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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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18. Das folgende Jahr hatte den Postumus Cominius und Titus Lartius zu Consuln. In diesem Jahre kam es zu Rom bei einem Auflaufe über den Muthwillen einiger jungen Sabiner, welche bei Gelegenheit der öffentlichen Spiele sich mit Gewalt liederlicher Dirnen bemächtigten, zur Schlägerei und beinahe zu einer Schlacht; und aus dieser Kleinigkeit schien ein neuer Krieg hervorgehen zu, wollen. Mit dieser Besorgniß vor einem SabinerkriegeIch lese mit Doujat, dem auch Drakenborch und Crevier beitreten., statt Latini, dem Zusammenhange gemäß Sabini. verband sich auch die völlige Gewißheit, daß auf Betrieb des Octavius Mamilius schon dreißig Völker sich gegen Rom verschworen hätten. In der allgemeinen Verlegenheit, mit der man den wichtigsten Auftritten entgegensah, kam die Wahl eines Dictators zum erstenmale in Vorschlag: man weiß aber nicht gewiß, in welchem Jahre, und wer die Consuln waren, in die man als Anhänger der Tarquinier ein Mistrauen setzte – denn auch dies findet sich angegeben – noch wer der erste Dictator war. Indeß finde ich bei den ältesten Erzählern den Titus Lartius als den ersten angegeben, den man zum Dictator wählte, und den Spurius Cassius als seinen Magister EquitumSo hieß immer der nächste Unterfeldherr des Dictators, der Anführer der Reuterei, den er selbst wählte.. Man nahm dazu zwei Consularen: so bestimmte es das über die Wahl eines Dictators gegebene Gesetz. Um so viel geneigter bin ich, zu glauben, daß man es schicklicher gefunden habe, den Spurius Lartius, einen ConsularConsular hieß jeder, der entweder Consul gewesen oder nahe daran war, es zu werden, oder jetzt es war., den Consuln zum Aufseher und Anführer zu setzen, als den Manius 130 Valerius, des Marcus Sohn und Volesus Enkel, der noch nicht Consul gewesen war. Und hätte man durchaus den Dictator aus dieser Familie nehmen wollen, so würde man doch weit eher den Vater Marcus Valerius genommen haben, einen Mann von bewährtem Verdienste und gewesenen Consul.

Als so zum erstenmale in Rom ein Dictator gewählt war, geriethen die Bürger beim Anblicke der aufgesteckten BeileDie Consuln ließen in der Stadt die Beile von den Ruthenbündeln ihrer Lictoren abnehmen; und nur außerhalb der Stadt aufstecken. Nicht so der Dictator. in eine solche Furcht, daß sie sichs weit mehr angelegen sein ließen, aufs Wort zu gehorchen. Denn hier fand nicht, wie bei den Consuln, welche beide gleiche Macht hatten, Schutz von Seiten des Nebenconsuls, oder Ansprache ans Volk, und überhaupt kein andres Hülfsmittel statt, als aufs Gehorchen bedacht zu sein. Auch die Sabiner setzte die Wahl eines Dictators zu Rom um so viel mehr in Furcht, weil sie geglaubt hatten, er sei ihrentwegen gewählt. Sie ließen also durch Gesandte auf Frieden antragen. Auf ihre Bitte beim Dictator und Senate, sie möchten jungen Leuten einen Fehltritt verzeihen, bekamen sie zur Antwort: «Jünglingen könne man verzeihen, nicht aber Greisen, welche Einen Krieg nach dem andern anstifteten.» Doch kam es zu Unterhandlungen: und die Sabiner würden den Frieden erlangt haben, wenn sie sich, wie man verlangte, hätten gefallen lassen wollen, die schon auf den Krieg gewandten Kosten zu tragen. Man gab ihnen die Kriegserklärung: doch verlief bei einem nicht verabredeten Waffenstillstande das Jahr.

19. Die Consuln Servius Sulpicius, Manius Tullius. Es fiel nichts Merkwürdiges vor. Darauf Titus Äbutius und Cajus Vetusius. Unter diesen Consuln wurde Fidenä belagert, Crustumeria erobert, Präneste fiel von den Latinern an die Römer ab, und der Latinische Krieg, der schon mehrere Jahre unter der Asche glomm, wurde nicht länger verschoben. Der Dictator Aulus Postumius und der Magister Equitum Titus Äbutius, die mit einer ansehnlichen 131 Macht zu Fuß und zu Pferde ausrückten, trafen den Feind beim See Regillus im Tusculanischen, und als man erfuhr, daß sich im Heere der Latiner die Tarquinier befänden, so gestattete die Erbitterung keinen Aufschub des Angriffs. So wurde denn das Treffen weit hartnäckiger und schrecklicher, als sonst. Denn auch die Feldherren schienen nicht bloß darum hier zu sein, das Ganze durch Übersicht zu lenken, sondern sie ließen sich, mit Aussetzung ihrer Person, auf Kämpfe unter einander ein; und in beiden Heeren schied der Anführer beinahe Keiner ohne Wunde aus dem Treffen, den Römischen Dictator Postumius ausgenommen. Auf ihn, als er in der Vorderreihe die Seinen ermunterte und stellte, kam Tarquinius der Harte, war er gleich an Jahren und Kraft nicht der gewandte Tummler mehr, gerades Weges mit seinem Pferde herangesprengt, wurde aber von der Seite her verwundet und von den herbeieilenden Seinen in Sicherheit zurückgebracht. Am andern Flügel hatte Äbutius, der Magister Equitum, einen Angriff auf den Octavius Mamilius gethan. Der Tusculanische Feldherr sah ihn kommen, spornte sein Pferd auch gegen ihn, und sie trafen mit eingelegter Lanze so kräftig zusammen, daß Äbutius einen Stich durch den Arm, Mamilius eine Wunde auf der Brust bekam. Und ihn nahmen die Latiner ins zweite Glied auf; Äbutius aber, der mit seinem wunden Arme die Lanze nicht führen konnte, verließ das Treffen. Der Latinische Feldherr ließ sich durch seine Wunde nicht abhalten, fuhr fort zum Kampfe zu ermuntern, und weil er bei den Seinen Muthlosigkeit bemerkte, ließ er die Schar anrücken, die aus verbannten Römern bestand und den TitusStatt zu schreiben: Cui TITVS, Tarquinii filius, praeerat, schrieb man cui T. Tarquinii filius cet. Dies lasen die Abschreiber fälschlich so, als hieße es cui Titi Tarquinii filius, und änderten also das T, welches den Sohn bezeichnen sollte, in L, den bekannten Vornamen des Vaters, der hieher aber nicht gehört. Als Übersetzer komme ich wenigstens damit durch, daß der Sohn wirklich Titus hieß. Und die Leseart: Cui L. Tarquinii filius kann auch deswegen, dünkt mich, nicht stehen bleiben, weil sie eben so gut Lucius, Tarquinii filius heißen könnte, als Lucii Tarquinii filius. S. Buch I. Cap. 56. , den Sohn des Tarquinius, zum Führer hatte. Den Verlust 132 ihrer Güter und ihres Vaterlandes zu rächen, kämpfte sie mit größerer Erbitterung und stellte das Gefecht eine Zeitlang wieder her.

