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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 20
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Noch einmal Ardenza

Nach vielen Jahren sitze ich wieder an demselben Meeresufer, das Rodin so liebte. Einige Skizzen und Zeichnungen sind um mich, auch zwei Gipstorsen, halbzerschlagen durch unwissende Hände. Wie eine Meereswoge steigt dort ein Frauenkörper aus der Gefangenschaft des unförmigen Erdkloßes, dem sie entwachsen ist. Es ist Nacht, der Mond steht über dem Meer, das seufzend die ewige Sprache seiner Sehnsucht spricht. In solchen Augenblicken fühlt man stark, aus welcher Quelle Rodin seine Formen hat erstehen lassen, denn sie begrüßen brüderlich alle Stimmen der Natur und sind ihr tiefster und äußerster Ausdruck. Wie schwingt sich edel und befreit auch der Torso des Mannes vor rosaleuchtenden Oleanderblüten am Morgen, oder vor den purpurnen Strahlen des Sonnenuntergangs am Abend. Dort, auf jener Zeichnung sind es Frauen, die sich wie Pflanzen umschlingen, der Duft des Waldes ist 101 um sie. Denn immer atmete für Rodin aus der Frau Erde und Himmel, sie ist die Blüte, die aus der Nacht entsteigt. Im Garten der Villa Margherita öffnen sich bei Sonnenuntergang mit berauschendem Duft die weißen Kelche der »Lipomea«, um am Morgen, sobald die Sonne aufgeht, in unverwandelter Schönheit zu sterben. Etwas von diesem Glanz, der das häßliche Welken nicht kennt, haben die Frauenkörper Rodins, und selbst wenn er in der »vieille Héaumière« das Alter darstellt, schimmert über diesem Verfall das unvergängliche Leuchten einer ewigen Schönheit.

Ich blättere weiter in den Zeichnungen, die durch braune Flecken halb zerstört sind, lange Jahre haben sie hier in der Schublade des von Rodin benutzten Schreibtischs gelegen, die Feuchtigkeit des Meeres, der langen, stürmischen Winter hat ihr Leben gefährdet. Da ist eine aus dem Gedächtnis hingeworfene Skizze nach dem Grabmal Julius' II. von Michel Angelo, und dort eine Reminiscenz an das Tryptichon des Perugino. Wenige Linien eröffnen ganze Himmel. Und mitten zwischen leidenschaftlichen, von Tintenflecken halb verdeckten Strichen ruht lässig, von Rodins Hand verwandelt, eine der herrlichen Grabfiguren aus der Mediceerkapelle. Diese Skizzen 102 sind wie ein Selbstgespräch. Dann wieder führt uns das Blatt, nach neuen Phantasien über das Grab Julius' II. zum Kirchenplatz von Montenero »ces élégantes arcades«. Eine schlanke Gestalt erhebt sich mitten darauf und scheint im Licht zu schreiten. Aus diesen Erinnerungen heraus bekommt auch die Erscheinung am Klavier dort etwas Weltumfassendes und erscheint wie die Hüterin eines der gewaltigen Grabmonumente. Wie eine Athene erhebt sich daneben eine zweite Figur. Die langen Falten des Gewandes umfließen sie. Dort wird wieder entschlossen jede Hülle abgestreift und in einer zusammenfassenden Linie die ureigene Bewegung des Körpers erfaßt. Und immer leidenschaftlicher drängen sich die Köpfe, Stellungen und Bewegungen. Sechs- oder siebenmal ist derselbe Ausdruck wiederholt, bis er in dunklen Schatten plastisch und dramatisch gestaltet wird. Das Anschauen dieser Zeichnungen ergreift nach langen Jahren wie eine neue, persönliche Begegnung.

 

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