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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 16
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wieder die Villa Margherita

Die Weissagung der alten Dienerin hatte sich erfüllt. Er war nach Ardenza zurückgekehrt. Wie im Traum schauten wir wieder gemeinsam aufs Meer. Gleich den ersten Abend mußte ich ein Adagio von Beethoven spielen. Wenn nach den großen Fortes die verschleierten Fernen sich öffneten, seufzte Rodin tief auf und schien eine liebe Heimat zu begrüßen. Grade an jenem Tage zogen besonders viele Segelboote langsam vorüber vor der untergehenden Sonne. Sie schienen ihr zu huldigen, und Rodin meinte, ihre fortgleitende Bewegung habe etwas von der schmerzlichen Beharrlichkeit des Lebensgesetzes. Wir vertieften uns wieder in Dichtungen, sprachen auch über Byron, und Rodin erwähnte, daß er sich oft selbst verlacht hätte: »Das ist nicht gut, es erinnert an eine Frau, die sich über ihr schönes Gesicht lustig macht. Und es ist doch ein Geschenk des Himmels.« Dann 70 kamen wir auf Baudelaire: »Er ist an den Tränen gestorben, die er gesät hat.« Wir lasen viel Victor Hugo, mit dem Rodin manche Erinnerungen verbanden und an dem er die majestätische Romantik seiner Sprache liebte. Er erzählte, wie er, mit ungeheuren Schwierigkeiten kämpfend, einige Skizzen nach dem Leben von ihm entworfen hätte. Denn Victor Hugo hatte nie Zeit und war immer von einem großen Gefolge von Bewunderern umgeben. Der damals unbekannte Bildhauer durfte nur ab und zu rasch einige Bleistiftentwürfe notieren, als Grundlage für das spätere Denkmal.

Immer wieder träumte der Meister vor dem Meer von seiner Arbeit. »Ich vermeide die geometrischen Punkte, man wird sie später ganz weglassen, aber jetzt muß ich noch dagegen kämpfen . . . Das Haupt des Menschen ist wie die Erdkugel, und der Hals gibt ihm die Neigung der Erde.« Eines Morgens sahen wir ihn arbeiten. Wie weinend entstieg die Gestalt der Materie. Die Glieder wanden sich in schmerzlicher Agonie. Rodin sagte: »Es scheint, als wollte die Gestalt in die Materie zurückkehren, die sie geboren hat, es betrübt sie noch, zu leben . . . Nie soll man ein Modell stellen wollen. Es 71 lehrt uns, was wir tun sollen. Ein schlechter Künstler machte eines Tages eine gute Zeichnung, weil sein Modell natürlich eingeschlafen war und er einfach die Natur kopierte. Wenn man im Buch der Natur liest, ist es, wie wenn man Musik vor den offenen Noten spielt.« Während er so sprach, war ein männlicher Torso entstanden, der Bewegung und Gegenbewegung rhythmisch verkörperte und sehnsuchtsvoll dem All entgegenschwang. Beim Schreiben schaue ich auf ihn und empfinde immer wieder die Ergriffenheit, die mich erfüllte, als er angesichts des blauen Meeres aus der Dunkelheit emporstieg. Einen anderen Morgen war es eine Frau, die wie eine Meereswoge aus der tönernen Erde geboren wurde, wie Venus aus den Fluten. »Der Mann hat eine rohe Kraft, die Frau eine kultische Macht. Am Ende wird sie immer siegen«, sagte er während der Arbeit. Viele Jahre stand auch diese Gestalt neben anderen auf dem Kamin im weißen Saal der Villa Margherita, bis unwissende Hände sie im Kriege fast zerschlugen. Da fiel mir Rodin's Ausspruch ein: »Wir sind falsch eingestellt. Wie schade, daß man im Zeitalter der Kraft sie nur braucht, um trügerischen Dingen nachzujagen. Die Menge scheint immer recht 72 zu haben, und uns von dem wirklichen Leben abzudrängen.« Nochmals wiederhole ich diese Briefstelle, die wie eine Weissagung auf die Katastrophen klingt, die dann folgen sollten.

