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Römische Geschichte

Livius: Römische Geschichte - Kapitel 107
Quellenangabe
typetractate
booktitleRömische Geschichte Bd. I
authorTitus Livius
translatorKonrad Heusinger
firstpub1821
year1821
publisherFriedrich Vieweg Verlag
addressBraunschweig
titleRömische Geschichte
created20060416
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37. Sobald der Consul die Ritter befehligt hatte, wo jeder zukommen könne, den Nothleidenden zu Hülfe zu eilen, so rückte er selbst mit den Legionen aus dem Lager und führte sie in Schlachtordnung auf den Feind. Von den über die Feldmarken zerstreuten Rittern geriethen 49 manche auf Abwege, weil das von so verschiedenen Orten sich erhebende Geschrei sie irre führte. Andre gelangten an den Feind; und das Gefecht begann auf mehreren Punkten zugleich. Der Posten des Königs bestand den hartnäckigsten Kampf, denn theils machte er schon an sich durch seine Menge Truppen zu Pferde und zu Fuß beinahe ein völliges Heer aus; theils aber rannten auch, weil er den Weg in der Mitte besetzt hielt, die meisten Römer gegen ihn an. Auch dadurch waren die Macedonier im Vortheile, daß ihr König als Ermunterer zugegen war, und daß die Cretensischen Hülfstruppen Manchen verwundeten, ehe er sich dessen versah, weil sie selbst geschlossen und schußfertig ihren Feind in der Zerstreuung und Auflösung bekämpften. Hätten sie sich im Verfolgen gemäßigt, so würden sie nicht allein in Hinsicht der Ehre vom heutigen Treffen, sondern selbst für die Entscheidung des Krieges gewonnen haben: so aber stießen sie, da sie aus Mordgier zu hitzig nachsetzten, auf die mit den Obersten vorausgegangenen Römischen Cohorten. Die fliehenden Ritter, sobald sie die Fahnen der Ihrigen erblickten, kehrten mit ihren Pferden um gegen den heranwogenden Feind: und in einem Augenblicke wandte sich das Schicksal der Schlacht, so daß die die Flucht nahmen, welche eben noch Verfolger waren. Viele kamen im Handgemenge um, viele auf der Flucht. Sie fanden den Tod nicht vom Schwerte allein, sondern viele wurden in die Sümpfe gesprengt und versanken mit ihren Pferden im tiefen Schlamme» Auch der König gerieth in Gefahr. Denn da sein verwundetes Pferd stürzte, und er vorne über zu Boden sank, so wäre er da liegend beinahe übermannt. Sein Retter war ein Reuter, welcher schleunig absprang und auf sein Pferd den betäubten König warf. Er selbst, der zu Fuß mit der fliehenden Reuterei nicht fortkommen konnte, wurde von den auf den Sturz des Königs herandringenden Feinden niedergestochen. Der König, der um die Moräste herum, wo es Weg gab und wo es keinen gab, flüchtig fortjagte, kam endlich, als schon fast Alle seine Rettung aufgegeben hatten, in seinem Lager an. In diesem Treffen fielen 50 zweihundert Macedonische Reuter, beinahe hundert wurden gefangen genommen: auch nahmen die Römer zugleich mit den erbeuteten Waffen achtzig kostbar geschmückte Pferde mit sich.

38. Es hat nicht an Vorwürfen gefehlt, der König habe sich an diesem Tage zu unbesonnen, der Consul zauderhaft benommen. Philipp habe sich ruhig verhalten müssen, da er wußte, daß die Feinde in wenig Tagen, wenn sie die ganze umliegende Gegend erschöpft hatten, in den äußersten Mangel gerathen mußten; und der Consul, der die feindliche Reuterei und die leichten Truppen schon geschlagen und den König beinahe gefangen genommen hatte, habe sogleich auf das feindliche Lager losgehen müssen; denn die Feinde würden in einer so großen Bestürzung nicht Stand gehalten und der Krieg durch die Entscheidung dieses Augenblicks sein Ende erreicht haben. Dies ist, wie gewönlich, leichter gesagt, als gethan. Freilich wenn sich der König mit allen seinen Truppen, auch seines Fußvolks, eingelassen hätte, so hätte man ihn vielleicht in der Verwirrung, wenn die ganze geschlagene und bestürzte Masse aus dem Treffen in ihre Verschanzungen und dann vor dem über die Werke hereinsteigenden feindlichen Sieger weiter geflohen wäre, sein Lager nehmen können. Da aber sein Fußvolk ungeschwächt im Lager geblieben, Posten an den Thoren und Bedeckungen aufgestellt waren, was würde da der Consul weiter gewonnen haben, als daß er zu jener Unbesonnenheit des Königs, womit dieser kurz zuvor der geschlagenen Reuterei nachgestürzt war, selbst ein Nachbild geliefert hätte? Denn sogar des Königs erste Maßregel, die im Felde zerstreuten Futterholer zu überfallen, würde keinen Tadel verdienen, wenn er sich im Glücke des Gefechts zu mäßigen gewußt hätte. Daß er sein Glück versuchte, darf uns auch darum so viel weniger Wunder nehmen, weil das Gerücht sagte, Pleuratus und die Dardaner wären mit einem starken Heere aus ihrem Lande aufgebrochen und schon in Macedonien eingedrungen. Wäre er auf allen Seiten von so vielen Truppen umringt, so wurde es 51 wahrscheinlich, daß die Römer den Krieg stillsitzend beendigen konnten.

Da nun Philipp, der nach zwei unglücklichen Gefechten seiner Reuterei, einen längeren Aufenthalt an demselben Standorte so viel weniger für sicher hielt, gern abziehen, und zwar vom Feinde unbemerkt abziehen wollte, so täuschte er die Feinde dadurch, daß er gegen Sonnenuntergang einen Herold an den Consul schickte, der um Waffenstillstand zur Beerdigung der gefallenen Ritter nachsuchen mußte, und zog um die zweite Nachtwache, mit Hinterlassung vieler Wachtfeuer im Lager, in aller Stille ab.

