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Roman eines jungen Mannes

Klabund: Roman eines jungen Mannes - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleRoman eines jungen Mannes
publisherElfenbein Verlag, Heidelberg
seriesWerke in acht Bänden
volume2
pages117-262
printrunErste Auflage
editorChristian v. Zimmermann
year1999
isbn3-932245-12-1
firstpub1924
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060221
projectid177bfec2
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XXIX

Als Schwester Anna ihm heute das erste Frühstück brachte, lag auf dem silbernen Tablett ein Brief. Er hielt ihn eine Weile in der Hand und starrte ihn mit leeren in sich zerrinnenden Gefühlen an. Seine Farbe war bläulich blaß, das Papier seidig, es knisterte, als er ihn auf die weiße Decke fallen ließ.

Schwester Anna zog das Rouleau auf.

Jeden Tag derselbe Laut, mit dem der Tag in sein stilles Zimmer knatterte. Breit und fahl wälzte er sich auf seinem Licht herein. Immer dasselbe Gefühl, als zerre das Licht an ihm herum und wolle das Dunkel, das er in sich bewahrte, zerreißen und mit seinen Strahlen zersetzen.

Wie lange er keinen Brief mehr erhalten hatte!

Wer wußte überhaupt von seinem Aufenthalt?

Er sah die Schrift: steil, eckig, gewollt gemessen, mit einer feinen Feder geschrieben.

Er legte den Brief in eine Schublade, ohne ihn zu lesen.

Unten im Garten an den Büschen standen die zahmen Rehe. Wer, der ihre schlanken guten Bewegungen sieht, wie sie sanft den Fuß heben und ihre Augen in brauner Melancholie durchs Gesträuch irren lassen, möchte leugnen, daß sie besser sind als Menschen und schöner und ihre Glieder zu ihrer eigenen Freude gelenkig und geschmeidig wie ihre Seele tragen.

Ich möchte einmal eine Rehin lieben, dachte Josua. Habe ich nicht auch schon – Jüdinnen geliebt?

Dann dachte er an die Neujahrsnacht.

Er schlief nicht. Alles still. Ein Wächter schlürfte über den Gang, vorsichtig, daß es der Assistenzarzt nicht höre. Er hat aus der Küche Zucker zum Punsch geholt.

Er dachte: Salò ist fern, ob man die Glocken hören wird? Alles graut sich entsetzlich in mir und vor mir.

Die Minuten bekamen Angesicht und Körper und es standen mißgestaltete Zwerge mit Holzgliedern und Glasaugen um ihn herum. Und wie die Zellentiere sich fortpflanzen – so trennte sich immer eine Minute in zwei ganz gleiche und jeder dieser Körper wieder und die Stube war erfüllt von ihnen und ihren glitzernden Glasaugen und klirrenden Beinen, die sie wie Stöcke aneinanderschlugen. Und dann, die Uhren in der Stadt begannen zu schlagen, 1 ... 2 ... 3 ... 4 ... 5 ... Ganz leise von fern hub es an, aber rasselnd rollte es näher, lauter, tosender, wie hallende Kugeln fielen die zwölf Schläge in sein Zimmer.

Er glaubte, er würde wahnsinnig. Er griff nach dem Revolver, den er unter dem Kopfkissen verborgen hatte.

Ich bin an der Welt betrogen. Riesengroß dünkte sie mich, unerschöpfbar – und nun schwoll ich und schwoll über sie und alles Sein und alle Geschichte.

Was war, was wurde und was werden würde, umspannte er mit Daumen und Zeigefinger, hielt er dazwischen wie den Revolver. In dieses elende Schießzeug geht die ganze Welt. Wenn ich losdrücke, zerschmettere ich die Welt.

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