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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 120
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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48. Der Consul führte seine Legionen nach Placentia. Einige berichten, Scipio habe nach Vereinigung seines Heers mit seinem Amtsgenossen das Bojische und 263 Ligurische Gebiet verheerend durchzogen, so weit ihm Waldungen und Moräste das Vorrücken erlaubt hätten; Andre, er sei, ohne etwas Denkwürdiges gethan zu haben, zur Haltung der Wahlen nach Rom zurückgekehrt.

In eben diesem Jahre brachte Titus Quinctius zu Elatea, wohin er mit seinen Truppen in die Winterquartiere gegangen war, die ganze Winterzeit mit richterlichen Entscheidungen und Abänderung jener Anordnungen zu, die sich entweder Philipp selbst, oder seine Statthalter in der Absicht in den Staten erlaubt hatten, um durch Hebung seiner Partei die Rechte und die Freiheit der Gegner zu unterdrücken. Mit Frühlingsanfang ging er nach Corinth zu der von ihm angesetzten Zusammenkunft. Hier hielt er an die gleich einer Volksversammlung ihn umströmenden Gesandschaften der sämtlichen Staten eine Anrede, worin er zuerst an die erste freundschaftliche Verbindung Roms mit der Griechischen Nation und an Alles das erinnerte, was die Feldherren gethan, die vor ihm in Macedonien gestanden hatten, und was er selbst gethan. Das Alles fand bei den Zuhörern außerordentlichen Beifall, nur meinte man, als er in der Reihe seiner Erwähnungen auf den Nabis kam, es sei durchaus dem Befreier Griechenlands nicht angemessen gewesen, einen Zwingherrn stehen zu lassen, der nicht allein für seine eigne Vaterstadt so drückend, sondern auch allen umliegenden Staten furchtbar sei, da er sich im Schoße eines so weltberühmten States festgesetzt habe.

49. Quinctius, dem diese Stimmung nicht unbekannt war, gestand ihnen: «Wenn es ohne Lacedämons Zerstörung sich hätte thun lassen, so hätte man dem Vorschlage eines Friedens mit dem Zwingherrn kein Gehör geben müssen. So aber, da er nur mit dem Untergange einer so ehrwürdigenruina gravissima]. – Ich folge der Lesart der besten, ja fast aller Handschriften, gravissi mae, die auch Crevier und Clericus beibehalten haben. Duker erinnert dagegen, gravis civitas könne nur so viel bedeuten, als potens, valida; und das sei doch Lacedämon damals nicht mehr gewesen. Ich hingegen nehme gravissimus hier in dem Sinne, wie Cap. 5. vir gravissimus, consul M. Porcius; und wem ist es unbekannt, daß eine Catonische gravitas in Sparta heimisch war, ihres Lykurgus, Leonidas u. s. w. nicht zu gedenken? Stadt habe gestürzt werden können, sei es gerathener gewesen, lieber den 264 Zwingherrn geschwächt und fast für Alle unschädlich gemacht noch stehen zu lassen, als den Stat an den für seine jetzigen Kräfte zu starken Heilmitteln sterben zu lassen, so daß ihm gerade diese Erwerbung der Freiheit das Leben gekostet hätte.» Nach diesen Anführungen des Vergangenen setzte er hinzu: «Er sei Willens nach Italien abzugehen und sein ganzes Heer mitzunehmen. Noch vor Ablauf der nächsten zehn Tage würden sie von dem Abzuge der Besatzungen aus Demetrias und Chalcis hören; Acrocorinth werde er sogleich vor ihren Augen geräumt den Achäern übergeben, damit die Welt erfahre, ob die Lüge bei den Römern zu Hause sei, oder bei den Ätolern, die allenthalben herumgesprochen hätten, man habe sehr übel gethan, seine Freiheit den Römern anzuvertrauen, und sich statt der Macedonier die Römer zu Herren genommen. Doch diese Leute hätten nie etwas in Überlegung gezogen, weder was sie sprächen, noch was sie thäten. Die übrigen Staten wolle er erinnert haben, ihre Freunde nach den Thaten, nicht nach den Worten abzuwägen; und darüber verständigt zu sein, wem sie zu trauen und vor wem sie sich zu hüten hätten. Sie möchten sich ihrer Freiheit mit Mäßigung bedienen: gemildert, sei sie sowohl dem Einzelnen, als den Staten, heilsam; in der Übertreibung nicht nur für Andere drückend, sondern selbst in den Händen ihrer Besitzer ungezügelt und halsbrechend. Für die Eintracht möchten in den Staten die Häupter und Stände unter sich, und in Hinsicht auf das Ganze alle Staten Sorge tragen. Wären sie einig, so werde kein König, kein Zwingherr, ihnen als Gegner gewachsen sein. Zwietracht und Trennung gebe auf allen Seiten dem Auflaurer Blöße, weil die Partei, die zu Hause im Streite unterliege, sich lieber an Auswärtige anschließe, als ihren Mitbürgern nachgebe. Die durch fremde Waffen errungene, durch die 265 Redlichkeit einer auswärtigen Nation ihnen wiedergegebene Freiheit zu bewahren und zu erhalten, möchten sie nun ihre eigne Sorge sein lassen, damit das Römische Volk sehe, es habe die Freiheit Würdigen verliehen und sein Geschenk in gute Hände gegeben.»

