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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 118
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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16. Man rechnet ihm an diesem Tage dreierlei zum Verdienste an. Einmal, daß er sein hinter den Feinden herumgezogenes Heer, in der Ferne von seiner Flotte und seinem Lager, die Schlacht da liefern ließ, wo Tapferkeit die einzige Hoffnung gab. Zum Andern, daß er die zwei Cohorten dem Feinde im Rücken entgegenwarf. Drittens, daß er die zweite Legion, während die übrigen Alle zur Verfolgung des Feindes fortstürzten, in vollem Schritte, und unter ihren Fahnen aufgestellt und schlagfertig gegen das Lagerthor anrücken hieß. Auch nach dem Siege säumte er im mindesten nicht. Kaum hatte er auf das zum Rückzuge gegebene Zeichen seine mit Beute Beladenen ins Lager zurückgeführt, so stellte er sich, da er ihnen nur wenige Stunden der Nacht zur Ruhe gegönnt hatte, zum Ausplündern des Landes wieder an ihre Spitze. Weil 224 die Feinde durch die Flucht zersprengt waren, so breitete sich die Plünderung der Römer so viel freier aus. Und dies vermochte eben so sehr, wie die Tags zuvor verlorne Schlacht, die Spanier zu Emporiä mit ihren Nachbarn zur Übergabe. Auch ergaben sich Viele, die aus andern Staten nach Emporiä geflüchtet waren. Diese Alle entließ er nach einer gütigen Anrede und Verpflegung mit Wein und Speise, nach ihrer Heimat. Von hier rückte er sogleich mit seinem Lager weiter, und auf seinem ganzen Zuge eilten ihm allenthalben Gesandte mit der Übergabe ihrer Staten entgegen. Als er nach Tarraco kam, war schon ganz Spanien diesseit des Ebro bezwungen, und die Barbaren führten dem Consul ihre gefangenen Römer, Bundesgenossen und Latiner, deren sie sich bei verschiedenen Unfällen in Spanien ermächtigt hatten, als ein Geschenk wieder zu. Darauf verbreitete sich das Gerücht, der Consul werde mit seinem Heere in Turdetanien einrücken: und den entlegenern Bergbewohnern wurde fälschlich sogar gemeldet, er werde nach RomProfecturum etiam falso perlatum est]. – Crevier und Drakenborch gestehen die Unrichtigkeit dieser Stelle ein. Vielleicht läßt sich ihr helfen. Der Consul war in der Seestadt Tarraco, wo die Römischen Befehlshaber gewöhnlich anzukommen und wieder nach Rom abzugehen pflegten. &ām und Rām konnte, dünkt mich, leicht verwechselt werden. Ich wage es also, für etiam lieber Romam zu lesen. In der Nähe von Tarraco konnte man bald erfahren, daß der Consul nicht ganz abreise; hier also verbreitete sich das Gerücht, er gehe nach Turdetanien. Wenn aber die entfernteren Gebirgsvölker hörten, er sei schon in Tarraco, so konnten sie das Gerücht von seiner nahen Abfahrt nach Rom eher für wahr halten. Da auch Cato wirklich (Cap. 19. zu Anfang) nach Turdetanien geht, so beziehen sich die Worte Ad hune vanum et sine ullo auctore rumorem, wenn ich nicht irre, nicht auf die Worte fama vulgatur, cos. in Turdetaniam exerc. ducturum – – dies war nicht vanus rumor; es geschah wirklich – – sondern auf profecturum Romam, falso perlatum est.abgehen. Auf diese unstatthafte und völlig unverbürgte Sage empörten sich sieben kleine Festungen im State der Bergistaner. Der Consul führte sein Heer hin, und ohne denkwürdigen Kampf brachte er sie wieder in seine Gewalt. Bald nachher, als der Consul nach Tarraco zurückgegangen und von hier aus noch nirgend wohin vorgerückt war, fielen eben diese wieder ab. Sie wurden abermals unterjocht, fanden aber nach der diesmaligen Besiegung nicht gleiche 225 Nachsicht. Damit sie den Frieden nicht noch öfter stören möchten, wurden sie Alle im Heerkreise zu Sklaven verkauft.

17. Unterdeß brach der Prätor Publius Manlius, der das alte Heer vom Quintus Minucius, in dessen Stelle er trat, übernommen, und das gleichfalls alte Heer des Appius Claudius Nero aus dem jenseitigen Spanien an sich gezogen hatte, nach Turdetanien auf. Unter allen Spaniern hält man die Turdetaner für am wenigsten kriegerisch. Doch gingen sie im Vertrauen auf ihre Menge dem Römischen Heere entgegen. Die auf sie gelassene Reuterei brachte ihre Linie sogleich in Verwirrung, und das Treffen zu Fuß kostete fast gar keinen Kampf. Die alten Streiter, mit dem Feinde und seinem Kriege bekannt, ließen über den Ausgang der Schlacht keinen Zweifel. Und doch war der Krieg mit dieser Schlacht nicht zu Ende. Die Turduler nahmen zehntausend Celtiberer in Sold und erneuerten den Krieg mit Hülfe fremder Waffen. Der Consul unterdessen, der, durch den Aufstand der Bergistaner betroffen, erwarten konnte, daß auch die übrigen Staten bei Gelegenheit ein Gleiches thun würden, nahm allen Spaniern diesseit des Ebro die Waffen. Dies war ihnen so kränkend, daß viele sich selbst den Tod gaben. Ein Völkerstamm voll Kühnheit, achteten sie ein Leben ohne Waffen für keins. Als dies dem Consul angezeigt wurde. ließ er die Ältesten der sämtlichen Staten vor sich rufen und sagte ihnen: «Uns liegt daran, daß ihr euch nicht empöret, nicht so viel, als euch: denn so oft es geschah, haben hoch immer die Spanier mehr Unglück davon gehabt, als die Römischen Heere Mühe. Daß es nie geschehe, kann, meines Erachtens, nur durch Ein Mittel verhütet werden: wenn man bewirkte, daß ihr euch nicht empören könnt. Ich möchte dies gern auf dem schonendsten Wege erreichen. Unterstützt auch ihr mich hierin mit eurem Rathe. Keinen will ich lieber befolgen, als den ihr selbst mir ertheilen werdet.» Da sie schwiegen, sagte er, er gebe ihnen einige Tage zur Überlegung. Als sie, wieder vorgefordert, auch in der zweiten 226 Zusammenkunft schwiegen, mußten die Städte alle auf Einen Tag ihre Mauern niederreißen, und da er selbst gegen die, die noch nicht Folge leisteten, ausrückte; mußten sich ihm, so wie er in eine Gegend kam, alle umliegenden Völker ergeben. Das einzige Segestica, eine wichtige und wohlhabende Stadt, eroberte er durch Annäherungshütten und Sturmplanken.