20. Schon wichen die Römer auf dieser Seite, als Marcus Valerius, des Poplicola Bruder, den kecken Prinzen Tarquinius gewahr wurde, wie er an der Spitze der Vertriebenen sich ein Ansehen gab. Wetteifernd mit dem Ruhme seines Bruders, und den Valeriern die Ehre zu erwerben, die durch sie verjagten Könige auch erlegt zu haben, gab er seinem Pferde die Spornen und sprengte mit eingelegter Lanze gegen den Tarquinius an. Tarquinius wich dem erbitterten Feinde in den Haufen der Seinigen. Den zu unvorsichtig in die Linie der Vertriebenen eindringenden Valerius nahm ein Ungenannter von der Seite, und durchstach ihn; und das Pferd, durch die Verwundung seines Reuters nicht im mindesten aufgehalten, streckte den sterbenden Römer, über dem seine Waffen zusammenstürzten, zur Erde.

Als der Dictator Postumius einen solchen Mann verloren, die Verbanneten muthig im Eilschritte vordringen, die Seinigen voll Bestürzung weichen sah, gab er seiner Cohorte, einer Schar Auserlesener, die ihn als Bedeckung umschlossen, den Befehl, jeden der Ihrigen, den sie fliehen sahen, als Feind zu behandeln. So von beiden Seiten bedroht, wandten sich die Römer von der Flucht gegen den Feind, und die Linie wurde wieder hergestellt. Jetzt erst trat die Cohorte des Dictators zum Gefechte auf: noch ungeschwächt an Körperkraft und Muth, fiel sie auf die ermattenden Vertriebenen, und hieb sie zusammen. Hier geriethen abermals zwei Führer an einander. Als der Latinische Feldherr die Schar der Vertriebenen vom Römischen Dictator beinahe umzingelt sah, raffte er einige Haufen der Aufgesparten mit sich fort ins erste Glied. Der LegatDer Legat ist der auf die Consuln zunächst folgende Unterfeldherr. Hier aber ließ sich diese Übersetzung nicht füglich anwenden, weil bei einem Dictator der nächste Unterfeldherr der Magister Equitum war. Titus Herminius sah sie im Zuge herankommen, erkannte unter ihnen den, durch Kleidung und Waffen sich 133 auszeichnenden Mamilius, und brach mit so viel kräftigerem Ungestüme, als kurz zuvor der Magister Equitum, auf den feindlichen Heerführer ein, daß er ihn mit Einem Stoße durch die Seite durchbohrte und tödtete: er selbst aber wurde, während er dem erschlagenen Feinde die Waffen abnahm, von einem Wurfpfeile getroffen und starb, wie man ihn als Sieger ins Lager zurückgebracht hatte, unter dem ersten Verbande.

Jetzt flog der Dictator zur Reuterei und beschwur sie, weil das Fußvolk ermattet sei, abzusitzen und die Schlacht auf sich zu nehmen. Sie gehorchten aufs Wort, sprangen von den Pferden und deckten das erste Glied mit vorgehaltenen Schilden. Sogleich bekam die Linie des Fußvolks wieder Muth: sie sah, daß die vornehmsten Jünglinge sich mit ihr auf gleichen Fuß dem Gefechte unterzogen und die Gefahr mit ihr theilten. Da wurden endlich die Latiner von der Stelle gedrängt und nahmen geschlagen die Flucht. Die Reuterei saß wieder auf, den Feind verfolgen zu können, und das Fußvolk drang ihr nach. Hier war es, wo, der Erzählung nach, der Dictator, um keine Art der Mitwirkung von Göttern und Menschen aus der Acht zu lassen, dem Castor einen Tempel gelobte, und die Preise für die Soldaten ausrufen ließ, wer als der erste, wer als der zweite in das feindliche Lager dränge. Und der Eifer wurde so groß, daß die Römer in eben dem Andrange, der ihren Feind schlug, auch sein Lager eroberten. So focht man in der Schlacht am See Regillus. Der Dictator und der Magister Equitum kamen im Triumphe wieder zur Stadt.

21. In den nächsten drei Jahren war kein fester Friede, auch kein Krieg. Die Consuln waren Quintus Clölius und Titus Lartius. Dann Aulus Sempronius und Marcus Minucius. Unter ihrem Consulate wurde der Tempel des Saturnus geweihet, und die Saturnalien als Fest angeordnet. Darauf wurden Aulus Postumius und Titus Virginius Consuln. Bei einigen finde ich die Schlacht am See Regillus erst auf dieses Jahr angegeben. Aulus Postumius habe, weil der Nebenconsul verdächtig 134 gewesen sei, sein Consulat niedergelegt und sei dann zum Dictator ernannt. Man sieht sich hier in Absicht auf die Zeitfolge; weil man die Namen der Obrigkeiten bei dem einen so, bei dem andern anders geordnet findet, in solcher Ungewißheit, daß man bei dem hohen Alter der Begebenheiten sowohl, als ihrer Erzähler, unmöglich die Reihe angeben kann, in der die einen Consuln auf die andern folgten, oder die Begebenheiten jedes Jahres eintraten.

Darauf wurden Appius Claudius und Publius Servilius Consuln. Dies Jahr ist durch die Nachricht vom Tode des Tarquinius merkwürdig. Er starb zu Cumä, wohin er sich, als durch die Niederlage die Macht der Latiner gebrochen war, zu dem Stadtherrn Aristodemus begeben hatte. Diese Nachricht hob die Väter, hob die Bürger. Allein für die Väter wurde diese Freude zu üppig. Allmälig fingen die Vornehmen an, den Bürgern, gegen die sie bis dahin so äußerst gefällig gewesen waren, Unrecht zu thun.

In eben dem Jahre wurden nach Signia, einer vom Könige Tarquinius angelegten Pflanzstadt, um die Zahl der Einwohner zu ergänzen, neue Pflanzer ausgeführt. Zu Rom wurde die Zahl der Bezirke auf ein und zwanzig erhöhet, und am funfzehnten Mai der Tempel des Mercurius eingeweihet.

