obrigkeiten vom Bürgerstande nur nach den Bezirken versammeln solle. Unter diesem dem ersten Anscheine nach nichts weniger als furchtbaren Titel trug er auf eine Einrichtung an, die ganz und gar nicht geringfügig war, sondern den Patriciern alle Gelegenheit benahm, durch die Stimmen ihrer Schutzgenossen die zu Tribunen zu wählen, welche sie selbst wünschtenDenn auf den Wahltagen nach Classen und Centurien stimmten die Vornehmen zuerst und an die Bürgerlichen kam es nie. S. B. I. C. 43. nach der Mitte. Die Wahlen nach Curien hingen auch von der Zustimmung der Vögel ab, die in den Händen der Patricier war. Allein die vom Volero bewerkstelligte Wahl nach Bezirken wurde ohne alle Auspicien angestellt und die Bürger stimmten Mann vor Mann..

Freilich widersetzten sich die Väter dieser den Bürgerlichen höchst willkommnen Verhandlung aus allen Kräften; allein weder die Consuln, noch die Ersten des Senats vermochten über irgend einen von den sämtlichen Tribunen so viel, daß er Einsage gethan hätte; das einzige Mittel, ihren Widerstand wirksam zu machen: und dennoch verzog sich die Sache, deren Veranstaltung ohnehin ihre Schwierigkeiten hatte, über die Streitigkeiten ein ganzes Jahr.

Die Bürgerlichen machten ihren Volero wieder zum Tribun. Die Väter, die einen äußerst heftigen Kampf erwarteten, machten den Appius Claudius, des Appius Sohn, zum Consul, der schon seit den Streitigkeiten seines Vaters dem Bürgerstande verhaßt und aufsätzig war. Zum Gehülfen bekam er den Titus Quinctius.

Gleich mit dem Anfange des Jahrs ging die Verhandlung über jenen Vorschlag allen andern vor. Hatte Volero 188 das Verdienst, ihn zuerst gethan zu haben; so verfocht ihn sein Gehülfe, Lätorius, mit neuem Muthe und Feuer. Sein Kraftgefühl stützte sich auf seinen großen Kriegsruhm, weil ihn niemand von seinen Jahren an Thaten des Arms übertraf. Volero ließ sich auf weiter nichts ein, als seinen Vorschlag, und enthielt sich aller Ausfälle auf die Consuln. Er hingegen begann mit Angriffen auf Appius und dessen Geschlecht, als lauter Tyrannen und Verfolger des Römischen Bürgerstandes; behauptete, im Appius hätten die Väter keinen Consul, sondern einen Henker gewählt, die Bürgerlichen zu martern und zu zerfleischen; und da versagte die bei dem bloßen Krieger ungeübt gebliebene Sprache seinem freimüthigen und kühnen Geiste den Ausdruck. Wie er also in seiner Rede stecken blieb, sprach er: «Weil ich nicht so fertig in Worten bin, ihr Quiriten, als ich mein Wort zu halten pflege, so seid morgendes Tages hier. Ich will entweder hier vor euren Augen das Leben lassen, oder den Vorschlag durchsetzen.»

Am folgenden Tage setzten sich die Tribunen früh genug in Besitz der Rednerbühne. Die Consuln und der Adel, die den Vorschlag bestreiten wollten, standen unten in der Versammlung. Da befahl Lätorius, jeden wegzupeitschen, der keine Stimme zu geben habe. Die Jünglinge von Adel standen, ohne dem Amtsboten zu weichen. Da wollte Lätorius einige greifen lassen. Dagegen behauptete der Consul Appius, «das Recht eines Tribuns erstrecke sich über niemand, als über Bürgerliche. Das Tribunat sei nicht Obrigkeit des Gesamtvolkes, sondern des Bürgerstandes. Und selbst diese Obrigkeit des Gesamtvolks könne nach altem Herkommen niemand befehlsweise wegschaffen; weil es jedesmal heiße: Wenn es euch gefällig ist, ihr Quiriten, so tretet ab.» Die Gewandheit, mit der er, und zwar so verächtlich, von dem Rechte des Tribuns sprach, mußte den Lätorius aus der Fassung bringen. Glühend vor Zorn schickte der Tribun seinen Amtsboten auf den Consul, der Consul seinen Gerichtsdiener auf den Tribun, indem er diesen laut für einen Privatmann erklärte, der keinen Oberbefehl, keine Amtswürde habe: 189 und der Tribun würde gemishandelt sein, wäre nicht für ihn die ganze Versammlung tobend gegen den Consul aufgestanden und die aus der ganzen Stadt herbeiströmende Menge auf den Markt zusammengelaufen.

