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Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Der Dichter

Vor einigen Jahren verkehrte ich in Hamburg viel in einem Weinhaus, das mir aus dem Grunde so unterhaltend war, weil dort Menschen aus allen Erdteilen ein- und ausgingen, wenn auch nicht wie in südlicher gelegenen Städten der Fez oder eine auffallende Nationaltracht auftauchten.

Ich hatte das behagliche Gefühl, völlig vereinzelt und unbeachtet in dem großen Fremdenmischmasch verweilen zu können.

Nicht zum wenigsten war mir dies Wirtshaus besonders noch dadurch lieb geworden, daß allabendlich in einem der Säle auf einer bühnenartigen Erhöhung sich eine Streichmusik einrichtete, die, über den Geschmack ist nicht zu streiten, mein Herz erfreute und mich oft mitten in dem Wirrwarr in Träume wiegte; nirgends ist man einsamer als in Weltstädten – und bei zarter Streichmusik.

Seit einigen Abenden war mir ein Herr aufgefallen, der entweder in tiefen Gedanken, oder dachte er an nichts? vor sich hin starrte, oder zahlreiche kleine aus einem Notizbuche ausgerissene weiße Blätter beschrieb. Die ihn Umsitzenden, wie das in einer Großstadt zu sein pflegt, hatten kein Auge für ihren nachdenkenden oder schreibenden Nachbar. Vielleicht ein flüchtiger Blick, ohne irgend welche Neugierde; dann ließ man ihn sitzen.

Ans einer entfernten Ecke beobachtete ich meinen Interessanten. Schrieb er nicht, so schob er mit Daumen und Zeigefinger der Linken seinen kurzgehaltenen, sorgfältig beschnittenen schwarzgrauen Schnurrbart auseinander, stier vor sich hinblickend; oder er legte, den rechten Arm mit der linken Hand stützend, das Haupt in die rechte. Zuweilen fuhr er aus dieser Lage auf und starrte, wie abwesend, in seine Umgebung. Er schien nichts zu sehen, sondern war augenscheinlich mit innern Bildern beschäftigt. Wie von der Tarantel gestochen, begann er emsig zu schreiben, sich tief, mit kurzsichtigen Augen auf seinen Zettel neigend. Unglaublich schnell kritzelte er; dann plötzlich hielt er wieder inne, um das, was er geschrieben, meistens auszustreichen. Schien ihm eine Wendung, ein Satz, ein Gedanke zu gefallen, so nahm er das Zettelchen dicht ans linke Auge und las oft drei, vier Minuten an den Worten.

Spielte die Musik, so wurden seine Bewegungen schneller, heftiger. Er wiegte den Kopf, zog die Stirn in drohende Falten, legte, als wenn er pst, pst sagen wollte, den Finger auf den Mund, oder sprach gar einige leise Worte vor sich hin. Dann wandte er auch wohl schnell den Kopf nach einer Seite, als ob er eben gerufen wäre.

Meine Neugier war rege geworden: ein harmloser Geisteskranker, dachte ich. Der Kellner antwortete mir auf mein Befragen, ob er jenen Herrn kenne: »Der macht hier jeden Abend von neun bis zehn Uhr Reimverse.« So. Also »Reimverse«. Ein Dichter folglich; ein Dichter in seiner Arbeit, in den Augenblicken der »göttlichen Eingebung«, in tiefster, innerster Erregung, und, wie mir schien, in oft augenscheinlicher Bedrängnis, das ihn Bestürmende in rechte Worte zu fassen und rasch zu Papier zu bringen. Oder war der Mann ein Charlatan, ein Wichtigmacher, einer, der durchaus der Welt interessant erscheinen möchte?

Meine Neugier, auch Teilnahme, wenn ich das blasse, abgehärmte Gesicht betrachtete, wuchs. Kurz und gut, ich benutzte den Augenblick, als sein Nachbar bezahlte und wegging, um mich auf seinen Platz zu setzen. Auf jeden Fall wollte ich versuchen, die Bekanntschaft des Sonderlings zu machen.

Als ich, an seinem Tisch angekommen, mich neben ihm niedergelassen hatte, las er die vor einigen Sekunden weggelegte Zeitung meines Vorgängers. Er schien eifrig den Feuilletonquark zu verfolgen.

Ich hatte Zeit, ihn in der Nähe zu betrachten. Just so stellte ich mir von jeher einen deutschen Dichter vor: den Hals umgab ein Klappkragen von zweifelhafter Weiße, der Rock war abgetragen, der ganze Mann sah verhungert aus, natürlich würde er im vierten Stockwerk wohnen, seine Haare »wallten« öldurchtränkt in langen Strähnen über den Rockkragen.

