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Roman eines jungen Mannes

Klabund: Roman eines jungen Mannes - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleRoman eines jungen Mannes
publisherElfenbein Verlag, Heidelberg
seriesWerke in acht Bänden
volume2
pages117-262
printrunErste Auflage
editorChristian v. Zimmermann
year1999
isbn3-932245-12-1
firstpub1924
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060221
projectid177bfec2
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XXXV

Der Wind wirbelte große, weiße Flocken durcheinander. Der erste Schnee.

Josua trieb durch die Straßen.

Es war gegen sieben Uhr abends, die elektrischen Lampen hingen wie glühende Orangen über der Hohenzollernstraße, welche von hastigen Menschen bewegt war. Manche wandelten als Pakethaufen. Die Begierde, einmal im Jahr zu schenken, verführte viele Leute zu den erfreulichsten Torheiten. In der Hohenzollernstraße lief ein elegant gekleideter Herr herum und drückte jedem, der ihm danach auszusehen schien, ein Markstück in die Hand. Die Taschen seines Ulsters klapperten von Geld.

Auch Josua bekam sein Markstück.

Er betrachtete es und steckte es in die Tasche.

Vor einem Metzgerladen staunte er. Im Schaufenster spreizte sich ein Tannenbaum mit gelben Wachslichtern besteckt und allerlei Würsten: Weißwürsten, Wienerwürsten, dicken, dünnen behängt.

Da wußte Josua: Heiliger Abend.

Er sah auf die Wachskerzen und glaubte, ihren süßen Honigduft durch die Fensterscheiben zu spüren.

Und eine Melodie sprang in ihm auf wie ein Tier, das auf der Lauer gelegen.

Vom Himmel hoch, da komm ich her ...

Er zitterte. Er ahnte (zum ersten Mal in seinem Leben) eine Sehnsucht. Dahin will ich. Dahin ...

Wenn ich eine Mutter hätte. Jene alte Drogistenfrau ist doch nicht meine Mutter. Ich bin ein Mensch ohne Mutter und Vater.

Er ging weiter.

Im Takte sprach er vor sich hin: Wer liebt mich? Wen liebe ich? Und er setzte das rechte Bein vor und sagte: Wen liebe ich? Und er setzte das linke vor und sagte: Wer liebt mich?

Er blickte aus sich hinauf in den Schnee. Die Flocken fielen in seine Augen und jede Flocke war eine Träne.

Dann versuchte er, Verse zu machen. Und es wurde ein kleines Gedicht, und es schien ihm das beste, was er je gemacht hatte und je würde machen können:

Alle Welt ist voll Wind.
Der Herbst fällt von den Bäumen.
Wir sind
In Träumen.

Der erste weiße Schnee ...
Wer auf ihn tritt, tritt ihn zu Dreck.
Ich sehe weg,
Weil ich mein Herz seh.

Das ist das beste Gedicht, das es überhaupt gibt, sagte er zu sich. Aber niemand wird es mehr lesen. Ich muß es den Leuten bekannt machen. Sie müssen es hören.

Er schwenkte in eine stille Villenstraße und läutete an der ersten Türe.

Ein Dienstmädchen öffnete, schön frisiert, mit weißer Haube und festlicher Miene:

»Was ist?«

Er nahm seinen Hut ab und sagte das Gedicht auf.

Sie hörte nur die erste Strophe, lief in die Küche, holte ein Zehnerl, drückte es ihm in die Hand und schlug die Türe zu. Drinnen verflog ihr Lachen.

Josua ging zur nächsten Türe und so fort durch die ganze Straße.

Meist bekam er ein Zehnerl, nur einmal von einer jungen, aber unglücklich verheirateten Frau eine wollene Jacke und im halbdunklen Korridor einen Kuß, den er einsteckte wie die Zehnerl.

Im Hause Friedrichstraße 2 wohnte ein deutscher, aber korpulenter älterer Dichter. Drei Treppen hoch. Er war ebenso berühmt als Dramatiker wie als Gründer und Beherrscher einer Mittwoch-Kegel-Gesellschaft, das Eosinschwein benannt.

Josua kam auch zu ihm. Der Dichter, in schwarzer Samtweste, öffnete persönlich.

»Was ist denn, mein Lieber? Was, was, was, was wollen Sie denn? ist Ihr Begehr?«

Seine Augen glühten in grotesker Güte.

Josua nahm den Hut ab und sagte seinen Spruch.

Der Dichter war erstaunt: Immerhin ... dachte er ... das ist Poesie ...

Laut sagte er: »Kommen Sie herein ... So ... genieren Sie sich nicht ... So ... legen Sie ab ... So ... wo haben Sie ... haben Sie denn die ..., die poetische Ader ... Ader her ... Sie bringen uns doch immer die Semmeln früh? Nicht? Wie? Nun ... pardon ... sind Sie der Schornsteinfeger?«

Josua sagte nichts und sah ihn groß an.

Der Dichter schob ihn ins Wohnzimmer. Dort war des Dichters Familie versammelt: seine schöne Tochter, eine Zigarette im Mundwinkel, lag in einem Lehnstuhl und winkte. Der älteste Sohn, Schauspieler, war von Augsburg zum Heiligen Abend herübergeflitzt und beugte sich in Romeo-Pose über seine Schwester. »Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche.«

Erik Ernst Kummerlos, der Herausgeber des Blattes für Eigenkultur »Kanitverstan« (Mitarbeiter dankend verbeten, sämtliche Beiträge sind vom Herausgeber), war als Junggeselle und Freund des Hauses ebenfalls anwesend. Er trug heute anstatt seines üblichen Jägerhemdes einen weißen Klappkragen, der ihn fast zu einer karnevalistischen Maske machte.

