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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 110
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
sendergerd.bouillon
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16. Fast um dieselbe Zeit, als der Consul zuerst in den Engpässen von Epirus sich dem Könige Philipp gegenüber lagerte, segelte auch des Consuls Bruder Lucius Quinctius, dem der Senat die Führung der Flotte und den Oberbefehl an der Küste übertragen hatte, mit zwei Fünfruderern nach Corcyra über; und da er auf die Anzeige, daß die Flotte schon abgegangen sei, ohne sich einen Aufenthalt zu gestatten, bei der Insel Zama sie eingeholt hatte, entließ er den Lucius Apustius, dem er im Amte folgte und kam nur langsam nach Malea, weil die Flotte die mit der Zufuhr nachfolgenden Schiffe fast immer am Schlepptaue hatte. Von Malea, wo er den übrigen ihm so schnell als möglich zu folgen befahl, segelte er selbst mit drei lastfreien Fünfruderern nach dem Piräeus voraus und übernahm die vom Legaten Lucius Apustius zum Schutze Athens dort zurückgelassenen Schiffe. Zu gleicher Zeit fuhren auch zwei Flotten aus Asien ab; die eine mit dem Könige Attalus, – dies waren vierundzwanzig Fünfruderer; – die andre, die Rhodische, von zwanzig Verdeckschiffen, geführt vom Agesimbrotus. Nach ihrer Vereinigung auf der Höhe der Insel Andrus segelten beide Flotten nach Euböa hinüber, das von jener nur durch eine schmale Meerenge geschieden ist. Zuerst verheerten sie das Carystische Gebiet, dann aber gingen sie, weil ihnen Carystus durch eine von Chalcis aus eiligst hineingeworfene Besatzung verwahrt schien, vor Eretria. Hier fand sich auf die Nachricht von des Königs Attalus Ankunft auch Lucius Quinctius mit jenen Schiffen ein, die im Piräeus gelegen hatten, und hatte die Bestellung hinterlassen, daß auch die Schiffe seiner eignen Flotte, so wie sie 93 dort ankämen, nach Euböa steuren sollten. Im Sturme auf Eretria wurden alle Kräfte aufgeboten. Denn außerdem, daß die Schiffe dreier vereinigten Flotten mit allen Arten von Wurfgeschütz und Werkzeugen zur Zerstörung von Städten besetzt waren, lieferte auch die Gegend den Stoff zur Errichtung neuer Werke sehr reichlich. Anfangs vertheidigten die Bürger ihre Mauern mit regem Eifer: dann aber neigten sich mehrere vor Ermattung und Wunden, als sie nun auch schon einen Theil der Mauer durch die feindlichen Werke umgestürzt sahen, zur Übergabe. Allein ihre Besatzung bestand aus Macedoniern, vor denen sie sich eben so sehr, als vor den Römern fürchteten; und der königliche Befehlshaber Philocles ließ ihnen von Chalcis her sagen, er werde, wenn sie die Belagerung hinhielten, zu rechter Zeit erscheinen. Durch diese mit Furcht gemischte Hoffnung wurden sie gezwungen, länger zu zögern, als sie geneigt oder vermögend waren. Als sie darauf erfuhren, Philocles sei zurückgeschlagen und in voller Eile nach Chalcis hineingeflohen, schickten sie sogleich Abgeordnete an den Attalus, ihn um Schonung und Schutz zu bitten. Während sie aber, von Hoffnungen des Friedens begeistert, im Dienste gegen den Feind zu säumig waren, und mit Vernachlässigung der übrigen Plätze bloß da bewaffnete Posten aufstellten, wo die Mauer zertrümmert war, griff Quinctius in der Nacht auf einer Seite an, wo sie am wenigsten fürchteten und erstieg die Stadt mit Leitern. Der ganze Schwarm von Bürgern floh mit Weib und Kind auf die Burg; nachher ergab er sich. An Gelde, an Gold und Silber gab es hier nur wenig: aber an Standbildern, Schildereien der alten Kunst- und ähnlichen Prachtstücken fand sich mehr, als sich nach Verhältniß der Größe oder der übrigen Wohlhabenheit von dieser Stadt erwarten ließ.

17. Von hier rückte man wieder vor die Stadt Carystus, aus der sich aber, ehe die Truppen ausgeschifft werden konnten, der ganze Volkshaufe mit Hinterlassung der Stadt auf die Burg rettete. Von dort schickten sie Abgeordnete und baten den Römischen Befehlshaber um Gnade. 94 Den Bürgern wurde sogleich Leben und Freiheit zugestanden, den Macedoniern ein Lösegeld, von dreihundert Drachmentrecenti numi]. – Crevier zeigt, daß hierunter Drachmen zu verstehen sind. Die Drachme beträgt etwa 4, höchstens 5 Ggr. unsres Conventionsgeldes. auf jeden Kopf, gesetzt und der Abzug nach Ablieferung ihrer Waffen bewilligt. Als die Summe für sie gezahlt war, wurden sie ohne Waffen nach Böotien übergesetzt. Und so fuhren die Seetruppen, die in wenig Tagen zwei berühmte Städte auf Euböa erobert hatten, um Sunium, das Vorgebirge von Attica, herum und liefen zu Cenchreä ein, dem Stapelplatze von Corinth.

