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Detlev Freiherr von Liliencron: Roggen und Weizen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSämtliche Werke Band IV
authorDetlev von Liliencron
yearca. 1904
publisherSchuster & Loeffler
addressBerlin und Leipzig
titleRoggen und Weizen
pages1-244
created20030306
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Übungsblätter

Die Operation

Der Zeiger rückte gegen Mitternacht.

In den großen Räumen des Krankenhauses war es still. Nur die am Morgen dieses Tages Geschnittnen wimmerten. Sonst war Alles still.

Plötzlich entstand eine Bewegung, wie wohl der Wind sich plötzlich in todstummer Nacht erhebt, zischelt, raunt, stärker wird.

Die Nachtwärterinnen gingen nicht mehr so geräuschlos. Die gedämpfte Stimme der Oberin wurde hörbar. Auf den Treppen huschte es eilig auf und ab. Zuweilen klang es deutlich: »Heinrich, Jürgen, Bernhard: aufstehn.« Oder: »So machen Sie doch schnell, Heinrich.« Heinrich, Jürgen, Bernhard waren die Wärter.

Nun schienen sich Wasserhähne geöffnet zu haben: es rauschte. In den Räumen zur ebnen Erde: in den Operationssälen wurden Türen auf und zu gemacht. Das Geräusch des strömenden Wassers dauerte gleichmäßig fort durch alle Unruhe. Aus dem verworrnen Getöse der Stadt löste sich ein bestimmter Ton: ein Wagen näherte sich, fuhr durchs Tor und hielt vor der Haupttür des Klinischen Instituts. Mit großer Vorsicht wurde ein junges Mädchen herausgehoben und auf einer Bahre, die mit einer feuerroten Decke belegt war, ins Innre getragen. Alles leitete ein Assistenzarzt des berühmten genialen Chirurgen, dem die Klinik gehörte. Der Assistenzarzt war der Verlobte der jungen Dame. Während diese von den Wärterinnen gebadet und an der zu schneidenden Stelle, es galt Leben oder Tod, rasiert wurde, trat ihr Verlobter ins Arbeitszimmer seines Chefs. Die beiden Herren hatten ein kurzes Gespräch: »Nun, wie Sie wollen. Ich mache eine einzige Ausnahme, und auch nur aus dem Grunde, weil Sie selbst Arzt sind. Aber bedenken Sie wohl, daß Sie kaum imstande sein werden . . . Es ist Ihr Fräulein Braut . . .« »Ich bin bereit.« »Gut denn. Bleiben Sie so lange bei mir, bis wir gerufen werden.«

* * *

Indessen waren die Vorbereitungen zur Operation beendet. Die Kranke wurde wieder in die feuerrote Decke gehüllt, sorgsam auf die Bahre gelegt, dann in den Operationssaal Nr. 7, den größten, hinaufgetragen und hier, noch triefend vom Wasser, auf einen mit gelbem Wachstuch behangnen Tisch gelegt. Das Faktotum des Chefarztes war um sie beschäftigt. Er machte ihr eine Morphiumeinspritzung in den linken Oberarm. Aber die Müdigkeit wollte nicht gleich kommen: sie sah und hörte Alles um sich her. Viele Glühlichter verbreiteten Tageshelle. Über einer Lampe, wie beim Haarkünstler, wurde eine Zange heiß gemacht. Überall an den Wänden plätscherte in Becken das Wasser. Auf den zwei Zoll dicken gläsernen Fensterbänken und auf den gläsernen Vorsprüngen lagen in peinlicher Ordnung und in peinlicher Sauberkeit hunderte von Messern, Zangen, Pinzetten, Hämmern, Meißeln, Scheren. Verbandzeug, Eiterbecken, Watte, große Hafen mit Sublimatwasser, Alles war in reichlicher Masse vorhanden. Eine kleine dunkle dreieckige Flasche und eine Guttaperchamaske zeigten sich auf einem kleinen Sondertische. Die Flasche enthielt eine Flüssigkeit von weißer Farbe, Chloroform.

