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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 17
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wieder Paris und Meudon

»Ich hatte wieder tausend Schwierigkeiten. Glücklicherweise habe ich ein Leben unter den Bäumen, inmitten der Blumen, der Himmel, die mich in einem Augenblick dankbar machen und dem Provisorischen Einhalt tun, das unser Leben ausmacht.« Die Abende in Meudon blieben für Rodin eine Quelle der Kraft. Dort konnte er den großen Augenblick des Sonnenunterganges immer wieder erleben, wenn der feurige Ball sein letztes Licht auf die Seine warf. Für die strengere Konzentration aber liebte er sein 80 einfaches Atelier in der Rue de l'Université. Hier war nicht die weiche Aufgelöstheit der sanften Landschaft. Im Hof lagen strenge Steinblöcke umher, um die spärliches Grün sich rankte. Das Atelier selber war nicht besonders geräumig. Doch in der Mitte stand ein Abguß des Höllentores, der dem Raum die Weite gab. Der Zug der Verdammten sprengte den Rahmen, und ein Seufzen schien in der Luft zu schweben. Davor hatte Rodin ein großes Harmonium stellen lassen, dessen Töne wie Orgelklang brausten, und da war auch die Büste der Dichterin Madame de Noailles, die wie horchend in das All schaute. »Bei der Portraitbüste handelt es sich darum«, sagte Rodin, »die charakteristische Bewegung zu finden. Der minderwertige Künstler faßt selten den Mut, die wichtige Bewegung allein zu betonen. Denn dieser Schritt ins Ungewisse verlangt eine Entschlußkraft, wie sie nur die Wenigen besitzen.« In diesem Zusammenhang sprach er auch über die Wichtigkeit des Aufstellens von Bildwerken. Der »Denker« z. B. müßte niedrig stehen, viel niedriger als ein Kopf mit stolzem und freiem Ausdruck. – Nach den Begegnungen in Italien kamen lange Jahre der Trennung, bis wir endlich den 81 Entschluß faßten, nach Paris zu fahren, um die Ausführung meiner großen Büste zu ermöglichen. Aber auch schon die Stimme seiner Briefe genügte, um die große Welt wachzurufen, die ihn umgab: »liebliche Träumereien erfüllten mich oft, die ich mit meinen Erinnerungen an Reisen vergleiche. Seltene und entzückende Melancholien, denn das ist eigentlich das Ergebnis unseres ganzen Lebens, diese Handvoll Erinnerungen, das übrige ist nicht in der Seele – welke Blätter.«

Detail aus der porte de l'enfer

Manchmal erfassen ihn große Depressionen und Müdigkeiten, aus denen heraus dann oft das neue Werk entsteht: »die Müdigkeit, die ich mit mir schleppe, ist furchtbar. Ich hoffe noch immer, und vielleicht gelingt es mir, geduldig zu sein. Werde ich noch die Freude haben, in großer, geistiger Ruhe diesen göttlichen Meister Perugino zu lieben? Er scheint mir übrigens so unbekannt. Uns hat er im selben Schweigen vereint und uns den Vorgeschmack des Himmels gegeben. Wir haben diese italienische Kunst durch unsere ganze Seele, durch unseren Körper verstanden, denn der Körper ist ebensoviel wie die Seele. Ich habe jetzt eine Plastik vollendet. Ein Mann, der ertrinkt. Sein Leben 82 zieht rasch noch einmal an seinem Geiste vorüber. Man sieht nur seinen Kopf und seine Hände aus dem Meere ragen, das ihn fortzieht. Am Himmel schwebt ein nachdenklicher Kopf, der sich auf die Hand lehnt. Seine Lieblichkeit steht im Gegensatz zum Schmerz . . . Sie sind krank gewesen. Welche schöne Betrachtungen haben sie sicher im Bett in ihrem Zimmer machen können. So spricht Gott zu uns. Er läßt sich durch das Schweigen ankünden, das die Krankheit uns bringt. Er lehrt uns das Leben und unser eigenes Wesen erkennen, er entwickelt unsere Fähigkeiten und reift unsere Seele. In solchen Augenblicken schenkt er uns außer der irdischen Schönheit, die Schönheit der Nachdenklichkeit. Unter seiner Eingebung wird unsere Weichheit eine Kunst. Ich beneide Sie um die Zeit, während derer Sie fähig waren, zu begreifen und zu denken«.

Die Jahre, die wir in Dresden verbringen sollten, begrüßt er freudig: »Ich bin beglückt, Sie in Dresden zu wissen. Stadt und Fluß sind herrlich. Wunderbar das Museum mit den Abgüssen aller Meisterwerke aus allen Zeiten. Ich habe einen Freund am Albertinum, Herrn Treu: grüßen Sie ihn von mir. 83 Erzählen Sie mir von den Musikfesten, dem Stolz aller deutschen Städte. Wie sie sagen, ist die Madonna Sistina voll vom Rhythmus der Skulptur wie ein schönes Basrelief. Sie beherrscht uns. Es ist dieselbe Gottheit, die wir so eingehend bei Perugino betrachtet haben. Ich liebe aber vielmehr die von Perugino, die Eis in glühendes Feuer zu verwandeln vermag.« »Ich kehre von einer kleinen Wanderung zurück, auf der ich wie früher große Werke gesehen habe. In Frankreich gibt es so viel Architektur, und meine Seele hat wie in Florenz das Glück gefühlt. Wie wäre das Leben unvollendet, wenn wir nur eine Glücksform hätten. Aber wir leben ewig durch die reiche Vergangenheit, und andere werden von uns nehmen und werden sich für uns zu ihrer eignen Förderung interessieren. Ich wünsche Ihnen diese Freude in Griechenland, wo noch vieles nicht zerbrochen ist.«

 

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