22. Mit den Volskern war während des Latinerkriegs weder Friede, noch Krieg, gewesen: denn theils hatten die Volsker Hülfstruppen aufgebracht, welche zu den Latinern stoßen sollten, wäre ihnen nicht der Römische Dictator zuvorgekommen; theils kam man ihnen von Römischer Seite nur darum zuvor, um nicht in Einer Schlacht Latiner und Volsker zugleich gegen sich zu haben. Dies zu rächen, führten die Consuln die Legionen ins Volskische Gebiet. Die Volsker, die für einen Vorsatz keine Strafe fürchteten, setzte die unerwartete Erscheinung in Schrecken. Ohne an Gegenwehr zu denken, stellten sie dreihundert Kinder aus den vornehmsten Häusern Cora's und Pometia's als Geisel. So wurden die Legionen ohne Gefecht wieder abgeführt. Kaum aber schwand bei den 135 Volskern die Furcht, als ihre alte Neigung zurückkehrte: sie rüsteten sich abermals heimlich zum Kriege und machten die Herniker zu Waffengefährten; auch schickten sie an mehrere Orte Gesandschaften, um Latium aufzuwiegeln. Allein die neulich am See Regillus erlittene Niederlage hatte den Latinern gegen jeden, der zum Kriege rieth, einen so bittern Haß eingeflößt, daß sie sich sogar Gewalt an den Gesandten erlaubten. Sie ergriffen diese Volsker und brachten sie nach Rom. Hier wurden sie den Consuln überliefert und gestanden, daß sich die Volsker und Herniker gegen Rom zum Kriege rüsteten. Als die Sache vor den Senat gebracht wurde, waren die Väter mit dem Benehmen der Latiner so zufrieden, daß sie ihnen sechstausend Gefangene zurückgaben, und den Abschluß eines Bündnisses, das man ihnen fast auf immer verweigert hatte, nur bis auf die neuen Consuln aussetzten. Nun vollends waren die Latiner hocherfreut über ihre That, und die Freunde des Friedens ernteten großen Ruhm. Sie schickten den Jupiter einen goldnen Kranz zum Geschenke aufs Capitol. Mit den Gesandten und dem Geschenke kam als Begleitung eine große Menge jener den Ihrigen zurückgeschickten Gefangenen. Diese suchten jeder das Haus auf, wo er gedient hatte; sie dankten für die gütige Behandlung und Pflege in ihrem Unglücke und knüpften den Bund des Gastrechts. Noch nie hatten die Latiner, als Stat oder als Einzelne, an ihre Oberherren, die Römer, sich so enge angeschlossen, als damals.

23. Jetzt aber drohete theils der Volskische Krieg, theils wüthete, gleich einem inneren Feuer, in dem mit sich selbst uneinigen State Erbitterung zwischen den Vätern und Bürgern, hauptsächlich wegen der Schulden halber Verhafteten. Diese murrten laut: «Wenn sie im Auslande für Freiheit und Oberherrschaft ihr Leben gewagt hätten, würden sie zu Hause von ihren Mitbürgern gefangen gelegt und zu Grunde gerichtet. Die Freiheit des Bürgerstandes sei im Kriege sicherer, als im Frieden, unter Feinden sicherer, als unter Mitbürgern.» Und dieser Groll, der ohnehin schon glühete, kam durch das auffallende 136 Elend eines Einzigen zum Ausbruche. Ein hochbetagter Mann stürzte mit allen Zeichen seiner Leiden auf den Markt: überzogen war sein Kleid von Schmutze, und noch kläglicher der Anblick seines in Blässe und Abzehrung verfallenen Körpers. Außerdem gaben Bart und Haare, langgewachsen, seinem Gesichte ein verwildertes Ansehen. In dieser Entstellung kannten ihn gleichwohl mehrere, und sagten, er sei lange Hauptmann gewesen, und unter allgemeinem Bedauren erzählte man sich verschiedene seiner Ehrenthaten im Kriege. Er selbst enthüllete die Zeugen manches ehrenvollen Gefechts, seine Narben vorn auf der Brust. Auf die Fragen, wie er zu diesem Aufzuge, zu dieser Entstellung komme, erzählte er der Menge, die ihn als eine förmliche Versammlung umschloß: «Wahrend er im Sabinerkriege Dienste gethan, habe er bei den Verheerungen seine Ernte eingebüßt; sein Hof sei abgebrannt, alles geplündert, die Heerden weggetrieben; für ihn sehr zur Unzeit Tribut eingefordert; da habe er Schulden machen müssen. Diese unter den Zinsen angewachsen, hatten ihn zuerst um sein väterliches und großväterliches Grundstück gebracht, dann um sein übriges Vermögen; und zuletzt habe dieser Krebs ihn selbst ergriffen. Er sei dem Gläubiger als Leibeigner hingegeben, nicht in die Sklaverei, nein, in ein Zuchthaus und auf die Marterkammer.» Dann zeigte er ihnen seinen Rücken, von den frischen Spuren der Schläge scheuslich gemarkt.

Auf diesen Anblick, auf diese Erzählung erhob sich ein allgemeines Geschrei. Der Lärmen beschränkte sich nicht auf den Markt, sondern durchlief allenthalben die ganze Stadt. Verhaftete und verhaftet gewesene stürzten von allen Seiten auf die Gasse und schrieen laut um Hülfe; und nirgend fehlte es an freiwilligen Begleitern des Auflaufs. Durch alle Straßen sah man hier und dort schreiende Züge zum Markte eilen. Mit ihrer großen Gefahr trafen diejenigen von den Vätern, die eben auf dem Marktplatze waren, auf diesen Schwarm, und man würde sich an ihnen vergriffen haben, wären nicht die Consuln Publius Servilius und Appius Claudius, den Aufruhr zu dämpfen, 137 herbeigeeilt. An sie wandte sich die Menge, zeigte ihnen ihre Fesseln und übrigen kläglichen Aufzug. Darum also hätten sie sichs so sauer werden lassen! sagten sie, und vorwerfend erzählte jeder, wo er sich brav gehalten hatte, der eine hier, der andre dort. Mehr drohend als bittend drangen sie darauf, sie sollten den Senat berufen und umstellten das Rathhaus, um die Verhandlungen im Statsrathe selbst prüfen und leiten zu können. Nur sehr wenige der Väter, die der Zufall herbeiführte, wurden zu den Consuln hingezogen: die übrigen hielt die Furcht nicht bloß vom Rathhause, sondern auch vom Markte zurück, und im Senate erlaubte die geringe Anzahl der Mitglieder keine Verhandlung. Nun vollends glaubte die Menge, man suche ihr nur auszuweichen und sie hinzuhalten, und die fehlenden Väter wären nicht durch Zufall, nicht aus Furcht weggeblieben, sondern damit nichts aus der Sache werden möge. Die Consuln selbst nähmen sich so zögernd, und ganz gewiß treibe man mit ihrem Elende ein Gespött.

Schon war es nahe daran, daß selbst die Würde der Consuln die Erbitterung der Menschen nicht länger in Schranken hielt, als die Väter, ungewiß, ob sie sich durch Ausbleiben oder Kommen größerer Gefahr aussetzen, im Senate erschienen. Allein, wie nun endlich die Versammlung zahlreich genug war, konnten sich weder die Väter, noch die Consuln selbst, über ihre Meinungen vergleichen. Appius, ein Mann von heftiger Sinnesart, rieth zu consularischer Strenge. Nähme man einen oder den andern beim Kopfe, so würden die übrigen ruhig werden. Servilius, mehr für sanftere Mittel geeignet, meinte, den Zorn des Volks zu beugen, statt ihn zu brechen, würde theils sicherer, theils leichter sein.

