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Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Die dicke Lise

Ich hatte meinen Freund, einen ernsten, vierzigjährigen Gutsbesitzer, auf einige Tage als lieben Gast bei mir. Beide leidenschaftlich Natur und Jagd liebend, hatte er sich bei mir eingefunden, um mit mir zusammen meine Haide zu durchstreifen.

Eines Abends, als wir uns nach der Erbsensuppe rauchend an den Kamin gesetzt hatten, erzählte er mir:

»Mein Vater starb, als ich sieben Jahre alt war. Meine tatkräftige, kluge Mutter nahm sofort die Bewirtschaftung des Gutes in die Hand. Sie erzog mich mit äußerster Strenge, überwachte mich und meine Hauslehrer genau, regelte meine tägliche Beschäftigung und ließ mich bis zum achtzehnten Jahre auf Wittenmoor im Herrenhause bei ihr wohnen. Dann machte ich als Extraneus an der nächst gelegenen gelehrten Schule meine Abgangsprüfung zur Universität. Aber ehe ich ins Leben hinaustreten sollte, bestimmte meine Mutter, daß ich, um mich von den geistigen Anstrengungen zu erholen, wie sie sagte, ein halbes Jahr, vom Herbst bis zum Frühling, auf dem Vorwerk Grönhude zubrächte. Von dort sollte ich, nach kurzem Besuche von Berlin und Paris, Heidelberg beziehen.

Ein wunderbarer Gedanke, mich noch ein halbes Jahr auf das Vorwerk zu schicken. Zudem im Winter. Langweiligeres gab es nicht. Aber ich gehorchte, wie in allem, willenlos meiner Mutter.

Ich hatte ein paar rasche Wagenpferde mitgenommen und fuhr mit diesen in zwei knappen Stunden oft nach Hamburg. Hier hatte meine Mutter ausgedehnte Bekanntschaft in den vornehmen Häusern. Es lag durchaus in ihrem Wunsche, daß ich dort verkehre, daß ich Konzert und Theater besuche. Ohne jede Besorgnis, daß ich schlechte oder unpassende Gesellschaft unter allen Umständen meiden würde, freute sie sich über meine häufige Anwesenheit in der großen Stadt. Und in Wahrheit, ich war zu gut erzogen und besaß einen heftigen Widerwillen gegen allen Schmutz des Lebens. Ich war ein reiner Mensch.

Meine wunderliche Verbannung nahte ihrem Ende. Ich war voller Freude. Sollte ich doch nun ins Leben hinaus.

Der März war gekommen. Ich war wieder einmal nach Hamburg gefahren, und, nach dem Besuch einer anregenden Gesellschaft, in mein Gasthaus zurückgekehrt. Hatte ich mehr als gewöhnlich getrunken, oder welcher Umstand bewog mich: genug, ich ging wieder auf die Straße und kam, ziellos meinen Weg verfolgend, bald in Stadtteile, die mir völlig unbekannt waren. Ein hellerleuchtetes Haus, in das zahlreiche Menschen beiderlei Geschlechts in lebhafter Bewegung aus- und einzogen, veranlaßte mich näher zu treten. Nach Erlegung eines kleinen Eintrittsgeldes befand ich mich bald in einem Riesensaal. Ein großes Orchester auf hochliegendem Balkone spielte. Im Saale selbst drehte sich eine unabsehbare Kette von Tanzenden in bacchantischem Taumel. Ich merkte sofort, daß ich hier nicht zugehörig sei. Aber das gänzlich Neue, einige rasch hinter einander getrunkne Gläser, die vielen hübschen Frauengesichter ließen mich auf dem Balle bleiben. Es war, trotz des gewesenen Aschermittwochs, ein sogenannter Maskenball. Die Kostüme, meistens alt, verschlissen, abgeschabt, waren augenscheinlich alle in Trödlerbuden gemietet. Die vorgerückte Stunde hatte von den Gesichtern schon die mehr oder minder scheußliche Larve entfernt.

