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Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Aus einem Gespräch

Ist es nicht köstlich, ganz köstlich, langsam, in dicken hohen Wasserstiefeln, mit aufgeschlagnem Kragen durch den Frühlingsregen, der lotrecht herunter fällt, zu gehen, zu schlendern? Es ist völlig windstill, die Tropfen an den nackten Zweigen müssen erst sehr schwer werden, ehe sie sich lösen. Die Erde ist quappsig, sie bleibt an den Sohlen. Noch zeigt sich der letzte Schnee an den Knicks, schwarzbraun durch den Regen. Die Felder liegen noch brach. Sie erwarten das einfallende Saatkorn. Die Schollen schließen es ein, es wächst, es zeigt das Köpfchen, es wird immer länger, die Julisonne bräunt es, füllt es; nachts im heißen August hebt das Erntekind die silberne Stirn aus dem Roggen, aus dem Weizen, aus der Gerste . . . Der Schnitter kommt: sonst fiele der Same aus, um von neuem zu befruchten. Geborenwerden und Sterben. Ach, du alte Mutter Erde.

Ich trete in einen Erlenbusch, der mit Birken durchsetzt ist. Beide Arten liebe ich. Sie haben nichts Prunkendes; die weiße, zarte, oft zierliche Birke etwas Keusches. Ich ziehe ein wenig die Schultern hoch, denn ich habe den doppelten Tropfenfall auszuhalten: der zweite kommt von den Ästen.

Und dieser feuchte kräftige Erdgeruch.

Mich an ein nasses, weißes Stämmchen lehnend, schau ich in die weite Ferne vor mir. Es ist nichts Erhabnes, keine Berge, keine Schlösser. Aber Alles ist, sag ich richtig, gut und lieb. Durch die Regenbeleuchtung ist es klar. Die Wälder dämmern überall. Irgendwo steigt ein Rauch auf, meilenfern. Die Frühjahrswasser blinken wie zahllose Seen. Einzelne Kirchtürme der Dörfer sind sichtbar. Menschen auch dort. Menschen mit schlagenden Herzen, mit gebückten Nacken, mit von der Arbeit geborstnen Frosthänden, mit alledem, was uns allen gemeinsam ist.

Es rauscht über mir; kleine Zweige brechen und fallen zur Erde. Zwei Rabenkrähen umfliegen sich, wollen bäumen, verjagen sich gegenseitig. Nun sitzt der eine, krächzt, indem er unaufhörlich den Hals in Schwung bringt, den Schwanz spreitet; dann wütende Schnabelhiebe auf den Ast, auf dem er anhakt, austeilend. Da ist der andre wieder. Wie die Augen glänzen! wie sie aufeinander mit den furchtbaren Schnäbeln losgehen. Ah so, die Liebe. Natur, Natur.

Ich bin roh genug, die beiden großen schönen Vögel durch Händeklatschen zu verscheuchen. Ein herrisches Gefühl hat mich dazu getrieben: ich will Ruhe haben.

Aber wie Hohn auf den plumpen Menschen ist es, daß im gleichen Augenblick zwei Buchfinken ansetzen: hört der eine auf, beginnt der andere: Eifersucht. In der Mitte sitzt die Finkin, dreht sich, putzt sich, wartet. Ich muß lachen. Natur, Natur. In unendlicher Weite fällt ein Schuß, kaum ist der Knall zu hören; die schwere drückende Luft dämpft den Schall.

Der Regen hört auf. Ich wandre, schlendre, mein Stock schleift hinter mir her; nun hab ich ein andres Wäldchen erreicht. Die Aussicht ist ähnlich: große Überschwemmung. Die Deiche, auf denen, fein gegen den Himmel ausgeschnitten, Liliputaner gehen; Busch, Wälder, Bauernhäuser spiegeln sich im Wasser. Große Stille. Es ist so still, daß allerlei Geräusch aus der Ferne an mein Ohr schlägt: Hähnekrähen, die Kiebitze, Hundegebell, das Weinen (mit Zwischenräumen) eines Kindes von einem Gehöft her. Ein neben mir liegender großer Haufen Schnee dampft; er ist so lange ungeschmolzen geblieben, weil ihn ein starker Hainbusch, dessen Blätter noch vom vorigen Sommer nicht abgefallen sind, geschützt hat.