24. Mitten unter diesen Berathschlagungen – ein neuer größerer Schrecken! – sprengten Latinische Ritter mit der lärmenden Botschaft heran, die Volsker wären mit feindlichem Heere im Anzuge, die Stadt zu stürmen. Diese Nachricht that auf die Väter ganz andre Wirkung, als auf die Bürger; so völlig war der Stat durch die Zwietracht aus Einem in zwei zerfallen. Das Volk frohlockte 138 vor Freude. «Da zeige sich die göttliche Rache für die Unmenschlichkeit der Väter.» Einer bestärkte den andern, sich ja nicht anwerben zu lassen: sie wollten lieber mit Allen, als allein zu Grunde gehen. «Die Väter möchten nun Dienste thun; die Väter zu den Waffen greifen, damit nicht den Einen die Gefahren des Kriegs, und den Andern die Belohnungen zu Theil würden.»

Ganz anders im Rathhause. Niedergeschlagen und bestürzt über die von zwei Seiten, von Bürgern und Feinden, drohende Gefahr, baten die Väter den Consul Servilius, der mehr die Gabe des Volksgefälligen hatte, den Stat aus diesen großen ihn umgebenden Gefahren zu retten.

Nach Entlassung des Senats trat der Consul vor dem Volke auf. Er versicherte, die Väter dächten schon darauf, den Bürgern zu helfen: allein ihre Berathschlagung, die freilich den größten, doch aber immer nur einen Theil des Stats beträfe, sei durch die Furcht für das Gesamtwesen unterbrochen, und so lange die Feinde vor den Thoren ständen, könne unmöglich dem Kriege etwas Anderes vorgehen. Sollten diese aber auch einige Frist gestatten, so werde es theils den Bürgern keine Ehre machen, nicht anders, als gegen vorausgezahlten Lohn die Waffen für das Vaterland zu ergreifen, theils den Vätern nicht anständig sein, mehr gezwungen, als späterhin aus eignem Willen, den bedrängten Umständen ihrer Mitbürger abgeholfen zu haben.

Dieser Rede erwarb er noch mehr Zutrauen durch die Verordnung, in welcher er bekannt machte: «Es solle niemand einen Römischen Bürger gebunden oder eingesperrt halten, so daß es ihm unmöglich würde, seinen Namen bei den Consuln anzugeben. Es solle niemand das Eigenthum eines Dienstthuenden, so lange dieser im Lager stehe, in Besitz haben oder verkaufen, noch an dessen Kinder oder Enkel Ansprüche machen.»

Auf diese Bekanntmachung ließen sich nicht allein die SchuldsklavenIch habe dies Wort gewagt, nach Adelungs Schuldherr und Schuldmann. Verhaftete waren sie jetzt nicht mehr., welche zugegen waren, auf der Stelle 139 zur Werbung einschreiben, sondern von allen Seiten lief aus der ganzen Stadt die Menge derer, die aus den Sklavenzellen sich aufmachten, weil jetzt kein Gläubiger sie halten durfte, dem Markte zu, um zur Fahne zu schwören. Sie machten eine beträchtliche Mannschaft aus, und im Volskischen Kriege that es ihnen an ausgezeichneter Tapferkeit und Brauchbarkeit niemand zuvor. Der Consul führte die Truppen gegen den Feind und schlug in geringer Entfernung von ihm sein Lager auf.

25. In der nächsten Nacht machten die Volsker, die auf die Uneinigkeit der Römer rechneten, um eben durch die Nachtzeit einem Übergange oder einer Verrätherei die Hand zu bieten, einen Versuch auf das Lager. Sie wurden von den Wachen bemerkt, das Heer geweckt und auf das gegebene Zeichen griff Alles zu den Waffen. So war den Volskern dies Unternehmen vereitelt. Die übrige Zeit der Nacht genoß man von beiden Seiten der Ruhe. Am folgenden Morgen warfen die Volsker mit Tagesanbruch die Graben zu und griffen den Wall an. Schon rissen sie auf allen Seiten die Pfahlwerke nieder; schon forderten vom Consul alle rund umher, und vorzüglich die Schuldsklaven, mit Geschrei das Zeichen. Und noch zögerte er, weil er den Muth seiner Soldaten erproben wollte. Endlich überzeugte er sich von ihrem brennenden Eifer, gab das Zeichen zum Ausfalle und entließ sie voll Begierde zum Kampfe. Gleich im ersten Anlaufe waren die Feinde geworfen; das Fußvolk verfolgte sie im Nachhauen, so lange es sie abreichen konnte; die Reuterei jagte die Gescheuchten bis an ihr Lager. Bald wurde selbst das Lager von den Legionen umringt, und weil der Schrecken die Volsker auch hier vertrieb, erobert und geplündert. Tags darauf wurden die Legionen vor Suessa Pometia geführt, wohin sich der Feind geflüchtet hatte, die Stadt in wenig Tagen erobert, und zur Plünderung preisgegeben, bei der die ärmeren unter den Soldaten einige Erholung fanden. Der Consul führte das siegreiche Heer mit dem größten Ruhme nach Rom zurück. Auf seinem Abzuge nach Rom meldeten sich bei ihm die Gesandten der Volskischen Stadt Ecetra, 140 welche die Eroberung von Pometia für sich selbst besorgt machte. Durch einen Senatsschluß wurde ihnen der Friede zugestanden, aber ein Stück Landes genommen.

26. Gleich darauf machten auch die Sabiner den Römern einen kleinen Schrecken; denn es war mehr ein Aufstand zum Kriege, als ein Krieg. Bei Nacht lief in der Stadt die Nachricht ein, ein Heer Sabinischer Plünderer sei bis zum Flusse Anio vorgedrungen und verheere und verbrenne die Landhäuser allenthalben. Sogleich schickte man mit der sämtlichen Reuterei den Aulus Postumius hin, der im Latinerkriege Dictator gewesen war: der Consul Servilius folgte mit einer auserlesenen Mannschaft zu Fuß. Sehr viele Sabiner wurden auf ihren Streifereien schon von der Reuterei umringt, aber auch ihre Legion hielt dem ankommenden Fußvolke nicht Stand. Ermüdet vom Marsche und der nächtlichen Plünderung, großentheils in den Landhäusern mit Speise und Wein überladen, hatten sie kaum zur Flucht noch Kraft genug.

Der Sabinische Krieg war in derselben Nacht, da man von ihm hörte, beendet, und man hatte große Hoffnung, sich auf allen Seiten Friede geschafft zu haben, als schon den folgenden Tag Gesandte der Aurunker vor dem Senate erschienen und den Römern den Krieg erklärten, wenn sie den Volskern das Stück LandS. am Ende des vorigen Capitels. nicht herausgäben. Mit den Gesandten zugleich war ein Heer Aurunker von Hause ausgegangen, und der Ruf davon setzte Alles in Rom, weil man sie schon in der Nähe von Aricia gesehen hatte, in eine so stürmische Bewegung, daß man weder die Väter der Reihe nach stimmen lassen, noch, während man selbst zu den Waffen griff, Leuten, die mit den Waffen schon ankamen, eine friedliche Antwort ertheilen konnte. Zum Angriffe bereit ging der Zug nach Aricia; nicht weit von da lieferte man den Aurunkern eine Schlacht, und mit diesem Einen Treffen war der Krieg geendet.