Während ich mich bald mitten im Saale, bald in den Seitengängen, auf den Emporen, am Schenktisch durchdrängte, war es mir vorgekommen, als wenn unaufhörlich ein hübscher Page, ein verkleidetes Mädchen, mich verfolge. Zu der schlanken Üppigkeit paßte ein reizendes, blondes Gesichtchen. Und plötzlich, ohne es zu wollen, saß ich an einem leeren Tische der Schönen gegenüber. Woher ich den Mut hatte, sie zu fragen, mit mir ein Glas Wein zu trinken, weiß ich nicht. Mein Gegenüber antwortete ohne Ziererei sofort, daß sie gerne dazu bereit sei.

»Ich habe,« sagte sie, »Sie schon seit einer halben Stunde verfolgt; Sie kennen Hamburg nicht, ich sehe es Ihnen an.«.

»O doch,« antwortete ich, und der guten Gewohnheit folgend, verbeugte ich mich tief errötend vor ihr, und nannte ihr meinen Namen: »Baron Bramstedt.«

»Ein Baron sind Sie,« und dann, mich lächelnd betrachtend: »Wollen wir nicht zusammen tanzen?«

Ich erwiderte artig, daß ich nicht glaube, in dem ungeheuern Gedränge mit ihr recht fortzukommen. Sie lachte wieder, den Hinterkopf, in die Hände gelegt, zurückbeugend. Der Tanz unterblieb.

»Wollen Sie auch meinen Namen wissen?« Ich neigte verbindlich mein Haupt.

»Lise heiße ich, aber sie nennen mich immer die dicke Lise.«

Trotz meiner Unerfahrenheit wußte ich auf der Stelle, wen ich vor mir hatte. Ein unangenehmes, fröstelndes, mich beklemmendes Gefühl rieselte mir durch Seele und Körper. Aber sie war so jung, so frisch. Sie konnte kaum siebzehn Jahre sein. Unmöglich.

Je länger ich sie betrachtete und auf ihr heiteres Geplauder hörte, je mehr gefiel mir das Mädchen. Mein Blut ging rasch durch die Adern. Ich verliebte mich mit jeder Minute mehr. Eifersüchtig zog sich meine Stirn zusammen, wenn ich bemerkte, daß vorübergehende Herren ihr Worte ins Ohr flüsterten, ja, sogar auf die Schultern klopften, und es kam mir deshalb wie eine Art Erlösung vor, als sie mich bat, sie bis zu ihrer Wohnung zu begleiten, sie habe Kopfschmerzen und wünsche sich weg aus dem Lärm.

Und gleich darauf führte ich den Pagen, der einen langen Mantel übergeworfen hatte, durch leerer und leerer werdende Straßen. Als wir endlich an einem großen vierstöckigen Gebäude angekommen waren, sagte sie plötzlich, still stehend:

»Hier bin ich zu Hause. Wissen Sie, Herr Baron, kommen Sie noch einige Minuten in meine Wohnung.«

Mein Herz pochte hörbar.

Wir stiegen zwei dunkle Treppen vorsichtig hinauf. Überall lag tiefe Stille. Sie hatte mir ihre Hand gereicht, und, vorsichtig tastend, standen wir bald vor einer Tür, die sie mit einem aus der Tasche gezognen Schlüssel öffnete. Eine Ampel, die durch die rote Kuppel gedämpftes Licht verbreitete, hing über einem runden Tisch. Das Zimmer durchströmte ein feiner Wohlgeruch.

»Das ist mir zu dunkel,« lachte sie, und entzündete zwei Kerzen.

»So, nun machen Sie sichs bequem.«

Hatte ich auf der Straße mich unbefangen mit ihr unterhalten, wurde ich hier einsilbig und verlegen. Nie noch hatte ich in solcher Weise in so vorgeschrittener Nachtstunde einem Weibe gegenübergestanden.