Unterdessen war der Consul mit der Bestürmung von. AtraxLongiorem atrocioremque]. – Daß die Abschreiber den Namen Atracis hier ausfallen ließen (s. Cap. XV. am Ende) ist von allen Editoren anerkannt. Gronov und Crevier wollen das Wort atrocioremque, das Drakenborch mit Gründen vertheidigt, ganz wegfallen lassen, und statt dessen Atracis einschieben. Drakenborch selbst will longiorem atrocioremque Atracis lesen. Ich vermuthe, die richtige Lesart sei longiorem Atracis atrocioremque. Denn auf diese Art erklärt sich die Auslassung des Wortes Atracis, wenn ich nicht irre, am leichtesten. beschäftigt, die über alle Erwartung anhaltend und fürchterlich war; und noch dazu leisteten die Feinde da Widerstand, wo er es am wenigsten vermuthet hätte. Er nämlich hatte geglaubt, das Einstoßen der Mauer werde die ganze Arbeit sein; hätte er nur seinen Bewaffneten den Eingang in die Stadt geöffnet, dann würde auf Seiten der Feinde Flucht und Niederlage, dem Schicksale eroberter Städte gemäß, unausbleiblich sein. Allein als seine Bewaffneten, denen der Einsturz eines Theils der Mauer vermittelst der Sturmböcke gelungen war, über eben diese Trümmer zur Stadt hereinschritten, da eröffnete sich gleichsam ein neuer Kampf und in seiner ganzen Stärke. Die Macedonier nämlich, eine zahlreiche Besatzung von Auserlesenen, die selbst eine ehrenvolle Auszeichnung darin suchten, die Stadt lieber durch Waffen und Tapferkeit, als durch Mauern, zu schützen, wurden kaum gewahr, daß die Römer über die Trümmer hereinschritten, als sie in geschlossener Stellung und in einer Linie, der sie in der Tiefe durch viele Glieder Haltbarkeit gaben, den Feind über den verschütteten, den Rückzug erschwerenden, Platz 95 wieder hinauswarfen. Der Consul, voll Unwillen, und überzeugt, daß dieser Schimpf nicht bloß bei dieser Einen Stadt die Dauer der Belagerung, sondern den ganzen Erfolg des Krieges bestimmen werde, der so oft von einwirkenden Kleinigkeiten abhänge, ließ den vom Sturze der halb zertrümmerten Mauer behäuften Platz reinigen, und einen Thurm von außerordentlicher Höhe, der eine Menge Streiter in vielfachem Stockwerke trug, heranrollen: zugleich mußten seine Cohorten im Angriffe abwechseln, um wo möglich den Keil der Macedonier – in ihrer Sprache die Phalanx – mit Gewalt zu durchbrechen. Allein auf einem engen Raume – und die Strecke der eingestürzten Mauer gab keine sehr weite Öffnung – war die Art der Waffen und des Kampfes dem Feinde zuträglicher. Wenn sich die Macedonier im Schlusse ihre überlangen Lanzen vorhielten, so konnten die Römer, die jetzt nach vergeblich abgeschossenen Wurfspießen gegen dies gleichsam aus übertretenden Schilden dichtgefugte Schuppendach die Schwerter zogen, weder nahe genug herankommen, noch die Lanzen vorn abhauen; und hatten sie einige durchgehauen oder abgebrochen, so füllten doch die Schaffte mit ihrem scharfen Bruche in der Spitzenreihe der unverkürzt gebliebenen Lanzen gleichsam ihre Pfahlstelle. Auch deckte der noch stehende Theil der Mauer den Feinden beide Flügel, und sie hatten nicht nöthig, – was sonst die Glieder so leicht in Unordnung bringt, – aus der Ferne weder auf die Ihrigen sich zurückzuziehen, noch auf den Feind auszubrechen. An dies Alles schloß sich zur Erhöhung ihres Muthes ein Zufall. Als der Thurm über den nicht fest genug gestampften Erddamm gerollt wurde, gab ihm das eine Rad, das in ein zu tiefes Geleise einsank, eine so starke Neigung, daß die Feinde schon glaubten, sie sähen ihn stürzen, und die darauf stehenden Bewaffneten ein fürchterlicher Schrecken befiel.

18. Als der Erfolg in keinem Stücke günstiger wurde, war dem Consul nichts empfindlicher, als daß eine Vergleichung zwischen Truppen und Truppen, zwischen Waffen und Waffen, nicht ausblieb; zugleich sah er weder 96 Hoffnung zu einer baldigen Eroberung, noch die Möglichkeit, in dieser Weite vom Meere und in einer durch die unglücklichen Folgen des Kriegs verheerten Gegend zu überwintern. Da er also die Belagerung aufgab, und sich an der ganzen Küste Acarnaniens und Ätoliens kein Hafen fand, der im Stande war, die sämtlichen Ladungsschiffe zu fassen, welche dem Heere die Vorräthe zuführten, und zugleich den Legionen für den Winter Obdach zu geben; so schien ihm das am Corinthischen Meerbusen in Phocis gelegene Anticyra hierzu am tauglichsten; weil sie sich dann nicht zu weit von Thessalien und den Standplätzen des Feindes entfernten, und zugleich gegenüber, nur durch ein schmales Meer geschieden, den Peloponnes, im Rücken Ätolien und Acarnanien, auf den Seiten Locris und Böotien hatten.

In Phocis eroberte er Phanotea ohne Kampf im ersten Angriffe. Die Belagerung von Anticyra machte keinen langen Aufenthalt. Dann bekam er Ambrysus und Hyampolis. Daulis ließ sich wegen seiner Lage auf einem hohen Hügel weder durch Leitern noch durch Werke erobern. Die Römer also lockten die Besatzung durch neckende Pfeilschüsse zu Ausfällen, und brachten sie durch abwechselndes Fliehen und Verfolgen und leichte nichts entscheidende Gefechte zu einem so hohen Grade von Sorglosigkeit und Feindesverachtung, bis sie mit den ins Thor Zurückfliehenden in Einem Schwarme zur Stadt hereinstürzten. Sechs andre unwichtige kleine Festungen in Phocis kamen mehr durch Drohungen, als Gewalt, in der Römer Hände. Elatia schloß ihnen die Thore und schien, wenn nicht Gewalt gebraucht würde, so wenig den Wegweiseraut ducem, aut exercitum Romanum]. – Es läßt sich denken, daß mehrere Griechische Städte, wenn sie vom Consul zur Übergabe aufgefordert wurden, sich lieber an die bei dem Römischen Heere als Hülfstruppen stehenden Griechen, als an die Römer selbst ergeben wollten, die ihnen fremder waren. Bei dem Heere des Quinctius standen viele Epiroten; und den Amynander mit seinen Athamanen hatte der Consul zu seinem Vortrabe und zu Wegweisern gemacht, (Cap. 14 am Ende) non tam virium eius egens, quam ut duces in Thessaliam haberet. Nimmt man das Wort ducem in diesem Sinne, dann hat man nicht nöthig, die Worte aut ducem; aut exercitum als Glossem wegzustreichen, welches Drakenborch thun wollte, weil er, ohne sich jener Stelle zu erinnern, unter ducem den Römischen Consul verstand. Eben so ergab sich Eretria bei dem Angriffe der Römischen Flotte lieber an den König Attalus, als an des Consuls Bruder Lucius, und wurde, während der Unterhandlung mit jenem, von den Römern durch Überfall genommen. Cap. 16. der Römer, als ihr Heer, einlassen zu wollen.

