Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Livius >

Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 128
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

391 31. Um diese Zeit unternahmen auch die Achäer die Belagerung der Stadt Messene im Peloponnes, weil sie sich geweigert hatte, an ihrem Bunde Theil zu nehmen. Zwei Staten, Messene und Elis, schlossen sich vom Achäischen Bunde aus und hielten es mit den Ätolern. Doch hatten die Eleer nach Verjagung des Antiochus aus Griechenland den Gesandten der Achäer die mildere Antwort gegeben, «Wenn die Besatzung des Königs abgezogen sei, wollten sie darauf denken, was sie zu thun hätten.» Die Messenier hatten, ohne die Gesandten mit einer Antwort zu entlassen, den Krieg angefangen; und nun in nicht geringer Verlegenheit, als sie ihr Gebiet allenthalben von einem ausgebreiteten Heere verwüsten und nahe an der Stadt ein Lager stehen sahen, schickten sie an den Wiederbringer der Freiheit, den Titus Quinctius, Gesandte nach Chalcis und ließen ihm sagen, den Römern, aber nicht den Achäern, wären die Messenier bereit ihre Thore zu öffnen und die Stadt zu übergeben. Quinctius, der sogleich, als er die Gesandten vernommen hatte, sich auf den Weg machte, schickte von Megalopolis jemand ab an den Prätor der Achäer Diophanes mit der Andeutung, sogleich sein Heer von Messene abzuführen und zu ihm zu kommen. Diophanes gehorchte aufs Wort, hob die Belagerung auf, ging ohne Begleitung dem Zuge voraus und traf in der Gegend von Andania, einer kleinen Stadt, die zwischen Megalopolis und Messene liegt, den Quinctius. Als er die unternommene Belagerung rechtfertigen wollte, verwies es ihm Quinctius mit aller Sanftmuth, daß er sich ohne seine Billigung auf eine so wichtige Unternehmung eingelassen habe, und machte es ihm zur Pflicht, sein Heer zu entlassen und den zum Segen für Alle errungenen Frieden nicht zu stören. Den Messeniern befahl er, die Verbanneten wieder aufzunehmen und sich dem Bunde der Achäer anzuschließen. Wollten sie gegen dies und jenes Einwendungen machen oder darüber auf die Zukunft sicher gestellt sein, so möchten sie zu ihm nach Corinth kommen. Den Diophanes forderte er auf, ihn sogleich einer Statenversammlung der Achäer 392 vorzustellen. Hier beschwerte er sich über die Unredlichkeit, mit der sie sich den Besitz der Insel Zacynthus zugeeignet hätten und verlangte ihre Rückgabe an die Römer. Die Insel Zacynthus hatte dem Macedonischen Könige Philipp gehört. Er hatte sie dem Amynander überlassen und für diesen Preis den Durchzug mit seinem Heere durch Athamanien nach der obern Gegend Ätoliens erhalten, hatte auch durch diesen Zug die Ätoler muthlos gemacht und sie genöthigt, um Frieden zu bitten. Amynander machte den Philipp von Megalopolis zum Statthalter über die Insel. Als er nachher in dem Kriege, in welchem er sich mit Antiochus gegen die Römer verband, den Philipp zu Geschäften des Krieges abrief, schickte er den Agrigentiner Hierocles in dessen Stelle.

32. Nach der Flucht des Antiochus von Thermopylä und der Verjagung des Amynander aus Athamanien durch Philipp, übergab Hierocles, der sich hierzu aus eigner Bewegung durch Unterhändler bei dem Prätor der Achäer, Diophanes, für eine Summe Geldes erbot, die Insel den Achäern. Die Römer aber hielten es für billig, daß sie als eine Belohnung ihres Sieges ihnen zukomme; denn der Consul Manius Acilius und seine Legionen hätten bei Thermopylä nicht dem Diophanes und den Achäern ein Eigenthum erfechten wollen. Diophanes suchte dagegen bald sich und die Nation zu entschuldigen, bald die Rechtmäßigkeit des Verfahrens auseinander zu setzen. Einige Achäer bezeugten nicht nur, daß sie von Anfang an gegen die Sache gewesen wären, sondern ließen auch jetzt bei der Unnachgiebigkeit des Prätors ihre Misbilligung laut werden; und auf ihren Betrieb wurde der Schluß abgefaßt, die ganze Sache dem Titus Quinctius zu überlassen. Quinctius, gegen Widerspenstige hart, war aber auch, wenn man ihm nachgab, der Versöhnliche. Mit Entfernung aller Heftigkeit in Stimme und Blick sprach er: «Wenn ich den Besitz dieser Insel den Achäern für nützlich hielte, so würde ich dem Römischen Senate und Volke rathen, sie euch behalten zu lassen. Allein so 393 wie ich an der Schildkröte bemerkeNach Creviers Bemerkung war das Gleichniß für Peloponnesier so viel passender, da sie selbst auf Münzen ihren Peloponnes unter dem Bilde einer Schildkröte andeuteten., daß sie vor jedem Schlage gesichert ist, wenn sie sich unter ihr Dach gesammelt hat, daß hingegen, sobald sie Theile hervorstreckt, jeder entblößte Theil preisgegeben und wehrlos ist; ungefähr eben so, glaube ich, muß es euch ringsum vom Meere eingeschlossenen Achäern leicht werden, Alles, was innerhalb der Gränzen des Peloponnes liegt, mit euch zu vereinigen und in der Vereinigung zu behaupten; sobald ihr aber, aus Begierde, mehr zu umfassen, über jene Gränzen hinausgeht, möchte für euch alles außerhalb Gelegene zu wenig geschützt, zu sehr jedem Angriffe ausgesetzt sein.» Da die ganze Versammlung ihm beistimmte, und auch Diophanes keine weiteren Gegenbehauptungen wagte, so wurde Zacynthus den Römern abgetreten.