Ich weiß kaum mehr etwas zu erinnern, aber ich weiß, daß mich ein nie gekanntes, mich unsäglich berauschendes Gefühl in Strömen durchschütterte. Als ich durch das Geräusch des werdenden Morgens erwachte, lag des schlafenden Mädchens linke Hand, zur kleinen Faust geballt, auf meiner Brust, als wolle sie niemals mich freigeben. Ich mußte das süße Gesichtchen betrachten. Und als sie dann plötzlich die Augen öffnete und mich stumm lächelnd ansah, verlor ich das Bewußtsein.

* * *

Die Ausrufer, Verkäufer auf den Straßen, die wüste, laute Durcheinanderpreisung von Kohl (der Hamburger schreit Kaul), Äpfeln, Fischen, Kraut – Alles war still geworden. Die Zwölfuhrmittagesser schafften schon wieder an der Arbeit – und ich war immer noch in dem hübschen Zimmer, das ich in später Nachtstunde betreten hatte.

Von weitem sandte eine Drehorgel das Miserere aus dem Troubadour zu uns. Lise und ich saßen uns gegenüber. Wir saßen Hand in Hand. Ich konnte nicht mehr meine Augen von dem schönen Mädchen wenden. Sie sah mich an, sie lächelte verschämt, dann fiel sie mir um den Hals und weinte. Als ich sie beruhigt hatte, erzählte sie mir die Geschichte ihres Lebens: Die Tochter einer Kellnerin, die in spätern Jahren am Hafen eine böse Schenke mit weiblicher Bedienung hatte, war sie in diesem Sumpfe aufgewachsen und erzogen. Mit dem fünfzehnten Jahre, von ihrer unnatürlichen Mutter an einen alten englischen Kapitän verkauft, war sie, als sie ihre Schande entdeckte, entflohen. Der Direktor eines Vorstadttheaters nahm sie auf. Acht Taler monatlich konnten sie nicht ernähren. Um sich zu zerstreuen und zu betäuben, besuchte sie an ihren freien Abenden die zahlreichen Tanzlokale.

Wie mir diese Erzählung ins Herz schnitt. Die Orgel, die nur die eine Melodie zu spielen schien, begleitete den traurigen Bericht; nun verklang sie, unter unserm Fenster langsam vorbeigehend, in die Ferne.

Die Nachmittagssonne fiel ins Fenster, und ich, wie plötzlich erwachend aus einem süßen Traume, erhob mich, um von ihr Abschied zu nehmen. Ich versprach, am andern Morgen wieder zu kommen, aber da, während wir uns glühend küßten, zog plötzlich ein schwarzer Riesenvogel mit ungeheuern Flügeln über den sonnigen blauen Himmel meiner Liebe. Die strengen Augen meiner Mutter sahen mich schmerzlich und verächtlich an: Du liebst ein solches Mädchen?

Jählings fielen meine Arme von ihrem weißen Nacken. Die hehren, ruhigen, blassen Götter des Stolzes, der Ehre, der Wohlanständigkeit stellten sich, gepanzert, vor mir auf. Mit einem eisigen Lebewohl wollte ich das Zimmer verlassen. Aber mit dem Feingefühl des Weibes hatte Lise sofort erkannt, was in mir vorgegangen war. Sie sank, wie vom Beil getroffen, mir zu Füßen und umklammerte sie.

»Verlaß mich nicht: vergib, vergib; rette mich. Ich liebe Dich, ich liebe Dich, Hans . . .« und leidenschaftlicher werdend, rief sie: »Und Du, Du liebst mich auch, Hans . . . Verlaß mich nicht . . .« und während ich starr auf sie hinabsah, erhob sie sich, von unten scheu meine Augen suchend. Mein ganzer Körper zitterte leise, als sie sich langsam an mir aufrichtete.