50. Es war ihnen, als hörten sie die Worte eines Vaters: Allen rannen die Thränen vor Freude, so daß sie selbst den Redner aus der Fassung brachten. Eine Weile verging darüber, daß sie seiner Rede lauten Beifall nachriefen und sich einander aufforderten, diese Worte, wie aus einem Orakel gesprochen, sich tief ins Herz und in die Seele zu prägen. Nach angeforderter Stille bat er sie, die Römischen Bürger, die etwa bei ihnen in Sklaverei lebten, aufzusuchen, und sie ihm nach Thessalien zu schicken. «Ihnen selbst sei es nicht ehrenvoll, wenn in ihrem befreieten Lande seine Befreier Sklaven wären.» Alle riefen ihm zu: «Sie dankten ihm außer für alles Übrige auch dafür, daß er sie daran erinnere, einer so pflichtmäßigen, so unerläßlichen Gefälligkeit sich zu unterziehen.» Die Zahl der Gefangenen aus dem Punischen Kriege, welche Hannibal, weil sie von den Ihrigen nicht ausgelöset wurden, zu Sklaven verkauft hatte, war sehr bedeutend. Als Beweis für ihre Menge mag die Angabe des Polybius gelten, daß dies den Achäern allein auf hundert TalenteAlso auf 100,000 Thlr. Die Rechnung trifft zu, wenn man den Denar oder die Drachme zu 4 Ggr. und das Talent zu 1000 Thlr. annimmt. zu stehen gekommen sei, da sie, zum Ersatze für die Eigenthümer, den Preis jedes Kopfes auf fünfhundert Denare gesetzt hatten. Nach dieser Rechnung hatte Achaja allein zwölfhundert. Man rechne nun verhältnißmäßig so viele hinzu, als man mit Wahrscheinlichkeit für das ganze Griechenland annehmen kann. Noch waren sie auf der Zusammenkunft nicht verabschiedet, als sie von Acrocorinth die Besatzung herabkommen, sofort dem Thore zugeführt und abziehen sahen. Der Feldherr, der unter dem Zurufe: der Erretter! der Befreier! von Allen begleitet, jenem Zuge folgte, sagte ihnen beim Abschiede sein Lebewohl, und ging auf derselben Straße, die 266 er gekommen war, nach Elatea zurück. Von hier entließ er den Unterfeldherrn Appius Claudius mit allen Truppen, und hieß ihn durch Thessalien und Epirus sie nach Oricum führen und ihn dort erwarten, weil er Willens sei, das Heer von da nach Italien überzusetzen. Auch schrieb er seinem Bruder Lucius Quinctius, als Unterfeldherrn und Befehlshaber der Flotte, er möge ebenfalls dorthin von der ganzen Küste Griechenlands seine Ladungsschiffe zusammenziehen.

51. Er selbst ging nach Chalcis, und hielt hier, als er nicht nur aus Chalcis, sondern auch aus Oreum und Eretria seine Besatzungen gezogen hatte, eine Versammlung aus allen Euböischen Städten; gab ihnen zu beherzigen, in welchem Zustande er sie vorgefunden habe, und in welchem er sie verlasse, und entließ sie. Von da ging er nach Demetrias, zog seine Besatzung heraus, und eben so, wie zu Corinth und Chalcis, von Allen vor das Thor begleitet, nahm er seinen Weg weiter nach Thessalien, wo er die Städte nicht bloß in Freiheit setzen, sondern aus einer Flut von Verwirrungen aller Art in eine wenigstens erträgliche Verfassung bringen mußte. Diese Verstörung war nicht bloß Folge der nachtheiligen Zeitumstände oder der Gewaltthaten und Ermächtigungen des Königs, sondern sie selbst haben auch bei der unruhigen ihrem Volke eigenen Sinnesart, von ihrem Entstehen an bis auf unsere Zeiten, nie eine Wahl, nie eine Zusammenkunft oder Versammlung ohne Aufruhr und Tumult vorübergehen lassen. Deswegen nahm Quinctius bei der Wahl ihrer Senatoren und Ritter hauptsächlich das Vermögen zum Maßstabe, und gab in jeder Bürgerschaft demjenigen Theile die größere Macht, dem an der allgemeinen Wohlfahrt und Ruhe am meisten gelegen sein mußte.

52. Nachdem er so in ganz Thessalien Schatzung gehalten hatte, kam er durch Epirus nach Oricum, von wo er überschiffen wollte. Von Oricum setzte er alle seine Truppen nach Brundusium über. Von hier zogen sie durch ganz Italien bis zur Stadt beinahe im Triumphe, weil sie einen Zug von erobertem Gute voraufgehen 267 ließen, der nicht kleiner war, als ihr eigner. Als sie vor Rom ankamen, ließ der Senat außerhalb der Stadt den Quinctius zur Auseinandersetzung seiner Thaten vor und bewilligte ihm den verdienten Triumph mit Freuden. Er triumphirte drei Tage lang. Am ersten führte er Rüstungen, Waffen, eherne und marmorne Standbilder auf, meistens von Philipp gewonnene Beute; nur wenig aus den Städten: am zweiten Tage Gold und Silber, verarbeitet, roh und gemünzt. Das unverarbeitete Silber betrug achtzehntausend PfundEtwa 592,500 Gulden., das verarbeitete zweihundert siebzig8434 Gulden. Die Zahl scheint aber von den Abschreibern zu klein angegeben zu sein.. Darunter waren viele Gefäße aller Art, meistens von getriebener Arbeit, manche von vorzüglicher Kunst; auch viele Kunstwerke von Erz, und zehn silberne Schilde. Das geprägte Silber betrug vierundachtzig tausend186,000 Gulden. Attiker; sie heißen dort Vierdrachmenstücke, deren jedes an Silber etwa vier Denare hält. Hierzu kamen dreitausend siebenhundert und vierzehn Pfund160,620 Gulden. Gold, ein ganz goldener Schild und vierzehntausend fünfhundert und vierzehnDer Goldphilipp hielt etwa, wie der Römische numus aureus, 6 Thaler. Goldphilippe. Am dritten Tage zogen die goldenen Kränze vorüber, die ihm die Städte verehrt hatten, hundert und vierzehn an der Zahl; die Opferthiere folgten; dem Wagen vorauf gingen viele vornehme Gefangene und Geisel, unter diesen König Philipps Prinz Demetrius, und des Zwingherrn Nabis Sohn Armenes von Lacedämon. Ihnen nach trug der Triumphwagen den Quinctius in die Stadt: das Gefolge von Soldaten war stark, weil das ganze Heer vom Kriegsschauplatze zurückkam. In der Theilung bekam jeder Gemeine zu Fuß zweihundert und funfzig Kupferass5 Thlr. 5 Ggr., doppelt so viel ein Hauptmann, jeder Ritter das Dreifache. Als Nachzug verherrlichten den Triumph die aus der Leibeigenschaft Befreieten, die alle mit geschornem Haupte gingen.