97 19. Bei der Belagerung von Elatea ging dem Consul die Hoffnung auf, einen wichtigeren Zweck zu erreichen, nämlich das Volk der Achäer von der Verbindung mit dem Könige in ein Bündniß mit Rom zu ziehen. Sie hatten den Cycliadas, das Oberhaupt der den Philipp begünstigenden Partei vertrieben. Aristänus, nach dessen Wunsche sich die Nation an die Römer schließen sollte, war Prätor. Bei Cenchreä stand eine Römische Flotte mit dem Attalus und den Rhodiern, welche sich alle gemeinschaftlich dazu anschickten, Corinth zu belagern. Folglich hielt es der Consul für sehr zweckmäßig, ehe sie sich auf die Unternehmung einließen, der Achäischen Nation durch Gesandte das Versprechen zu geben, wenn sie vom Könige zu den Römern überträten, so wolle man ihnen Corinth zur Mitgenossenschaft am alten Stammvereine wieder einräumen. Auf Betrieb des Consuls gingen von seinem Bruder Lucius Quinctius, ferner vom Attalus, von den Rhodiern und Athenern die Gesandten an die Achäer ab; und zu Sicyon wurden sie der Versammlung vorgestellt.

Allein der Rücksichten, welche die Achäer beherzigten, gab es mehr als Eine. Von Lacedämon aus drohete ihnen ein beschwerlicher, nie ablassender Feind; dem Kriege mit Rom sahen sie mit Schrecken entgegen; den Macedoniern waren sie für ältere und neuere Wohlthaten verpflichtet, allein dem Könige trauten sie nicht, wegen seiner Grausamkeit und Treulosigkeit; und ohne ihn darnach zu beurtheilen, wie er sich jetzt den Zeitumständen gemäß benahm, sahen sie seinen schweren Herrscherdruck nach dem Kriege voraus. Keiner von ihnen wußte so wenig, was er im Senate seiner Stadt, als in den gemeinschaftlichen Versammlungen des Gesamtvereines, als seine Meinung behaupten sollte; ja sie konnten bei eignem 98 Nachdenken mit sich selbst nicht einig werden, was sie zu wünschen oder zu wählen hätten. Eingeführt in die Versammlung dieser Unschlüssigen bekamen nun die Gesandten die Erlaubniß zu reden. Zuerst hatte der Römische Gesandte, Lucius Calpurnius, den Vortrag, darauf die Gesandten des Attalus; nach ihnen die Rhodier; dann erhielten Philipps Gesandte die Bewilligung, und die letzten Redner waren, um die Behauptungen der Macedonier zu widerlegen, die Athener. Und sie waren es, die wohl am heftigsten gegen den König sich ausließen; denn niemand hatte mehr und härtere Mishandlungen von ihm erfahren. Und für heute wurde mit Sonnenuntergange, da die sich an einander reihenden Reden so vieler Gesandschaften den Tag weggenommen hatten; die Versammlung entlassen.

20. Am folgenden Tage wurde sie wieder berufen. Als hier nach Griechischer Sitte jedermann von der Obrigkeit durch den Herold bevollmächtigt wurde, seine Vorschläge zu thun, und niemand auftrat, so herrschte, weil Einer den Andern ansah, ein langes Schweigen. Und es war kein Wunder, wenn Leute, deren Geist von der Beherzigung jener mit einander kämpfenden Rücksichten schon von selbst wie betäubt war, nun vollends durch die einen ganzen Tag über von beiden Seiten gehaltenen Reden irre geworden waren, worin ihnen jede Schwierigkeit aufgedeckt und ans Herz gelegt wurde. Endlich fing Aristänus, der Achäische Prätor, um die Versammlung nicht als eine stumm gewesene zu entlassen, so an zu reden:

«Wo blieb denn die Hitze des Parteienstreits, ihr Achäer, die euch auf euren Gastgeboten und in euren Zirkeln, wenn die Rede auf Philipp und die Römer fiel, beinahe zu Thätlichkeiten kommen ließ? Jetzt seid ihr auf der Tagesatzung, die einzig zu diesem Zwecke berufen wurde, wo ihr die Eröffnungen der beiderseitigen Gesandten gehört habt, wo die Obrigkeiten die Sache bei euch zur Sprache bringen, wo der Herold euch zu Vorschlägen auffordert, die Verstummten? Wenn die Theilnahme für das allgemeine Beste nicht auf euch wirkt, kann denn auch nicht einmal euer Lieblingswunsch, der 99 euer Herz entweder auf diese oder auf jene Seite neigt, aus einem Einzigen nur ein Wort hervorpressen? noch dazu, da niemand so blödsinnig ist, daß er nicht wissen sollte, nur jetzt, ehe wir zum Beschlusse kommen, sei Jedem noch vergönnt zu reden und das zu empfehlen, was er wünscht, oder für das Beste hält. Ist einmal für Einen Bund entschieden, dann müssen ihn Alle, auch die, denen er vorher nicht anstand, als gut und heilsam verfechten.» Diese Aufforderung des Prätors vermochte auch nicht Einen, als Redner hervorzutreten; ja sie bewirkte in einer so großen, aus so vielen Völkern entbotenen Versammlung nicht einmal ein Geräusch oder Gemurmel.