33. Da um diese Zeit König Philipp bei dem Consul, als dieser vor Naupactus zog, anfragte, ob er unterdeß die vom Bunde mit Rom abgefallenen Städte wieder erobern solle, und dieser seine Einwilligung gab, so rückte er mit seinen Truppen vor Demetrias, weil er wußte, wie groß dort jetzt die Verwirrung sei. Denn die Bürger, aller Hoffnung beraubt, da sie sich vom Antiochus verlassen sahen, und sich von den Ätolern keinen Beistand versprechen durften, erwarteten Tag und Nacht von ihrem Feinde Philipp einen Angriff, oder von den Römern einen noch feindseligern, weil diese noch gerechtere Ursache zum Zorne hatten. Es war hier ein ungeordneter Haufe von Truppen des Antiochus, die anfangs in geringer Zahl als Besatzung hier zurückgelassen, nachher in größerer Menge, aber meistens ohne Waffen, aus der verlornen Schlacht hieher geflüchtet, weder Kraft noch Muth genug hatten, eine Belagerung auszuhalten. Auch gaben sie denen, welche Philipp vor sich her schickte, um der Stadt seine Bereitwilligkeit zum Verzeihen zuzusichern, zur Antwort: Ihre Thore ständen dem Könige offen. Einige ihrer Großen verließen beim Einrücken 394 seines Vortrabes die Stadt: Eurylochus nahm sich das Leben. Die Soldaten des Antiochus wurden, der Übereinkunft gemäß, zu ihrer Sicherheit, unter Macedonischem Geleite durch Macedonien und Thracien nach Lysimachia abgeführt. Auch standen einige Schiffe bei Demetrias, worüber Isidorus den Oberbefehl hatte. Auch diese wurden mit ihrem Vorgesetzten entlassen. Darauf eroberte Philipp die Landschaften Dolopien, Aperantien und einige Städte in Perrhäbien.

34. Indeß Philipp hiermit beschäftigt war, segelte Titus Quinctius, dem der Achaische Bund Zacynthus abgetreten hatte, nach Naupactus hinüber, welches schon seit zwei Monaten, aber so, daß die Eroberung nahe war, belagert wurde: und wurde es mit Sturm genommen, so fand auch hier wahrscheinlich Alles, was Ätoler hieß, seinen Untergang. War er aber gleich auf die Ätoler mit Recht unwillig, – denn er hatte es noch nicht vergessen, daß sie allein bei der Befreiung Griechenlands seinen Ruhm verkleinerten, daß sie auf sein Wort so gar nichts gegeben hatten, als er, um sie von ihrem wüthenden Vorhaben abzuschrecken, ihnen Alles, was gerade jetzt sie betroffen hatte, vorhersagte; – so glaubte er doch, daß es ihm vor allen Andern obliege, in dem durch ihn befreieten Griechenlande auch nicht ein Volk ganz vertilgen zu lassen, und fing also an, vor den Mauern auf und nieder zu gehen, so daß ihn die Ätoler leicht bemerken mußten. Sogleich erkannten ihn die Vorposten und durch alle Stände verbreitete sich der Ruf: «Quinctius ist da!» Von allen Seiten strömten sie auf die Mauern zusammen; Jeder streckte, so hoch er konnte, die Hände empor, und mit einstimmigem Geschreie forderten sie ihn bittend mit Namen auf, ihnen zu helfen und ihr Retter zu sein. Für jetzt gab er, so sehr diese Stimmen ihn rührten, mit der Hand ein Zeichen, daß er nicht helfen könne. Als er aber zum Consul kam, sprach er: «Hast du entweder nicht bemerkt, Manius Acilius, wie die Sachen jetzt stehen, oder glaubst du, ob du es gleich völlig durchschauest, es könne auf das Ganze nicht viel 395 verschlagen?» Dies spannte des Consuls Erwartung. «Warum,» sprach er, «erklärst du dich nicht näher, wie du das meinst?» Da fuhr Quinctius fort: «Du siehst doch wohl, daß du nach Besiegung des Antiochus über die Belagerung zweier Städte die Zeit verlierst, so sehr auch das Jahr deines Oberbefehls schon im Ablaufe ist? daß hingegen Philipp, der keine feindliche Linie, keine Fahne, gesehen hat, nicht bloß Städte, sondern schon so viele Völkerschaften, Athamanien, Perrhäbien, Aperantien, Dolopien an sich gebracht hat? Wahrlich es ist für uns so wichtig nicht, den Einfluß und die Kräfte der Ätoler zu schwächen, als den Philipp nicht zu groß werden zu lassen, und daß du mit deinen Soldaten als Lohn des Sieges noch nicht zwei Städte hast, indeß Philipp in Griechenland so viele Völker gewinnt.»