18. Ihm stießen aber in Unterjochung der Feinde so viel mehr Schwierigkeiten auf, als jenen zuerst nach Spanien gekommenen Römern, weil die Spanier aus Überdruß der Carthagischen Herrschaft zu jenen übertraten; er hingegen mußte sie nach dem Genusse der Freiheit gleichsam wieder zur Sklaverei in Beschlag nehmen: und er fand Alles schon so völlig in Aufruhr, daß Einige schon unter den Waffen standen, Andre durch Belagerungen zum Abfalle gezwungen werden sollten, und wenn man ihnen nicht noch zu rechter Zeit zu Hülfe gekommen wäre, nicht länger hätten widerstehen können. Allein der Consul hatte auch so viel Geist und Geschicklichkeit, daß er Alles, das Kleinste wie das Größte, selbst in Augenschein nahm und besorgte; nicht bloß, was nöthig war, bedachte und befahl, sondern auch meistens selbst vollzog; den Oberbefehl gegen niemand härter und strenger ausübte, als gegen sich selbst; in Sparsamkeit, Wachen und Anstrengung mit den gemeinsten Soldaten wetteiferte, und vor seinem Heere weiter nichts voraus hatte, als die Ehre und den Oberbefehl.

19. Den Krieg in Turdetanien machten dem Prätor Publius Manlius die von den Feinden, wie ich vorhin gesagt habe, durch den gebotenen Sold aufgewiegelten Celtiberer sehr schwer. Darum führte der Consul, vom Prätor in einem Briefe zu Hülfe gerufen, seine Legionen dorthin. Als er ankam, ließen sich die Römer sogleich mit den Turdetanern (Celtiberer und Turdetaner standen in abgesonderten Lagern) durch Angriffe auf ihre Posten in kleine Gefechte ein, und aus jedem kehrten sie als Sieger, mochten sie auch noch so planlos sich eingelassen haben. Zu den Celtiberern hieß der Consul einige Obersten 227 gehen, sich mit ihnen unterreden und ihnen unter drei Vorschlägen die Wahl anzubieten; Der erste war: Ob sie zu den Römern übergehen und doppelt so viel Sold annehmen wollten, als sie sich bei den Turdetanern bedungen hätten. Der zweite: Ob sie nach Hause abziehen wollten, unter der feierlichen Zusicherung, für ihre jetzige Vereinigung mit Roms Feinden nie zur Strafe gezogen zu werden. Der dritte: Wenn sie durchaus Krieg wünschten, so möchten sie Tag und Ort bestimmen, wann und wo sie ihre Sache durch die Waffen mit ihm ausmachen wollten.

Die Celtiberer forderten einen Tag Bedenkzeit. Sie hielten ihre Versammlung, weil sich die Turdetaner einmischten, unter lautem Lärmen: um so viel weniger konnte etwas beschlossen werden. Bei dieser Ungewißheit, ob mit den Celtiberern Krieg oder Friede sei, holten gleichwohl die Römer, nicht anders als im Frieden, aus den Dörfern und festen Schlössern der Feinde ihre Zufuhr; da sie eben so oft in die feindlichen Werke hineingingen, als wäre durch einen Privatwaffenstillstand ein gegenseitiger Verkehr verabredet. Als der Consul die Feinde zu keiner Schlacht herauslocken konnte, rückte er mit einigen Cohorten ohne Gepäck aus, um vorerst unter dem Schutze der Fahnen auf dem Gebiete einer noch verschonten Gegend zu plündern; allein auf die Nachricht, daß die Celtiberer alle ihre Feldbündel mit dem schweren Gepäcke in Seguntia zurückgelassen hätten, zog er zum Angriffe gegen die Stadt. Da sie sich aber durch kein Mittel in Bewegung setzen ließen, zahlte er nicht nur seinen, sondern auch des Prätors Truppen den Sold aus, ließ das ganze Heer im Lager des Prätors zurück, und nur mit sieben Cohorten ging er zurück an den Ebro.

20. Mit dieser so kleinen Schar eroberte er mehrere Städte. Die Sedetaner, Ausetaner, Suessetaner traten zu ihm über. Die Lacetaner, ein abgelegenes Waldvolk, legten die Waffen nicht nieder, theils aus angeborner Wildheit, theils waren sie sich bewußt, während der Beschäftigung des Consuls und seines Heers im Turdetanischen Kriege, durch unerwartete Einfälle seine Verbündeten 228 geplündert zu haben. Also zog der Consul zum Angriffe auf ihre Stadt, nicht bloß mit seinen Römischen Cohorten, sondern auch mit der Mannschaft seiner mit Recht auf sie erbitterten Bundesgenossen. Ihre Stadt hatte weit mehr Länge, als Breite. In einer Entfernung von beinahe vierhundert Schritten machte er Halt. Einem Posten von seinen auserlesenen Cohorten, den er hier stehen ließ, gab er Befehl, aus dieser Stellung nicht eher aufzubrechen, bis er selbst zu ihnen käme. Mit den übrigen Truppen zog er sich auf die andre Seite der Stadt herum. Unter seinen sämtlichen Hülfsvölkern waren die jungen Suessetaner die zahlreichsten. Ihnen übertrug er den Sturm auf die Mauer. Als die Lacetaner sie an ihren Waffen und Fahnen erkannten, stürzten sie im Bewußtsein ihres so oft auf Suessetanischem Boden ungestraft verübten Hohns, ihrer so oft in förmlicher Schlacht erfochtenen vollständigen Siege, aus plötzlich geöffnetem Thore insgesammt auf sie heraus. Kaum ihr Geschrei hielten die Suessetaner aus, viel weniger den Angriff. Sobald der Consul wirklich eintreten sah, was er erwartet hatte, sprengte er an der feindlichen Mauer hin zu seinen Cohorten, rückte mit ihnen im Schnellschritte, da Alles zur Verfolgung der Suessetaner hinausgestürzt war, auf der stillen und menschenleeren Seite in die Stadt, und eroberte sie ganz, ehe noch die Lacetaner umkehrten. Bald mußten auch sie, da sie nichts als Waffen hatten, sich ihm überliefern.