In dem Tälchen vor mir sehe ich ein Bauernweib. Sie dreht mir den Rücken zu. Tief gebückt, buddelt sie etwas aus der Erde, Kartoffeln, Rüben, oder was immer hier hat den Winter überdauern müssen. Ein junger Bauer schleicht heran und begrüßt sie mit einem tüchtigen Handschlag. Erschrocken sieht sie sich um, um sofort in ein derbes Gelächter auszubrechen. Der Galan nimmt sie in die starken Arme, und aneinander geschmiegt gehen die Beiden einem dichten Tannenwäldchen zu, durch das ein schmaler Weg nach dem Dorfe führt. Natur, Natur. Ob Frau von Hohenstiefel das Pärchen unter die berühmten Liebespaare aufgenommen hat, weiß ich nicht. Aber ah, über mir, nicht zu hoch, stürmt eine Schar wilder Gänse mit wüstem Gekrächz. Wenn ich ziehende wilde Gänse sehe und höre, überfällt es mich immer mit toller Sehnsucht: Freiheit, Freiheit. Ihr Schreien, ihr Rufen, ihr rascher Flug ist nur die Sehnsucht nach Futter. Natur, Natur. Der Hunger und die Liebe, sagt Schiller.

Atemlos kommt ein kleiner Bursche mit heißen Backen auf mich zugelaufen. In der Rechten hält er ein Papier. Es ist eine Depesche für mich, die mein Gastgeber, ein Gutsbesitzer, bei dem ich seit acht Tagen der Schnepfenjagd wegen zum Besuche bin, mir herausgeschickt hat.

Leider zwingt mich das Telegramm, sofort abzufahren, um auf der kleinen Eisenbahnhaltestelle den nächsten Zug abzuwarten, der mich wieder nach der großen Stadt zurückführen soll.

Es ist recht ärgerlich. Noch gestern hatten wir einen so unterhaltenden Abend am Kamin gehabt. Es war auch, unglaublich, von der deutschen Literatur die Rede gewesen. Ich lachte, als ich an die Äußerung eines jungen, rotbackigen Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft zurückdachte. »Ah was,« hatte er gesagt, »ich lese nicht viel. Aber was man so in den Kauf nehmen muß in Zeitschriften und Zeitungen, ist ja das ewige Geschwätz über Idealismus und Realismus. Ich denke mir die Sache ganz einfach: Die Idealisten sind die Kerls mit Fischblut, die Realisten sind die Kerls, die die Mädels gern haben.« Stürmische Heiterkeit.

Auf der Haltestelle hörte ich zu meinem Schrecken, daß ich bis zum andern Morgen warten müsse. Noch einmal zu meinem Freunde zurückzufahren, war der Weg zu lang. So trank ich denn mit dem Wirte Grogk und ging früh zur Ruhe.

»Also, Kellner, ich kann sicher sein, daß die Nebenstube, Sie haben kein Zimmer, das nur einen Eingang hat, diese Nacht nicht benutzt wird?«

»Herr Graf können versichert sein, daß die Nebenstube nicht besetzt wird. Der Nachtzug, der hier hält, bringt fast niemals Gäste.«

»Gut. Wollen Sie nicht vergessen, daß ich rechtzeitig geweckt werde.«

Ich sah mich um im kleinen Raum. Die gleiche Nüchternheit wie in allen ähnlichen Wirtshäusern. Über einem uralten Klavier, dem vorne vor den Tasten eine Taube von nachgeahmtem Glanzstein höchst geschmackvoll und »sinnig« (beliebtes Kritikerwort) eingegraben war, hing ein Fünfgroschenbild: Eine Unschuld hielt ein Lämmchen in den Armen. Um beider Hals schien ein gleiches Kettchen zu hängen. Darunter war gedruckt.:

Dies ist die liebe Mimi mein,
Bald wird es wohl mein Bräutchen sein.

Auf dem Deckel stand eine große Tasse mit der liebenswürdigen Inschrift:

Ein schöner Bart, ein schöner Mann,
Nimmt diese Tasse freundlich an.

Auf dem Deckel fand ich auch, zerstreut, zerrissene Noten. Es waren Lieder von Abt und Kücken, diese beiden für mich Fürchterlichen. Die versteht das »Volk«. Aber Brahms, Schumann, Robert Franz? Wann werden diese im »Volk« gesungen? Ist das »Volk« jene »Seid umschlungen, Millionen«-Abt-Kücken-Herde; ist das »Volk« jene mit Läusen besetzte Masse Shakespeares? Die wenigen Menschen, die für das »Volk« Mitleid besaßen und besitzen, sind auf Thronen wie in Ställen und Werkstätten geboren, nur diese wissen, was »das Volk« heißt. Und in tiefer, tiefer Liebe zum Volk finden wir wohl ein Lächeln bei ihnen: halb Humor, halb unendliches Mitleid: Bleibt bei Abt-Kücken, das andre versteht ihr nicht. Bei Abt-Kücken seid ihr glücklich.

