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Roman eines jungen Mannes

Klabund: Roman eines jungen Mannes - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleRoman eines jungen Mannes
publisherElfenbein Verlag, Heidelberg
seriesWerke in acht Bänden
volume2
pages117-262
printrunErste Auflage
editorChristian v. Zimmermann
year1999
isbn3-932245-12-1
firstpub1924
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060221
projectid177bfec2
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XXXIII

Er saß jeden Nachmittag von vier bis sechs in einem bestimmten nischigen Winkel des Cafés und beobachtete aus dem Hinterhalt die Menschen. Er sah den Frauen unter die großen Hüte und in ihre Augen, ohne daß sie wußten, was er ihrer Seele gab oder nahm. Er verfolgte die Mund- und Stirnlinien bei den Männern, ihre Bewegungen beim Rauchen, lauschte ihrer Sprechweise.

Die Kellner kannten ihn und behandelten ihn mit scheuer Höflichkeit, der ein Anflug von Mitleid beiwohnte. Die meisten Gäste, unter denen ja viele Stammgäste waren, musterten ihn zuerst mit erstaunter Neugier, beruhigten sich aber, wenn sie sich ein paar Mal umgesehen. Nur Fremde und Frauen bestaunten ihn offensichtlicher, als es der guten Sitte angemessen war.

Er trug stets eine weiße, seidengefütterte Maske vor dem Gesicht und an den Händen graue Handschuhe. Manche flüsterten, daß er an der Auszehrung litte und Maske und Handschuhe kranke, zerfressene Glieder verheimlichten. Sein Gesicht hatte niemand gesehen, niemand konnte bei Erregung oder Gleichmut das Spiel der Muskeln beobachten. Seine Maske, die die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte, schützte ihn zugleich vor Überrumpelungen seines eigenen unbedachten Ichs.

In das Café verirrte sich durch Zufall an einem regnerischen Nachmittag die jüdische Frau Justizrat Ammer und ihre siebzehnjährige Tochter Mimi. Mimi sperrte die braunen Tore ihrer Augen vor Verwunderung angelweit auf. Auch die dicke Frau Justizrat wurde auf die weiße Maske aufmerksam und fragte prustend und schwerfällig in abgebrochenen Lauten, wie Asthmatiker zu reden pflegen, den Kellner nach jenem Herrn in der Nische. Der Kellner gab diskrete und durchsichtige Auskunft.

»Du, Mama, was ist?« fragte Mimi. Sie knöpfte sich die Überjacke auf. Es wurde ihr heiß.

»Nichts für kleine Mädchen«, stöhnte Frau Justizrat, etwas laut, denn die Maske hörte es, »nur so ... er ist krank.« »Oh nein, das ist aber traurig.« Mimi wandte sich um mit der hastigen eckigen Bewegung junger Mädchen von siebzehn Jahren, die ihren Körper noch nicht in der Gewalt haben.

Die Maske lächelte.

– Niemand sah es.

Mimi wurde rot und rückte verlegen an dem Mokkatäßchen. In ihrer Verlegenheit nahm sie von der Kuchenschale ein Zitronentörtchen, was sie gar nicht gern aß. Sie aß es schluckend und eifrig, scheinbar mit nichts anderem beschäftigt.

Frau Justizrat winkte dem Kellner und zahlte. Sie gab fünfzig Pfennig Trinkgeld.

»Wir wollen gehen, Mimi.«

Der Kellner verbeugte sich.

Mimi wollte sehr gern, aber sie wagte es nicht, sich umzusehen.

Am übernächsten Tage erschien Mimi Ammer in Begleitung ihres Bruders, des stud. jur. Julius Ammer, eines korpulenten und jovialen Jünglings, im Café. Die weiße Maske saß schon da und suchte in dem schmalen gebräunten Gesicht und dem länglichen, blaßroten Munde nach der Besonderheit dieses Mädchens. Mimi wagte nur einmal nach ihm hinzusehen.

»Du, wer das bloß ist?« Sie brannte vor Neugierde. Der Bruder brummte unverständlich. Er las im »Simplizissimus« und hatte den Herrn in der Maske nicht bemerkt.

