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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 123
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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19. Hannibal, der nicht zu dieser Sitzung gezogen wurde, weil er durch seine Unterredungen mit Villius dem Könige verdächtig geworden und seitdem keiner Ehre gewürdigt war, trug diese Zurücksetzung anfangs in aller Stille: da er es aber weiterhin für besser hielt, nach dem Grunde dieser plötzlichen Entfremdung sich zu erkundigen und sich zu rechtfertigen, so fragte er bei einer schicklichen Gelegenheit den König mit aller Offenheit um die Ursache seiner Ungnade, erfuhr sie und sprach: «Antiochus! mein Vater Hamilcar ließ mich bei einem seiner Opfer als zarten Knaben unter Berührung des Altars eidlich angeloben, nie der Römer Freund zu werden. Dies war mein Fahneneid, unter dem ich sechsunddreißig Jahre gedient habe; er war es, der mich im Frieden aus meinem Vaterlande trieb, der mich aus meinem Vaterlande Verbanneten an deinen Hof führte: von ihm geleitet, will ich, wenn du meine Hoffnung unerfüllt lässest, hingehen, wo ich noch eine Macht, wo ich noch Waffen anzutreffen glaube, um irgendwo in der Welt Roms Feinde aufzufinden. Ist also dieser oder jener in deinem Kreise willens, durch Eingebungen gegen mich bei dir sich zu heben, so muß er, um sich durch mich zu heben, hierzu einen andern Stoff an mir aufsuchen. Ich hasse die Römer, und werde von ihnen gehaßt. Daß ich hierin die Wahrheit sage, deß ist mein Vater Hamilcar, deß sind die Götter Zeugen. Denkst du also auf Krieg mit den Römern, so zähle den Hannibal zu deinen ersten Freunden: bestimmt dich aber irgend eine Rücksicht zum Frieden, so wähle dir zum Theilnehmer an dieser Berathung einen Andern.» Eine solche Sprache rührte den König nicht bloß; sie söhnte ihn mit Hannibal aus. Auch jene Berathschlagung endigte mit der Entscheidung für Krieg.

20. Zu Rom sah man zwar den Antiochus, wo man von ihm sprach, schon als Feind an, allein zu einem Kriege gegen ihn schickte man sich noch mit nichts weiter an 306 als mit dem Willen. Beiden Consuln wurde Italien als ihr Posten angewiesen, so daß sie sich darüber zu vergleichen oder zu losen hätten, wer von ihnen die diesjährigen Wahlversammlungen halten solle. Wer von beiden dies Geschäft nicht zu besorgen habe, solle sich bereit halten, nöthigenfalls mit den Legionen außerhalb Italien zu gehen, wohin es sein möchte. Dieser Consul bekam die Vollmacht, zwei neue Legionen aufzubringen, und zwanzigtausend Latinische Verbündete und achthundert Ritter. Dem andern Consul wurden die beiden Legionen bestimmt, welche Lucius Cornelius, der Consul des vorigen Jahrs, gehabt habe und von demselben Heere an Verbündeten und Latinern funfzehn tausend Mann und fünfhundert Ritter. Dem Quintus Minucius wurde der Oberbefehl bei dem Heere, mit welchem er in Ligurien stand, verlängert: außerdem sollten zur Ergänzung desselben viertausend Römer zu Fuß und hundert funfzig Ritter geworben, und die Bundesgenossen angewiesen werden, ebenfalls für jene Gegend fünftausend Mann zu Fuß und zweihundert funfzig Ritter zu stellen. Dem Cneus Domitius würde durch das Los sein Posten außerhalb Italien auf einen vom Senate ihm zu bestimmenden Platz angewiesen; dem Lucius Quinctius Gallien und die Haltung der Wahlversammlungen. Dann wurden den Prätoren durch das Los ihre Posten beschieden; dem Marcus Fulvius Centumalus die Rechtspflege in der Stadt, dem Lucius Scribonius Libo die über die Fremden; dem Lucius Valerius Tappo Sicilien, dem Quintus Salonius Sarra Sardinien, dem Marcus Bäbius Tamphilus das diesseitige Spanien, dem Aulus Atilius Sertanus das jenseitige. Doch diesen beiden wurden zuerst durch ein Senatsgutachten, dann auch vermöge eines Volksschlusses, ihre Posten umgeändert; dem Atilius nämlich die Flotte nebst Macedonien, dem Bäbius die Bruttier zuerkannt. Dem Flaminius und Fulvius wurde für beide Spanien der Oberbefehl verlängert. Dem Bäbius Tamphilus wurden für das Bruttische die beiden Legionen bestimmt, die im vorigen Jahre in der Stadt gelegen hatten; und zu derselben Bestimmung sollten ihm 307 auch die Bundesgenossen funfzehn tausend Mann zu Fuß und fünfhundert Ritter stellen; Atilius erhielt Befehl, dreißig neue Fünfruderer auszurüsten, die alten etwa noch brauchbaren vom Holme zu nehmen und Seeleute zu werben. Auch wurden die Consuln angewiesen, ihm zweitausend Mann Bundesgenossen und Latiner zu geben und tausend Römer zu Fuß. Der Angabe nach waren diese beiden Prätoren und diese beiden Heere, sowohl das zu Lande, als das zu Wasser, gegen den Nabis bestimmt, der schon geradezu eine Römische Bundesstadt belagerte. Allein man wartete noch auf die an den Antiochus abgeschickten Gesandten; und der Senat hatte dem Consul Cneus Domitius befohlen, vor ihrer Wiederkunft die Stadt nicht zu verlassen.

21. Die Prätoren Fulvius und Scribonius, deren Amt die Rechtspflege in Rom war, erhielten den Auftrag, außer der Flotte, welche Atilius befehligen sollte; noch hundert Fünfruderer auszurüsten. Ehe der Consul und die Prätoren auf ihre Posten abgingen, wurde der Schreckzeichen wegen ein Bettag gehalten. Es war nämlich aus dem Picenischen gemeldet, eine Ziege habe sechs Lämmer[recte: Böcklein] auf einmal geworfen; zu Arretium war ein Knabe mit Einer Hand geboren; zu Amiternum ein Erdregen gefallen; zu Formiä Thor und Mauer vom Blitze getroffen; und was den meisten Schrecken erregte, ein Ochs des Consuls Cneus Domitius sollte die Worte gesprochen haben: «Rom sei auf deiner Hut!» Der übrigen Schreckzeichen wegen wurde der Bettag gehalten: für den Ochsen hießen die Opferschauer Sorge tragen, daß er Leben und Futter behielt. Die Tiber, die sich in noch wilderer Flut, als das vorigemal, über die Stadt ergoß, riß zwei Brücken ein und viele Gebäude, hauptsächlich in der Gegend des Flußthors. Ein ungeheures Felsenstück, entweder durch Regengüsse gelöset, oder durch ein übrigens unbemerktes leichtes Erdbeben, stürzte vom Capitole auf die Jochstraße herab und erschlug viele Menschen. An mehreren Orten auf dem Lande trieb die Überschwemmung die Heerden weg und riß die Landhäuser ein.

