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Roman eines jungen Mannes

Klabund: Roman eines jungen Mannes - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorKlabund
titleRoman eines jungen Mannes
publisherElfenbein Verlag, Heidelberg
seriesWerke in acht Bänden
volume2
pages117-262
printrunErste Auflage
editorChristian v. Zimmermann
year1999
isbn3-932245-12-1
firstpub1924
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060221
projectid177bfec2
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XIII

Dete Leuckner an Ruth:

Meine süße Ruth!

Sag mal, Du Kleine, was ist das eigentlich, was in Deinen Briefen versteckt zwischen den Zeilen liegt? Ich würde mich ja viel mehr gefreut haben, wenn Du mir mal ganz offen und ehrlich über Deine heart affairs berichtet hättest. Aber die Ruth hat ja kein Vertrauen zu ihrer großen Schwester. Da muß die große Schwester kommen mit dem feingeschliffenen Messer und alle die Nähte des Herzens auftrennen, damit die Geheimnisse herausfallen. Aber Du mußt nur wissen, daß die Dete nicht dumm ist und ganz fein alles erraten kann. Und schon lange alles weiß und auf ein Geständnis von Dir gewartet hat. Immer und immer.

Ich weiß ja nicht, ob Josua noch da ist, ich weiß nur, daß Du sehr traurig sein wirst, wenn er fortgeht. Aber Ruth: hör zu und paß auf. Es gibt kaum einen Mann auf der Welt, der es wert ist, daß man an ihn denkt, länger als es nötig war zur Unterhaltung, zum Zeitvertreib, zum Genuß schöner Stunden. Es gibt einige, Hans, mein Bräutigam zum Beispiel – aber alle anderen, so reizend, so gut und lieb sie manchmal sind –, daß man um sie, ich meine, daß ein Mädel oder eine Frau ihretwegen weint oder traurig ist – das sind sie einfach nicht wert. Ich kenne Herrn Josua Triebolick ja gar nicht, ich weiß nur einiges aus seinem Leben, das mir nicht gefällt. Und ich habe Urteile über ihn gehört, die nicht schmeichelhaft waren. Ich schreibe Dir das alles nicht, um Dich zu kränken oder Dir wehe zu tun, sondern Dich zu ermahnen, Dir den Mann nicht mit geschlossenen, sondern mit offenen, zweifelnden Augen anzusehen. – Mich kann kein Mann mehr aus dem Gleichgewicht meiner Seele bringen, weil ich von vorneherein a priori (unser Kantlehrer im Zirkel ist ein entzückender Mensch) die Kanaille in ihm sehe. Wenn sie mich lieb haben und sie tun es fast alle, so freue ich mich, weil das Spaß macht und mich nicht aufregt. Aber Deine letzten Briefe, die gleichgültige Behandlung aller wichtigen familiären Ereignisse, der Weltschmerz (kennst Du Lenau? Fabelhaft!!!) zeigen mir, daß die kleine Ruth wirklich und richtig verliebt ist. Das ist etwas sehr Schönes, das ist etwas sehr Glückgebendes, eine wundervolle Lebensbejahung, ein herrlicher Zustand – aber kleine Ruth, solche Verliebtheit muß im richtigen Moment aufhören, muß der großen Vernunft Platz machen, daß man lächelnd ihrer gedenken kann. Oder sie hört nicht auf, und dann ist sie die große und wahre Liebe eines Menschenlebens. Für die große und wahre Liebe muß man aber die Ergänzung des eigenen Lebens suchen. Und ob Herr Josua Triebolick das für Dich ist, das weiß ich nicht, das mußt Du wissen. – Und noch eins: es gibt Verliebtheiten, die man für die große Liebe hält, die man aber mit einem Ruck aus seiner Seele reißt – das tut sehr weh – und später einmal, da sagt man: Gott sei Dank – und wie war's bloß möglich! Und man reißt sie von der Seele aus Vernunftgründen: Geld, Krankheit (Herr Josua Triebolick soll noch im Alter von siebzehn Jahren den Keuchhusten bekommen haben!), Familie (sein Vater ist Drogist und gar nicht mal der Richtige, wie ich gehört habe). Ich möchte Dich an etwas erinnern, Du hast den entsetzlichen kleinen Juden Klaus Tomischil mal sehr gern gehabt. Ebenso Emil Stonitzer. Und wenn Du sie jetzt siehst – sind sie Dir nicht ganz gleichgültig, vielleicht sogar zuwider?

So, Liebling, das habe ich Dir alles geschrieben, nicht um Dich zu betrüben oder Dich zu verletzen, sondern aus dem einen Wunsch heraus, daß Du wundervoller, lieber, gütiger Mensch nicht einen Irrtum begehst. Der Mann, der Dich glücklich machen könnte, muß etwas Besonderes sein. Es ist schade, daß Hans, mein Bräutigam, Dich nicht kennen lernte – er wäre ein Mann für Dich. Ich bin viel zu schlecht für ihn.

Ich küsse Dich innig

Deine
Dete.

PS. Weißt Du die Adresse von Herrn Josua Triebolick? Ich möchte ihm einmal meinen Standpunkt klar machen und ihm den Kopf zurecht setzen.

Dete Leuckner an Josua.

Sehr verehrter Herr!

Meine Schwester Ruth hat mir sehr viel Liebes und Gutes von Ihnen erzählt. (Ihnen hoffentlich auch von mir.) Ich würde mich freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich komme demnächst nach Berlin. Könnten wir uns da nicht treffen? Ich wohne immer in einer kleinen Pension in der Motzstraße. Vielleicht besuchen Sie mich einmal da. Wir könnten dann über allerlei plaudern. Ich glaube, wir sind zwei Menschen, die gut zusammenstimmen.

Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich

Ihre ergebene
Dete Leuckner.

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