Noch ein paar Tage später kam sie allein. Wie sie sich schämte! Für was man sie halten würde!

Die Maske schickte ihr durch den Kellner seine Karte. Ganz vergeblich wird die Bekanntschaft wohl nicht sein. Vielleicht ein Stoff für eine Novelle ... oder eine Plauderei ... oder einen Vierzeiler. Seitdem ich langsam sterbe, bin ich Dichter geworden. Man muß mitnehmen, was sich am Wege bietet. Unsereiner, der vor lauter Abenteuerlichkeiten zu keinem Abenteuer kommt!

Sie las den Namen. Sie genas plötzlich von ihrer Unruhe und wurde froh. Der Name schien ihr bekannt. Sie barg das Kärtchen in ihrer Tasche und war am andern Tage pünktlich zum Rendezvous.

Er lernte einen Backfisch kennen, kapriziös und hausbacken, toll und sehr verständig, sehr anständig und sehr pikant.

Wenn sie sich in mich verliebt, d. h. in meine Maske ..., wird es gefährlich, sagte er sich, lud sie aber in seine Wohnung zum Tee.

Sie freute sich ihrer Heimlichkeiten und kam eines Nachmittags nach der Klavierstunde.

Es wird ein wenig langweilig, sagte sich die Maske, wie kann ich sie noch verwerten, in welcher Situation?

Er brauchte nicht lange zu warten.

Sie fiel in ihrer Überspanntheit vor ihm nieder und sagte, während sie nach seinen behandschuhten Händen griff, die er ihr entzog:

»Ich liebe Sie, bitte (und dieses ›bitte‹ war inbrünstig herausgestöhnt) tun Sie die Maske ab. Einmal nur will ich Ihr wahres Gesicht sehen.«

Die Maske hinter der Maske lächelte.

»Es ist häßlich und beleidigt Ihre Schönheit. Nie habe ich mir so weh getan«, dachte er. Aber er verlor nicht die Geistesgegenwart und Kraft, seine Regungen bis in ihre feinsten Enden und Verzweigungen zu beobachten.

Sie ist nur neugierig, dachte er.

Sie schluchzte und lag auf dem Teppich. Ihre kleinen, unentwickelten Brüste schlugen taktmäßig auf den Boden. Er wollte sie aufheben.

»Sie werden sich erkälten«, sagte er.

Sie blickte auf.

»Bitte, bitte, Ihr Gesicht.«

Da nahm er die Maske ab.

Langsam wie eine Schlange wuchs ihr schlanker Leib aus dem Boden zu ihm empor.

Unnatürlich groß lagen seine blauen Augen in den tiefen Höhlungen: er hatte keine Wimpern mehr. Und der Nasenknochen glänzte, vollständig fleischlos, als hätte ihn ein Tier abgenagt.

Sie stand dicht vor ihm, daß er ihren klaren Atem fühlte. Ihre Blicke bohrten sich grausam verzückt in seine häßlichen klaren Augen.

Ehe er es hindern konnte, hatte sie ihn geküßt.

Er erschrak und trat einen Schritt zurück.

Dann band er sich die Maske wieder vor.

»Ist Ihre liebenswürdige Neugier nun – befriedigt?« sagte er leise.

Sie atmete tief, gab ihm die Hand und ging.

»Alles will ich für Sie tun, weil ich Sie liebe, aber Sie sollen nicht wissen, wie.«

Eine Woche später las er im Café in der Zeitung, daß die junge schöne Tochter des Justizrats Ammer in plötzlicher geistiger Umnachtung einem Anfalle von Selbstverstümmelung zum Opfer gefallen sei. Sie habe sich mit einer Nadel beide Augen ausgestoßen. Man fürchte für ihr Leben.

Die Zeitung fiel zur Erde. Seine zitternde, behandschuhte Rechte glitt tastend über die kalte Marmorfläche des Tisches. Mit der Linken rückte er die Gesichtsmaske zurecht. Sie hatte sich verschoben.

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