21. Gleich nach seinem Siege brach er von hier gegen das Schloß Vergium auf. Hier bargen sich größtentheils Räuber; und Streifereien von hier aus in die friedlichen Gegenden jener Provinz waren die Folge davon. Ein vornehmer Vergestaner kam als Überläufer zum Consul heraus und fing an, sich und seine Landsleute zu entschuldigen. «Sie selbst hätten die Regierung nicht in ihrer Gewalt. Die aufgenommenen Räuber hätten die ganze Feste von sich abhängig gemacht.» Der Consul hieß ihn, unter irgend einer wahrscheinlichen Angabe für seine Abwesenheit, wieder zu Hause gehen; und wenn er ihn an die Mauern rücken und die Räuber mit Vertheidigung der 229 Werke beschäftigt sähe, dann sollte er ja nicht versäumen, mit den Anhängern seiner Partei die Burg zu besetzen. Sie befolgten den Befehl. Plötzlich umringte die Barbaren der Schrecken von zwei Seiten, weil hier die Römer zur Mauer heranstiegen, dort die Burg genommen war. Schon im Besitze des Orts schenkte der Consul denen, welche die Burg gewonnen hatten, nebst ihren Angehörigen die Freiheit und ihr sämtliches Eigenthum. Die übrigen Vergestaner mußte der Schatzmeister auf seinen Befehl zu Sklaven verkaufen: die Räuber bestrafte er mit dem Tode. Nach Beruhigung der Provinz begründete er die beträchtlichen Einkünfte von den Eisen- und Silberbergwerken, und durch diese damals getroffene Einrichtung gewann die Provinz mit jedem Tage an Reichthum. Für diese glücklichen Verrichtungen in Spanien verordnete der Senat ihm zu Ehren ein dreitägiges Dankfest.

22. In diesem Sommer lieferte auch der andre Consul Lucius Valerius Flaccus in Gallien dem Heerhaufen der Bojer am Walde Litana eine förmliche Schlacht, die für ihn glücklich ausfiel. Achttausend Gallier sollen geblieben sein: die übrigen verliefen sich, ohne den Krieg weiter fortzusetzen, in ihre Flecken und Dörfer. So lange der Sommer noch dauerte, ließ der Consul sein Heer am Po zu Placentia und Cremona bleiben, und in diesen Städten wieder aufbauen, was durch den Krieg zerstört war.

Dies war die Lage der Dinge in Italien und Spanien um die Zeit, als bei dem Titus Quinctius, – – der sich während der Winterquartiere in Griechenland so benommen hatte, daß mit Ausnahme der Ätoler – (denn sie hatten vom Siege nicht so viele Vortheile geerntet, als sie erwartet hatten, und mit der Ruhe konnten sie sich nie lange vertragen) – das gesamte Griechenland im vollen Genusse der vereinigten Segnungen des Friedens und der Freiheit, über seinen Zustand hoch erfreuet war, und die Enthaltsamkeit, Gerechtigkeit und Mäßigung des Römischen Feldherrn im Siege eben so sehr bewunderte, als seine Tapferkeit im Kriege – – der Senatsschluß einlief, in welchem gegen Nabis, den Lacedämonier, der Krieg 230 beschlossen war. Als Quinctius nach Durchsicht desselben die Gesandschaften der sämtlichen verbündeten Staten auf einen bestimmten Tag zur Versammlung nach Corinth beschieden, und die Großen von allen Orten her sich zahlreich eingefunden hatten, so daß auch nicht einmal die Ätoler fehlten, redete er zu ihnen etwa so:

«Folgten gleich in dem mit Philipp geführten Kriege Römer und Griechen ihrer gemeinschaftlichen Stimmung und Maßregel, so hatten doch beide zu diesem Kriege ihre besondern Ursachen. Die Freundschaft mit den Römern hatte er dadurch gebrochen, daß er theils ihre Feinde, die Carthager, unterstützte, theils hier unsre Bundsgenossen angriff: und gegen euch hatte er sich so benommen, daß uns, hätten wir auch unsrer Beleidigungen vergessen wollen, eure Mishandlungen die gerechteste Ursache zum Kriege geben mußten. In der heutigen Berathschlagung aber gehet Alles von euch aus. Ich lege euch nämlich die Frage vor, ob ihr Argi, das, wie ihr selbst wisset, von Nabis besetzt ist, in seiner Botmäßigkeit lassen wollt, oder ob ihr es recht findet, daß man die edelste, älteste, im Mittelpunkte Griechenlands gelegene Stadt, wieder in Freiheit und mit den übrigen Städten des Peloponnes und Griechenlands in gleiche Lage setze. Diese ganze Berathschlagung betrifft, wie ihr sehet, eine Sache, die bloß die eurige ist: mit uns Römern kommt sie nicht in Berührung, außer in sofern die Dienstbarkeit dieser Einen Stadt unsern Ruhm, Griechenland befreit zu haben, nicht vollständig, nicht unverkümmert sein läßt. Wenn aber euch eure Theilnahme für diese Stadt, wenn euch das Beispiel und die Gefahr, daß durch Ansteckung das Übel um sich greifen könne, keine Unruhe macht; so kann das uns recht und willkommen sein. Dies ist der Gegenstand, über den ich euch so zu Rathe ziehe, daß ich mich an das halten will, was die Mehrzahl unter euch für gut erachten wird.»

23. Nach der Rede des Römischen Feldherrn fing man an, die Stimmen der Übrigen abzuhören. Da der 231 Gesandte der Athener in den dankvollsten Ausdrücken, die er finden konnte, die Verdienste der Römer um Griechenland erhob: «die ihnen auf ihre flehentliche Bitte um Beistand gegen Philipp, Hülfe geleistet hätten; jetzt, ungebeten, mit ihrem Anerbieten zum Beistande gegen den Tyrannen Nabis ihnen zuvorkämen;» und dann voll Unwillen hinzusetzte: «gleichwohl würden diese so großen Verdienste in Gesprächen von diesen und jenen verkleinert, die die Zukunft gern verunglimpfen möchten, statt daß sie sich für das Vergangene dankbar erklären sollten:» so war es einleuchtend, daß dies den Ätolern galt. Alexander also, einer der Ätolischen Großen, griff zuerst die Athener an, «die, ehemals Führer und Aufforderer zur Freiheit, jetzt, um sich allein gefällig zu machen, am Wohle Aller zu Verräthern würden:» dann klagte er darüber, daß die Achäer, die ehemals auf Philipps Seite gefochten hätten und zuletzt bei seinem sinkenden Glücke Überläufer geworden wären, nicht nur Corinth hingenommen hätten, sondern auch darauf ausgingen, die Stadt Argi zu haben; daß hingegen die Ätoler, diese ersten Feinde Philipps und beständigen Bundesgenossen Roms, ob sie sich gleich in dem Vertrage ausbedungen hätten, daß nach Philipps Besiegung die Städte und Länder ihnen gehören sollten, sich um Echinus und Pharsalus hintergangen sähen: und zuletzt machte er die Römer der Unredlichkeit verdächtig, weil sie, bei allem Prunke mit ihrer nichtigen Verheißung von Freiheit, in Chalcis und Demetrias ihre Besatzungen stehen ließen, sie, die jedesmal, wenn Philipp der Räumung dieser Städte von seinen Truppen habe ausweichen wollen, ihm die Einwendung gemacht hätten, Griechenland werde nie frei sein, so lange Demetrias und Chalcis und Corinth besetzt blieben: endlich noch, weil sie jetzt Argi und den Nabis zum Vorwande nähmen, um länger in Griechenland zu bleiben und ihr Heer hier zu behalten. «Sie möchten ihre Legionen nach Italien abführen. Die Ätoler versprächen, entweder solle Nabis durch Verträge und mit eigner Zustimmung seine Besatzung aus Argi 232 ziehen, oder sie wollten ihn durch Gewalt der Waffen zwingen, sich dem einmüthigen Willen Griechenlands zu fügen.»