308 Noch vor der Ankunft des Consuls Lucius Quinctius auf seinem Kriegsplatze lieferte Quintus Minucius im Gebiete von Pisä den Liguriern eine förmliche Schlacht, erlegte neuntausend Feinde und trieb die übrigen in voller Flucht in ihr Lager. Bis in die Nacht wurde dies unter heftigem Kampfe bestürmt und vertheidigt: in der Nacht machten sich die Ligurier unbemerkt davon. Mit anbrechendem Tage fielen die Römer über das leere Lager her. Beute fanden sie wenig, weil die Ligurier von Zeit zu Zeit den Raub aus den Dörfern nach Hause zu schicken pflegten. Von nun an gestattete Minucius den Feinden nicht die mindeste Erholung. Er brach aus der Gegend von Pisä nach Ligurien auf, verheerte ihre kleinen Festungen und Flecken mit Feuer und Schwert, und hier belud sich der Römische Soldat mit der ganzen Hetrurischen Beute. welche von jenen Plünderern hieher geschickt war.

22. Um diese Zeit kamen in Rom die Gesandten zurück von den Königen. Da ihre Berichte nichts enthielten, was schon jetzt einen gültigen Grund zum Kriege abgeben konnte, außer gegen den Zwingherrn von Lacedämon, und zugleich die Achäischen Gesandten von seinem vertragswidrigen Angriffe auf die Lacedämonischen Seeplätze Anzeige machten, so wurde nur der Prätor Atilius zum Schutze der Verbündeten mit seiner Flotte nach Griechenland geschickt. Und weil die Gefahr von Seiten des Antiochus noch nicht dringend war, so wurde beschlossen, die Consuln beide auf ihre Posten abgehen zu lassen. Domitius kam von Ariminum auf dem nächsten Wege, Quinctius durch Ligurien in das Land der Bojer; und die beiden Heere der Consuln verwüsteten von zwei Seiten her das Gebiet der Feinde weit und breit. Da gingen zuerst nur kleine Scharen Reuterei mit ihren Obersten, dann ihr ganzer Senat und der Bemittelten oder Angesehenen gegen tausend fünfhundert zu den Consuln über.

Auch in beiden Spanien waren die Römischen Waffen in diesem Jahre glücklich. Cajus Flaminius auf seiner Seite gewann die feste und wohlhabende Stadt Litabrum durch Belagerung, und machte den Corribilo, einen 309 Fürsten von großem Rufe, zum Gefangenen: auf der andern lieferte Marcus Fulvius zwei feindlichen Heeren zwei glückliche Schlachten, erstürmte zwei Spanische Städte Vesceflia und Holo und viele kleine Festungen: andere unterwarfen sich freiwillig. Nun rückte er gegen die Oretaner vor, bemächtigte sich auch hier der beiden Städte Noliba und Cusibi und zog weiter zum Flusse Tagus. Hier lag die Stadt Toletum; zwar nur klein, aber auf einer befestigten Höhe. Als er sie belagerte, kamen die Vectonen mit einem großen Heere den Toletanern zu Hülfe. Er besiegte sie in einer ordentlichen Schlacht und eroberte, nach Verjagung der Vectonen, Toletum durch Werke.

23. Jetzt aber machten die Kriege, welche wirklich im Gange waren, den Vätern weniger Sorge, als der noch nicht ausgebrochene Krieg mit dem Antiochus, dem sie entgegensahen. Freilich unterrichteten sie sich von Allem immerfort durch Gesandte, allein durch zufällig unverbürgte Gerüchte bekam die Wahrheit manchen falschen Zusatz. Unter andern hieß es, Antiochus werde gleich nach seiner Ankunft in Ätolien eine Flotte nach Sicilien gehen lassen. Also schickte der Senat, ob er gleich den Prätor Atilius mit der Flotte nach Griechenland gehen ließ, dennoch, weil es nöthig war, den Muth der Verbündeten nicht bloß durch Truppen, sondern auch durch Männer von Gewicht aufrecht zu erhalten, den Titus Quinctius, auch den Cneus Octavius, ferner den Cneus Servilius und Publius Villius als Gesandte nach Griechenland. Auch beschloß er, Marcus Bäbius sollte mit seinen Legionen aus dem Bruttischen bis Tarent und Brundusium vorrücken, um nöthigenfalls von da nach Macedonien überzugehen; auch sollte der Prätor Marcus Fulvius eine Flotte von dreißig Schiffen abgehen lassen, die Küste Siciliens zu schützen; wer diese führen würde – Lucius Oppius Salinator, im vorigen Jahre Bürgerädil, führte sie – dem sollte das volle Recht des Oberbefehls zustehen; ferner sollte eben jener Prätor seinem Amtsgenossen Lucius Valerius schreiben: «Es sei zu fürchten, daß eine Flotte des 310 Königs Antiochus aus Ätolien nach Sicilien übergehe: darum sei des Senates Meinung, Valerius möge das schon unter ihm stehende Heer mit zwölftausend Mann durch einen Aufruf zusammengebrachter Truppen und vierhundert Reutern verstärken, damit er im Stande sei, die Griechenland gegenüber liegende Küste seiner Provinz zu decken.» Diese Truppen hob der Prätor nicht bloß in Sicilien aus, sondern auch auf den umliegenden Inseln, und sicherte alle nach Griechenland sehenden Küstenstädte durch Besatzungen. Die Ankunft des Attalus, eines Bruders vom Eumenes, gab jenen Gerüchten Nahrung. Er meldete, König Antiochus sei mit seinem Heere über den Hellespont gegangen, und die Ätoler schickten sich an, um die Zeit seiner Ankunft in den Waffen zu sein. Sowohl dem abwesenden Eumenes, als seinem gegenwärtigen Bruder, stattete der Senat seinen Dank ab; verordnete für diesen ein besondres Haus, einen Standplatz und die Ehrenbewirthung, und machte ihm ein Geschenk mit zwei Pferden, zwei Ritterrüstungen, einem Silbergeräthe von hundert, und einem Goldgeräthe von zwanzig PfundDer Werth des ersten 3124 Gulden; des zweiten 6240 Gulden Conv..