268 53. Am Ende des Jahrs that der Bürgertribun Quintus Älius Tubero nach einem Senatsgutachten dem Bürgerstande den Vorschlag, den dieser auch annahm, daß zwei Latinische Pflanzungen, die eine auf das Bruttische, die andre auf das Thurinische Gebiet ausgeführt würden. Die zu ihrer Ausführung erwählten auf drei Jahre mit obrigkeitlicher Macht versehenen Dreimänner waren, für das Bruttische Quintus Nävius, Marcus Minucius Rufus, Marcus Furius Crassipes; für das Thurinische Cneus Manlius, Quintus Älius, Lucius Apustius. Diese beiden Wahlversammlungen hielt der Stadtprätor Cneus Domitius auf dem Capitole. In diesem Jahre wurden mehrere Tempel eingeweihet: einer der Juno Erhalterinn auf dem Kohlmarkte, welchen ihr Cajus Cornelius vor vier Jahren im Gallischen Kriege als Consul verheißen, auch den Bau verdungen hatte: jetzt weihete er ihn als Censor. Ein zweiter dem Faun. Aus den Strafgeldern hatten diesen Bau vor zwei Jahren die Ädilen verdungen, Cajus Scribonius und Cneus Domitius, der ihn als Stadtprätor weihete. Ferner weihete dem Glücke der Erstgebornen der hierzu ernannte Duumvir Quintus Marcius Ralla einen Tempel auf dem Quirinalischen Hügel. Verheißen hatte ihn vor zehn Jahren im Punischen Kriege Publius Sempronius: auch den Bau hatte er als ConsulP. Sempronius Sophus. locaverat idem censor]. – Die Hauptschwierigkeit in diesen Worten ist die, daß Sempronius schon fünf Jahre früher Censor gewesen war, (XXVII, 11.) ehe er als Consul diesen Tempel (XXIX, 36) gelobte. Man sehe darüber die Anmerk. bei Drakenb. u. Andern. Vermuthlich ist das Wort censor von einem Abschreiber, dem hinter den Worten locaverat idem etwas zu fehlen schien und der wenige Zeilen vorher gelesen hatte: censor idem dedicavit, hier sehr am unrechten Orte nachgetragen. Die voraufgegangenen Gegensätze von vota, locata, dedicata schienen ihn dazu zu berechtigen. Bliebe das Wort censor stehen, so widerspricht sich Livius so arg, daß er den Sempronius einen Tempelbau als Censor schon fünf Jahre früher in Verding geben läßt, den er erst fünf Jahre später als Consul in einer Schlacht mit Hannibal gelobte. Den zweiten Anstoß giebt der Name Sophus, da Livius diesen Sempronius vorher mehrmals Tuditanus, nie Sophus, genannt hat. Weil indeß eine Familie der Sempronier wirklich den Zunamen Sophus führte, so will Pighius beide Zunamen vereinigen und so lesen: P. Sempronius Sophus Tuditanus. Ferner hingen sechs Handschriften an das Wort Sophus noch die Silbe to, sechs andre die Silbe co, so daß bei diesen der Name Sophusco heißt, worin Pighius sehr richtig das Wort cos (consul) wiederfand: denn als Consul hatte Sempronius diesen Tempel gelobet. Allein sein vorgeschlagenes Tuditanus ist als Einschiebsel gar zu lang: darum nimmt auch kein Drakenborch, kein Crevier diese Lesart auf. Auch nennt Livius diesen Sempronius oft nur P. Sempronius, ohne den Zunamen Tuditanus; z. B. 29, 12. fünfmal in Einem Capitel. Cap. 13 gleich im Anfange wieder, und Cap. 30. noch zweimal, so wie er oft den Q. Fabius ohne den Zunamen Maximus, und viele Andre ohne ihre Zunamen nennt. – Bis diese Schwierigkeiten von einem Andern glücklicher beseitigt werden, will ich annehmen, Livius habe geschrieben: Voverat eam decem annis ante Punico bello P. Sempronius: opus consul locaverat idem; so wie ich, weil ich den Livius keinen so groben Widerspruch begehen lassen mochte, übersetzt habe. Ich nehme dabei an, daß das letzte S im Namen Sempronius, mit opus zusammengelesen, dem Abschreiber, dem zwischen Sempronius und consul noch ein Name erforderlich schien, den Namen Sophus in die Feder geführt habe, den er früher (B. IX.) im Livius gelesen hatte. Das Wort cos. nehme ich aus der in zwölf Mss. angehängten Silbe co oder to in den Text auf ; und das Wort censor muß ohnehin als historische Lüge fallen. verdungen. Imgleichen weihete den Tempel 269 Jupiters auf der Tiberinsel der Duumvir Cajus Servilius. Verheißen war er vor sechs Jahren im Gallischen Kriege von dem Lucius Furius Purpureo in seiner Prätur, und nachher auch von ihm in seinem Consulate verdungen. So weit geht, was in diesem Jahre geschah.

