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Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Der erledigte Auftrag

»Du schreibst mir, lieber Fritz, daß Du in acht Tagen nach Berlin willst. Darf ich Dich abermals mit der Bitte belästigen, in betreff meines kleinen Adolfs nach dem Rechten zu sehen? Er ist nun sechs Jahre alt geworden. Du hattest schon mehrfach die Güte, ihn aufzusuchen und mir dann Bericht zu geben. Ich wohne leider so weit entfernt . . .«

In Berlin ging ich gleich am Abend nach meiner Ankunft in das mir bekannte Haus. Die Gaslaternen versteckten sich düster und öde im Rieselnebel. Leerer und leerer wurden die Straßen. Betrunkne begegneten mir. In den Branntweinschenken saßen und standen bezechte, stiere, wütend blickende, lachende, schlecht gekleidete Männer. Der Wirt mit aufgezognen Hemdärmeln bediente sie.

Vor der Tür meines Zieles bleib ich stehn. Die Fenster im zweiten Stock sind erleuchtet. Ich trete ein und steige die kümmerlich erhellte Treppe hinauf. Wie, wird Klavier gespielt im Zimmer? Der Nanonwalzer rauscht mir mit scharfen, pedalbeschwerten Tönen entgegen. Ein junges, hübsches, aber gemein aussehendes Mädchen »haut ihn herunter«. Hinter ihr steht ein nach neuester Mode gekleideter Beau. Im Sofa, in die Ecke geschoben, den Zeigefinger im Munde, sitzt der kleine Adolf und lauscht gespannt auf den Tanz.

Die Musik verstummt. Der Stutzer, das Mädchen, der Knabe starren mich an. Der Beau scheint eifersüchtig werden zu wollen, er schaut bald mich, bald das hübsche Fräulein an. Ich überwinde rasch die allseitige Verlegenheit. Der Nanonwalzer wird wieder »heruntergerissen«. Ich sitze neben dem Kinde auf dem Sofa. Er hat seine Ärmchen scheulos um meinen Nacken gelegt, und die großen schwarzen Augen lächeln mir ohne Furcht zu. Er spricht kein Wort.

Nun erscheint auch die Pflegemutter. Sie sieht gutmütig aus; spricht, aus Verlegenheit, ein wenig zu rasch hintereinander. Der Junge hält entschieden viel von ihr. Aber es ist doch nicht Alles so, wie es sein soll.

»Lieber Christian! Ich habe Deinen Auftrag gern erfüllt. Ich fand nicht Alles so, wie ich es früher getroffen habe. Nimm Deinen Jungen weg. Erschrick nicht, noch ist keine Gefahr. Er ist körperlich gesund. Seine Pflege ist gut. Aber in die Seele des Kindes senkt sich so leicht der Dunst des Lebens und wird, ohne daß wir es merken, zur Kruste. Du weißt, ich bin kein Moralprediger, ich auch am wenigsten dürfte es sein, dennoch ruf ichs Dir zu: Sie starb um Deinetwillen. Nimm Deinen Jungen zu Dir, nimm ihn an Dein Herz, kehre Dich nicht an die Welt, an die Menschen; was würde dann aus uns? Wir stehen ja doch nur immer auf uns selbst allein.

Einigermaßen war ich erstaunt über das Wort in Deinem letzten Schreiben: Tritt den Menschen, diesem hämischen Lumpenpack, nur immer die Stiefelabsätze in die Augen. Ich muß gestehn, daß ich von jedem andern, als von Dir, dem hohen Staatsbeamten, dem immer gleich vorsichtigen, feinen Manne diese Bemerkung erwartet hätte. Ein leises Lächeln konnte ich nicht unterdrücken . . .«

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