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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 3
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Rodin in Briefen und Gesprächen

Rodin und Michelangelo

»Wie die Natur sind Michel Angelo, Beethoven, diese großen Wohltäter der Menschheit, Besitz von denen, die mit ihnen arbeiten wollen. Wir gehorchen ihnen, und sie geben uns das Verständnis für die Größe unserer eigenen Natur. Gleich dem Vogel im Nest werden wir von diesen Halbgöttern gehütet und angefeuert, bis unser Herz sich aus eigener Kraft emporschwingt, um dann wie die Flamme in ewigem, erwachten Drang sich nie mehr genügen zu lassen. Der Mensch altert voller Erfahrungen und wird auch weise, sein Herz aber ist noch freigeblieben. Er 14 träumt und denkt an das Nest, aber nur um sich neu aufzuschwingen wie ein Vogel im Sturmflug, der Gott streift.« Diese Worte, mit denen mir Rodin für die versuchte Übersetzung einiger Sonette Michel Angelos dankte, mögen wie ein Hymnus diese Zeilen einleiten, die ich zu seinem Gedächtnis schreibe. Sollten sie nicht als Zuruf über jedem Leben stehn? Weiter spricht er dann in einem Brief über einzelne der Sonette. So über das an die »Nacht«: »Diese große Nacht, sie empfängt die kleinen und die großen Schmerzen wie das Meer die Bäche und Ströme.« Und über den »Strom«: »Seine Ufer treten über wie ein unbezähmbarer Schmerz. Der eine zerstört die Landschaft, der andere das Leben.«

Wie begegnen sich diese beiden Gewalten Rodin und Michel Angelo? Um sie kreisen die Gestirne und rollen die Meere und Ströme. In jeder Zeile, die sie schreiben, in jedem Meißelschlag, den sie führen, ist die Bewegung der großen Natur, die Unergründlichkeit der Nacht und der gestirnten Himmel, das Aufflammen und Niedersinken der Sonne. Sie spüren das innere geheimnisvolle Beben in den Schächten der Gebirge und in den Abgründen der Ozeane: Sie wissen von den Leiden und Freuden 15 der Bäume und Vögel, Fische und Blumen, der Körper und Gesteine.

»Erinnrung dieser ersten Schönheit ist unendlich, Auch in der Ewigkeit noch dauert ihre Freude.« ruft Michel Angelo, und Rodin bejaht ihn in innerer Erschütterung: »Michel Angelo spricht also von der Freude, die Gestalten der Schönheit, die er hier nachgeformt hat, noch in einer andern Welt zu erblicken. Sollte das heißen, daß die Himmel nichts Herrlicheres bringen können, als Erinnerung an die irdischen Formen, die in der Ewigkeit bestehn bleiben? Das wäre fast mein Gedanke.« Und in einem andern Brief beschäftigt ihn immer wieder der Glaube, daß Gott auf dieser Erde sich schon wiederspiegelt. Bescheiden wie immer sagt er: »Wenn ich auch nicht sehr weit vordringe, so liebe ich wenigstens die Kreatur mit meiner ganzen Kraft. Ich liebe diese große Kunst des Lebens, die man Zuneigung nennt. Die, welche sich fürchten sie zu schenken, sind immer arm, aber die, welche in der Liebe stehn, sind von Glanz umstrahlt. Denn das Leben ist eine Gnade und eine Vorbereitung für den Himmel. Das Leben ist gewaltig und glorreich und uns nahe. Der Himmel ist versteckt und überläßt uns nur die Sehnsucht. 16 Ehe wir ihn besitzen, müssen wir seiner würdig werden durch das Begreifen des Lebens. Denn das Leben ist schon ein Himmel, der unsere Bewunderung verdient. Seine Sinnenfreude erweckt die Seele und vermittelt ihren Aufschwung. Sind es nicht die Wohltaten des Körpers, der Jahreszeiten, der Vereinigung von Künsten und Wissenschaften und des erhabenen Schmerzes, die uns zu den Himmeln erheben? Wie auch die Dichter, die unsere Kräfte, unsere Sehnsucht gestalten und diejenigen bezaubern, welche noch nicht gelebt haben. Sind es nicht auch die Dichter, welche die ungeregelte Flamme, die in so vielen lebt, emporführen? Sie sind die Wegweiser zum Himmel. – Sie glauben an den Reichtum dieser Erde und empfinden den Schauer der Größe, wenn man ihnen von Heldentum, Güte, Mitleid und menschlicher Aufopferung erzählt. Man fühlt sogleich, wie Jugend und Glück durch die Reihen ziehn, und das Beispiel, die Kraft des Beispiels, die Beredsamkeit der Tat reißt uns mit fort. Versuchen wir immer mehr die unendlichen Gaben Gottes und der Menschen, dieser Halbgötter, zu erfassen. Haben nicht Beethoven und Michel Angelo eine Begleitung der Sinnenfreude und der Liebe erfunden, 17 haben sie nicht die Blumen des irdischen Lebens geschaffen, die würdig sind, im Himmel dargereicht zu werden, wo man Ambrosia liebt? . . . Nein, tausendmal nein, nie werde ich die Werke Gottes verachten. Sie sind der Schlüssel zum Himmel. Welcher Wahnsinn zu denken, daß man das Werk Gottes verachten kann, welches sein Odem ist, daß man ihm gefallen kann, indem man gleichgültig bleibt vor dem wohltätigen, wunderbaren irdischen Paradies. Er will uns nicht bestrafen, glauben Sie es mir. Und die Schönheit, die ihn umgibt, erfreut und belebt ihn zu neuen Wunderwerken und Wohltaten.«