Dennoch trotzte Appius mit Hartnäckigkeit einem so großen Sturme; und es wäre zu einem blutigen Gefechte gekommen, hätte nicht der andre Consul, Quinctius, einigen Consularen den Auftrag gegeben, seinen Amtsgenossen, wenn sie nicht anders könnten, mit Gewalt vom Gerichtsplatze abzuführen, und in eigner Person hier die aufgebrachten Bürger durch seine Bitten besänftigt, dort die Tribunen gebeten, die Versammlung zu entlassen. «Sie möchten ihrem Zorne Frist geben. Die Zeit werde ihnen nichts an ihrer Kraft entziehen, sondern sie durch planmäßiges Verfahren noch verstärken. Die Väter würden sich dem Willen des Gesamtvolkes fügen, so wie der Consul dem Willen der Väter.»

57. Mit Mühe beruhigte Quinctius die Bürger, mit ungleich größerer die Väter den andern Consul. Als endlich die Volksversammlung entlassen war, hielten die Consuln Senat. Hier wechselten anfangs widersprechende Meinungen, je nachdem Furcht oder Zorn sie eingegeben hatte: je mehr sie indeß durch die Dazwischenkunft der Zeit von der Hitze zu Berathschlagungen übergingen, um so viel mehr verging ihnen die Lust zum Kampfe, so daß sie dem Quinctius dafür Dank abstatteten, daß er durch seine Einwirkung den Zwist gemildert habe. Den Appius ersuchte man, «er möge sichs gefallen lassen, daß die consularische Majestät so groß sei, als es mit der Eintracht im State bestehen könne. Darüber, daß Tribunen und Consuln, jeder auf seiner Seite, Alles an sich rissen, sei der Vereinigungspunkt der Kräfte verloren gegangen. Man bekümmere sich mehr darum, in wessen Händen der Stat sei, wenn auch noch so sehr zerstückelt und zerrissen, als, ob er im Wohlstande sei.»

Dagegen rief Appius Götter und Menschen zu Zeugen, «daß das allgemeine Beste aus Feigheit verrathen und preisgegeben werde. Der Consul lasse nicht den 190 Senat, wohl aber der Senat den Consul im Stiche. Man lasse sich härtere Gesetze gefallen, als einst auf dem heiligen Berge.» Doch von den Vätern überstimmt schwieg er, und der Vorschlag ging ohne alle Störung durch.

58. Jetzt also wurden zum erstenmale Tribunen nach Stimmen der Bezirke gewählt. Piso meldet, die Zahl sei auch um drei vermehrt worden, als ob vorher nur Zwei gewesen wären. Auch macht er diese Tribunen namhaft, den Cajus Sicinius, Lucius Numitorius, Marcus Duilius, Spurius Icilius, Lucius Mäcilius.

Während der Uneinigkeit in Rom entstand ein Volsker- und Äquerkrieg. Sie hatten im Lande geplündert, um dem Volke, wenn es etwa auswandern sollte, Gelegenheit zu geben, sich zu ihnen zu schlagen. Als aber die Sache beigelegt war, zogen sie sich mit ihrem Lager zurück.