An eine Fahrt nach Castiglioncello muß ich noch denken. Der kleine Ort liegt auf einer Landzunge dicht am Meer. Etwas Homerisches hat diese Küste mit den vielen blauen Fernen und Inseln, die wie Burgen, Seeungeheuer oder Frauenkörper in den Fluten liegen und sagenhafte Bilder wachrufen. Unser Wagen warf auf die hellgelben Felsen seine Schatten, und Rodin sah in ihnen etruskische Muster. Immer wieder sprach er dann von der intensiven Arbeit. Die Schönheit um uns schien ihn zu zerreißen und mit neuer Sehnsucht zu erfüllen: »In der Kunst muß man einen gewissen Punkt überwinden. Man muß den Mut haben, auch Häßliches zu schaffen, denn wer diesen Mut nicht besitzt, bleibt auf dieser Seite der Mauer. Es gibt wenige, die hinübersteigen auf die andere Seite.« Auf dem Rückweg ruhte ein roter, feuriger Himmel auf dem violetten Meer. Ziegen, die aus den Bergen kamen und nach den Maremmen getrieben wurden, zogen an uns vorüber. Dazwischen die Böcke mit gewaltigen Hörnern würdevoll 73 schreitend »wie lebende Felsen«. Es war Sonntag, und die Dörfer, durch die wir fuhren, waren heiter bewegt. Die Mädchen, festlich gekleidet, in schönen, bunten Farben, zogen Arm in Arm. Die Männer diskutierten lebhaft, mit ihren Filzhüten im Nacken auf den schwarzen Locken. Jetzt läutete die Glocke der Ave Maria. Es war wie die Stimme der Farbensymphonie, die von den Himmeln drang. Rodin's Schweigen trug in sich die Fülle der Landschaft.

Büste von H. v. N. W.

Schon aber nahte wieder der letzte Tag. Am Morgen modellierte er mich. Eine kleine Büste, die Vorbereitung für das spätere größere Werk. Wenn ich den Kopf, der dort über mir steht, anschaue, steigen die Landschaften von damals auf. Ich höre die Klänge von Beethoven, den Rhythmus der gemeinsam gelesenen Dichtungen, denn weit über die menschliche Erscheinung hinaus greifen diese Bildwerke. Sie wissen uns von dem Kosmos zu erzählen, der jeden Menschen umkreist. Sein Mund, sein Auge ist der Mund, das Auge der Welt. Die Sonnenuntergänge, die Sternenhimmel stehen über ihm, wir hören mit ihm das Brausen des Meeres, den Gesang des Windes. Über die seherischen Züge 74 gleiten Schatten und Sonne in bewegtem Drang und spenden der kalten Masse immer neues Leben. Denn die unendlichen Facetten der Flächen, die nur die Hand des Genies erfühlt, beben bei jeder Berührung des erweckenden Lichts.

Am letzten Abend wollte Rodin den Faust in der Übersetzung von Sabatier hören, den er noch nicht kannte. Es war Sturm. Der »Libeccio« fegte über die rosa Oleanderhaine; man hörte das dumpfe Brausen des Meeres und ahnte das turmhohe Sichaufbäumen der brandenden Wellen. Es brannte Feuer im Kamin. Herbstliche Rosen schmachteten in den Gläsern. Ich begann zu lesen. Immer mehr steigerte sich unsere Bewegung vor dem großen Werk. Rodin's erste, wirkliche Begegnung mit Goethe war elementar. Und als ich das Gebet von Gretchen an die Madonna las, begann er zu schluchzen. Immer noch steigerte sich seine Bewegung, bis ihr Tod zum Schluß die schmerzliche Auflösung brachte.

Tiefbewegt und zerrissen schieden wir nach diesem Erlebnis auseinander. Wieder fuhr er am frühen Morgen, fast mitten in der Nacht, durch den Sturm fort. Es sollte sein letzter Besuch in Ardenza sein. Bald ruft er in einem Brief aus: »Welcher Traum! 76 Diese Vorlesung von Faust hat uns schmerzliche Wunden geschlagen! Mein Abschied war ungeschickt und unklar, ich war zu sehr bedrückt, verzeihen Sie mir. –