39. Der Consul speiste schon, als ihm die Ankunft des Heroldes und sein Gesuch gemeldet wurde. Da er ihm bloß sagen ließ, er werde morgen früh zu sprechen sein, so gewann Philipp, was er gewünscht hatte, die Nacht und einen Theil des folgenden Tages zum Vorsprunge. Er nahm den Weg in das Gebirge, weil er wußte, daß diesen die Römer mit ihrem schwerfälligen Zuge nicht einschlagen würden. Als der Consul, der am frühen Morgen den Herold nach Bewilligung des Waffenstillstandes entlassen hatte, bald nachher den Abzug des Feindes erfuhr, brachte er, ungewiß, auf welchem Wege er ihm folgen sollte, mehrere Tage in demselben Lager mit Einholungen des Getreides zu. Dann zog er nach Stubera, und ließ aus Pelagonien alles Getreide, so viel im Felde stand, zusammenfahren. Von hier rückte er nach Pluvina vor, ohne noch zu wissen, nach welcher Gegend der Feind sich gewandt habe. Philipp, der sein Standlager anfangs bei Bryanium gehabt hatte, rückte von dort auf Querwegen heran und verursachte dem Feinde einen plötzlichen Schrecken. Deshalb brachen die Römer von Pluvina auf und nahmen ihr Lager am Flusse Osphagus. Nicht weit davon lagerte sich der König ebenfalls hinter Werken, die er am Ufer eines Stromes zog: die Einwohner nennen ihn Erigonus. Von hier eilte er, auf die sichere Nachricht, daß die Römer nach Eordäa gehen würden, zur Besetzung des engen Weges voraus, um dem Feinde den in einen schmalen Paß sich verengenden Eingang unmöglich zu machen. Hier 52 befestigte er einige Stellen durch einen Wall, andre durch einen Graben, oder durch aufgeführte Steine, die eine Mauer abgeben sollten, oder auch durch ein Verhau, je nachdem es die Lage forderte oder sich der Stoff zur BearbeitungSuppeditabat operi, permuniit]. – Ich folge dieser von Walch vorgeschlagenen Verbesserung so viel lieber, weil 1) die wenigen Handschriften, in welchen opere fehlte, gerade nicht die besten sind; 2) weil es mir viel wahrscheinlicher ist, daß in diesen wegen des folgenden per das Wort operi ausfallen konnte, als daß in so vielen besseren aus dem per das ganze Wort operi geschaffen sein sollte. fand; und machte, seiner Meinung nach, den an sich schon schwierigen Weg durch die jedem Durchgange vorgeschobenen Werke unüberwindlich. Die Gegend umher war meistens Waldung, womit sich der Macedonische Phalanx gerade am wenigsten verträgt, der sich nicht sonderlich gebrauchen läßt, außer wo er seine überlangen Speere als eine Pfahlreihe vor seine Schilde gepflanzt hat; und dies zu können, muß er freies Feld haben. Auch den Thraciern waren ihre ebenfalls außerordentlich langen Schwerter unter den allenthalben vorragenden Baumästen hinderlich. Die einzige Cohorte der Cretenser war hier nicht unbrauchbar: allein so gut sie auch gegen den Angreifenden, wenn Roß und Reuter sich aussetzten, ihre Pfeile abschießen konnte, so hatte doch auch sie, wenn ihr Römische Langschilde gegenüber standen, weder Kraft genug, diese zu durchschießen, noch irgend eine Blöße, worauf sie hätte zielen können. Da sie also merkten, daß ihre Art des Geschosses unwirksam sei, so griffen sie den Feind mit den Steinen an, die allenthalben im ganzen Thale lagen. Dies freilich mehr tosende, als im mindesten verwundende Geklapper auf ihren Schilden ließ die Römer ein Weilchen stutzen. Dann aber verachteten sie auch dies und brachen entweder in geschlossenem Schilddache gerade durch die Feinde; oder erstiegen auf kurzem Umwege die Höhe des Hügels und jagten die Macedonier in voller Hast von ihren Schutzwehren und Posten hinunter, und weil die Flucht, wie gewöhnlich auf verwachsenem Boden, nicht leicht war, hieben sie die meisten nieder.

53 40. So war der Paß mit geringerem Kampfe gewonnen, als sie sich vorgestellt hatten, und sie kamen im Eordäischen an. Der Consul, der die ganze Gegend verwüsten ließ, zog sich wieder in das Elimäische; von hier fiel er in die Landschaft Orestis und machte sich an die auf einer Halbinsel gelegene Stadt Celetrum. Ihre Mauern umgiebt ein See: zu Lande hat sie nur einen einzigen Zugang über eine schmale Erdenge. Die Bürger, im Vertrauen auf ihre Lage, schlossen anfangs die Thore und verweigerten die Unterwerfung. Als sie aber die Fahnen sich nähern, ein Sturmdach an ihr Thor rücken und die Erdenge vom Zuge der Feinde bedeckt sahen, ergaben sie sich aus Furcht, ohne einen Kampf zu versuchen. Von Celetrum rückte er in Dassaretien ein und nahm die Stadt Pelium mit Sturm. Er führte hier die Sklaven nebst der übrigen Beute ab, entließ die Freigebornen ohne Lösegeld, und gab ihnen die Stadt wieder, in die er aber eine starke Besatzung legte, weil ihre Lage auch zum Einfalle in Macedonien Vortheile gewährte. Nach diesen Streifzügen durch das feindliche Gebiet führte er seine Truppen wieder auf Freundes Land nach Apollonien, von wo aus er den Feldzug eröffnet hatte. Dem Philipp hatten die Ätoler, die Athamanen, die Dardaner und so viele hier und dort unerwartet ausbrechenden Kriege eine andre Richtung gegeben. Gegen die Dardaner, die sich aus Macedonien schon wieder zurückzogen, schickte er den Athenagoras mit schlagfertigem Fußvolke und dem größeren Theile seiner Reuterei, mit dem Befehle, den Abziehenden im Rücken nachzusetzen und ihnen durch Einhauen in ihren Nachtrab die Lust zu künftigen Heereszügen aus ihrer Heimat zu benehmen. Die Ätoler hatte der Prätor Damocritus, derselbe, der zu Naupactus mit der Kriegserklärung zu zögern rieth, auf der letzten Versammlung zur Ergreifung der Waffen gestimmt: denn der Ruf hatte ihm das Treffen der Reuterei bei Octolophus gemeldet; die Dardaner und Pleuratus mit den Illyriern waren in Macedonien eingefallen; noch mehr, eine Römische Flotte war zu Oreum angekommen, und außer der Umzingelung von 54 so vielen Völkern stand Macedonien auch eine Einschließung zur See bevor.

