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Roman eines jungen Mannes

Klabund: Roman eines jungen Mannes - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleRoman eines jungen Mannes
publisherElfenbein Verlag, Heidelberg
seriesWerke in acht Bänden
volume2
pages117-262
printrunErste Auflage
editorChristian v. Zimmermann
year1999
isbn3-932245-12-1
firstpub1924
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060221
projectid177bfec2
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V

Josua saß am Gänsbeutel, einem Wasserarm, der sich durch die Aue am Ostende der Stadt schlängelte, unter hängenden Weiden und schnitt sich aus Weidenholz eine Flöte. Als er sie gerade probierte, wurden die Weiden auseinandergebogen. Josua wandte sich um.

Ein brauner Mädchenkopf schob sich durch silbergrünes Laubgewirr.

»Du, laß mich auch ...«

»Du kannst ja gar nicht«, sagte Josua.

»Kann schon,« lachte das Mädchen und zeigte weiße, trotzige Zähne, »gib!«

Und Josua gab ihr die Flöte.

Da blies sie schöner und reiner, als er je blasen konnte. Josua war starr. Er stand vor einer neuen Erkenntnis, der Erkennung seines Lebens. In seiner Welt und seinen Fähigkeiten war bisher er immer der erste gewesen. Da gab es niemand über ihm. Und nun konnte dieses Mädchen besser Flöte blasen als er.

»Da setz dich her.« Er klopfte mit der flachen Hand auf den Rasen.

Sie hockte dicht neben ihm nieder und krempelte vorsichtig ihr Kleid auf. Er kramte in seiner Tasche und brachte eine trockene Semmel hervor.

»Magst du?«

»Nein.«

»Dann wollen wir sie den Fischen geben.«

Und er zerbröckelte sie und warf die einzelnen Brocken in das Wasser.

Sämlinge und Grünlinge, hin und wieder ein größerer schnauzbärtiger Fisch schnappten mit offenen Mäulern danach.

»Das ist ein Wels«, sagte Josua.

Sie wollte den Fisch mit einem abgebrochenen Weidenzweig ärgern.

»Das darf man nicht«, sagte Josua.

»Warum nicht?« fragte sie.

»Weil es schlecht ist.«

»Wenn ich nun aber schlecht sein will?«

Sie sah erwartungsvoll und eigensinnig auf seinen Mund, wagte aber nicht, mit der Rute ins Wasser zu schlagen.

»Kein Mensch will schlecht sein.«

Josua blickte sie gelassen an.

»Wer sagt das?«

Sie stampfte vor Zorn mit den Haken in den feuchten Ufersand.

»Das sagt Frau Triebolick.«

»Wer ist das?«

»Frau Triebolick ist meine Mutter.«

»Woher weiß das deine Mutter?«

Da fand Josua nicht weiter. Sie frohlockte und machte ihm eine lange Nase. »Etsch, etsch!«

»Ich muß nach Hause,« meinte er, »kommst du mit?«

»Ja.«

In den ersten Straßen verabschiedeten sie sich.

»Wie heißt du?« fragte Josua.

»Ruth, und du?«

»Josua.«

»Da sind wir ja beide sehr fromme Leute.«

»Wieso?«

»Wir kommen doch in der Bibel vor. Josua war ein König in Israel.«

»Das ist wahr,« sagte Josua, »ich bin ein König.«

Sie lief tanzend davon.

»Ein König? Ein König?« Sie warf das Echo lachend und herausfordernd mehrmals in die Lüfte.

Josua ging nachdenklich nach Hause.

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