Noch während ich mich entkleidete, dachte ich über den Begriff »Volk« nach, ob es je auch nur annähernd eine Möglichkeit geben würde, daß das »Volk« das bekannte Huhn im Topfe hat, nicht nur Sonntags, sondern alle Tage. Unmöglich, unmöglich; wir sind ja Menschen, einander auffressende Menschen. Allgemeine Liebe, unmöglich, also Unsinn, Unsinn.

Vor meinem Fenster hatten sich zwei Weiber aufgestellt, die sich in ein endloses Gespräch vertieften. Das war ja schrecklich; ich konnte nicht einschlafen. Nun sagte die eine: »Nä, denn« (den) »meen'k ja nich; dat is ja Hans ut Fiefbargen; ick meen Hans mi de lütte Muusplacken.« (Muttermal).

Meine Geduld war zu Ende. Mir fiel ein Fähnrichsstreich ein . . .Ich zog mein Hemd über den Kopf und machte lange Ärmel. Dann trat ich ans Fenster. Bald entdeckten mich die Redseligen und stoben mit furchtbarem Geschrei auseinander. Ein zu empfehlendes Mittel.

Kaum aber hatte ich die Augen geschlossen, als der Kellner mit zwei Gästen ins Nebenzimmer trat. Der Nachtzug hatte also doch auf dem Haltepunkte Reisende abgegeben. Ich fluchte innerlich. Aber was half es.

Die beiden Männer, wie ich merkte, denen der Kellner Wein hingestellt, hatten, eifrig sprechend, im Sofa Platz genommen. Bald schienen sie in ihren Ansichten übereinzustimmen und glitten wie ein paar Balken nebeneinander den Strom hinunter, bald wurden sie heftig und stößig wie zwei eifersüchtige Ziegenböcke. Da sie keine Geheimnisse redeten, so störte ich sie nicht; ja, ihre gegenseitigen Meinungen vom Leben, von so vielem im Leben, ließen mich ruhig zuhören. Der gute Gabelsberg sprang in meine Bleifeder und ich schrieb ihnen nach.

Am andern Morgen, Schneeverwehungen hatten plötzlich unser aller Weiterreise verhindert, traf ich die beiden Herren im Gastzimmer und machte mich ihnen bekannt.

Der eine von ihnen, ein Geheimrat, wie man zu sagen pflegt, ein »hohes Tier« – ich bin nicht recht klar geworden, welchem Zweige des öffentlichen Lebens er angehörte – hatte in der Umgebung, in den kleinen Städten, zu »revidieren«, vielleicht die Amtsgerichte, Schulen oder Landratsämter, was weiß ich. Der andre, wie er mir erzählte, hatte nach langen Jahren diesen seinen Freund wieder aufgesucht. Er hatte ihn mit der Reisetasche in der Hand gefunden und war nun gleich mit ihm hierher gefahren. Es schien mir ein sogenannter »Weltbummler« zu sein. Beide waren würdige Herren, die das Leben kennen gelernt hatten. Während ihrer Auseinandersetzungen nachts hatte ich im Stillen bald diesem, bald jenem Recht geben müssen, bald auch konnte ich mit keinem von ihnen übereinstimmen.

* * *

». . . nun ja, das kannst Du Dir denken. Ich war kaum einige Tage aus meinem alten, lieben Wittenhuus angekommen, als meine Liebe wieder zum Vorschein kam. Ich schrieb also, nein, ich telegraphierte meinem Buchhändler: ›Senden Sie mir umgehend das, was zur Zeit in Deutschland gelesen wird. Ich war sechs Jahre draußen.‹ Bald darauf erschienen ungeheure Ballen mit Büchern. Und ich fing an zu lesen. Aber eins nach dem andern flog an den Ofen. Ich schrieb wieder meinem Buchhändler: ›Das ist ja alles unerhörter Wischwasch, das albernste Zeug, das ich je gelesen habe. Senden Sie Besseres.‹ Du kannst Dir vorstellen: vor sechs Monaten wieder im Vaterlande angelangt, wollte ich mich wieder anschmiegen an die alten Verhältnisse. Und nun diese Bücher! Das letzte Jahr habe ich, um Büffel und Bären zu jagen, bei den Kamatches gelebt. Weiber, so viel ich haben wollte, der reine Salomo. Und diese prächtige Gesundheit dabei: immer im Zelt, im Wald. Und nun lese ich solche Bücher. Wie hab ich gelacht.