21. Da begann Prätor Aristänus von neuem: «Euch, Achaja's ersten Männern, fehlt es so wenig an Fertigkeit im Vortrage, als an Vorschlägen: nur will keiner seinen Rath für das allgemeine Beste auf eigne Gefahr mittheilen. Wäre ich ohne Amt, dann schwiege auch ich vielleicht. Allein als Prätor habe ich die Ansicht, daß wir entweder den Gesandten diese Zusammenkunft nicht bewilligen mußten, oder sie nicht ohne Antwort abtreten lassen müssen. Wie kann ich ihnen aber eine Antwort geben, wenn kein Beschluß von euch sie ausspricht? Und weil denn Keiner von euch Allen, die ihr zu dieser Versammlung berufen seid, Lust oder Muth genug hat, mit seiner eigenen Erklärung aufzutreten, so wollen wir die gestern von den Gesandten gehaltenen Reden als abgegebene Stimmen durchgehen, wollen die Sache so ansehen, nicht, als hätten sie zu ihrem eignen Vortheile Forderungen an uns gemacht, sondern als hätten sie uns das anempfohlen, worin sie unsern Vortheil zu sehen glaubten. Die Römer und Rhodier und Attalus bitten uns um Bündniß und Freundschaft, und ihrer Meinung nach wäre dann in dem Kriege, den sie mit Philipp führen, eine Unterstützung von unsrer Seite Pflicht. Philipp erinnert uns nur an unsern Bund mit ihm, an unsern Bundeseid, und bald ruft er uns auf seine Seite, bald will er schon zufrieden sein, wenn wir nur am Kriege nicht Theil nehmen. Kommt niemand unter euch 100 darauf, wie es zugehe, daß die, die noch nicht mit uns verbündet sind, mehr von uns fordern, als unser Bundesgenoß? Dies ist so wenig die Wirkung der Bescheidenheit auf Philipps, als einer Unverschämtheit auf der Römer Seite. Der Hafen CenchreäAchæi portus et dant – et demunt]. – Drakenborch versichert, daß alle seine Handschriften et dat – et demit lesen. So viel mehr verdient Hrn.  Walchs glückliche Verbesserung in den Text aufgenommen zu werden, die uns statt Achæi Cenchreæ lesen heißt. Für sie spricht auch das gleich folgende: Romana classis ad Cenchreas stat. erfüllt den einen Forderer mit Zutrauen und beraubt dessen den andern. Von Philipp sehen wir nichts weiter, als einen Gesandten. Aber eine Römische Flotte steht bei Cenchreä, prunkend mit der Beute Euböischer Städte. Einen Consul sehen wir mit seinen Legionen, von uns durch ein schmales Meer geschieden, Phocis und Locris durchstreifen. Ihr wundert euch, warum so eben Philipps Gesandter Cleomedon so schüchtern uns zumuthete, für seinen König die Waffen gegen die Römer zu ergreifen. Allein wenn wir jetzt kraft eben des Bündnisses und dieses Bundeseides, den er uns scheuen hieß, ihn bitten wollten, daß uns Philipp dort gegen den Nabis und die Lacedämonier, hier gegen die Römer vertheidigen möchte, so würde er eben so wenig wissen, wo er die Truppen zu unserm Schutze hernehmen, als was er uns antworten sollte: bei Gott! eben so wenig, als vor einem Jahre Philipp selbst, der unter dem Versprechen, unsern Krieg mit dem Nabis auf sich zu nehmen, es darauf anlegte, unsre Mannschaft von hier weg nach Euböa hinüberzuziehen; als er aber sah, daß wir ihm die Truppenstellung nicht bewilligten und uns in keinen Krieg mit Rom verwickeln lassen wollten, unser Land dem Nabis und den Lacedämoniern zur Verheerung und Plünderung überließ, ohne an den Bund mit uns, auf den er jetzt so laut sich beruft, zu denken. Nach meiner Ansicht schien auch Cleomedons Rede mit sich selbst im Widerspruche zu sein. Er machte den Krieg mit den Römern so unwichtig, und verhieß uns von dem jetzigen denselben 101 Ausgang, wie von dem, den sie schon einmal mit Philipp geführt hätten. Warum hält denn dieser aus der Ferne bei uns um Hülfstruppen an, und kommt nicht lieber selbst, uns seine alten Bundesgenossen zugleich vor dem Nabis und den Römern zu schützen? Ich führe uns an? «Warum ließ er Eretria und Carystus wegnehmen? warum so viele Städte Thessaliens? warum Locris und Phocis? warum leidet er noch jetzt, daß Elatia belagert wird? Warum räumte er entweder besiegt, oder aus Furcht, oder freiwillig, die Engpässe von Epirus und jene unbezwingliche Klause über dem Flusse Aous, und zog sich mit Hinterlassung des Gebirgwaldes, den er besetzt hatte, tief in sein Reich? Gab er aus eignem Willen so viele Bundesgenossen den Feinden zur Plünderung preis, wie kann er etwas dawider haben, daß auch die Bundesgenossen für sich selbst sorgen? Oder aus Furcht; so muß er auch uns diese Furcht verzeihen. Oder wenn er als der Besiegte wich, so sollen wir Achäer, Cleomedon, Roms Waffen aufhalten, die ihr Macedonier nicht aufhalten konntet? Sollen wir es lieber dir zuglauben, daß die Römer den Krieg diesmal nicht mit mehreren Truppen und größerer Anstrengung führen, als sie ihn vorhin geführt haben; und die Sache nicht so ansehen, wie sie vor uns liegt? Damals kamen sie den Ätolern mit einer Flotte zu Hülfe: sie führten den Krieg weder durch einen Consul, noch durch ein consularisches Heer: Philipps Bundesgenossen in den Seestädten waren in Schrecken und Aufruhr; das Mittelland blieb vor den Römischen Waffen so sicher, daß Philipp die um Roms Hülfe vergeblich flehenden Ätoler ausplündern konnte. Jetzt aber haben die Römer, da sie mit dem Punischen Kriege fertig sind, den sie sechzehn Jahre lang im Herzen Italiens dulden mußten, nicht etwa den Krieg führenden Ätolern einige Mannschaft gesandt, sondern selbst als kriegführende Hauptmacht Macedonien, zu Lande und zu Wasser zugleich, angegriffen. Schon der dritte Consul führt diesen Krieg mit aller Kraft. Sulpicius, der mit dem Könige in Macedonien selbst zusammentraf, 102 schlug und warf ihn, und verheerte den blühendsten Theil seines Königreichs. Jetzt hat ihn im Besitze des Engpasses von Epirus, ungeachtet seines Vertrauens auf Stellung, Werke und Heer, Quinctius zum Lager hinausgeschlagen, und da er ihm auf der Flucht nach Thessalien folgte, die königlichen Besatzungen und die mit ihm verbündeten Städte fast im Angesichte des Königs bezwungen.»

