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Roman eines jungen Mannes

Klabund: Roman eines jungen Mannes - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleRoman eines jungen Mannes
publisherElfenbein Verlag, Heidelberg
seriesWerke in acht Bänden
volume2
pages117-262
printrunErste Auflage
editorChristian v. Zimmermann
year1999
isbn3-932245-12-1
firstpub1924
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060221
projectid177bfec2
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XVI

Lili wohnte bei Frau Schimmelpfennig in der Aftergasse. Das Haus der Frau Schimmelpfennig war einstöckig, mit Wein überzogen, über dem zur Zeit der Reife Netze hingen und lag inmitten eines kleines Gartens. Vorn an der Gartenpforte leuchtete ein kleines, weißes, goldumrändertes Porzellanschild, auf dem stand zu lesen: Frau Schimmelpfennig, staatlich approbierte Hebamme. Außer ihr und Lili wohnte nur ihr Mann, der alte Sekretär Emil Elagabal Schimmelpfennig im Hause. Dieser war gar kein lebendes Wesen, sondern nur ein dickes Briefmarkenalbum, das er im Laufe der Jahre mit vielen bunten Bildern gefüllt hatte. Er war mager, dumm, phantasielos und träumte Tag und Nacht denselben Traum: Er träumte von der blauen Mauritius 1856, welche einen Wert von dreißigtausend Mark darstellt. Und bei diesen dreißigtausend Mark, und wenn er ihr Bild betrachtete, erschauderte er in Wollust, wie ein Primaner bei der Betrachtung einer großen Kokotte, die er nie genießen wird, weil sein Taschengeld bloß zwei Mark fünfzig im Monat beträgt.

Josua hatte Lili seit zwei Monaten nicht mehr gesehen. Planlos irrte er durch die Stadt, wagte nicht, sie aufzusuchen und wartete von Tag zu Tag erregter auf die Geburt seines Sohnes. Er hatte Frau Schimmelpfennig bestochen, ihm zu schreiben, wenn Lilis Stunde nahe sei. Er wolle im Nebenzimmer bei der Geburt seines Sohnes antichambrieren.

Eines Morgens lag eine Karte von Frau Schimmelpfennig im Briefkasten. Ohne sich zu waschen, ohne sich einen Kragen umzubinden, rannte Josua im Laufschritt durch die Anlagen nach der Aftergasse.

Frau Schimmelpfennig erwartete ihn an der Korridortüre. »Pst«, machte sie leise.

Er trat in das gute Zimmer der Schimmelpfennigs, ließ sich auf das blaue Plüschsofa fallen.

Nebenan wimmerte und schrie und jauchzte und stöhnte und stieß und wand sich etwas.

Josua war sinnlos vor Freude und Schmerz.

Mein Sohn – was sollst du alles werden! Was darfst du alles werden! Ich will dich nennen: Viktor! Viktor, der Sieger! Der Sieger im Fünfkampf:

über die Liebe,
über den Schmerz,
über den Ruhm,
über den Hunger,
über den Tod.

Du wirst Tyrann von Deutschland werden: Dichter, Heros und Akrobat.

Ich werde Lili heiraten.

Warum nicht?

Das Zusammenleben mit ihr schien ihm auf einmal unsäglich wünschenswert.

Geld? Pfui Teufel, ich muß doch meinen Sohn legitimieren. Bei dem Wort legitimieren mußte er aber doch lachen. Da quoll die Türe zum Nebenzimmer auf und Frau Schimmelpfennig wälzte sich herein. Irgend etwas auf den Armen.

Josua breitete die Hände und brüllte auf.

»Seien Sie froh,« sagte Frau Schimmelpfennig, »es ist tot.«

Josua fühlte, wie ein Nebel qualmend aufstieg, dann fiel er dröhnend ins Nichts.

Als er erwachte, lag er auf der Chaiselongue in Lilis Zimmer und gedämpftes Licht brannte durch die heruntergelassene Markise.

Er spürte, daß ein Lächeln durch das Zimmer zu ihm glitt und wandte den Kopf.

Das war Lili und blickte ihn ruhig und freundlich an.

»Lieber,« sagte sie, »ist es so nicht besser?«

»Nun kann ich dich wieder lieben,« sagte sie leise, »nun bin ich wieder befreit von dem Stein in meiner Brust, Lieber«, sagte sie zärtlich.

Er erhob sich, noch ein wenig unsicher, und ging an ihr Bett.

Sie küßte ihm die Tränen von den Augen. Sein Blick fiel wie zufällig auf eine ungelenke Photographie im Rahmen, die den Nachttisch zierte.

Er fühlte wieder den Nebel um sich aufsteigen. Mit erstickender Stimme preßte er aus sich heraus: »Wer ist das? Ich habe das Bild nie bei dir gesehen ...«

»Meine Mutter ... und mein Vater ... Ich wollte sie in meiner schlimmen Stunde ... vor Augen haben ...»

Das Bild zeigte einen Matrosen und ein dunkelhäutiges, schönes Mädchen, wohl eine Negerin, Arm in Arm, in irgend einer photographischen Bude auf St. Pauli aufgenommen.

»Schwester!« schrie er.

Die Tür knallte hinter ihm ins Schloß. Er flog durch die Straßen. Seine Füße berührten nicht den Boden. Über Felder flog er. Über gelbe Lupinenfelder. Über roten Mohn. Über schwarze Tannen. Über Kirchtürme und weiße Schneegipfel. Und dann über den Fluß. Draußen an einer Buhne ließ er sich nieder. Seine Füße umspielte das Wasser. Unter hängenden Weiden saß er und schnitt sich aus Weidenholz eine Flöte. Als er sie probierte, wurden die Weiden auseinandergebogen – Josua wandte sich um – ein brauner Mädchenkopf schob sich durch silbergrünes Laubgewirr:

»Du, laß mich auch.«

»Du kannst ja gar nicht«, sagte Josua.

»Kann schon,« lachte das Mädchen und zeigte weiße, trotzige Zähne, »gib.«

Und Josua gab ihr die Flöte. Da blies sie süßer und reiner, als er je blasen konnte.

In seinen Augen zerbrach der Himmel wie eine gesprungene Glasplatte.

Endlich schlief er ein.

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