24. Da nun Eine Nachricht über die andre den nahen Krieg verkündigte, so fand man es zweckmäßig, je eher je lieber Consuln wählen zu lassen. Also erließ der Senat die Verordnung: Der Prätor Marcus Fulvius solle sogleich an den Consul schreiben und ihm den Willen des Senates kund thun, daß er seinen Posten und sein Heer an die Unterfeldherren abgeben, nach Rom zurückkommen und noch unterwegs seine Bekanntmachung, in der er den Tag der Consulnwahl bestimme, vorabschicken möge. Diesem Schreiben leistete der Consul Folge, schickte die Bekanntmachung vorauf und kam nach Rom. Auch bei der diesjährigen Bewerbung sah man ein großes Parteienspiel, weil um die Eine adliche Stelle ihrer Drei sich bewarben; der bei der vorigen Wahl durchgefallene Publius Cornelius Scipio, Sohn des Cneus; ferner Lucius Cornelius Scipio und Cneus Manlius Vulso. – Publius Scipio bekam das 311 Consulat; so daß man sah, einem solchen Manne sei die Ehrenstelle nur aufgespart, nicht versagt gewesen. Der ihm an die Seite gesetzte Amtsgenoß vom Bürgerstande war Manius Acilius Glabrio. Den Tag darauf wurden folgende Prätoren gewählt: Lucius Ämilius Paullus, Marcus Ämilius Lepidus, Marcus Junius Brutus, Aulus Cornelius Mammula, Cajus Livius und Lucius Oppius, beide mit dem Zunamen Salinator. Dies war der Oppius, der die Flotte von dreißig Schiffen nach Sicilien geführt hatte. Marcus Bäbius erhielt Befehl, so lange das Los den neuen Obrigkeiten die Plätze ihrer Bestimmung noch nicht angewiesen habe, von Brundusium mit allen seinen Truppen nach Epirus überzugehen und sie in der Nahe von Apollonia beisammen zu halten; und dem Stadtprätor Marcus Fulvius wurde aufgetragen, funfzig neue Fünfruderer auszurüsten.

25. Und so setzten sich die Römer ihrerseits gegen alle Unternehmungen des Antiochus in Bereitschaft. Nabis hingegen war so weit davon entfernt, mit dem Kriege noch zu warten, daß er vielmehr schon jetzt aus allen Kräften Gythium bestürmte, und aus Erbitterung auf die Achäer, weil sie den Belagerten Hülfe geschickt hatten, ihr Land verwüstete, Die Achäer, die es nicht gewagt hatten, den Krieg zu eröffnen, bevor ihre Gesandten von Rom zurückgekehrt wären, um sich erst über die Meinung des Senates zu belehren, setzten nach der Zurückkunft der Gesandten eine Versammlung zu Sicyon an, und schickten Abgeordnete an den Titus Quinctius, sich seinen Rath zu erbitten. Auf der Versammlung entschieden sich die Stimmen alle für schleunige Eröffnung des Krieges; allein ein Brief vom Titus Quinctius, worin er ihnen rieth, den Römischen Prätor mit der Flotte abzuwarten, machte sie unschlüssig. Da einige der Vornehmeren auf ihrer Meinung beharreten, Andere den Rath dessen befolgt wissen wollten, den sie selbst darum befragt hätten, so sahen die Meisten der Erklärung Philopömens entgegen. Er war jetzt Prätor und übertraf sie Alle damals an Klugheit und Ansehen. Nach einer Einleitung, in welcher er die 312 Achäische Sitte pries, vermöge welcher kein Prätor, wenn er über einen zu beschließenden Krieg die Stimmen abgehört, sein eignes Gutachten abgeben darf, forderte er sie auf, sobald als möglich zu bestimmen, was ihr Wille sei. «Ihr Prätor werde dann ihre Beschlüsse mit aller Treue und Sorgfalt vollziehen und seine Kräfte aufbieten, daß sie sich weder den Frieden, noch den Krieg, so weit dies von menschlicher Leitung abhängig sei, gereuen lassen sollten.» Diese Rede gab für die Stimmung zum Kriege einen weit stärkeren Ausschlag, als wenn er durch offenbares Zurathen etwa Thatensucht hätte blicken lassen. Also wurde der Krieg mit großer Einstimmigkeit beschlossen; die Zeit aber und die Art ihn zu führen, dem Prätor völlig überlassen. Philopömen war außerdem, daß er hierin den Willen des Quinctius sah, schon selbst der Meinung, man müsse die Römische Flotte erwarten, um durch diese Gythium von der Seeseite decken zu können: weil er aber besorgte, die Sache möchte keinen Aufschub leiden, und nicht allein Gythium, sondern auch das der Stadt zu Hülfe geschickte Kohr verloren gehen, so ließ er die Schiffe der Achäer vom Strande auf das Wasser bringen.