Die Gattin des Dichters ging mit einem Tablett umher und bot Portwein in Gläsern an.

»Hierher ... Marie ... hierher ... unser Gast ... zuerst unser Gast ...«

Alle Blicke wandten sich jetzt dem Fremdling zu, der, seinen Hut in der Hand, unter dem Kronleuchter stand, mit schmutzigen Schuhen, die auf dem Parkettfußboden graue Lachen bildeten, grünem abgetragenem Anzug und blau verfrorenen Händen. Aus seinem müden glatten Knabengesicht leuchteten, blau und groß, zwei Kinderaugen.

Wo war seine Maske? Wo seine fleischlos verunstaltete Nase?

»Er ist wie der Heiland«, sagte die Frau des Dichters zu Erik Ernst Kummerlos, teils aus Frömmigkeit und teils aus Poesie.

Erik Ernst Kummerlos nickte schwermütig. Er formte im Geiste diese Szene zu einem blendenden Artikel für die nächste Nummer des »Kanitverstan«.

Romeo und seine Schwester gafften den Fremdling schief an, ohne besonderes Verständnis.

»Bitte, nehmen Sie«, die Gattin des Dichters hielt ihm das Tablett hin. Er nahm ein Glas und trank. Wie ein Reh trank er.

Kaspar Hauser, dachte der Dichter und dann sagte er es. »Kaspar Hauser ...»

»Nein«, sagte Josua auf einmal. »Josua Triebolick.«

»Angenehm«, sagte der Dichter. »Max Trumm.«

Josua lachte laut und belustigt auf.

Auf der Stirn des Dichters schwoll die Ader. »Immerhin ... Immerhin ... so viel Lebensart sollte man haben ... um mich zu kennen ... Und nicht über mich zu lachen ...« Nebenan ertönte eine Glocke. Das Signal zur Bescherung. Die Ader auf der Stirn des Dichters schwoll ab.

»Kommen Sie«, sagte er freundlich.

Die Flügeltüren brachen auf. Ein sehr großer Tannenbaum, nur mit Engelshaar und Lichtern geschmückt, dessen Spitze als blecherner Engel an die Decke stieß, marschierte ihnen entgegen.

An einem langen Tisch war für jeden aufgebaut. Auch für die Dienstmädchen. Der Dichter war in seinen Geschenken erfrischend unliterarisch. Er schenkte Schlipse, Blusen, Oberhemden, Bronzen ...

Er verdiente ungefähr zwanzigtausend Mark im Jahr und erwies sich als geschäftstüchtig. Da er gerade wieder einen Prozeß gegen eine Filmfabrik gewonnen hatte, die eine Szene aus einem seiner Dramen unbefugt verfilmt hatte, prangte, auf dem Platze seiner Frau, Stucks Amazone in Bronze, welche neunhundert Mark, direkt von Stuck bezogen, kostete. Der Dichter aber hatte noch zehn Prozent Rabatt durchgedrückt.

Stuck hatte ihn gefragt, ob er Rabattmarken wünsche?

Auch dem Fremdling wurden in Eile einige Kleinigkeiten beschert: eine Büchse Gänseleberpastete, eine Büchse Thunfisch, eine Flasche Danziger Goldwasser.

Die Tochter setzte sich ans Klavier und spielte: Stille Nacht, heilige Nacht.

Nachdem alle Strophen durchgesungen waren, herrschte eine weihevolle Stille.

Da trat Josua vor den Tannenbaum und mit klarer dunkler Baßstimme sang er:

Vom Himmel hoch, da komm ich ...

Der Dichter fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen und dachte an eine seiner Novellen, wo er das Motiv dieses Kirchenliedes ebenfalls refrainartig verwandt hatte.

Die Dienstmädchen schluchzten.

Romeo räusperte sich.

Die Gattin des Dichters aber verließ das Zimmer, um den Kalbsbraten noch einmal zu begießen.

– Josua wurde mit einem Paket entlassen, in das man, abgesehen von den Geschenken, noch Pfefferkuchen, Äpfel und Pralinés gestopft hatte.

Die Gattin des Dichters wollte ihm noch fünf Mark verehren.

Aber der Dichter wollte es nicht.

»Heilige Menschen,« sagte er, »brauchen kein Geld. Es hindert sie nur an ihrer Heiligkeit. Heilige müssen hungern. Für wie alt hältst du den Menschen?«

Sie sann:

»Er hatte ein Knabengesicht ... Und nicht einmal Flaum auf den Wangen ... Er ist höchstens achtzehn Jahre ...« Erheitert und ein wenig verächtlich äußerte der Dichter, der als scharfer Psychologe bekannt war:

»Hast du nicht gesehen, daß dieses Knabengesicht nur Symbol und Seele ist? Es ist Ahasver ... die ewige Jugend ... dieser Mensch ... Mensch ... muß viel gelitten und ehrlich gelitten haben. Sieh wie rein er geblieben ist ... Es ist ein Mann ... vielleicht ein Greis.«

Hier fiel der Dichter in eine Grube, die er sich selbst gegraben hatte. In seinen Novellenstil.

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