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Helene Nostitz: Rodin - Kapitel 11
Quellenangabe
typeessay
booktitleRodin
authorHelene Nostitz
year1927
firstpub1927
publisherWolfgang Jess
addressDresden
titleRodin
pages106
created20151127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Madonna vom Monte Nero

Die Gestalt der Madonna beschäftigte ihn immer wieder, und so begrüßte er mit Freuden eines Tages die Fahrt zur Kapelle der wundertätigen Mutter Gottes vom Monte Nero. Nur bis zum Fuß des Berges zog einen der Wagen, von da ab mußte der Pilger die steile Höhe zum Heiligtum erklimmen.

Auf einem weiten Platz, der von Säulengängen umgeben ist, tummelt sich die bunte Menge; Bilder der Madonna, geweihte Münzen und Kerzen werden dort verkauft. Der Blick schweift über das Meer und die leuchtenden Carraraberge. In der Ebene schimmern Pisas gelbe Türme. Doch nun dringen wir in den Frieden der dunklen Kapelle ein, wo die ewigen Lampen sich leise wiegen – »wie Seelen im Weltall«, meinte Rodin. Hier werden Tränen getrocknet und Krankheiten geheilt, und der Pilger versinkt in andächtiges Gebet. Rodin stand im Schatten, in tiefe Betrachtung versunken. Später heißt es in einem seiner Briefe: »Der Monte Nero ist für mich etwas Erhabenes, ich liebe die kleine Kirche, wo das Gebet sich so hoch aufschwingt. Sogleich 55 das erstemal, als ich dort eintrat, fühlte ich mich glücklich bewegt« . . . »Ich bin ein schlechter Kapitän meines Lebens, und wenn ich nicht untergehe, wem verdanke ich es? Ich sehe das kleine Bild an, welches vor mir steht und das wir zusammen dort kauften. Es stellt ein untergehendes Schiff dar, das von der Madonna gerettet wird.« Und in noch einem anderen Brief: »Wenn ich durch mein Atelier wandere, finde ich Werke, die mich an so vieles erinnern. Die Dinge des Augenblicks haben sich oft unnötiger Weise davor aufgehäuft. Wiedergefunden bewegen sie mich wieder nach einer langen Zeit, und ich fühle die Süßigkeit der entschwundenen Gedanken. Mein Leben erneuert sich in diesem Vergangenen. Ich fühle einen Duft in meinem Leben. Dort ist der Platz mit den eleganten Arkaden – dieser helle Platz. Hier die Kapelle der Madonna vom Monte Nero, wo meine Seele durch die Gedanken eindringt. Hier diese Trägerinnen der Schönheit, die Karyatiden mit ihren Gefäßen auf dem hoch erhobenen Haupt, (dies in Erinnerung an die italienischen Bäuerinnen mit dem königlichen Gang, die wir dort auf dem Wege trafen). Diese Karten, die Sie mir geschickt haben, sind so schön 56 für mich, und das hübsche Schiff.« Und er bittet, der Madonna eine Kerze für ihn zu weihen.

Klassische Bewegungsstudie

Als wir den Weg wieder hinunter schritten, saß eine alte blinde Frau vor ihrem Haus, in bunte, mattrote Tücher eingewickelt, die Rodin an den Ton der Fresken erinnerten. Die Pilger ziehen an ihr vorüber und werden Heilung finden, sie aber bleibt in ihrer Dunkelheit befangen und in ihrem Traum versunken. Rodin war von ihrem Anblick so ergriffen, daß er mich bat über sie zu schreiben, und ich tue es hier zu seinem Andenken.

 

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