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Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Die Spieluhr

Vor einigen Jahren besuchte ich eine junge Dame, die ich eine lange Zeit nicht gesehen hatte. In ihrem väterlichen Hause hatte ich manche frohe Stunde verlebt. Nun traf ich sie wieder als verheiratete Frau. Sie war nach dem Tode ihrer Eltern mit ihrem Gatten in das ererbte Haus gezogen. Dort machte sie mich mit ihrem liebenswürdigen Eheherrn bekannt. Wir unterhalten uns von dem, von diesem, wies so geht. Als ich mich verabschieden will, tritt Frau de Wiele zu mir: »Sie müssen sich von der Gartensaaltür aus die Landschaft wieder betrachten. Ich erinnere mich, wie gerne Sie von dort in die Ferne schauten.«

»Mit Vergnügen, gnädige Frau.«

Wir drei gehen an die Tür.

»Das ist Grönsen,« sagt Herr de Wiele.

»Der rote kleine Turm?«

»Nein, etwas rechts; bitte über den Apfelbaum weg.«

»Ah ja, ich sehe. Ich vermisse aber die hübsche Kirche von Kampen. Sie lag doch . . .«

»Die hat der Blitz im vorigen Jahre eingeäschert.«

»Du bist – der bes–te Bru–der a–auch nicht,« spielt plötzlich die alte Rokokouhr auf der Diele.

Frau de Wiele errötet leicht: »Aber, Herr Doctor, tausendmal um Verzeihung, daß ich meine Pflichten als Hausfrau vergaß. Sie müssen mit uns frühstücken.«

. . . und die junge Frau ist verschwunden.

Mir fiel da, plumps wie der Stein in den Teich, eine kleine, hübsche, unschuldige Geschichte ein.

Bald saßen wir am Frühstückstisch. Frau de Wiele ist heiter wie vorhin. Die Röte ist längst verflogen.

Auf dem Nachhauseweg mußte ich einmal vor mich hinlächeln:

Frau de Wiele, wie sie noch ein junges Mädchen war, und ich hatten einmal in schwüler Mittagstunde in der Gartensaaltür gestanden. Ich entsann mich, daß aus der nun abgebrannten Kirche von Kampen just die Jahrmarktsfahne ausgehängt wurde, und daß wir das beobachteten.

Es war so still.

Das hübsche schlanke Mädchen lag, weiß der Kuckuck, wies kam, an meiner Schulter.

Es war so still.

Meine rechte Hand umfaßte, weiß der Kuckuck, wies kam, ihr Gürtelband.

Es war so still.

Wir küßten uns.

»Du bist – der bes–te Bru–der a–auch nicht,« spielte plötzlich die alte Rokokouhr.

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