54. Publius Scipio kam aus der Provinz Gallien, neue Consuln wählen zu lassen. Die Consulnwahl ging vor sich, und die Ernannten waren Lucius Cornelius Merula und Quintus Minucius Thermus. Am folgenden Tage wurden zu Prätoren gewählt Lucius Cornelius Scipio, Marcus Fulvius Nobilior, Cajus Scribonius, Marcus Valerius Messalla, Lucius Porcius Licinus und Cajus Flaminius. Die Curulädilen Cajus Atilius Serranus und Lucius Scribonius Libo waren die ersten, welche die Megalesien als Bühnenspiele gaben. Den Römischen Spielen eben dieser Ädilen sah der Senat zum erstenmale in seiner Absonderung vom Volke zu, und gab dadurch – wie das gewöhnlich alles Neue thut – zu mancherlei Reden Anlaß, sowohl bei der einen Partei – denn diese erklärte: «Endlich habe man doch dem erhabensten Stande das, was ihm längst gebührt habe, eingeräumt;» – als bei der andern, welche die Sache so auslegte: «Was der Majestät der Väter zugelegt werde, sei der Würde des Gesamtvolks genommen, und alle solche 270 Unterscheidungen, wodurch die Stände getrennt würden, dienten eben so sehr dazu, Eintracht und Freiheit zu schmälern. Bis auf das jetzige Jahr fünfhundert achtundfunfzig hätten die Zuschauer gemischt gesessen. Was sich auf Einmal zugetragen habe, daß die Väter den Bürgerstand nicht länger in ihren Sitzen zulassen wollten, daß den Reichen vor dem armen Nebensitzer ein Ekel befalle? dies sei eine neue, eine übermüthige Anmaßung, die man bis jetzt noch nie im Senate irgend eines Volks wünschenswerth gefunden oder eingeführt habe.» Ja Africanus selbst soll es endlich bereuet haben, daß er als Consul den Vorschlag unterstützt hatte. So wenig kann man bei irgend einer Abänderung des Hergebrachten auf Beifall rechnen. Tritt die Erfahrung nicht ganz offenbar gegen das Alte auf, so wollen es die Leute lieber bei diesem gelassen wissen.

55. Im Anfange des Jahrs, in welchem Lucius Cornelius und Quintus Minucius Consuln waren, liefen so häufige Nachrichten von Erdbeben ein, daß die Leute nicht nur des Ereignisses selbst, sondern auch der deshalb verordneten Bettage überdrüssig wurden. Es konnte kein Senat gehalten, kein Statsgeschäft betrieben werden, weil die Consuln genug mit Opferungen und Sühnungen zu thun hatten. Endlich bekamen die Zehnherren den Auftrag, in den heiligen Büchern nachzusehen, nach deren Ausspruche ein dreitägiges Betfest angestellt wurde. Bekränzt hielten die Leute ihre Andacht in allen Tempeln, und es war verordnet, daß alle Glieder einer Familie die Andacht zugleich begehen sollten. Auch verordneten auf ein Senatsgutachten die Consuln, es solle Niemand an einem Tage, der schon wegen eines gemeldeten Erdbebens zu einem Bettage bestimmt sei, ein neues Erdbeben einberichten. Darauf loseten, zuerst die Consuln, dann die Prätoren, um ihre Standplätze. Den Cornelius traf Gallien, den Minucius Ligurien. Den Cajus Scribonius die städtische, den Marcus Valerius die fremde Gerichtspflege; den Lucius Cornelius Sicilien, den Lucius Porcius Sardinien, den Cajus Flaminius das diesseitige, den Marcus Fulvius das jenseitige Spanien.