Michel Angeleske Bewegung

Und jetzt reckt sich Rodin und besinnt sich auf seine eigene Größe: er fühlt sich wie ein Gefäß, berufenden Göttertrank seinen Mitmenschen zu spenden: »Welches Glück für mich, daß ich manchmal durch den Schatten der göttlichen Gedanken ziehn darf, denn ich bin sein Weg, durch den Instinkt, den er mir gegeben und den ich entwickeln muß. Die einen durch die Lust, andere durch den Schmerz, viele durch beide, gehen wir alle zu ihm. Wir sind sein Werk, wir sind seine Kraft, wir sind seine Vielgestaltigkeit. Die Gefühlsarmen mögen ihr Leben nach Interessen aufbauen, es ist wohl nötig: aber 19 die, welche reich an inneren Gütern sind, sollen hier schon im Himmel leben, wenn auch im irdischen Kreis. Man sage nicht, daß einige hier bestraft werden sollen. Die Sorgen treffen und reinigen uns nach jedem unserer Fehltritte. Das ist genug. Alles ist bezahlt. Es gibt Unschuldige, das sind die Bannerträger des Universums, und die Jahrhunderte bewundern sie und wandeln sich nach ihnen. Sie sind unser Stolz.«

Und dann wieder seine rührende Bescheidenheit: »Sie gaben mir Michel Angelo und Ihr Gedenken, und ich nur Schweres und Ungelenkes: Verzeihen Sie mir, und ich werde dann wieder den Mut finden, Ihnen meine Gedanken zu sagen.« So wechseln bei ihm die Gefühle. Auch er ist menschlich und göttlich zugleich. Wie in einer Landschaft ziehen Wolken und Licht über seine hohe Stirn. Bald ist die Demut wieder abgeschüttelt, wenn der Anblick des Lebens oder die Arbeit ihn packt. Dann steht eine Flamme über seinem Haupt. In mächtiger Konzentration schaut das Auge über das nur Stoffliche hinaus, während er ein Stück Ton oder den Meißel ergreift. Aber immer kehrt er in jener Zeit zu den Sonetten Michel Angelos zurück: »Diese Sonette haben einen ganz eigenen Rhythmus, der die Größe 20 der Form im ersten Wort schon ankündigt. Das ist das Herrlichste in der Dichtung: die stolze Bewegung des ersten Wortes, der Stolz, der durchhält.« Und dann am Anfang eines Jahres über das »Gebet« Michel Angelos: »Als ich es las, schien es aus meinem Herzen zu kommen. Welch schöneren Gruß konnte ich für den ersten Tag des Jahres empfangen!«

Immer noch sehe ich Rodin in Florenz, wie er allein nach einem gemeinsam verlebten Tag uns verließ und langsam unter dem Schatten des Palazzo Pitti entschwand, um seinen großen Freund Michel Angelo aufzusuchen. Man fühlte die Einheit dieser zwei Gewalten, die über die Jahrhunderte hinüber sich die Hand reichten. Die Bogengänge, durch die er nun langsam und nachdenklich schritt, waren erfüllt von dieser unsichtbaren Begegnung. Dann entschwand er beim Bargello unsern Blicken. Im Dom sah er damals die Kreuzabnahme Michel Angelos, die sein Gefühl so erschütterte und ihm später während eines Gesprächs den Stift führte, sodaß er die ganze Dramatik der Szene aufs Papier warf. Die durch zwei so gewaltige Seelen gewandelte und gesteigerte Empfindung ist tief ergreifend. Dort steht die Skizze vor mir auf dem vergilbten Blatt 21 eines Briefbogens: Rodins Gefühl lebt noch immer in diesen Linien, die in ihrer Bewegung dem fließenden Wasser und den ziehenden Wolken verwandt sind, und die leichte, unnachahmliche Würde des ersten Wurfes zeigen, wie er nur ganz wenigen Sterblichen gelingt. Denn dieser erste Ausdruck geht tief bis ins Allerletzte, endgültig und einmalig. Und im weiteren Verlauf des Gesprächs stieg Rodins Begeisterung, er wendete dasselbe Blatt, und der Tag und die Nacht der Mediceischen Kapelle entstanden vor dem erstaunten Auge. »Wir sind in Michel Angelos Kreis eingetreten und für alle Ewigkeit seine Kinder und Lehrlinge«, ruft er später in einem Brief aus. »Er hat uns gebändigt und an den Wagen der italienischen Arbeit gespannt unter ihrem Himmel.« Immer wieder erklingt das Lob der Arbeit. Denn die Eingebung ist nicht alles, es bedarf vor allem der angestrengten Konzentration. Wenn wir in der Landschaft beglückt Farbe und Form gefühlt hatten und dem tiefen Geheimnis der Natur näher zu kommen schienen, rief er oft freudig: »Wir haben heute vormittag gut gearbeitet.« Auf Reisen fragte er mich oft schon des Morgens: »Haben Sie Notizen niedergeschrieben und gearbeitet?« 22

 

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