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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Geheimnis der Schatten

Die Gewalt der Schatten war für Rodin ein unendliches Geheimnis. Vor den großen Portalen von Notre Dame versuchte er mir etwas von diesem unergründlichen Gesetz mitzuteilen: »Die wechselnden Schatten der Kathedralen geben die Bewegung. Die Bewegung ist die Seele aller Dinge. Nur das Bildwerk gilt für alle Zeiten, das die Kraft in sich trägt, vollkommen seine eigenen Schatten unter dem Licht des Himmels zu bilden. Denn aus der richtig 35 geformten Masse erwachsen die Schatten ganz von selber. Welcher Unverstand liegt in der Wiederherstellung der Kathedralen, wobei mit roher Hand alle diese Möglichkeiten zerstört werden. Wie gern hätte ich diese Denkmäler meines Landes verteidigt, aber ich hätte meine eigene Arbeit verlassen müssen.« Auch an einigen Stellen der Beethoven-Andantes erscheint plötzlich diese Schattenwirkung, die wie ein Odem Gottes über dem Ton liegt. Eine Pforte hat sich geöffnet: »Wir sind auf der anderen Seite der Mauer«, sagte Rodin. Wenn ich vor ihm spielte, fühlte ich ganz deutlich die brüderliche Begegnung zwischen ihm und Beethoven in dieser Dimension. Es war ein ergreifender Augenblick, wie unter dem Hauch eines ersten Schöpfungstages. Dann beugte er das Haupt, und durch den Raum zog das Geheimnis der Schatten an uns vorüber. Immer wieder erwähnt er später diese Stunden in seinen Briefen: »Dieser Abend in seiner erhabenen Einsamkeit, den Sie mit Ihrer Huldigung an Beethoven erfüllt haben, unseren Dichter, der uns teil hat nehmen lassen an seiner tragischen Freude. Allein haben Sie, wie Sie schreiben, diese Tage, diese Abende, die ihm gewidmet waren, wiederholt für seine Seele 36 und die unsrige: Gesegnet seien Sie dafür.« Feierlich wie ein Vermächtnis steht dann folgender Satz von Beethoven allein auf einem Briefbogen mit großer, ruhiger, deutlicher, Schrift: »Ja, gleich einem edlen Wein gibt die Musik Begeisterung, und ich, ein neuer Bacchus, ich ernte den Wein, an dem die Menschheit sich berauscht. Ich habe keine Freunde, mein Leben muß einsam zerfließen, aber ich weiß, daß Gott mir näher in meiner Kunst ist, als den anderen Menschen. Ich schreite ohne Furcht mit ihm, denn ich habe ihn immer verstanden und erkannt. Was meine Musik betrifft, so bin ich ohne Sorge. Kein schlechtes Geschick kann sie erreichen, wer sie versteht, wird frei von allem Elend, das die anderen Menschen hinter sich herschleppen.«

Wie der Schatten, so war auch das Licht für Rodin die große, bildnerische Kraft. Wir standen in Lucca vor einem Turm, der im Glanz der untergehenden Sonne erglühte. Da sagte er: »Jedes vollendete Bildwerk spiegelt so das Licht wieder. Es ist umgeben von einer Atmosphäre, seiner Atmosphäre. Dieses Licht ist ganz natürlich die Ausstrahlung der Schönheit und Wahrheit.« Doch von Italien später. Wir kehren in den Garten von Meudon zurück, wo 37 unter Rodins Auge sich immer wieder neue Wunder erschließen. Die Irisse blühen in langen Reihen, und weiße Schwäne ziehn umher oder recken ihre Flügel gegen den Himmel. Einige sind auf dem Rasen gelagert, und ihr Hals schwingt und wendet sich wie ein herrliches Ornament. Ihr Anblick eröffnet Rodin immer neue Visionen. Und manche Gruppen schafft er unter dem Einfluß ihrer Bewegung. Dazwischen freut er sich wohl an den in kleinen Museumsbauten aufbewahrten Antiken. Auch ägyptische Tiere sind darunter, eine Katze, deren sprungbereite Kraft in einer Linie überzeugend zusammengefaßt ist, betrachtet er immer besonders liebevoll. Auf der Wiese aber steht der Torso eines Apolls im Sonnenlicht, die Blätter der Bäume umschmeicheln ihn mit zarten Schatten, und ein großer Buddha träumt zwischen Rosen vor dem Hintergrund der Landschaft. Nun treten wir ins Haus, wo an den Wänden viele Bilder lehnen: »Gauguin, Van Gogh, Cézanne.« Rodin liebt es, sie in zufälligem Nebeneinander aufzustellen und sie wie im fruchtbringenden Wechsel freundschaftlicher Begegnung immer neu zu begrüßen. Im Eßzimmer steht ein antiker Torso auf der Tafel und oft ein 38 Fliederbusch davor. Wenn man mit Rodin dort speist, träumt und spricht er weiter über die Antike. Die Fenster sind offen, des öfteren verläßt man den Tisch und wirft einer Kuh, einer Ziege, die draußen auf der blumenreichen Wiese weidet, etwas Brot zu. Die Technik der Mahlzeit ist aufgehoben und die schwingende Bewegung nicht unterbrochen, die hier unaufhörlich Werke schafft. Bald schreitet man wieder in den Garten und betrachtet die Blumen und Zweige. »Der kleinste Zweig, das Blatt kann uns alles lehren«, heißt es in einem Brief. »Sie sind volle Zeugen der Schönheit. In einem Meisterwerk Peruginos und dieser kleinen Blume ist dieselbe Bewegung, denn beide führen uns in den sanften Frieden ein. Wie schade, daß im Zeitalter der Kraft man sie nur braucht, um uns Trugbilder vorzutäuschen. Immer scheint die Masse recht zu haben und uns von dem wirklichen Leben zu trennen. Wie klein der Garten auch sein mag: sehen Sie, wie die Mönche der Certosa den ihren durch köstlichen Geschmack vergrößert haben. In lieblichem Fleiß stellten sie Töpfereien mit kleinen Bäumen hinein; für sie gab es keinen kleinen Raum, da sie sich bei Betrachtung einer Blume, eines Grashalms in den Himmel hinaufschwangen.« 39

 

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