271 56. Bei den Consuln, die für dieses Jahr gar keinen Krieg erwarteten, lief vom Marcus Cincius – er war Gerichtsverwalter zu Pisä – die schriftliche Anzeige ein: «Nach einer auf allen Versammlungsplätzen des ganzen Ligurischen Völkerstamms beschwornen Vereinigung hätten zwanzigtausend ihrer Bewaffneten zuerst das Gebiet von Luna verheert, dann ihren Zug durch die Gegend von Pisä genommen und sich in Streitereien über die ganze Seeküste ausgebreitet.» Da bestieg der Consul Minucius, dem das Los seinen Posten in Ligurien angewiesen hatte, nach einem Senatsgutachten die Rednerbühne und machte bekannt: «Die beiden im vorigen Jahre geworbenen Stadtlegionen hätten sich nach zehn Tagen zu Arretium einzufinden. An ihre Stelle wolle er zwei Stadtlegionen ausheben.» So gab er auch den Bundsgenossen und Latinerstaten, den Obrigkeiten nämlich und Gesandten derer, an denen die Reihe der Truppenstellung war, die Anweisung, sich auf dem Capitole bei ihm zu melden. Hier vertheilte er auf sie, nach der Zahl der Dienstfähigen in jeder Gemeine, funfzehntausend Mann Fußvolk und fünfhundert Ritter, die sie zu stellen hatten, hieß sie sogleich vom Capitole dem Thore zueilen und zur Beschleunigung der Sache auf Werbung abgehen. Dem Fulvius und Flaminius wurden Jedem dreitausend Mann Römisches Fußvolk und hundert Ritter zu Ergänzungen bestimmt, und eben so Jedem fünftausend Mann Latinischer Bundestruppen und zweihundert Ritter: zugleich erhielten diese Prätoren den Auftrag, wenn sie auf ihrem Posten angekommen waren, die alten Soldaten zu entlassen. Schon hatten sich viele Soldaten in den Stadtlegionen an die Bürgertribunen gewandt, um diese entscheiden zu lassen, wie viele von ihnen schon ausgedient hätten, oder wegen Kränklichkeit mit dem Feldzuge verschont werden müßten, da vereitelte diese Untersuchung ein Brief vom Tiberius Sempronius, worin er meldete: «Zehntausend Ligurier hätten das Gebiet von Placentia überfallen und unter Mord und Brand bis an die Mauern der Pflanzstadt selbst und bis an die Ufer des Po verheert. Auch schicke sich das 272 Volk der Bojer zu einem neuen Kriege an.» Aus diesen Gründen erklärte der Senat, Jetzt sei ein Aufstandskrieg; und er finde es für die Bürgertribunen unstatthaft, auf die Angaben der Soldaten, warum sie sich dem Aufrufe nicht stellen könnten, sich einzulassen. Noch stand in dem Senatsschlusse, Die Latinischen Bundestruppen, die im Heere des Publius Cornelius und Tiberius Sempronius gestanden hätten und von diesen Consuln entlassen waren, sollten sich auf den ihnen vom Consul Lucius Cornelius zu bestimmenden Tag in Hetrurien auf dem Sammelplatze einfinden, den er ebenfalls ihnen bestimmen werde. Ferner, Der Consul Lucius Cornelius sollte auf seinem Marsche zur Provinz, in allen Städten und Dörfern, wo er durchzöge, alle ihm Anständigen zu Soldaten ausheben, bewaffnen und mitgehen lassen; auch das Recht haben, von ihnen zu verabschieden wen und wann er wolle.

57. Als die Consuln nach gehaltener Werbung auf ihre Standplätze abgegangen waren, trug Titus Quinctius darauf an: «Man möge sich im Senate die von ihm in Vereinigung mit den zehn Abgeordneten getroffenen Anordnungen vortragen lassen, und wenn man sie genehmige, durch ein Gutheißen bestätigen. Dies werde man sich erleichtern, wenn man die Gesandten, die aus ganz Griechenland, aus einem großen Theile Asiens, und von den Königen sich eingefunden hätten, selbst reden ließe.» Also wurden diese Gesandschaften vom Stadtprätor Cajus Scribonius dem Senate vorgestellt und erhielten alle eine freundliche Antwort. Nur wurde die Auseinandersetzung mit des Antiochus Gesandten, als zu weitläufig, den zehn Abgeordneten übertragen, von denen Mehrere in Asien, oder bei dem Könige selbst zu Lysimachien, gewesen waren. Titus Quinctius wurde bevollmächtigt, mit Zuziehung derselben den Vortrag der königlichen Gesandten anzuhören, und ihnen eine Antwort zu ertheilen, so gut sie sich der Würde und Wohlfahrt des Römischen Volks unbeschadet geben lasse.

Die Häupter der königlichen Gesandschaft waren Menippus und Hegesianax. Der eine, Menippus, sagte: «Er 273 begreife nicht, was man in ihrer Gesandschaft Räthselhaftes finden könne, da sie gekommen wären, ganz offen um Freundschaft zu bitten und ein Bündniß einzuleiten. Der Bündnisse aber, vermittelst welcher Staten und Könige Freundschaft unter einander abschlössen, gebe es drei Classen. Die eine, wenn den Besiegten Bedingungen vorgeschrieben würden. Wenn nämlich an den, der durch die Waffen die Oberhand habe, Alles ausgeliefert sei, dann stehe es in seiner Macht und Willkür, was er hiervon dem Besiegten lassen, oder was er ihm zur Strafe abnehmen wolle. Die andre, wenn zwei im Kriege sich gleiche Mächte sich vermittelst eines gleichstellenden Vertrages auf Frieden und Freundschaft einließen. Da fordere, da gebe man nach einer Übereinkunft einander Ersatz; und sei man durch den Krieg in diesem oder jenem Besitze gestört gewesen, so werde das entweder nach dem Ausspruche des vorher bestehenden Rechts oder den Vortheilen Beider gemäß ausgeglichen. Die dritte Art sei die, wenn sich Staten, welche nie Feinde gewesen wären, zu einer durch Bundesvertrag unter ihnen zu stiftenden Freundschaft verbänden. Bedingungen hätten sie weder vorzuschreiben, noch anzunehmen; denn dies fände nur zwischen Sieger und Besiegten Statt. Da nun Antiochus zu dieser Classe gehöre, so wundre er sich, wie es die Römer billig finden könnten, seinem Könige darüber Vorschriften zu machen, welche Städte in Asien er frei und ohne Abgaben lassen müsse, welche hingegen ihm steuerpflichtig sein sollten, und wie sie den Besatzungen des Königs und dem Könige selbst verbieten könnten, diese oder jene zu betreten. Auf diesen Fuß hätten sie allerdings mit Philipp, ihrem Feinde, einen Frieden abzuschließen, nicht aber mit einem Antiochus, ihrem Freunde, einen Bundesvertrag.»