26. Auch der Zwingherr hatte sich eine kleine Flotte angeschafft, um den Verstärkungen, die den Belagerten zur See geschickt werden möchten, das Einlaufen zu wehren; die aus drei Deckschiffen, einigen Barken und Jachten bestand: denn seine alte Flotte hatte er im Friedensschlusse den Römern ausgeliefert. Um die Leichtigkeit seiner noch neuen Schiffe zu prüfen, zugleich auch um Alles zum Kampfe in gehörigem Stande zu haben, ließ er seine Ruderer und Soldaten täglich auslaufen und sich durch Nachbildungen von Seegefechten üben, Weil er sich von der Belagerung nur dann Erfolg versprach, wenn er alle Hülfsleistungen von der See her unmöglich machte. Der Achäische Prätor, so sehr er in der Kunst der Landschlachten jedem berühmten Feldherrn an Übung und Erfindung gleichkam, so wenig verstand er vom Seewesen, als ein geborner Arcadier, mitten im Lande heimisch und mit Allem, 313 was Ausland hieß, unbekannt, außer daß er in Creta, als Oberster über die Hülfsvölker, gedient hatte. Es stand noch ein altes vierrudriges Schiff, das die Achäer vor achtzig Jahren, als es die Gemahlinn des Craterus, Nicäa, von Naupactus nach Corinth führen sollte, aufgebracht hatten. Durch den Ruf desselben verleitet – denn es war ehemals in der königlichen Flotte ein hochberühmter Kiel gewesen – ließ er dies schon so anbrüchige, vor Alter baufällige Schiff von Ägium auslaufen. Jetzt ging es als Hauptschiff, da es den Befehlshaber der Flotte, den Tiso von Paträ an Bord hatte, vor der Flotte her, als ihr von Gythium aus die Lacedämonischen Schiffe entgegen kamen: und gleich beim ersten Stoße auf ein neues und festes Schiff fiel das alte, das ohnehin in allen Fugen Wasser zog, aus einander; und Alle, die es an Bord hatte, wurden Gefangene. Nach dem Verluste des Hauptschiffes entflohen die übrigen, so gut sich jedes durch seine Ruder half. Philopömen selbst entkam auf einem leichten Spähschiffe, und setzte seiner Flucht nur dann erst ein Ziel, als er Paträ erreicht hatte. Allein den Muth des Krieggewohnten, der schon so manches Misgeschick erfahren hatte, minderte dieser Unfall nicht: im Gegentheile, dafür daß es im Seekriege, von dem er keine Kenntniß habe, mislungen sei, sich desto mehr für das Fach versprechend, in welchem er eingeübt sei, versicherte er, er wolle dem Zwingherrn die Freude bald wieder verderben.

27. Nabis, durch diesen glücklichen Vorfall gehoben, ja schon mit der sichern Hoffnung sich schmeichelnd, daß er vom Meere aus nichts weiter zu besorgen habe, wollte nun auch durch zweckmäßig aufgestellte Posten dem Feinde jeden Zugang zu Lande sperren. Er führte den dritten Theil seiner Truppen von der Belagerung Gythiums ab und nahm ein Lager bei Plejä. Dieser Ort liegt in der Nähe von Leucä und Acriä an dem Wege, auf welchem seiner Meinung nach die Feinde heranziehen mußten. Da er in diesem Lager stehen blieb, wo nur Wenige unter Zelten lagen, die Übrigen aber ihren aus Schilf geflochtenen Hütten, um nur Schatten zu haben, ein Dach von 314 Laubwerk gegeben hatten, so entschloß sich Philopömen, ehe er noch dem Feinde zu Gesicht käme, ihn wider alle Erwartung durch eine Kriegslist anzugreifen, auf die er unvorbereitet sei. Auf eine verdeckte Stellung an der Argivischen Küste zog er mehrere kleine Fahrzeuge zusammen, bemannete sie mit Truppen ohne Gepäck, die meistens nur kleine Schilde, Schleudern, Wurfpfeile und andre leichte Waffen hatten, fuhr an der Küste hin, stieg an einem Vorgebirge in der Nähe des feindlichen Lagers aus, kam auf ihm bekannten Fußsteigen in der Nacht nach Plejä, und weil die Wachen, die keine Gefahr in der Nähe ahneten, eingeschlafen waren, ließ er von allen Seiten auf die Lagerhütten Feuer werfen. Da verbrannten Viele, ohne etwas von einem ankommenden Feinde zu wissen, und die ihn gewahr wurden, konnten keine Hülfe leisten: Feindes Schwert und Flammen vertilgten Alles. So von zwei Übeln in die Mitte genommen retteten sich doch noch Einige in das größere Lager vor Gythium. Während dieser Bestürzung der Feinde ging Philopömen sogleich weiter, um Tripolis zu verheeren, eine Landschaft des Laconischen Gebiets, wo es an die Gränze von Megalopolis stößt; raffte viele Heerden und Menschen zusammen und zog wieder ab, ehe der Zwingherr dem Lande von Gythium aus Hülfe schicken konnte. Als er sein Heer von dort nach Tegea zusammengezogen und hieher die Achäer mit ihren Verbündeten zu einer Versammlung berufen hatte, auf welcher auch die vornehmsten Epiroten und Acarnanen erschienen, entschloß er sich, weil jetzt die Seinigen für ihre zur See gekränkte Ehre schon völlig wieder entschädigt und die Feinde die Muthlosen waren, vor Lacedämon selbst zu gehen, insofern dies das einzige Mittel sei, den Feind von der Belagerung Gythiums abzuziehen. Bei Caryä nahm er auf feindlichem Boden sein erstes Lager. Gerade an diesem Tage wurde Gythium erobert. Philopömen, der davon nichts wußte, rückte bis zum Barbosthenes vor, einem Berge zehntausend Schritte von Lacedämon. Und Nabis, der nach der Eroberung von Gythium mit seinem schlagfertigen Heere dort aufbrach, 315 führte es im Eilmarsche vor Lacedämon vorbei und besetzte das sogenannte Pyrrhus-Lager, weil er an der Absicht der Achäer, diese Stellung zu beziehen, nicht zweifelte. Von hier aus ging er den Feinden entgegen. Sie dehnten sich aber wegen der schmalen Straße auf einen langen Zug von beinahe fünftausend Schritten aus. Diesen Zug schloß die Reuterei und der größte Theil der Hülfsvölker, weil Philopömen vermuthete, der Zwingherr werde mit seinen Söldnern, auf die er sich am meisten verließ, die Achäer im Rücken angreifen. Hier aber setzten ihn auf einmal zwei unerwartete Umstände in Verlegenheit. Der Eine: die Stellung, die er hatte nehmen wollen, war schon vom Feinde besetzt; der Andre: er sah die Feinde auf seinen Vortrab stoßen, wo bei diesem Wege über Klippengänge ohne eine Bedeckung von leichten Truppen alles weitere Vorrücken seiner Einsicht nach unmöglich war.