»Ich komme wieder,« sagte ich tonlos; und schon im nächsten Augenblick klinkte ich die Türe auf. Ehe ich sie schloß, sah ich noch einmal in den Raum zurück, der mir ein Himmel gewesen war.

Mit ausgebreiteten Armen, das Haupt ein wenig auf die rechte Seite neigend, den Mund schmal geöffnet, das große Auge leer auf mich geheftet, stand die schöne Schlange inmitten ihres Paradieses.

* * *

Ich bin kein leidenschaftlicher Mensch.

Wenn irgend ich konnte, habe ich mir die Weiber ferngehalten; merkte ich, daß mein Herz in lebhaftere Bewegung geriet durch eine Frau, ein Mädchen, schleunigst machte ich mich auf die Reise. Und ich habe mich wohl dabei befunden.

Nur einmal hat mir die Liebe eine schlaflose Nacht gebracht mit solchen Schrecken, daß ich sie nie vergessen werde.

Es war jene Nacht, als ich mit dampfenden, zusammenbrechenden Pferden auf Grönhude ankam.

Zu meinem Hausstande gehörten außer meinem Diener ein altes Ehepaar Ralfs. Vater Ralfs war Kammerdiener bei meinem Großvater gewesen; nun lebte er sein »Altenteil« auf Grönhude. Er und seine fast ebenso hochbetagte taube Frau führten der Form nach meine Haushaltung.

Als ich vom Wagen aus mit einem hastigen Sprunge die Treppe berührte, trat mein Diener heraus, um mir behilflich zu sein. Ich sagte ihm barsch, er solle den Kutscher anweisen, die stark mitgenommenen Pferde erst umherzuführen, ehe sie abgeschirrt würden. Er erwiderte mir, die beiden Braunen könnten kaum mehr stehen, sie zitterten so stark, daß . . .

»Tu, was ich sage,« rief ich ihm erregt zu.

Mein Diener, der solchen Ton bei mir nicht kannte, schlich sich, errötend, weg.

Nun trat ich in mein Zimmer; mir folgte Ralfs, der mit der Geschwätzigkeit und den Redewiederholungen des Alters eine Erzählung begann, daß er sich heute den letzten Zahn ausgezogen habe. Er habe einen starken Zwirnsfaden doppelt genommen, um den Zahn gelegt, das eine Ende des Fadens um ein Fensterkreuz . . .

»Höre auf, Alter, ich habe Kopfschmerzen, erzähle mir morgen deine Geschichte . . .« und ganz verwundert und kopfschüttelnd zog er sich zurück.

Allein. Ich trat hastig ans Fenster und öffnete es mit einem Ruck. Um mein heißes Gesicht strich die köstliche, feuchte Luft des Vorfrühlings. Als ich ins Zimmer zurückging, merkte ich erst die Bemühungen meines gebrechlichen, längst zum Totschießen reifen Teckels Männe, die Freude des Widersehens durch Hinundherspringen und schwaches heiseres Gebell kundzugeben. Ich nahm ihn auf die Arme und liebkoste ihn. Aber meine Liebesbezeugungen müssen so heftig gewesen sein, daß er, als ich ihn niedersetzte, ganz gegen seine Gewohnheit mit eingezogner Rute, statt mir als echter Teckel die Zähne zu zeigen, auf sein Kissen kroch.

Allein! . . Und mit ausgebreiteten Armen jagte ich auf und nieder. Ich schrie, ich wimmerte wie ein mit Schmerzen behaftetes Tier. Oft hatte ich schon die Hand an die Glocke gelegt: Die Pferde, die Pferde vor. Zurück, zurück zu ihr! Aber dann standen die blassen Gepanzerten mit wagerecht gehaltnen Speeren vor mir, der Stolz, die Ehre, die Wohlanständigkeit.