Nach kurzem traf die neue Sendung ein. Mein Buchhändler schrieb: ›Mitfolgend das Modernste. 16., 20., 27. Auflage.‹ Nun, ich fing wieder an zu lesen. Es waren langweilige Rittergeschichten und historische Romane. Wie, was? Das ist ja ekelhaftes Schüsselwasser. Ich antwortete: ›Halten Sie mich denn für eine alte Tante, für einen Dütendreher, für eine Geheimratstochter? Das ist ja Alles Lüge, Lüge, Lüge, was ich jetzt in Händen habe.‹

Ich wurde ärgerlich: ›Ich bitte um Gedichte‹. Einige Tage darauf stehe ich mit meinem Verwalter an den Schweineställen, gewissermaßen in der Jauche. Wir beide, über und über beschmutzt, waren eben zurückgekehrt von meinem Tüt-Moor, wo wir nach Goldregenpfeifern ausgesehen hatten. ›Was ist das, lieber Frahm,‹ fragte ich plötzlich, ›der Himmel verfinstert sich ja zusehends?‹ Wir konnten es nicht begreifen. Vielleicht eine Sonnenfinsternis? Ah, sieh da! Unaufhörlich hintereinander, bis an die Wolken verpackt, rollte Wagen auf Wagen heran: die deutsche Lyrik! ›Rosen und Veilchen‹, ›Das süße Maßliebchen‹, ›Die Lilie im Tau‹, ›Nelken verwelken‹, ›Perlen und Saphire‹, ›Sternlein hold‹ usw., usw. bis ins Unabsehbare. Merkwürdig, wie bei Brause- oder Düngerfuhren lief das Wasser nur immer so ab bei jedem Wagen. Merkwürdig, merkwürdig! Wütend schrieb ich zurück: ›Glauben Sie denn, daß ich hier im Irrenhaus sitze oder Dienstmädchen geworden bin? Ich bitte um religiöse Poesie‹. Sie kam. Aber welcher Brei, welche Süßlichkeiten. Zum Satan damit. Und ich hatte mich gesehnt nach ähnlichen herrlichen Kraftliedern, wie sie uns Luther, Paul Gerhardt, Flemming geschenkt haben. Keine Kraft, kein Saft, kein lautes, aus innerster Seele kommendes: ›Herr, hier lieg ich‹, ›Herr, ich schrei nach Dir‹. Nur den alten Karl Gerok nehm ich aus. Den lieb ich.

Ich hatte genug. Ich telegraphierte: ›Bleiben Sie mir gewogen‹. Aber trotzdem kam ein neuer Wagenzug, der letzte, aus der großen Stadt an. Mein Buchhändler meinte: ›Die mitfolgenden Bücher erlaube ich mir, Ihnen zur gefälligen Einsicht zu überreichen. Ich wagte nicht, bisher sie Ihnen zu senden. Vielleicht finden Sie etwas. In Deutschland heißen die Verfasser: ›Die Jüngsten.‹‹ Ich fing noch einmal geduldig an, mich zu vertiefen. Und ich muß sagen, – natürlich fand ich nicht das, was ich suchte – ich wurde aufmerksam. Es überkam mich Rührung und Mitleid. Ich sah aus jeder Seite dieser »Jüngsten«, daß sie mit Händen und Füßen heraus wollen aus dem greulichen Teegesöff, aus den Bourgeois- und Talmitöpfen. Ich jubelte laut auf. Selbstverständlich war das Meiste unfertig. Aber ich muß Dir offen sagen, ich habe in die Hände vor Freuden geschlagen: der Mut war da. Freilich, freilich, bei uns in Deutschland: dies ewige Schielenmüssen nach dem Staatsanwalt, diese ewigen sonstigen Rücksichten, die bei uns tatsächlich alles Sichausleben eines Schriftstellers verbieten.«