Ein tiefes Mitgefühl für den Unglücklichen faßte mich. Denn unglücklich mußte er sein, das las ich aus seinen kummervollen Zügen. Wenn ich ihm behilflich sein könnte fiel mir ein, seis auch nur im Erträglichermachen seiner äußern Lage.

Noch heute Abend mußte ich seine Bekanntschaft machen. Ich sann über die Worte nach, wie ich ihn anreden wollte. Vielleicht, wenn er die Zeitung wegschob: »Erlauben Sie, mein Herr?« Oder auch: »Wie voll es heute wieder ist!« Oder: »Die Bedienung fängt an, recht mangelhaft zu werden.«

Und während ich einen einigermaßen vernünftigen Anfang überdachte, ließ er die Zeitung aus der Hand gleiten und sah in die Menge.

Ich platzte sofort los: »Mein Herr, Sie scheinen ein Dichter zu sein.« Du lieber Himmel, wie unsinnig! Das Wort war aber einmal gefallen und nicht wieder rückgängig zu machen. Er hatte auch vollkommen verstanden und antwortete: »Ja, das bin ich! Ich bin der Dichter Franz Mäurer.« Er hatte die Augen groß auf mich gerichtet und schien von mir zu erwarten, daß ich anbetend zu seinen Füßen sinken würde, eins seiner Sonette oder was es sonst von ihm war, herzusagen. In der Tat war es mir in diesem Augenblick peinlich, den Dichter Franz Mäurer nicht zu kennen. Der Dichter schien enttäuscht zu sein und sah gleichgültig in den Saal, als ich, statt der von ihm sicher erwarteten Antwort, sagte: »Mein Name ist Martens.«

»Aber Sie sind auch ein Dichter?«

»Keineswegs! Ich bin Besitzer einer Nagelfabrik.«

»So interessieren Sie sich für die Literatur?«

»Gewiß tue ich das und mit ganzer Seele.«

»Ah,« seufzte Herr Mäurer, »ah, allerdings ein seltner Fall . . . in Deutschland . . . allerdings . . .«

Wir waren bald in ein lebhaftes Gespräch über die literarischen Größen unsrer Zeit vertieft. Herr Mäurer ließ mich kaum zu Worte kommen. Sein hartes Urteil über wirklich anerkannte Novellisten und Romandichter, sowie sein unglaublicher Ungeschmack machten, daß ich an dem Manne ganz irre wurde.

Als ich nach längerer Zeit gewissermaßen von ihm Erlaubnis erhielt, zu sprechen, bat ich ihn, neugierig geworden durch seine sonderbaren Kritiken, ob er es mir erlaube, einen Einblick in seine Dichtungen zu tun. Herr Mäurer machte eine triumphierende Miene, stand auf und zog mich aus dem Saale mit den Worten: »Kommen Sie, kommen Sie, Herr Martens! Sie sollen von mir lesen und hören.«

Die ganze Szene hatte natürlich kein Mensch bemerkt. Eine von den zahllosen Annehmlichkeiten der Großstadt.

»Sie gehen mit, Herr Martens; keine Widerrede! Ich bitte, trotz der vorgerückten Stunde mich in meine Wohnung zu begleiten.« Dann ging er wieder auf literarische Fragen über. An einem Laternenpfahl blieb er stehen und sagte gedehnt: »Wissen Sie, daß ich Homer langweilig finde, namentlich in der Voßschen Übersetzung, und die ist immer doch noch die beste. Sehen Sie sich, beim Himmel! den Achill an! Ein Schlächterbursche. Nein, Achill ist mir eine widerwärtige Figur«.

Er sagte wirklich »Figur«.

Ich war im Begriff, ihm heftig zu erwidern, aber er ließ mir keine Zeit; plötzlich sprang er von Achill zu »Hermann und Dorothea« über. »Erlauben Sie, wenn mir Homer langweilig ist, so ist es mir »Hermann und Dorothea« erst recht. Mags an den Hexametern liegen, oder woran immer: es ist mir langweilig. Ich begreife nicht, wie Goethe ein solches Philistergedicht schreiben konnte.«

Ich war nahe daran, Herrn Maurer einen Faustschlag ins Gesicht zu geben, besann mich aber und sagte:

»Meine Zeit erlaubt es mir leider nicht, länger Ihren Gesprächen zu folgen; außerdem ist es bald Mitternacht, und morgen früh muß ich . . .«