Und wieder und wieder stürmte ich auf und ab. Da fiel mir ein, was mich so oft getröstet: ich setzte mich an meinen Schreibtisch, und die Stirn scharf an den Rand legend, betete ich inbrünstig zu Gott, er möge mir helfen. Und wirklich wurde ich ruhiger. Da rief, zum erstenmal in diesem Frühling, die Drossel aus der Ferne, aus dem Garten, und: »Lise, dicke Lise,« schrie ich auf, und wieder war es wie zuvor.

Die alte taube Frau Ralfs meldete mir, daß mein Abendbrot bereit stehe. Ich verneinte mit Kopf und Hand.

Längst hatte die Nacht dem Tage den Vorhang vorgezogen. Mein Fenster stand noch immer offen. Ich merkte die Kühle nicht. Ein bitteres, häßliches, mit Gott und Allem murrendes Gefühl kroch mir ins innerste Herz.

War das die vielbesungene, vielgepriesene, die ewige Liebe, die ich fühlte? Die erste Liebe ist keusch wie ein verstecktes Waldbächlein. Hatte ich nicht oft gelesen, welch unsägliche Wonne die erste reine Liebe mit sich bringe? Und nun? Ich hatte mit der wilden Gewitternacht der Liebe begonnen, was war es ferner denn des Reizes?

Und doch, und doch, ich liebe dich, Lise; ich kann nicht von dir lassen. Das süße Bild, wie sie, schlafend, die kleine Faust auf meiner Brust hielt, als wolle sie mich niemals freigeben, ich konnte es nicht aus dem Gedächtnis bannen.

Mitternacht war längst vorüber. Ich hatte lange im Neuen Testament gelesen; die herrlichen Worte des Erlösers waren Öl auf der wilden See meines Herzens. Sie hatten mich wahrhaft getröstet. Keine Angst, keine Beunruhigung gaben sie mir. Und schon wollte ich zur Ruhe gehen, um, mit Gott, den Kampf am andern Morgen fortzusetzen und zu siegen, als mir beim letzten Blättern das hohe Lied Salomonis in die Augen kam. Hatte ich als gläubiger Christ die naiven Kapitelübersetzungen Luthers mit allem Ernst in Zusammenhang gebracht mit dem Inhalt, so wurde ich nun so berauscht von dem wundervollen Liebeslied des erlauchten Dichters, daß ich in die höchste Aufregung geriet. Zu ihr, zu ihr. Ich nahm meinen Hut und ging aus dem Hause, um nach dem Stalle zu eilen, den Kutscher zu wecken, daß er auf der Stelle anspanne. Aber vor der Stalltür streckten mir wieder die blassen Gepanzerten die Speere vor. Lautlos schlief die Natur. Ich hörte das Scharren einer Kette, eine Kuh hustete, ein Hahn krähte im Schlafe.

In den Wald. Dort find ich Ruhe. Der Mond hatte eine dicke graugelbe Regenwolke übergezogen.

Ich lehnte mich an einen Buchenstamm. In unermeßlicher Höhe schrien wilde Gänse. Zuweilen knackte ein Zweig. Dann wieder Alles still.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.

Und wiederum wanderte ich ruhelos in meinem Zimmer auf und ab. Da fiel mir plötzlich ein, daß einer meiner Hauslehrer mir geraten, in tieferregter Stimmung die Selbstbetrachtungen des Kaisers Mark Aurel in die Hand zu nehmen. Augenblicklich holte ich sie aus meinem Bücherschrank.

Und wirklich, als ich mich in das Buch vertiefte, kam endlich die ersehnte Ruhe. Gewiß war sie künstlich, aber sie war doch gekommen. Und mit langsamen Schritten hin und hergehend, überlegte ich den folgenden, unnatürlichen, gezierten, abscheulichen Brief, von dem ich noch heute eine Abschrift habe.

Ich schrieb.

Mein Fräulein.

Als ich gestern, von Ihnen veranlaßt, Ihre Wohnung betrat, wußte ich nicht, daß ich mich in die Netze einer Leichtsinnigen verfangen hatte.