58. Quinctius antwortete: «Weil es euch denn Vergnügen macht, Alles so bestimmt zu scheiden und die Bundesschlüsse nach Classen aufzuzählen, so will auch ich zwei Bedingungen feststellen, die ihr eurem Könige als die einzigen angeben könnt, unter welchen für ihn eine 274 freundschaftliche Verbindung mit Rom möglich bleibt. «Die eine: Will er, daß wir uns um alles das nicht bekümmern, was Asiens Städte angeht, so muß auch er von ganz Europa die Hand abziehen. Die andre: Will er sich auf Asiens Gränzen nicht beschränken und nach Europa herüberschreiten dürfen, so müssen auch die Römer das Recht haben, ihre mit den Staten Asiens schon bestehenden Verbindungen aufrecht zu erhalten und neue daran zu reihen.» Da rief Hegesianax: «Ohne Unwillen lasse sich das nicht einmal anhören, daß Antiochus von den Städten Thraciens und des Chersones weggewiesen sein solle, die ihm sein Ahnherr Seleucus, nachdem er den König Lysimachus besiegt und in der Schlacht erlegt, als eine höchst ehrenvolle Eroberung hinterlassen habe; und die mit eben so viel Ehre Antiochus theils durch seine Waffen den Händen der Thracier entrissen, theils als öde Plätze, wie Lysimachien selbst, durch Zurückführung der Bewohner wieder bevölkert, und wenn sie zusammengestürzt oder niedergebrannt waren, mit großen Kosten wieder aufgebauet habe. Ob sich das im mindesten in Vergleich bringen lasse, wenn Antiochus ein so begründetes, so wieder erworbenes Eigenthum aufgeben, die Römer hingegen sich Asiens enthalten sollten, das ihnen nie gehört habe? Antiochus suche um der Römer Freundschaft nach, doch so, daß es ihm zur Ehre gereichen möge, sie erlangt zu haben, und nicht zur Schande.»

Hierauf erwiederte Quinctius: «Weil wir denn das Ehrenvolle in Erwägung ziehen, so wie es entweder als das einzige, oder als das höchste Gut vom ersten Volke der Erde und einem so großen Könige erwogen werden muß; so frage ich: Welches von beiden erscheint denn ehrenvoller, alle Griechischen Städte, wo sie auch liegen mögen, frei wissen zu wollen, oder sie sich dienstbar und steuerpflichtig zu machen? Rechnet es sich Antiochus zur Ehre, Städte, welche seinem Ahnherrn das Kriegsrecht gab, auf deren Besitz aber sein Großvater und Vater nie Anspruch gemacht haben, auf ihre 275 Dienstbarkeit zurückzuführen, so rechnet es sich das Römische Volk zur Treue und Standhaftigkeit, den einmal übernommenen Schutz der Griechischen Freiheit nicht aufzugeben. So wie es Griechenland von Philipp befreiet hat, so ist es auch Willens, die Städte Asiens aus Griechischem Stamme vom Antiochus zu befreien. Denn die Pflanzungen haben die Griechen nach Äolien und Ionien nicht zur Sklaverei unter Königen ausgeführt, sondern zur Erweiterung ihres Stammes und zur Verbreitung ihres uralten Volkes über die Welt.»

59. Als Hegesianax in Verlegenheit gerieth, und nicht leugnen konnte, daß der Verfechter der Freiheit von seinem Aushängeschilde mehr Ehre habe, als ihr Unterdrücker, so sprach Publius Sulpicius, von den zehn Abgeordneten der Älteste: «Wozu die vielen Umschweife? entweder wählt euch eine von den Bedingungen, die euch so eben von Quinctius unzweideutig genug angegeben sind, oder sparet die Mühe, weiter auf Freundschaft anzutragen.» – «Nein,» sprach Menippus, «wir wollen und können nichts eingehen, wodurch Antiochus an seinen Staten einbüßen müßte.»

Als Quinctius am folgenden Tage die sämtlichen Gesandschaften Griechenlands und Asiens mit in den Senat genommen hatte, so legte er, damit sie selbst erfahren sollten, wie das Römische Volk und wie Antiochus gegen die Griechischen Staten gesinnet sei, sowohl seine eignen Forderungen, als die des Königs, vor; und hieß sie an ihre Staten den Bescheid mitnehmen: «Das Römische Volk werde mit eben der Tapferkeit und Treue, mit der es ihre Freiheit von Philipp errettet habe, falls Antiochus nicht von Europa abstände, sie auch von ihm erretten.» Da bat Menippus ihn und die Väter inständig, «Nicht so eilig einen Beschluß zu fassen, durch den sie die Ruhe der ganzen Welt stören würden. Sie möchten sich selbst Zeit nehmen, und dem Könige zur Überlegung Frist gönnen. Er werde gewiß die Sache überlegen, sobald ihm die Bedingungen angezeigt wären, und dann entweder noch einige Bewilligungen erlangen, oder dem Frieden 276 zu Liebe sich dazu verstehen.» So wurde die Sache ohne Entscheidung ausgesetzt. Man beschloß, an den König dieselben Gesandten abgehen zu lassen, die ihn zu Lysimachien gesprochen hatten, den Publius Sulpicius, Publius Villius, Publius Älius.

