Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
Schließen

Navigation:

Erscheinung

Schon um drei Uhr früh bin ich aus dem Bette. Ich nehme Gewehr und Patronen, und, dicht ans Fenster tretend, um besser zu sehen, unterziehe ich beides einer genauen Besichtigung. Vor meinem Schlafzimmer hat mein Hund mich bemerkt. Ich höre ihn, vor Freude, nervös gähnen und jaulen, und höre, wie er sich reckt, die Vorderläufe gradeaus streckend. Er weiß, daß ich auf Jagd will.

Der Morgen ist kühl, einsam, tot. Kein Blatt rührt sich. Mein Hund springt wie toll umher, auf und ab, bald vor mir, hinter mir, dann weit weg, wieder zurück, beschnobert meine Tasche, und wieder heidi.

Ich trete aus dem Garten in ein großes, brach liegendes Feld und überwandre es in genauer Richtung nach Osten. Die erste Röte zeigt sich noch nicht; die Sterne leuchten nicht mehr, nur der Morgenstern funkelt mächtig in der matten graubraungelben Himmelsfarbe.

Und vor mir liegt das unabsehbare Feld. Verschwommen nur erblick ich einen dunklen Streifen, den Wald, mein Ziel.

Unendliche Stille.

Da jagt mein Hund zu mir mit eingeklemmter Rute; er drängt sich wie in Todesangst an meine Beine, sieht zu mir hinauf. »Aber, Waldmann, was hast du denn, du Schafskopf.« Er aber drückt sich an mich, wie ein sehr erschrocken Kind an seine Mutter. Ich bleibe stehen, beuge mich zu ihm, streichle ihn: »Aber, Waldmann, was ist denn, was hast du denn?« Nun schau ich auf. Sind Kühe in der Nähe, die hinter ihm hergelaufen sind? Was ist das? Kaum vierzig Schritte vor mir steht, etwas nach Norden gesunken, ein großes hölzernes Kreuz, und am Kreuz hängt ein nackter Mann, die Arme gebreitet, das Haupt nach der Seite geneigt. Bei allen Mächten! kommt mir eine Erscheinung? Aber mein Hund, mein Hund. Nein, nein, das Kreuz steht wahr und wahrhaftig vor mir. Durch meinen Körper zittert es leise. Ich bin doch nicht feige. Vorwärts. Mein Hund will nicht mit. Doch nach kaum zehn Schritten muß ich halten. Ich stürze auf die Kniee. Der Erbarmer ist es, mit gebrochnen Augen. Und eine so unsagbare Milde lächelt auf den schönen blassen Zügen: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Und das Kreuz hebt sich scharf ab gegen den mattgraubraungelben Himmel, und der Morgenstern funkelt so kalt, so kalt. Da hör ich vom Walde her brausenden Sturm; er nähert sich, aber statt stärker zu werden, wird er schwächer, immer schwächer, und legt sich zur Ruhe am Kreuz . . . und kein Grashalm bewegt sich.

Das Bild ist verschwunden. Mein Herz klopft; ich schreite meinem Holze zu. Der Hund hat sich gänzlich erholt; er springt wieder umher.

Ich hatte einen leidlichen Jagdtag. Nur Waldmann hatte mir Ärger bereitet: bald war er mit Dorfkötern im Gefecht, bald hörte der sonst so vortreffliche nicht auf meinen Ruf; ja einmal mußte ich ihn sogar mit vieler Mühe aus einem Moorloch ziehen. Ich wette, er wäre sonst ertrunken. Wie ein Dreckklumpen sah er aus; all sein Schütteln half ihm nichts.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.