Gegen die Volsker zog Appius Claudius: die Äquer bestimmte das Los dem Quinctius.

Die Härte des Appius, die im Felde dieselbe blieb, wie zu Hause, war hier noch ungebundener, wo kein Tribun sie beschränkte. Sein Haß gegen die Bürgerlichen war mehr noch, als bloßes Erbstück vom Vater. «Er selbst sei von ihnen besiegt. Man habe ihn, einen so ausgesuchten Consul, der tribunicischen Gewalt entgegengestellt, und dennoch sei ein Vorschlag durchgegangen, den die vorigen Consuln mit minderem Kraftaufwande, bei weit geringerer Erwartung der Väter, verhindert gehabt hätten.» Dieser Groll, dieser Verdruß wurde für den stolzen Mann ein Sporn, seine Soldaten durch Härte seines Oberbefehls zu quälen; und dennoch ließen sie sich durch keine Gewalt bändigen, so tief waren sie vom Geiste der Widersetzlichkeit durchdrungen. Unlustig, saumselig, nachlässig, widerspänstig waren sie in allem Thun, und weder Scham noch Furcht hielt sie in Ordnung. Befahl er geschwinderen Schritt, so gingen sie geflissentlich langsamer: sah er ihren Arbeiten als Ermunterer zu, so ließen alle in dem von selbst bewiesenen Fleiße nach. War er zugegen, so sahen sie vor sich nieder: ging er vorüber, so fluchten sie ihm insgeheim; so daß der von keinem Bürgerhasse gebeugte Starrkopf oft nicht ohne Empfindung blieb. Nachdem er alle Härte vergeblich angewandt hatte, ließ er sich selbst gar nicht mehr mit den Soldaten ein; sagte, die Hauptleute hätten das Heer verdorben, und nannte sie spottweise Bürgertribunen, zuweilen auch Voleronen.

59. Die Volsker wußten dies alles, und drangen so viel ernstlicher vor, weil sie hofften, das Römische Heer werde gegen den Appius dieselbe Widersetzlichkeit beweisen, die es gegen den Consul Fabius bewiesen habeSiehe Cap. 43. gegen das Ende.. Allein es ließ sie gegen den Appius zu einem weit heftigern Ausbruche kommen, als gegen den Fabius. Denn es wollte nicht allein nicht siegen, wie das Fabische Heer, sondern es wollte sich besiegen lassen. In die Linie vorgeführt, eilte es in schimpflicher Flucht dem Lager zu und hielt nicht eher Stand, als bis es die Volsker gegen seine Verschanzungen anrücken und das scheußliche Gemetzel in seinem Nachtrabe sah. Dies zwang sie zu thätiger Gegenwehr, um den siegenden Feind wenigstens vom Walle abzutreiben: doch sah man deutlich, der Römische Soldat habe nur sein Lager nicht erobern lassen wollen, freue sichIch lese nach einer Handschrift bei Drakenborch statt alii alioquin, und lasse das Punctum vor alioquin weg. aber übrigens seiner Niederlage und seines Schimpfes.

Appius, dessen Starrsinn hiedurch im mindesten nicht gebrochen wurde, wollte noch oben ein wüthen und berief eine Versammlung: da eilten die Unterfeldherren und Obersten zu ihm, und warnten ihn, «er möge seinen Oberbefehl, dessen ganze Kraft auf der Beistimmung der Gehorchenden beruhe, nicht geradezu aufs Spiel setzen. Die Soldaten versicherten durchgehends, sie würden nicht zur Versammlung kommen, und man höre sie hin und wieder laut rufen: Das Lager müsse aus dem Volskerlande aufbrechen. – Der siegende Feind sei kurz zuvor beinahe schon in den Thoren und auf dem Walle gewesen; und jetzt stehe ein großes Unglück nicht etwa in der Vermuthung da, sondern als offenbarer Anblick vor Augen.»