Durch Ihre gewiegten Künste eingeschläfert, gelang es mir nicht sofort, mich aus Ihren Armen zu reißen. Doch nun, nach langem Kampfe (ich muß es gestehen), bin ich Sieger geblieben.

Sie werden es einsehen, daß es mir meiner Stellung, meiner moralischen Gesinnungen, meiner Erziehung nach nicht wohl ansteht, mich ferner mit Ihnen zu beschäftigen.

Ich kann Ihnen nur anheimgeben, sich mit Ihrem Seelsorger in Verbindung zu setzen, dem es gelingen möge, Sie auf den rechten Weg zu führen.

Zweihundert Mark erlaube ich mir ergebenst mitzusenden.

H. B.

* * *

Ich war nach Vollendung dieses Machwerks auf meinem Stuhle eingeschlafen und erwachte, als schon die Sonne durch die Scheiben schien. Ohne mich zu besinnen, versiegelte ich den vor mir liegenden Brief, steckte mir zu meinem Reisegeld noch zweihundert Mark ein und fuhr nach Wittenmoor zu meiner Mutter. Meinem Diener hinterließ ich die Weisung, meine Koffer zu packen und mich um elf Uhr abends auf dem Bahnhof in Hamburg zu erwarten.

Meine Mutter staunte, den plötzlichen Entschluß meiner Abreise zu hören, billigte ihn aber sehr, als ich ihr Andeutungen gegeben hatte.

Am andern Morgen rieb ich mir schon die schlaftrunkenen Augen auf dem Lehrter Bahnhof in Berlin.

* * *

Als ich acht Tage in Berlin gewesen war, erhielt ich als Einlage in einem Briefe meiner Mutter ein Schreiben, von dem sie mir sagte, daß es bald nach meiner Abreise aus Grönhude eingetroffen sei; nach der kritzlichen Handschrift der Adresse zu urteilen, werde es ein Bettelbrief sein. Auch ich war der Ansicht, und öffnete den Brief, wie man eben ein Bettelschreiben aufbricht, halb gleichgültig, halb neugierig.

Aber während des Lesens übergoß Blutwelle auf Blutwelle mein Gesicht. Die Zuschrift, unorthographisch, aber darauf achtete ich nicht, lautete:

Werter Herr Baron.

Ihren Brief den Sie mich zuschickten habe ich mit tiefem Herzeleide erhalten. In mein junges Leben da ich so viel Elend und Kummer hatte habe ich nicht so sehr geweint da Ihr werther Brief ankam. Ich möchte immer an Ihrer Seite gewesen sein da ich Ihnen so sehr lieb habe. Ich wußte nicht da ich Ihnen sah was die Liebe war. Aber da hat mein Herz geliebt gleich als ich Ihnen sah in Meiners sein Lokal. Wenn ich gewußt das ich Sie so gekränkt aber die Männer sagen alle die dicke Liese sei so gut und nett und Sie allein – ach lieber lieber Herr Baron – haben mir nicht gemocht und liebe Ihnen doch so sehr.

Ich sehe Ihnen nun nicht mehr im Leben da Sie so stolz sind und denken Sie doch zuweilen ich weiß es an Ihre dicke Lise die Ihnen so sehr lieb hat und nun immer weinen muß.

Das Geld, – o warum schickten Sie mich das – habe ich an das Matrosenkrankenhaus in Jonas gegeben da mein Vater ein Steuermann soll gewesen sein.

Es grüßt Ihnen mit so betrübten Herzen

Achtungsvoll

Lise.

»Es hat denn doch Jahre gedauert,« so schloß der Erzähler, »bis ich nicht mehr an diesen Brief denken mußte.

Damals, als ich ihn in Berlin zuerst las, wollte ich durchaus zurück zu dem armen Kinde. Ein guter Stern, warum soll ich es nicht aussprechen, hielt mich ab.«

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