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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 9
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Italien

Villa Margherita

Nach einem längeren Aufenthalt in Paris während der Weltausstellung reiste ich mit meiner Mutter nach ihrer Villa in der Nähe von Livorno, am türkisblauen Mittelländischen Meer. Darüber leuchten die weißen Carraraberge in ihrer marmornen Pracht. Rote Felsen werden von den weißschäumenden Wogen bespült, rosa Oleanderhaine stehen bis dicht ans Meer. Auf dem Hügel des Monte Nero aber thront 48 die wundertätige Mutter Gottes, die Rodin später so oft in seinen Briefen erwähnt. Immer wieder mußte ich das Bild nach Rodins »mort du poète« anschauen, das auf meinem Schreibtisch stand. Oft fiel ein Strahl der leuchtenden südlichen Sonne auf das vollendete Antlitz. Ich schrieb darüber an Rodin. Da kam der zweite Brief, den ich damals von ihm erhielt: »Sie haben mir im Frühjahr geschrieben, daß Sie im Herbst noch in Italien sein würden, in der Villa Margherita. Sagen Sie mir, ob ich nächste Woche die Freude haben kann, Sie zu begrüßen, auf dem Wege nach Saravezza-Carrara.«

Klassische Bewegungsstudie

Als er dann in den weißen Saal unserer Villa trat, schaute er andachtsvoll aufs Meer, das hinter der weiten Terrasse aufleuchtete. Und schon am ersten Morgen gingen wir auf die roten Felsen. »Welche Einheit in der Form, welche Größe in jeder Einzelheit«, wiederholte er immer wieder und sog bewegt den salzigen Hauch der Wogen ein. »Wie ist doch der Atem des Lebens Frieden und Freude. Wir erkennen uns lächelnd vor seinen Schönheiten. Das Leben wird unbegrenzt, und jede Bewegung kann ewig sein.« Und dann kehrte er wieder zu seinem Glauben an die große Linie zurück: »Eine bestimmte 49 Linie ist gerecht das Weltall hindurch allen Geschöpfen zugeteilt. Wenn sie sich in ihr bewegen und natürlich fühlen, können sie nichts Häßliches hervorbringen. Die Griechen haben so eingehend die Natur studiert, und ihre vollendete Schönheit kommt von ihr und nicht von einem abstrakten Ideal. Der Körper des Menschen ist ein Tempel und hat himmlische Formen.« Er vertiefte sich in den Anblick des Meeres und sagte dann langsam: »Sie können den Sonnenuntergang in einer Blume sehen, wenn Sie wirklich studieren. Sie kann Sie ebenso bewegen wie der Anblick des Meeres, nur ist das Meer größer und gibt uns eine stärkere Erschütterung. So muß man auch meinen ›Mann mit der zerbrochenen Nase‹ und die ›Frau ohne Kopf‹ verstehn. Ich versuche darin die Vollendung in einzelnen Teilen zu erreichen, und diese werden das übrige fühlen lassen, ohne daß es materiell sichtbar ist.« Und hier treffe ich wieder auf eine Stelle aus seinen Briefen: »Seien Sie nicht erstaunt, wenn Sie Ihr Zeichnen von Figuren nicht befriedigt. Sie glauben sie ohne Leben, aber das Leben kommt als Belohnung für die Zeit, die man verwandt hat. Es kommt wie eine Gnade und wenn man es nicht mehr erwartet. Es 50 ist eine Arbeit der Sehnsucht, die die Heiligen bildet und ich könnte fast sagen die Künstler. Dieses alles gibt Ihnen die volle Hoffnung, die süße Freude des Lebens zu erfahren.«

Oft saßen wir nach unseren Spaziergängen in dem weißen Saal, und ich mußte Rodin vorspielen, oder meine Mutter sang aus den Arien alter italienischer Meister – »für die Götter und die Menschen«, wie er später in einem Brief erinnernd schreibt. Er hatte manches Mal ein Blatt in der Hand und zeichnete während der Musik. Oft aber war der Raum von dem Gewicht seiner Stille erfüllt. Störungen liebte er nicht. Einmal besuchte uns abends ein begabter deutscher Architekt. Dieser kümmerte sich nicht um die versonnene, schöpferische Atmosphäre, deren unausgesprochene Macht ihn eher beunruhigte. Er wollte den berühmten Bildhauer Rodin sehen und ganz bestimmte Dinge von ihm erfahren: Welche Qualität Bronze er benutze, welcher Marmor sich am besten verarbeiten lasse? Rodin hob den Kopf, versuchte erst höflich zu antworten, dann verstummte er bald ganz, plötzlich stand er auf und ging leise und vorsichtig, ohne sich zu entschuldigen, aus dem Zimmer. Der fragende Architekt schaute 51 etwas befremdet nach der sich sanft schließenden Tür. Da er aber ein Mann von Welt war, meinte er, der Meister sei wohl müde, und verabschiedete sich mit der Zusicherung eines baldigen neuen Besuches. Als ich Rodin am nächsten Morgen traf, sagte er nur: »Der gestrige Besucher hat alle die Bilder, die wir entworfen hatten, ausgelöscht . . .«

 

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