41. Diese Gründe brachten den Damocritus und die Ätoler wieder auf Römische Seite, und in Vereinigung mit Amynander, dem Könige der Athamanen, zogen sie hin und belagerten Cercinium. Die Bürger hatten die Thore geschlossen, man weiß nicht, ob gezwungen, oder aus eignem Willen; denn sie hatten eine königliche Besatzung. Doch wurde Cercinium in wenig Tagen erobert und verbrannt: Alle, die diesem großen Unglücke entrannen, Freigeborne und Sklaven, wurden mit der übrigen Beute abgeführt. Die Furcht vor gleicher Behandlung nöthigte die sämtlichen Anwohner des Sees Böbe, mit Hinterlassung ihrer Städte, auf das Gebirge zu fliehen. Und die Ätoler, die der Mangel an Beute hier wegtrieb, zogen weiter, in das Perrhäbische. Hier eroberten sie Cyretiä mit Sturm und plünderten es schrecklich. Die Einwohner von Mallöa, die sich gutwillig ergaben, wurden als Verbündete angenommen. Aus Perrhäbien rieth Amynander vor Gomphi zu ziehen: denn Athamanien hat diese Stadt in seiner Nähe und ihre Eroberung schien nicht viel Kampf zu kosten. Allein die Ätoler wandten sich gegen die an Beute reichen Gefilde Thessaliens, wohin ihnen Amynander folgte, ob er gleich ihre ausgelassenen Plünderungen eben so wenig billigte, als daß sie auf gut Glück, an der ersten der besten Stelle, ohne alle Auswahl, ohne alle Sorge für Befestigung, ihr Lager aufschlugen. Damit also nicht ihre Unbesonnenheit und Sorglosigkeit auch ihm und den Seinigen einen Nachtheil zuziehen möchte, wählte er, als er sie in einer flachen Gegend ihr Lager unter der Stadt Phecadus nehmen sah, für die Seinigen etwas über fünfhundert Schritte weiter einen Hügel, wenn dieser gleich nur geringen Schutz gewährte. Als nun die Ätoler, außer daß sie plünderten, kaum daran zu denken schienen, daß sie in Feindes Lande waren; die Einen zerstreuet und halbbewaffnet umherstreiften; die Andern im Lager ohne Posten unter Schlaf und Wein die Tage an die Nächte reiheten, rückte plötzlich Philipp heran. Auf die Nachricht 55 von seiner Erscheinung, welche einige aus den Dörfern Zurückflüchtende in voller Bestürzung meldeten, geriethen Damocritus und die übrigen Anführer in Verlegenheit; und es war gerade Mittagszeit, wo die Meisten mit vollem Magen im Schlafe lagen. Da weckte der Eine diesen, der Andre den, und hieß sie sich waffnen; wieder Andre wurden umhergeschickt, die in den Dörfern zerstreuten Plünderer zurückzurufen; und es ging Alles so übereilt zu, daß Einige von der Reuterei sogar ohne Schwert ausrückten, und die Meisten keinen Panzer angelegt hatten. So zum Lager herausgerissen trafen sie, an Reuterei und Fußvolk zusammen kaum sechshundert stark, auf die an Zahl, Muth und Bewaffnung überlegene Reuterei des Königs. So eilten sie denn auch, im ersten Angriffe geschlagen, fast ohne ein Gefecht zu versuchen, in schimpflicher Flucht, in ihr Lager zurück. Doch schnitt die Reuterei Manchen vom Strome der Fliehenden ab, und hieb sie nieder, oder nahm sie gefangen.

42. Philipp ließ den Seinigen, die sich schon dem Walle näherten, das Zeichen zum Rückzuge geben: denn was er an Roß und Mann bei sich hatte, war erschöpft, nicht sowohl vom Treffen, als zugleich von der Länge und übereiligen Schnelligkeit des Marsches. Also ließ er die Reuterei nur geschwaderweise, auch die Leichtbewaffneten in wechselnden Haufen Wasser holen und essen; und Andre in den Waffen die Posten besetzen, während er das in der schweren Rüstung langsamer ziehende Fußvolk erwartete. So wie diese Truppen ankamen, erhielten sie gleichfalls Befehl, nach aufgepflanzten Fahnen und vor sich hingelegten Waffen in aller Geschwindigkeit zu essen, und nur durch zwei, höchstens drei aus jedem Haufen Wasser holen zu lassen: indessen standen die Reuterei und die Leichtbewaffneten auf jede Bewegung des Feindes bereit und schlagfertig. Die Ätoler – denn nun hatte sich auch die in den Dörfern zerstreut gewesene Menge im Lager wieder eingefunden – stellten Bewaffnete an die Thore und auf den Wall, völlig mit der Miene, so lange sie nämlich auf unangefochtener Stäte keck dem still liegenden 56 Feinde zusahen, als wollten sie ihre Werke vertheidigen. Als sich aber die Fahnen der Macedonier in Bewegung setzten, und sie in voller Rüstung und schlagfertig gegen den Wall herangeschritten kamen, da flohen auf einmal Alle mit Hinterlassung ihrer Posten aus dem hinteren Lagerthore dem Hügel zu, in das Lager der Athamanen. Auch auf dieser so eiligen Flucht wurden viele Ätoler gefangen oder getödtet.

Philipp, der sich die sichere Hoffnung gemacht hatte, wenn es länger Tag geblieben wäre, auch die Athamanen aus ihrem Lager zu vertreiben, ließ sich zwar, weil der Tag über das Treffen und dann über die Plünderung des Lagers verstrichen war, auf der nächsten Ebene unter der Anhöhe nieder, doch mit dem Vorsatze, in der ersten Frühe des folgenden Tages den Feind anzugreifen. Allein eben so fassungslos, als sie ihr Lager verlassen hatten, liefen auch hier die Ätoler in der nächsten Nacht als zerstreute Flüchtlinge davon. Vorzüglich kam ihnen hier Amynander zu statten, unter dessen Anführung die der Wege kundigen Athamanen sie über die höchsten Gebirge auf Pfaden, welche den sie verfolgenden Feinden unbekannt waren, nach Ätolien brachten. Von den zerstreuten Flüchtlingen geriethen manche, wiewohl nicht sehr viele, in der Verirrung unter die Macedonische Reuterei, welche Philipp mit Tagesanbruch, als er die Anhöhe verlassen fand, dem fliehenden Feinde nachhauen ließ.