28. Allein einen Marsch zu leiten, eine Stellung zu nehmen, gerade darin hatte Philopömen außerordentliche Geschicklichkeit und Erfahrung, und hierin vorzüglich hatte er nicht bloß zur Zeit des Krieges, sondern auch im Frieden, seinen Geist geübt. Machte er irgendwohin eine Reise und kam an einen Gebirgspaß, wo der Durchgang schwierig war, so nahm er die Beschaffenheit des Orts von allen Seiten in Augenschein; war er allein, so ging er darüber mit sich selbst zu Rathe; hatte er Begleiter, so warf er die Fragen auf: «Wenn sich hier ein Feind zeigte, wie man seine Maßregeln zu nehmen habe, falls er von vorn, wie, wenn er von dieser oder der Seite, wie, wenn er im Rücken, angriffe. Man könne schlagfertig in gerader Linie auf ihn stoßen, man könne aber auch in ungeschlossenem Zuge und bloß zum Marsche eingerichtet sein.» Dann ließ er sich auf weiteres Nachdenken oder Fragen darüber ein, «welche Stellung er nehmen müsse, wie viele Truppen er dazu brauchen werde und von welcher Art der Bewaffnung; denn auch darauf komme nicht wenig an: wohin er das schwere Heergeräth, wohin das leichte Gepäck entfernen wolle, wohin den unbewehrten Troß: wie stark für diese die Bedeckung sein müsse, und von 316 was für Truppen: ob es besser sei, den einmal eingeschlagenen Weg zu verfolgen, oder auf dem, den man gekommen sei, zurückzugehen: ferner, welchen Platz er zum Lager wählen werde, und wie viel er mit seinen Werken zu umfassen habe: wo man am besten Wasser holen, wo man sich die Zufuhr an Futter und Holz offen halten könne: welcher Weg beim Aufbruche am folgenden Tage der sicherste; wie der Zug geordnet sein müsse.» Mit dergleichen Beherzigungen und Rücksichten hatte er von Jugend auf seinem Geiste zu thun gegeben, so daß ihm in keinem Falle dieser Art eine zu nehmende Rücksicht neu war. Auch jetzt ließ er vor allen Dingen den Zug Halt machen; schickte dann die Cretensischen Hülfsvölker und die sogenannten Tarentinischen Reuter, deren jeder zwei Pferde bei sich führt, an die Spitze des Zuges, ließ seine Reuterei am Schlusse folgen und besetzte über einem Bache, wo sie Wasser holen konnten, einen Felsen. Dorthin wurden das sämtliche Heergeräth und der Troß der Knechte ausgeschieden, und mit einer Bedeckung umgeben, und ein Lager befestigt, so gut es die Beschaffenheit des Orts erlaubte. Schwer war es, auf einem felsichten und unebenen Boden die Zelte aufzuschlagen. Fünfhundert Schritte davon standen die Feinde. Das Wasser holten beide Heere unter einer Bedeckung von Leichtbewaffneten aus demselben Bache, und ehe es noch zu Gefechten kam, wie sie in einer solchen Nähe beider Lager gewöhnlich sind, brach die Nacht ein. Daß man am folgenden Tage zur Vertheidigung der Wasserholer am Bache werde zu fechten haben, war einleuchtend. Also versteckte er während der Nacht in einem Thale, das den Feinden aus dem Gesichte lag, so viele Leichtbeschildete, als der Ort verdeckt halten konnte.

29. Mit Tagesanbruch ließen sich die Cretensischen Leichtbewaffneten nebst den Tarentinischen Reutern am Bache mit den Feinden ein. Telemnastus, ein Cretenser, befehligte seine Landsleute, die Reuter LycortasDes Polybius Vater. von 317 Megalopolis. Bei den Feinden waren ebenfalls die Cretensischen Hülfsvölker und eben solche Tarentinische Reuter den Wasserholern zur Bedeckung. Eine Zeitlang blieb also das Gefecht unentschieden; war doch auf beiden Seiten die Art der Truppen und ihre Bewaffnung gleich. Doch bei der Dauer des Kampfs siegten die Hülfstruppen des Zwingherrn, theils durch ihre Überlegenheit, theils weil es Philopömen so bei seinen Obersten bestellt hatte: nach einem mäßigen Gefechte sollten sie sich auf eine Flucht einlassen und die Feinde auf die Stelle des Hinterhaltes ziehen. In vollem Laufe setzten diese durch das Thal den Fliehenden nach, und viele von ihnen wurden schon verwundet, schon getödtet, ehe sie den versteckten Feind bemerkten. Philopömens Leichtbeschildete hatten sich, so gut es die Breite des Thals gestattete, in einer solchen Stellung gehalten, daß sie die Fliehenden leicht in die Zwischenräume ihrer Glieder aufnehmen konnten. Jetzt erhoben sie sich, ohne Wunde, bei voller Kraft, im Schlusse; und fielen auf den in Unordnung heranstürzenden, von Arbeit und Wunden ermattenden Feind. Der Sieg war entschieden. Die Truppen des Zwingherrn kehrten sogleich den Rücken, und weit schneller fliehend, als sie vorhin verfolgt hatten, wurden sie in ihr Lager getrieben. Noch auf der Flucht wurden viele getödtet und gefangen. Selbst im Lager würde die Verlegenheit groß geworden sein, hätte nicht Philopömen zum Rückzuge blasen lassen, weil er die felsige, bei jedem unvorsichtigen Vorrücken gefahrvolle Gegend mehr, als den Feind, fürchtete. Doch da er sich aus dem Erfolge der Schlacht und aus der Sinnesart dessen, der sie verloren hatte, die Größe seiner jetzigen Bestürzung berechnete, so ließ er durch Einen von den Hülfstruppen, den er als Überläufer hinschickte, ihm als gewisse Nachricht zutragen: Es sei bei den Achäern beschlossen, morgen bis an den Fluß Eurotas vorzurücken – dieser bespült fast die Mauer von Sparta – und den Weg zu sperren; theils um dem Zwingherrn, falls er sich zum Rückzuge in die Stadt entschlösse, diesen unmöglich zu machen; theils um keine Zufuhr aus der Stadt ins Lager 318 zu lassen, zugleich auch, um zu versuchensimul etiam tentaturus]. – Ich behalte lieber die von Crevier in den Text genommene, auch durch den Codex des Victorius und noch durch andre Msc. bestätigte Lesart tentaturos bei. Man mag das von Drakenb. eingeführte tentatur us mit Modius auf Philopömen, oder mit Döring auf den Überläufer ziehen, so bleibt der Zusammenhang doch gesucht; denn von beiden Subjecten steht das tentaturus zu weit entfernt. Tentatur os hingegen hat außer den erwähnten mehreren Msc. 1) dies für sich, daß man sieht, warum Livius die Nähe des Eurotas an der Mauer von Sparta angiebt: dann konnten nämlich die Achäer mit den auf der Mauer befindlichen Spartanern reden. 2) schließen sich dann die Worte fidem dictis perfuga fecit weit besser an das, was Livius den Überläufer so eben hatte sagen lassen. Tentaturus hingegen ist von jenen Subjecten dort abgerissen und unterbricht hier nicht weniger., ob sich nicht Mancher bereden lasse, vom Zwingherrn abzufallen. Die Aussagen des Überlaufers fanden bei Nabis gerade nicht so viel Glauben, als sie ihm vielmehr bei seiner Ängstlichkeit einen scheinbaren Vorwand gaben, das Lager zu verlassen. Am folgenden Tage ließ er den Pythagoras mit den Hülfsvölkern und der Reuterei sich vor dem Lagerwalle aufstellen. Er selbst rückte mit den Kerntruppen dem Scheine nach zur Schlacht aus, und gebot dann den Eilmarsch nach Lacedämon.

