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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 2
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vorwort

Noch hallen fast die Schritte des Abschieds unter den jetzt so hochgewachsenen Bäumen, dort war die kleine Gartenpforte, die sich zum letzten Male schloß. Sie ist verschwunden. Nur der Blick von der Höhe in Meudon ist unverändert. Wo er am umfangreichsten sich ausbreitet, steht jetzt das Grab von Rodin. Ein einfacher Stein; darauf erhebt sich wie ein Gebirge der »Penseur«. 8 Seine Wucht und Versonnenheit macht uns den Toten gegenwärtig. Auf einem hohen Tor stehen zwei Gestalten der »porte de l'enfer«, und Rodins Geist dringt immer stärker auf uns ein. Wir fühlen seine Nähe. Endlich sind wir zu ihm gekommen. Er hat lange auf uns gewartet. Durch den alten Wächter reicht er mir wie in alten Zeiten eine Rose: »Une fleur de France«. Die große Feierlichkeit seiner tiefsten Stunden umgibt uns. Denn jetzt treten wir ins Haus, in sein Sterbezimmer. Es ist alles noch unberührt. Dort hängt ein Bild vom großen Meer, das er bis zuletzt angeschaut hat, und draußen rauschten die Bäume. Wir spüren sein ernstes Lauschen in den Räumen. Keine Stimme der Natur entging ihm. Schauend und zuhörend, langsam und feierlich ging er der großen Nacht entgegen, die vielleicht ein neuer Morgen für ihn wurde. Heute verbringen wir den Tag nach seinem Sinn. Alles reiht sich aneinander wie die Akkorde einer Symphonie. Noch einmal schauen wir in die große Halle, wo früher der Balzac stand und die Beethoven'schen Töne beim Gewitter erklangen, dann trägt uns das Auto über Versailles nach der Kathedrale von Chartres, die er so liebte. Ein starker Wind weht während der Fahrt, 9 vermag aber Rodins Rose nicht zu entblättern. Wie wir vor der Kathedrale halten, ist die Blüte wie aus Stein gemeißelt, als hätte die Hand des großen Bildhauers sie berührt. Sie begleitet mich in die Dunkelheit dieses architektonischen Wunders. Keine Orgel spielt, aber die hohen Bögen singen, die erst gemäßigt, dann in immer stärkerem Schwung und Gedrängtheit über dem Altar sich erheben. Die tief blauen Fenster sprechen mit so liebevoller Inbrunst aus dem Meer des grauen Steins. Aus dem einen glüht der rote Kelch wie ein Wunder. Dort lächelt die Madonna. Wie ein Traum, ein Märchen leuchten überall Rosen in verzückter Mannigfaltigkeit, leuchten immer mehr Heilige, die um den Lebensbaum stehen und sich erheben. Immer wieder strahlt tiefes Blau wie das Auge Gottes. Leise duftet die Rose in meiner Hand. Das Gebet der Messe erhebt sich in dem stillen Gewölbe, in dem ich wie in der Kapelle von Monte Nero eine brennende Kerze zu Rodins Andenken aufstelle. Das Gebet wird unbewußt zu Gesang. Draußen aber auf den Portalen schauen die großen Engel über die Menschen hinweg in die Ferne, mit wissendem Lächeln. Sanfte Heilige träumen mit ihnen. Aber 10 stolz, von griechischen Gewändern umwallt, steht eine Frau mit fragendem Auge und scheint ihre Schwester vom Naumburger Dom anzublicken. Der große Engel aber hält noch immer die Sonnenuhr wie eine Monstranz. Er ist der Priester dieser gewaltigen Kathedrale. In seinem Lächeln äußert sich ihre Seele. Er ist die Stimme dieser Säulen und Bögen, dieser märchenhaften, blauen Wunder. Die Rose von Rodin liegt noch immer in meiner Hand, und ihr leiser Duft steigt auf zu den Säulen, zu den Türmen. Rodin grüßt durch sie die Seele der Kathedrale, die er so liebte mit inbrünstiger Leidenschaft, denn auch sie ist eine Blume, die schönste Blüte der französischen Seele.

Néréide dans la mer

Sie grüßt uns noch immer, über die Felder hinweg. Allein steht sie, die Häuser um sie haben nichts mehr zu sagen. Nur sie herrscht unter den Himmeln. Sie weiß von den Wolken und Winden, die um sie wehn: »Il y a toujours les grands vents autour des cathedrales«, sagte Rodin.

 

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