43. In diesen Tagen erreichte auch der königliche Oberste Athenagoras die Dardaner auf dem Rückzuge in ihre Gränzen, und brachte anfangs ihren Nachtrab in Unordnung. Als sich darauf die gegen ihn umkehrenden Dardaner in Linie stellten, kam es zur förmlichen Schlacht, in welcher sich beide gleich waren. Traten die Dardaner ihren Zug wieder an, so wurden die königlichen Truppen durch ihre Reuterei und Leichtbewaffneten den Dardanern, die ohne alle ähnliche Unterstützung und mit schwerfälligen Waffen belastet waren, äußerst beschwerlich; und die Gegend selbst kam ihnen dabei zu statten. Getödtet wurden nur wenige, verwundet mehrere, gefangen nicht 57 Einer; weil sie nicht ohne Noth aus dem Gliede treten, sondern, es sei im Gefechte oder auf dem Rückzuge, immer im Schlusse bleiben.

So hatte Philipp die Unfälle, die er im Kriege gegen die Römer erlitt, dadurch wieder eingebracht, daß er durch diese zu rechter Zeit gemachten Züge zwei Völkerschaften in ihre Schranken zurückwies; mannhaft in seiner Unternehmung, nicht bloß im Erfolge der Glückliche. Ein zufälliges Ereigniß verminderte nachher auch die Zahl seiner Feinde, der Ätoler. Scopas, der erste Mann in diesem Volke, war vom Könige Ptolemäus mit vielem Golde aus Alexandrien abgeschickt, und führte sechstausend in Sold genonmene, Fußvolk und Reuter, nach Ägypten. Er würde keinen dienstfähigen Ätoler zurückgelassen haben, hätte nicht Damocritus, der sie an den bevorstehenden Feldzug und an die zu erwartende Entvölkerung erinnerte – man weiß nicht, ob aus Besorgniß für den Stat, oder um dem Scopas entgegen zu sein, weil er nicht genug mit Geschenken bedacht war – durch seine Zurechtweisungen einen Theil der Mannschaft im Lande zurückgehalten.

Dies ist, was die Römer und Philipp in diesem Sommer thaten.

44. Die Flotte, die von Corcyra im Anfange dieses Sommers unter dem Legaten Lucius Apustius auslief, ging um Malea herum und vereinigte sich auf der Höhe von Scylläum, das zum Gebiete von Hermione gehört, mit dem Könige Attalus. Und nun schüttete die Bürgerschaft von Athen den Haß gegen Philipp, den sie aus Furcht so lange gezügelt hatte, im Vertrauen auf die sich zeigende Hülfe in vollem Maße aus. Dort nämlich finden sich immer zur Erregung des großen Haufens fertige Sprecher; eine Classe von Leuten, die sich zwar in allen Freistaten, hauptsächlich aber in Athen, wo der Vortrag Alles gilt, von der begünstigenden Menge gehegt sieht. Sogleich thaten sie den Vorschlag, den der Bürgerstand zum Gesetze machte: «Daß Philipps Standbilder, seine sämtlichen Abbildungen mit ihren Unterschriften, imgleichen die von allen seinen Vorfahren männlichen und weiblichen 58 Geschlechts, weggenommen und verlöschet; die Festtage, Opfer und Priester, welche ihm oder seinen Vorfahren zu Ehren angeordnet wären, sämtlich entheiligt sein sollten. Auch die Plätze, wo irgend etwas zu seiner Ehre aufgestellt oder eingehauen gewesen sei, sollten verflucht sein, und mit des Volkes Willen künftig von dem Allen nicht das Mindeste hier aufgestellt und geheiligt werden können, was die Religion auf unentweihter Stäte aufzustellen oder zu heiligen befehle. So oft die Statspriester für Athens Gesamtvolk, für seine Bundesgenossen, seine Heere und Flotten Gebete darbrächten, sollten sie jedesmal Philippen, seine Kinder, sein Reich, seine Land- und Seemacht und Alles, was Macedonischen Stammes und Namens sei, verwünschen und verfluchen.» Im Anfange zu diesem Volksschlusse hieß es: «Sollte auch künftig jemand irgend etwas in Vorschlag bringen, was zu Philipps Schimpf und Schande dienen könnte, so sollte Athens Gesamtvolk dies Alles genehmigen: redete aber oder unternähme jemand etwas, um die Beschimpfung desselben zu hindern oder zur Rettung seiner Ehre, dann sollte der, der einen solchen umbrächte, ihn von Rechtswegen erschlagen haben.» Zuletzt brachten sie auch das noch hinein: «Daß alle ehemaligen Verordnungen gegen die Pisistratiden auch gegen Philipp gültig sein sollten.» Die Athener also führten ihren Krieg gegen Philipp mit Schriften und Worten, dem Einzigen, worin sie stark sind.

45. Attalus hingegen und die Römer, die von Hermione zuerst in den Piräeus steuerten, hier nur wenig Tage sich aufhielten, und von den Athenern mit Verordnungen belastet wurden, die in Ehrenbezeigungen gegen ihre Bundesgenossen eben so wenig gemäßigt waren, als jene in der Erbitterung gegen ihren Feind, schifften aus dem Piräeus nach Andrus. Nachdem sie sich in einen Hafen – er hieß Gaureleos – gelegt hatten, ließen sie durch Abgesandte einen Versuch auf die Stimmung der Bürger machen, ob sie die Stadt lieber gutwillig übergeben oder auf Sturm es ankommen lassen wollten: und als diese zur Antwort gaben, ihre Burg sei in den Händen einer 59 königlichen Besatzung und sie hingen nicht von sich selbst ab, so landeten der König und der Römische Legat auf entgegengesetzten Punkten ihre Truppen und das sämtliche Belagerungsgeräth, und rückten vor die Stadt. Aber weit wirksamer zum Schrecken für diese Griechen waren die Römischen Adler und Waffen, die sie nie zuvor gesehen hatten, und der Muth der Soldaten, die so flink zu den Mauern hinanstiegen. Also nahmen sie gleich die Flucht auf die Burg, und die Feinde waren Herren der Stadt. Da sie sich auch in der Burg mehr im Vertrauen auf den Platz als auf ihre Waffen zwei Tage gehalten hatten, ergaben sie sich nebst der Besatzung auf die Zusage, daß sie Alle, jeder mit Einem Rocke, nach Delium in Böotien übergesetzt werden sollten. Die Besitzungen räumten die Römer dem Könige Attalus ein: die Beute und die Zieraten der Stadt nahmen sie mit sich. Attalus, um nicht eine verödete Insel zu besitzen, beredete die Macedonier fast alle, auch einige Andrier, daß sie blieben. Nachher ließen sich auch die vermöge des Vertrags nach Delium Übergesetzten, durch die Versprechungen des Königs, denen sie aus Sehnsucht nach dem Vaterlande so viel williger glaubten, von dort zurückrufen.

