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Roman eines jungen Mannes

Klabund: Roman eines jungen Mannes - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleRoman eines jungen Mannes
publisherElfenbein Verlag, Heidelberg
seriesWerke in acht Bänden
volume2
pages117-262
printrunErste Auflage
editorChristian v. Zimmermann
year1999
isbn3-932245-12-1
firstpub1924
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060221
projectid177bfec2
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XXXVI

... Josua kroch durch ausgestorbene Gassen. Wie ein Leichenwurm.

Hinter jedem Fenster brannte ein Tannenbaum. Verwesten Herzen.

Er ging die Hohenzollernstraße entlang und bog dann in die Belgradstraße ein, die auf freies Feld führt.

Plötzlich ging vor ihm ein Knabe. Klein, verwachsen, mit einem Buckel.

Unter einer Laterne holte Josua ihn ein.

Sie sahen sich beide an.

»Was hast du da?« sagte der Bucklige.

»Mein Weihnachten,« sagte Josua, »willst du mit mir teilen?«

Der Bucklige nickte.

»Hast du noch Eltern?« fragte Josua.

»Ja,« sagte der Bucklige, »aber ich mag sie nicht. Und zu essen haben wir auch nicht.«

»Wie alt bist du«, fragte Josua.

»Dreizehn.«

»Dreizehn ist eine Unglückszahl«, sagte Josua. »Warum bist du dreizehn Jahre alt?«

»Ich weiß nicht«, sagte der Bucklige.

Und dann sang er mit einer piepsenden, im Stimmwechsel befangenen Stimme ein Schnadahüpfl:

Mei Schwester spuilt die Zither
Mei Bruder spuilt Klarinett,
Der Vatta schlagt die Mutta
Und dös gibt a Quartett ...

»Du hast eine sehr schöne Stimme,« sagte Josua, »möchtest du nicht zur Bühne gehen? Du solltest Tristan singen.« Sie gingen durch die hintere Belgradstraße, links wie eine Indianerburg mit Palisaden umgeben, lag Pension Führmann. Und Indianergeheul schnob durch die heruntergelassenen Rolladen.

»Das sind die reichen Leut,« sagte der Bucklige, und äugte gehässig nach der Pension Führmann, »die reichen Leut, wo's Geld wie Heu haben. Und hübsche Frauen auch.«

»Was weißt denn du von den Frauen«, lächelte Josua.

Da zischte ein wilder Blick entsetzt aus den verkniffenen Augen des Kleinen:

»Ich bin bucklig.«

Jetzt gingen sie auf freiem Feld, schon hinter dem Krankenhaus. Der Schnee fiel dichter. Sie wateten über Äcker.

»Na, was stapfen wir hier so umeinander?« sagte der Bucklige.

»Wir gehen so weit, bis wir kein Licht mehr sehen ... Ist es dir recht?«

»Mir schon«, sagte der Bucklige.

In einer Vertiefung des Feldes warteten sie.

»Ehe wir unser Mahl halten,« sagte Josua, »wollen wir uns ein Haus bauen«, und warf das Paket seitwärts ins Gebüsch.

»Wir haben ja keine Steine«, sagte der Bucklige.

»Aber Schnee, sehr viel Schnee,« meinte Josua. Er blies befeuernd in die Hände und begann einen Schneeklumpen zusammenzurollen. Das Gleiche tat der Bucklige.

Schweigend arbeiteten sie. Nach einer Stunde standen drei Wände eines imaginären Hauses.

»Wir brauchen nur drei,« sagte Josua, »sonst können wir nicht mehr heraus.«

»Und das Dach?«

»Das ist der Himmel. Uns kann der liebe Gott ruhig ins Haus und bis ins Herz sehen.«

Josua betrachtete sein Werk:

»Endlich ein eigenes Haus ... Und es ist ganz mein Werk ... Mein Lebenswerk.«

»Ich hab Hunger.« Der Bucklige schneuzte sich in die Hand.

»Also gehen wir ins Haus. Setzen wir uns«, er zog seine Jacke aus und sie setzten sich darauf.

»Ist sie nicht wie ein persischer Teppich?«

Dann packte er aus ... Die Pfefferkuchen ... Die Gänseleberpastete ... Die Äpfel ... Das Danziger Goldwasser ...

»Ah«, machte der Bucklige lüstern, als er die Flasche sah.

»Hast du ein Messer?«

Der Bucklige hatte eins.

Josua bat es sich aus, er schmierte die Gänseleberpastete auf den Pfefferkuchen und bot dem Buckligen an. Mit dem Messer entfernte er den Kork von der Flasche.

Der Bucklige biß fest in den Gänseleberpfefferkuchen. »Das ist eine Delikatess', wo sonst nur die reichen Leut fressen.«

Josua ließ ihn trinken.

Sie tranken und aßen abwechselnd.

In ihre unterernährten Mägen rann der Schnaps wie flüssiges Feuer.

»Ich habe ein Mädchen ermordet«, sagte Josua.

»Das macht nichts,« sagte der Bucklige, »deswegen bist du doch mein Freund ...«

»Aber die Polizei?«

Josua zitterte.

»Die findet dich hier draußen nicht«, beruhigte ihn der Bucklige.

»Tanzen«, sagte Josua. Er sprang auf, hob seine Hosen wie ein Frauenkleid.

»Musik«, sagte Josua.

Der Bucklige sang sein Schnadahüpfl.

Danach tanzte Josua Solo: ein zierliches Menuett im Schnee.

Dann tanzten sie zu zweien. Der Bucklige als Dame.

Dann tranken sie wieder.

Bis sie besoffen und in widerlicher Verschlingung verzückt in den Schnee rollten.

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