24. Empört über diese Großsprecherei, war Aristänus, Prätor der Achäer, der erste, der gegen ihn auftrat. «Das wolle, rief er, der allmächtige Jupiter und die Königinn Juno, die Schutzgöttinn von Argi, verhüten, daß diese Stadt zwischen einem Lacedämonischen Tyrannen und den Räubern aus Ätolien als Kampfpreis aufgestellt werde; so daß wir Gefahr liefen, sie in einem noch traurigeren Zustande wieder zu erobern, als in den sie durch die Eroberung des Tyrannen gerieth. Jetzt, Titus Quinctius, schützet uns vor diesen Straßenräubern nicht einmal das scheidende Meer. Wie wird es uns gehen, wenn sie sich eine Zwingburg mitten in Peloponnes anschaffen? Von Griechen haben sie nur die Sprache, so wie von Menschen nur das Äußere. Bei Gewohnheiten und Gebräuchen einer Wildheit, die man so groß bei keinen Barbaren sieht, leben sie, wie die Ungeheuer der Thierwelt. Deshalb bitten wir euch, ihr Römer, daß ihr nicht allein Argi dem Nabis wieder abnehmt, sondern auch Griechenland in eine solche Lage setzt, daß ihr uns hier auch in gehöriger Sicherheit vor der Straßenräuberei der Ätoler znrücklassen könnt.» Da nun Alle von allen Seiten gegen die Ätoler laut wurden, so sagte der Römische Feldherr: «Er würde den Ätolern geantwortet haben, wenn er nicht bemerkt hätte, daß die allgemeine Erbitterung gegen sie so groß sei, daß er statt aufzureizen, lieber beruhigen müsse. Und so frage er, mit der Meinung, die sie von den Römern und Ätolern hätten, sich begnügend, hiemit an, was sie über den Krieg mit Nabis, falls er den Achäern Argi nicht herausgäbe, beschließen wollten.» Da sich Alle für den Krieg erklärten, so ging sein Antrag dahin, daß jeder Stat nach Maßgabe seiner Kräfte Hülfstruppen zu stellen habe. Ja an die Ätoler ließ er sogar einen Gesandten abgehen, mehr um sich über ihre Gesinnungen ohne Hülle zu belehren, was auch wirklich der Fall wurde, als 233 weil er an die Möglichkeit einer Bewilligung geglaubt hätte.

25. Nun gab er seinen Obersten Befehl, das Heer von Elatea herüberzuholen. In diesen Tagen ertheilte er auch den Gesandten des Antiochus, die auf ein Bündniß antrugen, die Antwort: In Abwesenheit der zehn Abgeordneten habe er gar keine Stimme. Sie müßten nach Rom an den Senat gehen. Mit den von Elatea ihm zugeführten Truppen zog er nun selbst gegen Argi; in der Gegend von Cleonä stieß der Prätor Aristänus mit zehntausend Achäern und tausend Reutern zu ihm, und nicht weit davon schlugen sie nach Vereinigung ihrer Heere ein Lager auf. Am folgenden Tage rückten sie in das ebene Argivische Gebiet, und wählten fast viertausend Schritte von Argi einen Ort zum Lager. Befehlshaber der Lacedämonischen Besatzung war Pythagoras, zugleich Schwiegersohn des Tyrannen und seiner Gattinn Bruder. Bei der Annäherung der Römer versah er sowohl die beiden Schlösser – denn Argi hat deren zwei – als auch andre schickliche oder ihm verdächtige Posten mit starken Besatzungen: doch war es ihm nicht möglich, bei seinen Vorkehrungen den Schrecken zu verbergen, in den ihn das Anrücken der Römer versetzte: und zu der Drohung von außen gesellte sich noch ein innerer Aufruhr. Damocles, ein Argiver, ein Jüngling von mehr Muth, als Klugheit, der sich schon mit einigen dazu Tauglichen unter dem Eide der Verschwiegenheit darüber besprochen hatte, die Besatzung zu vertreiben, war bei seinem Eifer, die Verschwörung durch Mehrere zu verstärken, in der Beurtheilung ihrer Zuverlässigkeit nicht vorsichtig genug. Da ihn in einer Unterredung mit seinen Vertrauten der Befehlshaber durch einen abgeschickten Trabanten vor sich fordern ließ, merkte er, daß der Anschlag verrathen sei, ermahnte die Verschwornen, so viele ihrer gegenwärtig waren, ehe sie auf der Folter stürben, lieber mit ihm zu den Waffen zu greifen, und zog mit diesen Wenigen gerade auf den Marktplatz, unter dem wiederholten Aufrufe, Wer es mit dem State redlich meine, solle an ihn, den Aufforderer und Führer zur Freiheit, sich anschließen. Dies machte auf 234 niemand Eindruck, weil niemand Hoffnung in der Nähe, geschweige jetzt eine hinlängliche Mannschaft sah. Während seines lauten Rufens wurde er mit seinen Begleitern von den Lacedämoniern umringt und niedergehauen. Nachher ergriff man auch Andere. Von diesen wurden die Meisten hingerichtet, nur Wenige gefangen gelegt. Viele ließen sich in der nächsten Nacht an Seilen an der Mauer hinab und flohen zu den Römern über.