«Angenommen, es sei nichts von allen dem wahr, was so eben Athens Gesandte von des Königs Grausamkeit, Habsucht und Wollust erzählt haben: alle die Frevel, die im Gebiete von Attica gegen die Götter der Ober- und Unterwelt verübt wurden, sollen uns nicht angehen, noch viel weniger, was die von uns so weit entfernten Bewohner von Cia und Abydus gelitten haben; auch die uns selbst geschlagenen Wunden wollen wir, wenn es so sein soll, vergessen; die Hinrichtungen und Beraubungen, die er mitten im Peloponnes zu Messene vornahm; daß er zu Cyparissia seinen Wirth Garitenes gegen alle menschlichen und göttlichen Rechte beinahe noch an der Tafel morden ließ; daß er die beiden Sicyonier, Aratus, Vater und Sohn, hinrichtete, ob er gleich den unglücklichen Greis so oft Vater genannt hatte; daß er sogar die Gattinn des Sohnes zur Befriedigung seiner Lüste nach Macedonien entführte: wir wollen die Entehrung so mancher andern Jungfrau und Gattinn vergessen; wollen annehmen, Philipp stehe mit unsern Angelegenheiten außer aller Beziehung; da euch ohnehin die Furcht vor seiner Grausamkeit sprachlos gemacht hat: – denn aus welchem andern Grunde könnten zur Statenversammlung Berufene so stumm sein? – wir wollen thun, als hätten wir unsre Sache mit dem sanften, gerechten, um uns so hochverdienten Könige AntigonusAntigonus Doson, Philipps gewesener Vormund und nächster Vorfahr auf dem Throne. auszumachen; sollte der uns auffordern, etwas zu leisten, was uns für dasmal unmöglich wäre? «Denn Peloponnes ist eine Halbinsel, die durch den 103 schmalen Paß der Landenge mit dem festen Lande zusammenhängt, und keinem Angriffe so offen und ausgesetzt ist, als dem zur See. Wenn jetzt hundert Deckschiffe, funfzig leichtere ohne Deck und von Issa dreißig Boote sich daran machen, die Küste zu verheeren und die beinahe am Ufer selbst bloß liegenden Städte zu bestürmen, sollen wir uns etwa dann in die Städte des Mittellandes zurückziehen? als fühlten wir nicht auch da die Qual des heimischen, in unsern Eingeweiden haftenden Krieges? Wenn uns zu Lande Nabis und die Lacedämonier, zur See eine Römische Flotte, bedrängen, von wo aus sollen wir dann den verbündeten König und Macedonische Truppen zu Hülfe rufen? Oder sollen wir etwa die Städte, die der feindliche Römer angreifen wird, mit eignen Waffen in Schutz nehmen? Haben wir doch im vorigen Kriege Dymä so herrlich vertheidigt! Das Unglück Andrer giebt uns der Belehrungen genug: laßt uns nicht darauf ausgehen, Andern zur Warnung zu dienen. Weiset doch nicht aus diesem Grunde, weil die Römer mit der Bitte um Freundschaft uns zuvorkommen, gerade das, was wir uns wünschen und aus allen Kräften erstreben müßten, von euch ab. Denn es treibt sie, ««ja freilich!»» die leidige Furcht, in einem fremden Lande, wo sie unter dem Schatten eures Beistandes sich ducken wollen, sich in den Bund mit euch zu flüchten, um in eure Hafen einlaufen zu können und Zufuhr zu haben. Auf dem Meere gebieten sie; so wie sie ein Land betreten, machen sie es sich unterwürfig. Was sie von uns erbitten, können sie erzwingen. Weil sie euch zu schonen wünschen, wollen sie euch euren Untergang nicht verschulden lassen. Denn was euch so eben Cleomedon als Mittelweg und als den sichersten Entschluß empfahl, daß ihr stillsitzen und gar keinen Antheil am Kriege nehmen solltet, das ist nicht Auskunft auf einem Mittelwege, sondern gar keine. Denn außerdem daß ihr gezwungen seid, die Verbindung mit Rom entweder anzunehmen oder feindlich zu verwerfen, was wird, wenn wir nirgends auf sichere Freundschaft rechnen können, insofern wir selbst 104 den Ausgang gleichsam abgewartet hätten, um unsern Entschluß dem Glücke anzupassen, aus uns anders werden, als eine Beute des Siegers? Wenn man euch das, worauf alle unsre Wünsche gerichtet sein mußten, von freien Stücken anbietet, so stoßt es doch nicht von euch. So wie ihr heute beides in eurer Gewalt habt, werdet ihr es nicht immer haben. Ein günstiger Augenblick ist nicht oft, und nicht lange, derselbe. Schon lange habt ihr mehr den Willen, als den Muth, euch von Philipp zu befreien. Mit großen Flotten und Heeren sind sie über Meer gekommen, die euch ohne eure Mühe, ohne eure Gefahr, in Freiheit setzen wollen. Stoßt ihr diese Bundesgenossen von euch, so kommt man freilich über euren gesunden Verstand in Zweifel: allein sie entweder zu Bundesgenossen zu haben, oder zu Feinden, ist für euch ein Muß.»