192 Endlich gab er nach, – wiewohl der Soldat nichts, als Aufschub der Strafe, gewann – stand von der Versammlung ab, ließ den Aufbruch auf den folgenden Tag bekannt machen und mit frühem Morgen zum Abzuge blasen. Grade als sich der Zug aus dem Lager entwickelte, griffen die Volsker, die, wie leicht zu erachten, von eben dem Zeichen geweckt waren, den Nachtrab an. Das Getümmel, das von dort bis zum Vortrabe drang, brachte durch den Schrecken eine solche Unordnung unter die Fahnen und Glieder, daß man keinen Befehl hören, keine Schlachtordnung stellen konnte. Jeder dachte nur auf Flucht. Sie stürzten über zu Boden geworfene Menschen und Waffen so unaufgehalten fort, daß der Feind eher vom Verfolgen abließ, als der Römer von der Flucht.

Der Consul, der unter vergeblichem Umrufen seinen Leuten gefolgt war, nahm sein Lager, nachdem er endlich die Flüchtigen aus der Zerstreuung wieder gesammelt hatte, auf vaterländischem Boden, berief sie zur Versammlung, schalt mit Recht auf ein Kriegsheer, das die Kriegszucht verwahrloset, die Fahnen preisgegeben, und fragte jeden, wo er seine Fahne, seine Waffen gelassen habe. Dann ließ er die Soldaten ohne Waffen, die Fahnenträger ohne Fahne, und außer ihnen noch die Hauptleute und DoppellöhnerFür die spätern Zeiten könnte der Ausdruck: Doppelsöldner passen. Damals aber bekamen die ausgezeichnet Tapfern noch nicht doppelten Sold – denn es gab überhaupt keinen Sold: sondern doppelt so viel Getreide, als die andern., die ihrem Gliede entlaufen waren, mit Ruthen peitschen und enthaupten. Aus der übrigen Menge wurde jeder, den unter Zehen das Los traf, zur Todesstrafe gezogen.

60. Im Äquerlande hingegen wetteiferten Consul und Soldaten mit einander in Wohlwollen und Gefälligkeit. Quinctius war theils von Natur sanfter, theils bestimmte, ihn die unglückliche Härte seines Amtsgenossen, sich so viel lieber seinem Hange zu überlassen. Die Äquer, die es nicht wagten, sich einer so großen Einigkeit zwischen Feldherrn und Heere entgegen zu stellen, überließen ihr 193 Land dem Feinde, der umherziehend Beute machte, und sie hier in keinem der früheren Kriege so von allen Orten zusammengetrieben hatte. Sie wurde sämtlich den Soldaten gelassen. Hierzu kamen noch Lobsprüche, die den Krieger nicht weniger erfreuen, als der Gewinn.

Zufrieden mit seinem Feldherrn, und des Feldherrn wegen selbst mit den Vätern, kam das Heer zurück und erklärte, ihnen habe der Senat einen Vater, dem andern Heere, einen Zwingherrn gegeben.

Dies unter wechselndem Kriegsglücke, unter fürchterlichen Streitigkeiten in Rom und im Heere, verflossene Jahr zeichnet sich besonders durch das den Bezirken gegebene Wahlrecht aus; wobei gleichwohl der Sieg in dem darüber entstandenen Streite mehr Erwägung verdient, als der Vortheil. Denn durch die Ausschließung der Väter aus der Versammlung verlor der Wahltag mehr an Würde, als an Macht dem Bürgerstande zuwuchs, oder den Vätern entging.

61. Das folgende Jahr, unter den Consuln Lucius Valerius, Tiberius Ämilius, war noch stürmischer, theils durch die Streitigkeiten der Stände über den Vorschlag der Landvertheilungen, theils durch die Anklage des Appius Claudius, welchen Marcus Duilius und Cajus Sicinius vor Gericht forderten, weil er der heftigste Gegner des Vorschlages war und die Sache derer, welche die Statsländereien im Besitze hatten, gleichsam als dritter Consul, vertheidigte.