30. Als Philopömen ihren Zug so hastig den engen und abschüssigen Weg entlang fortstürzen sah, sandte er seine ganze Reuterei und die Cretensischen Hülfstruppen gegen die vor ihrem Lager aufgestellten Feinde. Diese, die den Feind vor Augen und sich von den Ihrigen verlassen sahen, wollten sich zuerst in ihr Lager zurückziehen: als aber jetzt die ganze Linie der Achäer schlagfertig anrückte, blieb ihnen bei der Furcht, mit samt dem Lager dem Feinde in die Hände zu fallen, nichts übrig, als dem schon ziemlich vorausgeeilten Zuge der Ihrigen zu folgen. Sogleich fielen die Achäischen Leichtbeschildeten in das Lager und plünderten es: die Übrigen zogen gleich weiter, den Feind zu verfolgen. Der Weg war so, daß sich ein Heerzug, auch ohne alle Beunruhigung von einem Feinde, nur mit Mühe durchwinden konnte. Wie also jetzt bei dem Nachtrabe das Gefecht anging, und vom Rücken her das fürchterliche Geschrei der Nothleidenden zu den vorderen Fahnen drang, da rettete sich Jeder so gut er 319 konnte mit Wegwerfung seiner Waffen in die Wälder auf beiden Seiten des Weges, und im Augenblicke war der Weg von zusammengestürzten Waffen gesperrt, hauptsächlich von Speeren, die den Gang, da sie fast alle mit der Spitze in die Erde gesunken waren, wie ein hingepflanztes Pfahlwerk schlossen. Philopömen, der seinen Hülfstruppen Befehl gab, die Verfolgung, so gut sie könnten, fortzusetzen; denn vorzüglich werde für die Reuterei die Flucht beschwerlich sein, führte selbst seine schweren Truppen einen offenern Weg zum Flusse Eurotas. Als es sich gegen Sonnenuntergang hier gelagert hatte, erwartete er seine Leichtbewaffneten, die er zur Verfolgung des Feindes zurückgelassen hatte. Als diese um die erste Nachtwache mit der Nachricht ankamen, der Zwingherr habe nur mit Wenigen die Stadt erreicht, die übrige Menge irre ohne Waffen im ganzen Walde zerstreuet umher, so befahl er ihnen, sich zu pflegen; nahm aber von den übrigen Truppen, die, wegen ihrer früheren Ankunft im Lager, schon Erquickung durch Speise und einige Ruhe gehabt hatten, sogleich eine auserlesene bloß mit Schwertern versehene Mannschaft mit sich, und stellte sie an die Heerstraßen, die aus zwei Stadtthoren, hier nach Pherä, dort zum Barbosthenes, führen, auf welchen, wie er voraussetzte, die Feinde aus ihrer Zerstreuung sich zur Stadt zurück begeben würden. Er hatte sich nicht geirrt. So lange es noch einigermaßen Tag war, nahmen die Lacedämonier ihren Rückweg mitten durch den Wald auf abgelegenen Pfaden. Als sie mit Abendwerden die Feuer im feindlichen Lager erblickten, hielten sie sich ihm gegenüber an verdeckte Fußsteige; sobald sie aber über dasselbe hinaus waren, wagten sie sich, ihrer Meinung nach mit Sicherheit, auf die offenen Landstraßen. Hier wurden sie von dem allenthalben auflaurenden Feinde in Empfang genommen, und so Viele niedergehauen und gefangen, daß vom ganzen Heere kaum der vierte Theil sich rettete. – Nach dieser Einschließung des Zwingherrn auf seine Stadt brachte Philopömen fast die dreißig nächstfolgenden Tage mit Verheerung des Lacedämonischen Gebietes zu; und 320 hatte bei seinem Abzuge die Macht des Zwingherrn gebeugt, in beinahe gebrochen, so daß ihn die Achäer an Thatenruhm dem Römischen Feldherrn an die Seite, und in Rücksicht auf den Lacedämonischen Krieg noch über jenen stellten.

31. Während dieses Krieges zwischen den Achäern und dem Zwingherrn bereiseten die Römischen Gesandten die Städte ihrer Bundesgenossen, weil sie fürchteten, die Ätoler möchten einige von ihnen für die Partei des Antiochus gewonnen haben. Die Achäer zu besuchen ließen sie sich am wenigsten angelegen sein, da sie sich von ihnen, bei ihrer Erbitterung gegen den Nabis, auch im Übrigen die erforderliche Freundschaft versprachen. Sie gingen zuerst nach Athen, von da nach Chalcis, dann nach Thessalien, und nach einem Vortrage an die zahlreich versammelten Thessalier, wandten sie sich nach Demetrias, wo eine Zusammenkunft der Magneten angesetzt wurde. Hier war bei ihrem Vortrage größere Umsicht nöthig, weil mehrere Vornehme die Partei der Römer verlassen hatten und ganz am Antiochus und an den Ätolern hingen. Denn als sie schon erfahren hatten, dem Philipp werde sein Prinz, bisher Geisel zu Rom, zurückgegeben und die ihm auferlegte Zahlung erlassen, hörten sie unter andern unverbürgten Sagen auch diese, die Römer würden ihm auch Demetrias wiedergeben. Ehe sie dies geschehen ließen, wollten Eurylochus, einer der ersten Magneten, und einige seiner Anhänger lieber durch die Ankunft der Ätoler und des Antiochus dem Ganzen eine neue Gestalt geben lassen. Gegen diese also mußte man eine solche Sprache führen, daß man sich nicht etwa, wenn man ihnen die Besorgniß als ungegründet ausredete, den Philipp durch diese vereitelte Hoffnung zum Feinde machte, da er in Allem einen weit größeren Ausschlag gab, als die Magneten. Also wurde nur dessen erwähnt, «Daß zwar ganz Griechenland für das Geschenk der Freiheit den Römern verpflichtet sei, diese Stadt aber ganz vorzüglich. Denn dort hätten die Macedonier nicht allein eine Besatzung gehabt, sondern auch eine Königsburg aufgebaut, so daß 321 die Bürger den Herrscher in Person beständig hätten vor Augen haben müssen. Doch hätten die Römer das Alles vergebens gethan, wenn jetzt die Ätoler in Philipps Pallast den Antiochus einführten, und die Bürger sich statt des alten schon gewohnten Königs einen neuen und unbekannten gefallen lassen müßten.»