»O, ich bitte, Sie kommen nicht weg,« erwiderte er hastig; und dann klang es wie flehend: »Sehen Sie, nun eben, ach, seit wie langer Zeit höre ich ein freundliches Wort, fühle ich Teilnahme. Mein Gott, ja, ich schwatze Ihnen zu viel; aber wenn man, wie ich, gezwungen ist, die göttlichsten Gedanken« (er warf einen Blick in die Sterne) »stets bei sich behalten zu müssen, da tut es so wohl, wenn . . .«

Herr Mäurer schwieg, und schweigend gingen wir eine gute Strecke. Plötzlich blieb er stehen und sah mich an: »Ich merke, Sie sind neugierig, weshalb Sie mich im Saal so nachdenklich gesehen haben. Dort dichte ich!« Die letzten Worte sprach er mit gehobner Stimme. Dann fuhr er fort: »Ich muß Ihnen sagen, daß ich zwar in recht angenehmen Verhältnissen lebe, jedoch um diese meiner Frau und Tochter und mir selbst zu erhalten, muß ich arbeiten, und diese Arbeit besteht in Romanschreiben für kleine Blätter. Dies Geschäft bringt mir ein recht gutes Stück Geld ein. Ich betreibe es täglich von acht Uhr morgens bis in den Spätnachmittag. Vollständig wie im Schlafe. Doch ich erzähle Ihnen später davon . . .«

»Aber, Herr Mäurer, weshalb ruhen Sie dann nicht von Ihrer Arbeit aus, statt abends mit und in der Welt zu leben, zu dichten . . .«

»Aber das ist ja meine Erholung; da kommen mir die göttlichsten Gedanken.«

Wir waren an einem hohen Hause, einer sogenannten Mietskaserne, in einer engen, abgelegnen Straße stehen geblieben. Die Gegend gehörte nicht zu den besten.

Herr Maurer sagte: »Wenn ich nicht so glücklich wäre, einmal einen Menschen gefunden zu haben, mit dem ich mich aussprechen kann, würde ich Sie sicher nicht gebeten haben, Herr Martens, mit mir drei Treppen hoch zu steigen.«

Es war dunkel im Hause. Ein unangenehmer Kohl- und Fettgeruch, in so später Stunde, machte sich bemerkbar. Auf der zweiten Treppe stolperten wir über einen Betrunknen. Irgendwoher klang Klaviermusik. Der Fledermauswalzer wurde ziemlich gut gespielt. Dazwischen klang es wie Gläserklingen und Gelächter. Wir waren in seiner Etage angekommen. Er zog leise an der Türklingel. Es kam niemand. Er zog stärker. Ein weibliches Wesen öffnete und sprach laut: »Na, endlich Franz, wo bleibst Du denn so lange?«

Die Stimme verstummte, als ich als Begleiter erkannt wurde. Noch immer standen wir im Dunkeln. Ich hörte hin- und hertrippeln. Die Musik verstummte plötzlich, ebenso das Gläserklingen und das Gelächter.

Eine Tür wurde geöffnet, und wir traten in ein großes Zimmer, aus dem die letzten Reste eines Abendessens rasch weggeholt wurden. Ich sah, daß eine Zwischentür klaffte, hinter der wir durch den Spalt beobachtet wurden. Eine fette Stimme sagte ziemlich laut: »Herrgott, wen hat er denn da wieder aufgegabelt.«

Ich hatte wenig Zeit, mich im Zimmer umzusehen, denn Herr Maurer begann sofort, nachdem wir an einem großen Tische Platz genommen, mich mit seinen »Dichtungen« bekannt zu machen. Es war mittelmäßiges Zeug, ohne jede Ursprünglichkeit. Die berühmten Dichterworte: wallen und kosen wiederholten sich beständig. Es kos»e«ten nicht nur die Tauben, die Spatzen, die Menschen, sondern auch einmal die Kaninchen. Es »wallten« nicht nur die Haare, die Nebel, die Tannen, die Lüfte, sondern auch die Gefühle. Ich hörte schon lange nicht mehr auf die mit vielem falschen Pathos vorgetragnen Gedichte, sondern sah mich in dem Raume um. Alles schien wie besät mit Papierschnitzeln, auf denen wahrscheinlich die »göttlichsten Gedanken« gekritzelt waren.

Die »göttlichsten Gedanken« war sein Lieblingsausdruck.

