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Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 24
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Wilde Gänse

Es war zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts. In einer kleinen jütländischen Stadt begleiteten an einem Dezembermorgen die erwachsenen männlichen Einwohner einen Sarg, in dem die Leiche eines Neunzigjährigen ruhte. Sie gingen zu dreien, durch den langsamen Schritt wackelnd, turkelnd, mit ernsten Mienen, hin und wieder dem wohlbekannten Nachbar, eine kleine Stadt bildet eine einzige Dutzgesellschaft, zuflüsternd, daß heute das Schwein des Hauses geschlachtet werde, daß Nis Nissen gestern von Peter Petersen auf dem Gericht verklagt sei, weil Nissens Frau, um Petersens Eheweib zu ärgern, ihre Nachtmütze auf Peter Petersens Hecke gelegt habe; und was mehr der Art Gespräche hinterm Sarge sind.

Und nun waren sie an der »Kuhle« auf dem Kirchhofe angekommen. Der Pastor hielt eine kurze, warme, würdige Rede, in der er des Neunzigjährigen Leben vorüberziehen ließ; es sei Arbeit und Mühe gewesen. Dann senkten die Träger die Truhe ins Grab, und die Seile knarrten leise. Es war still ringsumher. Nur das Schluchzen der Anwesenden, die alle den alten Mann im Herzen getragen hatten, klang in den Nebel, der die bereiften Bäume ummantelte. Ein kalter, starrer, stummer Wintertag drückte sich mißmutig über die Erde.

Die Seilehalter auf der Linken ließen die Taue los, und die auf der Rechten zogen sie empor.

Über das Grab weg, unsichtbar, stürmte plötzlich von Nordosten nach Südwesten eine Schar wilder Gänse mit wüstem Gekrächz, und alle schrien: Leben, Futter, Leben, Leben . . . und dann waren sie verschwunden.

Unten aber lag der stille Mann und war für immer erlöst von Futter und Leben.

* * *

An demselben Tage war die kleine Kirche in einem Dorfe südlich der untern Elbe bis auf den letzten Platz gefüllt. Der achtzigjährige Prediger des Ortes, von allen auf das höchste verehrt wegen seiner Herzensgüte und werktätigen Liebe und weil keiner je von ihm gegangen war, den er nicht getröstet hatte, dem er nicht geholfen hätte mit Spruch und Brot, hatte, seines hohen Alters wegen, einen Gehilfen erhalten. Aber was war das? Der einführende Bischof, auf die Stufen des Altars tretend, sprach am Schluß des Gottesdienstes harte, grausame Worte: daß es Zeit gewesen sei, den Seelsorger der Gemeinde zu entziehen, der Irrlehren von der Kanzel gestreut. Daß die Gemeinde in Gefahr geschwebt habe.

Der Bischof hatte Befehl von seiner über ihm stehenden Behörde, so zu sprechen. Bei seinen Worten senkte sich ein grauer Schleier über den geschnitzten Heiland, der hinter ihm hing.

Und keiner war, als der letzte Vers gesungen und die Orgel verrauscht war, an den alten Pastor hinangetreten, um ihm die Hand zu drücken. Keiner. Das ist unsere menschliche Feigheit.

Gebrochen wankte der Greis nach seinem Hause. Welche Irrlehre hatte er denn verbreitet? Daß er nicht genau am Buchstaben gehangen? Sein Haupt fiel ihm tief auf die Brust. Die Schmach im Gotteshause war zu groß gewesen. Was schoß ihm so kalt zu Herzen? Wollte ihn der Schlag rühren?

Da stürmte plötzlich, schon hielt er die Klinke seiner Haustür in der Hand, dieselbe Schar wilder Gänse, von Nordosten nach Südwesten fliegend, mit wildem Geschrei über ihn weg. Er aber hob, wie in Dankbarkeit und als sei er befreit von einem Banne, aufatmend sein Haupt in die Höhe. Die wilden Gänse hatten ihm neue Kraft gegeben.

* * *

Am Nachmittage desselben Tages standen auf einer Stelle des Außendeiches der südlichst gelegnen Marschen des langgestreckten Friesenlandes zwei Menschen. Ein hochgewachsener fünfundzwanzigjähriger Mann hatte seine rechte Hand um die Schulter eines Bauernmädchens gelegt; sie stemmte ihre Hände wie abwehrend gegen seine Brust und sah gerade vor sich hin, und ihre Blicke hafteten verwundert, gefangen auf einem großen Diamanten im Jabot des Kavaliers.

Auf den Deichen, in den Marschen, hart an der Nordsee, lag der Winter warm und weich. Der Nebel bedeckte auch hier Alles, daß kaum die nächsten ruhig und regelmäßig plätschernden Wellen der sanft und unmerklich steigenden Flut zu erkennen waren.

In den blauen Augen des jungen Mannes wechselte schwärmerische, weltabgewandte Ruhe mit Ungeduld und ausgelassenster Lebenslust.

Das Friesenmädchen hatte, wie es nicht zu selten vorkommt in ihrem blonden Volke, braune Augen und war von einer Schlankheit, als hätte ein Südwind aus dem fernen Orientland sie auf die Flügel genommen und an den rauhen Nordseestrand getragen. Doch die starken, breiten und graden Schultern zeigten ihre friesische Abkunft.

Sie liebte ihn nicht. Nur das goldgewirkte Schmeichelband, daß ein in ihre Provinz als hoher Beamter verbannter Prinz sie leidenschaftlich in seinen Armen hielt, hatte sie umgarnt, und ein heimliches, sie berauschendes Gefühl des Sieges tanzte ihr im Blute.

Was er zu ihr sprach, verstand sie nicht; wenn er ihr heiße Liebesworte ins Ohr flüsterte, wenn er sie küßte, wandte sich ihr Haupt zur Seite.

Und von Nordosten nach Südwesten fliegend, zog unsichtbar im Nebel über sie weg dieselbe Schar wilder Gänse, die am Morgen aus der in Eis sich verwandeln wollenden Ostsee aufgebrochen war, um eine wärmere und gastlichere Gegend zu suchen.

Der Prinz hob seine Stirn und schaute hinauf. Während die Vögel schnatternd über sie weg hasteten, erzählte er eine wunderbare Geschichte von Odin und Walhalla, von Leben und Tod, vom rücksichtslosen Kampf: zu atmen, Futter zu finden, gälte es, was es gälte. Sie hörte ihm zu wie immer, ohne ihn zu verstehen. Sie sah nur seine großen, schwärmerischen blauen Augen, und ihre Lippen drängten sich zum erstenmal durstig den seinen entgegen. Ihre erste, glühende, verlangende Liebe war erwacht.

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