Die höchste Obrigkeit heißt dort der Magnetarch. Dies war damals Eurylochus. In seiner Würde sich fühlend sagte er: «So wenig er, als die Magneten, brauchten damit an sich zu halten, daß ihnen das allgemeine Gerücht von der Zurückgabe der Stadt Demetrias an Philipp bekannt sei. Ehe die Magneten dies zugäben, müßten sie sich auf jeden Versuch, auf jedes Wagstück einlassen.» Vom Eifer seiner Rede zur Unbesonnenheit fortgerissen ließ er die Worte fallen: «Selbst jetzt sei Demetrias nur dem Scheine nach frei; in der That gehe Alles nach dem Winke der Römer.» Über diese Ausdrücke wurde die Versammlung laut, da sie in großer Uneinigkeit dem dreisten Redner hier ihren Beifall, dort ihren Unwillen zu erkennen gab. Und Quinctius wurde so aufgebracht, daß er, die Hände zum Himmel emporstreckend, die Götter zu Zeugen der Undankbarkeit und Treulosigkeit der Magneten anrief. Als dieser Aufruf sie Alle in Schrecken setzte, bat Zeno, einer ihrer Vornehmeren, ein Mann, dem sein musterhafter Lebenswandel und seine nie zu verkennende Anhänglichkeit an die Römer ein großes Gewicht gab, den Quinctius und die übrigen Gesandten mit Thränen, «den Unsinn Eines nicht dem State anzurechnen. Die Tollheit des Einzelnen treffe diesen selbst. Die Magneten verdankten nicht bloß ihre Freiheit, sondern Alles, was Menschen heilig und theuer sei, dem Titus Quinctius und den Römern. Niemand könne die unsterblichen Götter um Etwas bitten, was die Magneten nicht schon von den Römern erhalten hätten; und eher würden sie sich wüthend an sich selbst vergreifen, als die Römische Freundschaft verletzen.»

32. An seine Rede schlossen sich die Bitten der übrigen Menge. Nach der Versammlung machte sich 322 Eurylochus in aller Stille an das Thor und sogleich von da weiter nach Ätolien. Denn schon gaben die Ätoler, und zwar von Tage zu Tage deutlicher, ihren Abfall zu erkennen, und gerade jetzt war Thoas, der erste Mann im State, den sie an den Antiochus abgeschickt hatten, zurückgekommen und hatte von dort den Menippus als königlichen Gesandten mitgebracht. Noch ehe diese einer Versammlung vorgestellt wurden, hatten sie schon Allen von der großen Land- und Seemacht genug zu hören gegeben: «Es komme eine ungeheure Menge Fußvolk und Reuterei; Elephanten aus Indien; vorzüglich aber» – und dies mußte ihrer Meinung nach auf die Stimmung des großen Haufens am meisten wirken – «habe Antiochus so viel Gold geladen, daß er die Römer selbst kaufen könne.» Es ließ sich voraussehen, was diese Reden in einer Versammlung wirken würden. Denn daß diese angekommen waren, und Alles, was sie vornahmen, wurde den Römischen Gesandten hinterbracht; und war gleich alle Hoffnung so gut als abgeschnitten, so hielt es Quinctius doch nicht für unzweckmäßig, von den Bundsgenossen einen und andern Gesandten an dieser Versammlung theilnehmen zu lassen, weil diese die Ätoler an ihr Bündniß mit Rom erinnern und gegen den Gesandten des Königs die Sprache freier Männer führen könnten. Die Athener schienen ihm hierzu am besten zu passen, theils wegen ihres so angesehenen Stats, theils als uralte Ätolische Bundesgenossen. Quinctius ersuchte sie, zur Ätolischen Statenversammlung ihre Gesandten zu schicken.

In der Versammlung stattete Thoas zuerst von seiner Gesandschaft Bericht ab. Menippus, der nach ihm vorgelassen wurde, sagte: «Es würde freilich für alle Bewohner Griechenlands und Asiens das Beste gewesen sein, wenn Antiochus schon zur Zeit der ungeschwächten Macht Philipps hätte ins Mittel treten können: dann würde Jeder das Seinige behalten haben und nicht so ganz Alles dem Winke und der Landesherrlichkeit der Römer unterwürfig geworden sein. Aber auch jetzt noch, fuhr er fort, wenn ihr anders euren eingeleiteten Plan mit 323 Festigkeit bis zu seiner Ausführung verfolgt, wird Antiochus unter göttlichem Beistande und in Verbindung mit den Ätolern Griechenlands Macht, sei sie noch so sehr gesunken, auf die ehemalige Würde zurückführen können. Diese beruhet aber auf einer Freiheit, die auf innerer Kraft dasteht und nicht von fremder Willkür abhängig ist.»

Die Athener, die nach der königlichen Gesandschaft zuerst die Erlaubniß bekamen, ihre Meinung vorzutragen, forderten, ohne im mindesten des Königs zu erwähnen, die Ätoler auf, «den Bund mit Rom und die Verdienste des Titus Quinctius um das gesammte Griechenland zu bedenken, und jenen Bund nicht auf ein Gerathewohl durch übereilte Maßregeln umzustoßen. Die raschen und gewagten Entwürfe seien auf den ersten Anblick so heiter, in der Behandlung so schwierig, von so ernstem Erfolge. Roms Gesandte, und Titus Quinctius unter ihnen, ständen in der Nähe. Mit diesen möchten sie, so lange die Sache noch unverdorben sei, die streitigen Punkte lieber durch Worte ausmachen, als zu einem verderblichen Kriege Asien und Europa in die Waffen rufen.»

