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Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 26
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Durchgekämpft

Wir saßen zu Fünfen nach einem kleinen feinen Herrendiner im gemütlichen Rauchzimmer des liebenswürdigen Gastgebers. Das Gespräch wurde hier intimer als bei Tische. Die behagliche Stimmung tat das ihrige. Jeder kannte die andern genau. Seit Jahren wohnten wir in dieser Stadt. Seit Jahren begegneten wir uns in den Gesellschaften und am Stammtisch . . .

Es wurde lebhaft über einen Vorfall geredet, der sich gestern zugetragen: Ein sehr ehrenwerter, lustiger, verheirateter Amtsrichter, dem sonst feste Lebensgrundsätze zu eigen gewesen waren, hatte sich erschossen, aus unglücklicher Liebe.

»Ich kann ihm nicht recht geben, denn er verletzte durch seinen Tod seine Pflichten, die er gegen seine Familie hatte,« sagte trocken und doch, wie mir schien, mit zitternder Stimme ein pensionierter General.

Es wurde hin und her gesprochen. Der General ließ sich nicht von seiner Ansicht abbringen. Und es war wie von selbst gekommen, daß wir ihm schweigend, ohne Einrede zuhörten. Er erzählte:

»Dreißig Jahre sind vorübergezogen. Alle Namen, die in meiner Geschichte vorkommen, könnte ich nennen. Außer mir lebt keiner der Beteiligten mehr. Aber ich unterlasse auch jetzt die Nennung; sie täte nichts zur Sache. Ich stand in Mainz in Garnison. Ich hatte die Vierzig eben überschritten. Seit elf Jahren war ich verheiratet und lebte in denkbar glücklichster Ehe. Drei Kinder waren uns geschenkt. Es fehlte uns an nichts, könnte ich dreist sagen. Alles war Liebe und Eintracht. Kam je eine kleine Differenz vor, wie in jeder Ehe, so wurde sie rasch zwischen uns ausgeglichen. Meine Frau und ich wußten uns zu behandeln, schonten gegenseitig unsere kleinen Schwächen, hatten nie Geheimnisse voreinander. Nichts trübte unsere Tage.

Bei einem österreichischen Obersten, der in unsrer Nähe wohnte, war ein junges Mädchen, eine Verwandte der Frau, zu längerem Besuch eingetroffen. Da wir mit dem Obersten nicht in Verkehr standen, ihm und seiner Familie nur in größeren Gesellschaften begegneten, so hatte ich auch nicht Gelegenheit, mit jener jungen Dame näher bekannt zu werden.

Die Verwandte des Obersten war mit einem sächsischen Gutsbesitzer verlobt, der ab und zu seine Verlobte besuchte und dann besonders, wenn Bälle stattfanden, um sich mit seiner Braut einmal wieder tüchtig »auszutanzen und auszurasen«, wie sich ein wenig respektvoller Leutnantsmund äußerte.

Traf ich die junge Dame auf der Straße oder am dritten Orte, so erzeigte ich ihr jene gewöhnlichen Anstandspflichten, denen wir alle unterworfen sind. Nichts fesselte mich in irgend einer Weise an sie. Sie war für mich ein junges Mädchen wie tausend andere . . .«

Der General hielt einen Augenblick inne, um sich eine Zigarre anzuzünden.

»Meine Herren, haben Sie jemals glimmende Liebe gekannt?

Allmählich, ohne daß ich es merkte, so wunderbar es klingt, freute ich mich, wenn es die Gelegenheit brachte, das junge Mädchen zu sehen und zu sprechen. Wir plauderten dann lustig, neckten uns in den Grenzen, wie sie durch unsere oberflächliche Bekanntschaft erlaubt waren. Ihre Wiener Aussprache, ihr heiteres, natürliches Benehmen nahm mich ein. Aber sowie wir getrennt waren, dachte ich an sie so wenig wie an jeden anderen mir gleichgültigen Menschen. Und doch, die Liebe glimmte in mir. Aber ich merkte es nicht.

Auf einem Winterballe beim Gouverneur, nachdem ich sie vier Wochen nicht gesehen hatte, traf ich wieder mit ihr zusammen. Während eines Walzers, den sie mit ihrem Verlobten tanzte, geschah es. Ich stand, ohne an dem Tanze mich zu beteiligen, in einer Saaltür mit einem Bekannten im Gespräch. Ich weiß nicht, worüber wir redeten; aber ich weiß, daß mich irgend etwas zwang, sie zu suchen. Ich fand sie sofort. Sie stand nicht weit von mir und hatte ihre Augen grade auf mich gerichtet. Ich habe nichts vergessen aus dieser Begegnung: Ihr Verlobter, ritterlich über ihre Hand gebeugt, nestelte an einem Armband, das sich gelöst haben mochte, um es lachend wieder zu befestigen. Unsere Blicke trafen sich sekundenlang. Dann schwebte sie weiter im Reigen. Mich aber hatte die Liebe ergriffen.

* * *

Erlassen Sie mir nun Ihnen zu schildern, mit welcher unerhörten Heftigkeit und Grausamkeit der kleine Gott auf mich loshämmerte. Pfeil und Bogen hatte er hinter sich geworfen und trampelte wie ein ungezogener Junge auf meinem Herzen herum.