26. Auf ihre Versicherung, daß dieser Aufstand nicht ohne Wirkung geblieben sein würde, wenn das Römische Heer vor den Thoren gestanden hätte, und daß die Argiver gewiß nicht ruhig bleiben würden, wenn Quinctius sein Lager näher rückte, schickte er leichtes Fußvolk und Reuterei ab, welche bei Cylarabis, einer Übungsschule, nicht ganz dreihundert Schritte von der Stadt, mit den aus dem Thore hervorbrechenden Lacedämoniern zum Gefechte kamen und sie ohne großen Kampf in die Stadt zurücktrieben. Auf den Platz, wo sie gefochten hatten, verlegte der Römische Feldherr sein Lager. Hier blieb er Einen Tag lang auf der Lauer, ob es vielleicht zu einem neuen Aufstande kommen würde. Als er aber sah, daß die Bürgerschaft zu sehr eingeschüchtert war, berief er wegen des Angriffs auf Argi einen Kriegsrath. Die sämtlichen Häupter Griechenlands, den Aristänus ausgenommen, waren einerlei Meinung: da Argi die einzige Ursache des Krieges sei, so müsse man es auch zum ersten Gegenstande des Krieges machen. Dies gefiel dem Quinctius ganz und gar nicht; im Gegentheile hörte er den Aristänus, als dieser die einstimmige Meinung bestritt, mit unzweideutigem Beifalle und fügte selbst noch hinzu: «Da man den Krieg, den Argivern zum Besten, nur gegen den Tyrannen unternommen habe, so frage er, ob es nicht höchst unzweckmäßig sei, mit Beiseitsetzung des Feindes, Argi anzugreifen. Statt dessen werde er auf den Sitz des Krieges, auf Lacedämon und den Tyrannen losgehen.» Er schickte auch nach Entlassung des Kriegsraths leichte Cohorten auf Getreideholung aus. Was in der Umgegend reif war, ließ er mähen und 235 zusammenfahren; was noch grün war, damit es nicht die Feinde nächstens ernteten, zertreten und vernichten. Dann brach er auf, zog über das Parthenische Gebirge bei Tegea vorbei und lagerte sich am dritten Tage bei Caryä. Hier wartete er, bevor er das feindliche Gebiet beträte, auf die Hülfstruppen der Verbündeten. Es trafen tausend fünfhundert Macedonier von Philipp ein und vierhundert Thessalische Reuter. Und jetzt hielten ihn nicht mehr die Hülfstruppen auf – ihrer hatte er zur Genüge – sondern die den benachbarten Städten auferlegte Zufuhr. Auch sammelte sich eine ansehnliche Seemacht. Schon war von Leucas mit vierzig Schiffen Lucius Quinctius eingetroffen; dann kamen achtzehn Rhodische Deckschiffe, ferner stand König Eumenes bei den Cycladischen Inseln mit zehn Deckschiffen, dreißig Jachten und mehrerlei kleineren Fahrzeugen. Ja es sammelten sich auch viele Flüchtlinge selbst aus Lacedämon, welche widerrechtlich von den Tyrannen verjagt waren, im Römischen Lager, in der Hoffnung, ihre Vaterstadt wieder zu gewinnen. Es waren nämlich Viele schon seit einigen Menschenaltern, so lange Lacedämon unter Zwingherren stand, von diesem oder von jenem vertrieben. Der Vornehmste unter diesen Verbannten war Agesipolis, dem vermöge seines Stammrechts der Thron zu Lacedämon gehörte, der aber als Kind nach dem Tode des Cleomenes, des ersten Zwingherrn zu Lacedämon, von dem Zwingherrn Lycurgus vertrieben war.

27. Der Tyrann, ob ihn gleich zu Wasser und zu Lande ein so furchtbarer Krieg rundum bedrohete, und ihm bei einer richtigen Schätzung seiner eignen und der feindlichen Kräfte fast keine Hoffnung übrig bleiben konnte, gab dennoch den Krieg nicht auf; sondern er ließ aus Creta tausend der dortigen auserlesensten Mannschaft kommen, da er ihrer schon tausend hatte; stellte dreitausend Miethsoldaten und an Eingebornen nebst den Landleuten aus den Bergflecken zehntausend unter die Waffen und befestigte die Stadt durch einen Graben und Pfahlwerk. Und jedem inneren Aufstande vorzubeugen, fesselte er Alle durch Furcht und harte Strafen, da er nicht 236 darauf rechnen durfte, daß die Erhaltung ihres Zwingherrn ihr Wunsch werden möchte. Einige Bürger waren ihm verdächtig. Er ließ also seine sämtlichen Truppen auf die Ebene ausrücken, die dort der Laufplatz heißt, die Lacedämonier ohne Waffen zur Versammlung rufen und umstellte diese mit seinen bewaffneten Trabanten. Nach einer kurzen voraufgeschickten Erklärung: «Warum sie ihm, wenn er gegen Alles in Furcht und auf seiner Hut sei, unter den jetzigen Umständen dies verzeihen müßten; auch müsse ihnen selbst daran gelegen sein, wenn die gegenwärtige Lage der Dinge den und jenen verdächtig werden lasse, daß man diesen lieber jede Unternehmung unmöglich mache, als sie schon mitten in der Unternehmung bestrafe; daß er also Einige in Gewahrsam behalten werde, bis der drohende Sturm vorübergehe; nach Zurücktreibung der Feinde, vor denen sie sich, wenn sie gegen innern Verrath gehörig gesichert wären, nicht sehr zu fürchten hätten, werde er jene sogleich wieder frei geben;» ließ er an die achtzig der vornehmsten jungen Männer namentlich aufrufen, und sie, so wie jeder auf seinen Namen sich meldete, in Verwahrung nehmen. In der folgenden Nacht wurden sie alle hingerichtet. Dann wurden auch verschiedene Heloten – sie sind der ländliche, seit uralten Zeiten in Bergflecken wohnende, Volksstamm – unter der Beschuldigung eines vorgehabten Übergangs zum Feinde, durch alle Gassen gepeitscht und getödtet. Durch solche Schreckmittel war der Volksgeist zu jedem Versuche einer Statsumwälzung erlahmt. Seine Truppen behielt Nabis innerhalb der Werke, theils weil er sich zu einer Schlacht in Linie nicht stark genug hielt, theils weil er es bei der allgemeinen Spannung und unzuverlässigen Stimmung nicht wagte, die Stadt zu verlassen.