35. Der Consul gab dem seine Beistimmung: dagegen trat die Beschämung auf, wenn er unverrichteter Sachen die Belagerung aufhöbe: endlich überließ er dem Quinctius das Ganze. Dieser ging wieder in der Gegend an die Mauer, wo ihn die Ätoler kurz zuvor so laut angerufen hatten; und als sie ihn hier noch flehentlicher baten, sich der Ätolischen Nation zu erbarmen, sagte er, es möchten Einige zu ihm herauskommen. Phäneas selbst und andere Vornehme gingen sogleich hinaus. Als sie ihm zu Fuße fielen, sprach er: «Euer Unglück macht, daß ich mit meinem Zorne und meinen Ausdrücken an mich halte. Gekommen ist Alles, wovon ich euch vorhersagte, es werde kommen; und auch das bleibt euch nicht einmal übrig, daß ihr denken könntet, es habe euch ohne euer Verschulden getroffen. Doch da ich gewissermaßen vom Schicksale dazu bestimmt scheine, mit Griechenland zu zärteln, so will ich auch nicht aufhören, Undankbaren wohlzuthun. Schickt Abgeordnete an den Consul, die ihn um einen so langen Waffenstillstand bitten müssen, daß ihr Gesandte nach Rom schicken könntet, um durch sie dem Senate euer Schicksal anheim zu stellen. Ich will beim Consul als Fürbitter und Vertheidiger euch beistehen.» Sie thaten, wie ihnen 396 Quinctius rieth, und der Consul wies die Gesandschaft nicht ab. Nach Bewilligung des Waffenstillstandes bis zu einem bestimmten Tage, auf welchen die Gesandschaft die Antwort von Rom zurückbringen konnte, wurde die Belagerung aufgehoben und das Heer nach Phocis geschickt. Der Consul schiffte mit dem Titus Quinctius nach Ägium über zur Achaischen Statenversammlung. Hier brachten sie die Sache der Eleer und die Wiederaufnahme der Lacedämonischen Flüchtlinge zur Sprache, konnten aber keins von beiden durchsetzen, weil sich die Achäer das Letztere als Wohlthat von ihrer Seite verdanken lassen, und die Eleer lieber aus freiem Entschlusse, als auf Verlangen der Römer, dem Achaischen Bunde beitreten wollten. Bei dem Consul meldete sich eine Gesandschaft der Epiroten. Daß ihre Bundestreue sehr zweideutig gewesen war, war ausgemacht, doch hatten sie dem Antiochus keine Truppen gestellt: ihn mit Geld unterstützt zu haben, gab man ihnen Schuld; daß sie an den König Gesandte geschickt hatten, leugneten sie selbst nicht. Auf ihre Bitte, als alte Freunde beibehalten zu werden, antwortete der Consul: «Ob er sie als Feinde, oder als Freunde ansehen solle, wisse er noch nicht. Der Senat werde darüber entscheiden. Er verweise sie, ohne in ihrer Sache vorzugreifen, nach Rom, und bewillige ihnen hierzu einen Waffenstillstand von neunzig Tagen.» Also erschienen nach Rom gesandte Epiroten im Senate. Da sie sich mehr darüber ausließen, was für Feindseligkeiten sie nicht begangen hätten, als gegen die ihnen gemachten Vorwürfe sich rechtfertigten, so gab man ihnen eine Antwort, aus der sie abnehmen konnten, daß sie zwar Verzeihung erhalten, ihre Unschuld aber nicht erwiesen hätten. Um diese Zeit wurden dem Senate auch die Gesandten des Königs Philipp vorgestellt, die seinen Glückwunsch zum Siege überbrachten. Die Bitte, auf dem Capitole ein Opfer bringen und im Tempel des allmächtigen Jupiters ein Geschenk von Golde niederlegen zu dürfen, wurde ihnen vom Senate gewährt. Das dargebrachte Geschenk bestand in einem goldenen hundert Pfund schweren Kranze. Die 397 Gesandten bekamen nicht allein eine verbindliche Antwort, sondern man gab ihnen auch Philipps Sohn, Demetrius, mit, der als Geisel in Rom war, um ihn dem Vater zurückzubringen. So weit reichen die Begebenheiten in Griechenland bis zum Ende des Krieges, welchen der Consul Manius Acilius gegen den König Antiochus führte.

36. Ehe der andre Consul Publius Cornelius Scipio, welchem das Los Gallien angewiesen hatte, zu dem Kriege, den er mit den Bojern führen sollte, aufbrach, verlangte er vom Senate, ihm zu den Spielen, die er als Proprätor in Spanien im entscheidenden Augenblicke der Schlacht angelobt hatte, die Gelder anweisen zu lassen. Diese Forderung fiel als neu und unbillig auf. Deswegen erklärten die Väter: «Die Spiele, die er ohne Anfrage beim Senate, nach eignem Gutdünken angelobt habe, möge er entweder von dem Ertrage der Beute, wenn er in dieser Absicht Geld zurückbehalten hätte, oder auf seine eignen Kosten begehen.»Publius Cornelius beging sie in zehntägiger Feier. Fast zu gleicher Zeit wurde der Tempel der Großen Idäischen Mutter geweihet. Die Göttinn hatte eben dieser Publius Cornelius, als sie unter dem Consulate des Publius Cornelius Scipio, welcher nachher mit Zunamen Africanus hieß, und des Publius Licinius aus Asien ankam, vom Meere auf das Palatium getragen. Der Bau des Tempels war nach einem Senatsschlusse von den Censoren Marcus Livius und Cajus Claudius unter dem Consulate des Marcus Cornelius und Publius Sempronius in Verding gegeben: dreizehn Jahre nach der Verdingung weihete ihn Marcus Junius Brutus, und zur Feier dieser Weihe wurden Spiele angestellt, welche nach dem Berichte des Valerius von Antium die ersten unter dem Namen der Megalesien aufgeführten Bühnenspiele gewesen sein sollen. Ferner weihete der Zweiherr Cajus Licinius Lucullus den Tempel der Juventas auf der Großen Rennbahn. Verheißen hatte diesen der Consul Marcus Livius vor sechzehn Jahren, an dem Tage, an welchem er den Hasdrubal samt seinem Heere niederhieb, und er hatte auch als Censor unter den Consuln Marcus 398 Cornelius, Publius Sempronius den Bau verdungen. Auch in Beziehung auf diese Weihe wurden Spiele angestellt: und das Alles that man mit so viel pünktlicherer Gottesverehrung, weil man sich vom Antiochus eines neuen Krieges versah.

37. Im Anfange des Jahrs, in welchem dies geschah, als nach dem Aufbruche des Manius Acilius zum Kriege der Consul Publius Cornelius noch in Rom blieb, sollen dem Berichte nach in einem Hause auf der Kielstraße [in den Carinen] zwei zahme Ochsen die Treppen hinauf auf das Dach gegangen sein. Man ließ sie, dem Ausspruche der Opferdeuter zufolge, lebendig verbrennen und die Asche in die Tiber schütten. Zu Tarracina und Amiternum sollte laut Berichten mehrmals ein Steinregen gefallen sein, zu Minturnä der Blitz den Tempel Jupiters und die Buden am Markte getroffen haben, und zu Vulturnum sollten zwei Schiffe in der Mündung des Stroms durch einen Wetterstrahl verbrannt sein. Die Zehnherren, die auf Senatsbefehl dieser Schreckzeichen wegen die Sibyllinischen Bücher nachschlugen, gaben den Ausspruch an: «Man müsse eine Fasten zur Ehre der Ceres anordnen und sie immer im fünften Jahre wieder begehen; das neuntägige Opferfest feiern, ferner ein eintägiges Betfest, und bei dem Gebete bekränzt sein: auch müsse der Consul Publius Cornelius denjenigen Göttern Opfer bringen, für welche die Zehnherren ihm die Opferthiere bestimmen würden.» Nachdem man die Götter theils durch gehörige Bezahlung der Gelübde, theils durch Sühnung der Schreckzeichen besänftigt hatte, ging der Consul auf seinen Kriegsposten ab, und ließ von dort den Proconsul Cneus Domitius nach Entlassung seines Heers nach Rom zurückgehen: er selbst rückte mit den Legionen in das Gebiet der Bojer.