60. Kaum waren sie abgereist, als von Carthago Gesandte mit der Nachricht eintrafen, es sei gewiß, daß sich Antiochus unter Hannibals Einwirkung zum Kriege rüste; dadurch erregten sie die Besorgniß, daß zu gleicher Zeit auch ein Punischer Krieg eingeleitet werde. Hannibal war, wie vorhin gesagt ist, als Flüchtling aus seinem Vaterlande zum Antiochus gekommen, und stand bei ihm in großer Ehre, durch kein anderes Verdienst, als weil der König, der über einem Kriege mit Rom schon so lange brütete, in seinen Unterredungen über diesen wichtigen Gegenstand sich an niemand besser wenden konnte, als an ihn. Seine Meinung blieb immer eine und dieselbe, «daß man diesen Krieg in Italien führen müsse. Einem auswärtigen Feinde werde Italien Zufuhr und Truppen liefern. Wenn man nicht dort auf der Stelle Regungen veranlasse, und gestatte den Römern, mit Italiens Kräften und Truppen den Krieg außerhalb Italien zu führen, so sei weder der König, noch irgend ein Stat den Römern gewachsen. Er verlange nur hundert Deckschiffe, zehntausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde. Mit dieser Flotte wolle er zuerst nach Africa gehen. Er rechne stark darauf, daß sich auch die Carthager von ihm zu einem neuen Kriege würden bewegen lassen. Sollten sie aber unschlüssig sein, so werde er auf irgend einer Seite Italiens den Römern Krieg zu erregen wissen. Der König müsse mit allen seinen übrigen Truppen nach Europa übergehen und mit ihnen in irgend einer Gegend stehen bleiben, zwar ohne selbst überzusetzen, wohl aber, was dem Kriege Schein und Ruf zu geben hinreichend sei, immer zum Übersetzen in Bereitschaft.

61. Ob er es nun gleich für rathsam hielt, sobald er den König für seine Meinung gewonnen hatte, seinen 277 Landsleuten zum voraus hierzu die nöthige Stimmung zu geben, so wagte er es doch nicht, sich schriftlich an sie zu wenden, weil ein Brief, zufällig aufgefangen, den Versuch verrathen könnte. Da er aber zu Ephesus an einem gewissen Tyrier, Aristo, einen Mann fand, dessen Gewandtheit sich ihm in minder wichtigen Dienstleistungen bewährte, so überhäufte er diesen theils mit Geschenken, theils mit Aussichten auf Belohnungen, zu denen selbst der König seine Einwilligung gab, und schickte ihn mit Aufträgen nach Carthago, gab ihm die Namen derer an, mit denen er nothwendig sprechen müsse, und machte ihn mit gewissen geheimen Angaben bekannt, auf welche sie offenbar ihn selbst in den Bestellungen erkennen würden. Die Absicht, in welcher dieser zu Carthago herumgehende Aristo gekommen sei, entdeckten Hannibals Feinde eben so bald, als seine Freunde. Anfangs war dies nur in ihren Zirkeln und bei Gastgeboten der Gegenstand des allgemeinen Gesprächs; dann aber sagten sogar Einige im Senate: «Der Zweck von Hannibals Verbannung sei durchaus verfehlt, wenn er auch abwesend Umwälzungen einzuleiten und durch Aufwiegelung der Unterthanen die Verhältnisse des States umzustoßen im Stande sei. Da sei ein gewisser Aristo angekommen, ein reisender Tyrier, der vom Hannibal und vom Könige Antiochus Aufträge habe. Täglich hielten mit ihm gewisse Leute geheime Unterredungen; und hier werde im Verborgenenin occulto conloqui]. – Ich folge Crevier's Vermuthung. Statt conloqui lieset er coqui. Dasselbe vermuthete, ohne die kleine Ausgabe von Crevier gesehen zu haben, Herr Walch. Man sehe seine Emendatt. Liv. p. 274. eingerührt, was nächstens als ein Unglück für Alle zum Ausbruche kommen werde.» Alle riefen einstimmig: «Den Aristo müsse man fordern, über die Absicht seines Hierseins vernehmen, und falls er keine Auskunft gäbe, mit einer Gesandschaft nach Rom schicken. Man habe die Unbesonnenheit eines Einzigen schwer genug gebüßt. Sollten sich Privatpersonen hierin vergehen, so thäten sie das auf eigene Gefahr. Den Stat aber müsse man 278 nicht nur von wirklicher Schuld, sondern auch von jeder Nachrede einer Schuld rein erhalten.» Der vorgeforderte Aristo vertheidigte sich und führte als den haltbarsten Grund seiner Rechtfertigung den an, daß er auch nicht eine schriftliche Zeile an irgend jemand mitgebracht habe. Allein die Ursache seiner Ankunft brachte er nicht ganz aufs Reine, und stockte da besonders, als sie ihm vorhielten, daß er seine Unterredungen bloß mit Gliedern der Barcinischen Partei gehabt habe. Nun kam es zum Wortwechsel: denn Einige verlangten, man müsse ihn als einen Aushorcher einziehen und festsetzen: Andre sagten: «Dies sei noch keine Ursache, so viel Lärm zu machen. Um ein Nichts Fremde greifen zu lassen, gebe ein böses Beispiel. Dann könne den Carthagern sowohl zu Tyrus, als in andern Handelsplätzen, welche ihrer so viele besuchten, dasselbe widerfahren.» So wurde die Sache für heute verschoben.