28. Als Quinctius, schon in allen Stücken bereit, aus seinem Standlager aufgebrochen war, kam er den folgenden Tag nach Sellasia oberhalb des Flusses Önus, wo der Macedonische König Antigonus, wie man erzählte, dem Lacedämonischen Zwingherrn Cleomenes eine Schlacht 237 geliefert hatte. Da er hörte, daß es von hier auf einem beschwerlichen und engen Wege bergan gehe, so schickte er auf einem kurzen Umwege Leute durch das Gebirge vorauf, den Weg zu bahnen und kam auf einer hinlänglich breiten und offenen Straße an den Fluß Eurotas, der beinahe dicht unter den Mauern von Sparta fließt. Hier griffen die Hülfstruppen des Tyrannen die mit Absteckung eines Lagers beschäftigten Römer und den Quinctius, der selbst mit der Reuterei und den leichten Truppen vorausgegangen war, an und brachten sie in Schrecken und Unordnung: denn sie hatten so etwas gar nicht erwartet, weil ihnen auf dem ganzen Marsche niemand entgegen gerückt und sie nicht anders als durch Freundes Land gegangen waren. Die Verwirrung dauerte ziemlich lange, weil aus Mangel an Selbstvertrauen das Fußvolk die Reuterei, die Reuter das Fußvolk zu Hülfe riefen. Endlich kamen die Legionen unter den Fahnen dazu, und sobald die Cohorten des Vordertreffens ins Gefecht geführt waren, wurden die, die eben noch die Schreckenden gewesen waren, in voller Bestürzung zur Stadt hineingetrieben. Die Römer, die von der Mauer wieder so weit zurückwichen, daß sie außer dem Pfeilschusse waren, blieben eine Zeitlang in aufgestellter Linie stehen. Als niemand von Seiten des Feindes gegen sie ausrückte, gingen sie wieder in ihr Lager. Am folgenden Tage führte Quinctius seine Truppen in Schlachtordnung nahe am Flusse bei der Stadt vorbei gerade an den Fuß des Menelausberges. Vorauf gingen die Cohorten der Legionen: die Leichtbewaffneten und die Reuterei schlossen den Zug. Nabis hatte seine Miethvölker – auf diese setzte er das meiste Vertrauen – hinter der Mauer in Ordnung und zum Angriffe fertig unter den Fahnen stehen, um den Feind im Rücken anzugreifen. Als die Letzten des Zuges vorüber waren, stürzten jene an mehreren Stellen zugleich, eben so lärmend, wie Tages vorher, zur Stadt heraus. Appius Claudius schloß den Zug. Er hatte seine Leute auf den vorauszusehenden Fall, damit er ihnen nicht unerwartet käme, vorbereitet, ließ sogleich die Fahnen umkehren und bot durch diese 238 Schwenkung mit dem ganzen Zuge dem Feinde die Stirn. Also fochten sie, als wären sie in gerader Linie auf einander getroffen, eine ganze Zeitlang in förmlicher Schlacht. Endlich neigten sich die Truppen des Nabis zur Flucht. Diese würde für sie weniger gefährlich und unruhig gewesen sein, wenn ihnen nicht die Achäer nachgesetzt hätten, die der Gegend kundig waren. Diese richteten unter ihnen ein großes Blutbad an, und entwaffneten von den allenthalben versprengten Flüchtlingen die Meisten. Quinctius nahm sein Lager bei Amyclä. Nachdem er die sämtlichen Umgebungen der Stadt mit ihren zahlreich bewohnten und reizenden Fluren verheert hatte, und schon kein Feind das Stadtthor mehr überschritt, rückte er mit seinem Lager an den Fluß Eurotas. Von hieraus verwüstete er das unter dem Taygetus gelegene Thal und die bis zum Meere sich erstreckenden Dörfer.

29. Beinahe um dieselbe Zeit gewann Lucius Quinctius die Städte an der Seeküste theils durch freiwillige Übergabe, theils durch Drohung oder Erstürmung. Als er jetzt erfuhr, die Lacedämonier hätten von allen zum Seewesen nöthigen Vorräthen ihre Niederlage in der Stadt Gythium, und das Römische Lager sei schon nicht mehr weit vom Meere, so beschloß er, mit seiner ganzen Macht diese Stadt anzugreifen. Sie hatte damals eine bedeutende Stärke, theils durch die Menge ihrer Bürger und Einwohner, theils durch ihren Reichthum an Kriegsvorräthen aller Art. Dem Quinctius zur rechten Zeit – denn er machte sich an keine kleine Arbeit – kamen König Eumenes und die Rhodische Flotte dazu. Diese große Menge Seetruppen, die aus drei Flotten zusammengezogen war, brachte alle zum Sturme auf eine zu Wasser und zu Lande befestigte Stadt nöthigen Werke in wenig Tagen zu Stande. Schon wurde die Mauer unter angebrachten Sturmdächern untergraben, schon mit Widderköpfen eingestoßen. Unter wiederholten Stößen sank ein Thurm, und bei seinem Falle stürzte auch die Mauer auf beiden Seiten: und die Römer, um von dieser offenern Stelle die Feinde abzuziehen, suchten zugleich vom Hafen her, wo sie einen ziemlich flachen 239 Zugang hatten, und zugleich auf jenem durch den Einsturz gebahnten Wege einzudringen. Und es fehlte nicht viel, so wären sie da, wo sie hindrängten, durchgebrochen: da hemmte ihren Andrang die ihnen gemachte Hoffnung zur Übergabe, die sich aber bald wieder zerschlug. Dexagoridas und Gorgopas hatten als Befehlshaber der Stadt gleiche Rechte. Dexagoridas hatte dem Römischen Unterfeldherrn sagen lassen, er wolle die Stadt übergeben. Als hierzu das Wann und Wie schon verabredet war, tödtete Gorgopas den Verräther. Nun war der Eine in Vertheidigung der Stadt noch eifriger, und der Sturm würde noch viel größere Schwierigkeiten gefunden haben, wenn nicht jetzt Titus Quinctius mit viertausend Mann auserlesener Truppen angekommen wäre. Da er am Abhange eines der Stadt nahe gelegenen Hügels sein Heer in Schlachtordnung zur Schau stellte, und von der andern Seite Lucius Quinctius aus seinen Werken zu Wasser und zu Lande den Belagerten zusetzte, so zwang endlich die Verzweiflung auch den Gorgopas, sich zu demselben Entschlusse zu verstehen, den er an dem Andern mit dem Tode bestraft hatte. Unter der Bedingung eines freien Abzuges mit seiner Besatzung überlieferte er die Stadt dem Quinctius. Noch vor der Übergabe von Gythium überließ der von Nabis in Argi zurückgelassene Befehlshaber Pythagoras die Aufsicht über die Stadt dem Timocrates von Pellene und traf mit tausend Mann Miethsoldaten und zweitausend Argivern in Lacedämon bei dem Nabis ein.