27. Das Römische Heer, nach der Niederlage der Aurunker, in wenigen Tagen Sieger so vieler Feinde, 141 rechnete jetzt auf die Zusage seines Consuls, auf das Wort des Senats; als Appius, theils nach der ihm eignen Härte, theils seinen Mitconsul um das öffentliche Vertrauen zu bringen, in den Schuldklagen mit möglichster Strenge zu Recht erkannte. Nach der Reihe wurden nicht nur die gewesenen Schuldsklaven den Gläubigern wieder überliefert, sondern auch neue in die Sklaverei gegeben. So wie dies einen Soldaten traf, berief sich dieser auf den Mitconsul: alle sammelten sich um den Servilius, pochten auf seine Verheißungen und rückten ihm, jeder seine Thaten im Kriege und die erhaltenen Narben vor. Sie verlangten, er solle entweder im Senate die Sache vortragen, oder seinen Bürgern als Consul helfen, als Feldherr seinen Soldaten.

Dies rührte den Consul: allein die Umstände geboten ihm Zurückhaltung; so gradezu hatten nicht nur sein Mitconsul, sondern auch der ganze Anhang der Adlichen sich auf die Gegenpartei geworfen. Indem er so den Unentschiedenen machte, entging er eben so wenig dem Hasse der Bürger, als er sich das Wohlwollen der Väter erwarb. Die Väter hielten ihn für einen unmännlichen, kriechenden Consul; die Bürger für falsch; und es zeigte sich bald, daß Appius nicht verhaßter sei, als er. Die Consuln waren in Streit gerathen, wer von ihnen den Tempel des Mercurius einweihen sollte. Ablehnend wies der Senat die Sache an das Gesamtvolk, bestimmte aber, wem von beiden auf Erkenntniß des Volks diese Weihe übertragen würde, der solle über den Preis der Lebensmittel die Aufsicht haben, die Kaufleute zu einem Handelsgerichte vereinen und an Oberpriesters Statt die Feierlichkeit verrichten. Das Volk übertrug die Einweihung des Tempels dem Marcus Lätorius, einem Hauptmanne des ersten Haufens, nicht sowohl, wie leicht zu ersehen war, dem Manne eine Ehre anzuthun, dem man ein Geschäft weit über seinen Rang verlieh, als den Consuln eine Kränkung.

Nun vollends wüthete der eine Consul samt den Vätern: allein den Bürgern war der Muth gewachsen, und sie gingen auf einem ganz andern Wege zu Werke, als den sie zuerst eingeschlagen waren. Da sie die Hülfe der 142 Consuln und des Senats aufgeben mußten, so liefen sie, sobald sie einen Schuldner vor Gericht führen sahen, von allen Seiten herbei, und tobten und schrieen so laut, daß man eben so wenig vom Ausspruche des Consuls hören, als, wenn er ihn gethan hatte, ihn befolgen konnte. Man verfuhr mit Gewalt, und statt dessen, daß vorher Furcht und Freiheitsgefahr auf Seiten der Schuldner war, so traf dies jetzt die Gläubiger, die als Einzelne von Mehreren sogar vor des Consuls Augen gemishandelt wurden.

Nun kam noch die Furcht vor einem Sabinerkriege hinzu: und als eine Werbung befohlen wurde, gab niemand seinen Namen an, worüber Appius in Wuth gerieth und seinen Amtsgenossen einen Kriecher schalt, der, dem Volke zu gefallen stumm, am State zum Verräther werde, und nach Unterlassung der Gerichtspflege in den Schuldklagen jetzt so weit gehe, daß er nicht einmal dem Senatsbefehle gehorsam eine Werbung halte. Dennoch sei der Stat noch nicht durchaus verlassen; die Macht eines Consuls noch nicht gestürzt. Er allein werde seine und der Väter Würde zu behaupten wissen. Und da ihn täglich die immer dreister werdende Menge umstand, ließ er einen der lautesten Aufrührer greifen. Schon schleppten die Gerichtsdiener ihn fort, da sprach er das Volk an; aber Appius würde auch auf die Ansprache keine Rücksicht genommen haben, weil des Volkes Urtheil leicht vorauszusehen war; hätten nicht endlich mehr die Ersten der Väter durch ihre Verwendung und Ansehen, als das Geschrei des Volks, seinen Starrsinn mit vieler Mühe besiegt: so sehr hatte er Muth vollauf, dem Hasse die Stirn zu bieten. Nun nahm das Übel täglich zu, nicht sowohl durch das öffentlich getriebene Geschrei, als, was weit verderblicher war, durch Versammlungen in Winkeln und geheime Verabredungen. Endlich legten die den Bürgern verhaßten Consuln ihr Amt nieder, Servilius bei keiner Partei beliebt, Appius bei den Vätern in hohem Grade.

28. Nach ihnen traten Aulus Virginius und Titus Vetusius das Consulat an. Nun hielten die Bürger, noch ungewiß, was sie für Consuln an ihnen haben würden, 143 sogar nächtliche Zusammenkünfte, theils auf den Esquilien, theils auf dem Aventinus, um weder auf dem Markte über ihre Entschließungen in Verlegenheit zu gerathen, noch in allen Stücken blindlings und auf gut Glück zu verfahren. Die Consuln, die die Sache für das, was sie war, für verderblich hielten, brachten sie vor den Senat; allein die Stimmen der Reihe nach über ihren Antrag abzuhören, war ihnen nicht möglich, so lärmend erklärten die Väter durch Geschrei von allen Seiten ihren Unwillen, «wenn die Consuln die gehässige Verantwortung einer Sache, die sie vermöge consularischer Gewalt hätten abthun sollen, auf den Senat wälzen wollten. Ständen noch Obrigkeiten an der Spitze des Stats, so würde wahrlich in Rom außer der öffentlich berufenen keine Zusammenkunft statt gefunden haben. Jetzt sei der Stat, da es Zusammenkünfte auf den Esquilien und wieder andre auf dem Aventinus gebe, in unzählige Rathhäuser und Versammlungen zerrissen und zerstückelt. Bei Gott! ein einziger Mann – denn dies sage mehr, als Consul – wie man ihn im Appius Claudius gesehen habe, würde in einem Nu jene Rotten aus einander gesprengt haben.» Als die so hart angelassenen Consuln anfragten, was sie denn thun sollten; denn sie wollten in keinem Stücke lässiger oder nachgiebiger verfahren, als es die Väter verlangten, so beschloß man, sie sollten mit möglichster Strenge eine Werbung halten: der Übermuth des Volks sei die Folge der Ruhe.

Nach Entlassung des Senats, bestiegen die Consuln den Richterstuhl, und forderten die Dienstfähigen namentlich. Niemand antwortete auf seinen Namen, und die gleich einer Versammlung sie umströmende Menge rief: «Länger lasse sich der Bürger nicht täuschen. Nie sollten sie Einen Soldaten haben, wenn das Wort des Stats nicht gehalten würde. Zuvor müßten sie jedem Einzelnen seine Freiheit wiedergeben, ehe sie ihm die Waffen gäben, damit er für ein Vaterland und für Mitbürger zu fechten habe, und nicht für Zwingherren.»