Nie war ein den Bürgerlichen so verhaßter Beklagter vor das Volksgericht gezogen, als er, beladen mit dem Grolle gegen ihn selbst, wie mit dem gegen seinen Vater. Auch gaben sich die Väter nicht leicht für irgend jemand so viele Mühe. «Der Verfechter des Senats, der Retter ihrer Majestät, der, allen tribunicischen und bürgerlichen Stürmen entgegengestellt, bloß das Maß im Streite überschritten habe, werde den erbitterten Bürgern preisgegeben.»

Nur Einer von den Vätern, Appius Claudius selbst, achtete die Tribunen, den ganzen Bürgerstand und seine 194 eigne Klagesache für nichts. Ihn konnten die Drohungen der Bürger, die Bitten des Senats durchaus nicht dazu vermögen, nicht nur sich in Trauerkleider zu setzen oder als Beklagter den Leuten die Hand zu drücken, sondern selbst, als er seine Sache vor dem Volke führen mußte, nicht einmal dahin, seinen gewöhnlichen strafenden Vortrag im mindesten zu mildern und herabzustimmen. Er trug sein Antlitz eben so hoch; dieselbe Festigkeit sprach aus seinem Blicke; derselbe Ton aus seiner Rede: so daß ein großer Theil der Bürger den angeklagten Appius eben so sehr fürchteten, wie sie ihn als Consul gefürchtet hatten. Einmal vertheidigte er sich, in demselben anklagenden Tone, der allen seinen Vorträgen eigen war, und setzte durch seine Standhaftigkeit die Tribunen und den ganzen Bürgerstand so in Staunen, daß sie ihm unaufgefordert den Gerichtstag weiter hinaus rückten, und dann sich die Sache verzögern ließen. Unterdeß verlief einige Zeit. Doch ehe der verlängerte Termin herankam, starb er an einer Krankheit. Versuchten es gleich die Bürgertribunen, seine Leichenrede zu hintertreiben, so wollten doch die Bürger dem Begräbnißtage eines so großen Mannes die hergebrachte Ehrenfeier nicht schmälern lassen: sie liehen seiner Lobrede im Tode ihr Ohr so gern, als der Anklage bei seinem Leben und machten seinen Leichenzug durch ihr zahlreiches Gefolge feierlich.

62. Da in eben diesem Jahre der Consul Valerius, der mit einem Heere gegen die Äquer gezogen war, die Feinde nicht zum Treffen bringen konnte, so wagte er einen Sturm auf ihr Lager. Diesen unterbrach ein schreckliches Gewitter, das mit Hagel und Donnerschlägen vom Himmel herabstürzte. Kaum war das Zeichen zum Rückzuge gegeben, so erfolgte, was die Römer noch weit mehr Wunder nahm, ein so mildes heiteres Wetter, daß sie sich ein Gewissen daraus machten, ein Lager abermals anzugreifen, das gleichsam durch göttliche Einwirkung vertheidigt wurde. Alle ihre Feindseligkeiten gingen nun auf Verheerung des Landes.

Der andre Consul Ämilius führte den Krieg im 195 Sabinerlande. Hier wurde eben so, weil der Feind in seinen Mauern blieb, das Land verwüstet. Durch das Niederbrennen ihrer Landhäuser, ja der volkreichsten Dorfschaften, zum Aufbruche vermocht, gingen endlich die Sabiner den verheerenden Feinden entgegen, und zogen sich, nach einem unentschiedenen Treffen, den Tag darauf mit ihrem Lager in eine sichrere Gegend zurück. Dadurch hielt sich der Consul berechtigt, den Feind als den Besiegten aufzugeben, ob er gleich bei seinem Abzug den Krieg unbeendet ließ.