30. Als Nabis, den eben so, wie ihn die erste Ankunft einer Römischen Flotte und die Übergabe seiner Städte an der Seeküste in Schrecken setzte, einige Hoffnung wieder beruhigte, weil seine Truppen Gythium behaupteten, nun auch die Übergabe dieser Stadt an die Römer erfuhr, und daß er, ohne alle Aussicht zu Lande, wo ihn ringsum Feinde umgaben, nun auch gänzlich vom Meere abgeschnitten sei; so hielt er es für das Beste, sich in sein Misgeschick zu fügen und schickte zuerst einen Herold in das Lager, welcher zuhören sollte, ob man geneigt sei, Gesandte anzunehmen. Nach erhaltener 240 Bewilligung stellte sich Pythagoras bei dem Feldherrn ein ohne weiteren Auftrag, als für den Zwingherrn um eine Unterredung mit dem Feldherrn zu bitten. Da nun in dem deshalb berufenen Kriegsrathe Alle für die Bewilligung stimmten, so wurden Tag und Ort festgesetzt. Als sie sich mit einem kleinen Gefolge von Truppen in der zwischen ihnen liegenden Gegend auf ein Par Anhöhen begeben hatten, ließen sie hier auf einem beiden Theilen sichtbaren Posten ihre Cohorten zurück, und Nabis kam mit wenigen Auserlesenen seiner Leibwache, Quinctius mit seinem Bruder, mit dem Könige Eumenes, dem Rhodier Sosilaus, dem Prätor der Achäer, Aristänus und einigen Obersten herab.

31. Hier fing der Zwingherr, dem man die Wahl ließ, ob er zuerst Redner oder Hörer sein wolle, so an:

«Wenn ich mir selbst eine Ursache ausdenken könnte, Titus Quinctius und ihr übrigen Anwesenden, warum ihr entweder den Krieg mir angekündigt haben könntet, oder ihn jetzt gegen mich führet, so würde ich den Ausgang meines Schicksals schweigend abgewartet haben. So aber kann ich den Wunsch nicht unterdrücken, ehe ich zu Grunde gehe, zu erfahren, warum ich zu Grunde gelten soll. Und bei Gott! wäret ihr die Leute, die die Carthager sein sollen, so daß euch Treue im Bunde nicht im mindesten heilig wäre, so sollte es mich nicht wundern, wenn ihr euch daraus nichts machtet, wie ihr an mir handeltet. Jetzt, wenn ich euch ansehe, erblicke ich Römer, bei denen in Hinsicht ihrer Beziehung auf die Götter – die Bündnisse, und in sofern sie unter Menschen ausgeübt wird, die Bundestreue – die höchste Heiligkeit haben. Wenn ich auf mich selbst zurücksehe, so hoffe ich, derselbe zu sein, der schon von Seiten seines Vaterlandes, wie alle übrigen Lacedämonier, mit euch im uralten Bunde steht, und der auch ganz besonders in seinem eignen Namen die Freundschaft und Verbindung mit euch vor kurzem erst in dem Kriege gegen Philipp erneuert hat. Aber vielleicht habe ich sie dadurch verletzt und umgestoßen, daß ich die Stadt Argi besetzt halte. Womit soll ich mich hier vertheidigen? 241 Mit der Sache? oder mit der Zeit? Die Sache selbst nimmt mich zwiefach in Schutz. Denn Einmal habe ich die Stadt angenommen, weil die Argiver selbst mich riefen und sie mir übergaben; habe sie nicht überraschet: zum andern habe ich sie angenommen, als sie auf Philipps Partei, nicht mit euch im Bunde stand. Die Zeit spricht mich frei, insofern ich Argi schon besaß, als wir den Bund mit einander ausmachten, und ich mußte euch versprechen, euch Hülfstruppen zum Kriege zu stellen, nicht, meine Besatzung aus Argi zu ziehen. Ja, so bleibe ich denn, bei Gott! in dem Streite über Argi oben, sowohl nach der Billigkeit der Sache, insofern ich nicht eure, sondern eine feindliche Stadt, insofern ich sie mit ihrem Willen, nicht mit Zwang und Gewalt, hingenommen habe; als auch nach eurem Geständnisse, da ihr bei den Bundesbedingungen mir Argi gelassen habt: allein der Name Zwingherr und meine Handlungen fallen mir zur Last, insofern ich die Sklaven zur Freiheit rufe, den dürftigen Bürger in den Besitz von Grundstücken setze? In Ansehung des Namens kann ich antworten, daß ich, wie ich auch sein mag, immer noch derselbe bin, der ich war, als du selbst, Titus Quinctius, mit mir das Bündniß schlossest. Ich erinnere mich, daß ihr mich damals König anredetet: jetzt, sehe ich, heiße ich Zwingherr. Hätte ich selbst meine Regierung unter einem andern Namen aufgestellt, so hätte ich meine eigne Unbeständigkeit zu verantworten; da aber die Abänderung von Euch kommt, ihr nur die eurige. Was die durch Befreiung der Sklaven vermehrte Volkszahl betrifft und die Vertheilung der Ländereien an Dürftige, so könnte ich auch hier mich auf mehr Recht vermöge der Zeit berufen. Das Alles, sei es, wie es wolle, hatte ich schon gethan, als ihr den Bund mit mir schlosset und im Kriege gegen Philipp Hülfstruppen von mir annahmt. Allein, selbst wenn ich es jetzt gethan hätte, sage ich nicht: Wie habe ich Euch dadurch Leides gethan oder eure Freundschaft verletzt? sondern: Das habe ich der Sitte und Anordnung meiner Vorfahren gemäß gethan. Was zu Lacedämon geschieht, 242 müßt ihr nicht nach euren Gesetzen und Einrichtungen abmessen wollen. Ich habe nicht nöthig, bei diesem Vergleiche in das Einzelne zu gehen. Ihr hebt nach dem Vermögen den Ritter, nach dem Vermögen den Fußgänger aus. Euch ist es recht, daß einige Wenige durch Wohlhabenheit über die Andern hervorragen, und daß der Bürgerstand ihnen untergeordnet sei. Unser Gesetzgeber wollte die Regierung nicht in den Händen jener Wenigen wissen, die ihr den Senat nennt, noch auch, daß irgend der eine, oder der andre Stand im State hervorragen sollte, sondern glaubte durch Ausgleichung des Vermögens und Ranges zu bewirken, daß ihrer Viele sein sollten, die zum Schutze des Vaterlandes das Schwert führten. Ich bekenne, daß ich, für einen Vortrag, nach der bei uns sittlichen Kürze, schon zu viel Worte gemacht habe: und ich hätte Alles mit den kurzen Worten abthun können: Daß ich seit Errichtung unsrer Freundschaft nichts begangen habe, wodurch sie euch unangenehm werden konnte.»