Vor einem öden Schreibtisch stand ein harter schäbiger Stuhl. Hier war die Fabrik der »spannenden« Romane, der »sinnigen« Novellen. Hier sklavte der arme Herr Mäurer täglich viele Stunden lang, um Frau und Tochter zu ernähren und in recht »angenehmen Verhältnissen« zu erhalten.

Plötzlich wurde der Versedrechsler im Lesen unterbrochen. Dieselbe Stimme von vorhin rief aus der Türspalte »Franz!«

Franz sprang sofort auf und eilte, sich bei mir entschuldigend, ins Nebenzimmer, dessen Tür aus Versehen angelehnt blieb. Ich hörte, wenn auch im Flüsterton gesprochen wurde, deutlich: »Warst Du bei Baron Meier? Hast Du die dreißig Mark von ihm erhalten?«

»Nein, ich war nicht da, Agnes, ich war nicht da. Ich ertrage es nicht mehr, diese ewige Bettelei; ich ertrage es nicht mehr! Ihr könntet wohl auskommen mit dem, was ich für Euch verdiene.«

Ich räusperte mich, es wurde nicht bemerkt. Die Frauenstimme fuhr leidenschaftlich fort:

»O, Du Feigling! Verhungern läßt Du uns! Verhungern!«

Dann sagte sie leise, aber in scharfem, befehlendem Tone: »Wen hast Du da mitgebracht? Er ist gut angezogen, forsche ihn aus; wenn er wohlhabend ist . . .«

Jetzt wurde mir die Sache denn doch zu arg. Ich sprang auf und schloß mit Geräusch die Tür.

Gleich darauf erschien Herr Mäurer. Er sah blaß aus, und sich in den Stuhl zurücklehnend, sagte er tonlos:

»Ach, Sie glauben nicht, wie schrecklich das ist, Tag um Tag acht bis zehn Stunden gedankenlos Romane schreiben zu müssen. Und sehen Sie hier« (er zeigte mir eine Masse Briefe und Papiere, die er einer Schieblade entnahm):

»Siebzehn Blätter bestellen zum Geburtstage Seiner Majestät Gedichte. Und immer kommt darin vor: Heldenkaiser – Lorberreiser. O, wie ich mich schäme, unsern Kaiser stets so anzuleiern! Aber es fehlt mir in der Tat die Zeit, mich ernstlich zusammenzunehmen. Bedenken Sie: Siebzehn Blätter! Und die Gedichte dürfen doch nicht alle gleichlauten. Freilich, freilich, da hab ich so mein Methodchen . . . Für morgen ist ein Polterabendscherz bestellt, für übermorgen zwei Grabgedichte, für Donnerstag Ansingung des Bureaupersonals an ihren jubiläumfeiernden Chef; und so fort und so fort. Aber es bringt Geld. Die Masse tuts . . . Hier, nehmen Sie mit, da können Sie einmal zu Hause lesen, was von mir von den Redaktionen verlangt wird . . .«

Unglaublich! . . . Ich nahm diese Briefe mit nach meiner Wohnung.

Einige mögen hier folgen:

Sehr geehrter Herr!

Wir teilen Ihnen mit, daß wir Ihren Roman für den Abdruck in unserem Blatte akzeptieren, jedoch mit dem Vorbehalte einiger unerläßlicher Änderungen: Louise darf nicht sterben, werter Herr; sie kann sich vielmehr mit Eduard sehr wohl versöhnen und ihn heiraten. Auf den guten Schluß kommt immer sehr viel an; das Publikum will sich nicht verstimmen lassen. Wir haben erfahrungsmäßig jedesmal, wenn der Roman ohne Hochzeit endete, eine Anzahl Abonnenten verloren. Ferner der Titel! Der muß uns ganz überlassen bleiben. Sie haben »Streiflichter« gewählt, aber diese Bezeichnung ist völlig unmöglich, viel zu kurz und den weniger Gebildeten verdächtig. Wir nennen den Roman: »Das Geheimnis des Polizisten oder: Ein Opfer des Zeitgeistes«. Auch vermissen wir die Namen »Werner« und »Walter«. An diese hat sich das deutsche Lesepublikum nun einmal gewöhnt. Sie dürfen in keinem Roman, in keiner Novelle fehlen. Sollen Sie ferner den »Maler« nie vergessen.

Ihrer gefälligen Rückäußerung entgegensehend usw.