Die Consuln sahen freilich, was ihnen vom Senate aufgetragen war, sahen aber auch von denen, die hinter 144 den Wänden des Rathhauses so vorlaut gewesen waren, nicht Einen sich anfinden, um den Haß mit ihnen zu theilen; und offenbar sah man einem heftigen Kampfe mit dem Volke entgegen. Ehe sie also das Äußerste versuchten, wollten sie lieber den Senat noch einmal befragen. Noch zudringlicher umringten jetzt fast alle jüngeren Väter die Stühle der Consuln, und forderten sie auf, das Consulat abzugeben und eine Regierung niederzulegen, zu deren Behauptung es ihnen an Muth fehle.

29. Als die Consuln so mit der Stimmung auf beiden Seiten sich gehörig bekannt gemacht hatten, fingen sie endlich an: «Sagt nicht, ihr versammelten Väter, wir hätten euch nicht gewarnt: ein großer Aufruhr ist im Ausbrechen. Wir verlangen, daß diejenigen, welche uns der Feigheit am lautesten beschuldigen, bei der anzustellenden Werbung uns beistehen. Wir wollen in der Sache, wenn das einmal euer Wille ist, selbst die Maßregeln des Hitzigsten unter euch befolgen.»

Sie gingen wieder auf den Richterstuhl und ließen geflissentlich einen von denen bei Namen auffordern, die ihnen zunächst vor Augen waren. Er stand und schwieg; einige Andere stellten sich im Kreise um ihn, falls er angegriffen würde, und als die Consuln einen Gerichtsdiener hingehen ließen, trieb man diesen zurück. Die Väter, welche Beisitzer der Consuln waren, schrieen: «Das sei unerhört!» und rannten vom Richterstuhle herab, dem Diener zu Hülfe. Hatte man den Häscher bloß abgehalten, jenen zu greifen; so geschah nun auf die Väter ein wirklicher Angriff, und die Consuln machten der Schlägerei, in welcher es übrigens, ohne Stein, ohne Waffe, mehr Geschrei und Erbitterung als Thätlichkeiten gab, durch ihre Zwischenkunft ein Ende.

Nicht ohne Unordnung wurde der Senat versammelt, mit noch größerer befragt, weil diejenigen, welche Schläge davon getragen hatten, auf eine Untersuchung drangen, und die Ungestümen alle nicht sowohl durch abgegebene Stimme; als mit Geschrei und Lärmen, den Befehl dazu verlangten. Als endlich auf die Anmerkung der Consuln, daß 145 die Vernunft ihren Sitz eben so wenig auf dem Rathhause, als auf dem Markte, habe, jene Hitze sich legte, schritt man zur ordentlichen Stimmensammlung; und es gab der Meinungen drei.

Publius Virginius machte eine Einschränkung, und rieth, sich nur auf diejenigen einzulassen, die auf das Ehrenwort des Consuls Publius Servilius im Volsker-, Aurunker- und Sabinerkriege gedient hätten. Titus Lartius: «Jetzt sei die Zeit nicht, bloß Verdienste zu belohnen. Der ganze Bürgerstand sei in Schulden versunken, und keine Rettung möglich, wenn nicht Allen geholfen würde. Im Gegentheile, wenn man den Einen anders behandeln wolle, als den Andern, so würde die Zwietracht mehr entzündet, als gedämpft werden.»Appius Claudius, von Natur der Unsanfte, und jetzt theils durch seinen Haß im Volke, theils durch die Lobsprüche der Väter, noch mehr überspannt, sagte: «Nicht das Elend im Volke habe diese großen Unruhen erregt, sondern seine Ungestraftheit. Es sei mehr ausgelassen, als aufgebracht. Das ganze Übel stamme lediglich aus der freistehenden Ansprache. Die Consuln könnten bloß drohen, nicht befehlen, so lange noch eine Ansprache an Mitschuldige stattfinde. Geschwind laßt uns, fuhr er fort, einen Dictator wählen, von welchem sich niemand mit einer Ansprache an das Volk wenden darf. Den Augenblick wird diese Wuth, die jetzt Alles in Flammen setzt, verstummen. Dann schlage mir einmal einer den Häscher zurück, wenn er weiß, daß sein Leben und Tod in der Hand des Einen steht, an dessen Majestät er sich vergriff.»

30. Vielen schien die Meinung des Appius, was sie war, hart und empörend: die des Virginius und Lartius hingegen hielten sie des Beispiels wegen für schädlich, vorzüglich die des Lartius, weil sie allen Credit aufhöbe. Am meisten schien Virginius mit seinem Vorschlage den Mittelweg und zwischen beidenModeratum utroque. – Dies utrumque war nimis dura Appii und nimis lenis Lartii sententia. Dadurch, daß die Meinung des Virginius ein utroque temperatum oder moderatum war, wurde sie eben so brauchbar, wie der Wein der Alten, mero et aqua temperatum, kein gar zu starkes und kein gar zu schwaches Getränk wurde. das Maß zu treffen. Allein 146 Parteigeist und Rücksicht auf eignen Vortheil, die den Berathungen für das Ganze immer nachtheilig waren und sein werden, gaben dem Appius den Sieg, und beinahe wäre er selbst zum Dictator ernannt. Dies würde vollends, grade in der gefährlichsten Lage, da Volsker, Äquer und Sabiner alle zugleich in den Waffen waren, die Bürger erbittert haben. Doch die Consuln und die bejahrteren Väter sorgten dafür, daß eine Gewalt, die ihrer Eigenheit nach strenge genug war, in sanfte Hände kam. Sie wählten zum Dictator den Manius Valerius, des Volesus Sohn. Die Bürger, ob sie gleich sahen, daß man den Dictator gegen sie gewählt habe, fürchteten doch von dieser Familie, da sie das Gesetz über die Ansprache seinem eigenen Bruder zu verdanken hatten, keine Beleidigung, keine Härte. Hierin bestärkte sie die Verordnung, die der Dictator ergehen ließ, die freilich mit der des Consuls Servilius fast gleichlautend war; allein sie hielten sich zu größerm Vertrauen zu dem Manne und zu dem Amte berechtigt, gaben den Streit auf und ließen sich einschreiben. Ein Heer, so groß man es nie gehabt hatte, zehn Legionen wurden aufgebracht: jedem Consul wurden drei gegeben; vier bekam der Dictator. Auch ließ der Krieg sich nicht länger verschieben. Die Äquer waren den Latinern ins Land gefallen. Latinische Gesandten hielten beim Senate an, entweder ihnen Hülfe zu schicken, oder zu erlauben, daß sie selbst zur Vertheidigung ihrer Gränzen die Waffen nähmen. Man hielt es für das Sichrere, in den Latinern ein unbewehrtes Volk zu vertheidigen, als ihnen die Waffen wieder in die Hände zu geben. Der Consul Vetusius wurde hingeschickt, und die Plünderungen hörten auf. Die Äquer zogen sich aus dem Felde; und unter größerem Vertrauen auf ihre Stellung, als auf ihre Tapferkeit, deckten sie sich durch die Gebirgshöhen.