Gleich die erste Nacht war schrecklich. Ich fegte Alles über Bord, meine Frau, meine Kinder, meine Pflichten, meine ganze Vergangenheit. Ich schmiedete Pläne über Pläne, wie ich sie schon am andern Morgen treffen könnte, wie ich mit ihr, koste es was es wolle, sprechen müsse. Ich war außer mir vor Seligkeit. Aber am andern Morgen, als ich nach unverhofftem kurzen Schlummer erwachte, als ich mit meiner Frau beim Tee saß, als mir die Kinder ihren guten Morgen sagten, fühlte ich etwas wie Ernüchterung. Kaum aber war ich allein, als mich wieder die tollsten Gedanken durchwirbelten. Meine Frau mußte gemerkt haben, daß ich unruhig war. Sie kam, bog ihr Haupt zu mir und flüsterte in ihrer gütigen, stillen Weise: »Dich quält etwas. Bist Du krank? Was fehlt Dir?« Aber ich lachte sie aus, und sie ging beruhigt weg.

Als ich allein war, ging es mir durch den Kopf: Unsinn. Nimm dich zusammen. Die Pflicht hat hier zu befehlen, sonst nichts. Und ich kämpfte mit aller Macht gegen meine Leidenschaft.

Aber es wollte nicht gehen. Ich wurde immer elender. Meine Frau ward ängstlich. Endlich gab ich ihr Andeutungen dahin, daß ich Ärgerlichkeiten mit unserm Vermögen gehabt, daß sie sich aber beruhigen möge, es würde Alles bald klar. Sie wolle mit mir Alles teilen, wie es immer gewesen sei zwischen uns, schluchzte sie. Doch ich bestand darauf, diese Angelegenheit allein zu ordnen. Betrübt entfernte sie sich.

Von dieser Stunde an fühlte ich einen Haß gegen meine Frau aufsteigen. Als mein ältester Knabe, wie er zu tun pflegte, unter meinen Schreibtisch kroch, um dort zu spielen, entfernte ich ihn heftig. Mein Gott, mein Gott, ich haßte auch meine Kinder. Ich haßte meine Frau und meine Kinder.

Am dritten Nachmittag, als ich zu unterliegen drohte, ging ich in den großen Stadtpark, um hier noch einmal Alles zu überlegen. Mir bliebe nichts als der Tod – das war immer und immer der Schluß meiner Gedankenketten.

Es war ein klarer Februartag. Der Frühling hatte eine milde Luft vorgeschickt. Als ich tief in die einsamsten Wege des Gartens gedrungen war, wo ich keiner Menschenseele begegnete, nur allein war mit meiner Liebe, kam plötzlich die junge Dame mir entgegen. Ich hatte sie seit jenem Ballabend nicht gesehen, hatte absichtlich vermieden, sie zu treffen.

Wir waren nebeneinander stehen geblieben wie von selbst, ohne Verabredung, und reichten uns die Hand. Ich führte die ihre nicht an meine Lippen; ich legte meine Stirn darauf. Ich fühlte, daß ich zitterte. Und nun sagte sie, während meine Stirn auf ihrer Hand ruhte, sehr sanft in ihrer österreichischen Aussprache: »Ich weiß, Herr Hauptmann, Sie lieben mich, und Sie wissen es seit dem Balle vorgestern, daß ich Sie gern, sehr gern hab . . . Aber Sie haben eine Frau und liebe Kinder, und ich hab einen Bräutigam, der sich erschießen würde, wenn er . . .«

Meine Stirn lag immer noch auf ihrem Handschuh.

»Da ists nicht möglich, nicht? Sie könnten Ihre Frau . . .«

»Mein gnädiges Fräulein,« rang es sich aus meiner Brust.

Aber sie fuhr ruhig fort: »Nun sehen Sie, da heißts vernünftig sein. Es wird vorübergehen bei uns beiden. Heut Abend noch reis ich nach Wien zurück. Wir werden uns nicht wiedersehn, um Ihrer Frau, um meines . . .«

Weiter kam sie nicht. Ich hielt sie fest umschlungen an meiner Brust. Sie löste sich: »Schonen Sie mich. Wir werden – uns – vergessen . . .«

Dann trennte sie sich von mir. Ich blieb stehen, ringend, denn die Minute der Entscheidung war gekommen . . . Meine Frau . . . meine Kinder . . . Das junge starke Wesen, das da von mir ging . . . Ein Schritt, ein Schrei, und sie mußte, das Weib mußte dem Manne folgen . . .

Regungslos, mit aufgerissenen Augen, mit ausgebreiteten Armen starrte ich ihr nach. Ich stöhnte in diesem furchtbaren Kampf. Noch einmal, an der Ecke des Weges, kehrte sie sich um nach mir und winkte mir, als wenn ihr Arm gelähmt sei und sie ihn nur schwach heben könne, zweimal mit dem Taschentuch, das ihre Linke hielt. Dann war sie meinen Blicken entschwunden. Ich aber umschlang einen jungen schlanken Birkenstamm und weinte wie ein Kind.

* * *

Sie war am selben Abend abgereist, wie sie es mir gesagt hatte. Ich hatte noch tausend Kämpfe zu bestehen. Doch allmählich, als ich immer wieder die strenge Dame Pflicht zu Hilfe rief, kehrte Alles ins alte Geleise zurück. Meine Frau hatte mit jenem feinen Gefühl, wie es ihrem Geschlecht vor uns Männern voraus gegeben, geahnt . . . Und ihre stille, gleichmäßige Liebe, ihre Güte, ihre Milde taten Wunder und halfen mir hinüber. Nach einem Vierteljahr nahm ich meine kleine Frau einmal auf die Arme und trug sie wie ein Kind im Zimmer umher. Und sie versteckte ihr Haupt an meiner Brust, und ich hörte leise ihre Stimme: »Nun ist Alles, Alles wieder gut«.

»Das Pflichtgefühl hatte mir bei der schwersten Prüfung meines Lebens beigestanden,« schloß der General seine Erzählung.

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