Aristo, der sich unter Puniern gut Punisch benahm, hängte beim ersten Dunkel auf dem besuchtesten Stadtplatze über dem täglichen Sitze der Obrigkeiten einen aufgesetzten Brief hin, ging um die dritte Nachtwache zu Schiffe und entfloh. Als sich am folgenden Tage die Sufeten zu ihren richterlichen Sitzungen niederließen, bemerkte man den Brief, nahm ihn ab und las. Der Inhalt war: «Aristo habe an keinen Einzelnen, sondern nur an die Ältesten (so nannte man dort den Senat) Aufträge für den Stat gehabt.» Da er so die ganze Regierung in Anspruch genommen hatte, so war die über einige Wenige verfügte Untersuchung so viel weniger strenge. Doch beschloß man, Gesandte nach Rom abgehen zu lassen, um den Consuln und dem Senate den Vorfall anzuzeigen, und zugleich über die Gewaltthätigkeiten des Masinissa sich zu beklagen.

62. Masinissa nämlich hatte kaum in Erfahrung gebracht, daß das Gerücht die Carthager anklage, auch daß sie unter sich selbst uneins wären, daß ihre Großen wegen der Unterredungen mit dem Aristo bei dem Senate in Verdacht ständen, und der Senat durch die Angabe eben 279 dieses Aristo bei dem Volke; so nutzte er die Gelegenheit, ihnen wehe thun zu können, verheerte ihr Gebiet an der Seeküste und zwang einige den Carthagern zinsbare Städte, die Gefälle an ihn zu entrichten. Diese Gegend heißt bei ihnen Emporia, ist eine Küste an der kleineren Syrte und von fruchtbarem Boden. Eine ihrer Städte ist Leptis. Diese trug den Carthagern an Steuern täglich ein Talent ein. Jetzt behandelte Masinissa die ganze Gegend feindlich, und mit einem Theile derselben hatte er es schon bis zur Streitfrage gebracht, ob dessen Besitz seinem Reiche, oder den Carthagern gebühre. Weil er nun hörte, daß sie nach Rom gehen würden, sich gegen die Beschuldigungen zu rechtfertigen, und zugleich, sich über ihn zu beklagen, so schickte er ebenfalls Gesandte nach Rom, welche theils jenen durch Bestärkungen des Verdachts mehr Gewicht geben, theils seine Ansprüche auf die Zollgefälle behaupten sollten. Die Carthager, die mit der Anzeige über ihren Tyrischen Fremden zuerst Gehör bekamen, erregten bei den Vätern die Besorgniß, daß sie mit dem Antiochus und den Puniern zugleich Krieg haben würden. Was diesen als Verdacht einer bösen Absicht am meisten zur Last fiel, war der Umstand, daß sie, selbst nach dem Beschlusse, den Mann festzunehmen und nach Rom zu schicken, sich so wenig seiner Person als seines Schiffes versichert hatten. Darauf folgte die Auseinandersetzung mit des Königs Gesandten über das Landeigenthum. Die Carthager beriefen sich auf die durch das Recht bestimmten Gränzen; «weil dies Land innerhalb der Abmarkungen liege, durch welche Publius Scipio nach seinem Siege die Länder bestimmt habe, die unter Carthagischer Hoheit stehen sollten:» ferner auf das Geständniß des Königs selbst. «Als er den aus seinem Reiche entflohenen und mit einer Schar Numider in der Gegend von Cyrenä umherstreifenden Aphires habe verfolgen wollen, habe er bittweise um freien Durchzug durch eben diese Gegend, als unstreitiges Eigenthum der Carthager, bei ihnen nachgesucht.»

Die Numider wandten dagegen ein: «Die 280 Gränzbestimmung durch Scipio sei erlogen. Und wolle man das Recht des Grundbesitzes bis auf seinen wahren Ursprung verfolgen, wo dann in Africa das Land liege, das Carthagisches Eigenthum bleibe? Auf ihre Bitte habe man den Ankömmlingen zu Anlegung einer Stadt so viel Platz eingeräumt, als sie mit einer zerschnittenen Rindshaut hätten umziehen können. So weit sie ihren Ursitz Byrsa überschritten hätten, sei Alles durch Gewalt und Unrecht erworbenes Gut. Ja selbst von diesem Stücke Landes, wovon die Rede sei, könnten sie nicht nur nicht beweisen, daß sie es seit ihrem ersten Besitze immer, sondern nicht einmal, daß sie es lange gehabt hätten, So wie sich die Gelegenheit gefunden habe, hätten bald sie, bald die Numidischen Könige das Recht sich angemaßt, und der Besitz sei immer in den Händen dessen gewesen, dem die Waffen die Oberhand gegeben hätten. Die Väter möchten erlauben, daß die Sache in dem Zustande bleibe, in welchem sie gewesen sei, ehe die Carthager Roms Feinde, und Numidiens König Roms Bundesgenoß und Freund geworden seien; und nichts dagegen haben, daß der im Besitze bleibe, der ihn behaupten könne.»

Die Väter fanden für gut, den Gesandten beider Theile zur Antwort zu geben, sie würden jemand nach Africa schicken, um die Sache zwischen dem State von Carthago und dem Könige an Ort und Stelle auszumachen. Die dahin Abgeschickten, Publius Scipio Africanus, Cajus Cornelius Cethegus und Marcus Minucius Rufus, stellten Abhörungen und Besichtigungen an, und ließen, ohne eine Partei zu begünstigen, Alles unentschieden. Ob sie das ungeheißen thaten, oder dazu angewiesen waren, ist nicht so gewiß, als es wahrscheinlich den Zeitumständen angemessen war, den Streit der Parteien völlig in seinem Gange zu lassen. Denn wenn wir dies nicht annehmen, so hätte ja der einzige Scipio entweder vermöge seiner Sachkunde, oder seines Ansehens, als der um Beide so hochverdiente Mann, durch einen Wink dem Streite ein Ende machen können.

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