38. Ungefähr um diese Zeit griffen die Ligurier mit einem durch Banngesetze aufgebotenen Heere unvermuthet in der Nacht das Lager des Proconsuls Quintus Minucius an. Minucius behielt seine Soldaten bis zu Tages Anbruche innerhalb des Walles, und sorgte nur dafür, daß der 399 Feind die Verschanzung nirgendwo überstiege. Mit dem ersten Tageslichte that er aus zwei Thoren zugleich einen Ausfall; doch ließen sich die Ligurier nicht so, wie er gehofft hatte, durch den ersten Angriff abtreiben. Länger als zwei Stunden ließen sie den Kampf nicht zur Entscheidung kommen. Zuletzt, da ein Zug nach dem andern ausbrach und in die Stelle der Ermüdeten frische Truppen einrückten, nahmen die Ligurier, die außer den übrigen Beschwerden auch vom Wachen erschöpft waren, endlich die Flucht. Über viertausend Feinde wurden niedergehauen: von den Römern und ihren Verbündeten fielen nicht ganz dreihundert.

Etwa zwei Monate später erfocht der Consul Publius Cornelius in einer förmlichen Schlacht einen herrlichen Sieg über die Bojer. Nach dem Valerius von Antium hatten die Feinde achtundzwanzig tausend Todte: man machte dreitausend und vierhundert Gefangene, erbeutete hundert und vierundzwanzig Fahnen, tausend zweihundert und dreißig Pferde, zweihundert siebenundvierzig Kriegswagen; und von den Siegern wären tausend vierhundert vierundachtzig gefallen. Gesetzt, in den angegebenen Zahlen sei dem Erzähler nicht ganz zu trauen, – denn keiner übertreibt die Vergrößerung so sehr, als er – so ergiebt sich doch die Größe des Sieges schon daraus, daß er auch die Eroberung des Lagers zur Folge hatte, daß sich die Bojer gleich nach der Schlacht ergaben, daß der Senat dieses Sieges wegen ein Dankfest verordnete und den Göttern große Opferthiere dargebracht wurden.

39. In diesen Tagen zog Marcus Fulvius Nobilior wegen seiner Thaten im jenseitigen Spanien im kleinen Triumphe in die Stadt. Er lieferte an Silber zwölftausend Pfund; hundertdreißig tausend Stück Silberdenare und hundert siebenundzwanzig Pfund GoldSiehe oben Cap. 21. am Schlusse..

Der Consul Publius Cornelius nahm zuerst den Bojern, die ihm Geisel hatten stellen müssen, zur Strafe etwa die Hälfte ihres Landes, um sie von den Römern, 400 wenn sie wollten, mit Pflanzstädten besetzen zu lassen. Dann entließ er, um zu dem Triumphe, den er sich sicher versprach, nach Rom abzugehen, sein Heer mit dem Befehle, auf den Tag des Triumphs vor Rom zu sein. Den Tag nach seiner Ankunft berief er den Senat in den Tempel der Bellona, stattete über seine Thaten Bericht ab und hielt um die Erlaubniß an, triumphirend in die Stadt einzuziehen. Da stimmte der Bürgertribun Publius Sempronius Bläsus so: «Diese Ehre sei dem Scipio nicht zu verweigern, aber doch vorerst auszusetzen. Die Kriege der Ligurier hätten immer mit denen der Gallier in Verbindung gestanden: beide Völker leisteten sich gegenseitigen nachbarlichen Beistand. Hätte nun Publius Scipio nach erfochtenem Siege über die Bojer sich entweder selbst mit seinem siegreichen Heere auf das Gebiet der Ligurier hinübergewandt, oder einen Theil seiner Truppen dem Quintus Minucius zugeschickt, welchen dort ein mißlicher Krieg schon ins dritte Jahr festhalte, so hätte der Krieg mit den Liguriern geendigt sein können. So aber habe er, um seinem Triumphe ein zahlreiches Gefolge zu geben, die Truppen abgeführt, die dort dem State die herrlichsten Dienste hätten leisten können, und noch leisten könnten, wenn der Senat das durch Beeilung des Triumphs Versäumte durch Aufschub des Triumphs wieder einbringen wolle. Die Väter möchten den Consul mit seinen Legionen in die Provinz zurückgehen und dahin wirken lassen, daß die Ligurier bezwungen würden. So lange diese noch nicht unter Römischer Hoheit und Gerichtsbarkeit ständen, würden nicht einmal die Bojer ruhig sein. Nach Bezwingung der Ligurier werde dann Publius Cornelius in wenig Monaten als Proconsul seinen Triumph halten, wie schon so mancher Andre auch nicht in seinem Amtsjahre triumphirt habe.»