33. Die Menge, die immer nach neuen Verfassungen aussieht, war ganz auf des Antiochus Seite; ja ihrer Meinung nach mußten die Römer nicht einmal in der Versammlung zugelassen werden; doch setzten es hauptsächlich unter den Vornehmen die Bejahrteren vermöge ihres Ansehens durch, daß ihnen der Zutritt freigestellt wurde. Als die Athener den Quinctius von diesem Beschlusse benachrichtigten, bestimmte er sich zur Reise nach Ätolien. Denn entweder werde er irgend etwas bewirken, oder alle Welt zum Zeugen haben, daß die Schuld des Krieges an den Ätolern liege; dann würden die Römer bei Ergreifung der Waffen das Recht, ja die Nothwendigkeit, für sich haben. Als man dort zusammengekommen war, ließ sich Quinctius vor der Versammlung, der er zuerst den Anfang der Ätolischen Verbindung mit Rom erzählte, und wie oft sie ihr Bundesversprechen abgeändert hätten, mit wenig Worten auf Erörterung der streitigen Ansprüche auf 324 jene Städte ein. «Wenn sie aber ihren Forderungen nur irgend einige Billigkeit zutrauten, wie viel sie dann besser thun würden, Gesandte nach Rom zu schicken, und nach ihrem Ermessen ihre Sache vor dem Senate entweder als streitende Partei, oder als die Bittenden, zu führen; als wenn nun die Römer mit dem Antiochus, gerade wie ein von den Ätolern zusammengestelltes Fechterpar, nicht ohne große Erschütterung der Welt, nicht ohne Griechenlands Verderben, einen Gang wagen müßten? Auch werde niemanden das Elend des Krieges früher fühlbar werden, als denen, die seinen Ausbruch betrieben hätten.» Umsonst sprach hier Quinctius als Prophet. Hingegen Thoas nach ihm und Andre von derselben Partei wurden mit allgemeinem Beifalle gehört und setzten es durch, daß man, selbst ohne die Versammlung zu vertagen oder die Abwesenheit der Römer abzuwarten, den Beschluß abfaßte, nach welchem Antiochus eingeladen wurde, Griechenlands Befreier und zwischen Ätolern und Römern Schiedsrichter zu werden. Diesen so stolzen Schluß begleitete ihr Prätor Damocritus noch mit einer Beleidigung von seiner Seite. Denn als Quinctius von ihm die Mittheilung eben dieses Beschlusses verlangte, gab er ihm, ohne die mindeste Achtung für die Würde eines solchen Mannes, zur Antwort: «Er habe für dasmal ein anderes, dringenderes Geschäft vorher abzuthun; werde ihm aber mit dem Beschlusse seinen Bescheid nächstens in Italien geben, wenn sein Lager am Ufer der Tiber stehe.» So groß war damals bei der Ätolischen Nation, so groß bei ihren Obrigkeiten die Verblendung.

34. Quinctius und die Gesandten gingen nach Corinth zurück. Die Ätolerinde, ut quaeque]. – Ich halte mich in dieser Stelle an Creviers Erklärung, und lese statt der drei Worte inde, ut quaeque mit ihm Aetoli, ne quaeque. Herrn Dörings Vermuthung, wie die fehlerhafte Lesart entstanden sein möge, hat meiner Meinung nach sehr viele Wahrscheinlichkeit; und er unterstützt Creviers Erklärung durch Gründe, die der Verfolg der Erzählung bestätigt., um den Schein zu meiden, als ob sie, ohne sich selbst zu regen, Alles vom Antiochus erwarteten, und nur stillsitzend der Ankunft des Königs 325 entgegensähen, hielten zwar nach Entlassung der Römischen Gesandten keine neue Zusammenkunft ihres ganzen Völkervereins, thaten aber durch ihre Auserwählten – so heißt bei ihnen der höhere Rath, der in einem engeren Ausschusse besteht – alles Mögliche, um auf irgend eine Art in Griechenland eine Umwälzung zu bewirken. Darüber war man allgemein einverstanden, daß alle die Ersten und Gutdenkenden in den Städten zum Römischen Bunde gehörten; daß aber der große Haufe und Alle, die mit ihrer Lage unzufrieden waren, eine Umänderung des Ganzen wünschten. Da machten die Ätoler an Einem und demselben Tage den Entwurf, der, auch nur als Hoffnung gedacht, nicht bloß zu den kühnen, sondern zu den unbescheidenen gehörte, sich der Städte Demetrias, Chalcis und Lacedämon zu bemächtigen. Nach jeder schickten sie einen ihrer Großen ab; den Thoas nach Chalcis, den Alexamenus nach Lacedämon, nach Demetrias den Diocles. Der hier ausgewanderte Eurylochus, von dessen Flucht und ihrer Veranlassung ich oben geredet habe, unterstützte diesen, weil ihm keine andre Hoffnung der Rückkehr in seine Vaterstadt übrig blieb. Durch einen Brief vom Eurylochus aufgefordert, ließen seine Anverwandten und Freunde und andre Mitglieder dieser Partei seine Kinder und Gattinn in Trauerkleidern und im Aufzuge der Schutzflehenden in der zahlreichen Volksversammlung erscheinen, mit der flehentlichen Bitte an jeden Einzelnen und an Alle insgesammt, den Unschuldigen, nie Verurtheilten, nicht in der Verbannung seine Tage verleben zu lassen. Auf die Gutmüthigen wirkte das Mitleid, auf die Schlechten und Aufrührischen die Aussicht auf eine durch den Einbruch der Ätoler begünstigte Verwirrung. Jeder stimmte auf seine Weise für die Zurückberufung. Nach diesen Vorkehrungen brach Diocles mit der ganzen Reuterei auf, – und er war gerade damals ihr Oberster – unter dem Scheine, den beherbergten Flüchtling wieder in sein Vaterland zu geleiten; und nachdem er in Tag und Nacht einen langen Weg zurückgelegt hatte, ging er bei Tagesanbruch, als er von der Stadt nur noch sechstausend 326 Schritte entfernt war, mit drei ausgewählten Geschwadern vorauf und hieß die übrigen Reuter nachfolgen. Als er dem Thore näher kam, mußten seine Reuter sämtlich absitzen und die Pferde am Zügel führen, ganz wie auf einem Reisezuge, ohne allen Gliederschluß, so daß sie eher für des Obersten Gefolge, als für sein Kohr angesehen wurden. Eins seiner Geschwader ließ er hier am Thore stehen bleiben, damit die nachfolgende Reuterei nicht ausgeschlossen werden könne, und brachte den Eurylochus an seiner Hand mitten durch die Stadt und über den Markt unter manchem Willkommen! und Glückwunsche bis an sein Haus. Bald war die ganze Stadt voll Reuter, und er ließ die dienlichen Plätze besetzen: dann schickte er in die Häuser und ließ die Häupter der Gegenpartei ermorden. So kam Demetrias in die Hände der Ätoler.

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