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Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Das abgeerntete Kartoffelfeld

Ich besuchte nach langen Jahren einen alten Freund. Er war von jeher von der ruhigen, vernünftigen Göttin des Reichtums begünstigt gewesen. Umsomehr befremdete es mich, ihn nun, wenn auch in unmittelbarer Nähe einer Großstadt, in einem Dorf zu finden. Er wohnte in dem winzigen Hause eines Handwerkers. Als ich mich an der Haustür noch einmal nach außen wendete, erblickte ich als einzige Aussicht ein ungeheures, sich bis an den Horizont hinanziehendes abgeerntetes Kartoffelfeld. Nur das verwelkte, vertrocknete, zertretene Blatt lag zwischen der aufgewühlten braunen Erde. Es war ein trostloser Anblick. Öde und traurig, lebensmüde und verzweifelnd wollte es mich überkommen.

Ich trat ein. Mein Freund empfing mich mit derselben Liebenswürdigkeit, wie ich es seit jeher bei ihm gewohnt gewesen war. Auch seine Haltung, seine Kleidung war»patent« wie immer.

»Aber wie ist es möglich, daß Du Dich in diese Gegend verlieren konntest? Du, der Ästhetiker, Du, der Du nur glaubtest, an den oberitalischen Seen leben und sterben zu können, Du wohnst hier im langweiligen kopfhängerischen Norden. Und dazu, diese stete Aussicht.«

»Je nun, wir Menschen häuten uns. Das Leben wurde mir widerlich. Da fand ich auf einem Spaziergange dies Kartoffelfeld und mietete mir die zufällig leer stehende Wohnung. Du glaubst gar nicht, wie mich dies Kartoffelfeld beruhigt. Es sagt mir immer und immer wieder, wie leer und hohl und langweilig die Menschen sind. O, diese Schablonenmenschen. Und nun diese köstliche Einsamkeit. Wie wohl das tut.«

»Ich vermisse Deine vortrefflich ausgewählte Bücherei, lieber Freund.«

»Unsinn, Unsinn. Ich kann nur noch Goethe und Geschichte lesen. Und sonst halte ich mir die zwei, drei guten Zeitschriften Deutschlands.«

»Nun, Du großer Liebhaber der Poesie, liest Du keine Gedichte mehr?«

»Wie, was! Den Unsinn! Bleibe mir doch mit dem ganzen Kram vom Halse. Es ist ja empörend, welche Fülle von wässerigen Gedichten über uns ausgegossen wird.«

»Verfolgst Du denn nicht unsre neueste Literatur?«

»Soll ich etwa wie die vielen Hunderttausend Nähmamsellen aller Stände »Fortsetzung folgt« lesen? Pah, die sogenannte neueste Literatur. Schwadroneure sind es; weiter nichts.«

»Ich kann Dir ganz und gar nicht beistimmen. Wir leben in einer grade für die Literatur höchst interessanten Zeit. Überall gährt es, und wenn auch noch nicht der »große« Dichter geboren ist, so . . .«

»Mir einfach widerlich, und damit schließe ich mein Urteil. Heute herrscht nur Gambrinus im skatkartenbesetzten Mantel, also die Verständnislosigkeit und Mittelmäßigkeit und Urteilslosigkeit . . .«

»Halt, halt. Ich folge Dir nicht mehr. Aber gehst Du denn viel ins Theater? Jedenfalls.«

»Ins Theater? Dahin bringt mich kein Mensch mehr.«

»Ja, womit vertreibst Du Dir denn die Zeit? Liest Du Zeitungen?«

»Das sollte mir einfallen. Dies ewige Parteigezänk.«

»Nun, was denn?«

»Das will ich Dir sagen: Ich esse so gut wie irgend angänglich, trinke den besten Wein und rauche vortreffliche Zigarren. Dann mache ich lange Spaziergänge, um mir tüchtigen Hunger zu schaffen, und schlafe dann vorzüglich.«

—   —   —   —   —   —   —   —   —   —   —   —   —   —

Ich befand mich wieder unten an der Haustür. Wie ist es möglich, daß sich ein Mensch so verwandeln kann. Endlos, trostlos dehnte sich das ungeheure Kartoffelfeld vor mir aus. Ein feiner Staubregen rieselte herunter. Mich fröstelte. Meine Seele war wie zugeschnürt. Breiteten sich Arme vom Kartoffelfeld nach mir aus? Viele, viele Arme? Friede, Friede.

Da klingelte eine Straßenbahn vorbei, und ich fuhr in die große Stadt. Ins Leben, ins Leben hinein. Im Hoftheater wurde die Posse »Kikiriki« gegeben. Ich sah mir den Blödsinn an. Dann feierte ich einige angenehme Stunden mit einer kleinen lustigen Tänzerin. Einmal, während ich sie auf den Knieen schaukelte, hob sie das Sektglas hoch: »Wer soll leben?« In diesem Augenblick fühlte ich einen Krampf im Herzen. Viele, viele graue Arme breiteten sich nach mir aus: Friede, Friede. Ich stierte vor mich hin und sagte endlich todernst: »Das Kartoffelfeld.« Die kleine dumme Person sah mich zuerst verwundert an, dann aber, in der Meinung, ich habe einen »Witz« gemacht, sprang sie wie eine Schlittschuhspinne auf dunklen, einsamen Waldtümpeln im Zimmer herum und rief außer sich vor Lachen. »Das Kartoffelfeld! Das Kartoffelfeld!«

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