63. Wahrend dieser Kriege, in denen die Uneinigkeit zu Hause fortdauerte, wurden Titus Numicius Priscus und Aulus Virginius Consuln. Länger schien der Bürgerstand den Aufschub der vorgeschlagenen Landvertheilung nicht gestatten zu wollen, und man machte sich zum heftigsten Kampfe fertig; als der Rauch der angezündeten Landgüter und die Flucht der Landleute von der Annäherung der Volsker Nachricht gab. Dies dämpfte den gereiften und beinahe schon ausbrechenden Aufruhr. Die Consuln, sogleich vom Senate zum Kriege aufgeboten, machten dadurch, daß sie mit den Dienstfähigen aus der Stadt zogen, auch die übrigen Bürger ruhiger. Die Feinde, die den Römern bloß einen leeren Schrecken eingejagt hatten, zogen eilig wieder ab. Numicius ging nach Antium gegen die Volsker, Virginius gegen die Äquer. Hier hätte man durch Überfall aus einem Hinterhalte beinahe eine große Niederlage erlitten; allein die Tapferkeit der Soldaten stellte die durch Fahrlässigkeit des Consuls verdorbene Sache wieder her. Die Anführung im Volskerlande war besser. Die Feinde wurden gleich im Anfange des Treffens geschlagen und auf ihrer Flucht bis in die nach damaligen Zeiten sehr mächtige Stadt Antium getrieben. Diese anzugreifen wagte der Consul nicht, nahm aber den Antiaten Ceno, eine andre, bei weitem nicht so ansehnliche Stadt.

Während die Äquer und Volsker die Römischen Heere beschäftigten, drangen die Sabiner plündernd bis an die Thore Roms. Nach wenig Tagen aber litten sie selbst von zwei Heeren, da beide Consuln aus Rache ihnen ins Land fielen, mehr Schaden, als sie gestiftet hatten.

196 64. Am Ende des Jahrs hatte man einigen Frieden, der aber, wie immer, durch die Uneinigkeit der Väter und Bürger gestört war. Die unzufriedenen Bürgerlichen wollten nicht in der Versammlung zur Consulnwahl erscheinen. Also wählten die Väter und Schutzgenossen der Väter den Titus Quinctius und Quintus Servilius zu Consuln.

Sie hatten ein dem vorigen ähnliches Jahr; einen Anfang mit Aufruhr, und dann durch einen auswärtigen Krieg bewirkte Ruhe. Die Sabiner, die nach einem eiligen Durchmarsche über die Crustuminischen Felder am Flusse Anio Mord und Brand verübt hatten, wurden zwar nahe am Collinischen Thore von den Mauern zurückgetrieben, führten aber eine große Menge Menschen und Vieh als Beute weg. Der Consul Servilius, der ihnen mit einem rachlustigen Heere nachsetzte, konnte den eigentlichen Zug im freien Felde nicht erreichen, verbreitete aber seine Verheerungen so weit umher, daß nichts vom Ungemache des Krieges verschont blieb und er mit einem Gewinnste vielfacher Beute zurückkehrte.