Von Andrus gingen die Verbündeten nach Cythnus über. Hier brachten sie mehrere Tage mit Bestürmung der Stadt vergeblich zu, und weil sie kaum der Mühe werth war, zogen sie ab. Bei Prasiä – es liegt auf dem festen Lande in Attica – stießen zu der Römischen Flotte zwanzig Bothe von Issa. Diese wurden zur Verheerung des Gebietes von Carystus abgeschickt. Die übrige Flotte hielt zu Gerästus an, einem bekannten Hafen von Euböa, bis die Issäer von Carystus zurückkamen. Von hier segelten sie Alle auf die Höhe und kamen auf offenem Meere bei der Insel Scyrus vorbei nach Icus. Da sie der stürmende Nord einige Tage hier aufgehalten hatte, setzten sie, sobald sie wieder ruhiges Meer hatten, nach Sciathus über, wo Philipp neulich die Stadt verwüstet und geplündert hatte. Die Soldaten, die die Gefilde durchstreiften, brachten Getreide und was ihnen sonst als Mundvorrath 60 brauchbar sein konnte, auf die Schiffe. Beute fand sich nicht; auch hatten diese Griechen keine Plünderung verdient. Auf ihrer Fahrt von hier nach Cassandrea hielten sie zuerst bei Mendis an, einem zu dieser Stadt gehörigen Küstenflecken. Als sie von hier nach Umsegelung des Vorgebirges die Flotte gegen die Mauern der Stadt selbst umbeugen lassen wollten, machte sich ein schrecklicher Sturm auf, begrub sie beinahe in den Wellen, und zerstreuet retteten sie sich mit großem Verluste an ihrem Takelwerke an das Land. Auch war dieser Sturm zur See ein Vorbote ihres Schicksals bei ihrer Unternehmung zu Lande. Denn als sie die Schiffe wieder gesammelt und die Truppen gelandet hatten, wurden sie bei dem Angriffe auf die Stadt – sie hatte eine starke königliche Besatzung – mit vielen Wunden zurückgeschlagen, zogen unverrichteter Sache ab und setzten nach Canasträum in Pallene über. Von da ging ihre Fahrt um das Vorgebirge von Torona nach Acanthus. Hier verwüsteten sie zuerst die Gegend, dann eroberten sie die Stadt mit Sturm und plünderten sie. Ohne weiter vorzudringen – denn auch ihre Schiffe, mit Beute beladen, gingen schwer – fuhren sie wieder, woher sie gekommen waren, nach Sciathus, und von Sciathus nach Euböa.

46. Hier ließen sie die Flotte stehen und liefen mit zehn erleichterten Schiffen, um mit den Ätolern den Plan der Kriegsführung zu verabreden, in den Malischen Meerbusen. Der Ätoler Sipyrrhicas war das Haupt der Gesandschaft, welche sich zu Heraclea einfand, um mit dem Könige und dem Römischen Legaten gemeinschaftliche Maßregeln zu nehmen. Sie verlangten vom Attalus vermöge des Vertrags mit ihm, die tausend Mann zu stellen: denn zu so viel hatte er sich, wenn sie Krieg mit Philipp führten, anheischig gemacht. Dies wurde den Ätolern verweigert, weil sie ebenfalls vorhin sich gesperrt hätten, zur Plünderung Macedoniens auszurücken, gerade in dem Zeitpunkte, wo sie Philippen, der in der Nähe von Pergamus Heiliges und Unheiliges niederbrannte, durch die auf sein eigenes Reich zu nehmende Rücksicht von dort hätten 61 abziehen können. So wurden die Ätoler mehr mit Hoffnung, da die Römer Alles versprachen, als mit wirklicher Hülfe entlassen.

Apustius ging mit dem Attalus zur Flotte zurück. Dann berathschlagten sie sich über den Angriff auf Oreum. Die Stadt hatte sehr feste Mauern und wegen des früher auf sie gemachten Versuchs eine starke Besatzung. Nach der Eroberung von Andrus waren zwanzig Rhodische Schiffe, alle mit Verdecken, unter der Anführung des Agesimbrotus, zu ihnen gestoßen. Diese Flotte ließen sie eine Stellung bei Zelasium nehmen, – und gerade hierzu kam ihnen die Lage dieses Vorgebirges, oberhalb Demetrias, Histiäa gegenüber, sehr zu statten –Zelasium miserunt) Isthmiæ id]. – Hier vereinigen sich für uns aus Mangel genauerer Angaben in der alten Geographie und durch die Unzuverlässigkeit der Abschreiber mehrere Schwierigkeiten, die ich zu heben mich nicht getraue. 1) Zelasium findet sich nirgends. Darum könnte es dennoch ächt sein; wenigstens darf Gronov nicht Phalasiam dafür aufnehmen wollen. Denn da Oreus auf der schmalen nordwestlichen Küste von Euböa liegt, das Vorgebirge Phalasia aber viel weiter südöstlich, der Insel Scyros gegenüber, so kann Phalasia, so wenig in Rücksicht der Stadt Oreus, als der Stadt Demetrias, opportune obiecta heißen. 2)  Gronov will Isthmiæ in Istiææ verwandeln. Dann sind wir ungewiß, ob Istiæa die Stadt Oreus selbst sein soll, die jenen Namen ebenfalls führte, oder die Landschaft Istiæotis, wofür es Drakenborch nimmt, der Istiæotidis super Demetriadem lesen will. 3) Soll man Istiææ für den Dativ nehmen? id promontorium est opportune Istiææ obiectum? so müssen wir ein Vorgebirge in Thessalien suchen, um so mehr, da Heraclides die Stadt Demetrias im Rücken behalten wollte: oder für den Genitiv? Istiææ id oder Istiæotidis promontorium est, opportune (Oreo) obiectum? so begreift man wieder nicht, wie die Römer und Attalus mit ihrer überlegenen Flotte den Heraclides, wenn er mit ihnen an der Küste von Istiæotis stand, nicht aus ihrer Nähe vertrieben, noch auch, wie Heraclides mit den Römern an derselben Istiäischen Küste so stehen kann, daß er in Einer Linie, die Römer und Oreum gegen sich über und doch Demetrias hinter sich haben kann. 4) Super Demetriadem soll nach Gronov so viel heißen, als e regione Demetriadis in alto mari. Allein das von ihm vorgeschlagene Phalasia liegt nicht Demetrias gegenüber, und wenn es ein promontorium ist, so liegt es ja auch nicht in alto mari, auf der Meereshöhe, sondern ist ein Theil der Küste. Ich erinnere mich, in mehrern alten Handschriften oben an der Spitze des großen A einen Schnirkel bemerkt zu haben, der ihm diese Gestalt A giebt. In dem Worte Æātium (Aeantium) glaubte der Abschreiber ein Monogramm von ZEL zu sehen, und las Zelasium, ein andrer Celaxium, wo ich das in ein X leicht übergehende T nicht zu übersehen bitte. Das Vorgebirge Aeantium liegt auf einem Isthmus der Landschaft Magnesia und schließt nebst dem gegenüber bei Pagasæ gelegenen Vorgebirge Pyrrha den Pagasäischen Meerbusen, in dessen innerster Bucht Demetrias in der Mitte liegt, so daß die Fahrt von Demetrias über Aeantium nach Oreus eine gerade Linie macht. Wäre Aeantium die richtige Lesart, so käme ich in Versuchung so zu lesen: Aeantium miserunt, (Isthmi id super Demetriadem promon torium Oreo est peropportune obiectum) ut, si cet. Die Übersetzung: . . . . . . «ließen sie eine Stellung bei Äantium (oder Äanteum) nehmen, – und gerade hierzu kam ihnen die Lage dieses Vorgebirges auf der Landzunge oberhalb Demetrias, Oreum gegenüber, sehr zu statten – um einen Vorposten zu haben u. s. w.» um einen 62 Vorposten zu haben, falls sich die Macedonische Seemacht von dort aus in Bewegung setzte. Hier stand Heraclides, der königliche Befehlshaber, mit der Flotte, mehr, um bei Gelegenheit, die ihm vielleicht von einer Nachlässigkeit des Feindes geboten würde, als durch offenen Angriff etwas zu unternehmen.

