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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 15
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Certosa

Gegen Abend fuhren wir zum Kloster der Certosa. Auf einem weinbewachsenen Hügel saß eine Frau wie eine Madonna, die ihr Kind im Arm hielt. Wir stiegen weiter hinauf auf einer Treppe, deren Bögen die blauen Hügel in der Ferne von der Erde zu trennen schienen, als schwebten sie im Himmel. Ein weißer Mönch kam uns würdig und ernst entgegen und führte uns durch das helle Licht. Dann 67 traten wir in einen dunklen Gang, an dessen Ende sich eine Tür öffnete; in tiefer Ergriffenheit blieb Rodin stehn, und wir schwiegen beide. Vor uns lag in einer unendlich strahlenden Helle das Kloster in seiner stillen Beredsamkeit. Davor Büsche, die Zweige wie Engelsarme nach dem Himmel streckten, und große Steinvasen mit feurigen Blüten, die wie Flammen glühten. »Ein Symbol des ewigen, göttlichen Gedankens. Und die Menschen sagen, daß der Gedanke unnütz wäre, und doch ist er ihr Leben. Sie leben von den Gedanken einiger großer Menschen,« rief Rodin plötzlich aus seinem tiefen Schweigen heraus. Der majestätische Mönch aber führte uns den Weg weiter, in eine Zelle, die uns wie ein Königreich erschien. In einem kleinen Garten standen in roten Töpfen Orangenbäume um einen Brunnen. Darüber erhob sich eine Terrasse, von der aus das Auge beglückt über die bezaubernde Landschaft schweifte. Da sagte Rodin: »Der kleine Garten ist wie der einsame Gedanke, der die Früchte für die Menschheit gibt und reifen läßt. Diese wunderbare Aussicht unter uns ist das schöne, oft so schmerzliche Leben, das doch so wünschenswerte. Es ist besser für uns, wenn wir es von einer Höhe 68 aus betrachten, ohne unsere Füße in den Dornen zu verwunden. So ist das Leben des Mönches: das Beschauliche, das sich auf der Natur ausruht. Ich wünschte, ich könnte in diesem Frieden bleiben.« Doch der Mönch schwieg noch immer, denn die Brüder der Certosa gehören einem Orden des Schweigens an, und entfernte sich dann still mit ernstem Gruße. Ein Brief Rodins macht diese Eindrücke wieder lebendig: »Diese Karte aus Florenz, die Sie mir schicken, welches Bild des Friedens. Der Garten, diese zarten geschwungenen Bögen, die einem glücklichen Tage gleichen, der Brunnen, dieses Symbol, das kleine Fenster, aus dem die Gestalten sich hinausbeugen und überrascht die Schönheit der Ferne erschauen und dann nachdenklich verweilen. Ich glaube nicht, daß allein nur die Mönche in Betrachtung versanken, wir taten es auch, trotz unserer Kleidung. In jenem Augenblick hätte mich ein Wunder nicht erstaunt. Und war es nicht eines, so unbeschwert zu denken? Warum bedeutete dieser Tag mehr als Stunden und mehr als ein Tag? –

»Als dann das große Hinscheiden der Sonne sich ankündigte und die Hügel sich lila zu färben begannen, standen wir auf dem Piazzale Michel Angelo. Und 69 plötzlich tönten aus der jetzt fernen, stillen Stadt die Stimmen der Glocken hinauf. Es war als spräche die Seele von Florenz zu uns. Wie eine versteinerte Blume schwebte die Domkuppel in der Glut des Himmels.

 

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