32. Hierauf antwortete der Römische Feldherr: «Mit dir haben wir keine Freundschaft, kein Bündniß geschlossen, sondern mit dem Pelops, einem ordentlichen und rechtmäßigen Könige Lacedämons. Von dieser Begünstigung haben auch jene Tyrannen, welche nachher die Herrschaft über Lacedämon mit Gewalt behaupteten, Gebrauch gemacht, weil uns bald die Punischen, bald die Gallischen, bald andre auf einander folgende Kriege beschäftigten; so wie auch du in diesem Macedonischen Kriege gethan hast. Denn was würde sich weniger schicken, als wenn wir, während wir für Griechenlands Freiheit gegen Philipp Krieg führten, mit einem Tyrannen Freundschaft begründeten, und zwar mit dem gegen sein Volk grausamsten und gewaltthätigsten von allen Tyrannen, die es je gegeben hat? Wir aber mußten – du mochtest nun Argi hinterlistig genommen haben und behalten, oder nicht – wenn wir ganz Griechenland befreiten, auch Lacedämon wieder zu seiner alten Freiheit und zu seinen Gesetzen verhelfen, deren du, gleich als 243 thätest du es einem Lycurg nach, vorhin erwähntest. Sollen wir etwa dafür sorgen, daß Philipp seine Besatzungen aus Jassus und Bargyliä zieht; Argi aber und Lacedämon, die beiden berühmtesten Städte, ehemals die Zierden Griechenlands, dir zu Füßen liegen lassen, damit sie in ihrer Dienstbarkeit uns die Ehre der Befreiung Griechenlands entstellen? Ei! sagst du, damals hielten es ja die Argiver mit Philipp. – Wir erlassen dir das, unsern Rächer zu spielen. Wir haben in sichere Erfahrung gebracht, daß hieran ihrer Zwei, höchstens Drei, Schuld waren, nicht aber ihr ganzer Stat Schuld war. Aber bei Gott!. eben so gewiß, als wir wissen, daß es von ihrer Seite durchaus nicht Statsbeschluß war, dich und deine Besatzung einzuladen und in die Burg aufzunehmenNihil sit publico consilio actum]. – Dies Allen anstößige sit soll entweder ganz wegfallen, oder in esse verwandelt werden. Ich glaube darin die Spuren des Wortes scimus zu sehen; und interpungire so: Tam, Hercle, quam in te tuoque praesidio arcessendo accipiendoque in arcem nihil scimus publico consilio actum, Thessalos et Phocenses et Locrenses consensu omnium scimus partium Philippi fuisse. Dann, dünkt mich, wird auch die in den folgenden Worten tamen cum ceteram liberaverimus Graeciam vorgeschlagene Abänderung unnöthig. Denn in der von mir aufgestellten Verbindung bezieht sich cetera Graecia, in welches die Thessalier, Phocenser und Locrenser mit einbegriffen sind, nur als Gegensatz auf die einzigen Argiver., wissen wir auch das, daß die Thessalier, Phocier und Locrer alle einmüthig auf Philipps Seite waren. Und wenn wir dessen ungeachtet das ganze übrige Griechenland befreiet haben, wie, meinst du, werden wir uns gegen die Argiver benehmen, da sie sich hierin keinen Statsbeschluß haben zu Schulden kommen lassen?

Du sagtest vorhin, wir machten dir Vorwürfe darüber, daß du die Sklaven zur Freiheit riefest und Ländereien unter die Armen vertheiltest. Freilich ist auch dies nicht unbedeutend: allein was ist es gegen die übrigen Frevel, die von dir und den Deinigen täglich einer über den andern verübt werden? Gestatte einmal entweder zu Argi, oder zu Lacedämon, eine freie Volksversammlung, wenn du Lust hast, die Vorwürfe wegen deiner gränzenlosen Tyrannei der Wahrheit gemäß zu hören. 244 Um alles andre Frühere zu übergehen, welch ein Gemetzel stellte nicht zu Argi der saubere Pythagoras, dein Schwiegersohn, fast unter meinen Augen an? was für ein Gemetzel du selbst, als ich fast schon auf Lacedämonischem Grund und Boden stand? Laß doch gleich die Alle, die du in der Volksversammlung festnahmest, und so, daß alle deine Mitbürger es hörten, nur in Gewahrsam zu behalten versprachst, in ihren Fesseln vorführen, damit ihre unglücklichen Ältern sehen, daß die, um die sie in ihrer falschen Einbildung trauern, noch am Leben sind. Aber, sagst du, gesetzt, dies Alles verhalte sich so, was geht es euch Römer an? Eine solche Sprache wolltest du gegen Griechenlands Befreier führen? gegen sie, die, um es befreien zu können, über das Meer setzten? den Krieg zu Lande und zu Wasser führten? Bei dem Allen, sagst du, habe ich doch nicht eigentlich Euch, noch die Freundschaft und Verbindung mit Euch beleidigt. Soll ich dir beweisen, wie oft du das gethan hast? Doch ich verschmähe die mehreren Angaben; ich will Alles in Eins zusammenfassen. Wodurch verletzt man die Freundschaft? Doch wohl vorzüglich durch zweierlei; wenn man meine Verbündeten als Feinde behandelt, und wenn man sich mit meinen Feinden verbindet. Welches von beiden hättest du nicht gethan? Messene, das wir gerade mit Lacedämon selbst durch einen und denselben Vertrag in unsre Freundschaft aufgenommen hatten, hast du, da du doch unser Bundesgenoß warest und die Stadt mit uns im Bunde stand, mit stürmender Hand genommen: und mit Philipp, unserm Feinde, hast du nicht bloß ein Bündniß, sondern durch seinen Feldherrn Philocles – o Himmel! sogar ein Band der Verwandschaft verabredet: hast uns, ordentlich als mit uns im Kriege, das Meer um Malea durch deine Raubschiffe unsicher gemacht; hast beinahe mehr Römische Bürger, als Philipp, gefangen genommen und gemordet; und die mit Zufuhr für unsre Heere geladenen Schiffe hatten die Macedonische Küste nicht so zu fürchten, als das Vorgebirge Malea. Also sei so gut und wirf nicht weiter mit Bundestreue 245 und Bundesrechten um dich. Spare die einschmeichelnden Worte: sprich als Tyrann und Feind.»

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