Oreum bestürmten die Römer und König Attalus auf zwei verschiedenen Punkten: die Römer von der Seite der Seeburg; die königlichen Truppen in der Gegend des Thals, das zwischen den zwei Burgen liegt, von dem auch die Stadt durch eine Mauer geschieden ist. Und so wie ihre Stellungen verschieden waren, so war auch ihr Sturm von ungleicher Art: denn die Römer drangen gegen die Mauern mit Sturmdächern, Annäherungshütten und Mauerbrechern ein; die königlichen Truppen hingegen schossen Pfeile mit großem und kleinem Wurfgeschütze und allen Arten von Schleuderwerken, warfen Felsstücke von ungeheurem Gewichte, nahmen Erdgänge zu Hülfe, und Alles, was sie in der vorigen Belagerung vortheilhaft gefunden hatten. Indeß vertheidigten die Macedonier die Stadt und die beiden Burgen jetzt mit einer stärkern Mannschaft, und mit mehr Entschlossenheit, weil ihnen auch der König durch die öftere Rüge ihrer früheren Schuld seine Drohungen für die Zukunft, so wie seine Versprechungen, unvergeßlich gemacht hatte; so daß die Hoffnung, die Stadt bald zu erobern, schwach genug war. Der Legat, der unterdessen auch etwas Anderes leisten zu können glaubte, ließ so viele Truppen, als ihm zur Vollendung der Werke hinreichend schienen, zurück, setzte auf das nahe feste Land über und eroberte durch seine plötzliche Erscheinung Larissa – nicht jene berühmte Stadt Thessaliens, sondern die andre mit Zunamen Cremaste63 bis auf die Burg. Auch Attalus überraschte Ägeleos, dessen Bewohner sich so etwas, während er eine andre Stadt belagerte, am wenigsten versahen. Jetzt waren nun schon die Werke um Oreum in voller Wirksamkeit, und die Besatzung in der Stadt durch die anhaltenden Beschwerden, durch beständiges Wachen bei Tage und bei Nacht, und durch Wunden erschöpft. Auch die Strecke der Mauerquodque super portum est]. Daß diese Worte nicht hinter Romani stehen können, ist einleuchtend; sie müßten auf apertum ruina iter folgen. Aber auch da geben sie keinen Sinn, weil, wie Hr. Walch (Emendd. Liv. p. 128.) sehr richtig erinnert, kein anderer Weg hier angegeben ist, von welchem der, quod super portum est, der Gegensatz sein könnte. Hr.  Walch schlägt ebenfalls eine Versetzung vor. Meine Ansicht ist diese. Livius hatte oben gesagt, die Römer bestürmten Oreus von der Seeseite, testudinibus, vineis, ariete admovendo; Attalus vom Thale her, catapultis, ballistis, cuniculo u. s. w. So spricht er auch an unsrer Stelle zuerst vom Erfolge der Römer (durch ihren aries) und dann vom Attalus. Quodque supra portum est bezeichnet also eben die Stelle der Mauer, die ariete incusso subruta heißt, nämlich die Hafenseite, wo die Römer angriffen. Ich lese so: Muri quoque, quæ super portum est, pars, ariete incusso subruta, multis iam locis prociderat, perque apertum ruina iter nocte Romani in arcem perruperunt. Auch glaube ich, der Veranlassung zu dieser Versetzung und der falschen Lesart quodque auf die Spur gekommen zu sein. Wenn nämlich der Abschreiber in den Worten muri quoqueque super portum est pars das zweite que für einen Schreibfehler hielt, so gaben ihm nun die Worte muri quoque super portum est pars keinen richtigen Zusammenhang. Er schob also die Worte super portum est in der Gegend von iter ein und verband sie mit diesem durch quod. Über dies quod schrieb ein späterer, was er in seinem Originale fand, das que, als Variante über. Ein dritter verband beide Lesarten zu Einer durch quodque. Eben so machte, damit meine Leser nicht glauben, daß ich scherze, wie Drakenborch anführt, ein Abschreiber aus Roman os, über dessen letzter Silbe um (die Variante Roman um) geschrieben stand, durch Vereinigung beider Roman osum; ein Andrer aus descensuris, über dessen erster Silbe er a (Variante ascensuris) gezeichnet fand, deascensuris; ein Dritter aus dem über coniuncta gesetzten in (von iniuncta) die Lesart inconiuncta. Man sehe in Drakenb. Register Lectiones duæ simul in contextum receptæ ac iunctæ. über dem Hafen, von den Stößen des Mauerbrechers untergraben, war schon an vielen Stellen hingesunken und auf dem durch ihren Einsturz geöffneten Wege brachen die Römer in die Burg ein. Attalus drang mit frühem Morgen auf das ihm aus der Burg von den Römern gegebene Zeichen eben so in die Stadt, deren Mauer er großentheils schon niedergeworfen hatte. Die Besatzung und die Bürger flohen auf die andre Burg, wo zwei Tage 64 später die Übergabe erfolgte. Die Stadt fiel dem Könige, die Gefangenen den Römern anheim.