Der andre Consul, der gegen die Volsker gezogen war, um nicht eben so seine Zeit zu verlieren, nöthigte 147 den Feind, hauptsächlich durch Verheerung seines Gebiets, sein Lager näher heranzurücken und auf eine Schlacht sich einzulassen. In der Ebene zwischen beiden Lagern standen die Heere, jedes vor seinen Verschanzungen, zum Angriffe bereit.

An Menge hatten die Volsker eine bedeutende Überlegenheit. Daherströmend und mit Verachtung thaten sie den Angriff. Der Consul ließ weder seine Linie sich in Schritt setzen, noch das Geschrei zur Schlacht beantworten. Er hieß sie bei ihren in die Erde gepflanzten Wurfspießen Stand halten; dann aber, wenn der Feind vor die Klinge gekommen sei, mit ganzer Kraft sich erhebend das Schwert gebrauchen. Die Volsker, vom Laufe und Geschreie ermüdet, waren auf die, so schien es, vor Furcht starrenden Römer herangestürzt: kaum aber fühlten sie sich von dem Widerstande gegenüber zurückgedrückt und sahen die Schwerter vor ihren Augen blitzen, so wandten sie mit einer Bestürzung, als wären sie auf einen Hinterhalt gestoßen, zur Flucht um, und auch zum Fliehen fehlte es ihnen an Kräften, weil sie zum Angriffe gelaufen waren. Die Römer hingegen, weil sie im Anfange der Schlacht ruhig gestanden hatten, ereilten bei voller Kraft die Ermüdeten leicht, stürmten ihnen in ihr Lager nach, verfolgten den aus seinem Lager gejagten Feind nach Veliträ, und in Einem Zuge drangen Sieger und Besiegte zugleich in die Stadt. Hier floß, in dem Gemetzel der Menschen aller Art, des Blutes mehr, als selbst in der Schlacht. Man verschonte nur die Wenigen, die wehrlos sich ergaben.

31. Mit diesen Thaten im Volskerlande war der Sieg des Dictators über die Sabiner gleichzeitig, die ihm bei Weitem mehr Arbeit gemacht hatten. Er brachte sie zur Flucht und nahm ihr Lager. Durch seine einhauende Reuterei hatte er das feindliche Mitteltreffen in Unordnung gebracht, wo sie, bei zu weiter Ausdehnung auf die Flügel, durch Mangel an innerem Zusammenhange der Glieder eine Schwäche gegeben hatten. In dieser Verwirrung wurden sie vom Fußvolke angefallen, in fortschreitendem Angriffe ihr Lager erobert; und der Feldzug hatte ein Ende.

148 Nächst der Schlacht am See Regillus war in jenen Jahren nicht Eine so ruhmvoll. Der Dictator zog im Triumphe in die Stadt. Außer den übrigen Ehrenbezeigungen wurde ihm und seinen Nachkommen ein eigner Schausitz auf der Rennbahn eingeräumt und auf diesem Platze ein Thronsessel aufgestellt.

Den besiegten Volskern wurde das Gebiet von Veliträ genommen, und durch Anbauer, die man von Rom aus hinschickte, Veliträ zur Pflanzstadt gemacht.

Weit später kam es mit den Äquern zur Schlacht, auf die der Consul sich ungern einließ, weil man den Feind in seinem Vortheile nur von unten auf angreifen konnte. Allein die Soldaten, die den Consul geflissentlicher Zögerung beschuldigten, damit der Dictator, ehe sie in die Stadt zurückkämen, sein Amt niederlegen könnte und sein Wort eben so wenig gehalten würde, als das des vorigen Consuls, brachten ihn dadurch so weit, daß er sie auf gut Glück gerade am Gebirge hinaufrücken ließ. Durch die Feigheit der Feinde lief dies schlimme Wagstück glücklich ab. Denn ehe man sich noch mit Wurfspießen erreichen konnte, gaben sie, über die Kühnheit der Römer erstaunt, ein Lager preis, das ihnen die festeste Stellung gewährte und stürzten sich in die dahinter liegenden Thäler. Für einen so unblutigen Sieg fanden hier die Römer Beute genug.

Nach diesem auf drei Seiten glücklich geführten Kriege waren dennoch die Väter sowohl, als die Bürger, über die innern Angelegenheiten nicht außer Sorge; so groß war der Einfluß und die Geschicklichkeit, womit die Wucherer ihre Vorkehrungen getroffen hatten, nicht nur die Erwartungen der Bürger, sondern selbst des Dictators zu täuschen. Valerius nämlich machte, nach der Rückkehr des Consuls Vetusius, das Beste des siegreichen Volks zum Inhalte seines ersten Vortrags im Senate und fragte an, was man über die Schuldsklaven bestimmen wolle. Als dieser Antrag verworfen wurde, sprach er: «Ich werde mit meinen Bemühungen zum Besten der Einigkeit misfällig. Bei Gott! ihr werdet nächster Tage wünschen, daß die 149 Vertheidiger des Volks mir gleichen mögen. Was mich betrifft, so werde ich weder meinen Mitbürgern länger vergebliche Hoffnung machen, noch selbst vergebens Dictator sein. Zwietracht von innen und Krieg von außen machten mein Amt dem State wünschenswerth. Auswärts ist der Friede hergestellt; den innern wollen wir nicht. So will ich beim Aufruhre lieber Privatmann, als Dictator sein.» Mit diesen Worten verließ er das Rathhaus und legte seine Dictatur nieder. Es war den Bürgern einleuchtend, daß er aus Verdruß über ihre Lage abgedankt habe. Nicht anders, als hätte er sein Versprechen erfüllt – denn daß es nicht gehalten sei, habe ja nicht an ihm gelegen – gaben sie ihm, als er zu Hause ging, unter Beweisen des Wohlwollens und Danks die Begleitung.

32. Nun geriethen die Väter in Furcht, es möchten, wenn das Heer entlassen würde, von neuem geheime Zusammenkünfte und Verschwörungen entstehen. Hatte gleich der Dictator die Werbung gehalten, so hielten sie doch den Soldaten, weil er den Consuln geschworen habe, durch seinen Eid für gebunden, und gaben unter dem Vorwande, die Äquer hatten den Krieg erneuert, den Legionen Befehl zum Ausrücken. Dies brachte den Aufruhr zur Reife. Anfangs sollen sich die Bürger über die Ermordung der Consuln besprochen haben, um sich ihres Eides zu entledigen; als sie aber belehrt wären, daß keine Verbindlichkeit durch eine Frevelthat getilgt werde, wären sie auf den Rath eines gewissen Sicinius, ohne Befehl der Consuln, auf den heiligen Berg hinausgezogen, jenseit des Flusses Anio, dreitausend Schritte von der Stadt. Diese Erzählung ist gewöhnlicher, als die vom Piso angegebene, daß sie sich auf den Aventinus gezogen hätten. Hier schlugen sie, ohne alle Anführer, ein festes Lager mit Wall und Graben auf, und hielten sich, ohne etwas weiter zu nehmen, als die nöthigen Lebensmittel, mehrere Tage ruhig, wurden von niemand angegriffen und vergriffen sich an niemand.