»Daß Dir, lieber Freund, nachdem Du Dich viele Jahre extra muros herumgetrieben hast, unsre Literatur nicht gefällt, begreife ich bei Deinen Lebensansichten vollkommen; nicht aber, daß Dich die sogenannten ›Jüngsten‹ begeistern können. Ganz offen gesagt, diese ›Jüngsten‹ sind mir widerlich. Dieses Zolaabschreibenwollen, viel Geschrei und nicht ein Fleckchen Wolle. Diese Herren treten ja alle Ideale in den Schmutz; nichts ist ihnen heilig mehr. Aber Gott sei Dank, kein Vernünftiger, keine wirklich gute alte Zeitschrift beachtet sie. Und dann, es ist ja unendlich spaßhaft, zu beobachten, wie einer dieser Herren den andern von sich abzustreifen sucht, wie alle schreien: Nein, nein ich gehöre nicht zu denen. Wie heißt das Wort doch noch: ›Jeder dieser Schufte sucht den andern abzutun,‹ oder so ähnlich.«

»Nein, mein alter treuer Freund Franz, nicht ›Gott sei Dank‹, sondern ich halte es für eine empörende Roheit dieser paar alten Zeitschriften, wie Du sie nennst, daß sie die neue stürmische Bewegung mit erhobner Nase übersehen und nicht beachten wollen. Es hilft ihnen alles nichts, sie werden müssen. Gradezu gemein sind die Kritiker einzelner großer Tagesblätter, sowie sie einen der ›Jüngsten‹ in ihren Händen haben. Ohne den, den sie besprechen, auch nur im Geringsten zu verstehen, gehen sie ins Zeug, als wollten sie Deutschland vor giftigem Geziefer schützen. Zuweilen spielen sie auch die Sittenrichter. Das ist dann noch ekelhafter. Nun, überhaupt: die Kritik in Deutschland . . . ich schweige, ich schweige . . . Und grade, weil wir zur Zeit diese jämmerliche Literatur haben, so mußte auch diese Zeit ihre Erlöser finden, und das sind die Jüngsten. Nach Wahrheit in der Literatur lechzen wir; nach dem Unter-die-Füße-treten dieser ganzen Lügenbrut, die uns die Alt-Weiberbücher ohne Gewissen vor uns auf den Tisch legen. Und ist irgend ein Buch, ein Aufsatz, ein Gedicht dieser Jüngsten scheinbar noch so roh, ich bin begeistert, denn dieses Buch, dieser Aufsatz, dieses Gedicht: sie alle sind ein furchtbarer Schrei nach Wahrheit, nach Kettenabstreifung der jammervollen Teewasserliteratur. Es liegt in der Sache selbst und ist natürlich, daß, wie bei jeder neuen Bewegung, vieles unterläuft, das widerwärtig, übertrieben ist. Aber deshalb eine Richtung verdammen, die die Wahrheit auf ihre Fahnen geschrieben hat? Was Idealismus, was Realismus. Beides vereinigt, ineinanderlaufend, so solls sein. Allerdings, die Künstlerhand darf dann nicht fehlen. Wir werden niemals den Begriff Idealismus, den Begriff Realismus ganz haarscharf erklären können. Ob ich vor mir eine sich im Dreck wälzende Sau mit ihren vierzehn Ferkeln beobachte, oder den grünschillernden, prächtigen Stern über meinem Scheitel: beide sind die Wahrheit, sie sind. Und über der Sau (ja was lachst du denn?) kann ich mir unter Umständen ebensogut die Aureole vorstellen, wie einen Sonnenkranz über dem grünschillernden Stern mir zu Häupten. Die Sterne werden geboren und sterben, wie die Sau geboren wird und stirbt. Einen Unterschied kennt die Natur nicht. Und das ist es; das hat die neue Richtung emporgehoben: der schreiende Wunsch nach Wahrheit. Bis zur äußersten Widerwärtigkeit ist es bei uns gekommen: dies übersüßliche Geschreibe, dies Geschreibe, als wenn es einzig und allein nur fünfzehnjährige Mädchen und Sekundaner auf der Erde gäbe. Wie viel Heuchelei und Scheinheiligkeit ist dadurch großgezogen worden, wie ja jeder Sinn aufgehört hat für alles wahrhaft Große durch das Lesen dieser Eunuchenbücher. Und noch einmal: Das war es, daß ein rauhes Hurragebrüll seit einigen Jahren ertönt, daß alle alten Weiber zusammenschrecken: heraus, heraus! Lieber, wenns denn sein muß, durch Dreck und Jauche pantschen, als das greuliche Zuckerwasser trinken.«

* * *

Es war einige Minuten still, dann fingen die beiden Freunde an, über Politik zu sprechen. Bei diesem langweiligsten aller Gegenstände schlief ich natürlich sofort ein. Mein Kaiser und mein Vaterland sind mir zwei heilige, unverrückbare Sterne. Aber alles Parteigezänk ist mir in den Tod zuwider.

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