40. Hierauf antwortete der Consul: «Den Krieg in Ligurien habe ihm das Los nicht zum Posten beschieden, und auch er habe mit den Liguriern keinen Krieg geführt, verlange auch über sie nicht zu 401 triumphiren. Er zweifle nicht, daß Quintus Minucius nächstens, wenn er sie bezwungen habe, den verdienten Triumph erwarten und erhalten werde. Er verlange den Triumph über die Bojischen Gallier, denen er eine Schlacht abgewonnen, denen er ihr Lager abgenommen, die er dahin gebracht habe, daß sich ihre ganze Nation zwei Tage nach der Schlacht habe ergeben müssen; von denen er, zum Unterpfande des Friedens für die Zukunft, Geisel mitgebracht habe. Allein zu seiner noch weit größeren Ehre könne er behaupten, eine so große Anzahl der Gallier in der Schlacht erlegt zu haben, daß wenigstens alle Feldherren vor ihm so viel tausend Bojer nicht einmal im Treffen vor sich gehabt hätten: von funfzigtausend Menschen seien mehr als die Hälfte gefallen, viele Tausende gefangen genommen: nur Greise und Knaben habe er den Bojern gelassen. Ob es also jemand befremden könne, daß das siegreiche Heer, wenn es in der Provinz keinen Feind übrig gelassen habe, nach Rom gekommen sei, den Triumph seines Consuls feierlich zu machen? Wenn der Senat die Dienste dieser Truppen auf einem andern Schauplatze gebrauchen wollte, in welchen von beiden Fällen er sich dann größere Bereitwilligkeit zur Übernehmung neuer Gefahren und neuer Arbeiten zu versprechen wage, wenn ihnen der Lohn für die frühere Gefahr und Arbeit ohne Vorenthaltung abgetragen sei, oder wenn er sie statt der That bloß eine Hoffnung mitnehmen lasse, die ihnen schon das erste Mal vereitelt sei? Denn was ihn selbst betreffe, so sei ihm auf sein ganzes Leben des Ruhmes genug an jenem Tage zu Theil geworden, an welchem der Senat ihm als dem anerkannt rechtschaffensten Manne der Empfang der Idäischen Mutter aufgetragen habe. Unter dieser Aufschrift, wenn auch kein Consulat, kein Triumph daneben geschrieben stehe, werde einst das Ahnenbild des Publius Scipio Nasica ehrenvoll und betitelt genug erscheinen.» Der gesamte Senat vereinigte sich nicht allein, ihm den Triumph zuzuerkennen, sondern bewog auch durch sein Beispiel den Bürgertribun, von der Einsage abzustehen.

402 Publius Cornelius triumphirte als Consul über die Bojer. In diesem Triumphe ließ er auf Gallischen Kriegswagen die Waffen, die Fahnen, die erbeuteten Rüstungen aller Art und eherne Gallische Gefäße vor den Zuschauern vorüberfahren, und führte außer den vornehmen Gefangenen auch eine Heerde erbeuteter Pferde auf. Getragen wurden tausend vierhundert einundsiebzig goldene Halsketten, außerdem zweihundert247 Pfund Gold sind etwa 79,040 Gulden; siebenundvierzig Pfund Gold, an rohem und verarbeiteten Silber – dies waren Gefäße, nach Gallischem Geschmacke nicht ohne Kunst – zweitausend2340 Pf. Silber etwa 73,124 Gulden; dreihundert vierzig Pfund und zweihundert vierunddreißig tausend234,000 Silberdenare etwa 74,050 Gulden; Silberdenare. Den Soldaten im Gefolge seines Triumphwagens gab er Mann vor Mann hundert fünfundzwanzig125 Kupferasse etwa 5 Gulden. Kupferasse; das Doppelte dem Hauptmanne, dem Ritter das Dreifache. Den Tag darauf berief er eine Volksversammlung, erzählte seine Thaten, dann die Kränkung, daß ein Tribun, bloß ihn um den Genuß seines Sieges zu bringen, ihm einen Krieg habe aufbürden wollen, der einem Andern aufgetragen sei, und entließ die Soldaten mit Ertheilung ihres Abschiedes.

41. Während dieser Begebenheiten in Italien war Antiochus zu Ephesus über den Krieg mit Rom völlig sorglos, als würden die Römer nie nach Asien herüberkommen. Und in diese Sorglosigkeit versetzten ihn die meisten seiner Vertrauten, entweder aus eignem Wahne, oder aus Schmeichelei. Hannibal, dessen Wort damals bei dem Könige ganz vorzüglich galt, sagte ganz allein: «Er wundere sich mehr, daß die Römer nicht schon in Asien seien, als daß er an ihrer Ankunft zweifeln solle. Aus Griechenland nach Asien sei der ÜbergangPropius esse]. – Ich wundre mich, warum mit Doujat auch selbst Crevier dies propius durch promtius oder facilius erklärt, oder warum man sogar die Lesart abändern will. Hier ist von traiicere, vom eigentlichen Übergange aus Europa nach Asien die Rede, nicht von dem langen Zuge aus Italien nach Asien. Die Scipione gehen über den Hellespont, über welchen Xerxes sogar vermittelst einer Schiffbrücke ging, und der doch lange nicht so breit ist, als zwischen Italien und Griechenland das Hadriatische oder Ionische Meer. Als die Scipione vom Eumenes so leicht über den Hellespont gesetzt waren, sagt Livius (XXXVII. 33.): Ea vero res Romanis auxit animos, concessum sibi cernentes transire in Asiam, quam rem magni certaminis futuram crediderant. Auch hier ist ja nur der eigentliche Übergang aus Europa nach Asien zu verstehen. Der König wenigstens hat den Hannibal richtig verstanden, wie wir am Ende dieses Cap. aus seinen Vorkehrungen im Chersones sehen. 403 näher, als aus Italien nach Griechenland; und ein Antiochus sei für sie ein weit einladenderer Grund, als die Ätoler. Auch seien die Römer zur See nicht minder geübte Krieger, als zu Lande. Schon längst stehe ihre Flotte in der Gegend von Malea. Er höre, daß vor kurzem ein neuer Befehlshaber mit neuen Schiffen aus Italien angekommen sei, um sich in Angriff zu setzen. Antiochus möge sich ja nicht länger in nichtigen Hoffnungen einen Frieden erträumen. Nächstens werde er in Asien, und um den Besitz Asiens selbst, zu Lande und zu Wasser mit den Römern zu kämpfen haben, und entweder ihnen die Herrschaft über die Welt, die sie erringen wollten, entreißen oder sein eignes Reich verlieren müssen.» Er allein schien von der Zukunft die richtige Ansicht, und Redlichkeit genug zu haben, sie vorauszusagen. Also ging der König mit den Schiffen, welche segelfertig und bemannt waren, nach dem Chersones ab, um jene Gegenden, wenn etwa die Römer zu Lande kämen, durch Besatzungen zu decken; die übrige Flotte in Stand zu setzen und auf das Meer zu bringen, trug er dem Polyxenidas auf, und schickte Spähschiffe nach den Inseln umher, um überall Kundschaft einzuziehen.