Auch im Volskischen führten die Soldaten nicht weniger, als der Feldherr, die Sache des Stats mit ausgezeichnetem Verdienste. In der ersten Schlacht, die auf freiem Felde geliefert wurde; gab es auf beiden Seiten viele Todte und noch mehr Verwundete, und die Römer, denen bei ihrer geringern Anzahl der Verlust um so fühlbarer war, würden gewichen sein, wenn nicht der Consul durch eine heilsame Lüge, da er mehrmals rief, der Feind fliehe schon auf dem andern Flügel, seine Linie in Vorschritt gesetzt hatte. In diesem erneuerten Angriffe siegten sie, weil sie zu siegen glaubten. Aus Besorgniß, durch ein zu ernsthaftes Nachsetzen eine neue Schlacht zu veranlassen, gab der Consul das Zeichen zum Rückzuge. Dann verstrichen einige Tage, in denen man sich von beiden Seiten Ruhe nahm, als hätte man schweigend Waffenstillstand geschlossen; und während derselben zog sich eine ansehnliche Verstärkung aus allen Völkerschaften der Volsker und Äquer in das Lager, in der festen Erwartung, daß die Römer, sobald sie dies merkten, bei Nacht abziehen würden. Also 197 kamen sie, gegen die dritte Nachtwache, das Lager anzugreifen. Quinctius hatte kaum den Lärmen, den der erste Schrecken erregte, gestillt, so befahl er seinen Soldaten, ruhig in ihren Zelten zu bleiben, führte eine Cohorte Herniker auf den Vorposten hinaus, ließ die Hornbläser und Trompeter aufsitzen, und hieß sie vor dem Walle blasen und den Feind bis zum Tage in Aufmerksamkeit erhalten. Während der übrigen Nacht war im Lager alles so ruhig, daß die Römer sogar zum Schlafen kommen konnten. Die Volsker hielt der Anblick des bewaffneten Fußvolks, das sie für zahlreicher und für Römer hielten; das Schnauben und Wiehern der Pferde, die unter einem fremden Reuter und über den ihre Ohren durchdringenden Schall noch lauter tobten, als auf einen Angriff von Seiten des Feindes in Spannung.

65. Als es tagte, trat der Römer kraftvoll und durch Schlaf erquickt in Schlachtordnung, und drängte den vom Stehen und Wachen ermüdeten Volsker gleich beim ersten Angriffe einwärts. Wiewohl die Feinde mehr wichen, als getrieben wurden: denn hinter ihnen lagen Hügel, auf welche sich die hinteren Glieder in voller Ordnung sicher zurückzogen.

Als der Consul diese ungünstige Stelle erreichte, ließ er Halt machen. Allein die Soldaten waren kaum zu halten; sie schrieen und verlangten, den Geworfenen nachsetzen zu dürfen. Noch ungestümer nahm sich die Reuterei. Sie umringte den Feldherrn und rief, sie wolle den Vortrab machen. Während der Unschlüssigkeit des Consuls, dem die Tapferkeit seiner Krieger gewiß, aber der Boden zu bedenklich war, schrieen sie alle, sie würden anrücken: und auf das Geschrei folgte die That. Sie pflanzten die Wurfspieße in die Erde, um so viel leichter die Anhöhen zu ersteigen, und gingen laufend bergan. Als die Volsker sie beim ersten Angriffe mit allen ihren Wurfwaffen überschüttet hatten, warfen sie die Steine, die ihnen vor den Füßen lagen, auf die berganrückenden und setzten ihnen in der Unordnung von oben herab mit häufigen Würfen zu. Dies wäre dem linken Flügel der Römer beinahe 198 zu viel geworden, hätte nicht, als sie schon wichen, der Consul, der bald ihre Verwegenheit, bald ihre Feigheit schalt, durch Beschämung ihre Furcht verscheucht. Zuerst hielten sie mit trotzendem Muthe Stand; dann wagten sie, so gut es ihnen gegen den die Höhe behauptenden Feind möglich war, heranzukommen und brachen mit erneuertem Geschreie in Linie auf. In einem zweiten Anlaufe arbeiteten sie sich hinauf und besiegten selbst das Hinderniß des Bodens. Schon waren sie nahe daran, den höchsten Rücken des Hügels zu ersteigen, als die Feinde die Flucht nahmen: und in gestrecktem Laufe, fast in Einem Zuge, stürzten Fliehende und Verfolger in das Lager. In diesem Schrecken wurde das Lager erobert. Wer von den Volskern entrinnen konnte, floh nach Antium.

Auch gegen Antium wurde das Römische Heer geführt. Nach einer Einschließung von wenig Tagen ergab sich die Stadt, ohne weitere Anstrengung von Seiten der Belagerer, weil ihre Vertheidiger schon seit jener unglücklichem Schlacht und dem Verluste ihres Lagers muthlos waren.

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