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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Kathedralen

Wir traten vor ein Feld, besät mit blauen Veilchen, daneben glühten rote Blumen. Rodin war begeistert: Diese Blumenfelder sind wie ein Fenster der 40 Kathedralen, denn in jener Zeit brachte das Volk die Natur als Dankopfer in die Form ihres Tempels.

Klassische Bewegungsstudie

Der weite Himmel verwandelte sich in die Gestalt der Madonnen. Die Wolken wurden Engel, die Blumen köstliche Ornamente. Der Säulenwald rauschte unter den Klängen der Orgel, und die gotischen Bögen trafen sich an der hohen Decke wie Zweige, während die bunten Scheiben, von der Sonne durchglüht, mit den grauen Fliesen spielten und blätterartige Schatten warfen. Statt des Vogelrufs ertönte rhythmischer Gesang, und Weihrauchwolken statt der Blütendüfte erfüllten die Luft. Die gefangene Natur pries den Schöpfer in dunkler, ernster Weise, nicht auf ihre sonnige Art.« Dabei fällt mir ein Brief über die Kathedrale von Chartres in die Hand: »Ich habe eine Sculptur gesehn, die die Geburt Christi darstellt. Es war in Chartres, im alten Singchor. Die liegende Mutter Gottes hat sich seitlich gewendet und auf ihren Ellbogen gestützt. Mit ihrer freien Hand berührt sie das Kind, das in einem kleinen Bett neben ihr liegt. Der heilige Joseph bringt voll Eifers eine kleine Umhüllung. Die Lieblichkeit dieser jungen Mutter ist noch die Lieblichkeit des jungen Mädchens und ihr Erstaunen, mit der Spitze ihrer Finger 41 diese zweite, greifbare Verwirklichung ihrer Seele zu berühren, ist so überzeugend, daß das Meisterwerk wahrhaft lebt, und in wie rührender Weise. Lange habe ich dieses Wunder in Chartres angeschaut und gedacht, daß die Bildwerke doch immer noch weit von der Wirklichkeit entfernt sind, von dem Wunder des Lebens.« Einmal fuhr ich während eines Pariser Aufenthalts ohne Rodin nach Chartres, und ich sah das Wunderwerk dieses Doms, in dem tatsächlich die alten Glasfenster wie tausendfältige Blütenfelder erglühn. Die kleine Stadt muß seiner Macht gehorchen, nur zu ihm blickt man auf. Draußen an der einen Ecke steht ein großer Engel und hält eine Sonnenuhr. Rodin frug mich gleich nach ihm und meinte, seine lebendige Gestalt müßte die Züge einer Frau tragen, die einer der ungenannten Künstler gekannt und geliebt hätte. Es umgibt ihn eine besondere Lieblichkeit und ein lächelnder Glanz.

Eines Abends, vor einem der Atelierhäuser, kam Rodin wieder auf die Kunstwerke der Vergangenheit zu sprechen: »Langsam, in breiter Ruhe sind die Monumente jener Zeit aufgebaut. Das ist das Geheimnis der großen Zeitdenkmäler, der Kathedralen, des 42 Parthenon bis zu den antiken Vasen, diese heilige Ruhe, die durch den ganzen Organismus geht. Ganz oben erst fängt es an zu blühen. Die Architekten von heute haben den Sinn für die Proportion verloren. Den Sinn für die Höhe und Breite haben sie vielleicht noch, aber was sie verloren haben, ist der Sinn für die Tiefe. Früher hat man Höfe gebaut, um die Fassade hinter den Flügeln zurückzustellen, und man erreichte so ein lebendiges Spiel von Schatten und Licht. Heute sind die Fassaden eintönig und langweilig. Ein anderes Geheimnis des großen Werkes ist die Erkenntnis der Flächen. Man muß nicht mit der Einzelheit anfangen, sondern mit dem Umriß. Wir können nur die Natur nachahmen, doch muß man sie verstehen. Der Bildhauer wird die wichtigen Elemente betonen. Diese Betonung muß aber leicht und unmerklich sein, und darin liegt die große Schwierigkeit. Die Ägypter z. B. zeigen ein tiefes Begreifen der menschlichen Anatomie, aber auch sie ist nicht sichtbar, nur leicht gefühlt. Bei einer Büste handelt es sich darum, die charakteristische Bewegung zu finden, eine schwere Aufgabe, die der schlechte Künstler scheut. Denn es gehört Mut dazu, entschlossen bei dem Entscheidenden zu 43 bleiben.« Und später heißt es in der Antwort auf einen meiner Briefe aus Rom: »Diese Architektur in Rom, welche Schulung für den Charakter. Muß er sich nicht danach wandeln? Soviel Übereinstimmung in den wiederholten Teilen. Symmetrisch mit einem durchgefühlten einheitlichen Willen und auch einem so edlen Gehorsam überall. Dies alles eint sich zu dieser Größe und gibt den Eindruck einer vereinfachten Landschaft, im Schweigen der Nacht.«

 

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