42. Cajus Livius, der Befehlshaber der Römischen Flotte, ging nach seiner Abfahrt mit funfzig Deckschiffen von Rom nach Neapel, wo sich auf seinen Befehl die offnen Schiffe hatten sammeln müssen, welche die Bundesgenossen an dieser Küste vertragsmäßig zu stellen hatten; von da nach Sicilien; fuhr dann durch die Meerenge an Messana hin; ließ sechs zu Hülfe geschickte 404 Punische Schiffe sich anschließen, trieb von Rhegium, von Locri und andern gleichpflichtigen Bundesgenossen die zu liefernden Schiffe bei, musterte die Flotte bei Lacinium und segelte auf die Höhe. Als er nach seiner Ankunft auf Corcyra, dem ersten Griechischen State, wo er landete, bei seiner Erkundigung nach dem Gange des Krieges – denn noch war in Griechenland die RuheNecdum enim omnia]. – Nach Verjagung des Antiochus war Griechenland, Ätolien ausgenommen, so ziemlich beruhigt. Liv. will uns durch diese eingeschalteten Worte in die früheren Zeiten des Kriegs zurückführen, damit wir nicht, irre geführt durch seine Versicherung (C. 35), Bellum, cum Antiocho rege in Graecia gestum, hunc finem habuit, glauben sollen, die Flotte unter C. Livius sei nach Beendigung des ganzen Krieges angekommen. nicht überall hergestellt – und nach dem Standorte der Flotte, die Nachricht erhielt, der Consul und der König hätten sich im Waldpasse der Thermopylen aufgestellt, die Flotte stehe im Piräeus; so segelte er, durch alle diese Gründe zur Eile bewogen, sogleich nach dem Peloponnes. Im Fluge plünderte er Same und Zacynthus, weil sie die Partei der Ätoler gewählt hatten, nahm seinen Lauf nach Malea, und war in wenig Tagen nach einer glücklichen Fahrt im Piräeus bei der alten Flotte. Bei Scylläum stieß König Eumenes mit drei Schiffen zu ihm, welcher zu Ägina lange unschlüssig gewesen war, ob er zur Beschützung seines Reichs nach Hause ginge – denn er hörte, daß Antiochus zu Ephesus seine See- und Landmacht in Stand setze – oder ob er den Römern allenthalben zur Seite bliebe, da sein Schicksal von dem ihrigen abhing. Aus dem Piräeus ging Aulus Atilius, nachdem er seinem Nachfolger fünfundzwanzig Deckschiffe übergeben hatte, nach Rom ab. Livius setzte mit einundachtzig gedecktenUna et octoginta rostratis]. – Statt rostratis lese ich mit Duker constratis. Schiffen, und außerdem mit vielen kleineren, zum Theile offenen Schnabelschiffen, zum Theile ungeschnäbelten Spähschiffen nach Delus über.

43. Ungefähr um diese Zeit belagerte der Consul Acilius Naupactus. Widrige Winde hielten zu Delus – denn dies ist die windigste Gegend bei den Cycladen, die 405 theils durch größere, theils durch kleinere Meerengen von einander geschieden sind – den Livius mehrere Tage auf. Als Polyxenidas durch seine ausgestellten Spähschiffe erfuhr, daß die Römische Flotte bei Delus stehe, ließ er dies durch mehrere dem Könige anzeigen. Der König gab seine Vorkehrungen am Hellesponte auf, ging mit den Schnabelschiffen, so schnell er konnte, nach Ephesus zurück, und hielt sogleich Kriegsrath, ob man eine Seeschlacht wagen solle. Polyxenidas sagte: «Man dürfe nicht säumen; ja man müsse früher schlagen, ehe sich die Flotte des Eumenes und die Schiffe von Rhodus mit den Römischen vereinigten. So würden sie jetzt an Zahl ihnen fast gleich, und in allen übrigen Stücken, sowohl an Schnelligkeit der Schiffe als an Mannigfaltigkeit der Hülfsmittel ihnen überlegen sein. Denn die Römischen Schiffe, schon an sich durch ihren plumpen Bau so schwerfällig, schleppten sich noch dazu, weil sie in feindliche Gegend kämen, mit der Last der Zufuhr: ihre eignen hingegen, die Alles um sich her in friedlicher Ruhe zurückließen, würden nur Truppen und Waffen zu tragen haben. Auch werde ihnen die Bekanntschaft mit dem Meere, mit den Küsten und Winden sehr zustatten kommen; lauter Verlegenheiten für einen Alles dessen unkundigen Feind.» Dieser Maßregel traten Alle bei, weil der Mann sie angab, der gerade diese Maßregel durch die That zur Ausführung bringen wollte.

Zwei Tage nahm die Zurüstung weg: am dritten Tage liefen sie mit hundert Schiffen aus, worunter siebzig gedeckt, die übrigen offen, alleminoris omnes formae]. – Aus XXXVII. 23. beweiset Crevier, daß dieses omnes hier sich nicht bloß auf die offenen, sondern auch auf die gedeckten Schiffe beziehe. Zu den Schiffen vom größeren Caliber gehörten bei den Alten die quadriremes, quinqueremes, hexeres und hepteres. Die triremes aber, ob sie gleich größer waren, als die apertae, zu denen minoris formae. aber von kleinerem Baue waren, und segelten nach Phocäa. Von hier begab sich der König, auf die Nachricht, daß die Römische Flotte schon im Anzuge sei, weil er selbst einer 406 Seeschlacht nicht beiwohnen wollte, nach Magnesia am Sipylus, um die Landtruppen in Stand zu setzen. Die Flotte nahm ihren Lauf nach Cyssus, dem Hafen von Erythrä, als ob sie hier den Feind am besten erwarten könne. Sobald sich die Nordwinde legten, – denn diese hatten seit mehreren Tagen angehalten – gingen die Römer von Delus nach Phanä, einem dem Ägäermeere zugekehrten Hafen der Insel Chius: von hier fuhren sie herum nach der Stadt Chius selbst, nahmen Lebensmittel ein und setzten nach Phocäa über. Eumenes, der nach Eläa zu seiner Flotte abgegangen war, kehrte in wenig Tagen von dort mit vierundzwanzig Deckschiffen und einigen offenen mehrapertis pluribus paullo, Phocaeam ad Rom.]. – So lese ich mit Duker, Drakenborch, Crevier. Daß paullo dem Worte pluribus nachgesetzt ist, darf uns nicht anstößig sein, da Gesner aus Cic. Hor. und Ter. Beispiele genug gesammelt hat, und selbst aus Liv. post paullo statt paullo post (nebst Gronovs Bemerkung darüber) anführt., nach Phocäa zu den Römern zurück, die schon mit den Anstalten und Zurüstungen zu einer Seeschlacht beschäftigt waren. Von hier gingen sie mit hundert und fünf Deckschiffen und beinahe funfzig ungedeckten unter Segel; sahen sich anfangs, weil sie der Nordwind von der Seite gegen die Küste trieb, genöthigt, einen schmalen Zug, beinahe eine Reihe von einzelnen Schiffen zu bilden; dann aber, als sich die Heftigkeit des Windes ein wenig legte, suchten sie nach Corycus überzusetzen, einem Hafen jenseit Cyssus.