22. Nach der Rede des Prätors wurden Einige laut durch Bezeigung ihres Beifalls, Andre durch ihre harten Äußerungen gegen die Beistimmenden. Bald geriethen nicht Einzelne allein, sondern ganze Völkerschaften in Wortwechsel. Zuletzt wurde der Streit unter den Obrigkeiten der Nation – sie heißen Damiurgen, und ihrer werden immer zehn gewählt – eben so hitzig, als unter der Menge. Ihrer fünf erklärten, sie würden auf das Bündniß mit den Römern antragen und selbst dafür stimmen; die fünf Andern führten das Gesetz für sich an, welches den Obrigkeiten jeden Antrag, der Versammlung jeden Beschluß, der dem Bündnisse mit Philipp zuwider sei, untersagte. So wurde auch dieser Tag mit Zänkereien hingebracht. Zu einer gültigen Versammlung hatten sie nun noch Einen Tag – denn ein Gesetz bestimmte die Abfassung des Beschlusses auf den dritten Tag; – und auf diesen schickten sie sich mit einer Parteiwuth an, die beinahe Vater gegen Sohn bewaffnet hätte. Der Sohn des Rhisiasus von Pellene, Namens Memnon, war Damiurg und auf der Partei, welche sich der Vorlesung des Beschlusses und der Abhörung der Stimmen widersetzte. Nach langem flehentlichen Anhalten bei seinem Sohne, die Achäer 105 auf das allgemeine Wohl Rücksicht nehmen zu lassen und nicht durch seinen Starrsinn die ganze Nation unglücklich zu machen, schwur Rhisiasus, als seine Bitten nicht gehörig wirkten, er wolle ihn mit eigner Hand umbringen und ihn nicht für seinen Sohn, sondern als Feind ansehen; und vermochte ihn durch die Drohung, sich am folgenden Tage mit denen zu vereinigen, die für den Vortrag waren. Als nun diese, die eben dadurch die Mehrheit bekamen, den Antrag thaten und die Völkerschaften fast alle offenbar dem Antrage beistimmten und ohne Rückhalt zu erkennen gaben, wie ihr Beschluß lauten solle, so standen, noch ehe dieser abgefaßt wurde, die Bürger von Dymä, von Megalopolis und einige von Argos auf und verließen die Versammlung, ohne indeß Befremden oder Misfallen zu erregen. Denn die Megalopolitaner, deren Vorfahren von den Lacedämoniern vertrieben waren, hatte Antigonus in ihre Heimat zurückgeführt; und die Dymäer, deren Stadt neulich vom Römischen Heere erobert und geplündert war, hatte Philipp allenthalben aus der Sklaverei loskaufen lassen und ihnen mit der Freiheit ihre Vaterstadt wiedergegeben. Die Argiver endlich waren, außer dem Glauben, daß die Macedonischen Könige von ihnen abstammten, meistentheils auch für ihre Person durch Gastrecht und Familienfreundschaft mit Philipp in Verbindung. Darum traten sie aus einer Versammlung ab, welche sich für die Anerkennung des Bündnisses mit den Römern entschied, und man konnte ihnen bei ihren großen und neuen Verbindlichkeiten diesen Austritt nicht verdenken.

23. Die übrigen Achäischen Völkerschaften gaben nach Abhörung der Stimmen dem Bündnisse mit Attalus und den Rhodiern gleich auf der Stelle durch einen Beschluß die Wirklichkeit; das mit den Römern aber wurde, weil es ohne Genehmigung des Römischen Volks nicht gültig sein konnte, bis zum Abgange einer Gesandschaft nach Rom verschoben. Für jetzt beschlossen sie, nur an den Lucius Quinctius drei Gesandte abgehen zu lassen und mit dem ganzen Achäischen Heere vor die Stadt Corinth zu rücken, welche Quinctius nach der Eroberung 106 von Cenchreä schon belagerte. Sie lagerten sich dem nach Sicyon führenden Thore gegenüber: die Römer stürmten auf der nach Cenchreä liegenden Stadtseite; Attalus, der mit seinem Heere über die Landenge gegangen war, von Lechäum her, dem Hafen des andern Meers; anfangs nicht ernstlich, weil sie auf eine Trennung in der Stadt zwischen den Bürgern und der königlichen Besatzung rechneten. Da aber bei vollkommener Eintracht unter Allen, die Macedonier wie für eine gemeinschaftliche Vaterstadt fochten, und die Corinthier dem Befehlshaber der Besatzung, Androsthenes, als ob er ihr Mitbürger und von ihnen selbst angestellt wäre, die volle Gewalt ließen, so mußten nun die Belagerer ihre ganze Hoffnung auf Sturm, auf Waffen und Werke setzen. Von allen Seiten wurden Dämme, so schwierig die Annäherung war, bis an die Mauern aufgeführt. Auf der Seite, wo die Römer stürmten, hatte der Widderkopf schon eine ganze Strecke der Mauer eingestoßen. Da nun die Macedonier herbeieilten, die unbedeckte Stelle mit den Waffen zu schützen, so kam es zwischen ihnen und den Römern zu einem schrecklichen Gefechte. Anfangs wurden die Römer von der Menge leicht hinausgedrängt; als sie aber von den Achäern und dem Attalus Verstärkung erhielten, waren sie dem Kampfe gewachsen, und sicher würden sie die Macedonier und Griechen bald vom Platze getrieben haben. Allein es war eine große Menge Italischer Überläufer im Orte, die theils aus Hannibals Heere aus Furcht vor der von den Römern zu erwartenden Strafe Philipps Fahnen gefolgt, theils als Seesoldaten ihren Flotten neulich entlaufen waren, weil sie zu einem ehrenvolleren Dienste überzugehen hofften. Die Überzeugung, ohne Schonung verloren zu sein, wenn die Römer siegten, entflammte sie mehr zur Wuth, als zur Kühnheit. Sicyon gegenüber liegt das Vorgebirge der sogenannten Juno Acräa, das weit ins Meer hervortritt. Die Überfahrt von hier nach Corinth beträgt beinahe siebentausend Schritte. Dahin zog sich durch Böotien ein andrer königlicher Befehlshaber, Philocles, mit tausend fünfhundert Mann; und diese Truppen fanden schon 107 Jachten von Corinth zu ihrer Einnahme und Überfahrt nach Lechäum bereit. Da rieth Attalus, sogleich alle Werke anzuzünden und die Belagerung aufzugeben. Quinctius war mehr für die Beharrlichkeit in dem, was man einmal unternommen habe. Als er aber sah, daß an alle Thore königliche Posten vertheilt waren, und daß er ihnen die Ausfälle schwerlich werde wehren können, da stimmte auch er der Meinung des Attalus bei. Sie gaben das Unternehmen auf, entließen die Achäer und schifften sich wieder ein. Attalus segelte nach dem Piräeus, die Römer nach Corcyra.