Die Wärter und die Wärterinnen hatten sich bis über die Knöchel reichende Gummischuhe angezogen: bald wird sich der steinerne Fußboden in einen See verwandeln. Auf den Haaren, später auch die Ärzte, trugen alle achteckige Konditormützen: daß kein Staub in die Wunden falle. Immer wieder wusch sich Alles die Hände . . . Der erste Wärter tauschte einen Blick mit den übrigen. Dann verschwand er, um gleich darauf mit den Ärzten wieder einzutreten. Diese, ohne Rock, trugen die Hemdärmel hoch aufgekrämpt. Ein ganz klein wenig hatte dies alles Ähnlichkeit mit den Vorbereitungen zu einer großen Schweineschlachterei.

Der Chef verbeugte sich vor der Kranken und stellte ihr dann, allerdings ein wenig unnötig, die zahlreich erschienenen Hilfsärzte vor. Ihr Verlobter, so war verabredet, sollte erst eintreten, wenn sie in der Narkose lag.

Nun trat der Chef ihr zu Füßen. Die Assistenten verteilten sich, der grobe Vergleich bittet um Vergebung, wie die Kanoniere um ein Geschütz. Ein Blick zwischen dem Leiter und seinem Famulus, dessen Augen unausgesetzt an denen seines Herrn hingen . . . »Wollen Sie recht tief atmen . . . Bitte langsam zu zählen . . .« Wieder ein Blick zum Chefarzt hinüber. Dieser sagte. »Fertig!« Die feuerrote Decke fiel. In diesem Augenblick trat der Verlobte in den Saal. Ein scharfer Sturmstoß des bösen Nordwestes, der sich aufgemacht hatte, rüttelte sekundenlang an den Fenstern.

* * *

Grade vom Himmel in die Wiege hinunter senkt eine Göttin die Kunst. Die Kunst des großen Feldherrn, des großen Arztes, des Baumeisters, des Musikers. Tritt Fleiß und besondere Geschicklichkeit hinzu, wird der Künstler zum Meister.

Es herrschte Grabesstille. Der Sturm, der in die Fenster gesehen, hatte sich entsetzt rasch entfernt. Vom nächsten Kirchturm schlug es Mitternacht.

Der Meister war an seinem Werke. Das Auge erglänzte ihm in erhöhter Schönheit.

Der erste tiefe, furchtbare Schnitt war ausgeführt. Zwei Assistenten hielten mit kleinen Harken die Lappen auseinander. Ungehindert konnte der Chef arbeiten. Nun klangen seine Kommandos, ruhig, fest, sicher: immer nur einzelne Worte. Zwei Ärzte hielten die Pulse der Kranken, die andern flogen, um das Gewünschte blitzschnell von den Fensterbänken zu holen.

Aus dem bloßgelegten Knochen floß Eiter und Schmutz in großer Menge. Ein durchdringender Geruch verbreitete sich im Saal, ein Verwesungsgeruch: zwei Wärter und drei Wärterinnen mußten sich für Sekunden an die Wand lehnen. Alle übrigen wurden blaß. Nur er, der Meister, blieb unerschüttert.

Der Verlobte der jungen Dame stand nach wie vor abseits. Aus dem Arzte, so sehr er dagegen kämpfte, kam der Mensch zum Vorschein. Eine unbeschreibliche Rührung flutete ihm durchs Herz, und oft mußte er seine ganze Kraft zusammen nehmen, um die Messer nicht aufzuhalten. Als der Schmutz und der Eiter flossen, kam ihm, ohne daß er sich Rechenschaft geben konnte, ein tiefer Ekel . . . und in diesem Augenblick betäubte ihn der Geruch. Er fiel ohnmächtig nieder, um erst, als Alles vorbei war, wieder zu erwachen.

Der Meißel, der Hammer setzten sich an die entzündete Stelle. Es klangen die Schläge, feste, schnelle Hammerschläge. Wie der Bildhauer an dem Überflüssigen einer Statue hämmert, so schlug der große Arzt. Sein Auge lag ruhig auf dem Knochen; die Hand schlug wie auf einen gleichgültigen Stein.

Endlich war Alles vorüber. Wie aus einem Gewirre von Stimmen erwachte das junge Mädchen. Sie hatte nicht den geringsten Schmerz gespürt. Einmal, und dessen erinnerte sie sich deutlich, hatte sie gefühlt, daß ihr die warme Frühlingsonne auf den Rücken schien – da war sie gebrannt worden. Und einmal hatte einer Klavier gespielt auf ihrem Rücken; es war eine sanfte, wohltuende Bewegung, die sie gespürt hatte – da war sie gemeißelt worden.