44. Als dem Polyxenidas die Annäherung der Feinde gemeldet wurde, gab er selbst, erfreut über die gebotene Schlacht, seinem linken Flügel eine Dehnung nach dem offenen Meere; den Hauptleuten der Schiffe befahl er, den rechten an der Küste auszubreiten, und rückte in gerader Linie zum Treffen auf. Der Römische Befehlshaber sah es, zog seine Segel ein, senkte die Masten, legte das Tauwerk bei und erwartete seine nachfolgenden Schiffe. Schon bildeten ihrer etwa dreißig die Stirn: um seinen linken Flügel diesen gleich zu machen, nahm er selbst, mit aufgesteckten kleineren Segeln, seine Richtung 407 nach der hohen See, und befahl den nachfolgenden Schiffen, geradezu dem feindlichenadversus dextrum cornu]. – Sollte nicht hinter dem Worte dextrum, wegen der gleichen Endigung, das Wort hostium ausgefallen sein? rechten Flügel an der Küste entgegen zu gehen. Eumenes schloß ihren Zug: sobald er aber ihr Getümmel beim Einziehen der Segel sah, ließ er auch seine Schiffe so schnell als möglich anrücken. Schon erschienen sie alleIam omnes in conspectu erant]. – So lesen Perizonius und Crevier. Sie haben nebst allen früheren Ausgaben auch wirklich Eine Handschrift für sich: dies ist bei einer dem Sinne nach überwiegend bessern Lesart, wie mich dünkt, hinreichend. in der Linie. Zwei Punische Schiffe gingen der Römischen Flotte voran: ihnen kamen drei königliche entgegen, und wie es sich bei der ungleichen Zahl erwarten ließ, zwei königliche umstellten das Eine, streiften ihm gleich auf beiden Seiten die Ruder ab, ihre Truppen enterten, stürzten die Vertheidiger herab, oder machten sie nieder und eroberten das Schiff. Kaum sah das andre, welches nur seinen Einen Gegenmann hatte, jenes erste Schiff genommen, so zog es sich schnell, um nicht von dreien zugleich umringt zu werden, auf seine Flotte zurück. Livius, von Unwillen entflammt, ging mit seinem Hauptschiffe den Feinden entgegen. Als wieder die beiden, welche das Punische Schiff überflügelt hatten, in gleicher Hoffnung auf ihn eindrangen, mußten seine Ruderer, um ihrem Schiffe Haltung zu geben, auf beiden Seiten die Ruder ins Wasser hängen lassen; dann ließ er an die feindlichen Schiffe, so wie sie ankamen, eiserne Enterhaken werfen, und als er so den Kampf beinahe in ein Gefecht zu Lande verwandelt hatte, hieß er seine Leute der Römischen Tapferkeit eingedenk sein und Königssklaven nicht für Männer achten. Weit leichter, als vorhin die beiden das Eine, bezwang jetzt das Eine die beiden Schiffe und nahm sie. Schon hatten sich auch die Flotten auf allen Punkten eingelassen, und hier und dort war ein Gewühl von fechtenden Schiffen. Als Eumenes, der nach schon eröffnetem Kampfe zuletzt ankam, den linken feindlichen Flügel vom Livius in 408 Unordnung gebracht sah, wandte er seinen Angriff gegen den rechten, wo das Gefecht noch gleich war.

45. Bald nachher nahm auch die Flucht auf dem linken Flügel den Anfang. Denn als Polyxenidas sah, daß ihm der Feind offenbar an Tapferkeit der Truppen überlegen sei, steckte er die kleineren Segel auf und ging in voller Flucht davon; und bald machten es die, die an der Küste sich mit dem Eumenes eingelassen hatten, eben so. Die Römer und Eumenes folgten ihnen, so lange ihre Ruderer noch Kräfte und sie selbst die Hoffnung hatten, dem Nachzuge schaden zu können, mit vieler Beharrlichkeit. Als sie aber sahen, daß ihre von Ladungen schweren Schiffe aller Anstrengung ungeachtet den Feind bei der Schnelligkeit seiner so leichten Schiffe uneingeholt ließen, hörten sie endlich mit der Verfolgung auf, nachdem sie dreizehn Schiffe mit Truppen und Ruderern genommen und zehn versenkt hatten. Die Römische Flotte hatte das einzige Punische Schiff verloren, das im Anfange der Schlacht von zweien umringt war. Polyxenidas endigte seine Flucht erst im Hafen von Ephesus.

Die Römer blieben den Tag auf der Stelle liegen, wo die königliche Flotte ausgerückt war: am nächsten Tage gingen sie zur Verfolgung des Feindes aus. Etwa in der Mitte der Fahrt begegneten ihnen fünfundzwanzig Rhodische Deckschiffe unter dem Oberbefehle des Pausistratus. Als sich diese angeschlossen hatten, ging die Verfolgung des Feindes weiter bis Ephesus, wo sie vor der Mündung des Hafens sich in Schlachtordnung aufstellten. Nachdem sie sich von den Besiegten das volle Geständniß ihrer Schwäche erzwungen hatten, wurden die Rhodier und Eumenes nach Hause entlassen. Die Römer, die auf Chius steuerten, fuhren bei Phönicus, dem ersten Hafen des Gebiets von Erythrä, vorbei, blieben die Nacht vor Anker, und gingen am folgenden Tage, bei der Stadt Chius selbst, auf die Insel über, von welcher sie nach einigen Tagen Frist, die sie hauptsächlich den Ruderern zur Erholung gaben, nach Phocäa übersetzten. Hier ließ die Flotte zum Schutze der Stadt vier Fünfruderer zurück und ging 409 ach Canä; und weil der Winter schon herankam, wurden die Schiffe auf den Strand gebracht und mit Graben und Wall umzogen.