24. Während seine Seetruppen hiermit beschäftigt waren, suchte der Consul, der sich in Phocis vor Elatea gelagert hatte, anfangs in Unterredungen seinen Zweck durch die vornehmeren Elateer zu erreichen. Als er aber zur Antwort erhielt, sie hätten in keinem Stücke freie Hand und die königliche Besatzung sei zahlreicher und besser im Stande, als die Bürger, so griff er die Stadt auf allen Seiten zugleich durch Werke und Gefechte an. Als ihm jetzt der angebrachte Mauerbrecher, so weit er eine Strecke der Mauer von einem Thurme zum andern niedergeworfen hatte, unter schrecklichem Krachen und Getöse die Festung aufschloß, drang nicht allein die Römische Cohorte auf diesem ihr so eben durch den Sturz geöffneten Wege herein, sondern zu gleicher Zeit eilte aus allen Theilen der Stadt Jeder mit Hinterlassung seines Postens der Stelle zu, welche dem Einbruche des Feindes ausgesetzt war. Allein in eben dem Augenblicke, da die Römer über die Trümmer der Mauer hereinschritten, schlugen sie auch allenthalben ihre Leitern an die noch stehende Mauer, und während der Kampf die Blicke und Gedanken der Feinde nur auf jene Seite zog, erstiegen sie die Mauer an mehreren Stellen und drangen mit dem Schwerte in die Stadt. Durch das lautwerdende Getümmel geschreckt flohen die Feinde mit Hinterlassung der Stelle, die sie in gedrängter Schar behauptet hatten, voll Furcht auf die Burg, wohin der Schwarm der Wehrlosen ihnen folgte. So gewann der Consul die Stadt. Nach der Plünderung ließ er in die 108 Burg hineinsagen, er wolle den königlichen Truppen, wenn sie ohne Waffen abzögen, das Leben, und den Elateern die Freiheit schenken, und als er auf diese Bedingungen mit ihnen abgeschlossen hatte, sah er sich in wenig Tagen auch im Besitze der Burg.

25. Durch des königlichen Obersten Philocles Ankunft in Achaja wurde aber nicht allein Corinth von der Belagerung frei, sondern auch die Stadt Argos von einigen der Vornehmeren, nach einem vorläufigen Versuche über die Gesinnung der Bürger, dem Philocles verrathen. Es war hier Gebrauch, am ersten Tage der Wahlversammlungen den Jupiter, Apollo und Hercules, gleichsam der guten Vorbedeutung wegen, als Prätoren auszurufen. Später war durch einAdditum legi erat]. – Daß beide Lesarten legi und lege ihren guten Sinn haben, und die eine so gut bestehen könne, wie die andre, hat Duker gezeigt. Da aber die Abschreiber, wenn eine von beiden ihre Geburt sein soll, eher geschrieben haben möchten additum legi, als additum lege, und dies letztere wirklich in vier Msc. steht, so ziehe ich lege vor. Gesetz bestimmt, den König Philipp jenen anzureihen. Da nun nach dem mit den Römern geschlossenen Bündnisse der Herold diesen Namen nicht nachfolgen ließ, so entstand anfangs ein Murren unter der Menge, und dann ein lautes Geschrei von denen, welche den Namen Philipp hinzufügten, und die Beibehaltung der gesetzmäßigen Ehre für ihn verlangten, bis endlich mit großem Beifalle auch sein Name abgerufen ward. Philocles, den sie im Vertrauen auf diese Volksstimmung eingeladen hatten, besetzte in der Nacht eine an der Stadt ragende Höhe, – diese Burg hat den Namen Larissa – als er aber mit Zurücklassung einer Truppenzahl bei Tagesanbruch zum Angriffe auf den unter der Burg liegenden Markt hinabzog, rückte ihm eine schlagfertige Linie entgegen. Dies war die erst neulich von den Achäern hier eingelegte Besatzung, etwa fünfhundert Mann aus allen ihren Städten Auserlesener. Änesidemus von Dymä war ihr Anführer. Der RednerAdhortator]. – Gronov, Crevier, Drakenborch, lesen Ad hos orator. Und ich folge ihnen., welcher von dem königlichen 109 Obersten an sie geschickt wurde und sie die Stadt räumen hieß; – denn sie würden ja nicht einmal den Bürgern allein gewachsen sein, die mit den Macedoniern einverstanden wären, geschweige denn, wenn sich die Macedonier an diese anschlössen – machte anfangs weder auf den Anführer, noch auf sie selbst einigen Eindruck: ja selbst, als sie gleich darauf auch die Argiver bewaffnet von der andern Seite in einem langen Zuge herankommen sahen, schienen sie jeder Gefahr, wenn ihr Anführer darauf bestanden hätte, Trotz bieten zu wollen. Änesidemus, der nicht mit der Stadt zugleich den Kern der Achäischen Mannschaft aufopfern wollte, machte mit dem Philocles aus, daß sie abziehen könnten, wich aber für seine Person mit einigen seiner Schützlinge nicht von der Stelle, die er in voller Rüstung behauptete. Philocles ließ bei ihm anfragen: Was er weiter wollenihil fatus, tantummodo]. – Zehn Handschriften haben das Wort fatus nicht. Einige haben tantummodo in statu modo verderbt. Drakenborchs Vorschlag, nihil statu motus, ist an sich schön, scheint mir aber in der Verbindung: nihil statu motus, quum staret, anstößig. Da er selbst sagt: solus tantum Lov. 5. vulgatum servat, quemadmodum solet, editis adsentiens, so lasse ich das Wort fatus fallen, und interpungire so: Missus a Philocle, qui quæreret, quid sibi vellet. «Nihil! tantummodo (quum projecto præ se clipeo staret) in præsidio creditæ urbis moriturum se armatum, respondit.» Dann gehören Nihil! tantummodo zu den Worten des Änesidemus. . Er antwortete: «Weiter nichts, als in der Vertheidigung der ihm anvertrauten Stadt» – – er blieb hinter seinem vorgehaltenen Schilde in Stellung – – «mit den Waffen in der Hand sterben.» Da ließ der Oberste seine Thracier sie zusammenschießen, und sie fielen Alle. So waren seit dem zwischen den Achäern und Römern abgeschlossenen Bündnisse zwei der angesehensten Städte, Argi und Corinth, in des Königs Gewalt. Dies ist Alles, was die Römer in diesem Sommer in Griechenland zu Lande und zu Wasser ausrichteten.