Ein anderer lautete:

Keinerlei Tendenz, werter Herr, das ist die erste Bedingung. Unser Blatt soll möglichst in jedem Hause seine Stätte haben, es darf also das Gebiet der politischen und sozialen, insbesondere aber der religiösen Fragen absolut niemals berührt werden. Sensationell, das ist die Hauptsache, spannend, wühlend. Wir pflegen pro Tag 326 Zeilen Roman zu geben. Sie würden uns also sehr verpflichten, wenn Sie Ihre Arbeit so einrichten wollten, daß dieses Quantum jedesmal mit einer Frage oder dergleichen schließt, z. B.: »Die Tür öffnete sich! Wilhelmine fuhr mit einem Schrei zurück, sie war leichenblaß geworden. Adolar stieß sich das Messer in den Busen!«

Das veranlaßt diejenigen, welche Einzelnummern kaufen, nun auch die folgende zu nehmen. Usw.

Ein dritter:

Werter Herr!

Remittieren anbei dankend Ihre Sendung. Druckten wir das, so würde man uns steinigen. Der verlobte Rittmeister scherzt abends um elf Uhr mit der Gouvernante im Garten, während gegen den Schluß des Romans sogar herauskommt, daß Komtesse Ida die illegitime Tochter der Geheimrätin ist. Das geht durchaus nicht – unsere Zeitung wird von Backfischen gelesen, da hat man Rücksichten zu nehmen. Usw.

Ein vierter:

Werter Herr!

Besten Dank für Ihre willkommene Einsendung. Der Roman gefällt uns so sehr, daß wir eine andere Arbeit zurückstellen, um mit der Ihrigen den neuen Jahrgang zu beginnen. Nur eine kleine Bitte möchten wir Ihnen ergebenst vorlegen: Das mittlere Kapitel, das erste des zweiten Bandes Ihrer Erzählung spricht am meisten an. Wir bestimmen es daher zum Anfang und ersuchen Sie, die dadurch nötig werdenden kleinen Änderungen schleunigst vornehmen zu wollen, da das erste Stück schon gesetzt ward. Haben Material für dreizehn Nummern, alsdann bitten gefälligst höflichst um Fortsetzung usw.

Ein fünfter:

Geehrter Herr Mäurer!

Wir danken bestens für das uns übersandte Manuskript, obwohl wir leider den Druck desselben ablehnen müssen. Reflexionen, geschichtliche oder gar politische Rückblicke, überhaupt Betrachtungen irgend welcher Art, Gedanken insbesondere, sind vollständig ausgeschlossen. Das Publikum will unterhalten, aber nicht belehrt sein; es ist daher auch ganz unstatthaft, die Werke unserer großen Tondichter in den Nahmen der Erzählung hineinzuziehen, indem man einfach sagt: Chopins Sonate, Opus soundsoviel oder dergleichen. Wer das nicht versteht, ärgert sich, und das müssen wir strengstens vermeiden. Bedarf es einer poetischen Reminiszenz, so bleibt man bei den Volksliedern, wie: »Steh' ich in finstrer Mitternacht«, »Mädel ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite« oder dergleichen. Das kennen alle. Usw.

Ein sechster:

Ihre Novelle, geehrter Herr, hat uns sehr gefallen, so daß wir dieselbe nicht gern ausschlagen möchten. Siebenunddreißig Romane und Erzählungen müssen kontraktmäßig der Ihrigen vorangehen, so daß der Druck erst in drei Jahren stattfinden kann. An Honorar zahlen wir per Druckbogen fünf Mark; für diesen Preis überlassen uns die Verleger von Romanen den Stoff, ehe er als Buch erscheint; wir brauchen daher nicht teuer zu kaufen usw.

Ein siebenter:

Aber Geehrtester!

Bedenken Sie doch, daß unsere Zeitung nur in frommen Familien gelesen wird; sie wird streng von den Pastoren überwacht. Ihre Erzählung gefällt uns sonst recht gut; wollen Sie also die natürliche Tochter des Barons Felseck von Sternenstein heraus nehmen, so akzeptieren wir.

Ein achter:

Wir senden hiermit, werter Herr, Ihre Erzählung mit dem Bemerken ergebenst zurück, daß wir gerne gesonnen sind, sie zu akzeptieren, wenn Sie sich entschließen können, noch stärker aufzutragen. Sie können bis an die äußerste Grenze des Erlaubten gehen, jedoch so, daß wir nicht mit der Staatsanwaltschaft in Konflikt kommen. Wenn Sie übrigens schreiben im dritten Kapitel: »Der junge Schneiderssohn in seiner ausschweifenden Sinnlichkeit begehrte die blonde Komtesse Aurelie« – so ist das vielleicht doch zu starker Tabak. Das müssen Sie mildern oder poetischer fassen. Usw. usw.

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