Am Ende des Jahrs gingen zu Rom die Wahlen vor sich. Zu Consuln wurden Lucius Cornelius Scipio und Cajus Lälius gewählt, weil Alle, um den Krieg mit dem Antiochus zu beendigen, auf diese beiden UnterfeldherrenScipio et C. Laelius, intuentibus cunctis ad finiendum]. – In dieser Lesart fehlt etwas, wie schon Gronov, Crevier u. A. angemerkt haben: vorzüglich war ihnen das intuentibus ad finiendum bellum anstößig. Zehn Handschriften und alle Ausgaben vor der Mainzer haben hinter dem Worte C. Laelius den Namen Africanus; die elfte lieset: C. Laelius, Africanum intuentibus; die zwölfte, der berühmte von Crevier verglichene Cod. Victor., hat so: C. Laelius Africanus legitur, und die dreizehnte gar C. Laelius Africanus legatus. Auf so viele Handschriften müßte man doch wohl einige Rücksicht nehmen, und aus ihnen die wahre Lesart herzustellen suchen. Ich glaube, daß es mir diesmal gelungen sei, wenn ich so zu lesen vorschlage: creati sunt consules L. Cornelius Scipio et C. Laelius; Africani duo legatos intuentibus cunctis, ad finiendum cum Antiocho bellum. Dann fällt die gezwungene Verbindung des intuentibus mit ad finiendum bellum weg, weil intuentibus nun auf legatos sich bezieht. Für die kritische Richtigkeit sprechen die oben genannten 13 Handschriften, mehr oder weniger, am meisten die, wo auf Africanus das Wort legitur oder legatus folgt: die übrigen, welche statt Africani II. unrichtig Africanus od. Africanum lasen, konnten dann vollends in der Abkürzung leg. (legatos) keinen Sinn finden und ließen sie ausfallen. Die Zahl II. (duo). hinter dem Worte Africani verleitete sie, das letzte i in um oder us zu verwandeln. Und nun habe ich noch die innere Wahrheit der Lesart aus der Geschichte selbst zu beweisen. Beide, Laelius und L. Scipio, waren Unterfeldherren (legati) des Africanus gewesen. Vom Laelius bezeugt dies die Menge Stellen, B. 28. 29. 30. Man sehe nur auf den Krieg gegen Syphax in Africa B. 30. C. 15. 16.; und B. 30. C. 33. sagt Livius ausdrücklich: Laelium, cuius antea legati, eo anno quaestoris – opera utebatur. Daß aber Africanus auch seinen Bruder L. Scipio als Unterfeldherrn gebraucht habe, sehen wir aus B. 28. C 3., wo er ihn in Spanien an der Spitze von 11,000 Mann gegen die Stadt Oringi abschickt. Hier sagt Pighius in seinen Annalen (ad ann. 546.): L. Scipionem fratrem legatum cum X. millibus peditum, M. equitibus misit. (Ferner B. 28. C. 4. und Pighius ad ann. 547. und ad ann. 553.) Selbst bei der Abfahrt der Flotte aus Sicilien nach Africa sagt Publius B. 29. C. 25.: «er und sein Bruder Lucius wollten den rechten Flügel der Flotte führen, Laelius und Cato den linken.»B. 30, 38. schickt er ihn mit den Carthagischen Gesandten, die um Frieden bitten wollen, nach Rom: lauter Aufträge, wie sie einem Legatus zukamen; und 38, 58. heißt er bei Livius selbst legatus fratris. – Daß aber das Römische Publicum von des Africanus Unterfeldherren das Ende des Kriegs mit Antiochus erwartete, bezieht sich, außer dem gerechten Vertrauen auf die Zöglinge und Gehülfen des großen Feldherrn, auf die ähnliche allgemeine Erwartung, mit der man sich ehemals vom Africanus das Ende des zweiten Punischen Krieges versprochen hatte. Man sehe B. 23. C. 28. Suadebant animis, sicut C. Lutatius superius bellum etc. C. 40. quum – non ad gerendum modo bellum, sed ad finiendum etc.; ferner B. 29. C. 24 u. 26. Wenn also Beide, Lälius und Lucius Scipio, Legaten des Africanus gewesen waren, wenn der Römische Senat darum von ihnen eben so sich das Ende des Kriegs gegen Antiochus versprach, wie vormals die Erwartung der Römer vom Kriege mit Hannibal durch den Africanus befriedigt war, so dünkt mich: man kann gegen den Sinn der Worte consules creati sunt L. Scipio et C. Laelius; Africani duo legatos intuentibus cunctis, ad finiendum cum Antiocho bellum nichts einwenden. – Drakenborch widerlegt die Lesart der einen Handschrift, welche Africanum intuentibus hat, von der er selbst sagt: «quae lectio veri speciem habere posset» sehr bündig, lässet aber darüber die andern aus der Acht, und geht eben dadurch bei der Wahrheit vorbei. Wenn er gegen diese letztre Lesart mit Recht einwendet, die Mehrheit im Senate habe den Krieg gegen Antiochus dem L. Scipio nicht so gern auftragen wollen, als dem Laelius, und darum könne nicht gesagt werden: Africanum cunctis intuentibus, so dient dies zur Bestätigung der von mir vorgeschlagenen Lesart. Denn alle Senatoren, sie mochten nun den Laelius in Gedanken haben, oder dem L. Scipio ihre Stimme geben wollen, sahen doch in ihnen beiden legatos Africani; und dies ist ein Grund mehr für die Richtigkeit des Wortes duo. des Africanus ihr Augenmerk richteten. Die am 410 folgenden Tage gewählten Prätoren waren Marcus Tuccius, Lucius Aurunculejus, Cneus Fulvius, Lucius Ämilius, Publius Junius, Cajus Atinius Labeo.

 << Kapitel 127  Kapitel 129 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.