Dann kam die Wirklichkeit. Ich mußte durch das Tor der Winde hindurch. Etwas hatte sich der Sturm gelegt. Aber doch regnete es unterwegs, es regnete auch in Florenz, das weniger schön schien. Ich irrte unstät den ganzen Tag und ohne Bewunderung vor den Meisterwerken und fühlte die Schwächen von denen, die ich bewundere. Glücklicherweise rettete mich gegen Abend Perugino, dieser Meister, den wir lieben. Vor einer Mutter Gottes in der Glorie stehen vier Heilige, einer von dem anderen getrennt. Still und voll glühender Versenkung. Sie werden immer dort sein, das auch hat mich bezaubert. Dann, aus den Museen heraustretend, denke ich wieder an Goethe, der Schöneres noch geschaffen hat wie die Mater Dolorosa. Welcher Ruhm, das Martyrium einer Frau, die von der Liebe getötet wird! Es ist das Gegenstück zum Mann, der von seinem Genius gepeinigt ist. Es ist der Schmerz, der zu den Himmeln erhebt. Erinnern Sie sich an die schönen Verse, die sie mir aufgeschrieben haben, 77 und die von Maeterlinck sind? Nun ist Schnee überall, auch in der Schweiz, der Abend naht. Es ist die Stunde des Andantes. Mein Geist sucht Sie auf. Ich höre auch Ihre Mutter, die singt. Alles beruhigt sich . . . Ich trage vom Ufer des Meeres von diesen göttlichen Abenden neue Kräfte und neue Jugend mit mir. Nichts wird verloren sein. Alles wird in meine arme Bildhauerei gehen: diese meine Vertraute, meine Geliebte, die mich immer versteht, wenn ich ihr Zeit lasse.« An dieser Stelle möchte ich noch einen Brief aus Madrid folgen lassen, der viele Jahre später geschrieben und in einer anderen Umgebung doch noch immer durchglüht ist von jenem Erlebnis vor Perugino. Erst über Madrid: »Ich spreche Ihnen nicht über Madrid, das ich noch nicht gesehen habe, nur bemerkte ich ein Reiterdenkmal vor dem prächtigen Palais, das von dem Bildhauer Leoni ist, den ich aber offenbar nicht kannte und von dem mir die Künstler nie gesprochen haben. Nichtigkeit des Ruhmes! Denn die schönen Dinge sind Dinge der Gewohnheit geworden, von denen man weder im Guten noch im Bösen spricht, und der Gnade von Jemandem überlassen der vielleicht sagt: ›wenn man dies 78 fortnähme, gäbe es mehr Luft.‹ Auch unseren schönsten Dingen, unseren Kathedralen und anderen Denkmälern ist es zum Vorwurf gemacht worden, alt und schön zu sein, und so begegnet man täglich herrlichen Werken, die wie in Pompeji mit Asche bedeckt sind. Wenn auch nicht tatsächlich, aber doch im Endergebnis ist es so . . . Alles muß entschwinden, und ich ergebe mich, aber in meinem Alter sehe ich die wunderbare Natur an mir vorüberziehn mit all ihrem Zauber, ihren Jahreszeiten. Ich bin erstaunt, in meinem Spiegel alt zu sein. Denn ich fühle, daß ich liebe und verstehe, wenn ich nicht meine Kräfte aufgebraucht habe. Ich bin so glücklich wie ein Primitiver und ich leihe mir die Seele Perugino's, die uns so bewegt hat; ein Leuchten der Liebe dringt aus allem wie die Strahlen der Sonne und die Jugend der Erde, Perugino's sichtbares Ungestüm durchdringt mich mit Freude. Ich kann nicht unseren schönen Beethoven hören, ohne an Italien zu denken und an die strahlenden Sonnenuntergänge am Abend. Ich höre jetzt weniger Musik, aber ich liebe sie noch so wie damals, nur ohne täglich entzückt zu werden.« Immer wieder verwandelt Rodin das leidensvolle Sehnen und beruhigt das Übermaß 79 seiner titanischen Kraft, indem er sich dem Schöpfer und der Natur anvertraut: »Ich glaube, daß der geheimnisvolle und wunderbare Schöpfer will, daß durch eine himmlische Leiter von Körperlichkeit und Schönheit unser Herz, unser Leben sich entzündet und wie die untergehende Sonne in Ardenza aufflammt, ehe es entschwindet. Gott ist zu groß, um uns selber zu erwecken. Er ist behutsam gegenüber unserer Schwäche. Er schickt seine irdischen Engel. Ihr Herz, ein lebendiges Gefäß, erquickt uns, damit wir dann zu ihm gehen, schon gezeichnet von großer Liebe.« 

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