* * *

Auf dem Eise war die schöne Braut gefallen. Lachend hatte sie sich erhoben; auch nicht den geringsten Schmerz hatte sie gefühlt. Ja, nicht einmal ein blaues Fleckchen war nachgeblieben. Aber plötzlich, nach Wochen, empfand sie ein heftiges Stechen in der linken Schulter. Der Hausarzt hielt es für eine Erkältung, und in der Tat, nach wenigen Tagen schien Alles vorüber zu sein. Allmählich aber fiel ihr auf, daß sie nicht den Rücken grade halten konnte. Zuerst erzählte sie niemand davon. Als ihr aber das Aufstehen immer beschwerlicher wurde und sie fortwährend leichte Schmerzen fühlte, wurde abermals der Hausarzt herangezogen. Dieser, nun ängstlich geworden, rief den berühmten Operateur zu Hilfe. Das lag ihm klar, daß seine Patientin eine Eitermasse belästige.

Und der große Meister, der den innern Menschen kannte wie das Zifferblatt seiner Uhr, erkannte die Ursache sofort.

Schon für den folgenden Tag bestimmte er die Schneidung. Als er aber, wie von Unruhe getrieben, noch einmal bei der Kranken gewesen war, ordnete er schon für die nächsten Stunden die Operation an.

* * *

Zum erstenmal nach dem Ereignis saß an ihrem Bette ihr Verlobter. Er hatte ihr einen Korb voll dunkelroter Rosen mitgebracht und ihr diesen wie in freudigem Übermut über die weiße Bettdecke gestreut. Aber als er nun die abgemagerten Hände in die seinigen nahm, empfand er, er konnte sich wieder keine Rechenschaft deshalb geben, einen leisen Anflug des Widerwillens, des Ekels.

Sie, von denen die Ärzte es wie ein Wunder betrachteten, daß sie lebe, erholte sich von Tag zu Tage. Die Wunden, durch ein zweite Operation unterstützt, schlossen sich mehr und mehr. Die ausgezeichnete Pflege im Krankenhaus tat das ihrige. Aber je weiter sie wieder frischer im Leben auftauchte, umsomehr konnte sich ihr Verlobter einer steigenden Abneigung gegen seine Braut nicht erwehren. Ein ihm nicht Erklärbares, das ihn wie mit starken Haken langsam von ihrem Bette wegzog, suchte er vergebens zu überwinden. Eines Tages, schon war die Übersiedlung ins elterliche Haus beschlossene Sache, als er ins Krankenhaus ging, war es ihm kaum noch möglich, die Tür zu ihrem Zimmer zu öffnen. Sie lachte, eine schöne Rose in der Hand haltend, ihn glücklich an. Er aber, von Dämonen geleitet, wagte es nicht, zu ihr zu treten. Er stammelte ungeschickte Entschuldigungsworte und sagte ihr endlich ohne jede Rücksicht, daß es ihm nicht mehr möglich sei, an der Verlobung festhalten zu können, daß er . . .

Und dann war er verschwunden.

* * *

Die Arme lag zuerst wie vom Schlage gerührt Dann begannen ihre Finger hastig die Rose zu zerpflücken. Ihre Nerven begannen einen Tumult: leise strichelten sie um und an der linken Seite des holden Gesichtchens. Plötzlich streute sie die Rosenblätter über ihr Haupt und riß dann mit größester Gewalt die Verbände ab. Diese wie Tücher schwenkend, sprang sie auf dem Bett und auf die Fensterbank und warf sich hinunter auf den tiefliegenden gepflasterten Hof. Sie zerschmetterte sich den Schädel und war auf der Stelle tot.

* * *

Den Ärzten blieb ihr Wahnsinnsanfall ein ewiges Rätsel. Der Verlobte verschwand schon am nächsten Tage aus der Stadt. Jeder fand dies natürlich. Selbst der dicke Kommerzienrat meinte: »Ja, ja, das hätte ich auch so gemacht;« obgleich er sicher dem Sarge gefolgt wäre.

Es gibt Stimmungen und Empfindungen, deren Ursprung uns völlig unklar ist. Es werden Geheimnisse bleiben, die nie ergründet werden können. Hatte in diesem Falle das ekelhafte Bild und der furchtbare Geruch des fließenden Eiters den ersten Anstoß gegeben?

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