47. Schon nahete die Herbstgleiche; und dem Euböischen Meerbusen, der sogenannten Höhlung, trauen die Seeleute nicht. Da sie also vor den Winterstürmen hier hinauszukommen wünschten, so suchten sie den Piräeus wieder auf, von wo sie zur Eröffnung des Krieges abgefahren waren. Hier ließ Apustius dreißig Schiffe zurück, und schiffte um Malea herum nach Corcyra. Der König aber, um den Feierlichkeiten am Weihfeste der Ceres beizuwohnen, blieb während desselben in Athen. Nach dem Weihfeste ging er ebenfalls ab, zurück nach Asien, nachdem er den Agesimbrotus und die Rhodier zur Heimfahrt entlassen hatte. Dies war es, was in diesem Sommer zu Wasser und zu Lande gegen Philipp und dessen Bundesgenossen der Römische Consul und der Römische Legat mit Hülfe des Königs Attalus und der Rhodier verrichteten.

Der andre Consul Cajus Aurelius, der nach Beendigung des Krieges in der Provinz eintraf, ließ sehr deutlich seinen Unwillen darüber merken, daß in seiner Abwesenheit der Prätor eine Schlacht geliefert habe. Er schickte ihn also nach Hetrurien, rückte selbst mit den Legionen in der Feinde Land und führte den Krieg durch Plünderungen, die ihm mehr Beute, als Ruhm erwarben. Lucius Furius, der in Hetrurien nichts fand, was ihn hatte beschäftigen können, und zugleich seinen Gallischen Triumph beabsichtigte, den er in Abwesenheit des zürnenden und ihn beneidenden Consuls leichter erhalten zu können meinte, erschien unerwartet vor Rom, hielt im Tempel der Bellona eine Senatssitzung, und bat, nach erstattetem Berichte über seine Thaten, um die Erlaubniß, triumphirend in die Stadt einziehen zu dürfen.

48. Bei einem nicht geringen Theile der Senatoren sprach die Größe seiner Thaten und die Freundschaft für ihn. Die Bejahrteren versagten ihm den Triumph, weil er seine Unternehmung mit dem Heere eines Andern bewerkstelligt, und aus Begierde, den Triumph in einem 65 günstigen Zeitpunkte zu erhaschen, die Provinz verlassen habe: um so zu handeln, sei ohne Beispiel. Vorzüglich sagten die Consularen: «Er habe den Consul erwarten sollen. Wenn er sich in der Nähe von Cremona gelagert hätte, so hätte er auf die Sicherstellung der Pflanzstadt sich beschränkend, ohne eine Schlacht zu liefern, bis zu dessen Ankunft die Sache hinhalten können. Was der Prätor nicht gethan habe, müßten jetzt die Senatoren thun: sie müßten den Consul erwarten. Wenn sie den Consul und den Prätor gegen einander abgehört hätten, würden sie die Frage richtiger beurtheilen können.» Ein großer Theil des Senats war der Meinung, der Senat habe nur die Thaten des Prätors selbst, und den Umstand ins Auge zu fassen, ob er sie in seinem Amte und unter ihm übertragener Götterleitung verrichtet habe. «Da von den beiden Pflanzstädten, die zur Beschränkung der Gallischen Ausbrüche als Vormauern dastanden, die eine geplündert und niedergebrannt sei, und dieser Krieg mit seiner Flamme, wie über zusammenstoßende Dächer, auf die andre so nahe gelegene Pflanzstadt habe hinüber schlagen wollen; was da der Prätor anders habe thun sollen? Denn wenn ohne den Consul nichts habe unternommen werden dürfen, so habe entweder der Senat daran unrecht gethan, daß er dem Prätor ein Heer gegeben habe – der Senat habe nämlich, falls es sein Wille gewesen sei, daß das Heer nicht unter dem Prätor, sondern nur unter dem Consul, sich mit dem Feinde einlasse, den Senatsschluß mit der Bestimmung abfassen dürfen, daß mit dem Feinde sich eiuzulassen nicht der Prätor, sondern nur der Consul berechtigt sei – oder der Consul daran, daß er, nach seinem Befehle an das Heer, aus Hetrurien in Gallien überzugehen, nicht selbst mit dem Heere in Ariminum zusammengetroffen sei, um nicht in einem Kriege zu fehlen, der ohne ihn nicht habe geführt werden dürfen. Im Kriege pflege die Entscheidung des Augenblicks auf den ausbleibenden oder verschiebenden Feldherrn nicht zu warten: und zuweilen müsse man schlagen, nicht, weil man wolle, sondern weil der Feind dazu 66 zwinge. Hier müsse die Schlacht selbst und der Erfolg der Schlacht beherzigt werden. Die Feinde seien geschlagen und niedergehauen; ihr Lager erobert und geplündert; die Pflanzstadt von der Einschließung befreiet; die aus der andern Pflanzstadt Weggeführten dem Feinde abgenommen und den Ihrigen wiedergegeben; der ganze Krieg durch dies Eine Treffen geendet. Nicht Menschen allein sei dieser Sieg erfreulich gewesen, sondern selbst den unsterblichen Göttern habe man drei Tage nach einander dafür Dankgebete dargebracht, daß der Prätor Lucius Furius die Sache des Stats gut und glücklich, nicht aber deswegen, weil er sie schlecht und unbesonnen verfochten habe. Selbst das Verhängniß scheine die Kriege mit den Galliern dem Stamme der Furier angewiesen zu haben.»

