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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 14
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Florenz

Nach einem Jahr der Trennung trafen wir uns wieder an einem leuchtenden Tage in Florenz. Jetzt begann, wie Rodin sagte, »das Fest, zu dem die Genien, die über dieser Stadt schweben, uns eingeladen haben. Florenz ist nicht berührt worden, wir leben in seiner schönsten Zeit. Das Volk der Gegenwart stört nicht, es ist nie eilig und dennoch lebendig«. Die Straßen waren voller Früchte und Blumen. Auf der Mauer über dem Arno standen große duftende Rosenkörbe, überall wuchsen Blüten und verdeckten den grauen oder gelben Stein.

Ton-Skizze. In Ardenza modelliert

Im Bargello sahen wir erst von Michel Angelo die Gestalt des »Sieges« (vom Grabmal Julius II.). »Sie könnte auch einen Dichter darstellen, den König des Gedankens«, meinte Rodin. Er sprach dann darüber, daß er keine Löcher in dem Denkmal liebe und eine Drapierung selber manchmal benutze. »Denn ein Monument muß einen Berg hinunter rollen können und doch eine Einheit, ein organischer Block bleiben.« Der Adonis von Michel Angelo erschien ihm an dem Tage wie ein Märtyrer. – In der »Badia« steht unter einer mit Früchten und 65 Blumen beladenen Decke das Bild eines Mönches, dem betend die Madonna erscheint. Es ist von Filippino Lippi. Mitten aus dem alltäglichen Leben erwächst dies Wunder; im Hintergrunde zeigte mir Rodin die anderen Mönche, die unbekümmert ihren Beschäftigungen und Arbeiten nachgehn. Die wirkliche Größe wird immer aus dem organischen, nahen Leben heraus sich offenbaren, im Zusammenhang mit der Natur.

Und nun, gleich in den ersten Tagen, kamen wir zu dem Meister, der Rodin nach Michel Angelo am tiefsten ergreifen sollte: Perugino. Das große Wandgemälde der Kreuzigung vereinigte uns viele Stunden in andachtsvollem Schweigen. Nachher eröffnete mir Rodin seine Vision dieses Werkes: »Die Kreuzigung ereignet sich in einer milden, lieblichen Landschaft, der Landschaft von Toscana. Leichte Nebel geben ihr einen verschleierten, aber kaum traurigen Ausdruck. Denn die Gestalten, die den dramatischen Vorgang umgeben, sind jede in ihre Welt versenkt und drücken nicht einen starken Schmerz aus. Es scheint, als schauten sie über die Wolken des Leidens in ein Jenseits, wo die Flamme der göttlichen Liebe erglänzt. Sie gleichen einem Tempel, 66 in dem schweigend sich ein reiner, göttlicher Ritus vollzieht. Der Christus, vom Schein seines Opfertodes umstrahlt, ist der, von dem und zu dem alle diese Gedanken und Gefühle sich wenden. Aber langsam, im Frieden und in der dichterischen Schönheit dieser klaren und süßen Landschaft. Alle diese Beteiligten hören nicht auf zu denken, und ihre Gedanken gehören allen Zeiten.« So begleiteten uns diese sanften Gestalten in die sonnige Landschaft, und unser Geist blieb erfüllt von der lichten Ausstrahlung. In Erinnerung dessen schrieb Rodin mir später: »In einem Meisterwerk Peruginos und dieser kleinen Blume ist dieselbe Bewegung, denn beide führen uns in den sanften Frieden ein.«

 

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