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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 21
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zum letzten Mal Meudon

Doch noch einmal möchte ich mit Rodin auf dem Hügel von Meudon stehn – in dieser Frühlingszeit, die er selbst in einem Brief beschreibt: »Es ist 103 Frühling, mein Hügel ist in Blüte von allen Seiten. Ich betrachte die weiße, duftende Pracht, ›et je Vous offre en penéee ces fleurs de France‹.« Die Schwäne breiteten wieder ihre starken, weißen Flügel aus, und ihr strahlendes Weiß leuchtete zwischen den Irisbüschen und den Veilchenfeldern. Der Buddha saß nachdenklich vor dem Hintergrund der fernen Hügel. Rodin begann über den Faust zu sprechen, dessen starker Eindruck, wie er ihn damals am stürmischen Meer erlebte, ihn oft begleitete und der oft auch in seinen Briefen widerklang: »Wie schwinge ich mich zur Freude auf, daß ich alles spüre ohne die Bitterkeit des Faust, den Sie mir damals gelesen. Erfüllt von diesem Glück, bin ich dem Überschwang des Lebens nahegetreten, dem Meisterwerk unseres Daseins. Ich habe es bewundert, warum kann ich diese Bewunderung nicht der Welt geben? Wie Faust, aber in sanfterer Weise, bin ich im Olymp. Ich habe nicht seine ungeheuerlichen Träume, auch nicht seine zerreißenden Eindrücke wie sie das einfache Vorlesen vielleicht stärker als die Aufführung im Theater vermittelt.« Wie wir an jenem Frühlingsabend nachdenklich weiter sprachen, stieg immer die Gestalt des Faust wieder auf. Und wenn 104 ich jetzt darin lese, sehe ich die Landschaft von Meudon vor mir, in der Rodin fast tastend seinen Eindruck dieses großen Werkes wiederzugeben suchte, das auch Widerspruch in ihm erregte. Wir vertieften uns dann besonders in den zweiten Teil, dessen Visionen er gern selber geformt hätte. Viele haben sich gegen die Gewohnheit Rodins gewehrt, seine Werke mit Namen zu bezeichnen. Das Kosmische seines Schaffens konnte aber ohne die Einbeziehung aller formenden Elemente nicht bestehn. Der Name erwuchs bei ihm auch oft erst aus dem geschaffenen Werk.

Büste von H. v. N. W.

Die Sonne war inzwischen am Horizont entschwunden. Wir pflückten Blütenzweige in der Abenddämmerung. Mit ihnen beladen stiegen wir nach der »houlette« hinunter. Vor den Abgüssen der gotischen Skulpturen im unteren Saal begann er wieder über die Kathedralen zu sprechen: »Die Ruhe brauchen wir in allem. Das ist das Geheimnis der großen Bildwerke. Die Ruhe durchzieht ihren Organismus, und ganz oben erst fängt es an zu blühn.« 105

 

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