49. Durch die in diesem Tone von ihm selbst und seinen Freunden gehaltenen Reden trug die Zuneigung für den anwesenden Prätor über den höheren Rang des abwesenden Consuls den Sieg davon, und eine große Mehrheit der Stimmen erkannte dem Lucius Furius den Triumph zu. Diesen Triumph über die Gallier hielt Lucius Furius als Prätor noch während seines Amts. In die Schatzkammer lieferte er dreihundert und zwanzig tausendUngefähr an Kupfer 10,000 Gulden, an Silber 5,312,500 Gulden Conv. M. Kupferass und hundert siebzig tausend Pfund Silber. Keine Gefangene zogen dem Wagen voran, keine eroberten Waffen wurden voraufgetragen; auch fehlte das Gefolge von Soldaten. Man sah, es war Alles, den Sieg ausgenommen, in des Consuls Händen.

Nun feierte Publius Cornelius Scipio die Spiele, die er als Consul in Africa gelobet hatte, mit großer Pracht. Auch wurde über die seinen Soldaten zu gebenden Grundstücke der Befehl ausgefertigt, daß jeder von ihnen, so viele Jahre er in Spanien oder in Africa gedient habe, für jedes Jahr zwei Hufen bekommen solle. Zehnherren sollten ihnen die Länderei anweisen. Dann wurden zur 67 Ergänzung der Anbauer von Venusia, weil der Krieg mit Hannibal diese Pflanzstadt sehr herabgebracht hatte, Dreimänner ernannt, nämlich Cajus Terentius Varro, Titus Quinctius Flamininus, Publius Cornelius Scipio, Sohn des Cneus. Sie führten die für Venusia eingezeichneten Anbauer ab. In diesem Jahre schlug auch Cajus Cornelius Cethegus, der als Proconsul dem Heere in Spanien vorstand, auf Sedetanischem Gebiete ein großes feindliches Heer. Funfzehn tausend Spanier sollen in diesem Treffen gefallen, achtundsiebzig Fahnen erbeutet sein.

Als der Consul Cajus Aurelius zur Haltung des Wahltages aus seiner Provinz nach Rom gekommen war, führte er nicht, wie man vermuthet hatte, Beschwerden deshalb, «daß der Senat ihn nicht erwartet, nicht einmal die wörtliche Auseinandersetzung mit dem Prätor ihm, einem Consul, freigelassen habe;» sondern darüber, «daß der Senat jemand den Triumph zuerkannt, und dabei nur auf die Aussage des Einzigen, welcher selbst den Triumph halten wollte, und Keinen von denen gehört habe, die dem Feldzuge beigewohnt hätten. Die Einrichtung, bei einem Triumphe die Unterfeldherren, die Obersten, die Hauptleute, ja die Soldaten gegenwärtig sein zu lassen, hätten die Vorfahren darum getroffen, damit die Thaten dessen, dem eine so große Ehre erwiesen werde, auch öffentlich sich als wahr bewähren sollten. Ob nun von diesem Heere, das gegen die Gallier gefochten habe, er wolle nicht sagen, ein Soldat, sondern nur ein Marketender dagewesen sei, bei dem der Senat habe nachfragen können, was an den Erzählungen des Prätors wahr oder unwahr sei?» Er setzte darauf den Tag zur Wahl an, an welchem Lucius Cornelius Lentulus und Publius Villius Tappulus zu Consuln ernannt wurden. Dann wurden Lucius Quinctius Flamininus, Lucius Valerius Flaccus, Lucius Villius Tappulus, Cneus Bäbius zu Prätoren gewählt.

50. Auch waren in diesem Jahre die Lebensmittel sehr wohlfeil. Die Curulädilen Marcus Claudius 68 Marcellus und Sextus Älius Pätus vertheilten eine große Menge aus Africa angefahrenes Getreide unter das Volk, das MaßEin Sechstel eines Berliner Scheffels zu etwa 6 Pfennige. zu zwei Kupferass. Sie feierten auch die Römischen Spiele mit vieler Pracht, begingen sie auch diesmal wieder Einen Tag, und stellten in der Schatzkammer von den eingelaufenen Strafgeldern fünf eherne Standbilder auf. Die bürgerlichen Spiele wurden von den Ädilen Lucius Terentius Massiliota und Cneus Bäbius Tamphilus, welcher zum Prätor bestimmt war, dreimal ganz gegeben. Ferner stellten in diesem Jahre bei dem Tode des Marcus Valerius Lävinus seine Söhne, Publius und Marcus, vier Tage lang auf dem Markte Leichenspiele an: sie gaben auch ein Klopffechterspiel: es fochten fünfundzwanzig Pare.

Ein Zehnherr der gottesdienstlichen Angelegenheiten, Marcus Auretius Cotta, starb. An seine Stelle wurde Manius Acilius Glabrio gewählt. Es traf sich, daß am Wahltage zwei Curulädilen ernannt wurden, welche beide das Amt sogleich nicht antreten konnten. Denn Cajus Cornelius Cethegus war in seiner Abwesenheit gewählt, da er dem Heere in Spanien vorstand; und Cajus Valerius Flaccus, der bei der Wahl zugegen gewesen war, konnte, als Eigenpriester Jupiters, die Gesetze nicht beschwören: wer aber die Gesetze nicht beschworen hatte, durfte ein Amt nicht über fünf Tage verwalten. Auf die Bitte des Flaccus, ihn von der Forderung der Gesetze zu entbinden, befahl der Senat: Wenn der Ädil einen den Consuln anständigen Mann stellte, der den Eid für ihn leisten könnte, so sollten die Consuln, wenn sie nichts dawider hätten, mit den Bürgertribunen ausmachen, daß diese dem Bürgerstande die Sache vortrügen. Den Eid für seinen Bruder zu leisten, stellte sich Lucius Valerius Flaccus, der ernannte Prätor. Die Tribunen brachten die Sache an das Volk, und das Volk erkannte, daß der Eid eben so 69 angesehen werden solle, als wenn er ihn selbst geleistet habe. Auch über den andern Ädil kam ein Erkenntniß des Volks zu Stande. Die Tribunen hatten angefragt, Was für zwei Männer das Volk dazu bestimmen wolle, als Oberfeldherren zu den Heeren in Spanien abzugehen, damit Cajus Cornelius als Curulädil sich zur Führung seines Amtes einstellen, und Lucius Manlius Acidinus nach so vielen Jahren von seinem Posten in der Provinz abgehen könne. Das Volk erkannte: Cneus Cornelius Lentulus und Lucius Stertinius sollten an Consuln Statt in Spanien den Oberbefehl haben.

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