In der Stadt herrschte große Bestürzung und Alles schwebte in gegenseitiger Furcht. Die von den Ihrigen zurückgelassenen Bürger fürchteten Gewalt von den Vätern; 150 die Väter fürchteten die zurückgebliebenen Bürger, und wußten nicht, was ihnen lieber sein würde, wenn diese blieben, oder gingen. «Wie lange werde aber der ausgezogene Haufe sich noch ruhig verhalten? Was dann daraus werden wolle, wenn irgend ein auswärtiger Krieg entstände? Die einzige ihnen bleibende Hoffnung gründe sich durchaus auf Einigkeit unter den Mitbürgern. Diese müsse man dem State wieder gewinnen, es koste, was es wolle.» Man beschloß also, den Agrippa Menenius, einen beredten und bei den Bürgerlichen, mit denen er gleicher Abkunft war, beliebten Mann, als Redner an das Volk zu schicken. Er wurde ins Lager gelassen und stellte, wie man sagt, im Tone jenes alten ungeglätteten Vortrags, bloß folgende Erzählung auf:

«Einst, als im Menschen noch nicht alles so einstimmig gewesen sei, wie jetzt, sondern jedes Glied seinen eignen Willen, seine eigne Sprache hatte, habe es die übrigen Glieder verdrossen, daß ihre Sorge, Arbeit und Dienstleistung alles nur für den Magen herbeischaffe, der Magen aber, ruhig in der Mitte, nichts weiter thue, als daß er in den ihm zugeführten Genüssen sich sättige. Sie hätten sich also verabredet, die Hände sollten keine Speise zum Munde führen, der Mund die gebotene nicht annehmen, die Zähne sie nicht zermalmen. Über diese Spannung, in der sie den Magen durch Hunger zu zwingen dächten, waren zugleich die Glieder selbst und der ganze Körper auf den höchsten Grad der Auszehrung gebracht. Da sei es ihnen einleuchtend geworden, daß auch das Geschäft des Magens nicht in Unthätigkeit bestehe, und daß er eben so, wie er genährt werde, auch selbst wieder nähre, indem er das durch Verdauung der Speise gezeitigte Blut, wodurch wir leben und gedeihen, auf die sämtlichen Adern vertheilt, in alle Glieder des Körpers ausgehen lasse.»

Und durch Darlegung der Ähnlichkeit dieses innern Aufruhrs im Körper mit der Erbitterung der Bürger gegen die Väter, soll er seine Zuhörer umgelenkt haben.

33. Es kam über die Aussöhnung zu 151 Unterhandlungen und in den Vergleichspunkten wurde den Bürgerlichen eingeräumt, daß sie ihre eigne Obrigkeit haben, daß diese unverletzlich und zur Hülfsleistung gegen die Consuln verpflichtet sein, und keinem von den Vätern erlaubt werden sollte, dies Amt zu bekleiden. Dem zufolge wurden zwei Bürgertribunen erwählt, Cajus Licinius und Lucius Albinus. Diese wählten sich noch drei Amtsgenossen, unter denen auch Sicinius gewesen sein soll, der die Entfernung von Rom in Vorschlag gebracht hatte. In der Angabe der beiden übrigen stimmt man nicht überein. Einige behaupten, man habe auf dem heiligen Berge nur zwei Tribunen gewählt, und dort sei auch das beschworne GesetzEs wurde damals auf dem heiligen Berge, oder nach Andern, später auf dem Aventinus, feierlich beschworen. Man sehe über dessen Inhalt Buch III, Cap. 55. gegeben.

Während der Entweichung des Bürgerstandes hatten Spurius Cassius und Postumus Cominius das Consulat angetreten. Unter diesen Consuln wurde mit den Völkerschaften Latiums ein Bündniß geschlossen. Zur Vollziehung desselben blieb der eine Consul zu Rom; der andre, der in den Volskischen Krieg geschickt wurde, erfocht einen Sieg über die Volsker von Antium, verfolgte die Geschlagenen in die Stadt Longula und eroberte diese. Darauf nahm er Polusca, gleichfalls eine Stadt der Volsker; dann ging es auf Corioli, zu dessen Erstürmung er alle Kräfte aufbot.

Zu den vornehmsten Jünglingen, die damals im Römischen Lager dienten, gehörte Cajus Marcius, ein junger Mann voll Gegenwart des Geistes und Thätigkeit, eben der, der nachher den Zunamen Coriolanus hatte. Das Römische Heer, welches Corioli belagerte, und ohne alle Besorgniß vor einem Angriffe von außen sein ganzes Augenmerk auf die in der Stadt eingeschlossenen Feinde gerichtet hatte, sah sich plötzlich von einem aus Antium aufgebrochenen Volskerheere in demselben Augenblicke angegriffen, als die Belagerten einen Ausfall thaten, gegen welche gerade Marcius mit seinem Posten stand. Mit 152 seinen Auserlesenen schlug er nicht bloß den Ausfall zurück, sondern kühn drang er in das offene Thor, erfüllte die vordere Gegend der Stadt mit Mord, und warf das Feuer, dessen er zufällig habhaft wurde, in die der Mauer nächsten Häuser. Das bei einem solchen Schrecken gewöhnliche Geschrei der Einwohner, vom Geheule der Weiber und Kinder begleitet, erhöhete schon durch seinen Ausbruch den Muth der Römer und machte die Volsker bestürzt, weil sie die Stadt, zu deren Hülfe sie gekommen waren, für erobert hielten. So wurden die Volsker von Antium geschlagen und die Stadt Corioli erobert. Und Marcius verdunkelte durch seinen Ruhm den Namen des Consuls so sehr, daß es jetzt vergessen sein würde, daß grade Postumus Cominius im Volskerkriege Anführer gewesen sei, wäre uns nicht durch das auf einer ehernen Säule eingegrabene Bündniß mit den Latinern der Umstand aufbehalten, daß Spurius Cassius allein, in Abwesenheit seines Mitconsuls, dies Bündniß geschlossen habe.

In eben diesem Jahre starb Agrippa Menenius, ein Mann, der während seines ganzen Lebens bei den Vätern und Bürgerlichen gleich beliebt war, aber nach dem Auszuge der Bürger diesen noch lieber. Und er, der Vermittler und Leiter der bürgerlichen Eintracht, der Abgesandte der Väter an das Volk, der Wiederbringer des Römischen Volks in die Stadt, hinterließ nicht, wovon er begraben werden konnte. Die Bürger trugen die Kosten seiner Bestattung, zu denen jeder mit einem Pfennige seinen Beitrag gabWenn der as libralis oder gravis jener Zeiten nach Crevier etwa sechs Pfennige Conv.M. beträgt, so ist der sechste Theil desselben (sextans) nicht mehr, als 1 Pfennig unsres Geldes..

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