26. In Gallien verrichtete der Consul Sextus Älius eben nichts Denkwürdiges. Ob er gleich zwei Heere in der Provinz hatte, das eine, das er behielt, ob er es gleich hätte entlassen sollen, welchem der Proconsul Lucius Cornelius vorgestanden hatte; (er aber setzte den Prätor 110 Cajus Helvius darüber) und das andre, mit dem er selbst in die Provinz zog, so brachte er doch beinahe das ganze Jahr damit zu, daß er die Pflanzer von Cremona und Placentia anhielt, in die Pflanzstädte zurückzukehren, aus welchen die Unfälle des Krieges sie verscheucht hatten. Eben so unerwartet, als für dieses Jahr die Ruhe von Seiten Galliens war, kam in Roms Nähe ein Sklavenaufruhr beinahe zum Ausbruche. Zu Setia waren die Geisel von Carthago in Verwahrung. Als Kinder der Vornehmsten hatten sie eine große Schar von Sklaven bei sich. Diese wurde noch zahlreicher, insofern auch die Einwohner von Setia von der Beute des erst neulich geendigten Punischen Krieges mehrere Gefangene als Sklaven angekauft hatten. Als diese nach eingeleiteter Verschwörung aus ihrer Zahl einige abgeschickt hatten, um in dem Gebiete von Setia, dann in der Gegend von Norba und Circeji, die Sklaven aufzuwiegeln, so setzten sie, wie jetzt schon Alles in Bereitschaft war, fest, an den Spielen, die nächstens zu Setia vor sich gehen sollten, das seiner Augenweide sich hingebende Volk zu überfallen und, wenn sie Setia's durch Mord und Überrumpelung sich bemächtigt hätten, auch Norba und Circeji wegzunehmen. Von diesem scheußlichen Entwurfe gelangte eine Anzeige nach Rom an den Stadtprätor Lucius Cornelius Merula. Vor Tage kamen zwei Sklaven zu ihm und setzten ihm Alles, was schon geschehen war und was noch folgen sollte, der Reihe nach aus einander. Als der Prätor, der sie in seinem Hause in Gewahrsam gab, den Senat berufen und von der Anzeige seiner Aussager benachrichtigt hatte, so ging er, weil er selbst den Auftrag erhielt, zur Untersuchung und Dämpfung dieser Verschwörung sich aufzumachen, mit fünf Legaten ab und ließ alle in den Dörfern ihm Begegnenden den Soldateneid schwören, die Waffen nehmen und ihm folgen. In dieser eilfertigen Werbung bewaffnete er an zweitausend Mann, und kam, ohne daß jemand wußte, wohin er zöge, nach Setia. Als hier die Häupter der Verschwörung schleunigst eingezogen wurden, begaben sich die Sklaven aus der Stadt auf die Flucht. Es wurden also Leute in die Dörfer 111 umhergesandt, sie aufzusuchen. Vorzüglich kam ihnen hier die Dienstleistung der beiden aussagenden Sklaven und Eines Freigebornen zu statten. Die Väter befahlen, diesem hunderttausend schwereDie erste Summe beträgt 3124 Gulden Conv., die zweite 781 Gulden. Kupferasse zu geben, und den beiden Sklaven jedem fünfundzwanzig tausend Asse nebst der Freiheit. Ihr Kaufwerth wurde den Eigenthümern aus der Schatzkammer ersetzt. Nicht gar lange nachher wurde von Präneste berichtet, daß auch die dortigen Sklaven, noch im Zusammenhange mit jener Verschwörung, sich der Stadt bemächtigen wollten. Der Prätor Lucius Cornelius ging dahin ab und belegte ihrer etwa fünfhundert, die sich dessen schuldig gemacht hatten, mit der Todesstrafe. Zu Rom war man in Besorgniß, das Ganze möchte ein Werk der Punischen Geisel und Gefangenen sein. Deswegen wurden nicht allein in Rom in den Straßen Wachen gehalten, wobei die Obrigkeiten vom niederen Range die Runde zu machen hatten, und die Dreimänner der peinlichen Gerichtspflege zu strengerer Aufsicht über den Steinbruchskerker angewiesen; sondern der Prätor schickte auch in ganz Latium den schriftlichen Befehl umher, daß man die Geisel auf ihre Wohnung beschränken und ihnen nicht gestatten solle, öffentlich zu erscheinen, ferner daß die Gefangenen mit Fußeisen belegt würden, die nicht unter zehnDiese zehn Pfund Römischen Gewichts betragen acht Pfund Pariser. Crevier. Pfund wiegen dürften, und nirgendwo anders als in dem öffentlichen Kerker in Verwahrung sein sollten.

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