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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 6
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Meudon

Wir fuhren dann nach Meudon hinauf, wo der Blick weit über die Seine und die Hügel von Paris schweift, und wo Rodin am Abend nach der Arbeit sich in das 27 Studium der Antike vertiefte. Er schreibt später darüber: »Ich habe eine Sammlung von Göttertorsen, von denen einige ganz in Stücken sind. Ich verbringe lange Zeit mit ihnen. Ich liebe die Sprache der Zeit vor zwei- oder dreitausend Jahren, die näher der Natur als jede andere ist. Ich glaube sie zu verstehn, und ich besuche diese Marmorreste immer wieder, ihre Größe ist für mich voller Süße. Es ist in ihnen eine Beziehung zu allem, was ich geliebt habe. Es sind Stücke von Neptunen, von Götterfrauen. Und sie alle sind nicht tot, sie sind belebt, und ich belebe sie noch mehr. Ich ergänze sie leicht in meiner Vision, und es sind meine Freunde der letzten Stunde. Alle aus der schönsten Epoche der griechischen Zeit, sie kommen alle aus Griechenland.« Als ich den Brief las, erblickte ich ihn im Geist zwischen den Bogengängen seiner Sammlungen, über der Landschaft wandelnd, hinter der wir so oft die Sonne untergehn sahen und wo im Frühling die Hügel mit weißen Blütenbäumen bedeckt sind. Ich entsinne mich noch, wie er sich einmal unter dem einen großen Bogen neben mich setzte und auf den Schoß seine Zeichnungen nahm, über die er den leichten Aquarellton warf, der ihnen ein so sanftes »sfumato« 28 gibt. Diese Skizzen einzelner Körperstellungen, die er zu hunderten vor dem sich bewegenden Modell entwarf, benannte er häufig mit mythologischen und anderen Namen.

Michel Angeleske Bewegung

Oft trat man in Meudon aus dem Garten in die große Halle, wo seine Werke standen. In der Mitte des Saales der meist verhüllte Balzac. Der Mangel an Verständnis, dem dieses, vielleicht sein größtes Werk begegnete, verursachte ihm immer wieder neuen Schmerz. So oft sprach er mir davon, wie er hier zum ersten Mal die Figur des Monuments mit allen ihren Profilen so gearbeitet hätte, daß sie vor dem großen Himmel und den Lichtwirkungen der Sonne und Wolken standhalten konnte. Aus der Linie des Alls heraus war der Balzac komponiert. Nach jahrelanger Vertiefung in des Dichters Leben hatte Rodin den Augenblick gewählt, wo er, allein in der Nacht, den Schlafrock überwirft und seiner Schöpfung unmittelbar gegenüber steht. Das Menschliche in ihm streift er später in einem Brief: »Sie lesen Balzac, diesen Mann, der eine Frau hätte haben müssen, die ihn pflegte und liebte. Aber die Männer wie er haben nicht, was den Frauen gefällt. Die dauernde Beschäftigung mit ihrer Kunst verhindert sie, liebenswürdig zu 29 sein, und verschränkt ihnen eine reinliche Eleganz. Sie werden sogar manchmal grob trotz ihrer Klugheit. Denn man macht nur das gut, was man täglich tut. Es gibt eine Mechanik des Lebens, die denen fehlt, die in der großen Einsamkeit leben.«

Einmal standen wir ohne den Meister in der Halle des Balzac. Wir konnten nicht anders, wir stiegen hinauf und ließen das umhüllende Tuch fallen. Da reckte er sich, aus der Dunkelheit kommend, empor, es war als hätte er selber die Hülle abgeworfen. Ein unendlich siegreicher Stolz lag in seiner fast trotzigen Gebärde, die den Kunstkritikern zum Trotz die Zeiten überdauern würde, wir fühlten es. Dieses Monument sollte vor dem Berge oder dem Meere stehn. Es würde standhalten.

Auch die Bürger von Calais hatte Rodin in Gedanken vor die Unendlichkeit des Meeres gestellt. Aber sein Wunsch wurde nicht erfüllt. Man legte ihm immer wieder Steine in den Weg. So hatte der Staat nicht einmal die Geduld, auf die Vollendung der »Porte de l'Enfer« zu warten, die langsam wachsen mußte wie die Lebenswerke der großen Italiener. Nur der »Penseur« kam zur Aufstellung, ein Bruchstück des geplanten monumentalen Tores, auf 30 dessen Höhe drei symbolische Figuren das »Lasciate ogni speranza« zum Ausdruck bringen sollten. Die Türflügel hätten die Gestalten des Inferno an uns vorüberziehen lassen. Schweigend reichte Rodin mir einmal in Meudon eine kleine Tonskizze zur Francesca da Rimini. »Denn die Frau leidet meist still«, sagt er in einem Brief, und er sieht in Francesca das Symbol dieses Leidens, das durch die Jahrhunderte geht. Über Francesca sagt er noch an anderer Stelle: »Die Sinnenlust ist zu groß in unserm Zeitalter, sie ruft den Schmerz. Es ist freilich wahr: lehrt uns Francesca da Rimini, die Heilige der Liebe, daß der Schmerz in Gemeinschaft mit dem Gegenstand unserer Liebe uns beglückt.« In derselben Halle stand auch der Entwurf »Turm der Arbeit«, den er nie hat vollenden können. Hier wollte er das darstellen, was seine eigne Zeit bewegte und die Zukunft bewegen wird. – Und um die großen Bildwerke sind überall die kleineren Gruppen. Sie seufzen und jauchzen dem All entgegen, aus dem ihre Bewegungen kommen, und ihr inneres Licht verbreitet eine wogende Helligkeit in dem Raum: »Wenn die Körper natürlich fühlen, bewegen sie sich schön und sind keiner Häßlichkeit fähig. Selbst in den 31 höchsten Ausbrüchen der Wut trennt sich der Mensch nicht von der Harmonie der großen Linie.« Rodin zeigte dabei eine im Zorn verkrampfte Hand. »In der Frau, die sich kämmt, kann die Bewegung der Gestirne liegen, und wenn sie mit fliegendem Haar vor dem Meere steht, weiß man nicht, ob dieses oder sie schöner ist, denn sie selbst ist das Meer.« Eines Tages ließ er ein Klavier in die große Halle stellen, und ich mußte Beethoven spielen. Plötzlich brach ein Gewitter aus. Dröhnende Donnerschläge begleiteten die Musik. Beethoven hielt stand, und auch Rodins Werke reckten sich und fühlten sich zu Hause in diesem Ausbruch der Elemente. Ein anderer Brief, der mir wie eine Morgenandacht und ein persönlicher Gruß aus dem vor mir liegenden Stoß entgegen leuchtet, führt uns wieder in den Garten hinaus: »Die Freundschaft gibt den Frieden,« so beginnt er, »und ihre Gewißheit ist süß. Ich komme und denke morgens beim frühen Erwachen des Tages daran, und lehne mich auf das Geländer meines Gartens. In der ersten Frische sehe ich das Licht erstehen. Wie eine Figur von Michel Angelo, die gerade erwacht ist und die Schleier der Dunkelheit mit sich fort trägt, zieht 33 die Nacht fast betrübt von dannen. Mein Geist überfliegt Tausende von Meilen. Wie doch die Abende und Morgen den Symphonien von Beethoven gleichen. Wie er die Eindrücke begleitet, die die Natur uns gibt. Er stört uns nie, ist wie unser großer Freund mit seinem Bruder Michel Angelo. Sie sind beide verwandt mit der Gotik, dieser noch unbestimmten Kraft, die aus dem Schatten erwachsen ist.« 34

 

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